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Ein gefährliches Geheimnis

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
22.06.2020
10.06.2021
9
23.924
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10.06.2021 3.019
 
Eine Weile genoss Henry es einfach, sicher zu sein und zu essen. Unter ihm lachten einige Männer laut und jemand sang und spielte ein Lied auf einer Laute. Die Nacht war angenehm kühl und seine Füße hörten endlich auf zu schmerzen. Sein Blick glitt hinaus über die Dächer der Stadt Richtung Feld und an den angrenzenden Wald. Vor einiger Zeit waren einige Männer losgezogen, um die Wölfe, die zwischenzeitlich auch Bauern in der Umgebung angefallen hatten, zu töten. Ob es genau dieselben Wölfe gewesen waren, die auch seinen Vater getötet hatten, wusste Henry nicht. Allerdings hatten sie Tage später die Felle der unseligen Tiere auf dem Markt verkauft. So ereilte doch alle am Ende dasselbe Schicksal.

Nachdem er seinen Fladen aufgegessen hatte, lehnte er sich zurück und blickte hinauf in den Himmel. Was Johann wohl grade tat? Henry hoffte, dass es ihm gut ging. Aber im Vergleich zu den Tagen vorher hatte sich sein Herz etwas beruhigt. Solange er nicht sicher wusste, dass Johann nicht mehr lebte, gab es Grund zu Hoffnung. Unter ihm ging die Tür zu Schenke auf und der Lärm drang hinaus auf die Straße, begleitet von einem Streifen warmen Lichts, dass seinen Schein auf die Hauswand gegenüber warf. „… ja natürlich. Wir müssen alle Opfer bringen. Aber dass sie ihn mitnehmen, hätte ich nicht gedacht.“ Das war Haralds Stimme. Neugierig lehnte Henry sich vor. Wovon sprach die junge Wache da? „Du hast immer zu viel Mitleid mit den Tagedieben Harald.“ Erwiderte eine andere Stimme von der Henry glaubte, dass sie Arian gehörte. „Kann schon sein, aber sie sind noch so jung. Wo soll das hinführen, wenn wir unsere Kinder in den Krieg schicken?“ Henry lauschte und gleichzeitig spürte er, wie ihm ein Schauer eiskalt über den Rücken rann. Sie sprachen doch nicht etwa über Johann?“ „Noch ist nicht wieder Krieg. Und eine solide Ausbildung wird ihm nicht schaden. Hier hat er sowieso nur Ärger gemacht.“ Henry sah, wie sich die beiden Schatten langsam entfernten, doch die Stimmen waren nach wie vor deutlich zu hören, nun da die Tür zu Schenke wieder geschlossen war. „Ich weiß nicht… Ich mache mir nur Sorgen. Sie werden sicher auch bald kommen, um die andern zu holen.“ Henry sah, wie die beiden Männer an einer Häuserecke stehen blieben. Nun konnte er Harald und Arian deutlich erkennen. „Harald, so ist das Leben. Sei ehrlich, hier hat er, wie ich schon sagte, nur Ärger gemacht und aus ihm wäre sowieso nichts geworden. Ich weiß, du mochtest ihn, aber es ist das beste so.“ Harald sah Arian eine Weile an und sagte nichts, jedenfalls hörte Henry oben auf dem Dach nichts. „Wahrscheinlich… Aber trotzdem, er wird mir fehlen.“ „Mach dir endlich n eigenen, Harald.“ Erwiderte Arian und schlug Harald auf die Schulter. „Ist nicht so schwer glaub mir, deine Frau ist doch jung und hübsch.“ Henry sah zu, wie die beiden sich weiter die Gasse entlang entfernte und schließlich im dunklen verschwanden. Hatten sie von Johann geredet? Hatten sie ihn mitgenommen, um ihn zum Krieger auszubilden? Das würde erklären, warum Henry ihn nirgends fand, aber… Wenn das tatsächlich die Wahrheit war, dann war Johann in großer Gefahr. Henry wusste nicht viel über Politik, er wusste, dass es vor ein paar Jahren einen großen Krieg gegeben hatte, den das Königreich, in dem er lebte, gewonnen hatte. Grade herrschte also so etwas wie Frieden, aber das konnte sich jederzeit ändern und wenn sie Henry dann in den Kampf schickten… Henry schluckte. Er versuchte, die Vorstellung von seinem besten Freund auf dem Schlachtfeld, umgeben von riesigen Erwachsenen Kriegern so schnell es ging wieder aus seinem Kopf zu verbannen, doch so schnell wie sich dieser Gedanke in sein Gehirn geschlichen hatte, so schnell hatte er sich auch dort eingebrannt.

Hastig stand Henry auf und kletterte vom Dach hinunter und schlug den Weg zum Dachboden ein. Was sollte er nur tun? Kurz überlegte er, ob er sich jemandem anvertrauen konnte, doch Harald würde ihn womöglich nur dazu zwingen hierzubleiben und Hannelore? Die würde sich zu Tode Sorgen… Wenn er so überlegte, hatte niemand die Möglichkeit, Johann nachhause zu bringen. Jedenfalls würden die ihn Wachen, die Johann vermutlich gerade jetzt ausbildeten, nicht einfach so gehen lassen, wenn man sie nett darum fragte. Und keiner der Erwachsenen, die Henry kannte, würde sich mit ihm auf dem Weg zum Trainingslager machen, um Johann hinauszuschmuggeln. Vielleicht war es ja wirklich das beste so…? Was konnte Henry schon tun? Und er war ein kleiner Junge und ganz allein… verzweifelt blieb er stehen und starrte in die Dunkelheit vor ihm. Sein Herz bebte bei der Vorstellung, Johann nie wieder zu sehen. Und was sollte er ohne ihn im Winter tun? Wenn er seine Mutter vermisste und sich schuldig fühlte wegen seinem Vater? Erst jetzt wurde ihm klar, wie sehr er Johann wirklich mochte und dass er niemanden hatte, mit dem er sein Leben so sehr teilte wie mit ihm. Henry hob den Kopf und ballte die Hände zu Faust. Er hatte seine Mutter verloren, als er zu klein war, um zu verstehen, was passierte. Sein Vater war gestorben, weil er nicht hören wollte und nun wollte ihm, wer auch immer da oben sein mochte, seinen besten Freund wegnehmen? Niemals. Er wusste, dass er nur ein kleiner Junge war, der nicht einmal wusste, wo genau sich das Trainingslager befand und ob es sowas in der Art überhaupt gab oder wo die jungen Krieger lernten, wie man ein Krieger war. „Verdammt, mir egal, ich werde dich suchen Johann und wenn ich dich finde, dann befreien wir dich, egal was es mich kostet. Ich werd nicht zulassen, dass ich noch jemand verliere, der mir so viel bedeutet. Und diesmal kann ich vielleicht endlich mal was dagegen unternehmen!“ Mürrisch starrte Henry noch eine Weile hinauf in den Nachthimmel. Ja, diesmal wollte er sein Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Es war gerade mal ein roter Schein am Himmel zu sehen als Henry aufstand und seine Klamotten zurecht zupfte. Zwei Tage waren vergangen, seit er sich dazu entschlossen hatte, nach Johann zu suchen. Erst hatte er sofort aufbrechen wollen, doch dann war ihm klar geworden, dass er zumindest ein wenig Essen und auch etwas zu trinken benötigte, um es wenigstens in die nächste Stadt zu schaffen. Stehlen konnte dort nicht viel schwerer sein als in dieser, so redete er sich ein. Bei Hannelore hatte er gestern noch nach etwas zu Essen gefragt und am Markt hatte er Gorgon bestohlen, so wie er es mit Johann schon immer getan hatte. So befanden sich nun in seinem Bündel ein paar kleine Brötchen, ein Beutel Wasser und etwas Trockenfleisch so wie ein Apfel von Hannelore. Für zwei, drei Tage sollte es wohl reichen, so hoffte Henry jedenfalls.

Als er aus dem Loch im Dach kletterte, hatte er nun doch ein mulmiges Gefühl. Aber für einen Rückzieher war es bereits zu spät. Zumindest redete er sich das ein. Vorsichtig, um nicht auf dem taufrischen Holz abzurutschen, kletterte Henry an der Außenwand des Hauses hinunter und ließ sich auf den gepflasterten Boden des Hinterhofes fallen. Außer ihm waren kaum Leute unterwegs, nur einige wenige, die sich bereits auf den Weg zum Markt machten. Ohne weiter zu zögern, machte Henry sich auf den Weg Richtung Stadttor. Zuerst wollte er in die nächste Stadt kommen. Die sollte größer sein als die, in der er bis jetzt gelebt hatte. Henry hatte einen ganzen tag damit verbracht, den Waschweibern am Fluss zu helfen. Das tat er öfter, wenn er Informationen brauchte. Bei den Wachen hätte er wohl kaum nach dem Lager fragen können, in dem Krieger Rekruten trainiert wurden. Sicher, die Waschweiber erzählten gewiss auch viel Unsinn, doch so mancher Klatsch und Tratsch hatte einen wahren Kern. So hatte er sie nach den Legenden gefragt und nach dem, was sie wussten. So richtig genaues hatten sie ihm leider nicht erzählt, aber er hatte erfahren, dass es eine große Stadt gab, einen Tagesmarsch entfernt von hier. Dort wüsste man sicher viel mehr als in so einer Kleinstadt. Henry hoffte, dass diese Stadt wirklich am Ende der langen Straße lag, die er auch zum Grafen genommen hatte. Falls nicht… Henry verwarf den Gedanken an eine Nacht draußen in der Wildnis. Wahrscheinlich würde er früher oder später mal draußen schlafen müssen. Aber das hatte er auch bereits mit seinem Vater ab und an getan. Außerdem, wenn er dafür Johann fand und ihn befreien konnte, wollte er wohl gern einige Nächte draußen auf dem Boden verbringen.

Irgendwie hatte Henry es sich dramatischer vorgestellt, doch niemand beachtete ihn oder hielt ihn auf als er die Stadt durch das große Tor verließ. Als einige Meter entfernt war, blickte er zurück. Hinter den Mauern konnte er die Dächer der Häuser erkennen, sowie die beschauliche Kirche in der Mitte der Stadt. Hannelore würde sich gewiss Sorgen machen… Und vielleicht sogar Harald. Dieser Gedanke stach Henry ins Herz wie ein messerscharfer Dolch. Aber dann dachte er daran, wie es sein würde, wenn sie gemeinsam zurückkämen. Und was für Geschichten sie wohl dann erzählen konnten. Und so drehte er sich um und marschierte los.

Der Tag verstrich am Horizont und Henry lief. Bald schon hatte er keine Ahnung, wie weit er schon gekommen war. Bis zum Grafen kannte er die Straße. Dorthin hatte er das letzte Mal fast bis zum Mittag gebraucht. Die Sonne stand bereits hoch am Zenit, doch vom Grafen Anwesen konnte Henry noch keine Spur entdecken. Diesmal kam Henry niemand entgegen. Die Straße lag einsam vor ihm, nur hier und da arbeiteten Bauern auf ihren Feldern, doch sie waren zu beschäftigt, um ihn zu beachten. Nach einer halben Ewigkeit, so kam es dem Jungen zumindest vor, erreichte er endlich die Gabelung, an dessen einem Ende der Landsitz lag, zu dem er die Stute gebracht hatte. Henry blieb stehen und sah sich um. Von hier aus, so hatten die Waschweiber gesagt, führte die Straße weiter geradeaus bis direkt in die nächste Stadt. Wie weit das wohl noch sein mochte? Seine Füße schmerzten und ihn plagte der Hunger. Vielleicht sollte er doch etwas essen, bevor er weiterging. Zwar hatte er Angst, ihm könnten die Vorräte ausgehen, doch so hungrig wie er war, konnte er unmöglich weiterlaufen. Also setzt er sich unter einen kleinen Baum am Wegesrand und nahm sich eins der Brötchen, die er gestohlen hatte. Während er aß, beobachtete er die Straße. Ziemlich weit entfernt konnte er einen Karren ausmachen, der, so wie es aussah, von zwei Ochsen gezogen wurde. Er kam langsam näher. Als Henry aufgegessen hatte, stand er auf und lief weiter. Der Karren war nun nicht mehr so weit entfernt und auf ihm türmte sich das Heu so hoch, dass es den Bauern, der auf dem Bock sahs, mannshoch überragte. Henry blieb stehen und staunte. Die beiden Ochsen schnaubten und schüttelten ständig ihre Köpfe, um die Fliegen zu verscheuchen, die sich hartnäckig auf ihre dicke Haut setzen wollten. Der Bauer, ein Mann mit wulstigem, rotem Gesicht drehte den Kopf und einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Die wässrigen dunklen Augen des Bauern musterten Henry fragend, doch er sagte nichts als sich der Karren langsam an dem Jungen vorbeischob. Henry sah ihm nach. Das Trampeln der beiden Ochsen war noch eine ganze Weile zu hören.

Als die Sonne sich langsam dem Horizont neigte, erblickte Henry endlich die Stadt. Und die Waschweiber hatten Recht gehabt: Sie war riesig. Hinter den Stadtmauern drängten sich die Häuser aneinander, direkt im Schatten eines Berges. Einen Fluss gab es hier nicht, dafür ragten an zwei Seiten des Dorfes die Bergwände so steil auf, das Henry schwindelig wurde, als er versuchte daran hinaufzusehen. Erst beim zweiten Hinsehen entdeckte Henry ein Stadtlichtes Anwesen, dass sich dank seiner dunklen Mauern fast perfekt auf eine Art Plateau in der Felswand schmiegte. Henry schluckte. Die Hälfte der Stadt lag bereits im Schatten des Berges und mit ihm gingen einige weitere Menschen auf das riesige Tor zu, dass ihm nun mehr wie das aufgerissen Maul eines Ungeheuers vorkam. Auch die Wachen wirkten imposanter als die, die er von Zuhause kannte. Sie waren edler gekleidet, trugen einen Brust- und Schulterpanzer und Lanzen an deren Spitzen sich das schwindende Sonnenlicht brach. Ob sie ihn überhaupt einlassen würden? Er wusste nicht, ob er einen Passierschein oder sowas brauchte. Doch er würde sicher nicht gehen, ohne es wenigstens versucht zu haben. Also straffte er die Schultern und ging auf das Stadttor zu. Was dann geschah, ging so schnell, dass Henry gar nicht richtig wusste, was eigentlich wirklich passierte. Das erste was er bemerkte, waren Schreie, die lauter wurden, ein Krachen wie von Holz, das zerbarst und als er sich umwandte, sah er ein kleines, stämmiges Pferd im gestreckten Galopp auf sich zurasen. Sein Fell war schwarz-weiß gescheckt, Mähne und Schweif kurz geschnitten und in seinen Augen stand die blanke Angst. Die Menschen sprangen zur Seite, als das Tier direkt auf das Tor zu steuerte. Henry sah, dass es angeschirrt war und ein Kopfstück mit aufwendigem Schmuck trug. Als es an Henry vorbei raste, entdeckte Henry, dass es die Überreste einer gebrochenen Deichsel und einige zerrissene Leinen hinter sich herz zog. Henrys Herz raste. Wo war der Rest der Kutsche? Doch ehe er weiter darüber nachdenken konnte, versperrten die Wachen dem Pferd den Weg, das darauf hin einen Haken schlug und nach rechts ins Feld sprang. „Fangt den Hengst ein! Er hat die Kutsche der Gräfin zerstört!“ brüllte plötzlich jemand von weiter hinten und auf einmal waren überall Menschen, die hinter dem Pferd her ins Feld sprangen, einige mit Mistgabeln, andere mit Seilen, eine Frau mit einer Karotte. Henry stand da wie angewurzelt. Er konnte den Blick in den Augen des Pferdes nicht vergessen, die Angst, die es gehabt hatte. Henry beobachtete, wie die Menschen langsam den Hengst einkreisten, der daraufhin auf die Hinterbeine stieg und sich immer wieder wegdrehte, bis es einem stattlichen Mann mit kurzem braunen Haar schließlich gelang, ihn am Zaum zu packen. Und dann kehrten die Menschen zurück, zwischen sich das Pferd, das vor Aufregung schwitze und dessen Augen das Weiß hervortrat. „Das Vieh ist vom Teufel besessen!“ rief einer und die andern stimmten ihm zu. „Die Gräfin ist tot! Er hat sie umgebracht!“ rief ein andere. „Besser, wir bringen ihn direkt zum Schlachter.“ Sagte eine Frau, die neben dem Mann ging, der das Pferd führte. Zum Schlachter? Dachte Henry erschrocken und folgte dem Mobb, ohne nachzudenken in die Stadt. Das konnten sie doch nicht wirklich tun! Wer wusste schon, wie die Gräfin das Tier gequält hatte, vielleicht verdiente sie, was ihr zugestoßen war? Doch keiner der Menschen schien Henrys Gedanken zu teilen. Die Geschichte verbreitete sich rasend schnell in der ganzen Stadt und bald munkelte es überall. Henry beobachtete, wie der Mann das Pferd in einen der zahlreichen Hinterhöfe führte und schließlich allein zurückkehrte. Um den Eingang zum Hinterhof hatten sich bereits einige Menschen versammelt und alle sahen den Mann fragend an, als er wieder zu ihnen trat. „Er wird’s morgen früh tun, jetzt hat er keine Zeit mehr. Dann kommt der Teufel dahin, wo er hergekommen ist!“ rief er und die Menge stimmte ihm grölend zu. Nur eine Stimme wurde laut. Es war die Junge Frau, die die Möhre gehalten hatte. „Wir können doch nicht einfach das Pferd der Gräfin schlachten, es ist ihr Besitz!“ Der Mann sah die junge Frau an und trat so dicht an sie heran, dass sich fast ihre Nasen berührten. „Die Gräfin ist tot“. Grollte er „Und mit ihrer närrischen Vorliebe für seltsame Pferde hat sie nun der Teufel höchstselbst ereilt. Ganz gleich, was irgendwer sagt: Dieses Pferd kommt in die Hölle, wo es hingehört!“ Erneut stimmte ihm die Menge lauthals zu, doch die Frau sah ihn weiter störrisch an, sagte jedoch nichts. Henry bewunderte, wie sie ihm die Stirn bot, wenngleich keiner auf ihrer Seite stand. „Deine boshafte Art wird dich eines Tages selbst in die Hölle bringen Darius!“ Fauchte sie und wandte sich ab. Einen Moment starrte ihr Darius fast verblüfft hinterher, doch dann brach er in schallendes Gelächter aus. „Die Frau ist auch nicht mehr ganz bei Verstand! Das kommt davon, wenn man nicht heiratet, ohne Mann werden sie alle verrückt!“ Die Menge stimmte in sein Lachen ein. „Los, gehen wir einen heben!“ und darauf löste sich die Menge allmählich auf.

Henry blieb noch eine Weile und wartete, bis auch der letzte gegangen war. Er wusste nicht wieso, aber wollte auf gar keinen Fall, dass dieses Pferd getötet wurde. Er erinnerte sich, dass sein Vater ihm erzählt hatte, dass seine Mutter ein großes Herz auch für Tiere gehabt hatte. Immerhin leisteten sie viel für die Menschen, beklagte sich nie und sorgten nicht zuletzt dafür, dass sie Essen auf den Tischen stehen hatten. Und außerdem, wenn er auf einem Pferd reiten könnte, wäre er wesentlich schneller. Und er ersparte sich die schmerzenden Füße. Aber wie sollte er den Hengst befreien und aus der Stadt schmuggeln? Die Tore wurden auch sicher hier nachts verschlossen und das gescheckte Fell des Pferdes war auffällig. Andererseits, der Mann, der veranlasst hatte, dass das Tier geschlachtet wurde, hatte nicht ausgesehen als gehörte er zur Stadtwache oder zu den Adligen. Vielleicht hatte er Glück, und nur das gemeine Volk wusste davon. Dann würde ihn niemand aufhalten… aber konnte er das riskieren? Ihn würde man dafür sicher in den Kerker stecken und dem Hengst blieb nur diese eine Chance… Nein, besser er dachte sich eine gute Ausrede und einen vernünftigen Plan aus. Hier war er ein Fremder und es gab niemanden der ihn helfen würde… Wenn er das Pferd doch nur irgendwie verkleiden könnte… Und da kam Henry eine Idee. Wenn er den Schmied fand, dann konnte er vielleicht… Sofort sah Henry sich um. Die Gasse, in der er stand, war breit, aber sicher keine Hauptstraße. Sie führte leicht den Berg hinauf. Er musste den Marktplatz finden. Aber er durfte auch nicht vergessen, wo sich der Schlachter befand. Henry blickte sich noch einmal um, versuchte sich genau zu merken, wie alles hier aussah und wie er hierhergekommen war. Gut. Dachte er sich, als er sich sicher war, dass er zurückfinden würde. Es wird grade dunkel, sehr gut. Ich muss verrückt sein… Und damit lief er los, um den Schmied zu suchen.
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