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Schattenseele

von cbra
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
Astrid Hofferson Dagur der Durchgeknallte Grobian der Rülpser Haudrauf der Stoische Hicks der Hüne Ohnezahn
18.06.2020
10.05.2021
55
141.927
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17.08.2020 1.436
 
Die Sonne schickte ihre letzten Strahlen zur Erde und mit ihnen verschwanden wie an den letzten fünf Tagen die Drachen. Hicks kam aus seinem Versteck heraus, eroberte einen Felsen am See und warf seine Angel aus. Seinem Fuß ging es besser, zumindest konnte er ihn soweit belasten, daß er laufen und einfache Klettermanöver durchführen konnte. Seine Fischfangkünste beim Tümpel hatte er inzwischen gesteigert und holte bereits die zweite Forelle aus dem Wasser, als der Nachtschatten zu seinem allabendlichen Besuch eintraf. Hicks hob seinen Blick und bewunderte seine geschmeidige Bewegungen seiner Schwingen, wie er zur Landung ansetzte und mit einem gedämpften Geräusch auf der Erde aufsetzte.

„Hey, Kumpel, hattest du einen guten Tag?“

Der Drache musterte ihn vom Ufer aus und gab ein Röhren von sich.

„Ich deute das mal als ja“, antwortet Hicks und lächelte zu ihm herüber. „Hunger? Ich hab eine für dich und eine für mich.“ Er wedelte mit seinem Fang und warf ihn ihm entgegen. Der Nachtschatten fing ihn in der Luft und verschlang ihn auf einmal. Anmutig lief er auf und ab, stürzte sich auf seine Beute und holte sich innerhalb kürzester Zeit drei Fische aus dem Wasser.

„Angeber“, brummte Hicks und grinste zu ihm herüber. Er nahm die Angel und seinen Fang und machte sich an den Abstieg. Er ging zu dem von ihm aufgestapelten Holzscheit und winkte Ohnezahn zu. „Dürfte ich bitten, mein Freund?“

Der ließ es sich nicht zweimal sagen und schoß einen Plasmastrahl ab. Hicks setzte sich ans Feuer, nahm den Fisch aus und begann ihn zu rösten. In den letzten Tagen waren sie wie ein Team zusammengewachsen und er hatte dem Drachen inzwischen verständlich machen können, daß er zwar einen Dolch trug, ihn aber nicht gegen Drachen einsetzte. Es war eine komplett neue Erfahrung sich weder mit Ellenbogen beweisen, noch um Gehör kämpfen oder unter Schmerzen um sein Leben bangen zu müssen.

Morgen würde diese Harmonie enden. Ihm wurde ganz schlecht bei dem Gedanken. Er wollte nicht von diesem Ort weg. Und nachdem er die letzten Tage hier erleben durfte, zog ihn nichts mehr an Bord eines Berserkerschiffs. Trotzdem lagen acht Bolas und ein großes, geknüpftes Netz in seinem Versteck, was nur darauf wartete, diesen Drachen bewegungs- und kampfunfähig zu machen. Er würde mit dem Maul beginnen müssen, damit er ihn seiner Feuerkraft beraubte und dann rasch seine Beine mit den verbliebenen Bolas fesseln, damit er sich nicht mit seinen Pfoten befreien konnte. Das Netz war nur um ihn weiter in seinem Radius einzuschränken. Der Plan stand. Allerdings haderte Hicks mit ihrer beider Schicksal.

Der Nachtschatten lag nur einen Meter entfernt und sah zu ihm herüber. Hicks schob sich zu ihm und streckte zaghaft die Hand nach seinem Flügel aus. Er war fest wie Leder und samtweich wie Butter. Tränen stiegen in ihm hoch und er wandte seinen Kopf, um sie zu vertuschen. Aus dem Nichts bekam er einen Schubs verpaßt, der ihn zur Seite kippen ließ. Er verzog seinen Mund, bekam aber kein Lächeln zustande.

„Hast du schon einmal eine Dummheit angestellt?“ Hicks rieb sich mit dem Unterarm über die Augen, um die nächsten Verräter zu beseitigen. Er schniefte. Selten hatte er sich so schlecht gefühlt wie in diesem Moment. „Etwas, was einen anderen enttäuscht? Jemanden verletzt? Einen Fehler gemacht, den du nicht korrigieren konntest?“ Ohnezahn hörte ihm zu und blinzelte ihn lediglich an.

„Ich nehme an, das heißt nein.“ Er seufzte und wischte sich erneut mit dem Unterarm über das Gesicht. „Natürlich nicht. Du bist perfekt. So etwas wie dich… gibt es nicht oft.“ Schweigend drehte er sein Essen an dem Stock. „Was würdest du einem Freund raten, was er tun soll? Wenn seine Lage aussichtslos ist? Wenn er in Gefahr ist? Wenn er, um sich zu schützen, jemanden anderen in eine Situation bringen müßte, aus der es kein Entkommen gibt? In der dieser seine Freiheit verliert?“

Ohnezahn richtete sich etwas auf und spreizte seinen Flügel, als wolle er Hicks darunter aufnehmen. Der Junge sprang auf und bemerkte gar nicht, daß sein Gesicht völlig von Tränen benetzt war. „Du machst es damit nicht besser!“, klagte er. „Hör auf, so… so gut zu sein. Ich werde umgebracht, wenn ich Dagur nicht bringe, was er will. Ich muß das tun.“

Er wanderte humpelnd am Feuer auf und ab und raufte sich die Haare. „Das Schlimme ist, ich weiß, daß es falsch ist. Es wäre egoistisch und niederträchtig, es durchzuziehen. Was würde ich gewinnen? Ein paar Tage mehr meiner Existenz? Ein paar Wochen? Das ist kein Leben!“ Er blieb neben dem Drachen stehen und setzte sich zurück auf den Boden zu ihm. Er sackte regelrecht in sich zusammen. Ohnezahn musterte ihn mit schief geneigtem Schädel und wußte den Ausbruch nicht recht zu deuten.

Minutenlang schwieg der Junge, während seine Gedanken kreisten. Der Drache würde ihn überleben, so viel stand fest. Hicks war sich sicher, er würde sein siebzehntes Lebensjahr nicht erleben. Seine Umstände hatten sich massiv verschlechtert und nichts deutete darauf hin, daß ihn noch einmal gute Zeiten erwarten könnten. Jede winzige Verfehlung konnte sein Ende herbeiführen. Und wenn sein Bruder wider Erwarten Gnade walten lassen würde, dann ereilte ihn bestimmt der Tod bei einer Schlacht. Es gab Unmengen an Möglichkeiten, wie ein Leben beendet werden konnte, doch nur wenige Wege standen ihm zum Überleben zur Verfügung.

Was passierte, wenn er umgebracht wurde? Wer würde sich an Bord des Flaggschiffes um den Nachtschatten kümmern? Sie würden ihn am Leben erhalten, ja, aber sich um ihn sorgen, mit ihm reden, seiner Existenz einen Sinn verleihen… Er hielt in seiner Überlegung inne. Hatte dieser Wahnsinn überhaupt einen?

Er schüttelte seinen Kopf, um diese Gedanken abzuwimmeln. Was dachte er denn da nur? Dagur war immer noch sein Bruder. Der einzige Verwandte, den er noch hatte. Ja, er war verwirrt und zugegeben zur Zeit wahrlich durchgeknallter als bisher, aber Hicks glaubte, daß diese Phase vorüberging. Es galt sie zu überstehen und dann würden bessere Zeiten kommen. Er klammerte sich an diesen Strohhalm, weil er es sich mehr als alles andere wünschte.

Aber was waren schon Träume? Hatte man ihm nicht in den letzten Wochen und Monaten eines besseren belehrt? Und wenn er nicht vor dem Tod des eigenen Vaters halt machte, was sollte ihn bei dem Bruder stoppen?

Hicks blinzelte Ohnezahn an und verlor sich in seinen Augen. Er sah eine reine Seele, die vollkommen und erhaben war. Er ertrug diese Makellosigkeit nicht mehr länger und wandte seinen Blick ab. Er fühlte sich unglaublich schäbig, daß er diesen Drachen knechten wollte.

„Was bedeutet schon ein Leben in Furcht? Mehr wird mich nicht erwarten.“ Das war die unumstößliche Wahrheit und es war Zeit sich ihr zu stellen. Es brachte nichts, sich selbst zu belügen. Benommen starrte er ins Feuer, zog die Beine unter sein Kinn und schlang seine Hände fest um die Knie. „Ich habe alles verloren, was mir je etwas bedeutet hat und ich hätte nie gedacht, wie sich das auf dieser Insel entwickeln würde. Jemand wie dich zu finden…“ Hicks hatte nicht den Mut den Satz auszusprechen noch zu Ende zu denken. Er wollte nicht, daß das endete. Weder auf die eine noch auf die andere Weise. Warum konnte er nicht die Zeit anhalten? Er wollte nicht, daß der nächste Tag anbrach und die Schiffe in die Bucht einliefen.

„Sie werden morgen kommen und mich mitnehmen“, flüsterte er unheilvoll hervor. „Dagur wird mich foltern, das weiß ich. Er ist kreativ in der Wahl seiner Methoden. Er besitzt eine stattliche Sammlung an Waffen und er wird sich nicht abhalten lassen, eine nach der anderen an mir auszutoben.“

Gedankenverloren schob er sich den rechten Ärmel nach oben und zählte die Narben an seinem geschundenen Arm. Er hatte den Überblick über die Mißhandlungen verloren. Einmal mehr schüttelte er seinen Kopf und gab den Versuch auf, eine Summe zu bilden. Es waren einfach zu viele. Er blinzelte rüber zu dem Nachtschatten, der ihm geduldig zuhörte. „Aber ich kann dir das nicht antun. Du bist so… du. Alles an dir. Viel mehr als ich es je sein könnte.“

Seine Augen wurden erneut naß und trübten sein Sichtfeld. Sanft schob sich die Schnauze an seinen Brustkorb. Hicks umarmte ihn schluchzend mit beiden Armen und nahm den Trost an, auch wenn er vergebens an ihn verschenkt wurde.
Nichts konnte ihn retten.
Niemand.


*****
Man will Hicks schütteln und ihn anschreien, daß er sich doch den Drachen schnappen und das Weite suchen soll. Ja, aber so leicht mach ich es ihm nicht. =)
Im übrigen komm ich gut mit dem Überarbeiten des gebetaten Textes vorwärts. Ab und zu bekommt ihr deshalb wohl etwas schneller was zu lesen. Ich denke, das ist in eurem Intesse, oder streßt euch diese Postgeschwindigkeit?
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