Quarantäne

von Maybe44
GeschichteRomanze / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.06.2020
13.07.2020
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13.06.2020 1.347
 
Johannes Staller blickte seinen Partner vorwurfsvoll an. "Hat des jetzt wirklich sein miassa, Hubsi?"

"I woas ned, was du moanst." erwiderte Franz Hubert betont unschuldig, während er sein Mobiltelefon zurück in seine Jackentasche stopfte.

Hansi zog die Augenbrauen in die Höhe. "Dass du der Anja am Telefon gsagt hast, sie soll ihre 'kurzen Beinchen a weng schneller da her bewegen', das war doch wirklich ned nötig. Des woas selbst I, dass des ned grad charmant war!"

"Pfffff, charmant! Des is die Anja doch a ned. Die soll sich halt schicken, I hab koa Lust, da ewig umeinander zu stehen, bis die Madame sich die Ehre gibt!" entgegnete Hubsi und verschränkte defensiv die Arme vor der Brust.

Hansi schüttelte entnervt den Kopf. "Nur weil die Anja beim letzten Mal a paar Minuten länger gebraucht hat, weil mir sie vom Mittagessen weggeholt haben... Ach so, jetzat!" Ein breites Grinsen erschien auf dem Gesicht des großgewachsenen Polizisten. "Versteh scho! Der Herr is eifersüchtig, weil die Anja ihre Mittagspause mit ihrem neuen Kollegen, dem Oberarzt Dr. Zanger verbracht hat!"

"I? Eifersüchtig? Im Leben ned, die Anja is mir völlig wurscht! Mir san ned mehr verheiratet, die kann grad machen was sie will!" brummte Franz Hubert, doch sein Partner war nicht überzeugt. Im Gegenteil, er war nun überzeugter denn je, mit seiner Vermutung voll ins Schwarze getroffen zu haben. Gerade als er zu weiteren Sticheleien ansetzen wollte, setzte sein Kollege sich in Bewegung. Über die Schulter rief Hubsi noch "I schau mi drinnen in der Pension um. Bewach du nur weiter die Leich."

Ohne eine Antwort abzuwarten war Franz Hubert kurz darauf im Eingang der Pension "Seeblick" verschwunden, einem kleinen Betrieb mit nur wenigen Zimmern und einer überschaubaren Anzahl an Gästen, von denen einer nun tot im Blumenbeet lag.
Johannes Staller blickte ihm grinsend hinterher. Er würde das offenkundig unbeliebte Thema später noch einmal anschneiden. Aufgeschoben war schließlich nicht aufgehoben!

Froh, seinem Partner zumindest vorerst entkommen zu sein, näherte Hubert sich der Rezeption und ließ sich das Zimmer des verstorbenen Gastes zeigen.

Draußen hatte sich zwischenzeitlich Dr. Anja Licht zu Hansi gesellt. "Servus Hansi, na, bist ganz allein?"

"Servus Anja, ja, der Hubsi is drinnen im Zimmer von dem Toten."

"Feigling!" murmelte Anja, was Hansi erneut ein breites Grinsen entlockte, welches jedoch schnell wieder verschwand, als er Anjas missbilligenden Blick bemerkte.

Eifrig ging er zum geschäftlichen Teil über. "Des is der Albert Meurer. Laut Aussage der Rezeptionistin hat er erst vor einer Stund da eingecheckt. Kurz drauf hats a Schrei gehört und is naus gelaufen und da hats den da im Blumenbeet liegen sehen. Er hat nichts mehr gsagt, nur geröchelt, dann is er gestorben."

Konzentriert begann Anja mit ihrer Arbeit. Als sie einige Zeit später mit ihrer ersten Inaugenscheinnahme fertig war, war Hubert noch immer nicht aufgetaucht. Amüsiert bemerkte Hansi, wie Anjas Blick immer wieder zum Eingang der Pension wanderte, während sie ihm kurz Bericht erstattete. "Todesursache war wahrscheinlich der Genickbruch. Anzeichen äußerer Gewaltanwendung kann I da ned erkennen, also koa Hämatome, Kratzer oder ähnliches. Keine Anzeichen auf Fremdverschulden. Vielleicht is er unachtsam gewesen und da ausm Fenster oder vom Balkon gefallen." referierte sie und warf einen Blick nach oben. Täuschte sie sich, oder war das nicht eben ihr Ex-Ehemann gewesen, der dort oben am Fenster gestanden hatte und schnell zurückgewichen war, als er ihren Blick bemerkte?

"Ausm dritten Stock und dann Tod durch Genickbruch? Geht das denn?" hakte Hansi ungläubig nach.

"Freili geht des. Wenn er blöd landet, zum Beispiel auf den Steinen da. Näheres nach der Obduktion." antwortete Anja abwesend. "Die Leich kann jetzt abtransportiert werden. Sei so gut und wart da auf die Kollegen, I dat mi oben noch umschauen." schloss sie, griff nach ihrem Koffer und stapfte los.

Hansi blickte ihr nach. In der Haut seines Freundes Hubsi mochte er jetzt nicht stecken! Anja war nicht auf den Mund gefallen und würde ihm sicher gehörig den Marsch blasen. Dass zwei Menschen, die ganz offensichtlich füreinander geschaffen waren, sich selbst so im Weg standen, konnte er einfach nicht verstehen. Statt sich einander in freundlicher Weise anzunähern, überboten die beiden sich mit Beleidigungen und Sticheleien, wann immer sie aufeinander trafen. Schon oft hatte er gedacht, dass er die beiden Streithähne zu gerne einmal solange zusammen in einen Raum sperren würde, bis sie sich endlich ausgesprochen und versöhnt hatten!

Die noch immer sichtlich aufgewühlte Rezeptionistin hatte Anja den Weg zum Zimmer des Verstorbenen erklärt. Zimmer 13 im dritten Obergeschoss, nein, einen Aufzug gibt es hier leider nicht. Mit jeder Treppenstufe, die Anja ihren schweren Koffer die Treppe empor schleppte, wuchs ihre Wut auf ihren Exmann. Schon beim vorherigen Fall war Hubsi durchweg unfreundlich und eklig zu ihr gewesen. Sein Telefonanruf vorhin hatte das Fass jedoch zum Überlaufen gebracht. Sie würde ihn zur Rede stellen und ihm ein für allemal klar machen, dass sie nicht mehr als Spielball seiner schlechten Laune herhalten würde! Energisch stieß sie die Tür zu Zimmer 13 auf - und prallte auf ein Hindernis.

"Au! Sag mal spinnst du?!" blaffte Hubsi, der direkt hinter der Zimmertür gestanden hatte, und rieb sich die linke Schulter. "Kannst ned aufpassen?"

"Stell di ned so a!" entgegnete Anja ungerührt. "Erst kanns ned schnell genug gehen dass I da her kimm, und wenn I dann da bin, isses a wieder ned recht."

Hubsi schnaufte hörbar, was Anja zu einem genervten Augenrollen veranlasste.

"Derf I jetzat da nei bittschön? I hab noch was anderes zu tun heit." verlangte die Ärztin, da Hubert noch immer den Zugang zum Zimmer blockierte.

"So, was hast denn noch Wichtiges vor?" ätzte der Polizist, gab aber gleichzeitig den Weg frei, indem er aus dem engen Flur in den Wohnbereich zurückkehrte. "Hast wieder a Verabredung mit deinem Herrn Doktor?" hörte er sich selbst noch fragen und verfluchte sich sogleich dafür.

Anja blinzelte verwundert, während sie schon am Rahmen der offenstehenden Balkontür nach Spuren suchte. "Und wenns so wär, was geht's dich an?" giftete sie zurück. Doch in ihrer Brust tat ihr Herz einen freudigen Sprung. Das hörte sich ja fast so an, als sei Hubsi ein wenig eifersüchtig, weil sie ihre Mittagspause des Öfteren mit ihrem neuen Kollegen verbrachte? Dass sie diesen lediglich als Freund und Kollegen schätzte, ihn als Mann und Partner jedoch gänzlich uninteressant fand, würde sie ihm erstmal nicht auf die Nase binden. Stattdessen fuhr sie fort "Aber ja, der Michael und I wollten nachher noch zsammen Essen gehen. S wär also prima, wenns da recht schnell gehen dat."

"An mir liegts ned." grummelte Hubsi "Je schneller, desto besser, wenns nach mir geht."

"Fein!" gab Anja patzig zurück und setzte ihre Arbeit fort. Erst als sie diese beendet hatte, wandte sie sich wieder ihrem Exmann zu. "Hier is alles sauber. Sehr sauber sogar, für a Hotelzimmer. Der hats ja noch ned mal ausgepackt. Das Einzige was I gefunden hab is a dunkelblaue Faser da am Balkongeländer. S könnt von seinem Pullover stammen."

"Also koa Fremdverschulden?"

"Auf den ersten Blick ned. Aber ganz ausschließlich kann I des a ned. Näheres..."

"...nach der Obduktion, I woas scho." vervollständigte Hubsi den Satz.

"Korrekt." bestätigte Anja und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. "I packs dann. Wenn I mi schick, komm I noch pünktlich zum Mittagessen."

Augenblicklich verdüsterte sich Huberts Miene wieder. "Geh nur. I will di ned aufhalten!"

"Ja dann..." begann die Ärztin, als plötzlich Hubsis Mobiltelefon klingelte.

"Ja Hans, was is?" blaffte er ins Telefon. Anja wandte sich bereits zum Gehen, als die fassungslose Stimme ihres Exmannes sie zum Stehenbleiben zwang. "Anja, wart. Der Hansi sagt, mir kenna ned mehr raus. Die ganze Pension wurde soeben unter Quarantäne gestellt. Niemand darf das Gebäude mehr verlassen!"
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