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Un, deux, trois, tu es à moi

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Christine Daaé Erik - das Phantom der Oper Vicomte Raoul de Chagny
14.06.2020
07.09.2020
4
6.478
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14.06.2020 1.607
 
Letztens kam mir eine sehr spannende Frage, von der ich mich gefragt hab, warum ich sie mir nicht schon eher gestellt hab. Wieso sollte sich Christine überhaupt für einen der beiden, Erik oder Raoul, entscheiden? Wieso entscheidet sie sich nicht einfach für beide? Liebe ist schließlich keine begrenzte Ressource und so facettenreich, dass es mir falsch vorkommt, mit der Entscheidung für die eine Liebe eine andere, nicht weniger wertvolle, ausschließen zu müssen. Okay, die Option, Polyamorie oder Polygamie innerhalb der Gesellschaft zu leben, war Ende des 19. Jahrhunderts unter Umständen nicht gerade en vogue, vielleicht auch gar nicht wirklich bekannt, sondern eher als schändlicher Seitensprung verrufen (falls ihr mehr wisst: (Hobby)-historikerInnen vor!). Aber tun wir doch mal so, als wäre Christine diese Option bewusst. Und als würde sie sich dafür entscheiden, denn sie liebt beide- Erik und Raoul.
Vielleicht habt ihr ja Lust, euch auf dieses Experiment einzulassen. Orientieren möchte ich mich an der Musicalversion von Webber sowie an dem Buch von Susan Kay. Die Charakterentwicklung, in der Christine plötzlich von der stillen Maus zur selbstsicheren Partnerin in zwei sexuellen Beziehungen wird, erscheint auch mir etwas unrealistisch; auch hier tun wir einfach mal so, als ob. Achso, für das erste Kapitel tun wir auch mal so, als ob kein wilder Mob hinter Madame Giry und Raoul her wüten würde, das würde meine Geschichte verderben. Aber dafür sind wir schließlich auf fanfiktion.de. Hier ist alles möglich. Also schnappt euch euer Lieblingsgetränk und Snacks, jetzt geht’s los. Viel Spaß!





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„Meine Geduld ist am Ende. Entscheide dich!“
Es war, als hätten seine letzten Worte die Macht, sich wie eine Schlinge um meinen Hals zu legen und mir die Luft zu rauben, als wären sie der finale Todesstoß für all mein schüchternes Vertrauen und die zaghafte Zuneigung, die er mir nebst meiner Stimme in den letzten Monaten in diesen Katakomben entlockt hatte. Ich stand knietief im eisigen Nass, der kostbare Stoff des Hochzeitskleides, das ich trug, trieb gespenstisch im grünlichen Wasser um mich her. Meine Stimme, die in den letzten Monaten meinem Lampenfieber, tausenden von Besuchern und den Herausforderungen des dramatischen Koloratursoprans getrotzt hatte, versagte nun. Ich stand da, die Hände in einer hilflosen, entwaffneten Geste geöffnet und sah den Mann, für den ich angefangen hatte, so tiefe Gefühle zu entwickeln, fassungslos an. Tränen stiegen mir in die Augen.
Erik erwiderte meinen Blick, hart und unnachgiebig, mit diesem Flackern des Wahnsinns in seinen Augen, das mich in den letzten Monaten aus unerfindlichen Gründen immer stärker angezogen hatte. Mein Verlobter baumelte, von ihm unbeachtet, an einem Strick und hielt sich krampfhaft an den eisernen Gitterstäben des unterirdischen Tors fest, um nicht erdrosselt zu werden.
„Entscheide dich, Christine! Entweder, du wählst mich.. oder“, mit einem Ruck zog er an dem Strick, sodass Raoul vor Schmerzen, primär wohl aber vor Todesangst, gequält aufstöhnte „dein hoch geschätzter Vicomte endet als das nächste Diner für die hiesigen Fische.“
Hilflos und mit wild pochendem Herzen sah ich zu Raoul. Der arme Kerl war schon ganz blau im Gesicht; seine Augen waren aufgerissen, seine schönen Gesichtszüge vor Angst verzerrt. Ich wusste, dass er keine Chance hatte, seiner prekären Situation aus eigenen Stücken zu entrinnen. Sein Ticket ins Leben war die Einkerkerung meiner Freiheit. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit; ich musste handeln. Mein Kopf war wie leer gefegt. Und dann wusste ich, was zu tun war.
Meine Beine zitterten, als ich tiefer in das Wasser stieg und, das schwere Kleid hinter mir herziehend, auf Erik zu watete. Ich kam vor ihm zum Stehen, unsere Gesichter waren nur noch eine Handbreit voneinander entfernt. Ich nahm seinen Schweiß wahr, der nach Angst roch, nach Verzweiflung und so viel hoffnungsloser Traurigkeit, spürte seinen Atem, spürte seinen Blick erwartungsvoll auf meinem Gesicht ruhen, sah sein Gesicht, oh, dieses fürchterliche Antlitz, doch Grauen, Ekel und Furcht waren Dinge, die nun hinter mir lagen.
„Lass ihn gehen.“ Sagte ich leise, aber bestimmt. „Lass ihn frei und ich bleibe.“
Überrascht sah Erik mich an. So einfach hatte er sich das wohl doch nicht vorgestellt, mich dreist zu erpressen und tatsächlich das zu bekommen, was er wollte.
„Lass ihn gehen.. Erik..“
Beim Klang seines Namens hörte ich hinter uns einen Schrei und dann ein lautes Klatschen, das klang, wie ein Körper, der auf Wasser trifft. Erik hatte den Strick losgelassen. Wir drehten uns beide um; Klitschnass, mit gehetztem, panischen Blick, rappelte Raoul sich im nabeltiefen Wasser ungeschickt auf und schwankte, Wasser zu allen Seiten spritzend, auf uns zu, als sein getrübter Blick uns erfasste.
„Christine!“ Er streckte seine Hand nach mir aus und stolperte so heftig, dass er beinah wieder das Gleichgewicht verlor.
„Christine, komm mit mir mit, schnell!“
Ich spürte, wie sich Eriks Griff um meinen Oberarm verstärkte, doch das war nicht nötig. Noch immer stand Raoul wie ein begossener Pudel vor mir und streckte seine Hand bittend aus, doch ich schüttelte langsam den Kopf.
„Raoul, ich werde bleiben.“ Sagte ich.
Es tat weh, den Schmerz in seinen Augen zu sehen und sein Unverstehen.
„Du entscheidest dich für ihn? Christine, das ist Wahnsinn. Noch so ein Ausbruch und er wird dich das nächste Mal als hübsche Dekoration an der Decke anbringen!“
„Ich entscheide mich nicht für ihn.“ Erwiderte ich.
„Was!?“
Noch nie hatte ich die zwei so harmonisch erlebt. Erik sah mich mit aufkeimender Wut an, Raoul mit verwirrter und erschöpfter Miene.
„Christine.. ich flehe dich an.. geht es dir gut?“ Raoul Stimme klang schwach und so, als fürchtete er, dass auch ich kurz davor war, die Nerven zu verlieren.
„Ich entscheide mich nicht für ihn“, fuhr ich fort, ohne auf seine Frage einzugehen, „zumindest nicht nur für ihn.. ich entscheide mich für euch beide.“
Jetzt fiel auch Raoul nichts mehr ein; ein unerfindliches, gurgelndes Geräusch kam aus seinem Mund, bis er ihn offen stehen ließ und mich fassungslos anstarrte. Erik sah mich an, als wär ich nun vollends übergeschnappt.
„Also“, sagte ich und fuhr sanft über Eriks Brust, „ich bleibe hier.. für’s Erste.“
Lächelnd und ein bisschen bittend sah ich Raoul an.
Ich wusste, wie viel ich verlangte. Ich verlangte Vertrauen; Vertrauen, das doch schon so oft erschüttert worden war in den letzten Monaten. Ich verlangte Geduld und Verständnis; Verständnis für meine Liebe, die nicht nur einem der beiden Männer gehörte, die ich nicht zwingen konnte und wollte, sich zu entscheiden, Verständnis für mich und Verständnis für einen Mann, dem Raoul bei der nächstbesten Gelegenheit am liebsten den Garaus gemacht hätte. Ich wusste selbst nicht, woher ich plötzlich diesen Mut und die Willensstärke her nahm, doch diese Entscheidung war richtig.
Wie in Zeitlupe konnte ich sehen, wie die Fassungslosigkeit in seinen Augen erst in Verzweiflung, dann in Wut und in das Gefühl von Verrat umschlug.
„Christine, das ist Wahnsinn!“ Wiederholte er mit bebender Stimme. „Ich bitte dich, komm mit mir.“
„Nein Raoul.. nicht heute..“
Und als er begriff, dass mein Entschluss feststand, ließ er die Schultern sinken, sank förmlich vor meinen Augen zu einem kleinen Jungen zusammen und es tat so weh, meinen geliebten Raoul so zu sehen, doch ich wusste, würde ich jetzt zu ihm eilen, ihn halten, mit ihm gehen, dann käme ich nie wieder zurück und Erik würde zerbrechen an seiner Einsamkeit und der Dunkelheit und an seiner Liebe zu mir. Und ich würde ebenfalls zerbrechen.
„Es tut mir Leid, Raoul.“ Flüsterte ich und spürte, wie die Tränen nun ungehindert flossen. „Es tut mir leid. Ich liebe dich. Warte bis morgen..“
Doch Raoul erwiderte nichts. Stumm stolperte er an uns vorbei, streckte hilfesuchend die Hände aus, als er sich an Land tastete und verschwand in den unterirdischen Gewölben.
Besorgt sah ich ihm nach.
„Er wird doch nicht wieder in eine deiner Fallen tappen und sterben, oder?“ Fragte ich.
„Nein.“ Erwiderte Erik und seine Stimme klang rau und belegt. „Nein, er wird hinaus finden.“
„Gut.“
Dann sahen wir uns an. Demaskiert und müde von all dem Schmerz und dem Versteckspiel der letzten Wochen.
„Bleibst du aus Mitleid oder aus Schuldgefühlen?“
Ich wusste, dass Erik spöttisch klingen wollte, aber das Zittern in seiner Stimme verriet ihn.
„Weder noch.“ Erwiderte ich leise und trat noch einen Schritt näher an ihn heran, sodass unsere Körper sich sacht berührten. Sanft strich ich über seine eingefallene Wange, die papierdünne, unebene Haut. Sah dieses elendige, gähnende Loch, wo eine Nase hätte sein sollen, seine deformierten Lippen, die bebten, sah in seine Augen, die ungleichmäßig tief in seinen Augenhöhlen eingesunken waren und mich nun fast ängstlich anschauten. All das, dieser Anblick, der mir anfangs Alpträume bereitet hatte, rief nun auf unerklärliche Weise das Gefühl von Sicherheit, Wärme und Heimkommen in mir hervor. Und jetzt wusste ich auch, was es in seiner Gänze bedeutete.
„Ich bin geblieben, weil ich dich liebe.“ Sagte ich schlicht.
Seine Augen weiteten sich in Ungläubigkeit und Erstaunen und solch unschuldiger Erlösung, dass ich leise und zärtlich lachte.
„Und ich bin geblieben.. hierfür bin ich geblieben.“
Und ich stellte mich auf die Zehenspitzen und küsste ihn, schlang beide Arme um seinen Hals und  zog ihn zu mir heran, flüsterte lautlos seinen Namen. Erik, Erik, Erik. Und zwischen unseren Küssen lachten wir beide vor Glück.
„Komm“, sagte Erik dann. „Dein Kleid ist ja klitschnass, ich möchte ungern eine Lungenentzündung verantworten müssen.“
„Das ist natürlich deine einzige Motivation, mich des Kleides zu entledigen.“ Ich grinste ihn schief an und sah entzückt, dass Erik rot wurde.
Ich ergriff seine Hand. Sie war kühl und vertraut und bei der Vorstellung, was diese geschickten Finger wohl alles anstellen konnten, spürte ich wieder dieses sehnsüchtige Ziehen im Unterleib, das sich nur noch verstärkt hatte, je länger ich Erik geküsst hatte.
Ich sah ihm in die Augen.
„Ich sollte wirklich ganz dringend aus diesem Kleid heraus kommen..“
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