Der Tod der Schmetterlinge

von MariLuna
GeschichteAbenteuer, Mystery / P12
13.06.2020
03.07.2020
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30.06.2020 1.461
 
11. Kapitel

Nachdem sie fast zehn Stunden im „Fortuna" verbracht und Tiffany auf die Nerven gegangen waren, waren die Zwillinge weitergezogen. Sie mochten Tiffany, und nirgends verbrachten sie ihre Zeit lieber als im Kasino, doch die Gefahr, Zecke zu begegnen, wurde mit jeder Stunde größer. Denn immerhin war der Assassine Tiffanys Kochkünsten auch nicht gerade abgeneigt. Jeden Augenblick konnte er dort auftauchen. Daher verabschiedeten sich die beiden von der netten Frau, stiegen in ihren kleinen Raumgleiter und ließen Ka'al samt Fortuna, Tiffany, Gina und Zecke und Raumschiff hinter sich. Allerdings stellte sich ihnen jetzt die nicht unwesentliche Frage, wohin sie sich jetzt wenden sollten.
Unternehmungslustig, wie sie waren, kannten sie natürlich viele geeignete Plätze, doch wer die Wahl hat, hat ja bekanntlich auch die Qual der Wahl.
„Ach, weißt du was?" schlug Gift schließlich vor. „Wie wär's damit: nehmen wir einfach 'ne Dimension, die wir noch nicht hatten."
„Hm", meinte Galle und spielte nachdenklich mit seinem goldenen Ohrring, „das wär ja nicht grad 'ne große Auswahl, oder?"
Gift lachte. „Eine einzige Dimension ist wohl kaum 'ne große Auswahl, da geb ich dir voll und ganz recht, Bruderherz. Aber das ist doch der Witz an der Sache. Da findet uns Zecke garantiert nicht."
„Nein, bestimmt nicht", murmelte Galle, dem es bei dem Gedanken an ihren Chef ein wenig flau im Magen wurde.
„Also?" fragend sah Gift zu ihm hinüber.
„Okeh", nickte Galle und gab die betreffende Koordinate in den Bordcomputer sein. „Sag mal", fragte er dabei stirnrunzelnd, „warum waren wir bisher eigentlich noch nicht in dieser Dimension?"
„Keine Ahnung. Ist doch jetzt auch egal."
Durch den kleinen Raumgleiter ging ein leichtes Beben, sekundenlang wurde alles von einem rötlichen Licht erfüllt, als sie durch das Tor in eine ihnen unbekannte Dimension flogen.
Die Welt unter ihnen glich einem Alptraum. Der Raum, oder Himmel, oder was auch immer es war, leuchtete in einem ungesunden Rot, doch es gab keine Lichtquelle. Und statt einer zusammenhängenden Landschaft, überflogen sie übergroße Felsbrocken, die scheinbar ziellos umhertorkelten.
Gift wurde blaß unter seinem Fell. „Jetzt ist alles klar. Das hier ist eine gesperrte Zone! Diese Dimension ist explodiert!"
Wie gebannt starrte sein Bruder aus dem Fenster auf die Überreste einer einst intakten Welt.
„Eine Sperrzone", murmelte er, „eine Sperrzone." Das anfängliche Entsetzen wich Neugier und Abenteuerlust. „Das sehen wir uns an, ja? Hier bleiben wir."
Gift zögerte. „Es ist eine Sperrzone."
„Na und? Was ist schon dabei? Sei kein Spielverderber. Ist doch nur gut so, hier findet uns Zecke bestimmt nicht."
„Kannst du ınir ınal erklären, wie wir in eine Sperrzone reingekommen sind? Tote Dimensionen kann man doch sonst auch nicht betreten."
Gequält verdrehte Galle die Augen. „Ist doch egal. Wir sind jetzt hier. Laß uns also endlich landen, okeh?"
Gift dachte an einen Film, den sie erst vor kurzem gesehen hatten. Dort war die Problematik dieselbe gewesen. Und schließlich hatte sich die Besatzung des Shuttles entschlossen, die Dimension zu betreten, und dann waren diese giftigen Würgepflanzen über sie hergefallen. Es gab unzählige Filme über dieses Thema, und sie endeten nur in den seltensten Fällen mit einem Happy-End.
Gesperrte Zonen wie diese waren noch immer ein Rätsel. Niemand wußte genau, wieso zu diesen toten Dimensionen (normalerweise) kein Portal geöffnet werden konnte. Manche sagten, es sei wegen der Strahlen, die diese Zonen freisetzten. Tatsache war, daß es noch niemanden gelungen war, in eine Sperrzone einzudringen.
Jedenfalls konnten jene, die es versucht hatten, nichts mehr darüber berichten. Sie waren niemals wieder aufgetaucht.
All diese Dinge gingen Gift durch den. Kopf, als er die Felsbrocken unter ihnen musterte. Sie sahen zwar alles andere als einladend, dafür aber ebensowenig gefährlich aus. Nichts, womit sie nicht fertigwerden konnten.
Entschlossen drückte er den Steuerknüppel nach vorne.
„Hier spricht der Kapitän. Stellen Sie das Rauchen ein, und schnallen Sie sich an, wir setzen jetzt zur Landung an."
Rüttelnd setzte der Raumgleiter auf dem größten der Asteroiden auf.
„Alles aussteigen! Endstation!"
Er hatte noch nicht ausgesprochen, da sprang Galle schon aus der Tür. Gift selbst folgte ihm ein wenig langsamer, und bevor er den Raumgleiter endgültig verließ, nahm er noch die beiden Lasergewehre an sich. Sicher war sicher.
Er fand Galle neben einer Blume knieend.
„Schau mal. Ein Fingerhut."
Selbst beim Anblick dieser seltenen Pflanze blieb Gift eher gelassen.
„Ja, sehr schön", meinte er und drückte seinen Bruder eines der Gewehre in die Hand.
Galle warf ihm einen verdutzten Blick zu. „Befürchtest du einen Angriff?"
„Ich kann gut darauf verzichten, als Pelzmantel zu enden."
„Hier ist doch keiner außer uns."
„Woher willst du das wissen, he?"
Galle seufzte ergeben. „Okeh, sehen wir uns erst mal richtig um. Aber ich sag dir: iwr verschwenden nur unsere Zeit."
„Davon haben wir jetzt mehr als genug", sagte Gift leise und stapfte entschlossen auf die nächstgrößere Steinansammlung zu.
Galle seufzte tief und folgte ihm stolpernd.
Der Felsbrocken, auf dem sie gelandet waren, war genauso trostlos, wie er von oben ausgesehen hatte. Außer Stein, Fels und ab und zu wildwucherndem Unkraut gab es hier nichts.
„Dagegen ist ja Ka'al der reinste Abenteuerspielplatz", maulte Galle und ließ sich schwer auf einen der vielen Steine sinken. Seine anfängliche Begeisterung hatte schon sehr bald nachgelassen.
Der Fingerhut war seit langem das Aufregendste, was ihnen hier begegnet war. Diese Dimension war wirklich tot. Sogar die wenigen Flechten machten einen eher tiefgefrorenen Eindruck.
Sonderbar war auch, daß sie keinen einzigen Baum gesehen hatten, der größer war als sie. Alles hier schien verkrüppelt und schwach zu sein, das Holz war brüchig und trocken - leblos.
„Müde Gegend", sagte Gift und setzte sich neben seinen Bruder.
Seufzend drehte er das Lasergewehr in seinen Händen. „Tja, ich glaube, du hast recht gehabt. Hier ist wirklich keiner außer uns."
„Das is' hier ja so öde“, stöhnte Galle, bückte sich, nahm einen Kiesel auf und schleuderte ihn frustiert von sich. Der Stein flog weit bis über den Rand ihres Asteroidens hinaus. Sie beobachteten,
wie der Stein sekundenlang durch den leeren roten Raum glitt, unddann mit einem leisen Klicken  auf einem anderen Bruchstück schräg unter ihnen aufprallte.
Gift legte den Kopf in den Nacken und betrachtete nachdenklich ein weiteres Teilstück über ihnen.
„Vielleicht sollten wir uns mal die anderen Brocken ansehen."
„Wozu denn? Glaubst du etwa, da sieht's anders aus? Hier is' doch total tote Hose."
„Wer weiß? Laß uns mal 'nen Rundflug machen."
„Optimist", spottete Galle. Trotzdem war er fünfzehn Minuten später der erste von ihnen am Raumgleiter.
Sie entdeckten die Ruine erst, als sie schon fast alle Hoffnung, auf etwas anderes als auf Felsen und Stein und Unkraut zu stoßen, aufgeben wollten. Der Anblick des zum größten Teil zerstörten Gebäudes traf sie wie eine Offenbarung. Mehrmals umkreisten sie die Ruine, sogen gierig alles in sich auf: die umgestürzten Säulen, die große Freitreppe, den riesigen Innenhof und den Seitenflügel mit der Dachterrasse.
Galle war hell begeistert. „Schau dir das an! Das is' ja 'n richtiger Palast! Hab ich's dir nicht gesagt? Von wegen tote Hose und so! Siehste's jetzt, du alter Miesepeter?"
„Halt die Luft an, klar " knurrte sein Bruder unwillig. „Rumgemosert hat bisher nur einer, und das warst du, du Knallkopf."
„Jaja, is' schon okeh“, Galle war viel zu aufgeregt, um sich jetzt auf einen Streit einzulassen. Angestrengt starrte er aus dem Fenster, drückte sich fast daran die Nase platt.
„Laß uns jetzt da landen, okeh? Ich will 'ne Schloßbesichtigung machen."
„Nix da", Gift schüttelte den Kopf und lenkte den Raumgleiter zu einem anderen Asteroiden hinüber. „Das heben wir uns für morgen auf.“
„Och, schade."
„Ich hab keinen Bock, jetzt auf Ausgrabungen zu gehen. Ich bin müde. Und Hunger hab ich auch."
„Setz mich doch ab. Ictı komme auch allein zurecht."
„Keine Chance!" Gift blieb hart.
Galle maulte noch einige Zeit vor sich hin, doch er gab sich geschlagen. Schließlich war er genauso ınüde und hungrig wie sein Bruder.
Sie hatten einen langen Tag hinter sich.



Sie schliefen im Raumgleiter, nachdem sie sich ein ausgiebiges Mahl (gedenkt sei Tiffany und ihren großzügigen Lunchpaketen) genehmigt hatten.
Eng aneinandergekuschelt lagen sie auf dem Rücksitz, und Galle schnarchte leise. Zuvor hatte Gift aus einem unbestimmten Gefühl heraus die Türen verriegelt. Galle war es nur recht gewesen. Denn irgendwie spürten sie beide die düstere Atmosphäre, die von dieser Sperrzone ausging.
Und während die beiden Waschbärteufelchen tief und fest in Morpheus' Armen ruhten, betrat Zecke Hunderte von Metern und einen Asteroiden entfernt die Ruine, um dort dann irgendwo Imprator  Foleys Talisman zu verlieren.
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