Eiskalte Versuchungen

von NalaTommo
GeschichteDrama / P18 Slash
Eren Jäger Levi Ackermann / Rivaille
20.06.2020
30.06.2020
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30.06.2020 2.158
 
Der braunhaarige wachte mit einem mördermäßigen Dröhnen in seinem Kopf auf. Er brauchte Wasser, schnell. Und vorzugsweise ein Aspirin.

Es war bereits elf Uhr, wie sein Handy ihm verkündete und er machte sich auf den Weg zum Bad. Die Welt drehte sich eindeutig noch und er fühlte sich wirklich wackelig. Seinen Zahnputzbecher füllte er mit Wasser und nahm einen Schluck.

Ah, süße Erfrischung, die seinen Mund, der sich trockener als die Sahara anfühlte, da benetzte. Er setzte sich kurz auf die Toilette und ließ die Kühle der Fliesen seinen Körper abkühlen.

Doch schlagartig änderte sich seine Erleichterung und er schaffte es gerade so noch rechtzeitig von der Toilette, um die Brille hochzuklappen und den Schluck Wasser samt Magensäure wieder aus seinem Körper zu transportieren.

Na super, so eine Art von Tag wurde das also. Er hatte gestern eindeutig zu viel getrunken und zahlte dafür jetzt wohl den teuren Preis.

Er ließ seinen Kopf gegen das Porzellan sinken und versuchte seinen rebellierenden Magen zu beruhigen. Er spülte seinen Mund aus und putzte sich die Zähne, aber auch das half nichts gegen den bitteren Geschmack und so suchte er im Spiegelschrank nach einer Aspirintablette und ging in die Küche, um sich einen Tee auf zu kochen.

Das war für ihn Tradition, wenn es ihm nicht gut ging. Seine Mutter hatte immer eine große Tasse Kamillentee für ihn und Mikasa gekocht und pflegte zu sagen, dass es einem schon viel besser ging, wenn man von innen gewärmt wird.

Ihm fiel erst jetzt auf, dass auf der Küchenzeile eine Notiz von Armin lag.

„Bin in der Bibliothek, komme gegen 15 Uhr zurück und bringe dann Einkäufe mit“

Ach, auf seinen Mitbewohner war doch Verlass. Aber das bedeutete auch, dass Eren diese Woche mit Putzen dran war und er sah sich absolut außer Stande jetzt die Küche und das Bad auf Trab zu bekommen.

Verdammter Alkohol.

Er musste jetzt aber erstmal warten bis die Aspirin anfing zu wirken und da ist der beste Ort ohne Frage sein Bett.

Mit seinem Laptop ausgerüstet legte er sich wieder in sein Bett und so musste sich einfach der Himmel anfühlen. Es war so weich und warm und er fühlte sich so geborgen…

Kurz schloss er die Augen, doch er durfte nicht wieder einschlafen. Armin wäre enttäuscht, wenn er seinen Pflichten nachkäme.

Er öffnete den Laptop und die Wikipedia-Page von Levi Ackerman ploppte auf. Huch, die muss er wohl vergessen haben zu schließen.

Das Foto von Levi fiel ihm wieder ins Auge. Der Mann hatte sehr feine Gesichtszüge und eine Jawline an der man sich vermutlich schneiden könnte, so klar definiert war die.

Vielleicht sollte er sich ja mal anschauen, wieso der Kerl so erfolgreich war. Er öffnete YouTube und gab „Levi Ackerman Olympia“ ein und es kamen direkt zwei Videos, einmal das Kurzprogramm und einmal die Kür. Was war da überhaupt der Unterschied?

Er klickte auf das längere Video zur Kür des Eiskunstläufers. Es handelte sich um die Kür der olympischen Spiele vor zwei Jahren. Sein letzter Auftritt also. Levi kam aufs Eis und trug ein enges Kostüm*, welches komplett in schwarz gehalten war und einen tiefen V-Ausschnitt hatte. Das Material sah irgendwie federhaft aus? Normalerweise hätte Eren jeden, der sowas anzog komplett ausgelacht, aber der Sportler trug das wirklich mit Würde. Niemand würde sich trauen sich über ihn lustig zu machen so viel Stand fest.

Die Musik war irgendwas Klassisches, nichts was Eren erkennen würde, aber das Stück startete ruhig, zaghaft. Levi bewegte sich kraftvoll, aber so elegant, wie Eren es nicht mal beim normalen Laufen, geschweige denn auf messerscharfen Schlittschuhen hinkriegen würde. Es faszinierte Eren und er fühlte sich ein stückweit dahin hineinversetzt, wie es damals war mit Mikasa und Armin auf der Couch zu sitzen und gespannt den Sportlern dabei zu zusehen, wie sie sich drehten, übers Eis rasten und dann waghalsige Sprünge meisterten.

Just in diesem Moment setzte Levi zu seinem ersten Sprung an. Er sprang einen Triple Salchow, das sagte zumindest der Moderator, und Eren fragte sich nur, wie man sich aus eigener Kraft so in die Luft stemmen konnte, dass man es schaffte drei Umdrehungen zu meistern. Der Eiskünstläufer landete und das Publikum feierte ihn. Je länger Eren zu sah, desto mehr spannte ihn das ganze ein. Er begann zu verstehen. Die Choreografie, sie hatte eine Bedeutung.

Nun machte er eine Pirouette und der braunhaarige verstand, dass das der Moment der Metamorphose war. Aus dem zaghaften Vögelchen wurde der anmutige Schwan. Die Pirouette beendete er in dem er seine Arme in die Luft riss, als würde er sagen „Hier bin ich!“ und seine Federn spreizen. Die Musik gewann jetzt an Lautstärke, Kraft, Intensität und das merkte man auch Levi an. Er war nun entschlossen und setzte an für einen weiteren Sprung.

„Ein vierfacher Axel und ein doppelter Toeloop hinterher!“, rief der Moderator. Das Publikum brach in Begeisterung aus. Es gab Rufe, Gestampfe und es wurde geklatscht. Es dauerte gute fünf Sekunden, bis sie sich wieder beruhigen konnten.

„Das ist unglaublich. Dieser Mann schreibt Geschichte! Es hat noch nie jemand den unglaublich schwierigen Sprung des vierfach Axels mit einem weiteren Sprung kombiniert! Das muss ihn unglaublich viel Kraft kosten.“

Es beeindruckte Eren, die ganze Performance war so ausdrucksstark und gefühlvoll.

Nun führte Levi beeindruckende Schrittfolgen durch und es schien, dass er völlig aufging in dieser Situation.

Eren glaubte, dass dieser Sportler rein gar nichts mit dem griesgrämigen Zwerg zu tun haben konnte, den er gestern an seiner Universität getroffen hatte. Das konnte nicht die gleiche Person sein!

Als nächstes folgte sogar eine dreifach Sprungfolge, jedoch mit geringerer Umdrehungsanzahl, aber nicht weniger beeindruckend, was die Ausführung betraf. Während dem springen hielt Levi seinen Arm in der Luft, was ihm eine höhere Punktzahl erbrachte und auch zeigte, dass er ein absoluter Profi war.

Er endete seine Kür mit einer weiteren Pirouette, die so schnell und kompliziert aussah, dass Eren nicht mehr ganz mitkam, aber die Endpose war eindeutig: Ich habe meine Flügel geöffnet und alles, was mir im Weg war, kann diesen Adler nicht aufhalten.

Blumen und Kuscheltiere regneten auf die Fläche, als der Sportler sich verbeugte und zur Bank führ, wo er auf die Ergebnisse wartete. „Kiss and Cry“ nannte es der Moderator. Er sprach davon, dass nach dieser Kür allen bewusst war, dass Gold wieder an ihn ging, denn an seine Ausführung und die Schwierigkeit der einzelnen Elemente kam keiner ran.

Eren war immer noch etwas erstaunt, auf was für eine Reise Levi Ackerman da innerhalb von vier Minuten mitgenommen hatte. Aber jetzt, auf der Bank neben einem großen, breitschultrigen Blonden und einer Frau mit wilden braunen Haaren und einer viereckigen Brille, erkannte er doch wieder, wie unfreundlich und genervt der Sportler aussah.

So sieht doch niemand aus, der gerade eine unglaubliche Kür gefahren ist und das dritte Mal olympischer Sieger werden wird?? Immer weniger verstand Eren diesen Mann.

Parallel kamen die Punkte rein und neben dem Sieg brach Levi auch seinen eigenen Weltrekord. Die braunhaarige sprang auf und freute sich riesig, sie umarmte ihn überschwänglich und der Mann neben ihm klopfte ihm auf die Schulter und schien ebenfalls sehr erfreut über diese Leistung. In der Miene des schwarzhaarigen zuckte nicht ein Muskel, es hätte genauso ein Roboter dar sitzen können.

Genervt klappte Eren seinen Laptop zu. Ja, es hatte ihn mitgerissen und ja, er war faszinierter als er zugeben wollte, aber irgendwas an diesem Mann reizte ihn immer noch und er verstand immer noch nicht, wieso er plötzlich in seiner Uni aufgetaucht war und sich so seltsam benahm.

Einen positiven Aspekt hatte die Ablenkung, er hatte keine Kopfschmerzen mehr und machte sich auf den Weg ins Badezimmer, um seiner Mitbewohnerpflicht nach zu kommen, auch wenn ihm wieder etwas übel wurde.


Levi stieg gerade aus seiner Dusche und trocknete sich ab. Er hatte die Sporteinheit von gestern deutlich gespürt und heute deshalb eine lockerere Session eingelegt und viele Dehnübungen durchgeführt. Muskelkater führte zu einer Steifheit, die man sich als Eiskunstläufer nicht leisten kann. Es wäre für ihn mal wieder an der Zeit auch auf dem Eis zu trainieren. Er war sich sicher, dass Erwin im Laufe des Tages anrufen würde und verlangen würde, dass er morgen eine Trainingseinheit unter seiner Aufsicht vollzog. Das war eine der Bedingungen unter denen er weiter ein monatliches Gehalt gezahlt bekam und sein Vertrag nicht aufgelöst wurde.

Eigentlich war ihm das egal. Sollte Erwin ihn doch rausschmeißen. Der einzige Grund, wieso er sich überhaupt daranhielt, war der, dass es einfacher war mitzuspielen. Das Management sorgte dafür, dass die Presse Levi in Ruhe ließ und keine lästigen Fragen zum unerwarteten Ausstieg aus dem Sport stellte.

Sein Handy klingelte.

„Hallo, Levilein. Wie geht’s dir, mein Schnuckel? Du warst gestern gar nicht auf Erwins Geburtstagparty! Er war furchtbar enttäuscht“, die Brillenschlange schrie dem schwarzhaarigen durch den Lautsprecher gerade zu ins Ohr, weshalb er das Telefon erstmal zehn Zentimeter von seinem Kopf weghielt.

„Hallo, Hanji“, erwiderte er genervt.

„Du weißt, du hast am Dienstag ein paar wichtige Termine, die du nicht vergessen darfst. Die Teampsychologin möchte mit dir sprechen und du musst mal wieder ein Training absolvieren. Ich hab schon einiges geplant dafür. Ich freue mich ja sooo“

„Ich weiß, ich werde da sein“, in der Hoffnung, dass seine kurzen Antworten der braunhaarigen die Lust am Erzählen nahmen. Aber er wusste eigentlich schon zu gut, dass das bei Hanji Zoe nicht funktionieren würde.

„Wir sollten auch mal deinen Auftritt bei der Spendengala besprechen. Du hast dich noch überhaupt nicht in irgendeiner Richtung eingebracht. Möchtest du eine alte Choreografie laufen oder doch lieber deine letzte? Was ist mit Kostümen und wir könnten ja auch noch einmal darüber reden, ob du nicht doch mit beim Teamauftritt laufen möchtest?“

„Auf keinen Fall, ich laufe Einzel. Nicht irgendeine Hampelchoreo mit vier weiteren Eiskunstläufern“

„Och Leviiiiii“, quengelte Hanji nun.

„Ich hab keine Zeit, bis morgen“, mit den Worten legte er auf und stöhnte genervt.

Es war wirklich nicht so, dass er nicht die Spendengala unterstützen wollte, aber er wusste, dass wenn er nun das erste Mal nach seinem Ausstieg wieder auftrat der Fokus nicht beim gemeinnützigen Zweck liegen würde. Alles was den Leuten von diesem Abend in Erinnerung bleiben würde, wäre er und nicht das Ziel, Kindern aus unterprivilegierten Familien den Zugang zu Sportarten auf dem Eis zu ermöglichen.

Eiskunstlauf, Eisschnelllauf und auch Eishockey waren alles sehr kostspielige Hobbys und nur wenige hatten das Glück, wie Levi, sich mit den Besitzern einer Eisbahn angefreundet zu haben und dann auch noch zufälligerweise von einem Talentscout entdeckt zu werden.
Er hatte wirklich Glück gehabt. Sein Leben war zu dem Zeitpunkt schon deutlich aus dem Ruder gelaufen und er hatte keinen festen Wohnort mehr gehabt.

Wenn es gut lief, schlief er manchmal bei seinem Onkel Kenny, aber meistens waren es Isabels Eltern, die Levi mitversorgten und dafür war er ihnen auf ewig dankbar, denn auch sie mussten jeden Cent zwei Mal umdrehen.
Doch es hatte sich für sie alles zum Guten gewendet, denn der schwarzhaarige hatte tatsächlich das geschafft, was niemand ihm zugetraut hatte: ein Aufstieg aus der Gosse.

Die ersten Checks sendete er stehts zur Magnolia-Familie, denn er brauchte das Geld selbst nicht. Er war Tag und Nacht am Trainieren, wurde da durchgefüttert, unterrichtet und auch neu eingekleidet.

Jetzt war das alles lange her. Er hatte sich die Penthouse Wohnung gekauft, Geld investiert und war auf die monatlichen Checks von Erwin nicht mehr angewiesen, da er nicht wirklich viel Wert auf Luxus legte. Gedankenverloren rieb er mit einem Lappen über den Wasserhahn am Waschbecken. Er hätte sich problemlos eine Putzkraft leisten können, aber die würden sowieso nur schlampig arbeiten und putzen hatte etwas therapeutisches für ihn.

Seine Gedanken schweiften ab und er musste wieder an den Verlauf des gestrigen Abends denken. Verdammt, war das eskaliert.

Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass er sich die Gelegenheit mit Christian hat entgehen lassen, nur weil er Eren auf der Tanzfläche entdeckt hatte?
Ihm gefiel dieser Umstand gar nicht. Er musste einen Weg finden diesen Bengel aus dem Kopf zu kriegen und wenn Ablenkung keine Option war, dann musste es nun mal Angriff sein.

Es ergibt sich nur ein Problem: er hatte keinerlei Ahnung, wo er den Jungen finden sollte. Er hieß Eren und studierte and er lokalen Universität, anscheinend Physik. Mehr wusste er über den attraktiven Braunhaarigen nicht.

Hatte er einen Job, bei dem Levi ihn abfangen könnte? Gott, er wusste nicht mal den Nachnamen des Jungen.

Es begann dann doch ein Zweifel in Levi zu wachsen, ob diese Aktion so eine gute Idee war. Er wusste, dass Eren Interesse hatte. Es war ihm nicht entgangen, wie er ihn gemustert hatte, aber ob der Jüngere das auch so zugeben konnte, war fraglich.





*Bei Levis Kostüm dachte ich an Yuzuru Hanyus Köstum von dem Vier-Kontinente-Cup im Februar. Hier ein Link: https://www.sport.de/news/ne3953846/eiskunstlauf-yuzuru--hanyu-mit-weltrekord-in-kurzkuer/

So, diesmal ein etwas kürzeres Kapitel, aber dafür kommt es im nächsten zu einem Wiedersehen unserer beiden Protagonisten.


Eure Nala :)
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