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i love you, baby

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16
Jeff Atkins Justin Foley Montgomery de la Cruz OC (Own Character) Tony Padilla
21.06.2020
29.07.2020
11
29.789
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21.06.2020 2.254
 
"Okay, ja, okay. Okay, Mom, ich werd' zum Essen zu Hause sein. Ja, ich versprech's...Okay."

Klick. Das war's - so leicht, kann man jemanden abspeisen, wenn man es nur unbedingt möchte. Ana schüttelte den Kopf und ein paar dunkelbraune Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht. Sie strich sie sofort weg, aber ihre trockenen Spitzen kitzelten ihre Wangen. Der letzte Besuch bei einem Friseur lag schon wieder...viel zu lang zurück.

"Alles klar?", fragte plötzlich eine Stimme hinter ihr und sie zuckte zusammen. Als hätte sie es vergessen...dass sie nicht mit ihm allein war. Dass er es nicht war, der mit ihr sprach. Er konnte nicht. Plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals. Sie fuhr herum und sah in Montys nachdenkliches Gesicht.

"Klar", sagte sie leise und zwang sich zu einem Lächeln, dabei war gar nichts klar. Diese ganze Woche schon, war alles irgendwie so...falsch. Anas Gedanken kreisten die ganze Zeit um Tyler, der irgendwas mit der Polizei am Laufen hatte und um Clay, dem es leider irgendwie gar nicht gut zu gehen schien. Hin und wieder dachte sie auch an Alex und daran, wie sehr er diesen ganzen Scheiß nicht verdient hatte. Aber zu Montgomery sagte sie nichts von all dem, stattdessen lächelte sie nur mild und sagte: "Mom macht sich Sorgen, weil ich nicht gefrühstückt habe."

Monty verzog das Gesicht zu einer Grimasse und ließ sich auf einem kleinen, ungemütlichen Krankenhaussessel nieder. "Schon wieder?" In seiner Stimme klang echte Besorgnis mit, aber eigentlich ging es ihn ja nichts an. Ana fand sogar, dass er sich langsam anhörte wie ihre Mom und das passte so gar nicht zu Monty. Nein, zu Monty passten andere Dinge. Straßenprügeleien und Gefängnistattoos...Ana schreckte hoch, von ihren eigenen gemeinen Gedanken entsetzt und am liebsten hätte sie sich dafür geohrfeigt.

"Ja, weißt du, ich hab mit Justin die Schicht getauscht. Ich hab bei der Arbeit was gegessen und danach bin ich gleich hergekommen." So wie immer eigentlich, dachte sie. Wieso ihre Mutter sich in letzter Zeit noch mehr Sorgen um sie machte, konnte sie sich nicht erklären.

"Du hast bei der Arbeit was gegessen", sagte Montgomery de la Cruz langsam und sah ihr dabei zweifelnd ins Gesicht. Er sah müde aus. Müde und abgemagert. Das Gefängnis war ihm nicht gut bekommen, aber das war auch kein Wunder. Nachdem man mit einem Messer auf ihn losgegangen war und sein Verfahren schließlich beschleunigt hatte, war er tatsächlich mit Öffentlichkeitsarbeit und regelmäßigen Besuchen bei einem Psychiater davongekommen. Außerdem durfte er sich Tyler bis auf weiteres nicht mehr als dreißig Schritte nähern. Aber wenigstens schien er seine Tat inzwischen zu bereuen.

Anabeth lächelte müde und umschloss Jeffs Hand mit ihrer eigenen. Dabei sah sie Monty musternd an. "Du siehst auch nicht so aus, als hättest du heute schon was gegessen."

Monty lachte bitter und wandte den Blick von ihr ab. "Wir beide sind auch gar nicht zu vergleichen. Du hast einen Grund, auf deine Mom zu hören, Süße."

Anabeth schüttelte energisch den Kopf und strich gleichzeitig ein paar Haarsträhnen aus Jeffs Gesicht. Er sah so friedlich aus, es brach ihr fast das Herz. Sie fragte sich, ob er sie hörte, ob er wusste, wie schlecht es ihr ging und, dass sie nicht mal mehr essen konnte, wie ein normaler Mensch. Ob er sich sorgte. Sie hoffte, dass er einfach nur schlief. Er schlief und irgendwann würde er aufwachen und alles würde perfekt sein. Genau wie früher. Vor dem Unfall. Vor Hannah. Vor Bryce...

"Wir sind beide Menschen und müssen beide essen. Das hat nichts mit Vergleichbarkeit zu tun."

Monty atmete mürrisch aus und wandte sich seinem Handy zu, als auf Anas Handy eine Nachricht aufploppte. Sie nahm es in die Hand und las. Sie war von Tony.

911. Brauche Hilfe mit Tyler. Kann ich dich abholen?

Sie biss sich auf die Unterlippe und dachte nach. Jetzt war es vier Uhr. In zwei Stunden musste sie zu Hause sein, sonst würde ihr Vater sicher einen Aufstand machen. Und wenn sie jetzt ging, würde Monty sicher anfangen Fragen zu stellen. Sie hasste es ihn anzulügen. Neben Jeff... war Monty ihr bester Freund, schon seit einer ganzen Ewigkeit und das trotz allem, was in der Zwischenzeit passiert war. Aber in diesem Fall ging es einfach nicht anders. Er würde schon ohne sie klarkommen. Klar, eine Menge Leute hatten sich von ihm abgewendet...Aber die Sportler würden ihn nie komplett abstoßen, das war klar. Trotzdem setzte Ana alles daran, ihn nicht komplett in deren Obhut zu geben, weil ihr Einfluss einfach grauenvoll war.

Monty war schon immer impulsiv gewesen und durch seinen Vater, die Gewalt und den Hass, die er ständig erlebte, all das seit seiner Kindheit, war alles nur noch schlimmer geworden. Aber Ana wusste, dass Monty tief in ihm drin ein guter Mensch war. Man musste ihn einfach wieder auf den richtigen Weg bringen. Und man musste ihn so gut es ging von seinen Freunden den Football- und Baseballspielern fernhalten. Solange Jeff da gewesen war, war es Monty nie gelungen, komplett auszubrechen. Es war als hätte er in seinem besten Freund ein Ventil gehabt, das ihn immer zurückgeholt hatte, wenn er kurz davor gewesen war, etwas wirklich Dummes zu tun. Seit Jeff das nicht mehr tun konnte, lag diese Last nur noch bei Ana. Aber sie tat es gern. Sie liebte Monty, auch, wenn er ein echter Idiot sein konnte. Er hatte es einfach niemals besser gelernt. Niemand hatte ihn jemals so richtig geliebt, außer vielleicht seiner Schwester...Und sogar ihre Liebe kannte Grenzen. Monty war einfach allein. Jetzt mehr denn je. Und er brauchte sie. Und auch, wenn Anabeth es vor ihren anderen Freunden niemals zugeben konnte, sie brauchte ihn auch. Monty war ihr ältester Freund in der Stadt.

"Hör mal, ich muss gleich noch was erledigen..."

Montgomery blickte von seinem Telefon auf und wartete, dass sie weitersprach.
Die Brünette kaute auf ihrer Lippe herum und rang sich zu einem Lächeln durch. "Das wird wahrscheinlich nicht lange dauern. Bleibst du solange bei ihm und ich hole dich später ab, damit wir mit meinen Eltern zu Abend essen können? Sie würden sich sicher freuen, wenn du kommst."

Monty dachte kurz nach und lächelte dann schwach. Wahrscheinlich war alles besser, als zu ihm nach Hause zu gehen.

"Okay", sagte er knapp und sah dann wieder auf sein Handy. Das schlanke Mädchen hievte sich mit einer leichten Bewegung aus ihrem Stuhl, drückte Jeffs Hand noch einmal und presste ihm einen kurzen Kuss auf die Stirn, bevor sie sich der Tür zuwandte. Sie griff nach ihrer Tasche und lief los.

"Pass auf dich auf", hörte sie Monty noch sagen und nickte schnell. "Du auch", sagte sie und lächelte. Dann verließ sie das Zimmer und holte beim Rausgehen tief Luft. Irgendwas sagte ihr, dass das kein guter Tag für sie war.





Als Anabeth vom Parkplatz und auf die Büsche zulief, überkam sie schon ein seltsames Gefühl. In diesen letzten paar Wochen war so viel passiert, dass ihr übel wurde, wenn sie nur daran dachte. Sie hatte mit Tony telefoniert und er hatte ihr versichert, es war vielleicht doch nicht so schlimm, wie zu Anfang gedacht und dennoch - wenn sie an Tyler dachte, spürte sie einen Stein in der Magengrube.

"Fuck, Tony!", schrie sie überrascht auf, als der plötzlich vor ihr auftauchte und sie fast zu Tode erschreckte. Ihr wurde mit einem Mal schwindlig und plötzlich wünschte sie sich, heute mehr gegessen zu haben. Tony stand wie angewurzelt da und griff nach ihrem Arm, als wollte er sie auffangen. Wenn die Lage nicht so ernst wäre, hätte er vermutlich angefangen zu lachen.

"Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken", flüsterte er, "aber wir sind hier Undercover. Ich glaube...ich glaube, die Cops wollen Tyler hochnehmen. Ich glaube, sie wollen ihn in eine Falle locken."

Anabeth schüttelte verdutzt den Kopf und wartete darauf, dass Tony weitersprach.
"Ich hab ein Gespräch von ihnen überhört, irgendwas mit Tyler am Bluespot. Und Tyler hat sich doch ohnehin so komisch verhalten in der letzten Zeit und..."

"Hol mal Luft, Tony", sagte Ana leise und begann ihn in Richtung Auto zu navigieren. Sie setzte sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf den Beifahrersitz und wartete bis Tony sich auf den Fahrersitz gesetzt hatte. Dann sah sie durch die Scheibe nach draußen in den frühen Abend und suchte die Straße nach Menschen ab. Sie war menschenleer.
"Was ist genau passiert?"

"Ich glaube, Tyler hat Waffen gekauft oder er hat es vor. Und vielleicht hat die Polizei das so eingefädelt, dass sie ihn dabei erwischen."

"Wie kommst du darauf? Hat jemand was über den Frühlingstanz gesagt?" Ana klappte den Spiegel auf und sah sich durch ihre grünen Augen an. Sie sah wirklich müde aus. Vielleicht hatte Monty recht und sie waren wirklich nicht vergleichbar; Monty war stark. So irre er auch sein konnte, er war stark. Sie war es nicht. Jedenfalls nicht mehr. Irgendwann war Anabeth Belfort mal glücklich und selbstsicher gewesen. Sie war Cheerleader-Captain, brachte tolle Zensuren nach Hause, verpasste keine Party und war mit dem populärsten Jungen der Schule zusammen - und dieser war noch dazu der netteste Mensch, der ihr in ihrem ganzen Leben jemals begegnet war. Aber nach diesem Unfall war alles anders geworden. Ana wurde...zu einer Hülle. Sie hatte sich selbst verloren. Die einzigen Leute, die ihr noch geblieben waren - wirklich geblieben waren - waren Monty und Justin. Monty war...naja, Monty. Und Justin war zwar wie ein großer Bruder für sie, aber der hatte gerade einfach selbst genug Stress. Mit Jess, der Collegebewerbung und dem ganzen Kram. Sie versuchte, ihn so gut es ging zu entlasten. Und irgendwie verlor sie sich dabei selbst. Aber das lag schon lange zurück. Jetzt schien sie nur noch für andere Leute zu existieren. Sie nahm sich selbst nicht mehr wirklich wahr. Da waren eigentlich nur noch die Depressionen. Ein Glück, dass Jeff sie nicht so sah.

"Nein, aber du kennst doch Tyler - vielleicht ist ihm irgendwas rausgerutscht, vielleicht ist er auch gar nicht mehr auf unserer Seite."

"Tony!"

Er sah sie mit einem schmerzerfüllten Ausdruck in den Augen an. "Es ist alles möglich, okay? Wie sollten wir uns sicher sein? Wir müssen einfach an uns selbst denken, Ana. Es nützt nichts, wenn wir alle Tyler beschützen und dafür gehen alle anderen in den Knast..."

Plötzlich nahm sie eine Bewegung wahr und machte ein Zeichen, still zu sein. Sie dachte, sie hätte etwas im Rückspiegel gesehen und hielt die Luft an. Nach mehreren Sekunden der Stille, wollte sie gerade ausatmen, als plötzlich jemand die hintere Tür aufriss.

"Scheiße, Clay!"

"Tut mir leid, tut mir leid! Ich muss...ich musste kommen. Sorry, wenn ich euch erschreckt hab."

Ana sah Clay durch den Rückspiegel an und erschrak. Wenn sie fand, dass sie müde aussah, hätte man für Clays Zustand ein neues Wort erfinden müssen. Unter seinen Augen waren riesige dunkle Ringe und sie waren rotgerändert. Seine Wangen waren eingefallen und in seinen Augen erkannte sie kaum einen Funken echten Lebens.

"Alles klar, Clay?", fragte sie leise, obwohl sie die Antwort schon kannte.

"Klar, alles klar", murmelte er, "schon was von Tyler gehört?"

In genau dieser Sekunde beobachteten die drei in dem schwachen Licht plötzlich wie jemand über den Bürgersteig spazierte und es war Tyler. Ana hielt die Luft an.
Tyler war dunkel gekleidet und bog schnell in eine Seitenstraße ein, wo ein Auto auf ihn wartete. Statt eines Polizeibeamten stieg ein zwielichtiger Typ aus, der nicht gerade wie ein guter Umgang aussah. Das lange, fettige Haar hing ihm strähnenweise in der Stirn und er ging mit einem buckligen Gang auf Tyler zu und fragte ihn etwas.

Dann ging alles ganz schnell. Tony und Clay sprangen wie Tiere aus dem Wangen und ließen die Türen offen stehen; sie rannten und brüllten Tylers Namen. Atemlos kamen sie in der Gasse an und brüllten auch weiterhin, während Ana schon drauf und dran war die Nummer der Polizei zu wählen. Gefängnis hin oder her, sie kannte solche Typen. Sie hatte sie oft im Zusammenhang mit Justin getroffen und sie konnten gefährlich sein. Noch bevor Ana die Nummer eintippen konnte, hörte sie schon Polizeisirenen in der Nähe ertönen. Sie beobachtete die Situation fassungslos, unfähig sich zu bewegen.

Clay brüllte Tyler an, woraufhin der zwielichtige Typ hysterisch wurde und auf Tyler losgehen wollte. Tyler blieb ruhig und sagte etwas zu Tony und Clay, das Ana nicht zuzuordnen wusste, aber plötzlich...plötzlich richtete der Typ seine Waffe gegen Tyler und drückte ihn gegen eine Gitterwand. Anabeth schlug sich die Hände vor den Mund und begann sofort wie verrückt zu zittern. Sie holte Luft und stolperte aus dem Auto, als wäre es überhaupt möglich, irgendetwas zu tun. Sie taumelte unkonzentriert auf das Geschehen zu und vor ihren Augen sammelten sich Polizeibeamte, Tony und Clay riefen wie wild auf den Mann ein und alles ging immer schneller und schneller - wie ein Kartenhaus, das Ewigkeiten braucht, um aufgebaut zu werden und schließlich innerhalb von einer Sekunde in sich zusammenfällt. Gerade als Ana dachte, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, ertönte ein Schuss. Sie zuckte zusammen und war schweißgetränkt. Vor ihren Augen verschwamm alles und das letzte, was sie sah, war wie Tony auf sie zugelaufen kam, bevor plötzlich alles schwarz wurde.
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