Verbündete wider Willen

von Viperzahn
GeschichteAbenteuer, Humor / P16
Aurora Jane Billy-Ray Sanguin Dexter Vex Saracen Rue Tanith Low
22.06.2020
30.06.2020
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30.06.2020 3.260
 
Der erste Satz dieses OSs ist der Schlusssatz des Kapitels „Nur keinen Ärger bekommen“ aus „Skulduggery Pleasant: Die Rückkehr der Toten Männer“ von Derek Landy, übersetzt von Ursula Höfker.

Das zitierte Gedicht ist Teil des Sonetts 130 von William Shakespeare, übersetzt und leicht abgewandelt (du-Form statt sie-Form) von mir.

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„Alles in Ordnung, Dexter?“, fragte Tanith Low.

Dexter starrte sie fassungslos an. Damit hatte er beim besten Willen nicht gerechnet. Ausgerechnet Tanith, gegen die er noch vor ein paar Wochen auf der Jagd nach den Göttermördern gekämpft hatte, die seinetwegen im englischen Sanktuarium inhaftiert worden war, hatte ihn gerade vor einer Isolationshaft unbekannter Dauer bewahrt.

„Na, das nenne ich mal eine Überraschung“, sagte er.

Tanith grinste. „Für Überraschungen bin ich immer gut.“

Sie drehte Swain, den US-amerikanischen Zauberer, der immer noch am Boden lag, mit dem Fuß auf den Rücken. Er stöhnte. Bald würde er wieder zu Bewusstsein kommen. Die beiden Sensenträger dagegen stellten keine Gefahr mehr dar. Dafür waren sie zu tot.

„Wenn ich du wäre, würde ich mich nützlich machen“, sagte Tanith.

Er half ihr, Swain in die Zelle zu tragen, in der er zuvor gesessen hatte. Tanith durchfilzte Swain und nahm ihm sein Handy und einen Schlüsselbund ab, dann verließen sie die Zelle und sperrten die Tür zu. Zurück im Freien ließ Dexter die Sonne auf sein Gesicht scheinen.

„Schöne Rettungsaktion“, lobte er.

Sie grinste. „Danke.“

Er streckte ihr seine Hände entgegen, damit sie ihm die Handschellen abnehmen konnte. Tanith jedoch warf den Schlüsselbund durch einen Gullideckel in die Kanalisation.

Dexter runzelte die Stirn. „Doch keine Rettungsaktion?“

Tanith öffnete die Tür zum Laderaum des Lieferwagens, in dem Swain ihn zu einem Hochsicherheitsgefängnis hatte transportieren wollen. „Rein da“, befahl sie.

Er zögerte. „Was hast du vor?“

„Dich retten, Idiot. Jetzt steig ein. Oder willst du lieber hierbleiben?“

Bevor er etwas erwidern konnte, stieg der Fahrer des Lieferwagens aus. Er trug keine Sensenträgeruniform, sondern Anzug und Sonnenbrille. Sanguine. Natürlich. Das letzte Mal, als sie sich begegnet waren, hatte Sanguine eine Rakete auf ihn abgefeuert. Beste Voraussetzungen, um sich jetzt von ihm retten zu lassen.

Er warf Dexter einen abschätzigen Blick zu. „Sahst auch schon mal besser aus, Vex.“

„Immerhin sehe ich noch besser aus als du.“

Sanguine zog die Augenbrauen zusammen und wandte sich an Tanith. „Darf ich ihn umbringen?“

„Nein.“

„Ihm zumindest einen Finger abschneiden?“

„Nein.“

„Nur ein Scheibchen.“

„Wir übergeben ihn unversehrt, Billy-Ray.“

„Übergeben?“, fragte Dexter. „An wen?“ Es erschien ihm eine immer schlechtere Idee zu sein, zu einem Auftragskiller und einem Restanten ins Auto zu steigen.

„Weißt du“, sagte Tanith, „ich habe mir überlegt, auf wessen Seite ich in diesem Krieg stehen will. Die Göttermörder sind vernichtet, Darquesse ist noch nicht da, und irgendwie muss ich mir ja die Zeit bis zu ihrer Ankunft vertreiben. Warum also nicht unter Freunden?“

„Du hast Freunde?“, fragte Dexter überrascht. „Nichts für ungut“, fügte er schnell hinzu.

„Freunde, die möglicherweise bezweifeln, dass ich auf ihrer Seite stehe. Aber wenn ich Skulduggery und Valkyrie einen verlorenen Toten Mann zurückbringe, überdenken sie ihre Meinung von mir bestimmt. Man ist schließlich nicht unhöflich zu jemandem, der einem einen hilflosen Hundewelpen zurückbringt, der sich verlaufen hat.“

„Einen hilflosen Hundewelpen?“

Sanguine grinste höhnisch. „Wenn sie uns ins Land lassen, kriegen sie dich zurück. Wenn nicht, dann …“ Er zog sich den Finger über die Kehle. „Diesmal richtig“, versprach er.

Dexter hob eine Augenbraue. „Oh ja, sie zu erpressen überzeugt sie bestimmt davon, dass man euch vertrauen kann.“

„‚Erpressen‘ ist so ein hartes Wort“, meinte Tanith fröhlich. „Wir brauchen nur einen guten Grund, damit sie sich überhaupt mit uns treffen. Dann werden sie schon einsehen, dass sie unsere Hilfe gebrauchen können. Du bist also eher ein … Willkommensgeschenk.“

Er beschloss, besser nicht weiter zu widersprechen. Wenn sie ihn nach Irland bringen wollten, sollte ihm das recht sein. „Schön. Wenn wir jetzt auf derselben Seite sind, könnt ihr mir ja die Handschellen abnehmen.“

Sanguine musterte ihn. „Damit du uns dann k.o. schlagen und uns als dein Willkommensgeschenk übergeben kannst? Nein.“

„Ich muss niemanden beschenken, damit sie mich reinlassen. Ich bin beliebt.“

„Und du wärst noch beliebter, wenn du uns in Ketten mitbringen würdest, anstatt unser Erpressungsmittel zu spielen.“

„Also ist es doch Erpressung.“

„Genug der Worte“, sagte Tanith. Sie deutete auf den Lieferwagen. „Jetzt steig ein.“

Er tat, wie ihm geheißen. Sie schlug die Tür hinter ihm zu und es wurde stockdunkel.

***

Das Flugzeug, das Tanith gestohlen hatte, war ein Privatjet der Extraklasse. Dexter pfiff anerkennend durch die Zähne, als er durch den Eingang trat. Es gab etwa zwanzig Sessel, alle breit und bequem und mit dunkelgrauem Leder überzogen. Dazwischen waren kleine Tische montiert, die Lampen an der Decke sahen edel aus und alles war blitzblank geputzt. An einem Ende stand ein Sofa mit einem Kissenparadies und an der gegenüberliegenden Wand hing ein riesiger Flachbildfernseher. Der Jet musste mindestens doppelt so viel wert sein wie der, den die Monsterjäger geklaut hatten. Natürlich stahl Tanith nur das Beste vom Besten.

Tanith verschwand im Cockpit und der Boden brummte zu Dexters Füßen, als sie die Maschine startete. Er ließ sich auf einen der weichen Sessel sinken. Mit einem Glas Champagner und einem Paar Handschellen weniger könnte er diesen Flug durchaus genießen. Stattdessen jedoch förderte Sanguine ein zweites Paar Handschellen zutage, befestigte das eine Ende an Dexters Handgelenk und kette ihn dann am Tischbein fest.

„Bisschen paranoid, was?“, fragte Dexter. Nun ja, immerhin hatte er es einmal geschafft, Sanguine völlig ohne Magie den Arm zu brechen, und das, obwohl er gerade am Verbluten war. An seiner Stelle wäre er auch nicht so dumm, irgendein Risiko einzugehen.

Sanguine ließ ihn wortlos sitzen, ging den Gang entlang Richtung Cockpit und wählte sich einen Sessel, der möglichst weit von Dexters entfernt war. Das Flugzeug erreichte die Startbahn und nahm Geschwindigkeit auf. Dexter wurde in seinen Sessel gepresst. Hoffentlich wusste Tanith, wie man ein Flugzeug flog, und probierte das gerade nicht zum ersten Mal aus. Die Motoren brummten und dröhnten und schließlich hob das Flugzeug vom Boden ab. Den Start hatte sie also immerhin schon geschafft.

„Hey, Billy-Ray“, rief Dexter, während sie an Höhe gewannen. „Kannst du vielleicht die Handschellen ein bisschen lockerer machen? Die schneiden mir in die Haut.“

Sanguine drehte sich nicht einmal zu ihm um. „Halt die Klappe, Dexter.“

„Ich dachte, ich soll euer Willkommensgeschenk sein“, fuhr Dexter unbeirrt fort. „Solltet ihr mich dann nicht gut behandeln? Ich könnte euch sonst bei Skulduggery verpfeifen.“

Sanguine ignorierte ihn.

„Mein Nacken ist auch ein wenig verspannt. Wenn du mich vielleicht massieren würdest …“

Sanguine ignorierte ihn immer noch. Mittlerweile waren die Häuser auf Spielzeuggröße zusammengeschrumpft.

„Es gibt hier nicht zufällig Champagner? Dazu würde ich nicht nein sagen. Nur ein Gläschen. Oder zwei. Eine Flasche würd’s auch tun.“

Stille.

„Komm schon, Mann. Ich habe wirklich Durst. Weißt du, wie lange es her ist, dass ich was zu trinken gekriegt hab?“

Keinerlei Regung.

„Wie du willst. Dann muss ich mich eben von meinem Durst ablenken, bis du mir was bringst. Was hältst du von Liebesgedichten? Es gibt da ein schönes von Shakespeare. Fühl dich angesprochen, wenn du willst:
Ich sah damastene Rosen, weiße und rote
Doch auf deinen Wangen kann ich keine sehen
Und Parfüm hat eine angenehm‘re Note
Als Atemzüge, die aus deinem Munde weh–“

Sanguine erhob sich so plötzlich von seinem Sessel, dass Dexter unwillkürlich zusammenzuckte. Er stapfte durch den Gang und baute sich bedrohlich vor Dexter auf. „Wenn du nicht auf der Stelle den Mund hältst …“

„Dann was?“

„Dann kneble ich dich.“

Dexter sah sich demonstrativ im Flugzeug um. „Womit? Mit deiner Unterhose?“

„Hab’s mir anders überlegt.“ Sanguine krempelte den rechten Ärmel seines Hemds hoch. „Dich bewusstlos zu schlagen erfüllt den Zweck genauso gut.“

„Denkst du wirklich, Skulduggery lässt euch ins Land, wenn ihr mich ihm bewusstlos und mit Blutergüssen im Gesicht zu Füßen werft? Dann bin ich wohl kaum noch als Geschenk erkennbar.“

Sanguine zog sein Rasiermesser aus der Hosentasche und klappte es auf. „Ich kann dir ja eine rote Schleife auf dein hübsches Gesicht malen, damit es eindeutig ist.“

Die Klinge war nur Millimeter von Dexters Gesicht entfernt. Er hoffte inständig, dass jetzt keine Windböe das Flugzeug schüttelte, sonst hätte er einen tiefen Schnitt in der Wange. Und eine Narbe, die niemals verheilte, passend zu der an seinem Hals.

„Was ist?“ Sanguine grinste höhnisch. „Hat’s dir die Sprache verschlagen?“

„Billy-Ray!“, ertönte Taniths Stimme hinter Sanguines Rücken. „Was genau hast du an ‚wir übergeben ihn unversehrt‘ nicht verstanden?“

Sanguine ließ sein Rasiermesser sinken und drehte sich zu ihr um. „Er hat nicht aufgehört zu reden!“

„Und? Du wirst ihm trotzdem kein Haar krümmen.“

„Er hat mich beleidigt.“

Dexter schüttelte den Kopf. „Ich habe Shakespeare zitiert.“

„Er hat beleidigend Shakespeare zitiert.“

„Wenn ich dich beleidigen wollte, Billy-Ray, könnte ich das problemlos mit meinen eigenen Worten. Ich könnte dich zum Beispiel einen hirnverbrannten Lackaffen nennen oder einen rückgratlosen Speichellecker oder ein jämmerliches Backpfeifengesicht oder einen –“

„Dexter“, unterbrach Tanith, auch wenn sie amüsiert aussah. „Sei ein braver Junge.“

Er grinste. „Ja, Ma’am.“

Sie warf Sanguine einen strengen Blick zu, bis dieser mit zerknirschter Miene sein Messer wieder einsteckte. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und lief zurück zum Cockpit.

„Ich habe Durst“, rief Dexter ihr hinterher.

„Billy-Ray“, rief Tanith zurück, ohne sich umzudrehen. „Bring ihm was zu trinken.“ Damit war sie verschwunden.

Sanguine warf Dexter einen bösen Blick zu und grummelte etwas Unverständliches, aber verschwand dann im hinteren Teil des Flugzeugs. Kurz darauf kam er zurück und drückte Dexter eine offene Flasche Cola in die Hand, nicht ohne einen Teil davon über Dexters Hose zu verschütten.

„Geht doch“, sagte Dexter. Weil er seine Hände nicht heben konnte, musste er halb von seinem Sessel rutschen, um trinken zu können, und Sanguine lachte ihn aus, bevor er zurück zu seinem Platz ging. „He, warte! Was ist mit meiner Massage?“

Sanguine ignorierte ihn und ließ sich wieder auf seinem Sessel nieder, den Rücken zu Dexter gekehrt.

Dexter grinste. Eigentlich war das doch eine ziemlich geniale Situation. Zwar war vermeintlich er der Gefangene, aber in Wahrheit waren es doch Tanith und Sanguine, deren Handlungsspielraum eingeschränkt war. Und auch wenn Sanguine das nicht wahrhaben wollte, tat er offenbar, was Tanith ihm sagte. Dexter konnte also in Ruhe seinen Spaß mit dem Mistkerl haben. Und Ghastly später jedes Detail davon berichten.

„Hey, Maulwurf! Mir ist langweilig. Bring mir mal ‘ne Zeitschrift. Oder ein Magazin. Ein Buch ginge auch, aber nichts Kitschiges. Die haben hier doch bestimmt was vorrätig, du musst es nur suchen. Solange kann ich warten.“

Sanguine stand wortlos auf und verschwand im Cockpit. Vermutlich nicht, um ihm ein Buch zu holen. So viel zu Dexters Plan, Spaß zu haben. Er schaute aus dem Fenster und beobachtete die Wolken beim Vorbeifliegen. Vielleicht könnte er ein wenig schlafen …

Nach ein paar Minuten ging die Tür zum Cockpit wieder auf.

„– sollst ihn doch bewachen“, hörte er Tanith sagen.

„Er ist festgekettet!“, antwortete Sanguine.

„Unterschätze niemals einen Toten Mann.“

„Willst du ihn nicht bewachen?“

„Der Autopilot würde mich vermissen, Schatz.“

Widerwillig trat Sanguine durch die Tür. Er würdigte Dexter keines Blickes und ließ sich wieder auf seinen Sessel fallen.

„Hattest du Sehnsucht nach mir?“, fragte Dexter.

Sanguine drehte sich in seinem Sessel und blickte Dexter böse an. „Du sollst die Klappe halten, Dexter.“

„Echt? Hattest du das schon erwähnt?“

Sanguine machte sich auf den Weg zum Fernseher, vermutlich, um irgendeinen Film auf voller Lautstärke laufen zu lassen und Dexters Gefasel zu übertönen.

„Au ja, lass uns einen Film schauen!“, rief Dexter begeistert. „Was schauen wir? Ich habe so Lust auf einen Film! Das ist wirklich lieb von dir.“

Sanguine hielt inne. „Nein, wir werden keinen verdammten Film schauen. Und du wirst jetzt dein verdammtes Maul halten!“

„Immer schön höflich bleiben, Billy-Ray. Du willst doch nicht, dass ich dich verhafte, sobald wir in Irland sind, oder? Oder dass Ghastly das tut. Ich bin sicher, dass er sich mit außerordentlicher Genugtuung an deiner Festnahme beteiligen würde. Was meinst du – wenn du mal aus dem Spiel bist, wird Tanith dann wieder mit ihm –“

„Wenn du noch ein Wort sagst“, knurrte Sanguine, „werde ich dir mit außerordentlicher Genugtuung die Zunge rauszuschneiden, sobald das hier vorbei ist. Also halt den Mund!“

Dexter grinste. „Aber sicher doch. Du wirst kein Wort mehr von mir hören.“ Er schwieg, bis Sanguine es sich wieder in seinem Sessel bequem gemacht hatte, und begann dann zu pfeifen. Rudolph, the red-nosed reindeer. Mit allen Strophen. Als das Lied zu Ende war, begann er wieder von vorne. Beim dritten Durchlauf sprang Sanguine auf und stapfte wieder ins Cockpit.

Kurz darauf erschien Tanith und ließ sich auf dem Sessel gegenüber von Dexter nieder. „Dexter, benimm dich.“

Er verstummte und schenkte ihr sein aufreizendstes Lächeln. „Immer doch. Oh, du meinst das Pfeifen? Ist Pfeifen hier verboten? Das hat mir keiner gesagt. Hätte ich wissen sollen, dass dein Schoßhündchen keine Weihnachtslieder mag?“

Tanith grinste. „Du hattest schon immer eine große Klappe, Dexter. Das mag ich an dir.“

„Nur das? Was ist mit meinem Bizeps?“

„Der ist auch ganz passabel.“

„Lass das bloß nicht deinen Billy hören. An wessen Rockschöße soll er sich denn hängen, wenn du dich für andere interessierst?“

„Das lass mal meine Sorge sein.“ Tanith erhob sich. „Und jetzt benimm dich, klar?“

„Klar. Ähm … meine Cola ist leer. Holst du mir noch eine?“

„Ich bin keine Stewardess.“

„Wenn du mich losmachst, hole ich sie mir selbst.“

„Netter Versuch.“ Sie stolzierte zurück zum Cockpit. „Billy-Ray! Unser Gast möchte noch was trinken.“

Sanguine kam zurück, lehnte sich seitlich an den Sessel, auf dem Tanith gerade noch gesessen hatte, und verschränkte die Arme. Dann betrachtete er Dexter für eine lange Zeit.

„Worauf wartest du?“, fragte Dexter. „Ich habe meine Bestellung schon aufgegeben. Noch eine Cola, bitte. Champagner geht alternativ auch. Oh, und ein Sandwich, wenn wir schon dabei sind. Mit extra viel Käse. Mein Magen knurrt.“

Sanguines Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. „Pass auf, Dexter, wir spielen jetzt ein Spiel.“

„Wetttrinken? Da gewinne ich.“

„Wenn du die Klappe hältst, bringe ich dir in einer Stunde was. Oder in zwei. Vielleicht auch erst in drei, je nachdem, wie meine Laune ist.“

„Das scheint mir kein Vorteil gegenüber ‚du bringst mir jetzt was‘ zu sein.“

„Wenn du nicht die Klappe hältst, kriegst du auf dem ganzen restlichen Flug überhaupt nichts.“

„Das scheint mir auch nicht vorteilhaft zu sein. Waren das schon alle Auswahlmöglichkeiten?“

„Das Spiel beginnt jetzt.“

„Oh. Ein bisschen mehr Zeit zum Überlegen hättest du mir schon lassen können. Außerdem bin ich noch nicht so weit. Ich muss mal.“

Sanguines Grinsen wurde fies. „Denkst du, das kümmert mich?“

Dexter überlegte einen Moment. „Ja, ich denke schon. Also mach mich los.“

„Hmm … nein.“

Dexter verdrehte die Augen. „Sei nicht albern, Mann. Es gibt keinen Grund, diese makellosen Ledersessel zu ruinieren. Weglaufen kann ich sowieso nicht. Du kannst mich ja zur Toilette begleiten und sichergehen, dass ich auf dem Weg nicht zufällig eine Waffe finde.“

„Ich bin nicht dein Babysitter.“

„Nicht? Ich dachte, das wäre dein Job auf diesem Flug.“ Kaum hatte Dexter die Worte ausgesprochen, verfluchte er sich dafür. Das war wirklich nicht der passende Zeitpunkt, Sanguine noch weiter auf die Palme zu bringen.

Sanguine hob eine Augenbraue. „Jetzt, Dexter“, sagte er, „wirst du herausfinden, wo dich deine dummen Sprüche hinbringen.“ Er wandte sich zum Gehen.

Dexter überlegte fieberhaft. Er war zu weit gegangen, so viel war klar. Und zurück war keine Option. Jetzt konnte er nur noch mehr zu weit gehen. „Na gut. Dann frage ich eben Tanith. Ist es dir lieber, wenn deine Freundin mich auf die Toilette begleitet?“

Sanguine blieb wie angewurzelt stehen.

„Sie hätte bestimmt nichts dagegen“, fuhr Dexter fort. „Sie hat gerade eben schon mit mir geflirtet. Das könnten wir dann fortsetzen, auf die eine oder andere Art.“

Sanguine drehte sich langsam zu ihm um und musterte ihn abschätzig. „Sie hat nicht mit dir geflirtet.“

„Nicht? Na ja. Sie hat meine Muskeln bewundert. Nenn es wie du willst. Ich würde es flirten nennen.“

Sanguine wurde rot vor Wut. Dexter unterdrückte ein Grinsen.

„Also, was ist?“, fragte er. „Machst du mich los? Nein? Dann muss ich eben Tanith fragen. Ta–“

„Schon gut“, unterbrach Sanguine. „Halt den Mund.“ Er kramte einen Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete die Handschellen, die Dexter am Tisch festketteten. Die anderen ließ er natürlich dran. Er hatte ja auch gar keinen passenden Schlüssel dafür. Er zerrte Dexter auf die Beine und stieß ihn unsanft den Gang entlang.

„Das mit dem Babysitten war übrigens nicht als Beleidigung gemeint.“ Dexter grinste Sanguine über seine Schulter hinweg an. „Du bist wirklich außerordentlich gut darin. Als wärst du wie für den Job geschaffen.“

„Pass auf, was du sagst“, drohte Sanguine.

„Jetzt verstehe ich endlich, warum Tanith mit dir zusammen ist. Es ist nicht leicht, jemanden wie dich zu finden. Jemand, der gleichzeitig Babysitter, Transportmittel und allgemeiner Sklave ist … Wenn sie davon genug hat, kann sie sich ja wieder einen richtigen Partner suchen. Ghastly zum Bei–“

Sanguine warf ihn gegen die Tür der Bordtoilette und drückte seinen Unterarm auf Dexters Kehle. „Es reicht!“, zischte er. „Kein Wort mehr! Es gibt viele Möglichkeiten, jemandem Schmerzen zuzufügen, ohne sichtbaren Schaden zu hinterlassen. Wenn du noch ein Wort sagst, wirst du herausfinden, wie viele.“

Dexter konnte nicht antworten. Er bekam keine Luft. Seine Hände tasteten die Tür entlang auf der Suche nach der Klinke. Er fand sie und die Tür schwang auf und er stolperte rückwärts in das winzige Badezimmer. Sanguine funkelte ihn an. Dexter schlug ihm die Tür vor der Nase zu und schloss ab. Er holte tief Luft. Das war zwar unangenehm gewesen, aber das ganze Gespräch dennoch wert. Das würde Ghastly sicherlich ein Lächeln entlocken.

Er erleichterte sich und begutachtete dann sein Gesicht im Spiegel. Er sah müde aus und als hätte er sich seit Tagen nicht gewaschen. Was, wenn er recht darüber nachdachte, der Wahrheit entsprach. Eine Rasur konnte er auch vertragen. Leider standen die Chancen, dass Sanguine ihm sein Rasiermesser lieh, nicht gerade gut. Er spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Dann überlegte er, ob er noch eine Weile hierbleiben sollte, nur um Sanguine auf die Nerven zu gehen, aber entschied sich doch dagegen. Vielleicht war es gar nicht so klug, ihn sich noch mehr zum Feind zu machen. Wenn sie in diesem Krieg tatsächlich auf derselben Seite kämpfen sollten, konnte es durchaus sein, dass er einmal auf Sanguines Hilfe angewiesen wäre. Und dann wäre er froh, jetzt nicht so dumm gewesen zu sein. Ein bisschen Freundlichkeit konnte ihm gut und gerne einmal das Leben retten.

Er seufzte, dann versuchte er, ein ehrliches Lächeln aufzusetzen, öffnete die Tür und trat auf den Gang hinaus.

„Danke“, sagte er.

Sanguine beäugte ihn misstrauisch. „Plötzlicher Sinneswandel, was? Doch nicht mehr so amüsiert angesichts von Schmerzen?“

Dexter schwieg. Jede freundliche Antwort, die er darauf erwidern konnte, würde Sanguine ihm als sarkastisch auslegen. Er ging zurück zu seinem Platz und ließ sich wieder an den Tisch ketten. Er beschwerte sich nicht einmal, als Sanguine die Handschellen noch fester zuzog als zuvor.

„Keine dummen Sprüche mehr?“, höhnte Sanguine. „Dabei hatte ich mich schon so darauf gefreut, dich schreien zu hören … Vielleicht sind die Toten Männer ja doch nicht so abgebrüht, wie alle behaupten. Dann habe ich doch ganz gute Chancen, das Narbengesicht betteln zu hören, wenn ich ihm noch die eine oder andere zusätzliche Narbe verpasse. Und das werde ich, wenn er sich nicht von meiner Verlobten fernhält. Immer noch keine Antwort? Nein? Schade …“ Er zuckte mit den Schultern und marschierte zu seinem Sessel.

Dexter seufzte noch einmal. Der Rest des Fluges würde wohl sehr viel langweiliger werden als der Anfang.
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