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Die letzte Drachenreiterin

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16
Fili Gandalf OC (Own Character) Smaug
19.06.2020
17.09.2020
10
92.077
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21.07.2020 8.826
 
Chapter 4: Willkommen in Bree…


Corrus` Sicht:

Hart trommelte der Regen auf meine Haut nieder, sammelte sich in unzähligen Rinnsalen zwischen meinen Schuppen wieder und floss so dann in Sturzbächen meinen Körper hinab, brachte meine grünliche Haut zum Glänzen, währenddessen ich, mit knurrigem Gesichtsausdruck, stoisch gegen den peitschenden, pfeifenden Wind ankämpfte. Meine Schwingen erwiesen mir dabei einen großartigen Dienst, schlugen unermüdlich geräuschvoll, wie Donnergrollen, auf und ab, sodass sich mein gesamter Leib in ihrem Rhythmus auf und ab bewegte, wodurch ich so immerhin eine kleine Chance gegen den Sturm hier oben bekam. Denn der war wirklich heftig. Und mit heftig meinte ich mehr als nur das. Grob zog der eiskalte Wind nämlich an meinem Körper, versuchte mich so aus seinem Territorium zu vertreiben, währenddessen der eiskalte Regen meinen Leib gefährlich runterkühlte, mich so bereits durch meinen dichten Schuppenpanzer Kälte fühlen ließ. Aber das scherrte mich einen Dreck. Ja. Sowas hatte ich immerhin knapp jeden Tag während meiner Ausbildung, zusammen mit meinem Mentor Orion, gemacht. Von dem her…

Geschickt nutzte ich, mit dicht an meinem Oberkörper gepressten Vorderpfoten, die pfeifenden Winde, die hier oben herrschten, um höher aufzusteigen und gleichzeitig an wertvoller Kraft zu sparen, unterdessen die grauen Wolken um mich herum, immer dichter wurden. Manchmal meinte ich sogar in der ein oder anderen Wolke einen gleißenden Blitz gesehen zu haben, der für den Hauch von einer Sekunde den dunklen Himmel erleuchtete, doch sicher war ich mir nicht. Hirngespenste waren hier oben, bei Sauerstoffmangel, immerhin keine Seltenheit, also konzentrierte ich mich darauf, steil bergauf, immer höher und höher zu fliegen. Mein Ziel war nämlich die berüchtigte Himmelsgrenze.  Ein Teil des Horizonts, wo die Wolken nicht hinkamen und wo kein einziger Vogel hingelangte, während man über einem nur den endlosen Sternenhimmel hatte. Dorthin wollte ich, denn mein Kopf musste frei werden. Ich musste über einige Sachen nachdenken, die Rais und meine Zukunft, als auch Rais Verhalten betrafen. Und es gab keinen besseren Ort für solche Angelegenheiten, als weit über den Wolken, wo mich keine Seele stören konnte…Doch der Weg dahin war bei einem Wetter wie diesem bestimmt kein-…Zuckerschlecken. Auch für ein Muskelpaket wie mich nicht. Wie das sein konnte? Nun ja…

Überrascht stieß ich ein gellendes Brüllen aus, dass in den tiefen meiner Brust entsprang und nun, wie ein unheimliches, weitreichendes, gewitterartiges Echo, über den gesamten Horizont schallte, als mich mit einem Mal, so als würde ich volle Kanne gegen eine unsichtbare Wand fliegen, eine ziemlich starke Windschelle traf und so nach unten schleuderte. Zwanghaft musste ich deswegen ruckartig, wie auch geräuschvoll meine Schwingen komplett zur Seite ausstrecken und wahrte mich selbst so direkt vor einem weiteren Fall nach hinten, hatte dabei aber allerdings unfreiwillig, wie auch angestrengt meine Lefzen hochgezogen, sodass man meine Reißzähne schön sehen konnte, währenddessen ein starker, reißender Ruck durch meinen Körper ging, mir für einen kurzen Augenblick die Luft aus den Lungen presste. Ganze, kleine Flüsse aus Regentropfen, die bis dato sturzartig meinen Leib hinabgeschossen waren, wurden deswegen in die bodenlose Luft geschleudert, unterdessen geräuschlos ein weiteres, grelles, weißes Leuchten den grauen, verschleierten Himmel beleuchtete. Und dieses Mal war es wirklich ein Blitz gewesen. Da war ich mir zu einhundert Prozent sicher. Aber trotzdem konnte ich nicht zulassen, dass ein kleines Unwetter wie dieses, mich von meinem Ziel abbrachte. Bei Ancalagon, immerhin war ich ein verdammter Drache!!! Ich trotzte der Naturgewalt nicht, ich war die verdammte Naturgewalt!!...Ein entschlossenes Zischen entkam mir, welches allerdings leider im Heulen des Windes und dem Grollen der Wolken unterging, ehe ich, mit in gekräuselten Schnauze, mein gesamtes Gewicht wieder nach vorne verlagerte und mit noch kraftvolleren Flügelschlägen als zuvor meinen Weg nach oben bahnte. Der unangenehme Schmerz, der sich dabei protestierend in meiner Rückengegend breit machte, ignorierte ich gekonnt, war es schließlich nicht das erste Mal, dass ich Flügelkater hatte.  

Geräuschvoll schlugen meine Schwingen auf und ab, zitterten aufgrund des Windes an ihren ledernen, dünnen Unterseiten und machten so den Anschein, als würden sie jeden Augenblick von meiner Haut abreißen, währenddessen ich, mit bis zum Zerreisen angespannten Muskeln, todesmutig die grau-schwarzen Wolken über mir fixierte, die wie eine undurchdringbare Wand über mir aufragten und mich mit peitschendem Wind, arschkaltem Regen und gleißenden Blitzen bombardierten. Mein Herz schlug deswegen in einem ungewöhnlich schnellen Tempo, war beinahe schon so laut, wie das Heulen des Unwetters selbst, und schmerzte mir ungemein in meiner Brust. Aber gerade das liebte ich. Genau das. Das Trommeln meines Herzens, das Adrenalin, dass rasend durch meine Venen schoss, die bodenlose Tiefe unter mir und ein schweres Unwetter auf mich herum, mit dem einzigen Ausweg, die Himmelsgrenze zu erreichen. Das Auge des Sturms. Denn die würde meine Belohnung sein, wenn ich es schaffte, dass Wetter zu bezwingen. Das und die Ruhe, die mit ihr verbunden war, sodass ich genug Zeit zum Nachdenken hatte. Tja…und wenn ich mich nicht irrte, dann dürfte es nicht mehr weit bis zur Himmelsgrenze sein. Nur noch ein paar Flügelschläge und dann war ich dort…

Koordinierend und stabilisierend schlug mein langer, am Ende mit jeweils zwei Stacheln auf jeder Seite bestückter Schweif nach die Luft, wobei von den weißen Spitzen meiner Stacheln unaufhörlich Regentropfen flossen und diese so zum Glänzen brachte, half mir so den Kurs zu halten, währenddessen das Unwetter um mich herum immer schlimmer wurde. Immer heftiger schleuderte sich der Wind nämlich selbst gegen mich, rammte mich oftmals, wie ein wildgewordener Bulle, von allen Seiten, weshalb ich auch auf meinem Flug ordentlich durchgeschüttelt wurde, derweilen der peitschende Regen sich allmählich in kleine, frostige Hagelkörner verwandelte, die mir schmerzhaft auf die ganze Haut prasselten. Zum Glück verletzten die mich, dank meinen zähen Schuppen, nicht wirklich, rissen nur bei den dünnen Stellen meiner Schwingen kleine, blutige Wunden auf und ließen mich genervt Zischen, doch mehr war es auch nicht. Nein. Größeren Schaden trug ich glücklicherweise nicht davon und verlagerte stattdessen angespannt blitzschnell mein gesamtes Gewicht auf die linke Seite. Instinktiv verlagerten sich meine Flügel dadurch dann, wie von selbst, geräuschvoll rauschend in eine senkrechte Position, wodurch ich ruckartig auf die linke Seite hinübergeworfen wurde. Und das auch keinen Augenblick zu früh. Denn einen Wimpernschlag darauf schoss genau auf die Stelle, wo ich für einer Sekunde noch geflogen war, ein grell-leuchtender, weißer, krakeliger Blitz zu und setzte zischend seinen Weg zur Erde fort. Für den Bruchteil von einer Sekunde reflektierten meine nassen Schuppen dabei das Licht des Blitzes und erhellten die grau-schwarze Umgebung nur noch mehr, ehe die Schwärze wieder die Überhand übernahm und ich weiterhin verbissen meinen Weg zur Himmelsgrenze beschritt…

Kopfüber tauchte ich daher, mit schnaubenden, prustenden Nüstern, in eine große, graue Wolke ein, die sich bedrohlich vor mir aufgebaut hatte. Puh und der Widerstand, der mich in ihr erwartete war…Naja…Muskelbeschwerend…Aber ich setzte mich stoisch durch, schlug nur noch härter mit meinen Schwingen, sodass die Wolkenfetzen um mich herum, sich bereits an meine Flügelspitzen hafteten, ignorierte das Wasser, dass meinen Körper in Sturzbächen hinabfloss und fixierte mit meinen gelblichen Augen eine winzige Lücke in der Wolke weit über mir, die ein wenig heller, aber auch wenig dunkler als der gesamte Rest wirkte. Heller, weil das reine, weiße Licht der Sterne in seiner Ferne funkelte und dunkler, weil keine graue Wolke sein Antlitz verunreinigte. Und tja, meine Freunde, dass war die Himmelsgrenze. Mein Ziel… Ein letzter Spurt schoss daher durch meine Venen, ließ meine Augen aufgeregt aufleuchten und mich noch stärker mit meinen Flügeln schlagen. Voller Motivation griff ich mit ihnen so weit es ging nach oben und ließ sie dann, den Herzschlag darauf, geräuschvoll wieder nach unten sausen, sodass ich nur noch schneller an Geschwindigkeit gewann, unterdessen der ganze Regen meine Sicht trübte. Er trübte sie sogar so sehr, dass ich irgendwann praktisch blind war, weshalb ich auch säuerlich meine Schnauze kräuselte. Doch trotzdem unternahm ich nichts dagegen, unternahm nur karge Versuche das Wasser aus meinen Augen zu blinzeln, währenddessen sich mein ganzer Körper im Rhythmus meiner schlagenden Flügel befand und ich immer höher und höher stieg bis-…

Augenblicklich stellte ich sämtliche Bewegungen ein, als ich fühlte wie einfach alles um mich herum ruhiger wurde, an Geräuschen verlor, und flog daher für einen sehr langen Moment, durch den ganzen Schwung den ich genommen hatte, einfach in die Höhe, den weißen, pulsierenden Sternen am nachtschwarzen Himmel über mir entgegen. Unzählige, funkelnde Wassertropfen perlten dabei geräuschlos, vor allem im Bereich von meinen Schwingen, ab, erweckten so für einen winzigen Moment den Anschein, als hätte ich unter den Lederhäuten meiner Flügel noch einen Wasserteppich mitgeschleppt, ehe sie wieder hinab zu den grauen, langsam rotierenden Wolken fielen, in denen hier und da mal ein gleißender Blitz aufleuchtete. Doch ich? Ich blieb hier oben, kostete den Schwebemoment, den Moment kompletter Schwerelosigkeit, vollkommend aus und wagte es dann nach einigen Wimpernschlägen sogar meine Augen zu öffnen. Und Leute…Was ich dort sah, könnte sich noch nicht einmal der fantasievollste Künstler ausdenken…Ohhh nein…Denn was ich dort sah, war einfach nur atemberaubend…

Groß, hell und majestätisch ragte leicht über mir der Mond am Horizont, beleuchtete so, mit seinem silbernem Schein die ganze Himmelsgrenze, derweilen um ihn herum, auf dem nachtschwarzen-dunkellilafarbenen Himmelszelt, Abermillionen von kleinen und großen Sternen pulsierten und so ihrem Herren, dem Mond, beim Beleuchten der Welt unterstützten. Fleißig versuchte jeder von ihnen nämlich am stärksten zu leuchten, wodurch sie aber unbewusst einfach ein atemberaubendes Spiel aus Lichtern abhielten und sich manchmal sogar zu einem milchigen Teppich ausweiteten, bei dem man ganz leicht den Überblick verlor, unterdessen unter mir die Wolken mit ihren Blitzen aufleuchteten. Wie ein grauer Mantel lagen sie schließlich über der gesamte Himmelsgrenze, rotierten an einigen Stellen sogar langsam, wodurch ich erahnen konnte, dass dort der Wind stärker war, und wenn man ganz genau hinhörte, dann konnte man selbst hier oben noch leise das Heulen des Windes hören. Doch ich hörte nicht hin. Nein. Ich verschloss meine Ohren vollkommend für all die Geräusche die unter mir lagen, starrte stattdessen ehrfürchtig den riesigen Mond vor mir an, der kühn auf mich herabschien. Logisch war daher, dass sich sie silberne Silhouette des Mondes in meinen gelblichen Augen und meiner schlitzartigen, schwarzen Pupille wiederspiegelte, derweilen ich das Gefühl bekam, dass die Zeit stehenbleiben würde. Für einen sehr, sehr langen Moment, in dem es nur mich, den Mond und die Sterne gab, fühlte ich weder Zeit, noch die Schmerzen von meinem Muskelkater in meinem Rücken, noch das schnelle Pochen meines Herzens. Es gab nur die Schwerelosigkeit und die Reinheit des Mondes, mehr nicht, weshalb es ihn mir unweigerlich ein Gefühl der Freude und Zufriedenheit auslöste. Denn ich hatte mein Ziel erreicht…

Tz…Tja und dann?...Dann meine Freunde, fühlte ich, wie ich langsam, von starken, unsichtbaren Armen, wieder nach unten gezogen wurde. Denn die fesselnde Schwerkraft setzte für mich wieder ein und versuchte mich von diesem atemberaubendem Anblick wegzuzerren. Genervt deswegen verdrehte ich unwillkürlich meine Augen und stieß unwillkürlich dabei ein heißeres Knurren aus, ehe ich mich ohne weiteren Widerstand einfach hintenüber fallen ließ. So als wäre es das Normalste für mich auf der gesamten weiten Welt, was es ja irgendwie auch war, verlagerte ich mein gesamtes Gewicht nach hinten, presste dabei instinktiv geräuschvoll meine Schwingen dicht an meinen Körper und ging dann kopfvoran in den Sturzflug über. Mein langer, schuppiger Schweif folgte mir dabei in einen eleganten, würdevollen Bogen den Salto hinab. Doch, um ehrlich zu sein, verlor ich dabei für einen kurzen Augenblick die Orientierung, als der nachtschwarze-dunkellilafarbene Sternenhimmel auf einmal am Boden meiner Sicht war und die grauen, gelegentlichen aufleuchtenden Wolken in der Luft oben. Auch dieses seltsame, verdrehende Gefühl in meiner Magengegend machte es nicht besser, währenddessen ich an meinen Ohrmuscheln vernehmen konnte, wie der Wind immer rauschender wurde, ehe ich mich dann schließlich von der Schwerkraft in den freien Fall hinabziehen ließ. Oder naja…Zumindest für ein paar Herzschläge…

Der freie Fall hatte mich fest in den Klauen, der Wind in meinen Gehörgängen wurde rauschender und trotzdem war ich noch, durch den vorherigen, anhaltenden Schwerelosigkeitseffekt, in einen eher langsamen, schleichenden Tempo, als ich den Salto verließ. Und ganz ehrlich meine Freunde? Ich würde es auch nicht dazu kommen lassen, dass ich schneller werden würde…Denn noch bevor ich überhaupt an Fahrt gewinnen konnte, oder mein Körper die Chance dazu bekam schneller zu fallen, verengte ich blitzschnell meine Augen zu schmalen Schlitzen, verlagerte mein Gewicht ein wenig waagrecht, sodass ich in einer passenden Position zum Abfangen wäre, und entfaltete dann ruckartig meine Schwingen. Wie aus dem Nichts heraus schossen meine ledrigen Flügel geräuschvoll zur Seite, fingen mich so dumpf ab, sodass mir sämtliche Luft aus den Lungen gepresst wurde. Doch die Belohnung, die ich dafür erhielt, war es allemal wert.  Haha, denn durch die Häute meiner Schwingen und der aufsteigenden Luft wurde ich wieder sanft in die Höhe gedrückt, musste nur ein paar Mal sachte mit meinen Flügeln auf und ab schlagen, währenddessen meine Gestalt sanft über den grauen Wolkenteppich hinwegglitt. Lautlos, wenn ich anmerken durfte. Nur mein Schatten, der vom silbernen Licht des Mondes und der Sterne erzeugt wurde, war auf den Wolken zu sehen, wie er geräuschlos meiner Gestalt folgte und jeder meiner Bewegungen perfekt nachahmte, mehr nicht. Doch dies kümmerte mich auch nicht wirklich. Nein.

Stattdessen wendete ich, ohne einen weiteren Gedanke ans geschehene zu verschwenden, meinen Blick wieder dem gewaltigen Mond zu und sah nachdenklich zu ihm hoch, währenddessen ich, mit behutsamen Flügelschlägen, über die Himmelgrenze glitt, dabei gelegentlich ein paar Wolkenfetzen aufwirbelte. Denn, wie ihr ja wusstet war ich aus einem bestimmten Grund hier herauf gekommen. Ich war hier oben, weil ich meinen Kopf klären wollte. Meine Gedanken sortieren wollte. Ich wollte über Rais Beichte und ihrer allgemeinen Veränderung nachdenken. Ich meine, ich wusste, dass gerade ihr dieser Verlust unglaublich zu Herzen ging. Sie trauerte nach 60 Jahren immer noch, konnte keinen Frieden finden, dass konnte ich spüren. Sie gab sich noch immer die Schuld für das Versagen an jenem Tag und versuchte damit klarzukommen, indem sie einfach alles verdrängte, was damit zu tun gehabt hatte. Jede Erinnerung, jeder Gegenstand und alles kulturelle. Nur ihren Kampfstock hatte sie behalten, was mir ein wenig Hoffnung für die Zukunft gab, auch wenn es nicht viel war. Ich dagegen, versuchte, so sehr es mich manchmal auch schmerzte, alles in meiner Macht stehende, um das Erbe meines Clans aufrecht zu erhalten. Alles was sie aufgebaut hatten, alle Sitten, die sie versucht hatten in die Welt zu tragen, einfach alles versuchte ich am Leben zu erhalten, denn nur so konnte ich sichergehen, dass ihr Vermächtnis bestand haben wird. Und einst war meine Partnerin Rai genauso gewesen. Also vom Denken her. Denn die Rai, die ihr in den letzten Tagen kennengelernt habt, war nicht die Rai, die ich aus der Vergangenheit kannte. Ohhh, nein. Rai war damals komplett anders gewesen. Ha, Vaia, Rais Mutter, und Atticus, ihr engster Vertrauter und Mentor von Rai, haben sogar immer behauptet, dass sie von den Charakterzügen her haargenau wie ihr Vater Raylon, in seinen jungen Jahren, war. Waghalsig, hitzköpfig, spitzbübisch, handelte ohne nachzudenken, ganz nach dem Motto zuerst zuhauen und dann fragen, weshalb wir Beide uns in der Vergangenheit auch oft Ärger eingehandelt hatten, wenn wir den Wachen einen Streich gespielt hatten und Rai keinen Fluchtplan in der Tasche gehabt hatte. Oh, das waren noch Jahre gewesen. Aber trotzdem war Rai, angeblich genauso wie ihr Vater Raylon, immer reines Herzens gewesen, hatte sich ohne zu Zögern für ihre Freunde eingesetzt und für sie sogar manchmal Schläge kassiert, wenn sie Streit mit anderen Gleichaltrigen hatte. Und heute?….Heute ließ sie hilflose Frauen im Stich, die in allergrößter Not waren…

Enttäuscht stieß ich ein tiefes Schnauben aus und ließ meinen Kopf geschlagen hängen, unterdessen ich gleichzeitig meinen Körper ein wenig nach rechts steuerte, um einer sich aufbäumenden Wolke auszuweichen. Was hätten Vaia, Ceto, Atticus und Orion bloß nur zu diesem Verhalten gesagt? Wären sie enttäuscht von mir, dass ich versagt hatte auf Raidyn acht zu geben? Oder würden sie verstehen, dass ich versucht habe Rai von ihrer Trauer zu befreien, indem ich ihr Zeit und Raum ließ… Was ihr Vater dazu gesagt hätte, wusste ich nicht. Weder ich, noch Rai hatten ihn je kennengelernt. Er starb beim letzten Widerstand, als Vaia, zusammen mit den restlichen Drachenreitern unseres Clans, die Insel verlassen hatte, auf der wir beheimatet waren. Ein interner Krieg zwischen den Clans hatte uns dazu gezwungen und Raylon hatte mit seiner Wache den letzten Widerstand bezogen, um den restlichen Überlebenden die Chance zur Flucht zu ermöglichen. Er war also praktisch als Held gestorben und mit dieser Geschichte waren Rai und ich auch aufgewachsen…Aber genug davon…Es gab wichtigeres…

Sehnsüchtig hob ich mit einem traurigen Blick in den Augen meinen Kopf erneut an und blickte wieder zu den Sternen hinauf, sodass sich ihr funkelndes Licht in meinen Irden widerspiegeln konnte. Sie wirkten zu zuversichtlich, rein und munter, dass meine Gedanken unwillkürlich zurück zu meinen damaligen Freunden und Familienmitgliedern glitten, die ich alle in Smaugs Feuerinferno verloren hatte. Ein trauriges Lächeln schlich sich deswegen auf meine Lippen, ließ mich gezwungenermaßen Lächeln, wandte jedoch dieses Mal nicht meinen Blick von den Sternen ab, sondern starrte auch weiterhin zu ihnen hinauf. „Ich weiß nicht, ob ihr mich dort oben hören könnt, Freunde…“ begann ich schließlich mit einem tiefen Seufzen und schlug gleichzeitig lautlos zweimal mit meinen Schwingen auf und ab, um mich in Position zu halten, ehe ich schließlich fortfuhr. „Ihr habt es in Ancalagons Paradies sicher sehr gut, weshalb ihr jetzt wahrscheinlich auch nicht immer auf Rai und mich herabschaut, um zu kontrollieren, was für einen Mist wir schonwieder bauen.“ scherzte ich gedanklich rau und musste leicht lachen. Ja, im Clan waren wir wirklich dafür bekannt gewesen zwei Raufbolde zu sein. Vaia hatten wir deswegen oft genug, natürlich in keinem schlechten Weg, in der Öffentlichkeit blamiert… Aber das lag mittlerweile in der Vergangenheit. Denn als Rai und ich älter wurden, hatten wir Verantwortung übernehmen müssen. Und mit der Verantwortung kamen auch die Konsequenzen, weshalb ich auch erneut ein tiefes Seufzen ausstieß, als ich in Gedanken fortfuhr. „Ich will euch deshalb nicht lange stören und komme direkt zum Punkt. Ich vermisse euch alle hier unten schrecklich. Ceto, Orion, Cahira, Bo, euch am meisten, aber ich denke, dass wisst ihr bereits. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an euch denke und mir wünsche, die Zeit zurückzudrehen zu können. Aber es geht nun einmal nicht und jetzt seid ihr dort oben und ich und Rai hier unten. Tz, ich beneide euch alle deswegen ein wenig, wisst ihr? Ihr habt im Paradies keine Sorgen mehr und könnt euch entspannen und hier unten?...Hier unten geht es Rai und mir so ziemlich dreckig. Rai wahrscheinlich sogar noch ein Stückchen mehr als mir.“ erzählte ich telepathisch gedämpft meinen Freunden im Himmel, musste allerdings einmal tief Luft holen, bevor ich überhaupt fortfahren konnte…

„Sie hat sich nämlich verändert, wisst ihr? Und ich mache mir sorgen um sie. Ich sehe sie leiden, aber ich kann ihr nicht helfen. Sie lässt sich nicht helfen. Helft ihr deshalb an meiner Stelle. Gebt ihr ein Zeichen, dass sie nicht verzagen soll!“ flehte ich gegen Ende hin beinahe schon verzweifelt die Sterne an, suchte so die Geister meiner verstorbenen Freunde an, mir ihre Hilfe zu gewähren und sich um Rai zu kümmern, währenddessen ich hoffnungsvoll zu dem pulsierenden Gestirn hinaufblickte, in der Hoffnung ein Zeichen von ihnen zu sehen, dass sie meine Bitte erhöht hatten, dabei den kalten Wind, der lechzend über meinen Körper strich ignorierend. Doch die Sterne blieben still. Ja. Kein Mucks kam von ihnen, dass sie mir helfen würden, Rai wieder auf den richtigen Weg zu leiten. Nur eine einzelne, leuchtende Sternschnuppe raste blitzschnell am Nachthimmel vorbei, was für mich tausend Wörter sprach. Meine Freunde hatten mich nicht angehört. Sie hatten mein Gebet nicht empfangen und würden mir bei meinem Problem auch nicht helfen. Ich war auf mich alleine gestellt, müsste selbst einen Weg finden Rai klarzumachen, dass was sie tat nicht richtig war…

Enttäuscht über mein augenscheinliches Versagen meine Ahnen anzurufen stieß ich ein tiefes Schnauben aus, dass meine Nüstern zum Beben brachte und ließ niedergeschlagen meinen Kopf hängen, ehe ich meine Schwingen näher an meinen Körper heranpresste und mein Gewicht nach vorne verlagerte. Es hatte keinen Sinn meine Zeit weiter hier oben zu verschwenden. Heute würde ich nichts mehr erreichen. Ich war, mit Rai, auf mich selbst gestellt…Und mit diesen Gedanken tauchte ich kopfüber in die stürmenden, grauen Wolken ein…



***




Raidyns Sicht:

Agrafina und ich waren bis auf die Knochen komplett durchnässt, als wir endlich das Gasthaus Zum tänzelndem Pony erreichten. Kleidung, Ausrüstung, Haare, alles triefte bei uns Beiden, ließ so sowohl meine dunkelbraune Stute, als auch mich frösteln, währenddessen wir, mit schmatzenden Schritten unseren Weg durch den aufgeweichten Schlamm in Richtung der Ställe bestritten. Kleine, schlammige Pfützen, die auch weiterhin vom donnernden Regen gefüttert wurden, hatten sich deswegen schon im Gatsch gebildet, machten den Weg nur noch umständlicher, währenddessen sich das fahle, gelbliche Laternenlicht der umstehenden, hölzernen Häuser, wie auch das vom Gasthaus dumpf im Matsch und dessen Pfützen wiederspiegelte. Der einzige Bonuspunkt, der für mich im Moment rausspringen konnte, wenn ihr mich fragen würdet, denn so konnte ich immerhin sehen wohin ich ging…  

Ein genervtes Schnauben entkam mir, als mein schwarz und wegen dem Schlamm mittlerweile dunkelbrauner Stiefel in einem der tiefen Schlammlöcher steckenblieb und ich ihn mit einem kräftigen Ruck, wie auch einem lauten Schmatzen, dort herausziehen musste. Agrafina zuckte deswegen ängstlich mit ihrem Haupt in die Höhe, weitete unruhig ihre Augen und gab ein nervöses Schnauben von sich, was allerdings auch mit dem fernen Bellen eines Hundes zusammenhängen konnte, der aufgebracht vor sich hin kläffte. Ich beschloss daher ihr Verhalten zu ignorieren, da keine unmittelbare Gefahr für sie bestand, und führte sie stattdessen weiterhin schweigend in Richtung der Ställe vom Gasthaus Zum tänzelndem Pony, die bereits, zusammen mit der Taverne selbst, in meine Sicht gekommen waren. Aufgrund des Regens war diese Sicht natürlich erheblich getrübt, konnte deswegen keine genauen Details ausmachen. Doch trotzdem sah ich die schummrigen Lichter vorm Gasthaus leuchten, konnte das triefende, quietschende Schild, mit dem tänzelndem Pony darauf, über den Laternen schwanken sehen, hörte die Musik und das Gelächter im Inneren der Schenke und sah auch einige Schnapsleichen auf den überdachten, hölzernen Treppen liegen. Und das reichte mir aus, um sicher zu sein, dass ich hier am richtigen Ort war.

Kommentarlos führte ich daher, mit schweren, schmatzenden Schritten, Agrafina bestimmt am Eingang und an den ersten, schnarchenden Schnapsleichen des Gasthauses vorüber, die ich noch nicht einmal eines einzigen Seitenblickes würdigte, hinüber zu dem angrenzendem Stall, an dessen Eingangstür mich ebenfalls zwei schummrige Laternen begrüßten. Doch aber nicht nur die Lichter hießen mich willkommen. Auch der vertraute Duft nach Heu und Pferd, zusammen mit deren geliebten Wärme, begrüßten Agrainfa und mich freudig, schlugen uns grüßend ins Gesicht, als wir gemeinsam die Stallgasse betraten…Von Kopf bis Fuß triefend setzte ich wortlos den ersten Fuß in den Stallgasse, war insgeheim heilfroh endlich aus dem Regen rauszukommen, blieb für einen kurzen Augenblick stehen, um meine klitschnasse Kapuze vom Kopf zu ziehen und zog dann schließlich seufzend meine dunkelbraune Stute bestimmt hinter mir her in Richtung der Boxen, damit ich sie dort unterstellen konnte. Ihre schlammigen Hufe hallten leise auf dem steinernen Boden, der nur mit spärlichen, gelb-braunem Stroh bedeckt waren, weckten so unwillkürlich die anderen ruhenden Pferde in ihren Boxen, die deswegen natürlich sofort, mit gespitzten Ohren, ihre Köpfe bei den Boxentüren herausstreckten und neugierig zu uns herübersahen. Ein paar von ihnen schnaubten sogar tief in Agrafinas Richtung, wirkten dadurch so, als wollten sie die dunkelbraune Stute begrüßen, die darauf natürlich sofort reagierte, indem sie, im klackernden Vorbeigehen, ebenfalls hell zurückwieherte. Ich verdrehte deswegen leicht meine Augen. Tja, na immerhin fühlte sich einer hier schon wohl…    

Ohne wirklich auf Agrafinas Verhalten einzugehen, führte ich die dunkelbraune, klatschnasse Stute zu den letzten drei freien Boxen am Ende der Stallgasse und wollte gerade, mit einem tiefen Seufzer, nach der ersten, leeren Boxentür greifen, die neben einem hübschen Rappen-Hengst stand, als mit einem Mal vom Anfang der Stallgasse ein aufgeregtes, helles Stimmchen ertönte. „EY! EY, IHR DA, MISS!!!“ schrie die Stimme in heller Aufruhe, worauf kurz darauf das eilige Trappeln von kleinen Schritten folgte. Ich zog deswegen nur ein wenig irritiert meine Augenbraue in die Höhe, hielt in meiner Bewegung inne und schaute verwundert die Stallgasse hinauf, aus deren Richtung ich die Stimme und die Schritte vernahm. Die Pferde unterdessen, inklusive Agrafina, wurden aufgrund des Lärms ein wenig unruhig, wichen von ihren Boxentüren zurück oder ließen ihre Köpfe in den Nacken schnellen, währenddessen ich skeptisch die kleine, herannahende Gestalt versuchte zu identifizieren. Und das war aufgrund des dämmrigen, fast fahlen Lichts hier drinnen wahrlich leichter gesagt als getan. Aber trotzdem schaffte ich, mit leicht verengten Augen, doch noch ein bisschen was von der Gestalt zu identifizieren, die sich mir so schnell nährte. Die Silhouette auf jeden Fall eher klein, hatte die Umrisse eines schmächtigen Kindes, während seine weite Hose, bei seinen fliegenden Schritten locker mitflatterte und sein kleiner Mantel durch den starken Luftzug nach hinten gedrückt wurde. Gesicht und Augen konnte ich durch die Schatten hin nicht erkennen, aber ich konnte trotzdem mit Sicherheit sagen, dass sich mir ein kleines Kind nährte. Ein kleines Kind, von dem ich überhaupt keine Ahnung hatte, was er wollte. Vermutlich betteln oder irgendwas in der Art, doch dies würde sich mir sowieso gleich eröffnen, denn der oder die Kleine kam, keine 5 Sekunden darauf, leicht außer Atem, ein paar Schritte vor mir zum Stehen und sah, mit einem bestimmten Gesichtsausdruck zu mir auf…

„Miss, Ihr müsst 5 Schillinge zahlen, wenn Ihr Euer Pferd hier unterstellen wollt.“ informierte er mich mit seiner hellen, aber dennoch burschikosen Stimme, weshalb ich nun sicher davon ausgehen konnte, dass ich hier einen kleinen Knaben vor mir hatte, ehe er auch schon auffordernd seine rechte Hand mir entgegenstreckte. Seine hellen, blauen Augen funkelten dabei im Dämmerlicht furchtlos unter seinen kurzen, wilden, dunkelblonden Haaren hervor, so als wäre es das normalste für ihn auf der gesamten Welt einfach Geld von Fremden zu verlangen. Ich zog deswegen selbstverständlich einfach nur meine Augenbraun um ein weiteres, ganzes Stückchen in die Höhe. „Ich zahle beim Wirten.“ entgegnete ich dem Burschen kühl und griff dann unbeeindruckt nach der alten Boxentür, um sie quietschend aufzuziehen. Agrafina legte aufgrund des Krachs genervt ihre nassglänzenden Ohren an und scharrte mit ihrem schlammigen Vorderhuf unruhig am steinigen Boden, währenddessen der kleine Junge auf meine Antwort hin ein wenig überrascht seine Augen weitete. War er anscheinend doch nicht gewohnt, dass man ihm die Zahlung verwehrte. Doch nichtsdestotrotz war der Kleine mit Unnachgiebigkeit gesegnet, denn er schüttelte dann einfach nur eilig seinen Kopf, setzte eine entschlossene Miene auf und zwängte sich hastig zwischen mich und die Box, sodass ich Agrafina nicht hineinführen konnte. Ich warf ihm deshalb anfangs einen perplexen Blick zu, trauten sich dies doch nicht viele Kinder bei mir, als ich seinen kleinen, schmächtigen Körper an mir vorbeizwängen spürte. Doch dann änderte sich schlagartig meine Miene zu finster und ich verschränkte genervt meine Arme vor der Brust, als der kleine Blondschopf breitbeinig vor mir in der Boxentür stand und erneut seine Hand mir auffordernd entgegenstreckte.

„Verzeiht, Miss, aber wenn Ihr nicht 5 Schillinge an den Stallmeister zahlt, dann kann ich Euch nicht erlauben, dass Ihr Euer Pferd hier unterstellt.“ erklärte er mir ernst, hatte dabei jedoch trotzdem ein freches Lächeln auf den Lippen, wie wahrlich nur Jugendliche es konnten. Ich schnaubte deswegen genervt. „Geh beiseite, Kleiner. Du blockierst meinen Weg.“ knurrte ich ihn gereizt an und funkelte ihn zur Warnung, über die Schatten des Stalls hinweg, noch einmal sicherheitshalber drohend an, damit er die Warnung auch wirklich kapierte. Doch der Kleine, schien ein ganz abgehärteter zu sein, lehnte sich nämlich stattdessen vollkommend unbeeindruckt mit seiner Schulter lässig gegen den Boxenrahmen und setzte ein verschmitztes Lächeln auf. „Wie gesagt, Miss. Zahlt die 5 Schillinge und ich bin über alle Berge.“ erwiderte er achselzuckend auf meine Drohung und lächelte mir verschmitzt, wie auch mit einer niedlichen Zahnlücke entgegen, wobei ich deutlich sehen konnte, wie ein paar gelbliche Strohhalme in seinem dunkelblondem Haar hingen. Er musste also schon etwas länger hier sein, was mir auch sein Geruch verriet. Doch nichtsdestotrotz war ich trotzdem nicht gewillt, dem kleinen Scheißer 5 Schillinge zu zahlen. Erstens war ich nämlich schwer davon überzeugt, dass der Wirt vom Tänzelndem Pony keine Kinderarbeiter einstellen würde, zweitens vermutete ich, dass der Kleine ein Trickbetrüger war, da er augenscheinlich keine Ahnung von Pferden hatte, wenn er die Stallgasse schreiend hinablief und drittens waren 5 Schillinge doch ein wenig viel Geld für das Unterstellen meines Pferdes. So viel habe ich nicht einmal in Rohan gezahlt und die waren wirklich penibel was die Pferde anging.

Dementsprechend knurrig war ich daher, als ich meine Arme vor der Brust verschränkte und mich mit meiner Schulter gegen den Boxenrahmen lehnte. „Wie ist dein Name, Kleiner?“ verlangte ich gedämpft von ihm wissen und blickte, mit hart aufeinandergepressten Kiefern, auf den kleinen Knaben, der mir gerade bis einmal zur Hüfte ging, hinab. Der kleine Blondschopf musterte mich aufgrund der Frage etwas skeptisch, zog seine auffordernd ausgestreckte Hand wieder zurück und kopierte dann meine Körperhaltung, indem er ebenfalls die Arme vor der kleinen Brust verschränkte. „M-…“ wollte mir der Kleine selbstbewusst antworten, als er jedoch überraschenderweise von einer dritten, schrillen Stimme mitten im Satz unterbrochen wurde. „MILO!!“ schallte er verzweifelt, wütend und erleichtert zugleich durch den dunklen Stall, sodass Genannter erschrocken zusammenzuckte und Agrafina ängstlich schnaubend einen sprunghaften Schritt nach hinten machte, unterdessen der kleine Bub sich mit großen, schreckgeweiteten Augen in Richtung Stalleingang umwandte, wo triefend die Silhouette eine schmächtigen, erwachsenen Frau stand. „Oh nein…Der Teufel hat mich gefunden…“ hörte ich Milo tonlos wispern, was mich unweigerlich dazu veranlasste irritiert meine Stirn in Falten zu legen und eine Augenbraun hochzuziehen…Alles klar…Was genau ging hier vor sich??

Verwirrt ließ ich meinen Blick instinktiv zum Eingang der Stallgasse gleiten, wo die schmächtige Frau, mit klatschnassem, dreckig-rotem Mantel und wehendem, dunkelgrünem Rock, eilig klackernd auf Milo und mich zuschritt. Ihre dunkelblonden, leicht lockigen Haare hatte sich die Frau dabei zu einem lockeren Dutt zusammengebunden, der allerdings auch schon so einige Strähnen verloren hatte, währenddessen ihre himmelblauen Augen, die mich stark an Milos erinnerten, furios durch das Dämmerlicht blitzten. Ihr Gesicht, dass jedoch knapp zu 80% von den Schatten des Stalls verdeckt war, wirkte auf mich jedoch eher sehr schmal und kantig und wenn ich mich nicht sogar täuschte, dass konnte ich im fahlen, orange-gelben Licht sogar ein paar feine Sommersprossen ausmachen, die sich fein über ihre gerötete Nase und rosigen Wangen zogen. Doch um sie noch näher zu inspizieren bekam ich nicht die Gelegenheit, denn die junge Frau erhob nämlich auch schon wütend ihre schneidende Stimme, die mir trotz allem irgendwie bekannt vorkam…„Milo! Was, bei den Göttern, tust du hier?! Belästigst du etwa schon wieder Herr Butterblums Gäste? Du solltest doch eigentlich längst im Bett sein!!“ geiferte die junge Frau auch schon, wie wild, mit unkontrolliert durch die Luft gestikulierenden Armen, darauf los, als sie bei uns zum Stehen gekommen war und funkelte den kleinen Blondschopf dabei wütend, wie auch vorwurfsvoll zugleich an. Doch Milo blieb, genauso wie bei meiner vorherigen Drohung, vollkommend unbeeindruckt, streckte lediglich kühn seine Brust heraus und reckte stolz, wie ein Pfau, sein Kinn in die Luft, was mich meine Augenbraue nun wirklich bis zum Ansatz in die Höhe ziehen ließ. „Wovon redest du da, Weib? Für mich ist noch gar nicht zu spät zum Schlafen gehen! Ich bin ein Mann, klar? Ich gehe schlafen, wann ich will!“ verteidigte sich der kleine Blondschopf in der Zwischenzeit mutig gegen die junge Frau und schnitt ihr todesmutig eine kleine Grimasse. Und naja, die Frau? Tja, die nahm es nicht wirklich soo gut auf…Oh nein…

So, als wäre es nicht das erste Mal das Milo versuchen würde, sich gegen die junge Frau hinwegzusetzen, verschränkte die Dunkelblonde einfach nur wortlos ihre Arme vor ihrer schmalen Brust, setzte einen Blick auf, der wahrscheinlich sogar Corrus in Angst und Schrecken versetzt hätte und fuhr sich mit ihrer Zunge dabei sichtbar über die Innenseite ihrer Wange, so als würde sie gerade Milos Mord planen. Ihre himmelblauen Augen bohrten sich hierbei bedrohlich starr in jene von dem kleinen Blondschopf, starrten ihn gnadenlos, wie bei einer Auspeitschung an, unterdessen sich eine gruselige Stille über den Stall legte, die nur durch das Prasseln des Regens und dem Schnauben oder gelegentlichen Wiehern der Pferde unterbrochen wurde. Ich in der Zwischenzeit sah nur, wie das dritte Rad auf der Kutsche, zwischen den beiden Parteien hin und her, wollte ich eigentlich doch nur mein Pferd in die Box stellen und dann ein Zimmer für eine Nacht mieten und nicht in einen kleinen internen Krieg hineingezogen werden. Doch dazu sollte es augenscheinlich gleich kommen, denn der starre Blick der Frau, die Stille und wahrscheinlich Milos eigenes Gewissen brachen ihn schließlich, sodass er geschlagen seine Arme sinken ließ und unterwürfig seinen Kopf einzog. „Ich bin schon am Weg.“ murmelte er dann kleinlaut, was die Frau nur mit einem knurrigen Nicken bestätigte. „Aber ganz schnell.“ Tja, und mit diesen Worten zwängte sich Milo eilig, mit einem letzten Blick auf mich und Agrafina, an der dunkelblonden Frau und mir vorbei und rannte, mit dröhnenden Schritten, wie auch fliegendem Mantel, rasch die Stallgasse hinauf, hinaus in den Regen…

Wodurch die dunkelblonde Frau und ich alleine im Stall blieben…Hmpf, sehr zu meinem Missfallen, da sich die ganze Situation ohnehin schon unangenehm für mich anfühlte. Zuerst wurde ich in einen internen Krieg hineingezogen und dann durfte ich mit der Glucke höchstpersönlich zurückbleiben…Großartig…Sichtlich unwohl räusperte ich mich daher leise, machte unauffällig große Augen, in Kombination mit aufblasenden Backen, ehe ich mich, möglichst beiläufig, dazu anschickte Agrafina weiter in die Box zu führen. Schließlich wollte ich für heute doch auch einfach nur fertig werden. Doch gerade dann als ich meinen ersten Schritt in die kleine Box hineinsetzte, drehte sich die dunkelblonde Frau mit einem Mal seufzend zu mir um und sah mich aus entschuldigenden, großen, himmelblauen Augen an. Ich fror deshalb noch in der Bewegung ein…„Bitte entschuldigt das Verhalten meines kleinen Bruders, Miss. Er ist-…ziemlich lebhaft.“ entschuldigte sich die Dunkelblonde aufrichtig seufzend bei mir, klappte ihre feinen Hände dabei geräuschvoll ineinander und legte sie reuevoll in ihren von einer weißen Schürze überdeckten Schoß. Ich überflog deswegen, mit meinen Augen, nur kühl ihre Gestalt und presste meine Kieferknochen so hart zusammen, dass man schon ihre Muskelstränge sehen konnte. „Schon gut. Der Kleine hat mir ja nichts abgenommen.“ beruhigte ich, oder versuchte zumindest, schließlich distanziert schnaubend die ältere Schwester von Milo zu beruhigen, setzte dann jedoch schließlich dazu an Agrafina bestimmt in die Stallbox hineinzuführen.  Die dunkelbraune Stute folgte mir selbstverständlich zufrieden wiehernd, wie auch mit klackernden Schritten, unterdessen die dunkelblonde Frau ein tiefes Seufzen ausstieß, wie es normal nur Eltern taten, die hören mussten, dass ihr Kind schonwieder etwas angestellt hatten. Ich ahnte daher böses…

„Wie viel wollte er dieses Mal?“ fragte die Frau tonlos, lehnte sich mit einer Schulter gegen den Boxenrahmen und rieb sich mit ihrem Zeigefinger und Daumen über die Stirn, so als müsse sie sich kontrollieren nicht direkt über ihren Bruder herzufallen. Ich zog deswegen nur irritiert meine Augenbraun in die Höhe, unterdessen ich geschickt Agrafina dazu brachte, sich in der kleinen Box zu drehen, damit ihr Kopf vorne bei der Boxentür war. Aha, anscheinend also nicht das erste Mal, dass der Kleine versucht hatte Fremde abzuzocken. War schlussendlich also doch eine gute Idee Milo zu ignorieren… „5 Schillinge.“ antwortete ich der Schwester schließlich knapp, sah ihr dabei jedoch nicht in die Augen, sondern begann stattdessen konzentriert, wie auch klirrend und knirschend, meine Stute abzusatteln und abzuzäumen. Ein bisschen Ruhe hatte sie sich nach diesen langen Weg schlussendlich doch verdient. Die junge Frau, in der Zwischenzeit, zog scharf die Luft ein. „5 Schillinge?!“ wiederholte sie fassungslos meine Worte und weitete dabei ungläubig ihre großen, himmelblauen Augen, sodass sie beinahe doppelt so groß wirkten, wie ohnehin schon, ehe sich der Schatten der beißenden Scham über diese legte und die Dunkelblonde peinlich berührt ihren Blick gen spärlich mit Stroh ausgelegtem Boden entgegensinken ließ. „Oh, bei den Valar, das ist mir so unangenehm. Es tut mir so unendlich leid, Miss!! Milo-…“ stockend wedelte die junge Frau mit ihren zierlichen Händen durch die Luft, überflog mit ihren Augen huschend den dunklen Boden und suchte krampfhaft nach Wörtern, währenddessen ich nur, genervt augenverdrehend, Agrafinas Sattel an der Sattelkammer und am Rücken packte und kräftig zur mir herüberzog, sodass es raschelnd auf meine Seite herabfiel. Wie oft musste man schließlich einer Person sagen, dass es gut war? Ich war weder dem Kleinen, noch der Frau böse. Vielleicht grantig, weil er mich genervt hatte, aber mehr auch nicht. WAS, bei den Göttern, musste ich also noch tun, um dieser Frau klarzumachen, dass alles in Ordnung war, huh?

Tz, anscheinend sehr, sehr viel, denn die ältere Schwester von Milo begann einfach aufgeregt weiter drauflos zu plappern, in der Hoffnung sich und ihren kleinen Bruder rechtfertigen zu können. „Milo-…Er glaubt einfach, dass er unbedingt das Geld ins Haus bringen muss, seit Pa vor eineinhalb Jahren von uns gegangen ist. Ich habe ihm zwar gesagt das mein Gatte für unsern Lebensunterhalt aufkommen wird, aber-…“  Ein schweres Seufzen entwich der dunkelblonden Frau, als sie sich überwindend über ihre noch feuchtglänzende Stirn strich. Ich schielte deswegen von meiner Tätigkeit hoch und hinüber zu der jungen Frau, als ich den schweren, schwarzen Sattel von Agrafina geräuschvoll auf die Boxenwand hinaufhievte, abwartend, was sie nun sagen würde. „Aber er besteht darauf Geld aufzutreiben, damit wir uns ein eigenes Haus leisten können und nicht mehr auf meinen Gatten angewiesen sind.“ beendete die Dunkelblonde dann aber hastig, meiner Meinung nach beinahe schon ein wenig zu hastig, ihre Erzählung und sah, mit einem schiefen Lächeln, vom Boden auf, zu mir herüber, die noch immer am Sattel, an der Boxenwand lehnte. Agrafina dabei neugierig meinen Rücken beschnuppernd. Tja…Und was sollte ich sagen? Als die junge Frau wieder in meine Richtung drehte, kam sie, mit ihrem Haupt genau in eine Position, die ihr ganzes Gesicht im fahlen Stallgassenlicht erleuchtete. Und Leute, ganz ehrlich? Was ich dort auf ihrer rechten Gesichtshälfte sah, riss mir, mir eisigen Klauen, ein gewaltiges, schwarzes, klaffendes Loch in meine Brust…

Denn ihr gesamtes, rechtes Auge schillerte in allen Farben von dunkellila bis grün-bläulich hin, tauchte ihren Augapfel so in ein herzzerreißendes blutrot, da einige Adern in ihm geplatzt waren und war an ihrer Augenbraue sogar aufgeplatzt, was man an dem dunkelrotem, getrocknetem Blut erkennen konnte, dass ihre halbe Augenbraun verklebte, unterdessen ihr Augenlid ziemlich stark angeschwollen war. Es war sogar so stark angeschwollen, dass ich mir noch nicht einmal sicher war, ob sie mit diesem Teil überhaupt sehen konnte, was mich irgendwie nur noch mehr erschreckte. Wie erstarrt, starrte ich daher, mit gefrorener Miene, auf die verwundete Gesichtshälfte der dunkelblonden Frau, vergaß dabei unterbewusst zu atmen und fühlte gleichzeitig eine Welle von Schuld über mich hinwegspülen. Denn eine böse Vorahnung machte sich in mir breit, weshalb mir die Stimme dieser Frau zu Beginn so verdammt bekannt vorgekommen war…

Unwillkürlich presste ich erneut meine Kieferknochen, so hart wie es nur ging, aufeinander, bekam so das Gefühl, dass meine Backenzähne jeden Augenblick brechen könnten, ehe ich monoton, wie auch trocken meinen Mund öffnete, um ihr die Frage zu stellen, die mir seit wenigen Minuten spuckend durch den Kopf kreiste. „Ihr wart heute im Wald, nicht?“ fragte ich sie rau und stieß mich dabei geräuschvoll von der Boxenwand und dem nassen, draufliegendem Sattel ab. Agrafina, die bis dato hinter mir gestanden und mit ihren warmen Nüstern neugierig meinen Rücken beschnüffelt hatte, zuckte deswegen leicht erschrocken zusammen, warf ihren Kopf schnaubend in die Luft, unterdessen die junge Dunkelblonde ein wenig perplex ihre gesunde Augenbraun anhob und mich irritiert ansah. „Äh-…“ gab sie dann leicht misstrauisch von sich, trat unsicher einen Schritt von der Stallbox zurück und sah mich skeptisch von oben bis unten an. „J-Ja, woher wisst Ihr das?“ beantwortete die ältere Schwester von Milo dann fragend meine Frage, auf die ich jedoch nicht antwortete und auch nicht antworten würde. Denn als ich ihre Erwiderung vernahm, bohrte sich ein Speer, so scharf wie die Klauen eines Drachens, in meinen Körper und ließen mich schwer einatmen. Denn sie war jene Frau gewesen, die ich heute im Wald getroffen hatte und deren Hilferufe ich gehört hatte. Sie war jene Frau, der ich meine Hilfe verweigert hatte. Sie war jene, die ich alleingelassen hatte in Zeiten von größter Not und nun sah sie so verunstaltet aus. Und das war allein meine Schuld…

Ein beklemmendes Gefühl machte sich in meiner Kehle breit, schnürte diese zu und ließ sie taub werden, unterdessen ich in meinem Kopf das Gefühl der Benommenheit breitmachte. Schuld, Wut und Reue tobten nämlich in ihm, ließen so alles um mich herum dumpf werden, weshalb ich auch gar nicht mehr merkte wie ich, mit krampfhaft zusammengezogenem Herzen und einem flotten Griff zu meinem silbernen Kampfstock an der Seite von Agrafinas Sattel, nur ein gepresstes „Verzeiht mir…“ von mir gab, ehe ich, mit starrem Blick, so schnell ich konnte an der dunkelblonden Frau vorbei, was diese nur mit einem überraschten „H-Hey! Wo wollt Ihr hin?!“ kommentierte, raus aus der Box stürmte und donnernden Schrittes, wie auch Herzens die Stallgasse hinauflief, hinaus in den Regen…

Weg von dem Albtraum, den ich angerichtet hatte…

Weg von den Schmerzen, die ich eigentlich hätte verhindern können…

Weg von meinen Problemen…



***




Später in dieser Nacht, lag ich wach in meinem Gästezimmer und starrte ausdruckslos die Decke an. Ich hatte beim Herrn Butterblum, dem Wirten des Gasthauses Zum tänzelndem Pony, ein kleines Zimmer für die Nacht gemietet, dass ehrlich nichts besonderes war. Ein kleines, aber trotzdem doch frischbezogenes Bett stand in der rechten, oberen Ecke des Raums, direkt unter dem verwaschenen Fenster, der sich aus einzelnen, kleinen, viereckigen Glasscheiben und einem schwarzen Gitter zusammensetzte, und durch den das silberne Licht des Mondes in mein Zimmer fiel. Fahl, wie auch kalt beleuchtete dieses meinen Raum, schaffte es jedoch vielleicht nur gerade einmal die Hälfte des Zimmers zu erhellen, weshalb ich auch, mehr oder weniger, den kleinen Kamin entfacht hatte, der sich in der Mitte der Wand gegenüber von meinem Bett befand.

Von dort aus spürte ich auch daher die angenehme Wärme des Feuers, hörte es gelegentlich auch knacken, wenn ein Holzscheitel zur Seite fiel, unterdessen sein oranges, flackerndes Licht einladend den restlichen kleinen Raum beleuchtete, der ohnehin nur noch aus einem kleinen, nett verziertem Schrank und einem dunkelbraunem, abgenutztem Tisch bestand. Doch ich hatte diese Details bei meinem Einzug vor ein paar Stunden nicht wirklich beachtet. Nein. Stattdessen hatte ich meinen Rucksack und meine Umhängetasche einfach auf den Tisch gedonnert und hatte mich, ohne mich umzuziehen, zusammen mit meinen Kampfstab, direkt in den nassen Klamotten einfach ins Bett geschmissen, in der Hoffnung so schnell Schlaf zu finden, damit ich diesen Albtraum von einem Tag vergessen konnte. Doch aber anscheinend schien mir mein Körper einen Strich durch diese Rechnung zu machen, denn nun lag ich schon seit mehreren Stunden einfach nur wach in meinem Bett, starrte ausdruckslos die Decke an und konnte einfach keinen Schlaf finden, egal wie sehr ich mich auch drehte und wälzte. Jedes Mal waren meine Gedanken einfach zu laut. Jedes Mal hörte ich die Stimmen der Reue, wie auch Schuld in meinem Kopf lauter, weshalb ich es nach einer Zeit auch simpel aufgeben hatte, gegen diese anzukämpfen. Tja, und nun? Nun, lag ich hier rücklings auf meinem Bett und hörte willenlos diesen Stimmen zu, wie sie mir die Ohren vollheulten…

Was hatte ich nur getan? Ich hätte es verhindern können. Was war nur aus mir geworden? Ich hatte ihren Schmerz zu verschulden. Was hätte meine Mutter getan? Ich war es nicht würdig eine Drachenreiterin genannt zu werden…

Das waren hierbei die Sätze, die am Lautesten durch meinen Kopf hallten. Und jene, die mich auch am meisten Verletzten. Wie eisige Messerklingen bohrten sich diese Worte, zusammen mit dem Bild von Milos Schwester, in meine Brust, erschwerten mir das Atmen und ließen meine Kehle ganz trocken werden. In all den Jahren nämlich, in denen ich schon unterwegs war, hatte ich ein Opfer, dass ich in seiner Not alleingelassen hatte, nie ein zweites Mal zu Gesicht bekommen. Nie. Ich hatte sie alle nie wieder sehen müssen, konnte daher auch nicht den Schmerz sehen, den sie durchgemacht haben mussten. Und jetzt? Jetzt sah ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Opfer wieder, deren Pein ich hätte verhindern können und anstatt das sie herumwinselte, wie schlecht es ihr doch ging oder wie sehr ihr Gesicht doch schmerzte, schob sie ihre Verletzung beiseite und kümmerte sich an erster Stelle um ihren kleinen Bruder.  Schaute ob er alles hatte und ob es ihm gut ging. Ob er keinen Blödsinn baute und keine Kunden belästigte. Tz, Herrgott, wegen ihm und an zweiter Stelle wegen sich, hatte die Dunkelblonde sogar ihren gewalttätigen Ehemann geheiratet. Damit sie ein Dach über den Kopf hatten, Essen auf dem Tisch und Schutz… Und was tat ich? Versagte sogar dabei eine so gute Person, wie diese junge Frau zu beschützen…Was war nur aus mir geworden?

Schweigend starrte ich auch weiterhin die hölzerne Decke meines Zimmers an und ließ gleichzeitig zu, dass die flackernden, warmen Schatten des Kamins über meine kühlen Beine leckten. Meine rechte Hand ruhte dabei auf der silbernen Legierung meines Stabes, der sich angenehm kühl unter meinen Fingern anfühlte. Was war nur aus mir geworden? Erneut hallte diese Frage durch meinen Kopf. Ich wusste, dass ich mich verändert hatte. Das war kein Geheimnis für mich. Nach so einer Tragödie, war es eher ein Geheimnis, wenn man sich nicht verändern würde. Doch, um ehrlich zu sein, hatte ich das Ausmaß meiner Veränderung nie wirklich wahrgenommen. Ich war immer so darauf fixiert gewesen mich selbst vor dem Schmerz der Erinnerung zu beschützen, dass ich vergessen hatte, auf meine Umwelt zu achten. Auf Menschen, die in diesem Augenblick in Schmerzen und Pein ertranken und jeden Tag zu ihrem Gott beteten, dass er sie doch bitte davon befreien würde. Das dieser Albtraum endlich ein Ende haben würde. Und jetzt, wo ich das Ausmaß meines Handelns sah, spürte ich nur noch mehr Schmerz in mir. Schmerz, Enttäuschung und Frust. Wie konnte es nämlich sein, dass ich sowas zuließ? Das ich zuließ, dass die Stärkeren ihre Macht und Kontrolle über die Schwächeren ausübten, wo mir doch in meiner Jugend immer eingetrichtert wurde, dass ich dafür sorgen musste, dass die Schwachen durch meine Klinge beschützt waren und nicht der Gnade der Älteren ausgesetzt waren. Wie konnte ich nur so ein Ausmaß zulassen?

Gequält seufzte ich laut auf und fuhr mir mit meinen Händen, innerlich zerrissen, über mein feuchtglänzendes Gesicht. Ich wusste einfach nicht, was mit mir los war! Vor zwei Tagen noch hatte ich alles verabscheut, was mit meinem Clan und meiner Vergangenheit zutun gehabt hatte und jetzt strafte und folterte ich mich innerlich, weil ich so lange auf meine trauernde, böse Stimme gehört hatte, die mir gesagt hatte, ich solle alles hinter mir lassen. Was stimmte nur nicht mit mir?!?....

Verzweifelt und wütend zugleich nahm ich blitzartig die Hände aus meinem Gesicht und schwang, unter ätzenden Protesten des Bettes, meine Beine schwungvoll von der angenehm harten Matratze. Das Bett gab deswegen ein wenig unter mir nach, aber ich beachtete ihn nicht. Nein. Stattdessen erhob ich mich, scharf die Luft einziehend, von der Matratze und begann unruhig in meinem Zimmer auf und ab zu tigern. Die hölzernen Dielen unter mir begannen deshalb leise zu knarren, gewöhnten sich allerdings relativ rasch an mein kommendes und gehendes Gewicht, weshalb sie auch sehr bald zum Knarren aufhörten, währenddessen ich mir zerrissen durch die Haare fuhr. Ich hatte mich immer davor gescheut eine selbstsüchtige und kaltherzige Person zu bekommen. Ich hatte eigentlich schon immer wie meine Mutter werden wollen. Mutig, selbstlos, intelligent, streng, aber dennoch gutherzig und hilfsbereit. Und was war ich nun? Genau das Gegenteil von meinen Träumen. Feige, selbstsüchtig, kaltherzig, ignorant und verschlossen. Ich war die verbitterte Version davon, die niemals hätte existieren dürfen und dies trieb meine Verzweiflung und Wut nur noch mehr in die Höhe. Ich spürte sogar, wie mir allmählich die brennenden Tränen in die Augen stiegen, da ich durch diese Selbstreflektion langsam erkannte, was aus mir geworden war. Doch ich kämpfte diese verbissen zurück. Ich hatte nämlich überhaupt kein Recht zu weinen! Nicht ich! Nicht nach der ganzen Scheiße die ich angestellt hatte!!!

Tief luftholend blieb ich schließlich, mit glänzenden Augen, vor dem Fenster meines Zimmers stehen und blickte aufgewühlt in die ebenfalls glänzenden Augen meiner Spiegelreflektion, die mich vollkommend durcheinander ansah. Durcheinander, verwirrt, verletzt und teilweise sogar ängstlich. Ja, ängstlich. Diese Emotionen sah ich in meiner eignen Spiegelung wieder, sah ich in meinem Spiegelbild wieder und doch erkannte ich mich nicht. Egal, wie lange ich diese Person in den verwaschenen Glasscheiben ansah, ich erkannte sie nicht wieder. Für mich stand dort eine vollkommend Fremde, die augenscheinlich gerade irgendwas furchtbares herausgefunden hatte und nicht ich selbst. Und das erschreckte mich nur noch mehr. Ich erkannte mich selbst nicht, obwohl ich, ich war. Tz, kanntet ihr dieses Gefühl? Ich hatte es nämlich zuvor nicht gekannt. Nein, ich hatte nie verstehen können, was die älteren Reiter meines Clans meinten, wenn sie von einer Schlacht zurückgekehrt waren und dann gesagt hatten, dass sie sich selbst im Spiegel nicht mehr erkannt hatten. Wie konnte man sich schließlich selbst nicht mehr im Spiegel erkennen können? Tz, doch jetzt verstand ich es. Jetzt kapierte ich es was sie damit gemeint hatten. Und das ließ mich noch um einiges trübseliger werden. Denn die Gestalt die mich da gerade ansah, die so sehr von Kummer zerfressen war, dass sie vergessen hatte wofür ihr Name stand, wollte ich nicht mehr sein. Ich fürchtete zwar den Schmerz, der mit meinen Erinnerungen kommen würde, aber andererseits hatte Corrus recht. Ich konnte nicht ewig davonlaufen. Was nützte es mir, wenn ich bis an mein Lebensende leugnete wer ich war und versuchte ein neues Leben zu beginnen, wenn ich mit den Sachen und Gefährten aus meinem alten noch herumlief? Gar nichts! Genau… Es nützte mir gar nichts und ich würde nur noch mehr zu der Person werden, die mein Clan eigentlich versucht hatte zu bekämpfen…

Und dass konnte ich nicht länger zulassen. Nicht, nachdem ich gesehen hatte, was für einen Schaden ich anrichtete…

Bedächtig langsam wanderte mein Blick von meiner Spiegelung hinüber zu dem kleinen, dunkelbraunem Tisch, auf dem ich meine Taschen abgelegt hatte und fixierte diesen, mit einem starren Blick. „Was hätte meine Mutter getan?“ fragte ich mich, wie in Trance, laut und schritt dann langsam zu dem dunkelbraunem Tisch hinüber, der leicht die orangen, flackernden Lichter des Kamins reflektierte. Die hölzernen Dielen unter mir knarrten deswegen leise, doch ich beachtete sie nicht. Nein. Stattdessen langte ich, als ich bei meinem ledernen Rucksack angekommen war, nach diesen öffnete diesen in einer harschen Bewegung und holte grob die Reservekleidung aus ihm heraus, die ich in Rohan gekauft hatte, und legte sie sorgfältig auf den freien Platz daneben. Denn es war Zeit für eine Veränderung. Und zu einer Veränderung gehörte nicht nur das Wechseln der Kleider, sondern viel mehr. Ohne lange zu Zögern, griff ich daher ein weiteres Mal in die Tasche hinein, kramte ein wenig geräuschvoll in ihr herum, ehe ich schließlich das herausholte, was ich gesucht hatte. Ein Messer. Ein kleines, scharfes Messer, mit einem wunderschönen Holzgriff und einer eisernen Klinge, die gefährlich im Mond- und Feuerlicht funkelte.

Ein Lächeln schlich sich auf meine Züge, als ich dieses kleine Taschenmesser in der Hand hielt. Ich würde, mit dem was ich gleich tun würde, zwar nicht das gut tun, was ich vermasselt hatte, aber ich konnte auf einer besseren Zukunft aufbauen und so vielleicht…aber nur ganz vielleicht die Taten meiner Vergangenheit wieder ausgleichen, damit ich Ehre über meine Familie bringen konnte…

Ein letztes Mal holte ich daher tief Luft, holte all meinen Mut zusammen und führte das Messer dann schließlich behutsam zu meinem Haaransatz, um dort langsam zu Schneiden begann…

„Grauer Zauberer, du wolltest einen Drachen? Jetzt bekommst du einen…“ murmelte ich dabei noch, mit einer tiefverankerten Überzeugung in meiner Stimme, unterdessen die ersten weiß-silbernen Haarsträhnen zu Boden zu gleiten begannen…
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Hallöle meine Lieben!!

Ich bin mit einem neuen Trash-Kapitel und einer Ankündigung für euch daaa!!! JUHU!!!!!....Wow….Also die Euphorie bei euch hält sich auch in Grenzen, ne? Na macht nix, ich nehme es als Kompliment.

So, jetzt aber mal schnell zu der Ankündigung. Ich werde die Story ab hier pausieren und die älteren Kapitel nochmal überarbeiten, weil die mir nicht gefallen. Das wird vielleicht spätestens 2 Wochen dauern, dann werde ich mich auch sofort schon an das sechste Kapitel ran setzen! Bis dahin, genießt den Trash!

Obwohl? Ich bin mit diesem Kapi eigentlich sogar ganz zufrieden. Zum ersten Mal, wow…Was meint ihr?

Freue mich über alles was ihr dalasst, auch wenn es Tomaten sind!!

Lg little-chaos-queen

PS: Tintentraum!!!!!! Danke für dein Review, meine Liebe!! Hat mich mega gefreut es zu lesen!! Bor Hasi, ich habe echt keine Ahnung was ich ohne dich tun sollte!! ;)
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