Vergangenheit

von Bruna
GeschichteMystery, Suspense / P12
Legolas OC (Own Character) Thranduil
18.06.2020
30.06.2020
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7.162
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30.06.2020 1.358
 
Ich streckte mich und gähnte. Die Morgensonne schien zwischen zwei gewaltigen Regenwolken in mein Schlafzimmer, im Hintergrund rauschte der Herbstregen. Ich blinzelte. Mein Gott, was hatte ich heute Nacht für einen abgefahrenen Traum gehabt. In letzter Zeit träumte ich wirklich lebensnah. Jule und ich hatten doch gar nicht so viel getrunken und einen Kater hatte ich auch nicht. Seltsam. Wie kam ich dann bloß auf so ein Zeug?
Ich schwang meine Beine über die Bettkante, warf meinen Bademantel über und trat aus dem Zimmer hinaus. In der Küche machte ich mir einen Kaffee und tapste mit verstrubbelten Haaren ins Wohnzimmer hinüber, um einen Blick in das Uninetz zu werfen – vielleicht hatten sie die Kurse ja schon vergeben?
Etwas klopfte gegen meine Balkontür.
Es klopfte?
Ich fuhr herum und sah mich Auge in Auge mit dem Fremden.
Das einzige, was ich in diesem Moment denken konnte, war: Es war kein Traum. Alles war echt und unverfälscht so geschehen, wie ich mich erinnerte. Das bedeutete auch, dass ich in der Scheiße saß, weil er nicht einfach verschwinden würde. Ich schloss für einen Moment die Augen und dann wurde mir bewusst, dass ich nur ein Höschen und ein ausgewaschenes T-Shirt unter meinem Bademantel trug.
Hektisch versuchte ich meine Blöße zu bedecken und spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Er hatte den Anstand besessen den Blick zu senken, trotzdem sah ich seine zuckenden Mundwinkel. Ich drehte auf dem Absatz um und stürmte ins Bad. Das war doch...! Woher nahm er die Frechheit mich auszulachen? Wenn ich einfach so in seiner Welt aufgetaucht wäre, dann... dann... Ich versuchte mich zu beruhigen, indem ich meditativ meine Zähne putzte, auch dann noch, als längst kein Bakterium mehr leben konnte. Ich duschte, zog mich an und kehrte ins Wohnzimmer zurück. So würdevoll wie möglich öffnete ich die Tür und trat neben den Fremden ans Geländer. Er sagte nichts. Und ich auch nicht.
Schließlich zog ich mein Handy hervor und machte ihm klar, dass er meine Sprache lernen musste, wenn er meine Hilfe wollte. Denn so, wie es war, konnte es nicht weitergehen. Im Bad hatte ich genug Zeit gehabt, um nachzudenken. Ich hatte akzeptiert, dass er vermutlich nicht von hier stammte – hier war dabei ein sehr weit gefasster Begriff. Und ich war zu dem Schluss gekommen, dass ich zumindest wissen musste, wieso er sich weigerte, von meinem Balkon zu verschwinden und zwar nicht nur durch Fragen, die ich auf gut Glück stellte. Erst dann konnte ich entscheiden, ob ich mich tatsächlich auf seine Seite schlug oder, wesentlich wahrscheinlicher, die Polizei rief. Dass ich das bisher noch nicht getan hatte, war... nunja, vermutlich die größte Dummheit meiner Lebens und verbunden mit meiner Neugier auf Neues.
Außerdem hatte ich nach dem Zähneputzen etwas recherchiert. So, wie ich das sah, war mein Besucher ein Elb und wenn ich den Wikipedia Artikel richtig verstanden hatte, waren Elben mit Abstand das verkopfteste Volk Mittelerdes. Den Eindruck hatte ich schon damals gehabt, als ich den Herren der Ringe selber gelesen hatte. Da würde ihm Deutsch doch wohl keine Probleme bereiten? Ich runzelte die Stirn und stellte zum wiederholten Male fest, wie unglaublich absurd diese Situation war.
Er hatte die ganze Zeit schweigend neben mir gestanden und über mein Angebot nachgedacht. Jetzt nickte er und sah mich aufmerksam an. Die Spiele konnten beginnen.
Ich lief erst einmal durch die Wohnung und brachte ihm alle wesentlichen Begriffe des alltäglichen Gebrauchs bei. Dann begann ich Sätze zu formen. Ich lehrte ihn Kasi, Numeri und Genera des Deutschen. Immer wieder griff ich auf den Übersetzer zurück und er schrieb fleißig mit. Wie erwartet schlug er sich gut und war nach den ersten Tagen bereits dazu in der Lage, einfache Sätze zu bilden. Ich brachte ihm irgendwann eine Grammatik mit, die relativ leicht zu verstehen und seinem Wortschatz angemessen war. In meine Wohnung ließ ich ihn des Nachts trotzdem nicht. Wo er schlief, wusste ich nicht und wäre er nicht mehr auf meinem Balkon aufgetaucht, ich hätte ihn auch nicht gesucht.

Zwei Wochen vergingen, in denen er beständige Fortschritte machte. Mich plagten derweil die Zweifel. Tat ich das richtige? Wieso machte ich das überhaupt? Immer wieder stellte ich seine und meine Motive in Frage und das konnte auch ihm nicht verborgen geblieben sein.
Es war Sonntagabend, ich stand in der Küche und kochte. Das war auch so eine Sache. Ich war Studentin und mit Sicherheit nicht Krösus. Ihn durchzufüttern ging an meine Geldreserven und ich machte mir Sorgen, dass es bis zum Ende des Monats nicht mehr reichen würde. Abgesehen davon war ich durch eine Klausur gerasselt und sollte theoretisch Tag und Nacht lernen – stattdessen vergeudete ich meine Zeit mit Grammatikstunden, die mir selber nichts brachten.
Ich musste zugeben, dass es mir langsam zu viel wurde und auch wenn ich mich dabei schlecht fühlte: Ich hatte darüber nachgedacht, ihn darum zu bitten, zu gehen.
Ich rührte die Kartoffelsuppe um und kämpfte mit dem mulmigen Gefühl in meiner Magengegend. Auf einmal spürte ich einen stechenden Kopfschmerz in meiner Schläfe, ließ den Löffel fallen und stöhnte auf. Das Licht stach in meinen Augen und das Unwohlsein verstärkte sich noch mehr. Meine Migräne hatte sich schon länger nicht mehr blicken lassen, aber all das hier stresste mich viel zu sehr – ein idealer Nährboden für mörderische Kopfschmerzen.
Ich stützte mich auf der Theke ab, als sich Hände auf meine Schultern legten. Ich konnte nicht verhindern, dass ich zusammenzuckte, aber er zog sich nicht zurück.
„Ich fühle Euren Schmerz.“
Für einen Moment vergaß ich das Puckern in meinem Kopf und drehte mich mit großen Augen zu ihm um. Das war das erste, was er richtig und von selbst gesagt hatte, ohne, dass ich ihn drängte.
Und er hatte sich den Majestätsplural beigebracht. Ich konnte nicht verhindern, dass ein hysterisches Kichern aus mir herausbrach. Er erwiderte es zögerlich und mit einem irritierten Ausdruck in den Augen, aber ich konnte nicht mehr an mich halten. Ich lachte, bis mir die Tränen kamen und ich mich auf einen meiner Küchenstühle setzen musste. Und dann heulte ich.
Ich wusste, dass es der Druck war, ich wusste, dass ich völlig gestört wirken musste und es war mir unendlich peinlich, aber ich konnte einfach nicht aufhören. Immer wieder wischte ich zittrig die Tränen von meinen Wangen und starrte hoch konzentriert auf den Küchenschrank vor mir.Krieg dich wieder ein, dachte ich wütend und biss mir in das weiche Fleisch meiner Backe. Keine Chance. Ich war doch sonst nicht so nah am Wasser gebaut.
Er schob sich in mein Blickfeld, nahm meine rechte Hand in die seine und zwang mich in kleinen Schlucken ein Glas Wasser auszutrinken. Danach verließ er die Küche und ich hatte die Zeit, die ich brauchte, um zurück ins Hier und Jetzt zu finden. Als ich mich kräftig genug fühlte, stand ich auf und ging hinüber ins Wohnzimmer. Er saß vor meinem Bücherregal und blätterte in Die Chemie des Todes.
„Es tut mir Leid.“
Er reagierte nicht.
„Das alles hier ist einfach so abwegig“, ich machte eine umfassende Bewegung mit meinen Armen. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es Ihnen damit geht.“
„Es muss Euch nicht Leid tun. Ich bin es, der Eure Gastfreundschaft überstrapaziert.“
Woher hatte er die ganzen Vokabeln so schnell gelernt? Ich war baff.
Er stand auf und legte das Buch beiseite. „Wie ist Euer Name?“
Oh man, ich hatte ihm eine Sprache beigebracht, aber das einfachste hatte ich vergessen. „Ina“, murmelte ich und schon wieder schoss mir das Blut in die Wangen.
„Legolas.“
Mein Kopf ruckte nach oben.
Oh nein. Ausgerechnet.
Ich spürte, wie mir das hysterische Lachen wieder hochkam. Der Klischee-Elb. Ich hatte mir den Klischee-Elb an Land gezogen. Auch, wenn er ganz anders aussah, als ich ihn mir nach Lektüre des Herren der Ringe vorgestellt hätte. Oder nach den Filmen. Immerhin hatte Hollywood mit Haar- und Augenfarbe ins Schwarze getroffen.
Er zog eine Augenbraue nach oben. Die Frage war klar.
„Ich... es ist nur... ich dachte, Ihr seht anders aus.“
Jetzt war ich auch in den Majestätsplural gerutscht. Seis drum. Ich spürte, wie sich die Stimmung veränderte und als er antwortete, war seine Stimme scharf wie ein Messer: „Ihr kennt mich?“
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