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Schattenseele

von cbra
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
Astrid Hofferson Dagur der Durchgeknallte Grobian der Rülpser Haudrauf der Stoische Hicks der Hüne Ohnezahn
18.06.2020
22.06.2021
59
154.673
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21.08.2020 1.480
 
Hicks wachte mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Als er die Augen aufschlug, bemerkte er sofort, daß in dem Tal etwas anders war. Der Nachtschatten lag unweit von ihm eingerollt auf dem Erdboden und schlief. Sonst war er stets fort, wenn er erwachte. War er daran schuld? Er hatte ihm bis tief in die Nacht sein Herz ausgeschüttet. Konnte ein Nachtschatten verschlafen? Mucksmäuschenstill erhob sich Hicks und schlich von ihm fort. Er lief zu seinem Versteck, nahm das Netz, das restliche Seil und zwei der Bolas an sich und drehte sich zu dem Drachen um.

Auf Zehenspitzen näherte er sich ihm und hielt eine seiner Kugelwaffen in der linken Hand. Einfach werfen, sein Maul fesseln, dann die vorderen Beine bewegungsunfähig machen, wiederholte er fieberhaft seinen Plan, dann das Netz werfen und die restlichen Bolas aus dem Versteck holen. Schlicht und effektiv. Sein Bruder würde mit seinem Fang zufrieden sein – auch wenn es kein Skrill war. Hicks starrte den Drachen an, der mit geschlossenen Augen vor ihm lag und von seinem Vorhaben nichts ahnte. Er schluckte und hob die Kugeln an. Sein Plan war herrlich simpel. Er mußte sie nur in Schwung versetzen und sie um seine Schnauze schlingen – wenn sie bloß nicht eine Tonne in seiner Hand wiegen würden. Würde Dagur ihn tatsächlich verschonen? Und was wenn nicht? Er opferte eine reine Seele, um seine verlorene zu retten.

Zitternd stand er da und bekam sich nicht überwunden, seinen schlafenden Freund zu überfallen. Hicks blinzelte zu dem See, dachte an die friedliche Stille und die Freiheit, die er ihm mit diesem Angriff entreißen wollte. Mit wild pochendem Herz ließ er unverrichteter Dinge den Arm sinken. Er fühlte sich elend, daß er es überhaupt in Erwägung gezogen hatte. Nein, die schwimmende Hölle der Berserker konnte er ihm nicht antun. Er senkte seinen Kopf und schüttelte ihn knapp.

Seine Entscheidung stand unwiederbringlich fest.

Hicks legte sich seine gebastelten Waffen über die Schulter und machte sich an den Aufstieg. Obwohl sein Fuß rebellierte, gelang ihm die Kletterpartie. Oben angekommen orientierte er sich an der Sonne und trat den Rückweg zum Strand an. Seine Schritte fielen ihm schwer, dennoch setzte er einen Fuß vor den anderen.

Er kämpfte sich durch Dickicht und hohe Wiesen, nahm den Geruch des Grases, die Frische des Morgentaus und den unvergleichbaren Duft des Waldes in seine Lunge auf und genoß seine verbleibende Zeit in Freiheit. Keine Ahnung, wie er ohne all das Grün in Zukunft überleben sollte. Innerhalb der letzten Tage hatte er sich daran gewöhnt und sein Herz daran verloren. Aber diese Insel war nicht groß und selbst wenn er sich verstecken würde, würde ihn sein Bruder früher oder später finden. Und wie viele Drachen bei der Jagd nach ihm dabei verletzt oder gar getötet werden würden, wollte er sich nicht vorstellen. Nein, er würde zu der Stelle zurückgehen, an der er ausgesetzt worden war. Dort erwartete man ihn und dem fügte er sich. Das war die beste Entscheidung für alle. Vor allem für Ohnezahn. Er lebte in Frieden an diesem Ort. Er hatte nicht das Recht ihn von dort wegzuholen oder gar in Gefahr zu bringen.

Hicks erreichte sein Lager, daß er sich am ersten Tag aufgebaut hatte. Er setzte sich unter das verwelkte Blätterdach und sah auf das Meer hinaus. Es dauerte eine kleine Weile aber dann tauchten sie auf. Sein Herz begann schneller zu schlagen, als er die Segel der Berserker erblickte. Er hatte solche Angst vor Dagurs Reaktion. Langsam schulterte er seine Sachen und stellte sich an die Stelle, wo Sand und Wasser sich trafen. Wehmütig sah er sich um, nahm ein letztes Mal die Schönheit der Landschaft in sich auf und richtete dann seinen Blick in eine ungewisse Zukunft.

Diesmal machten sich zwei Boote die Mühe, ihn abzuholen. Er blieb unbewegt stehen, obwohl alles in ihm zur Flucht rief. Dagur sprang ihm als erstes entgegen und grinste ihn lauernd an. „Du lebst, Bruder, ich bin freudig überrascht. Und fleißig warst du auch. Hast dir Waffen gebaut.“ Er nahm Hicks die Bolas ab, wog sie in seiner Hand und begann sie in der Nähe von Hicks Gesicht in Schwingung zu versetzen. Unbewegt harrte er mit gesenktem Blick aus und bereitete sich auf den Schmerz vor, der unmöglich lange auf sich warten lassen würde. „In dir steckt also doch so was wie ein Wikinger.“ Dagurs freie Faust schoß an seine linke Schulter und ließ Hicks nach hinten wanken. „Hatte dein kleiner Ausflug Erfolg? Ich sehe nämlich nichts.“ Dagurs schlenderte an ihm vorbei und besah sich den Dschungel.

Hicks schüttelte seinen Kopf. „Hier gibt es keine Skrills. Und auch sonst wird diese Insel meist nur von Gronckel bevölkert.“ Das war eine ausgewachsene Lüge, dessen war er sich bewußt, als er an die Artenvielfalt der letzten Tage zurückdachte, aber er wollte unter gar keinen Umständen Begehrlichkeiten bei Dagur wecken. Diese Drachen lebten in geordneten Abläufen und in Harmonie miteinander, welche schützenswert war. Er betete zu den Göttern, daß sie ihm aufgrund dieses noblen Gedankens die Unwahrheit verziehen und ihn nicht durch seines Bruders Hand bestraften.

„Die sind langweilig“, zischte ihm der Rothaarige gedehnt zu und umrundete ihn, bis er wieder vor ihm stand. Noch immer ließ er die beiden Bolas kreisen.

„Ein Riesenhafter Alptraum hätte mich um ein Haar gegrillt“, setzte Hicks seinen Bericht fort, in der Hoffnung, daß es den Älteren erheiterte. „Aber er war zu schnell und… und mein Netz konnte nichts gegen ihn ausrichten. Danach mußte ich ein neues knüpfen“, log er und hoffte, daß er nicht durchschaut wurde.

„Tragisch“, zog ihn Dagur auf. Die rotierenden Felsbrocken kamen vor Hicks´ Augen immer näher. „Ich dachte, ich habe mich klar ausgedrückt. Ich will einen Drachen am Bug.“

Hicks senkte seinen Kopf und schluckte. „Ich habe versagt.“

„Das ist bedauerlich. Ich bin quasi untröstlich“, betonte Dragur theatralisch seine Worte und Hicks wurde klar, daß er damit bereits gerechnet hatte. Was auch immer nun kam, er hatte sieben Tage Zeit gehabt, um sich seine Schikanen genauestens auszumalen und würde die Ausübung an ihm auskosten. Hicks machte sich kleiner und konnte ein Beben in seinen Schultern nicht länger unterdrücken. Seine Angst wurde übermächtig und verschlang jeden klaren Gedanken.

Keine Sekunde später wickelte sich eine Bola um seinen Oberkörper. Sein Brustkorb war gefangen, die Seile lagen so fest an seinem Körper, daß er kaum atmen konnte. Als nächstes wurde er von der anderen Bola zu Boden gerissen, als sie sich um seine Beine schlangen. Hicks lag auf dem Sand, wehrlos und ausgeliefert, während Dagur über ihm stand. „Du hast dir deine Rückfahrt im Boot nicht verdient. Du wirst den Weg durchs Wasser nehmen müssen.“ Das Seil schlang er ihm um die Beine und zerrte ihn zum Wasser. Die Männer auf den Booten lachten in sich hinein, während in Hicks pure Panik aufstieg. Wie sollte er das überleben? Ertrinken war der schlimmste Tod, den er sich vorstellen konnte. Es gab keinen schlimmeren Alptraum für einen Seefahrer.

„Bitte, Dagur!“, schrie Hicks und spürte bereits die ersten Wellen, wie sie seine Kleidung am Rücken durchnäßten. „Gnade!“

Seine Rufe wurden ignoriert. „Bitte, ich flehe dich an! Tue das nicht! Bitte!“ Hicks wälzte sich hin und her, aber natürlich löste das seine Fesseln nicht. „Bitte, verschone mich! Ich bin doch dein Bruder. Deine Familie!“

Dagur sah ihn mit einem kalten Blick an. „Interessante Sichtweise, Bruder.“

Hicks konnte sich keine Gedanken um seine Worte oder deren speziellen Tonfall machen, denn sein Kopf tauchte unter Wasser. Unbändiger Horror stieg in ihm auf. Er hatte vor lauter Schreien zu wenig Luft eingeatmet. Es würde nur wenige Sekunden durchhalten können.

Wie durch ein Wunder trieb er an die Oberfläche. „Hilfe“, schrie er so laut er konnte und dann überspülte ihn das Naß bereits erneut. Ich werde sterben, an etwas anderes konnte er nicht denken. Er schluckte Wasser und schrie seinen Überlebenswillen heraus, doch selbst an seine Ohren drang nur ein klägliches Gurgeln. Alles in Hicks rebellierte. Seine Arme wollten um sich schlagen, seine Beine paddeln, seine Lungen gierten nach Sauerstoff. Nichts davon war möglich. Er schnappte nach Luft, doch er schluckte nur flüssiges Salz. Panisch wiederholte er diese sinnlose und tödliche Aktion. Seine Sinne trübten sich und das Meer verschlang ihn, während er immer tiefer sank. Die Helligkeit der Welt verschwand und wich der Dunkelheit.

Ein harter Ruck fuhr durch seinen Körper und zerrte ihn nach oben. Hustend würgte er Wasser hervor. Er kämpfte darum, seine Lider zu öffnen und nach quälend langen Sekunden gelang es ihm. Unter ihm bot sich ein Bild der Zerstörung. Die Boote brannten, Männer schwammen in den Wellen und schrieen wild durcheinander. Und er? Er schwebte durch die Luft. Das Meer wurde immer kleiner und auch die Insel verschwand kurz darauf. Auf nach Walhalla, war der letzte Gedanke, bevor sein Geist sich in die schützende Ohnmacht stürzte.



*****
Na dann mal schauen, ob in Walhalla alles besser läuft als bisher. Vermutungen können beim Reviewbutton abgegeben werden. Dafür erwartet euch bei den Temperaturen ein Eis. =)
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