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Schattenseele

von cbra
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
Astrid Hofferson Dagur der Durchgeknallte Grobian der Rülpser Haudrauf der Stoische Hicks der Hüne Ohnezahn
18.06.2020
22.06.2021
59
154.673
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20.06.2020 2.250
 
„Noch mehr Huhn“, forderte Oswald der Hinterhältige. Wie jeden Tag saß Hicks mit seinem Bruder und Vater zusammen am Eßtisch und nahm mit ihnen pünktlich zur Mittagszeit ihre Mahlzeit ein. Dagur hatte den Platz rechts neben Oswald inne und sah mit einer hochgezogen Augenbraue über seinen Teller hinweg zu dem Jüngeren herüber. Es bedurfte keiner weiteren Aufforderung. Hicks sprang vom Tisch auf und kam dem Wunsch seines Vaters nach. Er durchquerte die Kapitänskajüte bis zur Anrichte, hob die schwere Platte mit dem Fleisch an und zuckte zusammen. Nur mühsam unterdrückte er ein Stöhnen. Seine Unterarme waren ihm am Vortag von Dagur aufgeschlitzt worden.

Er schätzte, daß pro Arm mindestens zehn Narben zu den bisherigen hinzukommen würden. Schlimmer war, daß er nun bei jeder Bewegung stechende Schmerzen verspürte. So kam er mit seiner Arbeit unter Deck nur beschwerlich voran und er ahnte, daß er dafür bald eine Abreibung von Haakon dem Waffenmeister bekam. Alternativ von Dagur. Die beiden pflegten eine Art Freundschaft, die Hicks nicht gut tat. Und dann hatte er vor einer Weile ein Gespräch belauscht, welches so kryptisch wie bedrohend war, daß es ihm nicht mehr aus dem Kopf ging und sich auch jetzt wieder in seine Gedanken stahl.

Hicks hatte im hinteren Bereich des Lagers aufgeräumt und da er sich angewöhnt hatte, nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, arbeitete er leise wie der Wind, als Dagur hereingepolterte war. Sein Bruder hatte wegen der Beute, die sie bei einem Überfall gemacht hatten, blendende Laune. Sie lachten zusammen, wie sie das Schicksal ihrer Gegner noch einmal durchlebten, wie sie mit ihren Schwertern das Schiff überrannt hatten und den Kapitän schließlich über die Planke geschickt hatten. Der Dreißigjährige war bei jeder Angriffsschlacht an vorderster Front dabei und sein Kampfgebaren wurde als brachial und effektiv bezeichnet. Wohl ein Grund mehr, weshalb er zu Dagurs engerem Freundeskreis gehörte.

„Würde zu gern erleben, wie Hicks sich bei so was anstellen würde“, juxte sein Bruder und der belustigte Schwung seiner Stimme bekam einen Anstrich von Nachdenklichkeit. „Der kann noch nicht mal eine Axt halten. Und das soll ein Sohn des Anführers sein, daß ich nicht lache.“

Aus seinem verborgenen Standort hielt Hicks inne, als die Stimmen sich senkten und sich das Gesagte ihm entzog. Immer wenn auf diesem Schiff geflüstert wurde, war das kein gutes Zeichen. Er schob sich aus seiner Deckung, an einer Handvoll Kisten vorbei, und schlich ein paar Meter näher, um besser dem Gespräch lauschen zu können.

„Welche Pläne hat mein Vater mit diesem Hänfling? Welchen Nutzen könnte er schon haben?“

Haakon brummte etwas, was er nicht hören konnte und beförderte ein frisch erbeutetes Faß mit einem festen Fußtritt in die hintere Ecke. „Aus unerfindlichen Gründen ist er in dieser Sache weich geworden. Früher hätte er ein faules Ei rücksichtslos entsorgt.“

Entsorgt. Das Wort kratzte an Hicks Ego genauso wie der Begriff faules Ei. Er hatte nicht die Proportionen eines typischen Berserkers, was ihn wie eine halbe Portion wirken ließ, aber er arbeitet hart, war ein Teil der Mannschaft und erfüllte seine Aufgaben ohne zu murren. Hicks war in seinen Überlegungen versunken gewesen und hatte ein Teil des Gespräch verpaßt.

„Vielleicht wirst du das eines Tages übernehmen müssen“, raunte Haakon bedeutungsschwer und verließ den Lagerraum mit Dagur.

Seitdem zerbrach sich Hicks den Kopf, welche wichtigen Informationen ihm im Gespräch entgangen waren und wie er noch wertvoller für die Mannschaft, wie er mehr Berserker, mehr von allem sein könnte. Leider ging seitdem immer öfter etwas schief. Und was rücksichtslos entsorgen bedeutete, wollte er erst recht nicht herausfinden. Ihm schauderte bei dem Gedanken und die Essensplatte in seinen Händen zitterte.

„Wenn du das Fleisch fallen läßt, muß ich mir eine Strafe für dich überlegen“, juxte Dagur und beobachtete ihn lauernd.

Eilig brachte Hicks das Essen an den Tisch und stellte es direkt vor seinen Vater, der ihn nicht aus den Augen ließ.

„Alles in Ordnung, Hicks?“

Der Angesprochene vermied einen der beiden anzuschauen und nickte. Den Jüngeren wollte er nicht provozieren und dem Älteren nicht zeigen, wie es um ihn stand. Wenn ihr Vater auch nur ahnte, was ihm angetan worden war, würde er Dagur eine Lektion erteilen, die sein Bruder ihn vierfach spüren lassen würde.

Sein Vater hielt ihn am Arm mit seiner Pranke fest und er holte zischend Luft, um den Schmerz zu kompensieren. Der Ärmel wurde ihm mit dem Daumen hochgeschoben und offenbarte die roten Schnittwunden. Hicks betete zu den Göttern, während er innerlich erstarrte.

„Was ist das?“ brummte Oswald und stierte ihn aus eisblauen Augen an.

Würde er die Wahrheit sagen, würde Dagur ihn auseinander nehmen. Genüßlich zerlegen in kleine Happen und ihn den Fischen vorwerfen. Wenn er log, und sein Vater es rausfand, konnte es ebenfalls unangenehm werden. Sehr sogar. Es war eine Zwickmühle aus der es kein Entkommen gab.

„Ni… nichts“, stotterte Hicks hastig und versuchte den Ärmel runterzuziehen. „Ha… hab mich beim Schleifen geschnitten. Meh… Mehrmals.“

Bei Thor, das war die schlechteste Lüge, die er sich je getraut hatte auszusprechen. Ein Grollen entwich seines Vaters Brust. Hicks wußte, er war nicht überzeugt. Eilig setzte er sich auf seinen Stuhl, stürzte sich auf sein Essen und ließ seine Haare wie einen Vorhang über seine Augen fallen. Es war sein einziger Schutz vor prüfenden Blicken. Und dieses Gericht wahrscheinlich seine Henkersmahlzeit. Mit Sicherheit würde ihm Dagur später auflauern und ihm klar machen, daß er sich besser unter Kontrolle haben sollte. Mindestens. Und vielleicht würde sein Vater noch eins drauf setzen. Die Konsequenzen waren nicht berechenbar. Hicks bekam das Essen nicht hinuntergeschluckt, seine Kehle war wie zugeschnürt. Fahrig griff er nach seinem Becher voll Wasser – und kippte ihn um. Hicks spürte wie Tränen in seine Augen stiegen - aus Verzweiflung, Wut und Angst.

„Ich hole einen Lappen“, rief er und sprang Richtung Tür. Draußen bemerkte er den starken Wellengang, der ihm vor lauter Anspannung in der Kajüte nicht aufgefallen war. Er blieb stehen und richtete seinen Blick weit nach vorne. Der pechschwarze Skrill mühte sich ab, den Bug zu ziehen und das Schiff zu stabilisieren.

Als er ein kleines Kind gewesen war, hatten sie zwei dieser Drachen besessen, die das Flaggschiff gezogen hatten. Heidrun und er hatten sie im Geheimen Blitz und Donner genannt. Letzteren gab es nicht mehr, genauso wenig wie Heidrun. Er vermißte sie. Mit ihr war alles erträglicher gewesen. Wären sie doch nur diesem einen Kampf aus dem Weg gegangen. Nur ein einziges Mal.

Blitz wandte den Kopf in seine Richtung und ihr Blick traf sich für zwei Sekunden. Hicks bewunderte seine Schönheit zutiefst, aber dafür blieb ihm keine Zeit. Er hatte Mist gebaut, der beseitigt werden mußte. Er rannte quer über das Deck, schnappte sich einen Fetzen gewebte Wolle und schoß zurück.

Was auch immer in seiner Abwesenheit geschehen war, es war zu seinem Ungunsten. Mit bangem Blick versuchte er die Situation zu deuten. In Dagurs Augen brannte ein Feuer der Wut. Sein Vater war ebenfalls verstimmt. Sicherlich hatte er seine Lüge durchschaut und seinen Erstgeborenen als Verursacher entlarvt. Er musterte ihn von oben bis unten und noch einmal von vorn. Hicks versuchte dem Adlerblick zu entfliehen, in dem er den Tisch in Windeseile trocken wischte, das Thema auf die Arbeiten in der Waffenkammer lenkte und hoffte, damit die unsichtbare aber greifbare Spannung in dem Zimmer zu mildern. Er hatte das Gefühl, keiner der Anwesenden hörte ihm zu. Man sah beiden an, daß es in ihnen brodelte und Hicks hatte das ungute Gefühl, daß er die Ursache dafür war. Sobald er konnte, nuschelte er, daß er sich zurückzog und verließ eilig mit seinem halbvollen Teller den Tisch. Draußen rannte er zu dem Drachen. Kaum bemerkte dieser sein Kommen, wandte er sich ihm zu.

„Der Plausch muß warten“, rief ihm Hicks entgegen und warf ihm seine angebissene Hühnerkeule zu, die von dessen Maul aufgefangen wurde. Sofort hetzte er weiter zur Kombüse. Der Koch ordnete im hinteren Bereich in der Kammer die Vorräte und ignorierte ihn, während Hicks seinen Teller spülte. In Rekordzeit hatte er ihn abgetrocknet, um sich dann fieberhaft zu überlegen, wo er Zuflucht suchen konnte.

Nach ein paar Sekunden sank er mit seiner Stirn an die Wand und schlug voller Verzweiflung mit der Faust an dieselbige. Welch aussichtsloser Kampf, sein Bruder kannte all seine Verstecke und hatte ihn bisher immer gefunden. Es war wie eine Jagd, die seinen Blutdurst nur weiter steigerte. Hicks fühlte wie Taubheit seinen Körper verschlang. Es war eine absurde Abwehrreaktion, die ihn gelegentlich überkam. Es gab keinen Schutz und noch weniger Sicherheit für ihn. Wenn Dagur seinen Frust an ihm ablassen wollte, dann würde er es tun. Ein Grund mehr seinen Pflichten nachzukommen und nicht auch noch Haakon gegen sich aufzubringen. Er zwang seine Schritte in die Waffenkammer, wo noch viel Arbeit auf ihn wartete.

Dort angekommen stellte er erleichtert fest, daß er alleine war. Im Kerzenschein polierte er den Stahl und schärfte die Klingen. Sobald sich Schritte näherten, zuckte er zusammen und atmete auf, wenn das Besatzungsmitglied sich entfernte. Hicks sah bange zu dem einzigen Zugang. Dagur spielte sein Spiel, denn er wußte, wieviel Angst er empfand und kostete diesen Psychoterror aus.

Stundenlang schuftete Hicks weiter, um sich abzulenken und einen Vorwand zu haben, nicht an Deck zu müssen. Seine Arme schmerzten, aber das verdrängte er so gut er konnte. Vielleicht bestand ja der Hauch von Hoffnung, daß tatsächlich keine Attacke folgte. Oder er wurde in der Nacht, wenn alle schliefen, überfallen und drangsaliert. Sein Kopf förderte ein Szenario nach dem anderen hervor. Er schüttelte denselbigen und versuchte sich davon zu befreien. Vor was fürchtete er sich? Er hatte nahezu alles erlebt, was ein Mensch einem anderen antun konnte. Es konnte nicht noch schlimmer werden. Oder doch? Als es nichts mehr in dem Raum zu tun gab, öffnete er leise die Tür. Draußen war es bereits dunkel. Hatte er sich tatsächlich den halben Tag hier drinnen verkrochen? Auf Zehenspitzen schlich er raus, nickte zwei Mannschaftsmitgliedern zu als er vorbeikam und erreichte schließlich das Deck.

Die See hatte sich deutlich beruhigt und der Drache flog im kühlen Abendwind eine gerade Linie dem Schiff voraus. Leise ging er auf ihn zu und kletterte auf die Brüstung.

„Na, mein Großer. Wie war dein Tag?“ Der Skrill wandte seinen Kopf knapp zu ihm bevor er ihn wieder nach vorn richtete und mit sanften Flügelschlägen weiterflog. Die Ketten, die Drache und Schiff miteinander verbanden, klirrten leise und verschmolzen mit dem ewigen Rauschen des Ozeans.

„Meiner war super“, berichtete Hicks um Lässigkeit bemüht und ließ seine Beine baumeln, „hab zwei Schiffe allein überwältigt und ihnen gezeigt, daß mit meiner geballten Wikingerkraft nicht zu spaßen ist.“ Er boxte heroisch mit seinen dünnen Armen in die Luft und erlegte einen unsichtbaren Gegner mit einem Kinnhaken.

Hicks hielt inne, starrte in die See und verfiel in Schweigen. Wem machte er etwas vor? Selbst Blitz durchschaute seine Geschichte. Er beobachtete die grazile Rückseite, den gleichmäßigen Flügelschlag und lauschte den Wellen. Die Winde zerzausten sein kastanienbraunes Haar und wirbelten es über die Stirn.

„Bist du glücklich, Blitz?“ fragte er in die Stille. Natürlich bekam er keine Antwort, aber es erschien ihm wichtig diese Frage seinem Freund zu stellen. „Ich könnte dir mal einen Thunfisch angeln, das würde Abwechslung in deinen Speiseplan bringen. Oder willst du mehr Hühnchen? Ich könnte dir was von mir abgeben. Interesse?“

Der Drache schnaubte.

„Ich werte das mal als ja. Geht in Ordnung, Großer. Ich werde die Bestellung dem Küchenchef weitergeben.“ Er gestikulierte mit der rechten Hand in der Luft und verstellte seine Stimme, um den Koch nachzuahmen. „Einmal doppelte Ladung Hühnerbeine für unser zugkräftigstes Mannschaftsmitglied.“ Er hielt inne. Den ganzen Tag hatte er sich in seiner Arbeit verkrochen und dabei den Drachen vernachlässigt. Hatte ihn einer von der Meute gefüttert? Sicher nicht. Das galt es nachzuholen.

Von hinten schlang sich ein Seil um seinen Hals und wurde zugezogen. Ein harter Stoß beförderte ihn quasi zeitgleich über Bord. Während er fiel, sah er Dagurs Schopf über ihm kleiner werden und wie er die Leine um eins der dornenbesetzten Schilde wickelte. Hicks tauchte in Eiseskälte ein, die seine Wunden dank des Salzgehaltes auflodern ließen. Trotz der senkenden Schmerzen riß er hektisch an dem Strick um seinen Hals, der ihn durch das Kielwasser zerrte. Ein aussichtsloses Unterfangen. Die Kräfte, die auf ihn einwirkten, waren zu groß. Überall war Meer. Über ihm, unter ihm. Er bekam keine Luft und das ließ ihn panisch werden. Wo war sein Dolch, den er immer unter seiner Fellweste trug? Da war nichts!

Er strampelte und riß unkoordiniert, schrie und schluckte noch mehr Wasser als sowieso schon. Er tauchte kurz auf und schnappte Luft. Es reichte nicht aus, um unter Wasser zu bestehen. Die Wellen waren zu hoch, drückten ihn nach unten und überschwemmten ihn gnadenlos. Schwärze eroberte seinen Geist, gegen die er sich zu stemmen versuchte. Sie fraß sich durch ihn hindurch und bezwang ihn von Sekunde zu Sekunde mehr. So sehr er sich auch wehrte, er war zu schwach. Er würde verlieren. Brutal drangsalierte ihn das Seil und raubte ihm die Sinne. Er zerrte mit seinen Händen einen aussichtslosen Kampf, doch auch dieser war vergebens. Seine Finger entglitten dem Strang. Herrliche Stille eroberte ihn, und er nahm dieses Geschenk dankbar an.






*****
Ähm, ja, möchte irgend jemand Kekse? Ich verteile ein paar als Nervennahrung beim Reviewbutton und verkrümmel mich mal.
(Und ein herzliches Dankeschön an meine Betafee, die wirklich auf JEDES Wort ihr wachsames Auge hat und nicht mit dem Schimpfen müde wird.)

Wer wissen will, was noch so im Lagerraum gesprochen wurde... hier findet ihr ein Outtake dazu.
Und wer wissen will, was sich in Hicks Abwesenheit abgespielt hat, klickt hier.
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