In seinem Namen

OneshotFamilie, Freundschaft / P12
Mama Isabella
20.06.2020
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„Alles Gute zum Geburtstag!“

Die Kinder klatschen und jubelten, als Leslie die zehn Kerzen auf seinem Geburtstagskuchen ausblies. Seine von Sommersprossen übersäten Wangen nahmen eine klatschmohnrote Farbe an, wie jeder seiner Brüder und Schwestern ihm ihre Glückwünsche und Geschenke überreichten; eine Prozedur, die bei fünfunddreißig Geschwistern seine Zeit in Anspruch nahm. Schließlich blieb nur noch ein einziges Mädchen übrig, das Leslie in eine kräftige Umarmung zog, sodass ihm fast die Luft wegblieb.

„Alles Gute zum Geburtstag!“, kicherte sie in sein Ohr und schmatzte dann einen Kuss auf seine Wange, der Leslie geradezu einen Satz in die Luft machen ließ.

„I-Isabella!“, stammelte er, während er sich seine Wange hielt und am liebsten im Erdboden versunken wäre, erheiterten sich seine Geschwister doch zu sehr darüber. Isabella aber grinste ihn weiter nur an mit ihren dunklen Augen und ergriff seine Hand, um ihn mit sich zu ziehen.

„Dies war nur der erste Streich“, verkündete sie beschwingt, dann machte sie Halt vor einem Schrank, auf dem ein alter Plattenspieler aus dem vorherigen Jahrhundert stand. Auf dem Plattenspieler lag ein weiteres in buntes Papier eingewickeltes Geschenk, welches sie ihrem allerbesten Freund präsentierte.
„Und der zweite folgt sogleich!“

Leslie bedankte sich artig und packte das Geschenk unter den neugierigen Blicken der anderen Kinder aus; seine schmalen Finger zupften vorsichtig jedes Stückchen Klebeband ab, bis das Papier sich wie von Zauberhand entfaltete und seinen Schatz preisgab.

„Oh!“ Leslie begann regelrecht zu strahlen, während er Isabellas Geschenk vor sein Gesicht hob – drei große, quadratische Papphüllen, die mit den unterschiedlichsten Farben und Motiven bedruckt waren.

„Was is‘ denn das?“, fragte Roger, einer der kleineren Jungen, neugierig.

„Schallplatten“, erklärte Leslie, der den Blick noch immer nicht von seinem Geschenk abwenden konnte. Mit vor Aufregung zitternden Händen zog er eine pechschwarze, dünne Scheibe aus einem der Kartons und legte sie in den Plattenspieler vor sich.
„In diese Scheibe sind Rillen eingeprägt, die man mit dem menschlichen Auge kaum erkennen kann. Wenn ich nun den Spieler einschalte und diese Nadel die Rillen berührt“, langsam klappte er die graue Nadel des Plattenspielers nach unten, „dann-“

Ohrenbetäubendes Quietschen erfüllte den Saal. Die Kinder verzogen die Gesichter ob des markerschütternden Geräusches, doch Leslie reichten ein, zwei schnelle Handgriffe, und der Lärm verwandelte sich in eine fröhliche Melodie.

„Upps“, sagte er und kratzte sich verlegen am Kinn.
„War wohl noch nicht richtig eingestellt.“

„Aber jetzt ist es großartig!“, warf jemand aus der Meute ein, und da Kinder nun einmal Kinder waren, begannen sie sich zur Musik zu bewegen, zu tanzen und zu springen und ausgelassen Ringelrein miteinander zu spielen.

Das Geburtstagskind aber stand weiter neben dem Plattenspieler und betrachtete die Papphüllen, der Schatten eines Lächelns auf seinen Lippen.
Besorgt dreinschauend stupste Isabella ihn in die Seite. „Hey, Erde an Leslie! Alles in Ordnung bei dir?“

„W-was? Ja, natürlich! Weshalb fragst du?“

„Ich weiß nicht“, entgegnete das Mädchen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
„Du sahst gerade so komisch aus. Als ob dir mein Geschenk nicht gefallen würde.“

„Doch! Natürlich gefällt es mir!“ Leslie schien ganz verzweifelt zu sein, dass seine beste Freundin auch nur auf solch eine Idee kommen könnte und schüttelte energisch den Kopf.
„Es ist das beste Geschenk, das ich mir hätte wünschen können!“ Er rückte näher an Isabella heran, eine Hand an ihr Ohr gelegt und flüsterte: „Ich habe nur daran gedacht, dass du wirklich die Allereinzige bist, die sich solche Gedanken für mich machen würde.“

Isabella lächelte verschmitzt, Leslie abermals in eine Umarmung ziehend. „Ich hatte die Idee, aber Mama hat mir geholfen. Sie hat die Schallplatten besorgt. Wir wissen ja, wie sehr du Musik liebst.“

Nach und nach hatten die Kinder genug vom Tanzen und Mitsingen; sie verabschiedeten sich von Leslie, der sich die Platten alle nacheinander anhören wollte, und gingen nach draußen zum spielen. Isabella und einige der älteren Mädchen aber wurden von Mama in die Küche zitiert, wo sie beim Backen des Geburtstagskuchens eine ordentliche Schweinerei zurückgelassen hatten. Isabella zog nur eine leidlich gequälte Grimasse dabei, als sie den Boden mit einem feuchten Lappen sauberwischte. Es tat ihr wesentlich mehr leid, an seinem Ehrentag nicht bei Leslie sein zu dürfen, als die Küche zu bedauern, die einem Schlachtfeld aus Mehl und Eiern glich.


~ ~ ~



Isabella gähnte herzhaft auf, wie sie durch die Flure des Waisenhauses schlich, ihre Augen kaum dazu zu bringen, sich zu öffnen, war sie doch todmüde. Selbst ihre Füße schlichen mehr über den Holzfußboden als dass sie liefen. Zu gerne wäre sie in ihrem warmen, kuscheligen Bett geblieben, aber irgendwann war es einfach unerträglich geworden, und mit ihren bald zehn Jahren wollte sie doch nicht mehr als Bettnässerin ausgelacht werden.

Wie Isabella sich schon auf den Weg dorthin in ihr Bett zurückträumte, vernahm sie plötzlich etwas. Ein Geräusch. Nein, eine Melodie.

Das Mädchen mochte müde sein, aber neugierig war es ebenso, sodass es nun aufmerksam nach dem Ursprung der Melodie lauschte und seine Schritte dorthin lenkte. Vor der Tür des Musikzimmers blieb sie schließlich stehen, hinter der eindeutig die Musik spielte.
Isabella wunderte sich, weshalb so spät noch jemand hier war, um Musik zu hören. Und noch viel wichtiger, wer  es wohl war. Der Türknauf drehte sich mehrfach um sich selbst, dann klickte er leise und öffnete, was zuvor verschlossen wurde.
Vorsichtig lugte sie in den Raum hinein. Zu ihrer Überraschung war er nicht stockdunkel, wie vermutet, denn ein schwacher Lichtschein drang aus einer Ecke hinter der Tür und warf tanzende Schatten an die Wände. Die Musik, die sie zuvor bereits vernommen hatte, wurde deutlicher, lauter. Eine langsame, aber dennoch fröhliche Melodie und dazu eine tiefe, rauchige Männerstimme, die in einer anderen Sprache als der ihrigen sang.

Isabella blieb für einige Momente zwischen Musiksaal und Flur stehen, derweil sie die Musik in sich aufnahm. Es war ein schönes Lied, das sie zum Lächeln brachte, wenngleich es ein ungewöhnliches war. Normalerweise hörten sie stets nur Stücke ohne Liedtext, in diesem aber reihte der Sänger Worte an Worte, ohne Unterlass, als wäre zu singen für ihn ebenso lebensnotwendig wie zu atmen.

Das Lied endete und ein neues begann, diesmal schneller und unterlegt mit verrückt klingenden Instrumenten, die allzu laut die nächtliche Stille durchbrachen. Eilig schlüpfte Isabella in den Saal und schloss die Türe, ehe die anderen Kinder oder gar Mama etwas davon mitbekamen.
Wie von selbst fanden ihre Augen sogleich die Quelle des goldenen Lichtscheins, die Quelle der Musik. Sie schnappte nach Atem, als sie sah, wer da neben dem surrenden Plattenspieler saß, eine Bettdecke um seine Schultern geworfen, die glimmende Petroleumlampe vor sich stehend – Leslie.

Der brave, zurückhaltende Leslie, der nie Unsinn anstellte, wenn er nicht gerade von seinen Geschwistern in welchen hineingezogen wurde, und sich immer an Mamas strikte Regeln hielt, saß des nachts in diesem Saal und hörte Musik. Isabella beobachtete ihn ungläubig, wie er über das ganze Gesicht strahlend vollkommen in die Melodie versunken zu sein schien. Beide Hände hielt er in der Luft erhoben und seine Finger bewegten sich stetig im Takt, als wäre er der Dirigent des Ensembles, das gerade spielte. Da er seine Augen geschlossen hielt sah er ihr Eintreten nicht, und auch nicht, wie seine beste Freundin sich ihm neugierig näherte und vor ihm in die Hocke ging, gespannt beobachtend, wann er sie wohl bemerken würde.

Es vergingen mehrere Minuten, bis das Lied zuende ging und Leslie seine Hände in den Schoss legte, leise aufamtete, die Augen öffnete – um dann lauthals loszuschreien.

Isabella schmiss sich regelrecht auf ihn, beide Hände auf seinen Mund pressend, um das Geschrei augenblicklich abzuwürgen.

„Spinnst du?! Willst du das ganze Haus aufwecken?!“, zischte sie mit vor Ärger und Überraschung zusammengezogenen Augenbrauen, derweil der Sänger im Hintergrund schon ein neues Lied anstimmte.

Leslie sah sie mit großen Augen an, zitternd wie Espenlaub und schwer atmend, ehe er ihre Hände von seinem Gesicht schob.

„W-was tust du denn hier?“, keuchte er, eine Hand an seine Brust gelegt.
„Du hast mich zu Tode erschreckt!“

„Fast.“

„Was?“

Fast zu Tode erschreckt“, korrigierte Isabella ihn und warf ihr langes, offenes Haar hinter den Rücken.
„Du bist offensichtlich noch quicklebendig, also habe ich dich nur fast bis zu Tode erschreckt.“

„Isabella...“

„Ich habe Musik gehört und wollte schauen, woher sie stammt.“ Das Mädchen rutschte von ihm runter und setzte sich zu ihm, beide Beine mit ihren Armen umklammernd.
„Du sahst so unglaublich friedlich aus, wie du einfach nur zugehört hast. Da wollte ich dich nicht stören.“

„Ach so...“ Leslie tat es ihr gleich und umfasste seine Beine, den Kopf auf die Knie legend.
„Entschuldige bitte, dass ich dich so angeschrien habe. Ich war nur ziemlich erschrocken, musst du wissen.“

„Schon okay. War ja auch fies, mich so heranzuschleichen.“ Isabella streckte ihm frech die Zunge heraus, was Leslie mit der gleichen Geste quittierte und beide Kinder albern kichern ließ. Als sie sich schließlich beruhigt hatten, blickte sie abermals zu ihm.

„Also… warum sitzt du mitten in der Nacht hier rum hörst dir Musik an?“

Leslie antwortete nicht sofort; mit niedergeschlagenen Augen strich er sich mehrfach eine Haarsträhne hinter sein Ohr, die partout machte, was sie wollte, außer dort zu bleiben, wo er sie haben wollte.

„Ich höre sie eben gern für mich allein“, gestand er, ohne seine Freundin anzusehen.
„Tagsüber geht das aber immer nicht. Mal kommt jemand ins Zimmer und will Instrumente holen, dann übt Hiromi ja andauernd am Klavier. Und wenn ich dann die Schallplatten einlege, die du mir geschenkt hast, sind schon alle total genervt davon.“

„Du hörst sie dir wirklich sehr oft an“, stellte Isabella fest.
„Gefallen sie dir wirklich so gut?“

„Oh ja. Du hast ja keine Ahnung.“ Leslie schaute auf, und wie immer, wenn er über Musik sprechen konnte, leuchteten seine Augen geradezu vor Begeisterung auf.
„Der Klang dieser Platten ist einfach wunderbar. Und erst die verschiedenen Musikrichtungen, die sie abdecken! Dann ist da auch noch...“
Der Junge verfiel in einen langen Monolog darüber, warum und weshalb und wieso er sich gar nicht an seinen Geburtstagsgeschenken satthören konnte, und seine aufgeregt flatternden Hände unterstrichen jedes Wort, das er von sich gab. Isabella sah ihn nur an, während alles andere in den Hintergrund rückte – die Lieder, die noch immer von der Schallplatte abgespielt wurden, die Müdigkeit, die in ihr heraufkroch, ja selbst all die vielen Dinge, von denen Leslie ihr erzählte. Allein er war es, den sie noch wahrnahm, ihn und all die Lebendigkeit, die er zu keinem sonstigen Zeitpunkt auszustrahlen vermochte.

Irgendwann aber versiegten auch seine Worte, und Isabella erwachte aus ihrem träumerischen Staunen. Um ihn nicht merken zu lassen, dass sie schon seit einer geraumen Weile nicht mehr zugehört hatte, fragte sie eilig: „Was hörst du dir gerade eigentlich an?“

„Eine Platte von Ray Charles.“ Als sie interessiert den Kopf neigte, fuhr Leslie weiter aus: „Er war ein amerikanischer Soulsänger. Das ist eine Musikrichtung, weißt du? Er ist leider schon ein paar Jahre vor unserer Geburt verstorben, aber ich finde ihn einfach wahnsinnig toll.“

„Warum denn das?“

„Na ja, er war ein begnadeter Sänger und Komponist, der die Musikwelt über Jahrzehnte hinweg mit seinem Einfluss prägte. Selbst heute wird er immer noch als einer der besten Musiker des zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet. Zudem...“
Der Junge verstummte, seine Finger spielten mit einem Zipfel seiner Bettdecke, während er abermals Isabellas Blick auswich.

„Zudem?“, forderte sie ihn zum Weitersprechen auf, war sie jetzt erst recht neugierig zu erfahren, warum er diesen Mann so gernhatte.

„Ich habe mal in einem Buch über ihn gelesen“, sagte Leslie und ließ die Bettdecke los.
„Ray Charles kam aus sehr armen Verhältnissen. Er wuchs ohne Vater auf, und sowohl sein Bruder als auch seine Mutter starben, bevor er vierzehn Jahre alt war. Als Kind erblindete er auch noch und wurde von der Gesellschaft als weniger wert betrachtet, nur weil er eine dunkle Hautfarbe hatte.“

Leslie schwieg, und Isabella wurde bewusst, dass sie ihn selten zuvor so ernst, so bedrückt erlebt hatte wie in diesem Moment.

„Aber er hat dennoch nie aufgegeben. Er hat hart gearbeitet und viel gelernt, um allen Widerständen zum Trotz ein weltbekannter Musiker zu werden. Und wenn Ray Charles das schaffen konnte, dann… dann kann ich es doch auch werden. Ich, der auch keine richtigen Eltern mehr hat und aus einem Waisenhaus kommt.“ Sorgenvolle blaue Augen trafen die ihrigen, erleuchtet vom Schein der Lampe zwischen ihnen.
„Oder?“

Zunächst fehlten Isabella die Worte, um auszudrücken, was sie ob dieser Frage empfand. Dann aber nickte sie umso eifriger und ballte die Hände zu Fäusten. „Na klar! Du wirst auch ein großer Musiker! Noch viel, viel besser und bekannter als dieser Ray Charles!“

Leslie lächelte verschämt. „Wenn ich schon nur halb so gut werden könnte wie er, wäre ich schon mehr als zufrieden.“

„Quatsch.“ Das Mädchen rappelte sich auf und rieb sich über ihren vom Sitzen auf den Boden tauben Po.
„Du wirst sogar doppelt so gut. Ansonsten komme ich dich bei keinem deiner Konzerte besuchen, Freundchen.“

„Na, bei der Drohung bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, grinste er, doch es verschwand, als Isabella sich anschickte, in ihren Schlafsaal zurückzukehren.
„Willst du wirklich schon gehen? Die Platte ist noch gar nicht zuende...“

„Aber du hörst sie doch lieber für dich allein, sagtest du.“

„Ja, schon, doch...“ Durch die Dunkelheit war es kaum auszumachen, wie seine Wangen erröteten und seine Augen nervös von einer Ecke in die nächste huschten.
„Mit dir ist das was anderes. Mit dir zusammen höre ich sie mir lieber an als ohne dich.“

Isabella grinste erfreut und setzte sich erneut neben ihn, Schulter an Schulter, eine Hand in die seine gelegt. Noch während er die Bettdecke um sie beide zog schloss das Mädchen die Augen, um noch eindringlicher der Musik von Ray Charles lauschen können. Vor allem aber wollte sie nur bei Leslie sein. Denn ganz egal, ob aus ihm einmal ein weltbekannter Sänger werden würde oder nicht, eines stand für sie fest.

Sie bewunderte ihn nicht nur so sehr, wie er Ray Charles bewunderte.

Sie liebte Leslie ebenso, wie er die Musik liebte.


~ ~ ~



Isabella wartete geduldig am Tor.

Vor wenigen Tagen war sie letztmalig hier gewesen. Sie hatte einen ihrer Söhne an eine liebevolle Adoptivfamilie übergeben. So glaubten es ihre anderen Kinder. So hatte er es geglaubt. Bis eine dämonische Klaue ihn gepackt und eine weiße Blume in sein Herz gerammt hatte. Als er seinen letzten Atemzug tat war sie erblüht, in der Farbe seines Blutes.

Isabella schloss die Augen. Vergangenheit. Das Leben ihres Kindes war Vergangenheit, ebenso wie sein Tod. Es grämte sie nicht, selbst wenn es sie berührte. Es war nicht das erste Mal gewesen. Und es würde auch nicht das letzte Mal sein.

Dafür würde sie höchstpersönlich sorgen.

Näherkommende Schritte holten Isabella zurück in die Wirklichkeit; sie straffte ihre Schultern und lief der Frau entgegen, die sie einst vor hier abgeholt, einst hierher zurückgebracht hatte.
Ihre Mama, schon vor langer Zeit aufgestiegen in den Rang einer Großmutter, tauchte aus der Dunkelheit des Tunnels auf, der Grace Field mit dem Hauptquartier verband. Wie immer lächelte sie zufrieden, wenn sie ihre Lieblingstochter erblickte, ihren ganzen Stolz, das beste Produkt, das sie je erschaffen hatte.
Isabella war ebenso erfreut, aber mehr wegen des Bündels, welches sie in den Armen der Großmutter gewahr wurde; mit ausgestreckten Armen lief sie der Frau entgegen und legte voller Vorfreude eine Hand auf den Kokon aus hellem Stoff.

„Dein neuer Sohn“, verkündete die Ältere mit einer beinahe schon belustigten Stimme und zog ein Stück der Decke fort, das bislang das Gesicht des Kindes verborgen hatte. Isabella setzte ein warmes Lächeln auf, das Lächeln einer Mama, die diesem Kind ein schönes, hoffnungsvolles Leben schenken würde.

Ein allzu kurzes Leben, aber ein umso glücklicheres.

„Es ist kein ganz einfaches Kind.“ Isabella wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Großmutter zu, die das Baby auf den anderen Arm nahm.
„Er schläft nicht viel und beobachtet sehr interessiert seine Umwelt, spielt aber nicht gerne mit jemanden. Stehen kann er bereits, aber noch nicht laufen. Sprechen könnte er zwar, und auch recht viel, aber den Schwestern ist aufgefallen, dass er es eher tut, wenn er alleine ist. Ansonsten schweigt er die meiste Zeit.“

Isabella nickte und prägte sich jedes kleinste Detail ein. Es hörte sich tatsächlich nach einem ungewöhnlicherem Kind an, aber das war nichts, womit sie nicht fertig werden würde.

„Ich habe vollstes Vertrauen, dass er bei dir gut aufgehoben ist. Und dass du sein vollstes Potenzial in ihm wecken wirst.“ Die Lippen der Großmutter verzogen sich zu einem Grinsen, das von den Schatten des Tunnels in eine schauerliche Grimasse verwandelt wurde.
„Allerdings gibt es etwas, das du wissen solltest...“

Die ältere Frau reichte Isabella das Baby, die es sogleich an sich drückte und sanft über die Rückseite seines linken Ohres strich, wo sie eine warme Schwellung und einen harten Knubbel spürte. Es war nur ein Sekundenbruchteil, den diese Handlung in Anspruch genommen hatte, doch schon verzog sich das Gesicht des Jungen, er schloss die Augen und fing an, erbarmungswürdig zu brüllen.

„Er schreit nicht oft“, erklärte die Großmutter mit säuerlicher Miene, widersprach das Kind ihr gerade lautstark.
„Aber häufig schreit er so lange, bis er vor Erschöpfung einschläft. Er lässt sich dann einfach nicht beruhigen.“

Isabella wippte das kleine Kerlchen auf und ab, doch das half nichts. Er wand und strampelte in ihren Armen, das Gesichtchen bereits tränenüberströmt und von roten Flecken übersät. Beruhigend redete sie weiter auf ihn ein über das Geschrei hinweg, lehnte seinen Kopf an ihre Brust, sacht über seinen feinen, schwarzen Haarschopf streichend. Zu ihrer Erleichterung verwandelte sich sein Gezeter fast augenblicklich in glucksendes Wimmern, derweil seine kleinen Hände sich in den Stoff ihrer Schürze krallten.

„Erstaunlich.“ Die Großmutter legte nachdenklich eine Hand an ihr spitzes Kinn, die beiden aus zu Schlitzen verengten Augen musternd.
„Wirklich erstaunlich. So schnell hat er sich bei noch niemanden beruhigt. Nicht einmal bei mir.“

Isabella schmunzelte nur zufrieden. Sie war nicht ohne Grund als Jüngste aller Zeiten in den Rang einer Mama aufgestiegen. Es gab kein Kind, das sie nicht für sich vereinnahmen konnte, ganz egal wie schwierig oder gar auffällig sein mochte.

„Ich werde jetzt besser zurückgehen. Die Kinder warten sicherlich auf mich. Und auf ihren neuen kleinen Bruder“, sagte sie und verbeugte sich vor ihrer ehemaligen Zucht- und Lehrmeisterin.

„Tu das. Aber denk daran, Isabella“, erwiderte die Großmutter, die bereits den Gang durch den Tunnel zurückstolzierte, ihre Stimme von den Wänden widerhallend.
„Gewöhne dich nicht zu sehr an sie, egal wie sehr sie dich lieben. Und dieses Kind möchte ich nicht allzu bald wiedersehen.“

Die junge Frau senkte das Haupt, wenngleich sie niemand sehen konnte. Den Weg zurück zum Waisenhaus ärgerte sie sich über sich selbst, dass sie wohl den Eindruck erweckte, sie hinge zu sehr an ihren Schützlingen. Ihr Blick fiel auf den Jungen in ihren Armen, der weiter seinen Kopf an ihre Brust drückte, genau an ihr Herz, und mit wachsamen Augen vor sich hin starrte.
Unsinn. Sie liebte ihre Kinder, selbstverständlich. So lange, wie sie eben konnte. Für die Kleinen. Für sich selbst. Etwas anderes blieb ihr gar nicht übrig, um diese Hölle auf Erden zu ertragen.

Es war ja niemand mehr da, den sie noch wahrhaftig lieben konnte.

Da es bereits ein später Nachmittag Ende Januar war, brannten die Lichter im Grace Field House und alle Kinder hielten sich in den Zimmern und Fluren auf. Während Isabella sich zum Krippenraum begab, in dem sie den Neuankömmling erst einmal unterbringen wollte, kam sie am Musikzimmer vorbei.

Unvermittelt blieb sie stehen, als eine Melodie an ihre Ohren drang, die sie nur allzu gut kannte. Vergessen war der Junge, den sie trug, der Umstand, der sie wieder hierhergebracht hatte, all die Jahre, die hinter ihr lagen – für einen Augenblick nur war sie wieder das kleine Mädchen im nächtlichen Flur, das sich wunderte, warum des nachts Musik spielte.

Die Erinnerung verging, und aus dem kleinen Mädchen wurde abermals die Erwachsene, die einen Schlachthof voller Kinder ihr Eigen nannte.

Isabella ging weiter, dachte an die Nacht zurück, als sie mit Leslie stundenlang Ray Charles‘ Lieder gehört hatten, bis sie irgendwann in den Morgenstunden eingeschlafen waren, aneinandergekuschelt und die Musik längst verstummt war. Mama hatte sie schließlich gefunden und gescholten für ihr unbelehrbares Verhalten, aber bis heute war diese Nacht ein Bruchstück der glücklichsten Zeit, die sie je durchlebt hatte.

Die nie mehr zu ihr zurückkehren würde können.

Noch immer die Melodie des Stückes in den Ohren, das eines ihrer Kinder wohl in den Untiefen der Schallplattensammlung hervorgekrammt hatte, summte sie es leise nach, das Lied, das sie eben vernommen hatte. Er hatte alle diese Lieder geliebt. Doch nur sie war es, die es heute noch hören, heute noch singen konnte.

„Oh.“

Isabella sah zu dem Jungen, der sie neugierig anschaute. Abermals fing sie an zu summen, und wieder begann er zu brabbeln, eine Hand nach ihr ausstreckend.

„Ah. Da. Da!“

„Magst du es, wenn ich singe?“, fragte sie erheitert und lachte leise auf, als das Baby wiederholt auf ihr Schulterblatt klopfte und einen Schmollmund zog.
„Na na. Ich singe aber nur, wenn ich möchte, verstanden? Nicht, weil du es gerade so willst.“

„Singen. Da singen.“

Isabella lächelte noch immer, als sie das Krippenzimmer betrat und den Jungen in eines der Bettchen setzte. Kaum war sie einen Schritt zurückgetreten, streckte er auch schon die Arme nach ihr aus, derweil seine Augen gefährlich zu glänzen begannen. Als sie zum wiederholten Male begann zu summen, sogar einige Textzeilen vor sich hinsang, beruhigte er sich und ergriff mit seiner kleinen Hand ihren ausgestreckten Zeigefinger, den sie ihm hinhielt.

„Dir gefällt wohl auch die Musik von Ray Charles, kleiner Mann?“

Natürlich antwortete er nicht, krabbelte nur zu den Gitterstäben seines Bettes und zog sich daran hoch, ohne die ihm doch so fremde Frau aus den Augen zu lassen. Isabella indes wurde bewusst, dass sie noch einen Namen für das Kind brauchte. Der erste, der ihr einfiel, war auf immer tabu, denn es hatte nur einen gegeben, der ihn tragen durfte. Überhaupt, dieser Junge hatte nichts mit ihm gemein.

Bis auf…

Sie hatte eine Idee und war sich sicher, für ihn wäre es in Ordnung, wenn sie ihren neuesten Schützling diesen Namen gab.

„Willkommen in Grace Field. Dir wird es hier an nichts mangeln und du wirst ein ganz wundervolles Leben führen. Du wirst viele Geschwister haben, die mit dir spielen werden wollen, und eine Mama, die dich immer lieben wird. Ich hoffe, wir werden viele, schöne Jahre miteinander verbringen dürfen, Ray .“


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Ich bin fertig. Mit dem Oneshot und den Nerven. Den ganzen Tag habe ich daran gesessen, um ihn noch pünktlich zum 20. des Monats veröffentlichen zu können... Ich fürchte, meine Eile merkt man der Geschichte auch an, aber hey, mehr The Promised Neverland content ist doch immer gut, oder? Oder?

Jedenfalls, was ich hier fabriziert habe ist übrigens canon, zumindest im weitesten Sinne. Shirai hat bekanntgegeben, dass Isabella Ray tatsächlich nach dem Ray Charles benannt hat, und ein Schelm, der Böses dabei denkt, dass der wichtigste Mensch in ihrem Leben ebenfalls ein Musiker war...

Jedenfalls, ich hoffe die kleine Geschichte hat euch gefallen! Wenn dem so ist, lasst doch ein Review da ;) Und wenn nicht, dann erst recht ;D


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