Merry Christmas

von Ken
KurzgeschichteRomanze / P12 Slash
Akihiko Usami Misaki Takahashi
19.06.2020
19.06.2020
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Anmerkungen:
Aufgabe für diese Story war es, die von den Würfeln vorgegebenen Gegenstände und Handlungen alle in der Story unterzubringen.

Würfel:
orange - Springbrunnen, Käfer
blau - von etwas herab baumeln, einen Keks essen, laut rufen

Ich weiß, es passt so gar nicht in die Jahreszeit, aber die erste spontane Eingebung, als ich diese Würfel bekommen habe, war etwas Weihnachtliches. Muss an den Keksen liegen *hüstel*

Merry Christmas


Wo zum Teufel blieb der Kerl?! Unruhig tappte sein Fuß immer wieder auf den Boden, während er mit wachsender Ungeduld in Richtung der Wohnungstür sah. Aber der Junge, nein der Mann, auf den er wartete, war jedoch weiterhin nicht zu sehen. Nervöse Augen zuckten zur Uhr an der Wand. Warum war der Kleine nicht zuhause?!

Mit einem entrüsteten Schnauben wandte er sich ab und zwang sich zu dem Weihnachtsbaum in der Ecke seines ansonsten so überhaupt nicht dekorierten Wohnzimmer zu blicken. Egal wie oft er das Ding anstarrte, es wollte einfach keine Weihnachtsstimmung aufkommen. Jedenfalls nicht für ihn. Misaki war natürlich Feuer und Flamme. So wie immer. Der Kleine konnte sich ja für viele Sachen begeistern. Genau genommen für so ziemlich alles. Außer für ihn. Zumindest nicht in der Art und Weise, wie Akihiko es sich gewünscht hätte. Aber nach bald drei Jahren sollte er vielleicht allmählich daran gewöhnt sein, dass der Kleine es nicht kapierte. Und immerhin gab es inzwischen diese ... Momente. Geradezu winzige Augenblicke, an denen er nicht das Gefühl hatte, als würde das hier alles nur von ihm ausgehen. Als hätte er den Jungen zu irgendetwas überredet, was er im Grunde gar nicht wollte.

Wie jedes Mal, wenn der Gedanke aufkam, schnitt er ihm heiß in den Bauch. Wütend wandte er den Blick ab und starrte auf den bunten, reich gefüllten Teller, der seit zwei Tagen seinen Couchtisch zierte. Irgendwie war es ja schon ... nett ... wie Misaki strahlte, wenn er den dummen Baum schmückte, oder frisch gebackene Plätzchen aus dem Ofen holte.

Verstohlen griff er zu und schob sich einen eben jener Kekse zwischen die Zähne. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über seine Lippen. Der kleine Dummkopf war ja wirklich für jeden noch so unwichtig erscheinenden Mist zu begeistern. Wobei es eben auch einen besonderen Reiz hatte, ihn bei dieser mitunter kindisch anmutenden Begeisterung zu beobachten. Vielleicht, weil Akihiko sie selbst nicht fühlen konnte – egal wie sehr er sich manchmal wünschte, dass es anders wäre.

Zu einem anderen Menschen wurde er aber nur in seinen Büchern.

Seine linke Hand griff sich den Teddy, der neben ihm auf der Couch saß und zog ihn an sich. Der dumme Junge – und ja, er war auch mit verdammten einundzwanzig immer noch ein dummer Junge – war weiterhin nicht Zuhause und allmählich nervte es. Nicht, weil er allein war. Sondern da mit jeder verstreichenden Minute auch die Unruhe in ihm wuchs.

Wahrscheinlich war Misaki noch einkaufen. Bestimmt. Hatte er nicht was davon gesagt, dass er etwas Besonderes zum Abendessen kochen wollte? Der Junge war ja wohl hoffentlich nicht mehr auf Arbeit. Für eine Sekunde zuckte Akihikos Blick zum Telefon neben der Tür. Vielleicht sollte er jemandem im Verlag anrufen und fragen.

Nein. Dann hieß es wieder, er würde Misaki nicht vertrauen und genau das wollte er schließlich wenigstens versuchen. Manchmal. Heute. War ja immerhin Weihnachten. Irgendwie. Also doch warten. Wieder tappte sein Fuß rhythmisch auf den Boden, bis er sich förmlich zwingen musste damit aufzuhören, weil es ihn selbst tierisch nervte.

Vielleicht sollte er in sein Arbeitszimmer gehen und etwas schreiben. War ja zugegebenermaßen sein Job. Der Abgabeschluss stand schon wieder vor der Tür. Aber Lust hatte er keine und wenn jemand, wie er keine Lust hatte, dann machte er eben auch nichts.

Wo blieb Misaki überhaupt?! Der sollte doch jetzt wirklich langsam mal hier sein!

Wutschnaubend sprang er auf und stapfte, Bär unter dem Arm, nach oben in sein Schlafzimmer. Für eine Sekunde überlegte er, ob es nicht doch besser war, wenn er hierblieb, aber die Sorge um den Jungen gewann. Während Suzuki-san, der Bär, auf dem Bett landete, riss er förmlich seine Jacke aus dem Schrank und stürmte dann die Treppe hinunter.

Egal wo Misaki sich herumtrieb, er hatte hoffentlich eine gute Erklärung!

~


Eine Stunde später irrte Akihiko noch immer durch die Straßen. Es hatte schon vor zehn Minuten angefangen zu nieseln. Schnee wäre natürlich passender gewesen, aber damit brauchte man hier in der Stadt ja leider nicht zu rechnen. Dummerweise sah es auch nicht so aus, als würde der Regen demnächst aufhören.

Sicherlich zum zehnten Mal, sagte er sich, dass er wieder nachhause gehen sollte. Vermutlich war Misaki längst dort. Ein Blick auf das Handy zeigte Akihiko allerdings, dass seine bisher zwanzig Nachrichten an den Jungen noch immer unbeantwortete geblieben waren. Wenn der Kleine zuhause wäre, hätte er sich doch sicherlich gemeldet.

Oder?

Etwas begann in ihm zu brodeln, als er stoisch weiter durch den immer stärker werdenden Regen stapfte. Wehe, der Junge war mit einem von diesen Kerlen unterwegs, die ständig um ihn herumzuhängen schienen! Das Stechen in Akihikos Bauch wurde stärker, je deutlicher die Bilder in seinem Geist anwuchsen. Misaki hatte schlichtweg keine Ahnung, welche Wirkung er auf Andere hatte.

Es war nicht so, dass er dem Jungen nicht vertraute. Bestimmt nicht! Aber den ganzen Wichsern, die ständig um ihn herumschlichen, denen konnte man nun wirklich nicht trauen! Keiner von diesen Kerlen hatte sonderlich ehrliche Absichten. Okay, der Neueste, so ein komischer Typ, der auch auf diesen verdammten Mangazeichner Ijuuin stand ... Bei dem war Akihiko sich zugegeben nicht sicher. Der wusste wahrscheinlich nicht mal, wie man das Wort Sex schrieb. Wenn die Pfeife weiterhin um seinen Misaki herumtanzen wollte, sollte er es allerdings besser auch nicht rausfinden!

Schnaubend stoppte Akihiko und starrte auf den Fußweg vor ihm. Der Regen prasselte inzwischen in dicken Tropfen auf ihn herunter. Und natürlich hatte er keinen Regenschirm dabei. Als er losgegangen war, hatte es schließlich noch nicht geregnet. Er hätte das Auto nehmen sollen. Wäre einfacher gewesen. Aber da er nicht die geringste Ahnung hatte, wo er nach Misaki suchen sollte, erschien es sinnvoller, zu Fuß zu gehen. Okay, er war ein Trottel und hatte nicht nachgedacht, bevor er in blinder Eifersucht losgerannt war.

Und ja, verdammt, er war eifersüchtig! Das hatte er dem Jungen schon oft genug gesagt. Aber änderte das irgendwas? Nein! Natürlich nicht. Warum auch? Misaki dachte ja weiterhin, dass das total aus der Luft gegriffen war. Weil er ja nun einmal keinen blassen Schimmer hatte, dass vermutlich die Hälfte der Kerle, die mit ihm ausgingen, genau das mit seinem Kleinen anstellen wollte, was er selbst inzwischen bald täglich ... Verdammt, das waren nicht gerade hilfreiche Gedanken. Aber der Junge gehört nun mal zu ihm! Und diese Vollpfosten hatten gefälligst ihre Pfoten von Misaki zu lassen!

Im Augenblick wäre es vermutlich am vernünftigsten, wenn er nachhause zurückkehren würde. Vielleicht war der Kleine ja inzwischen doch zuhause. Wieder zückte er sein Handy und tippte eine Nachricht an den Jungen. Als er fünf Minuten später noch immer auf das zunehmend nasser werdende Display starrte, musste er sich eingestehen, dass auch diesmal keine Antwort kam.

Scheiße.

Und wenn er doch zuhause war? Garantiert würde der Kleine ihn fragen, was er um die Zeit noch draußen gemacht hatte. Und dann? Akihiko hob den Kopf und sah sich einen Moment lang um. Auf der anderen Straßenseite waren auf einem kleinen Platz ein paar Buden aufgebaut. Kreisförmig um einen ausgeschalteten, alten Springbrunnen herum standen sie im Kreis aufgereiht. Ein Weihnachtsmarkt? Hier? In der Stadt? Um die Zeit am Heiligen Abend, immer noch offen? Merkwürdig. Bis unheimlich. Definitiv ein Grund, nicht hinzugehen. Am Ende erwartete irgendjemand, dass er etwas kaufte.

Bei genauerem Hinsehen sahen die Leute aus, als ob sie schon mitten im Abbau waren. Kein Wunder. Vermutlich wollten auch die möglichst schnell nachhause. Entweder, weil sie selbst dieses alberne Fest feierten oder da sie zumindest die Nase voll davon haben dürften, hier sinnlos in der Kälte herumzustehen.

Ehe Akihiko sich versah, stand er doch vor einer der Buden und starrte in die Auslage. Ein Geschenk wäre eine vernünftige Ausrede, warum er draußen gewesen war. Oder? Er sollte Misaki etwas kaufen. Das war schließlich angemessen. Ein weiterer Stich in seinen Magen erinnerte ihn daran, dass er keine Ahnung hatte, wo der verdammte Junge sich schon wieder rumtrieb. Oder mit wem. Und dass ihn diese Tatsache unheimlich nervte. Um nicht zu sagen, ihn in den Wahnsinn trieb.

„Das da“, murrte er und deutete auf eine Glasfigur. Vielleicht würde das Misaki ja gefallen. Aber als der Verkäufer den Käfer, der wohl ein Skarabäus sein sollte, einpackte, war er sich nicht mehr sicher.

„Und das da“, sagte er also und deutete auf eine weitere Figur. Ein Bär. Der Kleine mochte doch Bären. Oder? Akihikos alter Herr schickte Misaki auch ständig sowas und dann lächelte der Junge. Also schien er ja was dran zu finden. Ein Käfer und ein Bär. Merkwürdige Kombination, dachte Akihiko bei sich und starrte noch immer auf die fast leere Verkaufsfläche.

„Das da auch“, murmelte er zunehmend verlegen und deutete auf die nächste Figur. Die sah aus wie eine Katze. Mochte Misaki Katzen? Er war sich immer noch nicht sicher. „Und das da“, hörte er sich selbst sagen und auf ein weiteres Teil deuten.

Das hier war dämlich. Er sollte den Müll hierlassen und nachhause gehen. Trotzdem stand er da und deutete auf die nächste blöde Figur. Verdammt! Warum wusste er nicht, was dem Jungen gefallen würde?! Immerhin wohnten sie seit drei Jahren zusammen. Sie hatten eine Beziehung, verflucht nochmal! Na ja, zumindest so etwas in der Art. Hoffentlich. Akihiko dachte jedenfalls, dass sie eine hatten. Wollte es. Hoffte. Irgendwie. Heute schien es mit dem Denken bei ihm nicht so weit her zu sein. Dabei rühmte er sich doch sonst immer mit seinem Verstand – allenfalls dem kleinen Dummkopf gegenüber.

Aber der war nicht da und irgendwie fühlte sich das schon wieder reichlich beschissen an. Zumal zu befürchten stand, dass irgendeiner von diesen Mistkröten, die ständig um seinen Misaki herumschlichen, gerade die Wichsgriffel nach ihm ausstreckte. Scheiße!

„Packen Sie alles ein.“

Der Verkäufer sah ihn zweifelnd an, doch irgendetwas schien dem Mann zu sagen, dass er besser keine Diskussion anfing. Hastig folgte er der Anweisung, sodass Akihiko kurz darauf um fast sein gesamtes restliches Bargeld erleichtert, dafür mit zwei Tüten voller Glass-Klimmbimm dastand, das er eigentlich nicht wollte. Oder wenigstens leiden konnte. Aber vielleicht gefiel es Misaki ja gerade deshalb.

Weihnachten war dämlich.

~


Der Weg nachhause war glücklicherweise kurz gewesen. Immerhin hatte ihn seine Runde bereits wieder auf den Rückweg geführt gehabt. Trotzdem wurden seine Schritte zunehmend langsamer, je mehr er sich dem Wohnhaus näherte. Was, wenn der Junge immer noch nicht da war? Das Brennen in seinem Bauch wurde stärker. Warum hatte Misaki sich nicht gemeldet? Er könnte verletzt sein. Im Krankenhaus liegen. Oder im Bett von irgendeinem dieser Wichser, die ständig um ihn herumhingen. Ein Knurren entkam Akihiko, bevor er sich bremsen konnte.

Alles nur, weil der Kleine nicht kapierte, was er für eine Wirkung auf Männer hatte. Und schon gleich gar nicht, was er bei ihm auslöste. Immer heftiger schlug das Herz in seiner Brust. Akihikos Hände krampften sich förmlich um die Griffe der zwei Taschen, die er trug. Er hätte den Müll auf dem Weihnachtsmarkt lassen sollen.

Andererseits war er in den letzten Wochen zu beschäftigt mit seiner Arbeit gewesen, um Misaki irgendein Geschenk zu kaufen. Nicht, dass er auch nur den blassesten Schimmer gehabt hätte, was er dem Kleinen besorgen könnte. Wie immer war er völlig ratlos – und zwar nicht nur in Bezug auf so ein verdammtes Weihnachtsgeschenk.

Gedankenverloren stand er im Regen und starrte auf den Eingang zu seinem Wohnhaus. Wenn Misaki nicht da war, sollte er noch einmal losgehen und ihn suchen. Irgendwo musst der Junge doch schließlich sein. Im Verlag war er nicht gewesen. Im Supermarkt um die Ecke auch nicht. Und ein Anruf bei dem Mistkerl Ijuuin hatte ebenso nichts gebracht. Wobei er dem nicht traute, was Misaki anging. Aber wenn der Kleine bei ihm gewesen wäre, hätte der Arsch von Mangazeichner sich das Maul drüber zerrissen und es ihm unter die Nase geschmiert. Also war der Junge dort auch nicht.

Alles doof. Bevor er wieder losging, musste er aber definitiv den Tand aus den zwei Tüten loswerden. Am besten, er brachte den Müll erst mal in sein Zimmer. Dann konnte er dort nochmal in Ruhe sortieren und schauen, was er davon Misaki schenken wollte. Wenn es dem Kleinen am Ende tatsächlich gefiel, wären wenigsten gleich ein paar Geschenke für die nächsten Gelegenheiten da. Sylvester, Valentinstag, Sonntag. Irgendwelche ‚Tage‘ gab es doch immer. Und vielleicht würde das ja helfen. Allerdings hatte Akihiko im Augenblick keinen blassen Schimmer wie.

Wenigstens das ‚wobei‘ hatte er in den letzten drei Jahren einigermaßen klären können. Für sich jedenfalls. Misaki schien es ja nicht zu kapieren. Aber bei dem Gedanken war er heute schon mehrfach gewesen. So wie jeden Tag. Verdammt!

Wütend über sich selbst stapfte er zum Hauseingang und fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben. Als er schließlich die Tür zu seinem Appartement öffnete, brannte das Licht. Hatte er vergessen, das auszumachen? Etwas verwundert streifte er die Schuhe ab und stellte die beiden Taschen zunächst neben das Schränkchen im Flur. Ein anderes Paar Schuhe war nicht zu sehen. Also hatte er entweder wirklich das Licht vergessen oder es war tatsächlich Misaki, der mit seinem Ordnungsfimmel seine Klamotten – zusammen mit Akihikos – ja immer sofort anständig wegräumte.

Anstatt einfach nachzusehen, ob die Schuhe seines Kleinen im Schrank standen, stapfte er zur Tür, die ins Wohnzimmer führte und riss sie förmlich auf. Was ihm entgegenschlug, war nicht nur dämliche kitschige Weihnachtsmusik und gedämpftes Licht – das im Wesentlichen vom Weihnachtsbaum ausging. Nein, es war vor allem auch der Geruch von frisch gekochtem Essen, das seinen Magen lauthals rufend sein Interesse bekunden ließ.

„Usagi? Meine Güte, wie siehst du denn aus?!“ Schon stürmte der Mistkerl auf ihn zu und zog an seiner völlig durchnässten Jacke, die das gesammelte Wasser bereits als große Pfütze zu seinen Füßen abgab. „Du bist ja klitschnass!“, stellte Misaki unnötigerweise fest.

Wie gesagt: Völlig. Durchnässte. Jacke.

„Wo warst du?“, fragte er tonlos, darum bemüht nicht so finster zu klingen, wie er sich fühlte. Weil der Kleine dann immer ausrastete. Und irgendwelchen Blödsinn laberte, anstatt endlich das zu sagen, was er am liebsten jeden Tag, den ganzen Tag oder wenigstens ab und zu mal, vielleicht einmal im Jahr oder irgendwann überhaupt mal hören wollte. Verdammt! Es fing schon wieder an, in ihm zu gären, während er den Jungen finster anfunkelte.

„Was meinst du?“, fragte der und schien ausnahmsweise nicht einmal zu merken, wie die Dunkelheit in Akihiko anwuchs. Dieser Drang, den er selbst nicht erklären konnte. Womöglich auch nicht wollte. Und wenn er die Naivität in dem Kleinen sah, besser nicht erklären sollte.

„Ich hab auf dich gewartet.“

Irritiert sah Misaki sich im Wohnzimmer um und dann zurück zu Akihiko. „Nein, hast du nicht.“

Am liebsten hätte er den Jungen geschnappt, ins Schlafzimmer getragen und ihm klargemacht, dass ihm fast sein verdammtes Herz aus der Brust gesprungen war, weil er keine Ahnung gehabt hatte, wo der kleine Dummkopf sich rumtrieb. Aber natürlich würde er das nicht tun. Denn er hatte nicht den geringsten blassen Schimmer, wie er Misaki das verflucht nochmal erklären sollte.

Und das machte es umso lächerlicher. Immerhin war er zehn Jahre älter als der Junge und noch dazu ein extrem erfolgreicher Buchautor. Worte waren seine Welt. Wie oft hatten die Kritiken ihn gefeiert für seine Wortwahl, seinen Ausdruck, die Art und Weise, wie seine Charaktere sich ausdrückten? Aber wenn es um den Kleinen ging, konnte er das nicht. Nicht, weil ihm die Worte fehlten, sondern die Kraft sie auszusprechen.

Dummerweise las Misaki die wenigsten seiner Bücher und wenn, dann schien er nicht zu verstehen, dass die Worte, die da drinnen standen, genau die waren, die er ihm gern gesagt hätte. Aber nicht konnte. Weil er nun einmal kaputt war. Und der einzige Mensch, der ihn wenigstens ein Stück weit reparieren konnte, stand noch immer vor ihm und versuchte, diese verdammte Jacke von seinen Schultern zu ziehen.

„Ich hab dich gesucht“, murmelte Akihiko schließlich.

„Warum? Ich hab doch gesagt, dass ich noch für das Essen einkaufe und dann nachhause komme.“ Misaki hatte die Jacke endlich von seinen Schultern gezerrt.

„Du hast nicht auf meine Nachrichten reagiert.“

Verwundert blinzelte Misaki ihn an. „Welche Nachrichten?“

„Die zwanzig oder dreißig Stück, die ich dir geschickt habe!“, zischte Akihiko um Beherrschung bemüht zurück.

Wieder dieser irritierte Blick, der ihn selbst fast zur Weißglut trieb. „Zeig mal her!“, forderte Misaki ihn auf und stumm reichte Akihiko ihm das Handy. „Du hast den Datentransfer ausgeschaltet, Usagi.“

„Was?“

„Deine Nachrichten, sind nicht abgeschickt worden“, erklärte der Junge lächelnd weiter und hielt ihm das verdammte Ding vor die Nase. Ungläubig starrte er darauf. „Warte, ich schalte es dir wieder ein.“

Der Kleine wischte kurz über das Gerät und in den nächsten dreißig Sekunden bimmelte Misakis eigenes Handy verräterisch dreiundzwanzig Mal. Scheiße! Wie hatte er so dämlich sein können?!

„Du solltest dich ausziehen, Usagi. Sonst erkältest du dich noch!“

Mit undeutbarem Blick sah Akihiko dem Jungen nach, als er zunächst mit seiner Jacke in den Flur verschwand – vermutlich um sie dort aufzuhängen. Ausziehen? Okay.

„Verdammt nochmal, Usagi!“, keifte Misaki angepisst, als er wieder ins Wohnzimmer kam.

„Was? Du hast gesagt, ich soll mich ausziehen“, gab er gelassen zurück. Immerhin befolgte er hier nur Anweisungen. War schließlich selten genug, dass sein Kleiner welche ausspuckte, die über ‚iss deine Paprika‘ hinausgingen.

„In deinem Zimmer, du Idiot! Und zieh dir trockene Sachen an!“

„Warum?“

Sofort lief Misaki knallrot an und Akihiko konnte sehen, wie es hinter der hübschen Stirn arbeitete. „Du wirst dich erkälten“, murmelte er dann und senkte schließlich den Blick. Beschämt stapfte der Junge in Richtung Küche. Als er dabei an Akihiko vorbei lief, streckte er die Hand aus und zog den Kleinen zu sich heran. Sein Misaki.

Ehe der etwas sagen oder sich wehren konnte, zog er ihn an sich und presste seine Lippen auf Misakis. Es dauerte keine zwei Sekunden, da schlangen sich die schlanken Arme um seinen Hals und der Widerstand war sofort verschwunden. Aber in der Hinsicht waren sie sich ja schon länger einig. Obwohl der Junge seine ‚Drohung‘ irgendwann umgedreht Akihiko zu verführen bisher nicht hatte wahrmachen können.

Nach einer schier endlos erscheinenden Minute – oder auch zwei oder zehn, wer konnte das schon so genau sagen – drückte Misaki ihn dann doch weg. „Das Essen!“, murrte er noch immer knallrot leuchtend und hastete in die Küche.

Grinsend deutete Akihiko mit dem Finger nach oben zu dem von der Decke baumelnden Mistelzweig, den er dort vor ein Anfang der Woche angebracht hatte. Dem einzigen Teil der Weihnachtsdekoration – und -tradition –, an dem er sehr viel Gefallen gefunden hatte in den vergangenen Tagen.

Auch wenn es unmöglich sein sollte, schien Misaki sogar noch roter zu werden. Also wandte Akihiko sich ab und stapfte zu der freistehenden Treppe, die ins Obergeschoss zu den Schlafzimmern führte. Er sollte dem Jungen den Gefallen tun und sich etwas anziehen. Das Essen roch lecker und würde garantiert auch so schmecken. Und danach hatten sie ja noch den ganzen Abend Zeit um ein Geschenk für Misaki aus dem Tand herauszusuchen, den er mitgebracht hatte. Dann könnten sie auf der Couch liegen und den Abend genießen, bevor sie ins Bett gingen – und hoffentlich eine ebenso schöne Nacht verbringen würden. Gemeinsam. So wie es sein sollte.

Als er oben an der Treppe stand, blickte Akihiko noch einmal nach unten. Geschäftig wuselte Misaki durch die Küche und legte letzte Hand an ihr Weihnachtsessen. Seine Mundwinkel zuckten kurz. Vorsichtig fuhr er mit dem Daumen über seine eigenen Lippen. Langsam aber stetig wuchs ein Lächeln auf ihnen.

Vielleicht war Weihnachten ja doch nicht so doof. Mit Misaki hatte er jedenfalls schon mal das beste Geschenk, das er kriegen konnte.

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Noch einmal zugeordnet:
Springbrunnen ↦ Auf dem Weihnachtsmarkt
Käfer ↦ Figur, die Akihiko auf dem Weihnachtsmarkt kauft
von etwas herab baumeln ↦ der Mistelzweit
einen Keks essen ↦ Akihiko am Anfang
laut rufen ↦ Akihikos Magen, als er das leckere Essen riecht

So, ich hoffe, ich hab die Herausforderung gemeistert ;)
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