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Schattenseele

von cbra
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
Astrid Hofferson Dagur der Durchgeknallte Grobian der Rülpser Haudrauf der Stoische Hicks der Hüne Ohnezahn
18.06.2020
10.06.2021
58
152.312
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19.02.2021 3.876
 
Hi zusammen!
Die einen sehen schon die zwei kuschelnd am See übernachten, andere sind über seinen seelischen Zustand besorgt. Joa, mal schauen, was ich heut so im Petto hab. Da ziehen ein paar Schatten auf. *Händereib*
*****



„Diese Bestie ist klein, aber nicht zu unterschätzen. Sie ist überaus gefährlich“, hallte die Stimme des Schmiedes lautstark an diesem wolkenverhangenen Mittag durch die Arena.

Grobian öffnete das Tor des Schrecklichen Schreckens und schloß es zügig, als er den toten Körper des Drachens auf dem Boden liegen sah. Er würde den Leichnam unbemerkt verschwinden lassen müssen, um Hicks´ Empathie für diese Viecher nicht noch stärker werden zu lassen. Erst gestern hatte er in der großen Halle seine Bedenken wegen ihrer Haltung geäußert. Jetzt war genau dieses Szenario eingetroffen.

„Ähm, Planänderung“, drehte er sich halb zu den Jugendlichen um. „Besorgt euch nen Eimer Wasser. Wir ziehen heute den Wahnsinnigen Zipper vor. Gothi ernennt danach den erfolgreichsten Rekrut. Strengt euch also an.“

Die Anwärter auf diesen Titel trotteten davon – alle außer Hicks. In seinen Augen brannten einmal mehr Tränen der Wut, denen er allerdings nicht gestattete hervorzutreten. Statt wie die anderen die Arena zu verlassen, visierte er den Schmied an und stapfte auf ihn zu. Dabei war es ihm egal, daß das halbe Dorf über ihnen an der Kuppel das Spektakel verfolgen wollte.

„Ich hatte Recht, gib es zu“, grollte er, unfähig seine Emotionen zu bremsen.

Grobian hob die Brauen, bis sie drohten unter seinem Helm zu verschwinden. „Ähm, schätze, er hat einen schlechten Tag“, versuchte er sich rauszureden und verriegelte die Tür.

Hicks´ Blick sprühte Funken. „Er ist tot, Grobian. Verhungert und verdurstet! In Einsamkeit und in Dunkelheit eingepfercht elend verrotten gelassen! Gesteh das ein!“

Grobian wirkte sichtlich verlegen, daß seine Lüge so offensichtlich war. „Ja, so könnte man das natürlich auch umschreiben.“

Hicks preßte seine Lippen zusammen. Es bedurfte keiner weiteren Worte. Tote konnten nicht lebendig gemacht werden. Er drehte sich um, griff sich, während er lief, einen Kübel und zerrte ihn frustriert hinter sich her. Er hatte eine solche Wut in seinem Inneren und er wußte nicht wohin damit. Unterwegs schrie er einen Stein an, aber das verhalf ihm keineswegs zu mehr Ruhe. Er kickte Kiesel auf dem leeren Pfad hinab, aber auch das brachte ihm nichts.

Während er noch auf dem Weg zum Brunnen war, kamen ihm die anderen bereits entgegen. Die Zwillinge alberten über irgendeinen Mist und schlugen sich gegenseitig auf den Arm. Astrid schenkte ihm einen undefinierbaren Blick und Fischbein musterte ihn voller Neugierde.

„Na, heute besonders gut drauf?“ stichelte Rotzbakke hämisch.

Hicks starrte grimmig den Boden an, während er sein bestes gab, um den arroganten Schnösel zu ignorieren. Er füllte seinen Eimer halb mit Wasser und trat mit einigem Abstand zu den anderen den Rückweg an. Irgendwie mußte man diese Horde verbohrte Wikinger überzeugen können, daß ihr komplettes Weltbild falsch war. Er zermaterte sich den Schädel und schlurfte zur Arena. Dort angekommen wurden sie in Zweiergruppen eingeteilt. Astrid und Raffnuss bildeten ein Team, genauso wie Taffnuss und Fischbein. Hicks und Rotzbakke tauschten einen wenig begeisterten Blick aus, daß sie zusammen eine Einheit bilden sollten. Im Halbkreis um Grobian versammelt, gab er letzte Instruktionen und Informationen für die Herangehensweise. Die Aufgabe klang simpel: Den Kopf, der Funken sprühte, mit Wasser erwischen und den Drachen zur Strecke bringen.

Der Schmied ließ das zweiköpfige Reptil aus dem Gehege und ein wild zappelndes Etwas schoß hervor, das umgehend grünes Gas versprühte und es entzündete. Eine gewaltige Rauchwolke nebelte sie ein und ließ sie kaum ihren Nebenmann erkennen. Rotzbakke positionierte sich Rücken an Rücken zu ihm und ließ seinen Blick wachsam von einer Seite zur anderen schweifen.

„Streng dich gefälligst an, Hicks“, zischte er ihm zu. „Heute ist kein guter Tag, um gegrillt zu werden.“

„Als würde ein anderer so viel besser passen“, zischte ihm Hicks gereizt zu. Er bekam von Rotzbakkes Ellenbogen einen harten Stoß in die Rippen verpaßt.

„Ich meine das ernst. Konzentrier dich! Keine Extrawurst!“

Er wollte einen bissigen Kommentar erwidern, als sie mit einem Schwall Wasser übergossen wurden. Taffnuss tauchte in den diffusen Sichtverhältnissen auf.

„Ups. Ich hätte schwören können…“

Hicks ließ den Eimer zu Boden sinken, wischte sich das Naß aus seinem Gesicht und strich die feuchten Haare aus der Stirn.

„Sehen wir etwa aus wie ein Zipper?“ fauchte Rotzbakke, der sich das Naß von den Schultern wischte. Wenn wütende Blicke hätten töten können, dann hätte Taff umfallen müssen.

„Achtung“, schrie Fischbein hinter ihnen und warf sein Wasser durch die Luft. Ein weiterer Schwall traf sie und Rotzbakke schrie gereizt auf. Hicks hingegen blinzelte zu dem grünen Kopf, der sich ihnen lautlos genähert hatte und sie lauernd anvisierte. Behutsam hob er seine Handinnenflächen.

„Was soll das?“ keifte Rotzbakke lautstark und übergoß den Drachenschädel mit Wasser. „Hicks, du versuchst es noch nicht einmal!“ Grüner Nebel entwich seinem Maul. „Bei Thor, das war der falsche“, stieß der Jorgenson hervor und rannte mit den anderen beiden davon.

Hicks blieb allein zurück und bewegte sich nicht. Mit seinen Augen suchte er in dem Nebel nach dem anderen Kopf, der sich in der Nähe befinden mußte.

„Zeig dich“, murmelte Hicks und bemühte sich dem wabernden grünen Etwas nicht zu nahe zu kommen. „Ich will dir nichts antun.“ Der Drachenkopf wich zurück und entzog sich seiner Sicht. Ein Zischen erklang. „Du bist noch da, auch wenn ich dich nicht sehen kann“, wisperte Hicks und hob höher seine Hände ins Ungewisse. Ein weiterer Wasserschwall traf ihn. Genervt wandte er sich um und erkannte Raffnuss, die ihre Lippen zu einem schiefen Grinsen verzog.

„Ups, ich hätte schwören können…“

Ein Grollen entwich Hicks. „Die selben schlechten Augen wie dein Bruder“, schimpfte er.

„Runter!“, donnerte Astrid neben Raffnuss.

Eine Feuerfront schoß auf die drei zu. Sofort duckte sich Hicks zu Boden, während zeitgleich über ihm Wasser auf Flammen traf. Heiße Tropfen verteilten sich auf seine Haare und seinen Armen, die er über seinen Kopf gerissen hatte. So gut er konnte, schüttelte er die Hitze von sich ab.

Die Zipperköpfe zischten bedrohlich und erneut färbte sich die Luft grün und begann sie einzunebeln. Astrid rannte an Hicks vorbei und sprang in die Luft, um dem linken Schädel einen harten Schlag mit der flachen Seite ihrer Axt zu verpassen, der ihn gegen den rechten schmetterte und beide benommen zu Boden sinken ließ. Sicherheitshalber versetzte sie dem anderen Schädel einen ebenso brachialen Hieb und schickte den Zipper endgültig in die Bewußtlosigkeit. Mit hoch erhobener Axt starrte sie den grünen Spalthals keuchend an, als wolle sie ihm beim geringsten Zucken mindestens einen Kopf abhacken. Entsetzt sah Hicks zu ihr, unfähig dazwischen zu gehen. Zu tief saß der Schock über ihr brachiales Vorgehen. Es war als würde sie den Drachen gar nicht richtig wahrnehmen.

Nur zögerlich kehrte in Astrids Gestalt Bewegung zurück. Langsam ließ sie ihre Waffe sinken, bog ihren Rücken durch und blinzelte, als wolle sie unsichtbare Bilder vor ihren Augen abschütteln. Als sie Hicks´ Blick bemerkte, begegnete sie diesem und hob frei von Schuld ihr Kinn an. Sie schien sagen zu wollen, daß es keine andere Alternative gegeben hatte. Hicks schüttelte seinen Kopf. Natürlich hätte es eine gegeben, warum versuchte es keiner?

„Super gemacht“, brummte er ihr im Zorn zu und wollte an ihr vorbeilaufen, als sie ihn am Arm festhielt.

„Was hätte ich sonst tun sollen?“ schleuderte sie ihm grimmig entgegen.

„Nicht… so was!“, schnaubte er.

Ihre Finger umfaßten ihn fester, während sie seinen Blick mit mindestens genauso viel Wut erwiderte.

„Ich hätte ihn genausogut töten können. Und, sei gewiß, diese Sorte hätte es wahrlich verdient“, spie sie ihm entgegen.

Fassungslos starrte er sie an. Astrid war umgeben von einer wahrlich mordlüsternen Aura, die weit über ihr bisheriges Aggressionspotential hinaus ging. Hicks war nicht so naiv, sie als Freundin der Drachen zu bezeichnen, aber er hatte geglaubt, daß sie nach all der Erfahrung mit Ohnezahn diese Wesen mit anderen Augen sah. Mit einem entschiedenen Ruck entwand er sich ihrem Griff und stapfte davon.

Ein Trupp Wikinger betrat die Arena und wuchtete den benommenen Zipper zurück in sein Gefängnis. Gewissenhaft verschlossen sie das Tor und verließen so schnell wie sie gekommen waren die Arena.

„Diese Runde geht an Astrid“, verkündete Grobian, der zwischen sie getreten war und seine Vorzeigekriegerin anstrahlte.

Hicks verdrehte die Augen und ertrug das alles nicht länger.

„Falls mich jemand sucht, ich schleife ein paar Schwerter“, murmelte er und schickte sich an, den Platz zu verlassen.

Grobian angelte ihn sich am Kragen und seine Füße hoben fünf Zentimeter vom Boden ab. Er haßte es, wenn der Schmied das tat. Noch dazu vor der versammelten Meute. Mit einem vernichtenden Blick starrte er ihn an. Grobian war sich offensichtlich keiner Schuld bewußt und blinzelte ihn gutmütig an.

„Ist ja gut, Junge. Welche Laus auch immer dir über den Weg gelaufen ist, die Siegerehrung steht an.“

Er wurde neben den anderen abgesetzt, die gebannt nach oben zur Kuppel sahen. Hicks folgte ihren Blicken und entdeckte die Stammesälteste, die neben Haudrauf stand, dessen Laune wohl auf den absoluten Tiefpunkt gesunken war. Hicks konzentrierte sich darauf, auf die kleine Frau zu schauen, die sie alle musterte und dann ihre Mundwinkel hochzog. Gothi zeigte mit ihrem Stab auf Astrid.

„Bester Rekrut ist Astrid Hofferson“, verkündete Grobian stolz und riß ihren Arm für die Siegerpose hoch.

Die Menge jubelte über ihnen auf und in der linken Ecke brach regelrechter Tumult aus. Hicks ließ seine Augen über all die Menschen wandern. Das mußte ihre komplette Familie sein. Hicks schielte kurz zu Haudrauf, dessen Blick sich auf ihn geheftet hatte. Er senkte seinen Kopf. Wahrscheinlich hatte er sich erhofft, daß er besser abschnitt oder gar gewann. Nun, er war eine Enttäuschung und in diesem Bereich hatte er auch nicht vor, das zu ändern.

„Du kannst wählen: Den Nachtschatten oder den Riesenhaften Alptraum. Welchen sollen wir dir überlassen?“

„Den Alptraum“, verkündete Astrid fest und reckte ihre Waffe in die Höhe, was den Stamm ausflippen ließ.

Begeistertes Gejohle erfüllte die Luft, während die Masse ihre Geste nachahmte und in Wallung geriet. Hicks schüttelte wild den Kopf, als er realisierte, daß sie das tatsächlich durchziehen wollte.

„Nein! Astrid, nicht!“ Er wollte zu ihr, sie anflehen, es nicht zu tun, doch da hatte ihn Grobian einmal mehr aufgegabelt und trug ihn an seinem Haken hängend aus der Arena.

„Hicks, du verrennst dich da in etwas“, raunte der Schmied ihm warnend zu. „Keine Sorge, Astrid schafft das. Das Vieh wird für sie ein Kinderspiel. Es ist geschwächt, sie wird ihn locker mit drei Hieben erledigen können.“

„Bei den Göttern“, stöhnte Hicks und zappelte herum, in der Hoffnung sich befreien zu können. Er hatte erst gestern Hakenzahn ausgiebig gefüttert. Wenn sie nicht aufpaßte, würde er Astrid töten – oder sie ihn. Beide Vorstellungen waren unerträglich. Die Zwillinge machten eine Geste, die ihm signalisieren sollte, daß er sie nicht mehr alle hatte. Rotzbakke verzog angewidert seinen Mund, lediglich Fischbein hatte seinen eh schon kurzen Hals eingezogen und schaute voller Unwohlsein zu ihm.

Das Tor schloß sich hinter ihnen und Hicks wurde endlich abgelassen. Er wollte zu dem Gitter flitzen, doch Grobian hielt ihn zurück. „Dein Platz ist bei deinem Vater.“

Mit großen Augen starrte er ihn an. „Ich… ich muß…“

„Los, geh zu ihm“, scheuchte ihn Grobian davon.

Hicks taumelte den Weg entlang und fuhr sich durch die Haare. Immer und immer wieder. Er sog seine Unterlippe zwischen die Zähne und malträtierte sie mit Bissen, um nicht aufzuschreien. In Kopf und Körper herrschte völlige Unruhe und am liebsten wäre er aus seiner schweißnassen Haut geschlüpft. Sein Atem beschleunigte sich und endete in einem kuriosen, abgehackten Etwas, was er keuchend hervorstieß. Was auch immer gleich geschah, es würde in einer Katastrophe enden.

Er lief an zig Menschen vorbei und kam schließlich bei Gothi und Haudrauf an. Die alte Frau hatte ihre klugen Augen auf ihn geheftet, verzog allerdings diesmal nicht ihre Lippen zu einem Lächeln. Mit bangen Blick sah Hicks zu seinem Vater auf. Seine Miene war unleserlich. Seit ihrem gestrigen Disput in der großen Halle, war er ihm nicht mehr über den Weg gelaufen.

Die vergangene Nacht hatte er bei Ohnezahn geschlafen. Weder geistig noch körperlich war er nach seinem Zusammenbruch in der Lage gewesen, den Rückweg zum Dorf anzutreten. Astrid hatte ihn gehalten und ihm Beistand gespendet bis er völlig erschöpft eingeschlafen war. Als er mitten in der Nacht erwachte, hatte Ohnezahn ihren Platz eingenommen und seine Flügel über ihm ausgebreitet. Keine Ahnung, ob sie ihn dazu überredet hatte, oder ob die Initiative von dem Drachen ausgegangen war, aber er hatte seine Wärme dankbar angenommen. Hicks hatte Angst vor seinem Vater gehabt, und sich schlicht nicht nach Hause getraut.

Mit Erscheinen der ersten Sonnenstrahlen war er von der Bucht aufgebrochen und hatte in der Schmiede gearbeitet, bis es Zeit für die Arena wurde. Jetzt stand er neben Haudrauf und fühlte sich durch und durch schlecht. Es ging ihm auf Berk hundertmal besser als in den Jahren zuvor bei den Berserkern, aber er war drauf und dran das alles mit seinem eigenmächtigen Verhalten zu zerstören.

Das Oberhaupt hatte ihn genau beobachten können und alles, was er getan hatte, entsprach nicht einmal ansatzweise seinen Ansprüchen oder der üblichen Herangehensweise, wie sie auf Berk praktiziert und gelehrt wurden. Wenn es hieß kämpf, dann hatte man zu kämpfen und nicht eine Freundschaft mit diesen Kolossen zu schließen.

Er las die grimmig auf ihn gerichteten Augen und glaubte aus ihnen Zorn und Enttäuschung herausdeuten zu können. Hicks wandte seinen Blick ab, senkte seinen Kopf und seine Schultern fühlten sich an, als würden zwei Sandsäcke an ihnen hängen. Gothi schubste mit ihrem Stab sein Kinn an und schob es etwas höher. Träge erinnerte sich Hicks was er sich in seines Vaters Anwesenheit vorgenommen hatte, aber in genau diesem Moment fühlte er sich nicht in der Lage auch nur eine Maßnahme davon umzusetzen.

Grobian stand inzwischen unweit von ihnen über dem Tor des Riesenhaften Alptraums und sah nach unten zu Astrid. „Wähle deine Waffen!“

Da sie bereits ihre Axt an ihrer Seite hielt, entschied sie sich lediglich für ein Schild und bewegte sich auf die gut sichtbare Mitte der Arena zu, während von Grobian das Verlies ihres Gegners Mithilfe eines Seilzugs geöffnet wurde.

Hoch konzentriert schritt Astrid auf den roten Drachen zu, während dieser zögerlich aus seiner Zelle hervortapste und sie anstierte. Er war nicht mehr so schwach wie am Vorabend, stellte sie beeindruckt fest. Hicks hatte gute Arbeit geleistet, er war ein würdiger Gegner. Stück für Stück baute er sich immer größer vor ihr auf und spreizte langsam seine enormen Flügel. Allein sein Maul war so groß wie ihr Oberkörper.

Über ihr grölte ihre Verwandtschaft und feuerte sie wie das restliche Dorf an. Ihr Herz pochte hart in ihrem Brustkorb. Die Axt in ihrer Hand hatte noch nie so viel gewogen wie in diesem Moment. Dabei war ihre Aufgabe ganz einfach. Sie mußte nur seinen Schädel vom dürren, schuppigen Hals abschlagen und schon war sie offiziell eine angesehene Kriegerin. Sie war skrupellos und kräftig genug, um es mit ein bis zwei Schlägen hinter sich zu bringen und den glorreichen Sieg ins Hause Hofferson zu tragen. Alles worauf sie die letzten Monate hingearbeitet hatte, würde sich in wenigen Sekunden erfüllen.

Wenn da Hicks nicht wäre.

Sie hielt inne und gab diesem Gedanken eine Chance sich zu entfalten. Sie war sich sicher, wenn sie das durchzog, würde sein Herz zerbrechen. Zumindest würde er es ihr nicht verzeihen können, das stand unumstößlich fest. Sie ließ die Axt mit ihrem Handgelenk Runden ziehen, so wie sie es in der Vergangenheit unzählige Male getan hatte. Der Drache und sie verflochten ihre Blicke, ließen sich gegenseitig nicht aus den Augen, während sie sich umkreisten. Astrid haderte mit dem was ihr Lebensinhalt bis vor kurzem gewesen war und den Worten und Taten des drachenreitenden Sohns des Anführers, der ihr jeden Tag ein bißchen mehr von einer Welt zeigte, die sie nicht für möglich gehalten hatte.

Bisher hatte Hicks alles erdenklich Mögliche unternommen, um mit diesen Wesen eine Verständigung herzustellen. Allein auf Berk hatte er einen Nachtschatten gezähmt, einen Gronckel vor ihren Augen mit seinen bloßen Händen kampfunfähig gemacht und sich unbewaffnet diesem Riesenhaften Alptraum gestellt. Wenn sie dieses rote Monster umbrachte, konnte er weder Fischbein noch irgend jemand anderen einen Beweis erbringen, sondern wurde genötigt von vorn zu beginnen. Aber für Hicks war dies kein beliebiges Projekt, um seine Theorien zu beweisen, sondern ein Lebewesen, das schützenswert war.

Sie dachte an die Reaktion des Nachtschattens, daß sie einen seiner Artgenossen töten könnte und fühlte sich in diesem Augenblick unheimlich schäbig. Sie blieb stehen und blinzelte. Seit wann war ihr die Meinung eines schwarzen Drachens und eines dürren Jungen wichtig? Sie wog ab, hörte in sich hinein und frustriert aufstöhnend gestand sie ihrem Herz den Sieg über den Verstand zu.

Astrid stoppte ihre Waffe, ließ sie schlaff in ihrer Hand herabhängen und senkte zeitgleich den Schild. Ein Raunen erfüllte die Luft über ihr. Sie ließ ihre heilige Axt zu Boden fallen, das Schild folgte nur eine Sekunde später. Der Drache tapste auf sie zu und sie lief im gleichen Tempo rückwärts. Aus dem Augenwinkel nahm sie ihre Mittel zur Verteidigung wahr, sie lagen auf dem Boden, gut sichtbar für komplett Berk und ihren Angreifer. Über ihr nahm das Raunen zu.

Hört doch damit auf, bat Astrid stumm. Je lauter die Menge wurde, desto unruhiger wurde ihr Gegenüber. Sie hob die Hände wie sie es bei Hicks gesehen hatte und zeigte dem Drachen ihre Handinnenflächen.

„Komm schon“, knurrte Astrid und kniff grimmig die Augen zusammen. „Vertrau mir, du dämliches Reptil.“

Hicks starrte mit immer größer werdenden Augen hinunter auf die Arena.

„Nein, nein, nein“, flüsterte er fortlaufend. Erst weil er glaubte, sie würde Hakenzahn umgehend umbringen, dann als sie alles fallen ließ und jetzt als sie völlig falsch ihren Stolz über seinen stellte. So konnte keine Verbindung gelingen. Er rief ihren Namen, aber das ging in dem allgemeinen Tosen unter. Was hatte er nur angezettelt? Und warum hatte er Astrid nicht mehr über seine Herangehensweise erzählt? Warum war er ein solcher Geheimniskrämer? Sie hatte sich einiges bei ihm abgeschaut, aber das war lückenhaft und unvollständig. Sie war eine Kriegerin durch und durch, das wußte sie und auch Hakenzahn. Sie strahlte es mit ihrer erhabenen Haltung und mit jeder Faser ihres Körpers aus und genau das würde ihr zum Verhängnis werden. Er wollte nicht für ihren Tod verantwortlich sein. Hatte er nicht vor den Göttern geschworen, einen solchen unter allen Umständen verhindern zu wollen?

Wie sollte er ohne Astrid weiterleben können? Dieser Gedanke biß sich in seinem Inneren fest und mit voller Wucht überrollte ihn die Erkenntnis, wie wichtig sie ihm tatsächlich war. Sie war nicht nur eine Freundin, die er sehr mochte, sie war der wichtigste Mensch in seinem Leben. Er vergötterte ihre Stimme und ihre Augen. Ihrem Mut zollte er größten Respekt. Astrid hatte seinen gezeichneten Körper gesehen und war nicht vor ihm geflüchtet. Im Gegenteil! Sie wollte ihm helfen zu heilen und hatte dafür extra Gothi beauftragt, ihm dieses Zauberzeug zu mischen. Sie war bereit gewesen, ihn anzufassen und das obwohl er sich vor sich selbst ekelte, da es seine jämmerliche Hilflosigkeit dokumentierte.

Ja, er verzehrte sich nach ihren Berührungen. Diese Fingerspitzen waren nicht von dieser Welt und er genoß jede Sekunde, in der sie ihm Gehör schenkte oder einfach nur direkt an seiner Seite verharrte. In der Bucht mit ihr zu sitzen und die Schönheit des Sees mit ihr zu teilen, bedeutete ihm alles. Er war sich sicher, ein Tag ohne Astrid war ein vergeudeter. Wenn ihr dort unten etwas passierte, konnte er sich umgehend selbst von den Klippen stürzen. Sein Leben wäre verwirkt, denn mit dieser Schuld könnte er keinen weiteren Tag überstehen. Oh Thor, das Wesen konnte sich jeden Moment in Flammen setzen.

Langsam lief sie rückwärts, während der Drache mit gleichbleibender Geschwindigkeit auf sie zu kam und nun sein gigantisches Maul fletschte. Sie war einfache Beute, so viel war klar. Astrids Verstand raste. Was hatte Hicks anders gemacht als sie? Sie erinnerte sich an seine hängenden Schultern, die wirkten, als würden Felsbrocken an ihnen hängen, an den demütig gesenkten Kopf, den Blick leicht abgewandt und durch die Haare blinzelnd. Astrid preßte ihre Lippen zusammen, gab ihre stolze Haltung auf und versuchte seine zu imitieren. Der Drache blieb tatsächlich stehen und legte seinen Kopf schräg. Sein Hals wurde immer länger und näherte sich ihr schnaubend.

Fassungslos verfolgte Hicks, wie sie ihn nachahmte.

„Öffnet sofort das Tor!“, schrie Haudrauf neben ihm und rannte los.

Hicks überlegte nicht lange und hechtete hinter ihm her. Nie hätte er gedacht, daß sein Vater mit diesen Proportionen so schnell rennen könnte. Innerhalb kürzester Zeit kamen sie beim vergitterten Tor an. Hicks´ Blick hetzte zwischen Haudrauf und Astrid hin und her. Sie benötigte noch ein paar Sekunden, dann würde sicherlich der Drache genug Zuversicht gesammelt haben, um eine Verbindung mit ihr herzustellen. Er warf sich seinem Vater in den Weg und hob zitternd die Arme.

„W… warte, Vater! Nur noch einen kleinen Moment!“

Hinter seinem Rücken hörte er wie das Tor nach oben gezogen wurde. „B… bitte! Bitte, warte!“, flehte er.

„Auf was? Daß es sie tötet?“ herrschte ihn Haudrauf an. Als sei er eine lästige Fliege, wurde er weggewischt und fand sich mit dem Hintern auf dem Boden wieder. Rasch rappelte Hicks sich auf und rannte ihm in die Arena hinterher.

Über Astrid brach lauter Tumult aus – zeitgleich entflammte sich die Drachenhaut. Sofort war ihre Haltung kerzengerade und sie funkelte ihn voller Herausforderung an. Hinter ihr erklang Hicks´ Stimme, der ihren Namen rief und gleich neben ihm rannte Haudrauf, der sich einen Morgenstern aus dem Waffensortiment geschnappt hatte. Beide kamen rasch näher. Astrid folgte ihrem Instinkt, tauchte unter dem brennenden Flügel durch und hechtete zu ihrem Schild. Mit einer schnellen Geste schmetterte sie es durch die Luft und traf den Drachenschädel direkt hinter dessen Auge. Hackenzahn ging zu Boden und blieb liegen.

Haudrauf verlangsamte sein Tempo und starrte sie entgeistert an.

„Was hast du dir dabei gedacht?“ donnerte er hervor.

Astrid nahm ihre Axt auf und ließ sie hinter ihrem Rücken verschwinden. Im Gegensatz zu seinem Jungen, blieb sie aufrecht stehen und hob ihr Kinn.

„Ich…“, setzte sie an, als Hicks vor sie trat. Er bebte am ganzen Körper und er benötigte sichtbar Überwindung, sich zwischen sie zu stellen und Haudraufs Blick zu begegnen. Halbhoch hob er seine Hände, um ihn zu beschwichtigen. Für Astrid war er bereit jede erdenkliche Bestrafung  auf sich zu nehmen, egal wie drakonisch sie ausfallen sollte.

„I… Ich kann das erklären. B… bitte…“

Doch Haudrauf duldete keine absurden Alleingänge, welche Menschenleben in Gefahr brachten und machte eine entschiedene Geste mit seiner freien Hand.

„Schluß damit!“, donnerte er ihm entgegen. „Wann immer es um diese Viecher geht, denkst du, du mußt dich einmischen. Weshalb ist das so?“

Hicks hielt mit aller Kraft den Augenkontakt, auch wenn er glaubte, er müsse gleich unter diesem wutentbrannten Blick zusammenbrechen.

„Ich… Ich weiß nicht. Weil ihr ein völlig falsches Bild von ihnen habt? Weil ich nicht ertrage, wie mit ihnen umgegangen wird. So bin ich nun mal, Vater. I… Ich kann nicht anders.“

„Bei Odin!“, schrie er wütend, „warum bist du nicht so wie…?“ Der Rest wurde von dem gewaltigen Dröhnen des Warnhorns übertönt.

„Drachen“, flüsterten er und sein Sohn gleichzeitig.



*****
Also ich weiß ja nicht wie ihr das seht, aber Haudrauf hat genau die richtige Betriebstemperatur für einen Drachenangriff. *lach*
Mag wer Kekse?
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