Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der kleine Stern und der müde Mond

von Nesaja
KurzgeschichteFamilie / P6 / Gen
23.06.2020
23.06.2020
1
931
6
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
23.06.2020 931
 
Der kleine Stern weinte und weinte und weinte, doch auf der Erde konnte man das nicht sehen. Dort sah man nur feines, leuchtendes Gold vom Himmel tropfen.
„Sieh mal, ein Sternenregen!“ sagten die Eltern zu ihrem Kind. „Himmelsfeuer“ nannten die Wissenschaftler dieses Ereignis und wunderten sich darüber, warum es in den letzten Monaten immer häufiger auftrat.
Niemand dachte auch nur im Traum daran, dass dort oben vielleicht ein kleiner trauriger Stern sein könnte, denn die Menschen behaupten, Sterne kennen keine Gefühle. Aber was wissen die schon?
Der kleine Stern weinte immer öfter und wollte nicht sagen, warum. Er war inzwischen schon ganz stumpf geworden. Beinahe hätte er sich buchstäblich in Tränen aufgelöst und wäre als kleine Goldpfütze auf einer Wolke davon getrieben. Manchmal schluchzte er besonders laut, wenn jemand aus seiner Familie den Mond erwähnte, Leider fiel das niemandem auf.

Die zwei halbwüchsigen Brüder des kleinen Sterns hielten es nicht mehr aus. Sie machten sich große Sorgen. Deshalb beschlossen sie, zu Petrus zu gehen und es ihm zu erzählen.
Petrus war vor langer Zeit in den Himmel gekommen, um Gott zu dienen. Seither hatte es immer viel zu tun gegeben. Er war die Anlaufstelle für alle, die Sorgen hatten oder jemanden kannten, dem es nicht gut ging und dem sie gerne helfen wollten.
Sie mussten nicht lange warten. „Danke, dass du Zeit für uns hast, Petrus“, begann der ältere der beiden das Gespräch. „.Ach“, seufzte der Jüngere, es ist so schrecklich! „Wie kann ich euch helfen?“, fragte Petrus mit beruhigender Stimme. „Unser kleiner Bruder, der weint!“, platzte der Jüngere heraus. „Nun, das kommt schon einmal vor. Aber das alleine ist es doch sicher nicht?“, fragte er   „Nein, nein“, beeilte sich der größere Stern, zu sagen „sonst hätten wir dich niemals gestört. Aber er hört nicht mehr auf, egal, was wir versuchen, und er sieht richtig krank aus.“

Petrus seufzte. Jetzt also auch noch ein kleiner Stern. Dabei sorgte er sich bereits um den Mond. Dieser sah nach seiner 4-wöchigen Runde am Nachthimmel schrecklich müde aus und wurde von Monat zu Monat immer dünner. Selbst bei Vollmond wurde er nicht mehr ganz rund. Hoffentlich hatte das auf der Erde noch keiner bemerkt. Das wäre eine Katastrophe.
„So, so, dann komme ich vielleicht besser gleich mit euch. Ich wollte sowieso noch zum Mond, das ist die gleiche Richtung.“
Und so machten sie es. Die zwei Sterne flitzten so schnell voraus, dass Petrus ihnen kaum folgen konnte. Er lächelte. Wie schön war es doch, so jung zu sein.
Bald schon waren sie am Ziel. Der kleine Stern sah wirklich nicht gut aus. „Warum bist du denn immer so traurig?“ fragte Petrus den kleinen Stern. „Alle anderen lachen und funkeln am Himmel. Willst du es mir nicht sagen? Vielleicht kann ich dir ja helfen.“

Der kleine Stern zögerte. Sollte er es Petrus wirklich sagen? Würde der ihn nicht auslachen, oder schlimmer noch, schelten? Er hatte großen Respekt vor Petrus. Aber wenn er extra seinetwegen gekommen war, dann musste er antworten. Der kleine Stern gab sich einen Ruck.
„D.. d.. der Mo.. Mo.. Mond kommt immer u.. u.. und d.. d.. dann kann mich keiner mehr sehen, weil er so hell ist, und wo.. wo.. wofür bin ich dann überhaupt hier am Himmel?“, schluchzte der kleine Stern.
„Oh je“, seufzte Petrus und runzelte die Stirn. „Das ist natürlich eine wichtige Frage. Ich werde mich auch einmal mit dem Mond unterhalten müssen. Sei nicht so traurig, wir werden schon eine Lösung finden“, versprach Petrus. „Ich wollte sowieso den Mond besuchen.“ Der kleine Stern sah mit großen Augen zu ihm auf, und sein Schluchzen wurde immer leiser. Petrus lachte nicht, er wollte ihm wirklich helfen! „Danke“, schniefte der kleine Stern leise.  „Dafür bin ich ja da“, antwortete Petrus, verabschiedete sich und eilte. zum Mond.

Dort angekommen stellte er fest, dass dieser, nun ja, irgendwie etwas verbraucht aussah. Beunruhigt fragte er den Mond, was für ein Problem er denn habe.
„Ganz einfach“, antwortete der Mond. „Ich bin müde. Ich werde immer älter und muss tagaus, tagein meine Runde am Himmel ziehen ohne auszuruhen. Als ich noch jung war, war das kein Problem. Aber jetzt fällt es mir immer schwerer.“
„Nun“, meinte Petrus, „das ist wohl etwas, das ich mit dem lieben Gott besprechen muss. Ich komme bald wieder zurück und teile dir mit, was er entschieden hat.“ Schon eilte Petrus davon.

Es war ein langer Weg zu Gott. Man wusste nie so genau, wo er sich aufhielt oder wie er gerade aussah. Aber er hatte seine Lieblingsecke. Dort sah Petrus zuerst nach. Und richtig, als er den Engel sah, der immer irgendwie finster dreinblickte, um unnötige Besucher abzuschrecken (es war ja nicht so, dass Gott einen Wächter gebraucht hätte, oder?), wusste Petrus, dass er ihn gefunden hatte.
Erleichtert schritt er unter einem kleinen, wunderschönen Regenbogen hindurch.

Wenige Stunden später rief Petrus den Mond und den kleinen Stern zu sich.
„Freut euch beide!“, rief er, als er zurück war. „Dir, lieber Mond, für deine langen treuen Dienste gewährt der Herr drei Tage Ruhepause, in denen du irgendwo auf eine weiche Wolke liegen und schlafen darfst. Und für dich, kleiner Stern, bedeutet das, dass du in diesen drei Tagen leuchten und funkeln darfst, so stark du nur kannst. Und streng dich auch an!“, fügte er mit ernster Miene, aber einem Lächeln in den Augenwinkeln hinzu.

Seither ist der Mond bei Vollmond wieder richtig rund und vor dem Mondwechsel drei Nächte lang nicht zu sehen. Dafür gibt es hoch oben am dunklen Nachthimmel einen kleinen Stern, der in dieser Zeit leuchtet und glitzert und funkelt wie kein anderer.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast