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Die 30-Tage-Challenge

von Snoopy279
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 Slash
16.06.2020
13.01.2021
20
52.746
5
Alle Kapitel
45 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
13.01.2021 2.083
 
Huhu meine Süßen und ein frohes neues Jahr!

Vielen Dank erst mal für die Reviews und die dazugekommenen Favoriteneinträge, ich habe mich sehr gefreut!
Leider hat das mit dem neuen Kapitel erst jetzt geklappt. Da ich ein bisschen Druck rausnehmen will und es vermutlich
eh nicht klappen würde, peile ich jetzt ein neues Kapitel alle 2 Wochen an - das ist deutlich realistischer. Ich hoffe, dass
mir das gelingt - ich werde mir auf jeden Fall Mühe geben.

Viel Spaß mit dem neuen Kapitel!
lg, Snoopy



Von Neuigkeiten, Pinguinen und Geheimnissen

Am nächsten Tag habe ich überraschend früher frei, weil mein letzter Termin kurzfristig absagt. Erfreut beschließe ich, direkt ins Altenheim zu fahren und mir ein bisschen Extrazeit für meinen Adoptivopa zu nehmen. Dann kann ich ihm von der Begeisterung meiner Großeltern, dass „jemand vernünftiges“ auf mich aufpasst, erzählen. Das haben sie so direkt zwar nicht gesagt, aber ich kenne sie gut genug und weiß, dass es so gemeint war.
Wer sich darüber beschwert, dass er in den Augen seiner Eltern immer noch ein Kind ist, kennt meine Großeltern nicht. Einerseits unterstützen die beiden mich in allem, was ich tue und haben meine Selbstständigkeit schon früh gefördert – allerdings bitte nur unter Aufsicht mit einem Erwachsenen, der eingreift, falls notwendig. Und das ist bis heute so geblieben.
Eine Zeit lang fand ich das sehr schwierig, doch mittlerweile weiß ich es als ihre Form der Fürsorge zu schätzen. Schließlich kämen sie deswegen nie auf die Idee, mir etwas auszureden oder es zumindest zu versuchen.

Nach dem obligatorischen Gruß an die Pförtnerin gehe ich hoch auf die Station. Da ich mich auskenne und wir vermutlich eh gleich im Aufenthaltsraum spielen werden, mache ich mir nicht die Mühe, nach der heutigen Pflegekraft zu suchen. Benni hat nämlich frei und den Weg zu Heinrich kenne ich ja.
„Ja bitte?“, erklingt Heinrichs Stimme skeptisch, nachdem ich an seine Tür geklopft habe.
„Hey, störe ich?“, frage ich und stecke meinen Kopf ins Zimmer, da ich die Tür einen Spalt geöffnet habe.
„Oh, Leon, du bist aber früh dran! Nein, nein, natürlich nicht. Komm rein!“ Heinrichs Miene erhellt sich sichtlich, als er mich erkennt. „Oder wolltest du mich zum Spielen abholen?“
„Nein, ich wollte die Zeit nutzen, um zu reden. Mein letzter Termin hat kurzfristig abgesagt“, antworte ich.
„Dann setz dich doch. Wie war das Treffen mit deinen Freunden?“
„Schön, aber davon erzähl ich lieber gleich mehr, sonst muss ich alles doppelt sagen. Gestern habe ich mit meinen Großeltern telefoniert“, leite ich lieber zu meinem eigentlichen Anliegen über.
„Oh, super. Da haben sie sich sicher gefreut. Oma, Opa, beides?“
„Zwei Omas und ein Opa, mein Großvater väterlicherseits ist vor einigen Jahren verstorben.“
„Und mit wem hast du gestern telefoniert?“
„Mit allen dreien und mit meinen Eltern sogar auch noch. Wovon ich dir erzählen wollte, ist das Gespräch mit meinen Großeltern mütterlicherseits. Ich habe ihnen nämlich von dir erzählt und sie waren sehr erleichtert, dass ich jetzt endlich wieder eine 'erfahrene Bezugsperson' in der Nähe habe, wie sie es nannten.“
„Ich fühle mich geehrt“, sagt Heinrich gerührt. „Was hast du ihnen denn alles erzählt, dass sie so eine hohe Meinung von mir haben?“
„Ach, eigentlich gar nicht viel. Nur, dass du mich ein wenig an meinen Opa erinnerst. Oh, und dass du mich dazu gebracht hast, Benni nach dem ersten Date zu fragen, aber das war erst danach, um ihren Eindruck zu bestätigen.“
„Klingt nach tollen Großeltern.“
„Sind sie auch“, bestätige ich. „Oh, sie wollen dich und die anderen übrigens gerne mal kennen lernen, wenn sie mich das nächste Mal besuchen.“
„Sehr gerne, ich würde sie auch gerne kennenlernen. Und wer weiß, wenn es ihnen hier gefällt, können sie ja einziehen und dann kannst du uns alle gleichzeitig besuchen“, erwidert Heinrich halb im Scherz, halb im Ernst.
Lachend schüttele ich meinen Kopf. „Selbst wenn sie das wollten, kann ich mir nicht vorstellen, dass das geht. Schließlich müssen erst mal zwei Plätze frei werden und die Warteliste ist bestimmt lang.“
„Naja, Wartelistenplätze können sich ändern“, verkündet Heinrich spitzbübisch und ich sehe ihn mit großen Augen an.
„Warten wir es ab“; bremse ich seinen Enthusiasmus. „So langsam sollten wir uns eh auf den Weg in den Aufenthaltsraum machen.“

Auf dem Weg dorthin treffen wir den Pfleger, der auch Samstag schon Dienst hatte.
„Hallo. Herr Haenig war das, richtig? Sie sind heute wieder als Besuchsdienst da, oder?“
„Hallo Herr Schumann. Ja, beides korrekt“, antworte ich und bin froh, dass ich mir seinen Namen gemerkt habe.
„Sehr schön. Wie ich schon Samstag sagte, wenn Sie Hilfe brauchen, zögern Sie nicht, Bescheid zu geben.“
„Vielen Dank, werde ich machen“ sage ich, obwohl ich innerlich wild entschlossen bin, lieber Heinrich oder die beiden Frauen zu fragen und mich nur im äußersten Notfall an ihn zu wenden. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber irgendwie ist der Kerl mir unsympathisch.
„Hallo Herr Albers, dann viel Spaß heute nachmittag!“, wendet Herr Schumann sich an meinen Begleiter. Und in dem Moment wird mir deutlicher, was ich vorher wohl unterschwellig schon gespürt habe und wohl der Grund meiner Abneigung ist. Sein Tonfall klingt nämlich eher so, als ob er mit einem kleinen Kind sprechen würde. Dass er vorhin so betont hat, dass ich mich bei Hilfe an ihn wenden soll und Heinrich bis gerade völlig ignoriert hat, passt da auch ins Bild. Dabei ist Heinrich nicht dement, sondern nur körperlich eingeschränkt. Aber auch bei einem Menschen mit einer geistigen Einschränkung, in welcher Form auch immer, fänd ich dieses Verhalten immer noch unangemessen. Kurz überlege ich, ob ich dazu etwas sagen soll.
„Vielen Dank, Herr Schumann“, bedankt Heinrich sich in dem Moment so überfreundlich, dass es offensichtlich ironisch gemeint ist. Der Pfleger merkt das allerdings nicht, sondern nickt als Antwort darauf huldvoll.
Ich beschließe, meinen Mund zu halten. Schließlich ist Heinrich ein erwachsener Mann und hat offensichtlich seinen eigenen Weg gefunden, damit umzugehen. Sein verschwörerisches Zwinkern bestätigt mich in dieser Entscheidung. Plötzlich muss ich lachen.
Heinrich sieht mich etwas verdutzt an.
„Ähm“, starte ich unbeholfen. Wie erkläre ich ihm jetzt am besten, woran mich sein Verhalten gerade erinnert hat? „Es gibt einen Zeichentrickfilm, in dem verschiedene Zootiere eine Rolle spielen. Unter anderem vier Pinguine, die von den Besuchern total genervt sind und ständig Ausbruchspläne schmieden. Da sie bis dahin gute Miene zum bösen Spiel machen müssen, befiehlt ihnen der Anführer immer 'Lächeln und winken, Männer. Immer freundlich lächeln und winken'. An die Szene musste ich gerade denken“, versuche ich es Schritt für Schritt.
Heinrichs verwirrter Gesichtsausdruck wird zunehmend verstehend und am Ende meiner Erklärung lacht er schallend. Spontan beschließe ich, irgendwann mit ihm und den beiden Damen Madagaskar zu gucken. Das ist sicher eine gute Alternative zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter oder wenn wir mal spielmüde sind.

„Worüber lachst du denn so, Heinrich?“, erkundigt Elisabeth sich neugierig, die schon auf uns wartet.
„Leon hat mir gerade gesagt, dass ich ein Pinguin bin“, antwortet Heinrich und bricht erneut in Gelächter aus.
„Naja, das ist eine sehr verkürzte Teilwahrheit“, erkläre ich, als Elisabeth mich fragend anschaut. „Aber die ganze Geschichte ist zu kompliziert, um sie jetzt zu erzählen.“
Wir setzen uns alle. Dann fällt mir allerdings auf, dass Fränzi ja bisher immer gebracht wurde. Irgendwie glaube ich nicht, dass Herr Schumann das auf dem Schirm hat.
„Oh, ich sollte Fränzi abholen.“
„Mach das, wir bauen solange das Spiel auf“, nickt Heinrich mir zu.

Kurz darauf klopfe ich an Fränzis Tür. Kaum zu glauben, dass ich erst seit diesem Monat hierherkomme – es fühlt sich viel länger an.
„Herein“, ertönt Fränzis Stimme.
„Hey, ich bin der Abholdienst“, begrüße ich sie.
„Wunderbar. Hilfst du mir gerade hoch? Irgendwie ist mein Körper heute nicht in Bestform.“
„Natürlich.“ Ich bin froh, dass ich durch meinen Job genau weiß, wie ich ihr am besten Hilfestellung geben kann. Sonst hätte ich vermutlich wirklich auf Herr Schumanns Angebot zurückkommen müssen.
Als Fränzi an ihrem Rollator steht, gebe ich ihr sanft ein wenig Starthilfe und schiebe sie vorsichtig an. Bei Parkinson fällt es Menschen häufig schwer, Handlungen zu beginnen.
Gemeinsam schaffen wir den Weg zurück gut.

Als wir im Gemeinschaftsraum ankommen, kann ich an Elisabeths Gesichtsausdruck direkt erkennen, dass Heinrich die Zeit wohl genutzt hat, um ihr etwas mehr von der ganzen Geschichte zu erzählen. Scheinbar ist sie ebenfalls kein großer Fan von dem diensthabenden Pfleger und findet meinen Vergleich lustig. Das bestätigt mich in meinem Entschluss, den Film mit ihnen zu gucken.
Jetzt spielen wir jedoch erst mal wie üblich Mensch-ärger-dich-nicht.
„Erzähl, wie war euer Treffen am Sonntag jetzt?“, greift Heinrich die Frage, die er mir vorhin schon gestellt hat, wieder auf.
„Oh, ja, wie war es?“ „Erzähl!“ Auch Fränzi und Elisabeth sind ganz interessiert an der Antwort.
Kurz muss ich grinsen – schließlich habe ich genau aus dem Grund vorhin noch nichts erzählt.
„Es war wirklich sehr schön. Damit wir auch an dem Tag eine gute Tat machen, haben wir herumliegenden Müll aufgesammelt. Dieses Mal sogar richtig professionell ausgestattet mit Greifzangen und so“, berichte ich.
„Sehr fleißig“, lobt Elisabeth.
„Aber nicht die ganze Zeit, oder?“, hakt Fränzi ungläubig nach.
„Nein, nein. Damit waren wir etwa zwei Stunden zugange, dann hatten wir Hunger“, beruhige ich sie. „Jeder hatte etwas vorbereitet, sodass wir ein leckeres Buffet hatten, zum Beispiel Salat, selbstgebackenes Brot mit Aufstrichen und Schokomuffins.“
„Klingt wirklich köstlich. Was hast du mitgebracht?“, fragt Elisabeth.
„Ich hab Obstsalat und zusätzlich aufgeschnittene Wassermelone mitgenommen.“
„Das passt wirklich gut bei den sommerlichen Temperaturen. Habt ihr dann ein Picknick gemacht?“, erkundigt Heinrich sich.
„Ja, genau das. Dabei haben wir uns dann unterhalten und auf den aktuellen Stand der Dinge gebracht. Sowohl was den aktuellen Punktestand angeht, als auch sonstige wichtige Dinge betrifft. Erik hat lustigerweise auch durch die guten Taten jemand kennengelernt.“
„Auch?“, haken Elisabeth und Fränzi neugierig nach.
Mist, da habe ich mich fast verplappert! Zum Glück fällt mir gerade noch rechtzeitig ein, was ich ihnen am Samstag erzählt habe. „Stimmt, das hatte ich gar nicht erwähnt – der Grund, warum ich in dieser Eisdiele war, wo ich meinen“ , kurz suche ich nach einem Wort, „neuen Freund kennengelernt habe, war, dass ich auf die Kinder meiner Nachbarin aufgepasst hab. Die allererste gute Tat diesen Monat.“
„Achso, ich hatte mich schon gewundert“, sagt Elisabeth.
Fränzi schafft es trotz ihrer vom Parkinson eingeschränkten Mimik, ziemlich verschmitzt zu grinsen. Mein Verdacht, dass sie von Benni und mir weiß, erhärtet sich.

Die Zeit vergeht wie üblich im Flug und nach der zweiten Runde räume ich alles in den Karton.
„Bis Samstag“, verabschiedet Elisabeth sich.
„Wann soll ich Donnerstag eigentlich da sein?“, frage ich Heinrich.
„Schaffst du es, um zwanzig nach fünf unten an der Bushaltestelle zu sein? Der Bus fährt zwei oder drei Minuten später ab“, sagt er.
„Ja, das sollte ich hinbekommen. Also treffen wir uns dort?“
„Am sinnvollsten, den Weg bis dahin schaffe ich auch alleine.“
„Gut, dann werde ich da sein.“
„Wunderbar. Dann danke nochmal und bis Donnerstag.“ Auch Heinrich verabschiedet sich, sodass nur noch Fränzi da sitzt.
„Na, dann begleite ich dich zurück in deine Gemächer“, scherze ich.
Langsam helfe ich ihr hoch und bringe sie ins Zimmer zurück.
„Übrigens bemerkenswert, dass du den Kerl direkt in der Eisdiele angesprochen hast, obwohl du die Kinder dabei hattest“, sagt sie kurz bevor wir da sind.
Ehe ich etwas darauf antworten kann, wechselt sie das Thema.
„Heinrich hat dir nicht gesagt, warum seine Kinder ihn am Wochenende wirklich besuchen kommen, oder?“
Verwirrt sehe ich sie an. „Seine Ehefrau hätte diesen Donnerstag Geburtstag gehabt, deshalb fahren wir doch auch gemeinsam zum Friedhof“, erkläre ich ihr.
„Und du denkst wirklich, dass seine Kinder deswegen am Wochenende hier vorbeikommen?“
„Naja...“ Ein wenig habe ich mich schon gewundert, aber da er das so gesagt hat, bin ich davon ausgegangen, dass sie das ihm zuliebe machen.
„Heinrich hat am Samstag selbst Geburtstag“, verrät Fränzi mir.
„Er hat auch Geburtstag?“
„Ja, zwei Tage nach seiner Frau“, bestätigt sie.
Damit hab ich wirklich nicht gerechnet. „Danke für die Info!“ Da muss ich mir was einfallen lassen! Auch wenn wir uns erst seit so kurzer Zeit kennen, möchte ich meinem Adoptivopa auf jeden Fall was zu seinem Geburtstag schenken. Gut, dass Fränzi mir Bescheid gegeben hat.
„Ich dachte mir schon, dass du das wissen willst und Heinrich es dir verschwiegen hat.“ Zufrieden nickt Fränzi.
„Ja, vielen Dank!“ Kurz darauf verabschiede ich mich auch von ihr und mache mich auf den Heimweg.

Was könnte ich Heinrich nur schenken? Erst mal bin ich ziemlich ideenlos und beschließe am Ende, eine Nacht darüber zu schlafen. Vielleicht habe ich im Traum ja eine Erleuchtung.

tbc
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