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i love you, baby

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Jeff Atkins Justin Foley Montgomery de la Cruz OC (Own Character) Tony Padilla
21.06.2020
29.07.2020
11
29.789
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Dieses Kapitel
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23.06.2020 1.799
 
"Weißt du, Foley...", säuselte eine leicht angetrunkene Anabeth Belfort vor sich hin, "Ich komme bestimmt in die Hölle."

Erst hörte sie ihn einen unbestimmten Lacher ausatmen, dann murmelte er sarkastisch "Ja, klar" vor sich hin. Ana sah ihm ins Gesicht und runzelte die Stirn. "Ich mein's ernst", sagte sie, "Ich hab einfach dieses Gefühl und ich werde es nicht los."

Justin schüttelte den Kopf ohne sie anzusehen und tippte irgendetwas auf Clays Laptop, als er schließlich doch den Blick hob und an ihr hängen blieb. Ihr Haar war zerzaust und ihre Augen angeschwollen; vom Weinen, nicht vom Vodka. Das machte sie zwar nicht weniger hübsch, aber sie sah irgendwie...nicht gesund aus.

"Ich mein's auch ernst, tu den Scheiß weg und krieg' endlich einen klaren Kopf. Du hörst dich schon an wie Clay. Und wir brauchen gerade nicht noch einen Nervenzusammenbruch."

Bei dem letzten Wort schauderte es Ana. Sie wollte nicht über den gestrigen Tag nachdenken. Er hatte zu viele Spuren hinterlassen. Sie konnte nicht an Clays rotgeränderte Augen denken, an die wahnsinnige Angst, die er gehabt hatte. Sie konnte auch nicht an Monty denken und wie sie eine verdammte Trage gebraucht hatten, um ihn aus der Schule zu bringen. Monty war stark und konnte eine ganze Menge ertragen. Aber sein Körper war leider irgendwie vorbelastet. Jeder Mensch erträgt nur einen bestimmten Grad an Gewalt, bevor sein Körper erstmal nachgibt. Sie schniefte.

"Hasst du mich?", fragte sie plötzlich.

Justin zog eine Grimasse und schüttelte verwirrt den Kopf. Er ließ nun vom Laptop ab und starrte Anabeth seltsam verwundert an. "Wieso um alles in der Welt sollte ich das tun? Nur, weil du meinen Vodka austrinkst?"

Ana verkniff es sich kurz zu lachen, bevor sie sofort wieder ernst wurde. Sie strich sich eine Träne aus dem Gesicht. "Nein. Weil ich mit Monty befreundet bin."

Eine Welle der Überraschung ließ sich auf Justins Gesicht nieder, bevor er die Gesichtszüge entspannte und den Blick von ihr abwandte. Er sah jetzt verständnisvoller aus und war fast ein wenig amüsiert.

"Du bist vielleicht blöd", sagte er. "Ich könnte dich niemals hassen." Seine Worte klangen so warm, dass es Ana fast wieder Tränen in die Augen getrieben hätte, aber sie fühlte sich...leer. So als hätte sie ihre Tränen inzwischen verbraucht, jedenfalls für den Tag. Kein Mensch konnte nur weinen.

"Abgesehen davon, ich kann dich verstehen", er sprach jetzt leiser und bedächtig, "Überleg mal. Du weißt, was Bryce Jess angetan hat und wie sehr er sie verletzt hat. Und Hannah. Und noch Gott weiß wie vielen anderen Mädchen. Und ich...ich konnte ihn trotzdem niemals richtig hassen. Nur weil jemand kein guter Mensch ist, kann man ihn trotzdem noch lieben, verstehst du? Das gilt auch für Monty."

Ana spürte wie der Kloß in ihrem Hals größer wurde als sie ihn musterte. Sie verstand seine Worte und sie fand, dass er recht hatte. Sie konnte sich nicht für den Rest ihres Lebens dafür bestrafen, dass sie Monty eine schlimme Tat...irgendwie verziehen hatte. Oder auch nicht. Aber sie blieb jedenfalls mit ihm befreundet. Dennoch schaffte sie es einfach nicht, ihr schlechtes Gewissen zu überwinden. Es war, als würde sie innerlich zerreißen, weil sie es einfach nicht allen recht machen konnte. Sie wünschte sich mit jedem Tag sehnlicher, dass Jeff aufwachte. Wie gern hätte sie sich einfach an seine Schulter gelehnt und sich zum ersten Mal nach langer Zeit von jemandem wirklich verstanden gefühlt. Obwohl Justin dem schon ziemlich nah kam. Plötzlich musste Ana lächeln.

"Justin...danke", sagte sie leise und stellte das Glas auf seinem Schreibtisch ab. Er lächelte verdutzt und wank ab. "Kein Problem."

Sie stellte sich hinter ihn, wuschelte mit der Hand durch sein Haar und schlang dann die Arme um seinen Hals, um ihn zu umarmen. Er legte seine Hände auf ihren Arm und so verweilten sie ein paar Sekunden, bis Clays Mom durch die Tür platzte.

"Justin, hast du..."

Beide schreckten auf und sahen ihr überrascht ins Gesicht, woraufhin sie herumwirbelte und breit lächelte. "Meine Güte, tut mir leid, ich wusste nicht, dass..."

"Nein, mir tut's leid, Mrs. Jensen", sprudelte es nur so aus Ana heraus, "ich wollte eigentlich gar nicht so lange bleiben, aber Justin hat mir bei Mathe geholfen", log sie und klang dabei stocknüchtern. Justin räusperte sich und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Das war so dämlich und musste so falsch ausgesehen haben, dabei war es harmlos und fast schon lächerlich.

Clays Mutter konnte dieses schiefe Grinsen nicht ablegen. "Kein Problem, Ana, du musst noch nicht gehen. Ich wollte Justin nur fragen, ob er Clays Handy hier bei sich hat. Ich dachte, vielleicht bringe ich es ihm morgen, wenn ich ihn besuchen gehe."

Justin fing sofort an herumzukramen und griff nach dem Handy. Er reichte es ihr wortlos und hatte einen nichtssagenden Ausdruck auf dem Gesicht.

"Okay, ich will die Situation nicht noch peinlicher machen", sagte Mrs. Jensen und wollte gerade gehen, da sagte Justin "Ist nichts peinlich" und Ana bestärkte ihn zeitgleich indem sie sagte "Überhaupt nicht!"

Clays Mom wünschte den beiden noch eine gute Nacht und zog die Tür hinter sich zu, da atmete Ana tief durch und ließ sich langsam gegen Justins Bett gelehnt auf den Boden sinken. Die beiden sahen sich eine Weile an und verfielen dann in Gelächter.

"Oh mein Gott, Justin. Das tut mir so leid", sagte Ana und klang sogleich gar nicht mehr so nüchtern.

"Ach bitte", sagte er und tat es mit einer lockeren Handgeste ab.

"Sind die zwei immer so?", fragte Ana und angelte wieder nach ihrem Glas. Sie spürte plötzlich unendliches Glück in sich aufsteigen. Dass Justin hier lebte, dass er diese Zuflucht hatte und eine Familie...Dass es ihm in letzter Zeit so gut zu gehen schien und, dass obwohl es bei allen anderen gerade drunter und drüber ging, machte sie nur umso glücklicher. Justin hatte es verdient glücklich zu sein. Ob nun mit Jess oder ohne sie, er würde es schaffen. Das wusste sie.

Justin grinste. "Wenn du wüsstest."

Sie unterhielten sich noch eine Weile über dies und jenes und genossen es, dass sie ein paar Stunden lang nicht über Bryce, den Mord an Bryce oder den Polizeistaat der Liberty High nachdenken mussten. Irgendwann landeten sie beim Thema Sport und warum,
Ana mit dem cheerleaden aufgehört hatte.

"Wahrscheinlich aus demselben Grund, warum du damals mit Football aufgehört hast. Oder einem Ähnlichen. Ich fühle mich nicht mehr bereit dazu", sagte sie leise.

"Ich habe wieder angefangen", sagte Justin optimistisch und tätschelte ihren Rücken. "Du könntest das auch. Vielleicht. Irgendwann. Und nur, wenn du willst." Er angelte nach dem Glas mit dem Restvodka, aber Ana riss es ihm vor der Nase weg.

"Was wird das, wenn's fertig ist?", fragte sie mit erhobener Braue. Justin lachte verlegen.

"Einen Versuch war's wert."

Plötzlich legte sich ein Schleier des Schweigens über die beiden, wie sie so neben dem Bett saßen. Sie sahen beide auf den Boden, als stünde dort etwas Interessantes und wagten es irgendwie nicht, den Blick zu heben.

"Wie's Monty wohl geht", sagte Anabeth ein bisschen zu leise. Sie verstand die seltsamen Anordnungen nicht, niemanden zu ihm zu lassen. Gut, Clay war eine andere Sache...Schließlich hatte er dem Beamten tatsächlich die Waffe abgenommen, auch, wenn es aus einem verständlichen Grund passiert war. Aber Monty? Monty hatte sich nur gewehrt und sich vor jemanden gestellt, der ihm nicht egal war. Der Polizist war der Erste gewesen, der zugeschlagen hatte. Und das ohne ersichtlichen Grund. Es wäre so einfach für ihn gewesen, die Situation zu entschärfen. Aber stattdessen hatte er sich für den gewalttätigen Weg entschieden. Anas Magen drehte sich um.

"Ach, dem geht's gut", sagte Justin gerade heraus, "sogar ich hab mich schon härter mit Monty geschlagen, als das gestern. Der hat höchstens ein blaues Auge. Er ist spätestens nächste Woche raus aus dem Krankenhaus. Ganz sicher. Aber Clay..."

Ana winkelte die Knie an und schlang die Arme um sie. "Du hast wahrscheinlich recht. Und Clay...Ich weiß nicht. Ich...Vielleicht hört sich das blöd an, aber ich finde einfach, er hat so langsam mal genug durchgemacht. Wir alle, verstehst du? Und jetzt ist Clay derjenige, der in der Psychiatrie ist und nicht nach Hause gehen darf. Er verdient das nicht."

"Das hört sich ganz und gar nicht blöd an", sagte Justin langsam und wandte Anabeth das Gesicht zu. Sie blickte ebenfalls in seine Richtung und sagte nichts. Sie sah ihm lange in die strahlenden Augen, die trotz allem niemals an Glanz verloren hatten.

"Clay ist ein Kämpfer. Wie du", flüsterte sie.

Justin öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ein winziges Lächeln umspielte seine Lippen, aber er sagte nichts, sah sie nur weiterhin an.

"Du hast wahrscheinlich recht", flüsterte er zurück und legte den Kopf ein wenig schief.

Wieder schwiegen sie sich an, aber es war kein unangenehmes Schweigen. Es war vielmehr die Möglichkeit nicht allein zu sein, aber trotzdem seinen Freiraum zu behalten, mit einer Person, die man gern hat. Ana weitete die Augen und wandte irgendwann schließlich den Blick ab.

"Ich sollte so langsam gehen...", sagte sie und ließ den Blick durch den Raum wandern. "Mein Dad dreht durch, wenn ich spät nach Hause komme und dann auch noch was getrunken habe."

Justin streifte belanglos ihre Hand und nickte zustimmend. "Ja, du hast recht. Komm, ich bring dich nach Haus."

"Nein, ich..."

Er zog sie an den Schultern hoch und schleifte sie hinter sich her, dabei sammelte er unterwegs ihren Rucksack und ihr Handy auf.

"Keine Widerrede, Belfort."

Sie rollte mit den Augen und beschloss, dass es die Mühe nicht wert war zu diskutieren. Wahrscheinlich hatte er recht. Sie wohnte nicht weit entfernt und das Auto konnte sie auch morgen abholen. Sie hievte sich also auf den Beifahrersitz von Clays Auto und beobachtete Justin, der einmal um das Auto herumging und schließlich auf den Fahrersitz schlüpfte.

Ana presste sich müde in den Autositz und verfolgte mit den Augen, wie Clays und Justins Straße langsam hinter ihr zurückblieb.

"Danke, Justin", sagte sie leise. "Für alles."

Sie sah es zwar nicht, aber sie hörte wie Justin automatisch lächelte.

"Kein Ding."

Er überlegte kurz, dann ergänzte er noch etwas.

"Danke, dass du meinen Vodka getrunken hast."
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