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Wie Helden geboren werden

Chat/Interview/QuizAllgemein / P12 / Gen
18.06.2020
18.06.2020
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Langsam lehne ich mich von meinem Bildschirm zurück und versinke tief in meinen Stuhl. Ich schaue auf meine Statistik und lächele. „Unglaublich, dass all diese Abenteuer nur das Ergebnis einer spontanen Idee von einem Attack on Titan und Pokémon Crossover ist”, sage ich leise, während ich mir meine inzwischen über dreißig Geschichten ansehe. Dann drehe ich mich um und sehe hinter mich. „Ah, hallo. Ich habe euch gar nicht bemerkt. Dass ihr hier und heute mich persönlich seht und lest, bedeutet nichts anderes, als dass die Zeit nunmehr reif ist, mal ein bisschen die letzten Monate Revue passieren zu lassen.
Wenn man sich die von mir geschriebenen Abenteuer ansieht, fällt einem jedoch sehr schnell eine Sache auf: der Hauptcharakter bzw. Einer davon ist stets derselbe, nämlich Hendrik Jigoku. Ob als Pokémon-Trainer, als DigiRitter oder Power Ranger – wenn es eine Sache gibt, die immer gleich ist, dann ist es er selbst und sein Fachwissen über seinen jeweiligen Bereich. Egal wo er mitmischt, man kann Hendrik wirklich alles fragen. Er ist in der Hinsicht eine echte Bibliothek (wie ich).
Nun stellt man sich natürlich die Frage, ob dieser legendäre Held einfach so aus dem Nichts entstand. Die Antwort ist: nicht wirklich. Was für mich von Anfang an wichtig war, war dass ich mich in ihm wiedererkenne. Also habe ich ihm meine wichtigsten Eigenschaften gegeben, kombiniert mit meinem bevorzugten Kleidungsstil und etwas, was ihn lebendig macht.
Auf dem Weg, sich weiterzuentwickeln, habe ich natürlich immer wieder darüber nachgedacht, wie man Hendrik noch verfeinern könnte.”
Während ich das sage, stehe ich auf und ziehe meine Jacke über. „Doch ich denke, diese Aspekte könnte niemand besser beantworten als mein Charakter selbst. Deshalb nehme ich euch mit zu ihm, damit wir den Helden Hendrik Jigoku besser kennenlernen.”



Eine kurze und ereignislose Busfahrt später stehen wir vor einem einfachen Haus mitten im Wald. Ich habe inzwischen etwas mit dem Kamerateam gesprochen und sie ein bisschen auf das vorbereitet, was sie gleich erwarten wird.
Als wir vor der Tür stehen, fällt gleich auf, dass alle Türen extrahoch sind. „Das ist eine unserer Gemeinsamkeiten: unsere Körpergröße”, erkläre ich auf Nachfrage. „Kommen Sie von jetzt an alleine klar?” Die Kameraleute nicken kurz, also drehe ich mich wieder um und mache mich auf den Heimweg. „Wollen Sie denn nicht auch persönlich mit ihm reden?”, fragt der Interviewer verwirrt. „Nein. Wir sind zwar beste Freunde, aber er weiß schon, dass ich heute nicht allzu viel Zeit habe. Er ist bereits involviert.” Nach diesen Worten bin ich auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle, und die Kameraleute stehen wieder allein vor dem Gebäude.
Sie zucken kurz mit den Schultern und klingeln dann. Nach wenigen Augenblicken öffnet ein junger Mann die Tür, der tatsächlich genauso groß ist und auch die gleichen Gesichtszüge hat wie der Autor. Jedoch ist er etwas kräftiger gebaut und hat lange schwarze Haare, in die einige orange Strähnen eingefärbt sind, was ihm eine Mähne wie ein Tiger verleiht. Er trägt eine schwarze Lederjacke, auf der mehrere Wappen angebracht sind: der Kopf eines Mega Glurak X, zum Teil unter dem Schriftzug „POLICE”, teilweise auch etwas anderes. Die gleichen Wappen sind auch auf seinem langen schwarzen Kapuzenumhang angebracht. Er lächelt knapp und bittet die Kameraleute mit einem kurzen Nicken herein.
„Also, womit kann ich ihnen helfen?”, fragt Hendrik, nachdem sie im Wohnzimmer Platz genommen hatten. An den Wänden hingen unzählige Gemälde und Fotos, die ihn alle mit unterschiedlichen Leuten zeigten, aber es gab auch sehr viele, die sich wiederholten.
„Nun, wir hoffen natürlich, dass Sie unsere Fragen beantworten können, da der Autor ja wieder gegangen ist”, erwiderte der Interviewer. „Natürlich, das ist kein Problem. Wir beide sind wie Brüder. Ich weiß, dass er viel um die Ohren hat, wenn er neue Abenteuer plant.”
„Apropos Abenteuer. Das ist ein guter Einstieg. Haben Sie sich im Laufe all der Abenteuer, die Sie erlebt haben, auch verändert?”
Hendrik überlegt kurz. „Veränderungen kann man das eigentlich nicht wirklich nennen. Ich würde eher von Ergänzungen sprechen. Der Kern meiner Persönlichkeit und wie ich mich in welcher Situation verhalte, war schon immer da. Aber während all der Abenteuer wurde unter anderem auch erklärt, warum ich so bin, wie ich bin: ich habe, wie mein geistiger Vater auch, das Asperger-Syndrom. Ich habe große Probleme im Umgang mit anderen oder darin, Kontakte zu knüpfen. Deswegen haben wir uns darauf geeinigt, dass ich in beinahe allen Geschichten bereits mindestens einen Freund habe.”
Er zeigt auf ein kleineres Foto, das auf dem Wohnzimmertisch steht. „Das sind doch Crowley und Abigail Serkitz und Kira Heart”, fällt dem Kameramann auf. „Korrekt. Crowley lernte ich erstmals auf der Pokémon Heldenschule kennen. Damals hatte er noch violette Haare. Mittlerweile ist er ein Blaukopf geworden, der nichts und niemanden ernst nimmt.”
„Es fällt auf, dass er sehr oft Witze reißt und sich scheinbar nicht für die Gefahr interessiert”, stimmt der Interviewer zu. „Richtig. Ich ermahne ihn oft, aber ändern tut sich nichts. Nicht dass das schlimm wäre, aber in manchen Situationen müsste Crowley wenigstens mal versuchen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.”
„Seine Cousine Abigail dagegen wirkt schon wesentlich ernster, oder?”, fragt der Kameramann. „Ja. Sie ist ein wahrer Sonnenschein und zeigt, dass sie sich nicht unterkriegen lässt.”
„Und das großgewachsene Mädchen dort ist sicher Kira, nicht wahr?”, will der Interviewer wissen. „Ja, meine große Liebe. Leider kann sie nicht dabei sein, da sie heute ein wichtiges Rennen hat. Aber sie hat auch gesagt, es wäre in Ordnung, wenn ich diesmal nicht dabei bin und sie anfeuere.”
„Wie kamen Sie eigentlich mit ihr zusammen?”
„Na ja, das war so, dass wir uns schon lange kannten. Während dieser Zeit hegten wir bereits starke Gefühle füreinander, aber keiner von uns traute sich, diese Gefühle auch zu gestehen. Durch einen glücklichen Zufall kamen wir dann aber doch zusammen.”
„Sie sind bestimmt sehr stolz auf sie.”
„Auf jeden Fall. Sie steht mir was Kampfsport angeht in nichts nach.”
Inzwischen stehen die drei auf und wandern langsam durch sein Haus, wo sich weitere Bilder und auch andere Andenken befinden. Vor einem davon bleibt er stehen. „Mit dem Kampfsport habe ich angefangen, als es in Richtung Power Rangers ging. Als er mir damals von Dr. Tommy Oliver den Master Morpher zukommen ließ, habe ich ein riesiges Buch über die Geschichte aller Rangers geschrieben und es in der Kommandozentrale hinterlegt.”
Er steht nun vor einem Bild, das ihn in dem Anzug des roten Super Megaforce Rangers zeigte, zusammen mit Crowley, Kira, Abigail und drei weiteren Personen. „Das sind drei weitere Verbündete, die ich als Ranger kennenlernte: Isabelle, Oliver und Sophie.”
„Oliver war vor seiner Zeit bei ihnen ein Ranger eines Teams, das Sie nicht einmal kannten, oder?”, fragt der Interviewer. „Richtig. Er gehörte zur Götterforce, die von den griechischen Gottheiten zusammengestellt wurde. Beide wurden später zu Super Megaforce Rangern. Sophie wurde von unserem Mentor Zordon zum schwarzen Mighty Morphin Rangern ausgebildet, damit sie uns beitreten konnte. Sie alle sind für mich zu wirklichen Freunden geworden.”
Er zeigt nun langsam auf Crowley. „Besonders zu Crowley hat sich eine echte Freundschaft entwickelt, was sowohl für mich als auch meinen geistigen Vater gilt.”
Sie haben nun den Garten erreicht, in welchem ein kleiner Bach war, zusammen mit einem plätschernden Wasserfall, der sich stetig in die kleine Wasserstelle ergoss. „Ich liebe so etwas. Solche Orte sind perfekt, um runterzukommen und Ordnung in seine Gedanken zu bringen”, erklärt Hendrik auf die Nachfrage.
„Herr Jigoku, das alles klingt nun so, als wären sie der typische Held, der alles weiß und dem alles gelingt. Haben Sie denn irgendwelche Schwächen oder negativen Charaktereigenschaften?”, möchte der Interviewer wissen. „Ich kann ihnen eins sagen”, erwidert er nach einer Weile, „wer behauptet, ich hätte überhaupt keine Schwächen, der hat wirklich keine Ahnung. Wie ich ja schon erklärte, habe ich das Asperger-Syndrom: ich bin im Allgemeinen eher zurückgezogen und traue mich nicht, auf andere zuzugehen, weil ich zu große Angst habe, zurückgewiesen zu werden. Zudem kann ich auch schnell mal ausfallend werden, wenn mich jemand aufregt. Das hat schon so mancher Feind zu spüren bekommen. Oftmals passiert es aber auch, dass ich ausraste, weil ich die Aussage meines Gegenübers falsch verstanden habe. Das war einer der Gründe, aus dem ich meist eher im Hintergrund bleibe und mich bemühe, möglichst nichts zu sagen, bevor es was Falsches ist.”
„Haben Sie nie versucht, daran etwas zu ändern?”
„Versucht natürlich. Aber dabei habe ich mich leider nie wirklich mit Ruhm bekleckert. Ich bin normalerweise eher für mich und freue mich über jeden Moment, in dem ich mich einfach nur meinen Gedanken hingeben kann.”
„Man merkt, dass Sie in diesem Aspekt ihrem Erschaffer sehr ähnlich sind”, meinte der Interviewer. „Definitiv. Er wollte sich ja in mir wiedererkennen.”
Der Interviewer schaut kurz auf seine Notizen und stellt dann fest, dass er seine Fragen inzwischen abgearbeitet hat. Also fehlt nur noch der Schluss. „Können Sie vielleicht anderen Leuten ihre Ansicht sagen, was eigene Erfindungen betrifft?”
„Gerne. Es ist im Grunde ganz einfach: einen bahnbrechenden Charakter erschafft man nicht in fünf Minuten. Oftmals macht man sich wirklich lange Zeit darüber Gedanken, oder aber man hatte bereits vorher genaue Vorstellungen davon, als man noch gar kein Autor war. Und wenn man sich einmal in seinen Charakter „verliebt” hat, dann kann man ihn eigentlich immer verwenden. Auch in einer Mitmach-Fanfiktion. Wobei wir es auch schon erlebt haben, dass ich von jemandem in seinem Projekt abgelehnt wurde, der auch Betaleser eines anderen Projekts war, bei dem ich mitmische. Aber das stört uns gar nicht. Wenn man einen Charakter einsendet, dann sollte dieser auch wenn möglich die Person repräsentieren, da man sich dann wirklich als einen Teil der Geschichte sieht. So sehen wir das zumindest.
Natürlich ist es nicht einfach, in der heutigen Zeit etwas Besonderes auf die Beine zu stellen. Nach allem, was bis heute erfunden und umgesetzt wurde, gibt es eigentlich nichts, was es nicht gibt. Aber man kann einem Charakter immer seine eigene Note geben und ihn so einzigartig machen.”
Der Interviewer nickt, und der Kameramann tut es ihm gleich. Dann begeben sich alle drei wieder zur Haustür und schütteln Hendrik die Hand. „Wissen Sie schon, was als Nächstes passieren wird?”, stellt der Kameramann noch eine letzte Frage. „Keine Ahnung. Aber Hendrik wird wohl noch einige Krisensitzungen halten müssen, damit ihm die nächste Idee kommt.”
Die beiden schweigen für einen Moment und starren ihn verständnislos an. „Das ist mein Ernst. Als Autor sollte man öfter mal das Badezimmer aufsuchen. Einige seiner besten Ideen stammen von dort.”
Noch immer verblüfft verabschieden die beiden sich nun und gehen wieder zur Haltestelle, um sich zu ihrer Redaktion zu begeben und dann die Aufnahmen noch einmal anzusehen.
„Glaubst du, was er da gesagt hat, stimmt?”, fragt der Kameramann den Interviewer. „Du etwa nicht? Aber er hat zumindest eines klargestellt: egal ob in der Realität oder im geschriebenen Wort:



Jeder von uns kann ein Held sein.
 
 
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