Tondas Mutter (Oneshot)

OneshotFamilie, Fantasy / P12
OC (Own Character) Tonda
17.06.2020
17.06.2020
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Ein etwas längerer Oneshot, den es auch schon auf Wattpad gibt.
Ich würde mich über Rückmeldungen freuen und nun
Viel Spaß beim lesen

Weltenwandlerin7


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Tondas Mutter

Johanna war eine junge Frau als sie heiratete. Ein paar Jahre später gebar sie einen Sohn und alles schien perfekt. Doch dieses Glück hielt nicht lange an. Denn eines Abends fand sie heraus, dass ihr Mann sie mit einer anderen Frau erwischte. Aber um ihren Sohn einiges an Ärger zu ersparen, hielt sie den Mund. Doch als ihr Sohn 10 Jahre alt war, kam ihr Mann mit einer anderen Frau ins Haus und verkündete, dass er sich von Johanna trennen würde um mit der anderen Frau in einem anderen Dorf zusammen zu ziehen. Während des Gespräches hielt sie ihm unter die Nase, dass sie es all die Jahre gewusst hatte und sie schon beinah darauf gewartet hätte, dass er sie verlassen würde. Dagegen hatte sie nichts einzuwenden. Aber als er jedoch sagte, dass er seinen Sohn mitnehmen wollte, stellte sie sich quer. Sie wehrte sich mit Hand und Fuß dagegen, wortwörtlich. Und doch konnte sie nicht verhindern, dass er ihr ihren Sohn wegnahm. Sie verschwanden noch in derselben Nacht.

Tonda gefiel es zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass sein Vater ihn mitnahm. Das Bild seiner Mutter, wie sie auf weinend auf dem Boden kniete, noch ihre Hand nach ihm ausstreckte, als sie aus der Tür gingen und sie seinen Namen schrie, brannte sich in sein Gedächtnis und in sein Herz ein. Am liebsten wäre er bei ihr geblieben, aber was konnte er schon tun, außer es über sich ergehen zu lassen.
So kam es, dass er im Nachbardorf, mit seinem Vater und dessen neue Frau in ein Haus zog. Aber dort hielt er es kaum aus, da seine neue Stiefmutter ständig sehr hohe Erwartungen hatte, ihn damit unter Druck setzte und sie ihn fast alle Hausarbeiten erledigen ließ. Sein Vater vernachlässigte ihn immer mehr, bis er ihn kaum noch beachtete. Da beschloss Tonda, mit gerademal 13 Jahren, eines Abends davonzulaufen und sich irgendwo Arbeit zu suchen. Noch in derselben Nacht, packte er seine Sachen und verschwand aus dem Dorf.

Er schlug sich Wochenlang als Bettlerjunge durch. Am Anfang des Jahres fing er an von elf Raben auf einer Stange zu träumen und hörte immer wieder: „Tonda! Tonda! Tonda! Komm nach Schwarzkollm in die Mühle, es wird nicht zu deinem Schaden sein! Gehorche der Stimme des Meisters, gehorche ihr!“. Dieser Traum wiederholte sich und schließlich machte Tonda sich auf den Weg nach Schwarzkollm, wo er einen alten Mann nach einer Mühle fragte. „Hier im Dorf gibt es keine Mühle. Aber wenn du die Mühle im Koselbruch am Schwarzen Wasser meinst, dann… meide die Mühle! Geh nicht dort hin! Es ist nicht geheuer dort“, warnte der alte Mann. Aber Tonda hörte nicht auf ihn und so ging er zur Mühle. Dort nahm er die Stelle als Lehrjunge an. Und dort verbrachte er die nächsten Jahre. Hätte er gewusst, was bei seinem Vater, kurz nachdem er gegangen war, los war, wäre er von dort nie abgehauen.

Drei Jahre, nachdem Tonda weg war, beschloss Johanna, dass es Zeit war, ihn zurückzuholen. Sie hatte eine gut bezahlte Arbeit gefunden und hatte genug Geld beisammen, um sich und ihren Sohn versorgen zu können. Und ihr Arbeitgeber war so freundlich, und versprach sie wieder einzustellen, sobald sie mit ihrem Sohn zurück sei. Also ging sie zu dem Dorf, indem ihr Exmann lebte. Johanna fragte die Dorfbewohner nach ihm und sie fand sein Haus ziemlich schnell. Als sie klopfte öffnete der Vater von Tonda die Tür und fragte, was sie hier wollte. „Ich will meinen Sohn zurück haben“, forderte sie. „Von mir aus könntest du den Bengel mitnehmen. Der taugt zu nichts. Aber dummerweise ist er seit vorgestern verschwunden“, antwortete er mürrisch. „Verschwunden?“, fragte Johanna scharf. „Abgehauen. Keine Ahnung wo der Bengel steckt“, erwiderte er und schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

Wütend ging Johanna los und suchte Wochenlang die nähere Umgebung ab. Dann kehrte sie in ihr Haus zurück, um wieder zu arbeiten. Aber die Suche nach ihrem Sohn gab sie nicht auf. Immer wenn sie frei hatte hörte sie sich in nahe gelegenen Dörfern nach ihrem Sohn um. Und endlich nach drei Jahren, hatte sie Erfolg. Eine Familie hatte Tonda vor drei Jahren zwei Nächte bei sich schlafen lassen. Er hatte sie nach Schwarzkollm gefragt, bevor er losgezogen war. Als sie das hörte schöpfte sie neue Hoffnung. Sie packte einige Sachen ein und ihr ganzes Geld ein, gab dem Arbeitgeber Bescheid, verschloss ihre Haustür und steckte den Schlüssel ein. Dann zog sie los, Richtung Schwarzkollm. Schwarzkollm lag sehr weit entfernt von ihrem Heimatdorf und ab und zu musste sie arbeiten, damit ihr Geld nicht ausging. So dauerte es ein halbes Jahr, bis sie endlich im Sommer in Schwarzkollm ankam und sich nach ihrem Sohn erkundigte.
Doch niemand konnte oder wollte ihr etwas sagen. Aber da es ihre einzige Spur war, blieb sie in Schwarzkollm, suchte sich eine Arbeit und eine Unterkunft.

Zwei Wochen vergingen bis sie auf einen alten Mann traf. Und dieser erinnerte sich an Tonda. Er war es damals gewesen, der ihm von der Mühle erzählt und gewarnt hat. „Tonda? Hm. Es war ein Junge vor drei Jahren hier gewesen und hat nach der Mühle gefragt. Ich weiß nicht ob er so hieß, schließlich hat er mir seinen Namen nicht genannt. Aber die Beschreibung dürfte stimmen. Ich habe ihn vor dieser Mühle gewarnt. Seither habe ich den Jungen nur selten gesehen, wenn er auf dem Markt war. Wieso fragt ihr nach ihm?“, fragte der Mann zum Schluss. Johanna seufzte traurig, bevor sie antwortete: „Er ist mein Sohn“. Der Mann nickte resigniert. „Wenn ihr etwas über ihn erfahren wollt, solltet ihr auf dem Markt nach zwei Burschen suchen, die ein Prachttier verkaufen. Ich habe das schon oft beobachtet, wie zwei von der Mühle, sich für ganz normale Buben ausgaben und ein prächtiges Tier verkaufen. Das Tier wurde im Dorf aber nie wieder gesehen. Wer weiß, vielleicht ist euer Sohn ja einmal dabei“, riet ihr der alte Mann freundlich. Bei der Masche, die die Mühlburschen durchzogen musste er grinsen. Johanna bedankte sich und ging die nächsten Tage auf den Markt.

Und endlich sah sie eines Tages, wie zwei Jungen ein prächtiges, schwarzes Pferd verkauften. Gerade hatten sie es verkauft und den Kopfstrick behalten, als Johanna auf sie zuging. „Grüße euch Gott, ihr beiden. Könntet ihr mir etwas Auskunft geben?“, fragte sie freundlich. „Kommt darauf an, was Ihr wissen wollt“, sagte einer der beiden. „Kennt ihr Tonda?“. Die zwei Burschen tauschten Blicke aus und nickten zögerlich. „Arbeitet er auch in der Mühle?“, fragte sie weiter. Wieder ein zögerliches nicken. „Warum fragt ihr nach ihm? Kennt ihr ihn denn? Sollen wir ihm was ausrichten?“, fragten sie verwirrt. Zögerlich schüttelte Johanna den Kopf. Sie hatte schon einige Gerüchte über die Mühle gehört, dass sie dort sowas wie schwarze Magie ausüben würden und lauter solche Sachen. „Wie heißt ihr?“, fragte nun Johanna. „Ich bin Kito und das ist mein Vetter Kubo“, antwortete Kito. „Ich kenne nur eine Freundin von ihm, die mir von ihm erzählt hat“, wank sie ab, und hoffte sie kauften ihr die Lüge ab. „Ach ihr kennt sein Mädchen?“, fragte Kubo verwirrt, aber er achtete darauf, dass niemand ihn hörte. Johanna war überrascht. Ihr Sohn hatte eine Freundin. Von außen ließ sie sich nichts anmerken. Wenn er ein Mädchen hat, dann lebte sie sicher auch in Schwarzkollm. „Danke für die Auskunft“, sagte sie, verabschiedete sich schnell und verließ den Marktplatz. „Wartet, wie ist Euer Name?“, rief Kito ihr hinterher. Doch Johanna hörte ihn schon nicht mehr.

In ihrem Haus angekommen, setzte sie sich erst einmal um nachzudenken. Tonda hatte offensichtlich eine Freundin, die im Dorf lebte und er arbeitete auf der Mühle. „Tonda ist in der Mühle“, hallte der Gedanke in ihrem Kopf. Normalerweise, wäre sie sofort zur Mühle losgegangen, doch etwas hielt sie davon ab. Irgendetwas sagte ihr, sie solle abwarten. „Die Geschichten über die Mühle hat sich sicher niemand einfach so ausgedacht“, überlegte sie, „Geschichten sind nicht immer wahr, aber fast immer steckt mindestens ein Funken Wahrheit dahinter“. So wartete sie und kellnerte in einem Gasthaus. Sonntags hatte sie frei. Und an einem Sommertag geschah etwas.

Johanna war gerade dabei ihre Wäsche im Fluss zu waschen, als 9 Jungen mit langen Stöcken in den Händen den Hügel zum Dorf hinunter rannten. „Die von der Mühle“, sagte eine ältere Frau aufgeregt. „Habt keine Angst!“, rief einer der Jungen. Johanna erstarrte. Sie kannte diese Stimme nur zu gut. Dann erkannte sie auch das Gesicht. Auch wenn sie beides seit 6 Jahren nicht mehr gehört und nicht mehr gesehen hatte. Es war ihr Sohn. „Wir sind hier um euch zu beschützen! Soldaten sind auf dem Weg! Lauft zurück zum Dorf, bringt euch in Sicherheit!“, rief Tonda und die meisten gingen schon in ihre Häuser. Johanna zögerte und hörte noch ein Mädchen mit langen lockigen Haaren mit Tonda über einen Traum von einem einäugigen Adler sprechen, bevor er ihr zurief sie solle nun weglaufen. Auch Johanna ließ nun alles stehen und liegen und rannte zu ihrer Hütte. Auch die Burschen versteckten sich in den Häusern, während die Soldaten draußen auf dem Platz anhielten. Einer, so sah sie von ihrem Fenster aus, stieg ab und ging zu dem Haus gegenüber. Kaum war die Tür geöffnet drückte Tonda ihn raus. Dieser wurde von dem Soldaten aber zu Boden geworfen. Kurz entschlossen, öffnete Johanna ihr Fenster, nahm einen kleinen Stein vom Fensterbrett und warf ihn an den Kopf des Soldaten, der gerade mit seinem Schwert nach Tonda stach. Durch den Stein an seinem Kopf wurde er kurz abgelenkt und Tonda konnte auf Abstand gehen. „Jetzt“, schrie er und die anderen Mühlburschen stürmten aus den Häusern und kämpften mit ihren Stäben gegen die Soldaten. Doch schnell wurde klar, dass die Soldaten die Überhand hatten. Da sah Johanna wie ihr Sohn seinen Stab vor seine Brust hielt und ein anderer mit grünem Hemd es ihm gleich tat. Auch die anderen Burschen machten es ihnen nach. Und dann griffen die Burschen der Mühle erneut an. Schlugen die Soldaten mit ihren Stäben nieder ohne diese zu berühren. Immer wenn Tonda jemanden zu Boden rang, füllte sich Johannas Brust mit Stolz. Doch dann wanderte ihr Blick nach links. Ein Soldat ritt mit seinem Pferd auf Tonda zu. Ohne auch nur ansatzweise nachzudenken, riss Johanna die Tür auf und rannte von hinten auf Tonda zu. Kurz bevor das Schwert Tonda aus dem Hinterhalt treffen konnte, packte Johanna seine Schulter und riss ihn zurück. Nur um wenige Zentimeter verfehlte ihn die Klinge. Tonda wollte sich gerade umdrehen, um zu sehen wer ihn gerade das Leben gerettet hatte, da weckte etwas anderes seine Aufmerksamkeit. Der Soldat, welcher Tonda gerade verfehlt hatte, hatte ein neues Ziel gefunden. „Tonda!“, rief das Mädchen. „Worschula!“, rief Tonda erschrocken zurück und riss den Soldaten mit seinem Stab aus seinem Sattel. Eine alte, in schwarz gekleidete Frau, lenkte die aufgebrachte Worschula in eine kleine Hütte und folgte ihr. Sofort ging Tonda dem Mädchen nach. Johanna zog sich in ihre Hütte zurück. Es war nicht der richtige Zeitpunkt für ein Wiedersehen und eine innere Stimme sagte ihr, dass er vorerst nichts von ihr wissen sollte.

Nachdem die Burschen wieder zurück zur Mühle gegangen waren, suchte Johanna nach Worschula. Erst zwei Tage später traf sie Worschula völlig aufgelöst beim Fluss. „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie das Mädchen. Diese sah überrascht zu ihr hoch. Johanna setzte sich neben sie. „Was ist los?“, fragte sie weiter. „Warum fragen Sie?“, stellte Worschula die Gegenfrage. „Du kennst Tonda?“, fragte Johanna, doch es klang mehr wie eine Tatsache. „Ihr steht euch anscheinend sehr nahe“, redete sie weiter. „Woher?“, „Ich habe es vorgestern bemerkt“, antwortete Johanna. „Ist das wieder ein Spiel vom Meister um mich in den Wahnsinn zu treiben?“, fragte sie laut. Außer ihnen war niemand in der Nähe. Johanna runzelte die Stirn. „Das musst du mir näher erklären“, forderte sie. „Wer seid Ihr?“, fragte Worschula aufgebracht. „Tonda ist mein Sohn. Bitte erzähl mir was mit Tonda ist, was zwischen dir und ihm ist und was es mit der Mühle auf sich hat“, sagte sie schließlich zögernd. Worschulas Augen wurden groß. Dann sprudelte alles aus ihr heraus: „Tonda ist jetzt schon seit drei Jahren auf dieser Mühle. Wir haben uns kennengelernt und…verliebt. Aber er kommt von der Mühle nicht weg. Er kann nicht. Er hat mir einmal erzählt, dass er in seinem ersten Jahr dort weggelaufen ist, aber wieder bei der Mühle ankam. Sie lernen dort das Zaubern, aber Tonda hat mir erzählt, dass jedes Jahr an der Mühle jemand stirbt. Er befürchtet dieses Jahr der nächste zu sein. Er sagte, dass es eine Möglichkeit gibt. Am Abend vom letzten Tag des Jahres, kann man seinen Burschen, wenn man einen hat, freisprechen. Nur an diesem Tag ist es möglich. Dabei muss man eine…Prüfung oder so ablegen. Wenn das gelingt, sind alle frei und der Müller muss sterben. Aber er darf dazu nicht den Namen des Mädchens erfahren. Und jetzt weiß ich auch warum. Tonda hat mich gebeten ihn frei zu bitten, aber jetzt weiß der Müller meinen Namen und treibt mich mit seinen Zaubern in den Wahnsinn. Ich weiß nicht wie lange ich das noch durchhalte“, fing sie schließlich an zu weinen. Von Mitleid gepackt zog Johanna Worschula in eine Umarmung und Worschula heulte sich bei ihr aus. Der Frau war klar, was mit `durchhalten´ gemeint war. Erst als sie sich wieder beruhigt hatte, löste sie sich aus der Umarmung und murmelte ein kleines `Danke´. „Versuche es auszuhalten. Denk an Tonda. Wenn du dir das Leben nimmst ist ihm nicht geholfen. Schlimmer, es würde ihm vermutlich das Herz brechen“, redete sie auf das Mädchen ein. Auch wenn sie wusste, dass es nichts bringen würde. „Bitte. Wenn ich es nicht schaffe, bitte sprecht ihn frei, bitte holt ihn da raus. Aber der Müller darf nichts von Euch erfahren, oder gar euren Namen, sonst seid Ihr verloren. Nichts! Ich bitte Euch. Bewahrt ihn davor. Bitte!“, flehte Worschula. Johanna brauchte nicht lange zum überlegen: „Ich verspreche dir, solltest du es bis zum letzten Tag nicht mehr aushalten, werde ich am letzten Tag des Jahres zur Mühle gehen und Tonda freibitten“, versprach sie Worschula. Damit verabschiedeten sich die beiden voneinander. Drei Tage später bekam sie mit, dass Worschula sich das Leben genommen hatte. Und das machte ihr deutlich, sie durfte nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sie durfte nicht in das Visier des Müllers geraten.

So vergingen die Wochen und Monate bis Neujahr. Tonda hatte keine Hoffnung mehr, das nächste Jahr noch zu erleben und hatte sich mit seinem Tod bereits abgefunden. Seine Mutter machte sich Sorgen um ihn und hoffte, dass sie ihn freibitten konnte.

Der Abend des letzten Tages vom Jahr war gekommen. Johanna zog sich ihren schwarzen warmen Mantel an und ging los. Sie brauchte bei dem Schnee fast eine Stunde zur Mühle. Unterdessen legte Tonda seine Kleidung zusammen und dann aufs Bett. Krabat legte er sein Messer in die Hand. Aber dann wurden alle, die bis eben geschlafen haben, von dem Knarzen der Eingangstür geweckt. Verwirrt blickten sich alle an. Andrusch lugte durch die Luke auf den Flur hinunter. „Eine Frau“, sagte er verwundert. „Was will die denn hier?“, fragte er in die Runde, in dem Wissen darauf keine Antwort zu erhalten. Da kam der Meister und sagte zu allen: „Alle in die Schwarze Kammer, wartet dort auf mich“. Die Burschen folgten immer noch verwirrt seinem Befehl.

„Was willst du hier?“, fragte der Meister die Frau. Die Burschen liefen hinter ihm vorbei in die Kammer. Johanna sah Tonda, doch dieser beachtete sie nicht wirklich, worauf sie den Blick traurig etwas senkte. Doch als der Müller seine Frage wiederholte, sah sie ihn entschlossen an. „Gib mir meinen Jungen zurück!“, zischte sie wütend und regte das Kinn. „Deinen Burschen kenne ich nicht“, sagte der Müller gelassen. „Es ist Tonda“, sagte Johanna. Tonda, der bereits in der Kammer war und sie gehört hatte, runzelte die Stirn. „Wer war das?“, fragte er sich in seinen Gedanken, war sich aber sicher, die Stimme irgendwoher zu kennen. „Bist du nicht etwas zu alt für ihn? Und wie heißt du?“, fragte der Müller skeptisch. „Das geht Sie gar nichts an!“, fuhr Johanna ihn unfreundlich an. „Wenn du ihn mir unter den Burschen zeigen kannst, darfst du ihn mitnehmen. Wenn nicht sterbt ihr beide“, erklärte der Müller und führte sie in die Schwarze Kammer.
Dort saßen schon alle in ihrer Rabengestalt auf den Stangen. Nun runzelte Johanna die Stirn. „Zeige mir deinen Burschen und du kannst ihn mitnehmen“, wiederholte der Müller. Da erkannte Tonda die Frau als seine Mutter. Er war zu überrascht um irgendwas zu tun. Johanna ging durch die Reihen und sah sich die Raben an. Bei einem blieb sie stehen und sah ihn etwas länger an. Der Müller grinste bereits siegessicher. Sie stand bei Krabat. Aber dann schüttelte sie leicht den Kopf und ging weiter. Erneut blieb sie vor einem Raben etwas länger stehen, es war Lyschko, ging aber erneut kopfschüttelnd weiter. Und schließlich blieb sie bei einem der Raben stehen und sah ihn genau in die Augen. „Tonda“, flüsterte sie leise. „Das ist er“, sagte sie an den Müller gewandt. In ihrer Stimme befand sich nicht die Spur von Unsicherheit. „Bist du dir sicher?“, fragte der Müller nervös. „Ja, das ist Tonda“, antwortete sie. Und sie behielt Recht. Die Raben flatterten von ihren Stangen und griffen den Meister an. Nacheinander verwandelten sich die Burschen zurück. „Wer bist du, dass du Tonda heraus suchen konntest, obwohl du keinen Kontakt oder irgendeine Verbindung zu ihm hattest?“, fragte der Müller wütend. Seine Frage wurde aber nicht durch Johanna beantwortet, sondern durch Tonda. Dieser hatte sich hinter Johanna, die das Schauspiel mit den Raben beobachtet hatte, in einen Menschen zurückverwandelt. Johanna spürte seine Anwesenheit hinter sich und drehte sich um. „Mutter?“, fragte Tonda unsicher. Sie nickte und Tränen stiegen ihr in die Augen. „Mutter!“, rief Tonda nun aus, stürmte auf sie zu und umarmte sie. Sofort erwiderte sie diese und drückte ihn fest an sich. Weinend drückte sie ihm einen Kuss auf seinen Kopf, nicht mit der Absicht ihn je wieder los zu lassen. „Mein Junge! Mein Kind! Ich hab dich so vermisst“, flüsterte sie liebevoll. „Ich dich auch, Mutter“, flüsterte er zurück. „Warum bist du mich nie besuchen gekommen?“, fragte er und beendete die Umarmung und sah sie erwartungsvoll an. „Ich bin gekommen, aber da warst du schon weg. Ich hab dich die letzten 4 Jahre gesucht. Erst dieses Jahr bin ich hier in Schwarzkollm gelandet. Worschula hat mir alles erzählt. Sie lässt dich grüßen“, sagte Johanna und zog ihren Sohn erneut in eine Umarmung. Die Burschen und der Müller starrten sie verwundert, verwirrt und fassungslos an.
Da fing die Mühle an zu brennen und der Mehlstaub wurde durch das ganze Gebäude geblasen. „Alle raus hier!“, schrie einer der Burschen und alle verließen fluchtartig die Mühle und nahmen sogar noch einen Karren mit Mehlsäcken mit. Der Müller verließ die Mühle nicht. Als sie am Tor waren, legte Johanna einen Arm um Tondas Schultern und sagte zu ihm: „Gehen wir nach Hause“.

Auf einmal explodierte die Mühle und die Bretter flogen durch die Luft. „Das du mir nie wieder in einer Mühle arbeitest!“, sagte Johanna streng. „Keiner von euch!“, rief sie den anderen zu, worauf ein Kichern durch die Gruppe ging. „Sicher nicht“, antwortete Tonda lächelnd. „Ich habe ein kleines Haus in Schwarzkollm, wer will kann erst einmal dort bleiben. Und wer dort wohnen will, der soll es tun. Ich ziehe mein Haus in meinem alten Dorf vor“, verkündete Johanna und die Burschen bedankten sich lautstark. „Mutter?“, fragte Tonda, „Wenn wir in unser altes Dorf ziehen, kann Krabat dann bei uns bleiben?“. „Natürlich kann er das. Dort habe ich eine gut bezahlte Arbeit. Und wenn er will kann er sein Mädchen mitnehmen“, sagte sie und sagte den letzten Satz etwas lauter, sodass Krabat es hörte. „Danke Mutter“.
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