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Der Dobermann, ein Kätzchen und ein Auto

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer / P12 / Gen
19.06.2020
19.06.2020
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1.477
 
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Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an den Schotter und den Sand, die auf der Straße lagen. Das Wetter war zu schön, um wahr zu sein. Eine sanfte Brise, die die Blätter kitzelte. Die Eiben wucherten in verschiedenem Grün. Die Sonne schmiegte sich an jedes Lebewesen. Aber jetzt, jetzt hatten sich sogar noch Pfützen gebildet, nachdem es gestrige Nacht so stark geregnet hatte. Ich ließ die Stifte und Lineal fallen. Ein RSX-Police-Force-Fernlenkauto, originalverpackt, wartete in meinem Schrank. Ich packte es aus und lief die Treppe runter. Der Schotterweg hatte sich in eine Rennstrecke verwandelt. Meine Mama rief hinterher, dass ich vorsichtig sein sollte, und ich gab ihr einen Kuss, aber eigentlich war ich ganz woanders. Ich war schon in eine andere Welt aufgebrochen. Wie viel Spaß mich wohl erwarten würde? Ich kam nicht umher noch einmal die Feinheiten des Autos zu bewundern: die mit Noppen bestückten Reifen, die Fahne mit dem schwarz-blauen „Police-Force-Logo“, der gewaltige Heckspoiler, die dicke Stoßstange … Das Licht glänzte auf dem Lack. Meine Hände waren um die Fernsteuerung geschlossen. Sie war schwarz und etwas klobig. Als ich damit etwas herumprobierte, ertönte die Hupe plötzlich, die Reifen schoben den Schotter zur Seite, oder das gesamte Auto stieß mit einem Ruck vorwärts oder rückwärts. Sofort gab ich Vollgas. Es ratterte gekonnt um die Wasserpfützen herum, und selbst Steine konnten es nicht aus der Bahn werfen. Einmal bretterte ich sogar durch eine Schlammlache. Die Spritzer flogen nur so durch die Luft, wie in einer Wildwasserbahn, und blieben an Reifen und Lack kleben.  Als ich die Hupe drei Mal gedrückt hatte, aktivierte sich auch die Alarmsirene. Das Auto heulte in einem Lärm auf, dass jeder Verbrecher einen kalten Schauer über den Rücken kriegen würde. Da kam mir die Idee. Eine brillante Idee. Ich ließ das Auto noch einmal um meine Füße kreisen und dann machten wir uns auf, auf Verbrecherjagd. Ich rannte so schnell ich konnte, um mit der Top-Geschwindigkeit des Autos mitzuhalten. Die Schotterstraße verlief schnell in einen Irrgarten. Dann gerieten wir tiefer in die Wohnsiedlung. Wir waren umringt von meterhohen Hecken und Dächern mit gekachelten Schornsteinen. Ich hielt weiterhin meinen Daumen auf dem Gashebel gedrückt, sodass das Police-Auto jede Menge Sand und Staub durch die Luft wirbeln konnte. Irgendwann, aber, verlor ich es kurz aus den Augen. Vollkommen aus der Puste, kam ich hinter einer Wegbiegung zum Stehen. Das Police-Auto war auch da, und gegen eine Zaunlatte gefahren. Es hatte keinen einzigen Kratzer. Die Stoßstange hatte den Aufprall abgefangen. Als ich wieder auf der Hocke kam, hing die Nachmittagssonne direkt über mir. Es war wärmer geworden und ich wusste nicht mehr recht, wo ich war. Alles sah gleich aus. Die blendende Lampe machte es mir schwer etwas in der flimmernden, heißen Luft zu erkennen. Ein aufkommender Wind, der durch die Nagelzweige raschelte, die zuweilen in ihrer Stille gestört wurden. Inmitten hörte ich ein plötzliches Geräusch. Bei höherer Aufmerksamkeit, hörte ich einen Hund, der in der Ferne laut zu kläffen schien. Ich dachte für einen Moment mich geirrt zu haben, aber die Laute lagen ganz deutlich im Wind. Ich musste nachsehen, was da los war. Also schaltete ich wieder die Alarmsirene ein und positionierte das Police-Auto auf seinen alten Kurs: Verbrecher zu jagen! Wir liefen, fuhren, Weg für Weg, Abzweigung um Abzweigung, versuchten irgendwie auszumachen, wo dieses Bellen und Kläffen herkommen könnte. Welcher Gauner wagte es einem armen Wachhund irgendetwas anzutun? Ich konnte nur bei all den hohen Eiben und Dächern gar nicht erkennen, was dahinter lag, auch wenn ich das Bellen nun ganz deutlich hören konnte. Ich rannte mit dem Police-Auto um zwei Hecken eines größeren Grundstücks, und sah am anderen Ende eine eingesäumte Eingangspforte. Sie war etwas rostig und ich blickte auf eine kirschrote Haustür. Während die Scharniere der Pforte anfingen zu quietschen und ich den Pflasterweg anschließend betrat, musterte ich ganz genau die neue Umgebung, der ich mich aussetzte. Es war ein stiller und unheimlicher Ort. Das Einzige, was ich hörte, war das Bellen des Hundes; niemand der Familie schien daheim zu sein. Alle Fenster waren dunkel und verlassen. Die Scheunengarage stand offen und leer. Der Rasen, wie mit einer Nagelschere geschnitten, war mit der linken Hälfte des Grundstücks durch die hohen Eiben und Pflaumenbäume in tiefe Schattenteppiche getaucht. Als ich plötzlich das Knurren des Hundes hörte, beschloss ich das Police-Auto und die Fernsteuerung in den Arm zu nehmen und mich unbemerkt an die Hausfassade zu schleichen. Ich stand direkt unter einem Fenster. Meine Schuhe in einem weichen Blumenbett. Ich musste vorsichtig einen Blick auf die grausame Szene erhaschen. Alles war dunkel. Der Hund kläffte laut schallend vor sich hin. Er war nicht zu übersehen. Es war ein Dobermann, wusste ich. Onkel André hat so einen. Nur nicht so einen ausgewachsenen. Der hier hatte richtige Muskeln an den Schultern. Aber: Wo war jetzt denn der Gauner? Wo der Einbrecher und Komplize, die inzwischen das Haus durchwühlten…? Der Hund machte mir immer mehr Angst … Sein schwarzes Fell schimmerte selbst in der Dunkelheit der Schatten und seine Ohren waren zu jeder Zeit wachsam zugespitzt, als würde er jeden Schritt wahrnehmen können. Seine muskulösen Schultern und die strahlenden Reißzähne gaben ihm die Eigenschaften eines Fleischfressers. In dem Moment, hörte ich zwischen dem Gekläffe und Knurren des Dobermanns, eine weitere Tierstimme heraus. Sie klang so süß und unschuldig, dass ich kurz überrascht war. Als ich meine Augen zusammenkniff und wieder öffnete, konnte ich am anderen Ende des Rasens ein orangenes kleines Tierchen ausmachen, das starr vor am Zaun gefroren stand. Es war ein orangenes Kätzchen. Meine Gedanken fühlten sich an wie ein gemischter Salat. Der Dobermann war nicht das Opfer dieser Szene, es war der Jäger. Aber jemand musste doch diesem armen Kätzchen helfen, und das sehr sehr schnell. Was würde sonst mit dem kleinen Ding passieren? Aber da fiel mir ein, die Familie war ja gar nicht zu Hause, um sie um Hilfe zu bitten. Und um Nachbarn zu fragen, blieb mir keine Zeit. Was sollte ich tun? Der Dobermann war viel zu gruselig. Mir war nicht klar, wie sehr meine Hände und Knie zitterten. Es fühlte sich an, als würden meine Schuhe immer tiefer in das Blumenbeet sinken und stecken bleiben und es gäbe nichts, was ich dagegen tun konnte. Mein Auto und meine Fernbedienung klapperten auch, die ich noch unter meinem Arm hielt. Ich versuchte sie nicht fallen zu lassen. Bloß das nicht … Da kam mir die Idee. Wie ein kleiner schwirrender Funke in dem Wirrwarr aller dunklen Gedanken. Ich drehte das Auto mit der rechten Hand um, mit der Linken griff ich die Fernbedienung unterm Arm. Das könnte klappen. Als ich mir die Reifen so anschaute, erinnerten sie mich an Papas Kreissäge. Die war immer so richtig laut. So laut, dass ich Ohrenschützer tragen musste, wenn ich ihm dabei zusehen wollte. Ich hielt das Police-Auto um die Ecke, mich selbst hinter der Fassade versteckt, und betätigte den Gashebel. Die Reifen fingen an wie ein Rotor herumzuwirbeln und brachten sogar meine Hand zum Wackeln. Ich hörte, wie das Knurren des Hundes mit einem Schlag aufhörte, als das Auto wie eine Kreissäge vor sich hin schrie. Eilig stellte ich das in Fahrt gelaufene Auto auf den Rasen, und ließ es, wie eine Schlange, wie einen geölten Blitz, auf den Dobermann zu preschen. Der Dobermann, ganz geweiteter Augen, sprang wie ein Flummi nach hinten und noch mal. Die Hinterbeine des eben noch mächtigen Dobermanns waren zu Sprungfedern geworden. Er versuchte mit seinen Vorderbeinen dieses ungewöhnliche Ding von sich wegzuhalten, dass da unentwegt durch die Schatten auf ihn zugefahren kam. Aber er war sichtlich überfordert. Ich trieb ihn immer weiter vom Kätzchen fern und schließlich trieb ich ihn fort genug, um ihn in seine Hundehütte zu pferchen. Geschafft! Ich hupte drei Mal mit der Fernsteuerung und gleichzeitig heulte die Alarmsirene auf. Das Auto jaulte in einer Tour mit dem Hund. Er jaulte dagegen, was das Zeug hielt. Ohne zu Zögern, rannte ich zum Kätzchen. Das arme Ding wirkte noch immer völlig verängstigt. Keine Sorge, sagte ich dem Kätzchen. Alles ist wieder gut. Der böse Wau-Wau wird dir nichts mehr tun. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Dein treuer Polizist wird auf dich aufpassen und dich beschützen. Das Kätzchen hatte es bei Gott nicht leicht, dachte ich. Als ich mit meiner freien Hand über sein weiches Fell strich, sah es mich mit großen Augen an. Ich schob vorsichtig eine Hand unter den Bauch des Kätzchens und hob es, als ich merkte, dass es mir vertraute, langsam in meine Arme. Der Dobermann hingegen jaulte immer noch. Er schien so verwirrt, dass er inzwischen schon um sich selbst Kreise zog. Irgendwie tat mir der quengelnde Hund ja auch Leid. Aber jetzt war ich mir sicher. Für einen Polizisten, der soeben seinen ersten Fall gelöst hatte, würde das, bestimmt nur ein Kinderspiel werden.
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