Decision

GeschichteFantasy / P12
Aoi Sangu Guren Ichinose Kureto Hiragi Ky Luc Lest Karr Urd Geales
20.06.2020
08.08.2020
17
43.510
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01.08.2020 2.072
 
Aoi stand vor einer unscheinbar wirkenden Tür. Nachdem sie sich von den beiden adeligen Frauen verabschiedet hatte, hatte sich Horn noch einmal ihrer erbarmt und ihr den Weg zu Urds Zimmer beschrieben. Allein hätte sie diese Tür, die genauso aussah wie alle anderen, nie gefunden. Sie klopfte leise an der Tür, so weckte sie ihn vielleicht nicht, falls er noch schlief. Sie öffnete die Tür und trat ein. Urds Zimmer schien sich im Aufbau nicht sonderlich von ihrem zu unterscheiden. Sie konnte seinen Mantel erkennen, er hing auf einem Kleiderbügel an der Schranktür. Geschlafen hatte er anscheinend, die Bettdecke war zurückgeschlagen und die Kissen zerwühlt. Zu sehen war er allerdings nirgends. Sie wollte schon wieder gehen als eine Stimme aus dem Nebenraum erklang: „Ich bin im Bad, Aoi.“ Die Tür zum Bad wurde einen Spalt breit geöffnet und Aoi konnte ein Geräusch hören, als würde sich jemand die Zähne putzen. Betrieb er tatsächlich Zahnpflege? Es schien so. War das unter Vampiren Standard oder machte nur er das? Aoi setzte sich auf einen Stuhl und wartete. Schon wenige Minuten später erschien er in der Badtür. Er trug nur eine Hose und sein Hemd war noch aufgeknöpft, auch seine Haare waren noch komplett wirr. Lange schien er also noch nicht auf zu sein. Er begann damit sein Hemd zuzuknöpfen: „Ich bin gleich soweit. Ich würde gerne noch etwas besprechen, danach können wir uns gerne deinem Training widmen.“ Er sprach das also ganz von allein an: „Ich gebe zu, etwas Training könnte nicht schaden. Was ist noch?“ „Es geht um etwas, was wir gestern bereits angeschnitten haben. Der hohe Rat, er wünscht einen Lagebericht. Es haben sich bereits einige bei mir gemeldet. Ich fürchte, wir müssen das ganze vorverlegen. Wir werden nicht auf Ky Luc warten bevor der Ahnenrat informiert wird“, er sagte das so einfach. Das war unerwartet und passte ihr so gar nicht in den Kram. Sie hatte gehofft, noch einige Zeit zur Vorbereitung zu haben, bevor Urd sie sozusagen ins Haifischbecken warf. Urd warf sich seine Weste über: „Schau nicht so missmutig. Der Rat kann nicht durch die Bildschirme springen, um dir den Kopf abzureißen. Wobei du das sogar überleben würdest.“ Aoi klemmte ihre Hände zwischen ihre Oberschenkel: „Und was willst du denen erzählen, warum du mich verwandelt hast? Willst du denen sagen, dass du eine Vampirjägerin verwandelt hast?“ „Dazu muss ich gar nichts sagen. Selbst wenn ich es erzählen würde, Vampire interessieren sich eher wenig für das was vorher war. Kann sein, dass sie vielleicht ein paar Fragen stellen. Kann auch sein, dass der ein oder andere erst mal misstrauisch ist. Das ist jedoch nichts neues, da musste jeder vor dir auch schon durch.“ Urd zog sich seine Schuhe an und legte seine Krawattennadel an. Einfach Augen zu und durch, wie es schien. Sie hatte den Kampf gegen Tenri Hiragi überlebt, da würde sie diese Ratssitzung auch überstehen.

Urd nahm sie deutlich härter ran, als es Chess und Horn getan hatten. Zum Verschnaufen ließ er ihr keine Zeit. Auch wenn sie sich sicher war, das er sich schon zurückhielt. Würde er sein volles Potenzial ausschöpfe wäre sie wohl schon längst zu Boden gegangen. Der Kampf gegen Urd zeigte ihr wieder einmal, dass ihr bisheriger Kampfstil und dieser Körper nicht so recht zusammenpassten. Sie war immer darauf bedacht, ihren Gegnern auszuweichen, doch hin und wieder wäre es vielleicht sinnvoll eine Verletzung in Kauf zu nehmen. Das waren vermutlich alles Erfahrungswerte. Die sie nicht hatte. Mitten in einem Krieg plötzlich zum Vampir zu werden, war wohl nicht gerade der perfekte Zeitpunkt. Sie wusste nicht, wie lange sie trainiert hatten, als Urd seine Waffe wieder verschwinden ließ: „Gut, einen Moment mal. Wir sind natürlich noch lange nicht da, wo wir seien wollen. Das kann man auch nicht erwarten. Es geht nichts über echte Kämpfe, um Erfahrung zu sammeln. Morgen gehen wir nach draußen.“ Sie schaute ihn erwartungsvoll an: „Und?“ „Wir legen uns mit apokalyptischen Reitern an“, sagte er, „Eine andere Möglichkeit haben wir im Moment leider nicht, wenn wir wirklich kämpfen wollen. Die Versammlung des Rates ist erst übermorgen. Bis dahin haben wir Zeit, die wir gut nutzen sollten. Jetzt machen wir aber eine kleine Pause.“ Da hatte Aoi nichts dagegen. Dieses Training hatte sie durstig gemacht…dieser Gedanke hatte sich so schnell in ihren Kopf geschlichen. Die paar Stunden, die sie gekämpft hatten und schon verlangte alles in ihr wieder nach Blut. Menschenblut…wer so etwas denkt, der kann schon kein Mensch mehr sein. Aber wem erzählte sie das? Es war die logische Konsequenz, das war ihr schon klar gewesen. Sie steckte ihr Schwert zurück und streckte sich einmal. Sie schaute nach oben, Lest Karr saß auf dem Geländer. Wahrscheinlich hatte er bei ihren Übungen zugeschaut, sie fragte sich wie lange. Ob sie es schaffen könnte zu ihm nach oben zu springen? Probieren könnte sie es mal. Falls es fehlschlug würde sie sich zwar vor ihm blamieren, aber im Ernstfall musste sie das auch können. Sie ging ein paar Schritte zurück und konzentrierte sich auf die Stelle neben Lest Karr. Sie nahm etwas Anlauf und sprang ab. Es war knapp, beim nächsten Mal etwas mehr Kraft, aber sie schaffte es über das Geländer und blieb nicht hängen. Allerdings strauchelte sie bei der Landung und sie musste einige Schritte nach vorn machen um nicht zu stürzen. Lest Karr hinter ihr prustete los: „Pfff, was sollte das den werden?“ Natürlich lachte er sie aus, was auch sonst. Sie hatte schon mitbekommen, dass er um Schadenfreude nicht verlegen war. „Nun hör schon auf zu lachen, Knirps. Ich hab ja verstanden“, zischte sie. „Knirps?“, das schien ihn wohl lediglich zu amüsieren, „Ich dachte, du hättest inzwischen verstanden, dass Größe nicht alles ist.“ „Ich weiß“, gab sie zu und lehnte sich gegen das Geländer. „Man könnte ja meinen, dass ich mich nach zwei- dreitausend Jahren an solche Bemerkungen gewöhnt habe. Irgendwie stimmt das auch. Doch hin und wieder ertappe ich mich doch dabei wie ich mir meinen Körper vorstelle, wenn er erwachsen wäre“, Lest Karr schaute gedankenverloren zur Decke, „Aber im nächsten Moment sage ich mir, dass es komplette Zeitverschwendung ist über etwas nachzudenken, was sowieso niemals kommen wird.“ Ein unerwarteter Moment der Offenheit von Lest Karr. Er schien also nicht komplett gefühlskalt zu sein.

„Wieso Zeitverschwendung?“, fragte sie ihn, „Träume sind wichtig für die Zukunft. Sie bringen uns voran.“ Erneut begann Lest Karr zu lachen: „Siehst du? Daran merkt man, dass du noch ein Grünschnabel bist, Aoi. Weder als Vampir, noch als Mensch hätte ich das erlebt.“ Aoi drehte ihren Kopf zu ihm: „Aber als Mensch wärst du doch unweigerlich irgendwann erwachsen geworden. Der Typ, der dich verwandelt hat, der hätte doch bestimmt noch ein paar Jahre warten können!“ „Nein, hätte er nicht“, entgegnete Lest Karr ihr und schloss seine Augen, „Ich war da schon so gut wie tot.“ „Dann erinnerst du dich also an dein menschliches Leben.  Ich dachte schon, das du vielleicht was…vergessen hast nach all der Zeit“, sagte sie. Lest Karr wirkte etwas beleidigt: „Natürlich erinnere ich mich! Ich meine, sicher vergisst man irgendwann das ein oder andere, wenn man so lange lebt, sonst würde ja irgendwann der Kopf wehtun. Doch nie werde ich das vergessen…diese scheußliche Krankheit, welche meinen Körper zerfraß und bis zur Unkenntlichkeit entstellte.“ „Eine Krankheit war also der Grund“, Aoi schaute nun auch zu der verzierten Decke. Lest Karr schwieg einen Moment bevor er weitersprach: „Ja. Damals hatte sie nur den Namen Durstkrankheit. Aber anhand meiner Symptome…glaube ich inzwischen zu wissen, was genau es war. Die Menschen nennen sie Diabetes Mellitus. Typ 1. Du lachst jetzt vielleicht, schließlich ist heute die Behandlung recht einfach geworden. Aber damals…eher nicht. Das Leben war kurz, unangenehm und schmerzhaft. Der Durst unstillbar. Und der Tod unausweichlich. Ich hielt es keine Stunde ohne Wasser aus, nicht mal nachts. Ständig musste ich Flüssigkeit zu mir nehmen und essen war fast unmöglich. Um mich herum hatten mich schon alle aufgegeben, lediglich meine Schwester kümmerte sich noch um mich, obwohl sie nicht viel älter war als ich. Doch bevor meine Zeit gekommen war erschien Shika Mado. Ich weiß bis heute nicht wieso er mich ausgewählt hatte. Ob es einfach nur aus einer Laune heraus war oder ob er wirklich irgendetwas mit mir vorhatte. Jedenfalls hatte er mir nur wenig Zeit gewidmet, wahrscheinlich weil seine gesamte Aufmerksamkeit auf Ashera Tepes lag. Danach war es an Urd Geales und Rigr Stafford sich um mich zu kümmern. Was sie auch taten, insbesondere ersterer. Meister Geales ist heute nicht mehr exakt derselbe wie damals, aber sein Verantwortungsbewusstsein, das hat er trotz all der Zeit nie verloren. Rigr Stafford war damals schon eher…wie soll ich sagen…er wollte halt seinen Spaß haben. Am Anfang habe ich noch gar nicht so recht realisiert, was da eigentlich mit mir passiert war. Dieser Durst, den kannte ich bereits zuvor, zunächst war nicht viel anders. Als ich dann schließlich erwachte und die Wahrheit mit meinen Händen greifen konnte…da hatte ich mich schon längst an all das gewöhnt. An das Blut saugen. Und an das töten. Daran, dass unser Vater uns Vampire links liegen ließ und sich davon machte.“ Aoi merkte erst jetzt, dass sie die ganze Zeit nicht geatmet hatte. Sie hatte Lest Karrs Erzählung nicht unterbrechen wollen. Einige Dinge davon hatte bereits Urd erwähnt gehabt. Nämlich das der Erste keinerlei Interesse an seiner Schöpfung zu haben schien. „Aber warum denn? Er hat euch doch erschaffen. Warum sollte er euch einfach fallen lassen? Warum sollte er euch durch die Hiragis töten lassen? Was habt ihr anders gemacht als dieser Ashera?“, ließ sie ihren Gedanken freien Lauf. Lest Karr stützte sein Kinn auf seine Hände: „Tja, gute Frage. Es geht ihm wahrscheinlich nicht mal darum, uns zu töten. Wir stehen halt einfach hier rum, ob bei seinen Plänen ein paar Vampirchen oder Menschlein draufgehen, interessiert ihn bestimmt nicht. Vielleicht reicht es dir, wenn ich dir sage, dass er eben ein Vampir war. Mehr als wir anderen es wohl je sein werden.“

„Sowas wie Loyalität gibt es also bei Vampiren nicht“, sagte Aoi. Lest Karr schüttelte seine Kopf: „So würde ich das nicht sagen. Alle Vampire gehören einer Fraktion an, es gibt verschiedene Fraktionen. Unsere Soldaten sind vielleicht nicht so, dass sie sich in ihre Klingen stürzen würden, so wie die der Menschen. Vampire schließen gerne immer wieder Zweckbündnisse, wir tun uns häufig aus gemeinsamen Interessen zusammen. Aber das ist bei den Menschen doch auch nicht viel anders. Du kannst mir nicht erzählen, dass die sich alle nur aus Nächstenliebe versammelt haben um uns zu töten und dabei nie Hintergedanken hatten. Menschen streben nach Macht, schon immer.“ „Ich kann nicht sagen dass du recht hast“; antwortete sie ihm, „Aber ich kann auch nicht sagen, dass du komplett unrecht hast. Ich habe Kureto Hiragi seit meinem siebten Lebensjahr gedient. Als die Welt unterging wurde ich schnell Oberst, doch mir war diese Position nie wirklich wichtig.“ „Ich mach dir doch keine Vorwürfe, ich sag nicht dass alle so sind. Aber doch einige. Sonst hätten sie diese Experimente doch nie durchgeführt“, versuchte er sie zu beschwichtigen. Ob ihm bewusst war, das Aoi sich ebenfalls bereits an diesen Experimenten beteiligt hatte? Als eine der Hauptverantwortlichen? Oder es interessierte ihn jetzt nicht mehr, da Aoi kein Mensch mehr war. „Ich kenne mich ein wenig damit aus, weißt du?“, fuhr er fort. Das war überraschend: „Woher denn? Ist es euch Vampiren nicht verboten, damit zu experimentieren?“ „Das schon“, gab er zu, „Aber bei uns in Deutschland gab es auch mal eine Gruppe von Magiern, welche mit dem Seraph of the end experimentiert hatte. Ich und meine Einheit hatten die Aufgabe, sie zu eliminieren. Als wir das Labor auseinandergenommen haben, haben wir auch viele ihrer Aufzeichnungen gefunden. Auch wenn die inzwischen vernichtet sind, ich habe mir dann doch ein paar Dinge gemerkt. Allerdings habe ich dort genug gesehen um zu wissen, dass unser Gesetz einen Sinn hat und nachmachen keine gute Idee ist.“ Was er wohl gesehen hatte? Sie glaubte nicht, dass Lest Karr jemand war, der angesichts von Grausamkeiten schnell die Fassung verlor, aber irgendwie schien es ja dann doch ein einschneidendes Erlebnis für ihn gewesen zu sein…    

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Lest Karrs Hintergrundgeschichte ist (noch) unbekannt, ich habe auch erst lange überlegt, ob ich wirklich was dazu schreiben soll. Aber falls seine Geschichte noch erzählt wird, werde ich diese Szene im Kapitel einfach nachträglich umschreiben. Ich hatte diese Idee einmal im Kopf, ich musste sie einfach aufschreiben.
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