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i love you, baby

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Jeff Atkins Justin Foley Montgomery de la Cruz OC (Own Character) Tony Padilla
21.06.2020
29.07.2020
11
29.789
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29.07.2020 4.327
 
"So, ihr...meine herzallerliebsten Idioten."

Jessica gab sich keine Mühe den Sarkasmus in ihrer Stimme irgendwie zu verstecken, als sie sich vor den anderen aufbaute. Diego und Monty saßen nebeneinander und hörten Jess geduldig beim Sprechen zu, obwohl Ana meinte sehen zu können, wie Monty leicht mit den Augen rollte.

"Ihr dürft an dem Abschluss-Campingausflug teilnehmen. Aber: Das ist an eine Bedingung geknüpft. Während des gesamten Ausflugs, und natürlich auch davor und danach, verhaltet ihr euch ausnahmsweise wie Menschen. Damit meine ich besonders Clay gegenüber, aber auch allen anderen." Ihr Blick lastete einen Augenblick zu lang auf Monty, bevor sie weitersprach. "Wenn jemand mitbekommt, dass ihr irgendwie dagegen verstoßen solltet, fahrt ihr nicht nur nach Hause, sondern werdet auch von Bolan suspendiert. Dann wird über eure Versetzung spekuliert. Verstehen wir uns, Leute?"

Diego hatte zwar die Arme verschränkt, doch er nickte sofort. Monty hingegen starrte eine ganze Zeit an Jess vorbei, bis er schließlich ebenso nickte.

"Alles klar", beendete Jessica die Sitzung und entließ alle wieder in die Pause.

Ana fuhr blitzschnell herum und stürmte als erste aus dem Konferenzraum. Sie steuerte mit schnellen Schritten auf die Cafeteria zu, die sie bald auch erreichte und sich an einem der Tische niederließ. Sie holte zum ersten Mal nach Minuten richtig tief Luft.

Seit dem Vorfall neulich Abend, hatte sie nicht mehr wirklich mit Monty gesprochen. Eigentlich ging sie ihm sogar aus dem Weg. Sie wusste, eigentlich waren sie nicht zerstritten. Aber sie hatte Dinge realisiert, die sie erst in alle Ruhe verarbeiten und sich über andere Dinge klarwerden musste, bevor sie wieder mit Monty sprechen konnte. Nachhdem sie wie ein Ninja aus seinem Fenster verschwunden war, hatte sie den Pausen-Knopf in ihrer komplizierten Freundschaft gedrückt.

Umso schwieriger fiel es ihr deshalb zu atmen, als sie sah wie Monty ebenso durch die Tür geschlendert kam und sein Blick sofort auf sie fiel. Er setzte sich in Bewegung, als Ana panisch um sich herum blickte und mit dem Blick an Justin Foley hängen blieb. Sie stürzte unbeholfen in dessen Richtung und ließ sich mit einer hektischen Bewegung auf dem Stuhl neben Justins nieder.

Sie kniff die Augen zusammen. Zwar konnte sie Monty nicht mehr sehen, aber sie meinte seinen Blick auf ihr spüren zu können. Sie hielt den Atem an, bis sie sich sicher war, dass er sie nicht doch noch ansprechen würde. Im Augenwinkel beobachtete sie, wie er sich etwas aus einem Snack-Automaten holte und die Cafeteria schließlich wieder verließ. Er machte mit Sicherheit keine Szene. Ana atmete erleichtert aus.

"Ehm...Hey", sagte Justin und sah sie fragend an.

Ana fuhr erschrocken herum. "Oh, hey. Entschuldige, ich..."

Justin begann sofort die Cafeteria mit den Augen abzuscannen. "Versteckst du dich vor Jess? Ich nämlich schon."

Ana legte die Stirn in Falten und sah ihn jetzt fragend an. "Hä?", machte sie und legte den Kopf schief. "Wieso solltest du?"

"Ich weiß nicht", entgegnete Justin schulterzuckend und wandte sich seiner Hausaufgabe zu, "Sie scheint jede Gelegenheit zu nutzen, um mir diese Diego-Sache unter die Nase zu reiben."

Ana nickte verständnisvoll und kramte einen Apfel aus ihrem Rucksack. "Ach, Justin. Sie will dir doch nichts unter die Nase reiben. Sie blickt einfach nach vorn. Ich meine, ich will mich nicht auf eine Seite schlagen oder so, aber du warst es doch schließlich, der mit ihr Schluss gemacht hat. Hat sie da nicht das recht, weiterzumachen?"

Justin hielt inne und sein Blick wanderte durch die Glaswand über den Schulparkplatz.

"Was auch immer", murmelte er abwesend und wollte sich wieder seinen Aufgaben zuwenden.

"Kann ich dich was fragen?", hörte er Ana irgendwann zurückhaltend fragen. Sie drehte den Apfel zwischen den Fingern und starrte ebenso abwesend nach draußen. Mit gewecktem Interesse wandte Justin sich Ana zu und legte den Stift beiseite.

"Bin gespannt", lächelte er.

Ana lächelte schmal zurück und legte den Apfel auf dem Tisch ab. "Hast du schonmal...Naja, ich meine, hast du schonmal was getan, an das du dich später nicht mehr erinnern konntest?"

"Du meinst, wie ein Blackout? Alkohol?"

Ana biss sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf. "Nein, ich meine...wie ein Trauma. Ein emotionales. Dass dir was passiert...oder du irgendwas tust...wovon du weißt, dass du es mit Sicherheit am Ende bereuen wirst. Und dann  - Puff. Du erinnerst dich einfach nicht daran. Dein Kopf verdrängt die Erfahrung aus deinen Erinnerungen. Um dich zu schützen oder so."

Justin dachte angestrengt nach, dann schüttelte er den Kopf und stützte den Kopf auf dem Arm ab.

"Was zur Hölle, Ana?"

Ana vergrub das Gesicht in den Handflächen.

"Ist dir was passiert?"

"Nein! Nicht...so direkt", entgegnete sie kleinlaut und wollte schon abwinken. Plötzlich tanzten wieder seltsame Erinnerungsfetzen vor ihrem inneren Auge und sie sah Justin energisch ins Gesicht, um die Gedanken zu verdrängen.

"Lenk mich ab, lenk mich ab!"

Justin sah sie erst lange eindringlich an, dann grinste er schief und schüttelte den Kopf. "Man, du hast echt 'nen Vogel, Mädchen."

Ana lächelte ebenfalls und wollte sich schon ihrem Apfel zuwenden, als Justin ihr seine Hand auf die Schulter legte.

"Ich könnte Hilfe brauchen." Er räusperte sich.

"Bitte keinen Vortrag darüber, wie du Jess zurückgewinnen kannst, okay? Das ist eine Sache zwischen..."

"Nein, du Blödi", lachte Justin, "Es geht um Clay. Er...ehm...ich weiß nicht, es geht ihm einfach schlechter. Keiner kann ihm helfen, nichtmal sein Seelenklempner. Und weißt du, ich dachte...du könntest vielleicht mit ihm reden, weil..."

Ana sah ihn fragend an, während er versuchte die richtigen Worte zu finden. Schließlich schüttelte er den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Weil...naja, du hast auch viel Scheiß durchgemacht."

Ana wusste, dass er auf Jeff anspielte und plötzlich spürte sie ein Stechen in ihrer Brust. Sie hatte gedacht, wenn sie ein klärendes Gespräch mit Monty hatte, würde sie sich am Ende besser fühlen. Aber im Gegenteil. Ihr schlechtes Gewissen Monty gegenüber wurde nur gegen ein schlechtes Gewissen Jeff gegenüber ausgetauscht. Sie hielt die Luft an.

"Ich weiß nicht, was ich sagen sollte", begann sie zaghaft. Justin biss sich auf die Unterlippe und nickte.

"Du hast recht. Ich hätte nicht..."

"Aber ich tu's. Du hast recht, vielleicht kann ich ja irgendwas bewegen. Clay ist immer noch da drin. Er braucht uns jetzt alle. Mehr denn je."

Justin nickte dankbar und räusperte sich, bevor er das Thema wechselte.

"Hast du eigentlich mal mit Monty gesprochen?"

Ana zuckte hoch. "Was? Worüber denn?"

Justin hob abwehrend die Hände und lächelte leicht. Er kratzte sich am Kopf. "Weil er diese Sache auf sich genommen hat, meine ich."

Ana nickte erleichtert. "Oh, ja. Er erwartet keine Gegenleistung oder so. Ich hab ihm einfach oft geholfen, als er in der Scheiße gesteckt hat. Das hat er sich gemerkt und diesmal wollte er mich raushalten. Und dich!"

Ana lehnte sich zurück und begann sich mit einer Mappe Luft zuzufächern. Ihre Gedanken würden sie noch in den Wahnsinn treiben.

"Okay. Sag ihm...sag ihm bei Gelegenheit danke, ja?"

Ana sah Justin lange an, dann nickte sie.

"Ist gebongt. Hör mal, kannst du mich bei Mr. Singh entschuldigen? Ich hab noch was Dringendes zu erledigen."

Nachdem Justin zugestimmt hatte, hatte Ana ihren Kram zusammengesammelt und war mit schnellen Schritten durch den Schulflur gestürmt. Sie gab sich große Mühe nicht Mr. Singh zu begegnen oder schlimmer noch, Bolan, der ihr ansah, dass irgendwas nicht stimmte und am Ende noch ein Gespräch führen wollte. Sie lief geistesabwesend durch den Flur und hatte den Blick auf den Boden gerichtet, als sie heftig mit jemandem zusammenstieß.

"Oh, tut mir leid, ich..."

Sie erstarrte. Monty sah sie überrascht und gleichzeitig eindringlich an. Er schüttelte leicht den Kopf. "War meine Schuld", sagte er und klang dabei verwirrt. "Ana, kann ich dich..."

"Tut mir leid", sagte sie schnell. Tutmirleid. "Ich muss ganz dringend nach Hause, meine Mom, sie braucht mich, ich..."

"Ist alles okay?", wollte Monty wissen und griff sich an den Kopf. Er sah sie nervös an. "Soll ich dich fahren oder..."

"Nein, wirklich, aber...wir sehen uns!"

Fast schon rennend verließ Ana das Schulgebäude und presste sich dabei ein paar Bücher an die Brust. Sie atmete laut ein- und aus und suchte den Parkplatz nach ihrem Auto ab. Sie war schon fast dort angekommen, als ihr eine andere Idee kam. Ihre Füße trugen sie quer über den Platz, bis sie irgendwann das Baseballfeld erreichte. Es war menschenleer, wahrscheinlich weil es bis vor Kurzem wie aus Eimern geschüttet hatte. Ana seufzte und steuerte auf die Zuschauertribüne zu. Wie viele Spiele hatte sie sich von dieser Tribüne aus angesehen? Sie konnte es nicht sagen.

Sie ging mit langsamen Schritten über den Rasen, bis sie unter der Tribüne angelangte, wo es einigermaßen trocken war. Sie ließ ihre Sachen sinken und setzte sich geräuschlos auf den Rasen. Dann nahm sie sich ihrer Kopfhörer an und ging in ihrer Playlist ein paar Lieder durch. Bei einem Lied blieb sie stehen, lehnte den Kopf an und schloss die Augen.

Es war Zeit sich zu erinnern.




Bryce Walkers Gesicht zu sehen, nach so langer Zeit, hatte bei Ana für ein ungutes Gefühl in der Bauchgegend gesorgt.

Sie trug einen weißen langärmligen Sweater und enge Jeanshosen, dazu weiße Cheerleaderschuhe. Die trug sie nur noch so, um sich an vergangene Zeiten zu erinnern.

Sie saß auf der Tribüne und sah sich um. Dieser Abend war voller komischer Begebenheiten, fand sie. Die Tatsache, dass die Schule das wirklich zugelassen hatte: Bryce Walker, allseits berüchtigt und gefürchtet, war wirklich wieder an der Liberty. Wenn auch nur für ein Spiel. Ana schauderte bei dem Gedanken und wandte den Blick ab. Das hielt sie so lange durch, bis sie das Gerangel bemerkte.

In ihrem Kopf drehte sich alles und sie erkannte gar nichts, meinte nur ein hässliches Knacken zu hören. Ihr Blick wanderte panisch über das Spielfeld und sie erkannte Zach Dempsey, der schmerzerfüllt am Boden lag und sich unter den Augen aller wand. Ana schlug sich die Hände vor den Mund und sah nach links, um zu sehen, ob Tony dasselbe gesehen hatte. Tonys Augen waren allerdings weiterhin auf das Geschehen gerichtet.

"Ich muss...gehen...", murmelte sie ihm zu, doch er schien gar nicht zu bemerken, wie sie sich entfernte. Ana taumelte benommen die Stufen der Tribüne hinab und sah sich verzweifelt um, als schon der nächste K.O.-Schlag erfolgte. Ana hob den Blick und beobachtete Jessica Davis und weitere Anhängerinnen von H.O. Sie zogen...sie zogen ihre Kleidung aus? Und dabei riefen sie Schlachtrufe in die Nacht, die von allen gehört wurden. Sie hatten sich Hände auf die Körper gemalt und für einen Augenblick wurden sie von Ana wirklich bewundert. Ana hätte sich nie getraut, was Jess und die anderen sich trauten, da konnte es einem noch so guten Zweck dienen. Aber ihre Bewunderung wurde schnell von Angst überrannt, als sie sah wie die Jungs der Hillcrest auf die Mädchen losgingen.

Die Angst wurde abgelöst von Abscheu und Ana lief, frei von Vernunft, wie ein Roboter auf das Spielfeld zu. Sie erwischte einen blonden Typen, der eben noch auf Jess losgegangen war und verpasste ihm eine mit der Faust. Der Junge stöhnte und ging zu Boden, hatte aber genug Kraft um sie zu beleidigen. Ana taumelte mit schmerzender Hand durch die Menge, als jemand kam und begann an ihr herumzugrapschen. Sie fuhr herum und begann um sich herum zu schlagen. Sie erkannte ihren Angreifer erst, als jemand anders kam und ihn zu Boden drückte. Es war Monty. Sie schien außerhalb ihres Körpers zu stehen, als sie sah, wie Monty ihn zu Boden warf und anfing auf ihn einzuprügeln. Keiner schien das wirklich zu merken, weil um sie herum alle wie verrückt aufeinander losgingen. Ana hielt die Luft an.

Plötzlich löste sie sich aus ihrer Starre und versuchte Monty von dem anderen abzuwenden.

"Hör auf, du tötest ihn!", hörte sie sich selbst rufen. Nach einiger Zeit kam Monty hoch. Seine Lippe blutete, aber der Andere sah viel schlimmer aus. Sie sah verzweifelt zu Monty auf, als wäre er die Antwort auf ihre Probleme. Tatsächlich schien er das dieses Mal auch zu sein. Er trat hinter sie und schob sie mit schnellen Schritten vor sich her über das ganze Feld. Er schirmte sie dabei so gut es ging von den Anderen ab. Als sie das Ende des Footballfelds erreicht hatten, griff er ihre Hand und zog sie bis zum Parkplatz hinter sich her. Sie verschwanden in sekundenschnelle in seinem Auto und aktivierten die Zentralverriegelung. Ana holte Luft und begann beinah zu hyperventilieren. Sie blickte hilfesuchend zu Monty, welcher sie adrenalingeladen ansah. Seine Lippe blutete immer noch und er trug noch seine Footballkleidung. Nur den Helm hatte er unterwegs verloren.

"Was..."

"Nach Hause", sagte Monty wie elektrisiert und startete den Motor. Den ganzen Weg über schafften sie es nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Die Ereignisse des Abends hatten sie geschafft. Aber sie waren froh, dass sie es fast unversehrt vom Platz geschafft hatten.

Nach ein paar Minuten erreichten die Beiden Montys Elternhaus. Sie rollten fast geräuschlos in die Einfahrt, als Anas Blick gedankenverloren an ein paar Blättern hängen blieb, die ihren Platz auf Montys  Windschutzscheibe fanden. Sie holte tief Luft und sah Monty unsicher an, als er den Motor abstellte.

Sie folgte ihm hinaus und durch die Tür, die sie so leise wie möglich schlossen und dann ebenso leise die Treppen hinaufschlichen. Keine Spur von Montys Vater. Ana war schrecklich erleichtert darüber.

Als sie durch Montys Zimmertür getreten waren und Monty die Tür hinter sich abgeschlossen hatte, ließ er sich auf den Boden sinken. Er winkelte die Knie an und starrte in die Leere, zum ersten Mal seit mehreren Minuten ohne zitternde Hände.

Ana konnte sich nicht so leicht beruhigen. Sie lief wie wild ständig auf und ab in seinem Zimmer und bemerkte dabei kaum etwas um sie herum. Erst in diesem Moment merkte sie, was eigentlich gerade passiert war. Sie spürte die Hände irgendeines Widerlings auf sich lasten und sie sah Montys Gesicht vor sich, so hasserfüllt - sie sah, wie er ihn zu Boden warf und wütend auf ihn losging. Hätte er aufgehört? Sie schauderte. Dabei hörte sie nicht auf Kreise in Montys Zimmer zu drehen.

"Ana - hey, Ana", versuchte Monty sie in die Realität zu ziehen, aber sie hörte nicht auf ihn. Sie lief weiter und weiter, bis er irgendwann vor ihr auftauchte und ihren Ellbogen berührte. Er hielt sie sanft fest und zwang sie damit, ihn anzusehen.

"Ana...alles okay?"

Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit sah sie ihn wieder direkt an. Ihr Blick blieb an seiner Lippe hängen. Sie begann sofort aufgewühlt sein Zimmer nach Papier zu durchsuchen und als sie eine Packung Taschentücher fand, blieb sie stehen. Sie wies ihn an sich auf das Bett zu setzen und ließ sich neben ihm nieder. Er beobachtete sie ruhig und gelassen, während sie ein Taschentuch mit einer Wasserflasche befeuchtete und dann zaghaft seine Wunde säubern wollte.

"Ich...", begann sie vorsichtig. Sie wollte ihm nicht weh tun.

Monty legte vorsichtig seine Hand an ihre Hüfte und zeigte ihr, dass es okay war. Ohne etwas zu sagen, nickte sie und begann vorsichtig seine aufgesprungene Lippe abzutupfen. Es war weniger schlimm als sie gedacht hatte. Nach ein paar Sekunden sah er wieder aus wie neu. Ana schloss benommen die Augen.

"Fertig", brachte sie mit piepsiger Stimme hervor und ließ das Taschentuch sinken.

Als Monty merkte, dass seine Hand noch immer an ihrer Taille lag, zog er sie langsam zurück und sah sie eindringlich an.

"Machen wir uns gut als Maskottchen, oder was?" Er grinste schief.

Ana verfiel sofort in schwachsinniges Gelächter. Sie atmete schwer, aber es fühlte sich gut an zu lachen. Sie verstand nicht wie Monty so gelassen bleiben konnte, aber sie war auch froh darüber.

"Scheiße, was...", begann sie. "Was ist da nur passiert?"

Monty lehnte sich mit dem Kopf an die Wand hinter seinem Bett und schloss die Augen.

"Ich hab keinen blassen Schimmer."

Als seine Schultern die Wand berührten wand er sich unnatürlich und verzog schmerzverzerrt das Gesicht. Offenbar hatte er auf dem Feld doch mehr abbekommen, als er dachte. Ana biss sich auf die Unterlippe.

"Was hast du?"

"Nichts, nur...dieses verdammte Spiel", sagte er und lächelte sie unüberzeugend an.

"Lass mich sehen", sagte sie. Sie schien wieder außerhalb ihres Körpers zu stehen. Sie fragte sich in Gedanken, wo ihre Tasche war, ihr Handy, ihre...Freunde. Ihre Sachen mussten in Montys Auto sein. Plötzlich überrollte sie eine Welle der Schuld. Sie war einfach abgehauen, ohne dabei an Jess und die Anderen zu denken. Hatten sie es heil von dort weg geschafft? Ana schob den Gedanken beiseite und versuchte sich jetzt auf Monty zu konzentrieren.

"Sehen...was sehen?", fragte er sie verdutzt.

"Deine Schulter, Blödmann", entgegnete sie und zog eine Grimasse.

"Es ist nicht so schlimm", behauptete er, zuckte aber zusammen als er sich umdrehen wollte. Er schien vor lauter Adrenalin gar nicht bemerkt zu haben, wie schlecht seine körperliche Verfassung eigentlich war.

"Wenn es nicht so schlimm ist, dürfte es doch kein Problem sein, mich nachsehen zu lassen."

Irgendwie gewann Ana die Diskussion, bevor sie wirklich zu einer werden konnte. Monty seufzte und rückte ein Stück vor. Er wollte das Trikot anheben, aber stöhnte vor Schmerz auf, als er merkte, dass er die Arme nicht über den Kopf heben konnte.

Ana schloss die Augen und hielt die Luft an. Schließlich öffnete sie die Augen wieder und nickte Monty langsam zu.

"Darf ich?"

Er bedeutete ihr, zu tun, was sie meinte.

Ana fuhr vorsichtig mit den Fingern unter den Saum und zog das Shirt hoch. Sie bemühte sich, ihn dabei möglichst nicht zu verletzen. Nach ein paar Sekunden - oder Minuten, so fühlte es sich an - hatte sie das Shirt über den Kopf gezogen und ließ es auf den Fußboden gleiten. Sie ging um Monty herum und setzte sich hinter ihm auf das Bett.

Ihr Blick glitt über die glatte Haut seines Rückens und blieb abrupt an seiner Schulter hängen. Der Anblick, der sich ihr bot, hätte ihr um ein Haar Tränen in die Augen getrieben. Was sie da vor sich hatte, waren unter keinen Umständen nur die Folgen des heutigen Abends. Da steckte mehr hinter. Mit Sicherheit hatte er zuvor schon eine Auseinandersetzung mit seinem Vater gehabt. Die Haut seiner Schulter war überzogen mit einem dunklen Fleck, der von hellblau über lila und grün ging. Ana hielt die Luft an und fuhr mit der Fingerspitze die Haut entlang. Monty zuckte bei der plötzlichen Berührung kurz zusammen, entspannte sich aber schließlich schnell.

"Fuck", flüsterte er.

"Deine...Deine Schulter, sie..."

"Man sieht was, nicht wahr?" Seine Stimme klang monoton, aber auch irgendwie traurig.

Ana holte Luft und schluckte. Sie blickte sich im Zimmer um und entdeckte eine Creme, die man bei Sportverletzungen auftrug. Sie fand, das sollte hierfür auch taugen. Ana griff nach der Tube und tat sich ein wenig der Creme auf die Finger auf.

"Das wird vielleicht ein bisschen kalt", warnte sie Monty. Er nickte und dabei schien sein Unterkiefer zu arbeiten.

Ana hielt die Luft an und begann die Creme auf der verwundeten Schulter zu verteilen. Es tat ihr fast schon körperlich weh, wenn sie Monty durch die Berürung weh tat. Sie spürte einen Kloß im Hals, aber schließlich tat sie das, damit es besser wurde. Sie befeuchtete ihre Lippen und nickte schließlich, als sie fertig war. Ihre Finger fuhren sanft über seine Schultern hinauf zu seinem Nacken.

"Okay", sagte sie leise.

Monty drehte sich vorsichtig um und nickte dankbar in ihre Richtung.

Es dauerte einige Zeit, bis ihre Blicke sich trafen. Montys Blick wanderte entlang Anas schlanken Schultern, die trotz des Sweaters hervortraten, weil sie ständig nur noch abnahm. Er biss sich auf die Unterlippe und erschrak, weil er vergessen hatte, dass er verletzt war.

Ana sah ihn besorgt an und ihr Blick wanderte über seine dunkelblauen Liberty Hosen, über seinen freien Oberkörper wieder hinauf zu seinem Gesicht. Er war so kaputt. Sein Vater - machte ihn kaputt. Bei dem Gedanken spürte Ana wie ihr Blut zu kochen begann. Sie schürzte die Lippen und lehnte sich an die Wand. Sie wünschte sich so sehr, ihn beschützen zu können, aber irgendwie landete sie immer erst bei ihm, wenn das Schlimmste bereits eingetreten war und sie konnte ihm nur noch helfen, seine Wunden zu versorgen. Sie schüttelte den Kopf und schloss die Augen.

"Woran denkst du?", fragte Monty und lehnte den Kopf ebenfalls an. Er saß ihr zwar gegenüber, war ihr aber viel näher gekommen, als sie meinte sich zu erinnern.

Ana öffnete die Augen und dachte nach.

"An dich."

Monty lächelte schwach und wandte den Blick ab. "Das kann ja nichts Gutes bedeuten."

Ana erwiderte sein Lächeln und nahm seine Hand in ihre. "Wieso sagst du das?"

Monty schüttelte nur den Kopf, wodurch ihm ein paar seiner Haarsträhnen ins Gesicht fielen. Er sah durch den Wind aus und hatte viel, viel erlebt an diesem Tag - und schien trotzdem noch immer entspannter zu sein als Ana.

Plötzlich hob er den Blick und blieb mit den Augen an Anas hängen. Sie sah aus wie eine müde Prinzessin, die man ihr Leben lang in einem Turm festgehalten hatte - bis ein dunkler Ritter aufgetaucht war, um sie zu befreien. Nur um sie dann wieder irgendwo festzuhalten.

"Willst du mich nicht fragen?"

Ana lächelte warm. "Okay. Woran denkst du?"

Sie sah ihn lange an und er schien nachzudenken. Er dachte darüber nach, worüber er nachdachte. Ana biss sich auf die Unterlippe und lächelte leicht.

"Ich würde dich gern küssen."

Einfach so. Wie ein kalter Schlag, der seinen Weg in Form eines sanften Flüsterns von Montys Lippen hin bis zu Anas Ohren fand. Sie spürte, wie ihr Herz förmlich zu zerspringen drohte, als sie den Blick hob und feststellte, dass er sie ansah. Hatte er das wirklich gesagt? Oder hatte sie es sich nur eingebildet? Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

Ein paar Sekunden sahen sie sich an. Ana wollte etwas sagen, irgendetwas - sie dachte an Jeff. Sie dachte an die Zeit ohne Jeff. Dann an die Zeit mit Jeff. Sie dachte an Monty. Und in ihrem Kopf bildete sich ein Knoten. Ihre Gedanken waren verworren und sie verwirrt - so schrecklich verwirrt.

Wenn es nach Jeff ging...dann hatte Monty eigentlich gar nichts für Frauen übrig. Oder vielleicht nicht so. Oder nicht alle Frauen - oder was auch immer. Das hätte Ana niemals zugegeben und Jeff schon gar nicht, aber er hatte diese Ahnung gehabt und er hatte sie mit Ana geteilt und sie war einfach davon ausgegangen, dass es stimmte. Aber nun saß sie dort. Auf Montys Bett. Mit Monty...und er sah sie mit diesen großen, dunklen Augen an, die ihr die Fähigkeit nahmen, klar zu denken.

Bevor sie sich versah, spürte sie wie Monty sanft seine Finger an ihre Wange führte und wie sein Daumen vorsichtig über ihre Haut glitt. Ihre Haut begann unter seiner Berührung sofort zu kribbeln.

Innerlich kämpfte sie mit sich. Sie wollte ihm sagen, dass das nicht ging. Dass sie ihn liebte, aber nicht auf diese Art. Dass sie Jeff auf diese Art liebte. Dass sie daran glaubte, dass Jeff wieder aufwachte. Und dass sie den Gedanken nicht ertrug, dass Jeff aus seinem Koma erwachte, nur um sich anhören zu müssen, dass sein bester Freund und seine feste Freundin...

...sich geküsst hatten.

Aber auf der anderen Seite hielt sie ihn nicht auf. Als Montys Finger zärtlich die Konturen ihres Halses nachfuhren, zuckte Ana nicht weg. Auch nicht, als er näher auf sie zurückte und mit seinen Lippen ganz nah an sie herangerückt war. Sie starrte wie gebannt auf die unter Hälfte seines Gesichtes und versuchte irgendetwas zu sagen.

"Du musst nur ein Wort sagen", flüsterte er und schien selbst keine Luft zu bekommen. "Nur eins, okay. Und ich höre sofort auf."

Ana hörte seine Worte und sie verstand sie und am liebsten wollte sie es sagen. Ein Wort! Ein Wort.

Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen spürte sie, wie ihre Augen zufielen und wie sie sich langsam aber sicher nach vorn beugte. Sie spürte, wie Monty mit seinem Gesicht immer näher kam. Sie fühlte seinen Atem auf ihrem Gesicht und sie spürte seinen Blick auf ihr. Sie spürte auch seine Hand, die ihr erst durch das Haar fuhr und dann an ihrem Nacken zum Stillstand kam.

Und dann spürte sie es. Sie spürte seine Lippen auf ihren. Sie konnte fühlen wie Monty ihr so nah gekommen war, dass seine Lippen ihre berührten. Und die Berührung war so zärtlich, dass sie keine Luft mehr zu bekommen schien.

Sie fuhr mit ihrer Hand an sein Gesicht und berührte seine Wange, während seine Lippen ihre berührten und er sie sanft und liebevoll küsste.

Nach ein paar Sekunden zog Monty vorsichtig seinen Kopf zurück und öffnete die Augen erst, als er den Kopf wieder an die Wand gelehnt hatte.

Lange Zeit sagten beide nichts, bis Monty Luft holte und den Mund öffnete.

"Es tut mir leid", flüsterte er kaum hörbar.

Ana hob den Blick und schüttelte langsam den Kopf.

Ist okay. Ist okay, ist okay.

Sie lächelte sanft und schuldbewusst, bevor sie die Augen schloss.

"Dafür gibt es keinen Grund."

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