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Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
13.06.2020
04.06.2021
60
373.263
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17.06.2020 6.180
 
Jean beobachtete Knox bei seinem üblichen Schlafritus des sich Drehens, Kissen Knautschens und Laute von sich Gebens, während er auf seinem eigenen Bett saß und seinem Körper dabei lauschte wie dieser ihn anschrie, dass er auch endlich schlafen sollte. Hier, in diesem Bett war es für Jean undenkbar. Nicht in der Nähe von Knox, nicht in Hörreichweite des anderen Jungen, der mit Sicherheit durch seine Alpträume geweckt werden würde. Alpträume, die er nicht erklären wollte.

Dass er schlafen musste, war ihm ebenso klar und so überwog die schiere Notwendigkeit des körperlichen Bedürfnisses seine Angst vor Repressalien.
Die Frage, wo er sich hinlegen konnte, hatte ihm unfreiwilliger Weise Knox beantwortet, als er ihm den Keller gezeigt hatte. Dort gab es einen Abstellraum, der anscheinend wenig benutzt wurde. Nachts wäre er da vermutlich sicher und niemand würde ihn hören, wenn er, gefangen in seinen Träumen, schreien und um sich schlagen würde.

Jean erhob sich mit wild klopfendem Herzen. Noch nie hatte er sich nachts von seinem Kapitän weggestohlen. Noch nie war er so rebellisch und ungehorsam gewesen, sich seiner Situation zu widersetzen. Entsprechend nervös war er auch, als er sein Handy und seinen eigenen Apartmentschlüssel aufnahm und lautlos in den Flur trat. Minutenlang lauschte er Knox‘ Geräuschen und öffnete dann die Tür, trat hinaus in den stillen Flur. Leise schloss er sie wieder und verharrte einen Moment. Als sich nichts regte, ging er in den Keller hinunter, dessen Kühle und Dunkelheit ihm unweigerlich vertraut waren. Hier gab es kein Licht, keine Sterne und keine Sonne. Hier war es wie in Evermore und Gewohnheit, so bitter und zynisch sie auch war, beruhigte seine flattrigen Nerven.

Evermore nur ohne Riko.

Jean fand den Raum nach einigem Suchen wieder und entdeckte einen Platz zwischen Kartons auf dem Boden, auf den er sich legen konnte. Der Boden würde kühl und hart sein, also nichts, was er nicht schon gewohnt war. Die Kartons wären eine gute Sichtbarriere zwischen ihm und Eindringlingen, die den Raum betreten würden.
Langsam ließ sich Jean zu Boden sinken und lehnte seinen schmerzenden Rücken an die Kellerwand. Das Monstrum von einem Torwart hatte die heilende Verletzung auf seinem Rücken aufgeschlagen und er ahnte bereits jetzt, dass es nächste Woche damit ein Problem geben würde bei der ärztlichen Untersuchung.
Jean schloss die Augen und lauschte der Stille des Kellers, während seine Gedanken unwillkürlich zu seinem neuen Kapitän zurückkehrten.

Knox war ein Problem für ihn mit seiner Art, Renee ähnlich zu sein.

Sein Vorhaben, den Anderen von sich stoßen und von sich fern zu halten, stand immer noch, doch so stringent Jean sich das auch vorgenommen hatte, so leicht durchbrach Knox mit seiner dauerhaften Sanftheit, seinen rücksichtsvollen Gesten und respektvollen Worten diesen Vorsatz.
Als er vor der augenscheinlichen Gewalt des Torhüters geflohen war, war es Renee gewesen, die ihn durch die Panikattacke geleitete hatte, in die er unweigerlich geschlittert war, nachdem er seinen sicheren Platz im Parkhaus gefunden hatte. Er hatte erneut seine Hand nach ihr ausgestreckt und sie um Hilfe gebeten. Sie hatte ihn erhört, wie sie ihn immer erhörte.

Ein Akt der Unbegreiflichkeit, auch jetzt noch.

Vielleicht war das der Grund gewesen, warum Knox ein so leichtes Spiel mit seinen Emotionen gehabt hatte. Mit Angst, Vorsicht, Bestürzung und sogar Hoffnung. Es war Jean schon bei Betreten der Mall schwer gefallen, im Kampf gegen all die erlebten Eindrücke abweisend zu bleiben und den anderen Jungen samt seinen nie enden wollenden Erklärungen auszuschließen. Ihm den Mund zu verbieten, das traute sich Jean nicht, so hatte er die Erklärungen des Kapitäns zu den Geschäften und seiner Heimat auf sich niederprasseln lassen. Ja, er hatte sogar Fragen dazu gestellt. Unsinnige Fragen im Nachhinein, denn er würde niemals in den Genuss dieser Weite von Knox‘ Elternhaus kommen, egal, wie wundervoll eine solche Umgebung in seiner Vorstellung aussah.

Renee zusammen mit Knox war brandgefährlich, ließ sie ihn doch vergessen, welche Grenzen er gegenüber Knox zu wahren hatte. Wenn sie bei ihm war, und war es auch nur per Videochat, dann konnte er den Kapitän nicht abweisen, im Gegenteil. Sie öffnete ihn für alles, was ihm nicht offen stehen sollte. Knox wusste jetzt, was er gerne frühstückte. Das an sich wäre eine Kleinigkeit, wenn sich der Kapitän nicht dazu bereit erklärt hätte, ihm eben jenes zu erlauben.

So eindringlich und vehement Jean in den letzten Jahren für seine Hoffnung gekämpft hatte, die ihn Tag um Tag in Evermore hatte überleben lassen, so sehr führte er jetzt nun Krieg gegen eben jenen Teil seines inneren Selbst, der ihm einflüstern wollte, dass es doch anders war, als er gedacht hatte. Dass es anders sein könnte als auf der Edgar Allan.

Jean konnte und durfte das nicht zulassen.

Sein jahrelang in ihn hineinerzogener Zwang, einen Partner zu haben, nicht alleine zu sein und deswegen Knox nicht zu vergraulen, schrie allerdings bei dem Gedanken entsetzt auf und der Kampf zwischen beiden Seiten raubte ihm beinahe den Schlaf, bis er sich bewusst wurde, dass sein Partner ihn nicht mögen musste. Weder Josten noch Riko hatten auch nur ein positives Gefühl ihm gegenüber gehegt. Wenn er diesen Status bei Knox ebenfalls erreichen konnte ohne dass dieser ihn alleine ließ…

Langsam legte sich Jean auf den Steinboden und stülpte sich die Kapuze von Renees geschenktem Pullover über den Kopf. Das Regenbogenmädchen, so wie Knox sie genannt hatte. Jean probierte ihn in Gedanken aus und musste sich eingestehen, dass er ihm gefiel.
Ebenso wie ihr Pullover, der ihm Wärme spendete, nicht nur körperlich. Er verstaute seinen Arm unter seiner Wange, was dem weichen Kissen nicht wirklich das Wasser reichen konnte, aber vollkommen ausreichte. Seinen Handywecker hatte er auf eine so frühe Uhrzeit gestellt, dass er vor Knox aufwachen und zurückkehren würde.
Jean zog die Beine an seinen Körper und schloss die Augen. Er wusste, dass die Alpträume kommen würden. Zuverlässig wie er war, spiegelte sein Geist ihm die schrecklichen Dinge, die Riko ihm angetan hatte und hatte antun lassen, damit er bloß nicht vergaß, wer er war, wohin er gehörte und dass sein Leben keinen Wert hatte außer dem, ein minderes, defektes Werkzeug zu sein.



~~**~~



Zu sagen, dass Jeremy nervös wäre, wäre eine himmelschreiende Untertreibung gewesen.

Er hatte auch allen Grund dazu, befand er, schließlich gab es zwei Schlachten zu schlagen, deren Ausgänge er noch nicht vorhersehen konnte.
Zum Einen war da das erneute Zusammentreffen zwischen Jean und Ajeet. Zum Anderen das erste Training mit dem ehemaligen Backliner der Ravens, dessen Fähigkeiten er bisher nur als beeindruckend und furchteinflößend kennengelernt hatte.

Nach ihrem Gespräch im Parkhaus hatte sich Jean wieder in sein nachdenkliches Schweigen zurückgezogen, was Jeremy mit Nichtigkeiten über Kalifornien und Los Angeles und den Menschen, die hier lebten, gefüllt hatte.
Sie hatten es in das kleine Sportgeschäft geschafft, in dem Jean tatsächlich auch einiges an Trainingssachen gefunden hatte, inklusive einer Sporttasche, auf die er einen längeren Blick geworfen hatte. Jeremy war das nicht entgangen und er hatte sie zufällig mit auf den Tresen gestellt, als Jean mit seinen Sportsachen aus der Umkleide gekommen war. Mit seinem charmantesten Lächeln hatte er den aufkommenden Widerstand besiegt, den er auf dem ernsten Gesicht gesehen hatte.

Dass die Tasche die gleiche Farbe hatte wie der Kapuzenpullover, den Jean getragen hatte, als er hier angekommen war, war ihm nicht entgangen.

Am heutigen Morgen hatte er ihm dann das Frühstück gemacht, was Renee Walker ihm dankenswerter Weise verraten hatte und war mit erneut roten Ohren des etwas ausgeschlafeneren Jungen belohnt worden, dessen Augenringe nicht mehr ganz so dunkel wirkten.
Jean hatte das gesamte Rührei mit den zwei Scheiben Toast gegessen und Jeremy war definitiv nicht in der Lage gewesen, sein zufriedenes Lächeln zu unterdrücken.
Erst nach ihrem Frühstück hatte er Ajeet noch einmal aufgebracht und dieses Mal war es kühle Neutralität gewesen, die ihm entgegengeschlagen war.

Und nun stand er hier, fertig angezogen im Spielerraum des Stadions und band sich seine überkinnlangen Haare zu einem Halbzopf, während er darauf wartete, dass Jean aus der Kabine kam. Er hatte dem anderen Jungen Raum und Zeit gegeben, sich an die Umkleide ihrer Mannschaft zu gewöhnen und sich in aller Ruhe und Einsamkeit umzuziehen. Gleichwohl bedeutete das aber auch, dass er seine Nervosität irgendwie in Schach halten musste, was wiederum dazu führte, dass er die Treppen wieder und wieder rauf und runter lief, sich kurz dehnte, wieder lief, dehnte…solange, bis Jean aus dem Gang zu den Umkleiden trat und ihn stirnrunzelnd dabei musterte.

Jeremy hielt inne und kam nicht umhin, den ungewohnten Anblick einen Moment länger zu betrachten als es angemessen wäre. Jean in anderen Farben als in rot und schwarz zu sehen war mehr als ungewohnt und wirkte im ersten Moment verstörend fremd. Die Statur des Backliners hingegen war Jeremy wohl vertraut. Die ausgewogene Verteilung der Muskeln auf die Körperproportionen machte ihn zu einem furchteinflößenden Spieler und einem attraktiven Jungen gleichermaßen…hatten es schon immer gemacht. Er trug die klassisch engen, kurzen Sporthosen, darüber Shorts. Das langärmelige Shirt war ebenfalls in dunkelblau gehalten und harmonierte mit den schwarzen Schweißbändern um den Handgelenken. Seine Haare hatte Jean ebenfalls mit einem Band so zurückgebunden, dass man die fürchterlich kahlen Stellen auf seiner Kopfhaut nicht sah.

Sie waren eine halbe Stunde eher hier als Ajeet und ihr Coach, damit Jean sich in Ruhe an das Stadion gewöhnen konnte.
„Wir machen heute ein leichtes Training, nicht viel mehr als Kondition, Geschwindigkeit und Präzision, da der Coach deine Schutzausrüstung vermutlich noch nicht dabei haben wird. Ab nächster Woche werden wir dann mit den anderen Trojans in das richtige Training einsteigen.“
Seine Worte wurden mit einem kritischen Stirnrunzeln bedacht. „Ich bin in der Lage, auch ohne Schutzausrüstung zu spielen“, erwiderte Jean neutral und Jeremy hob die Augenbraue.
„Ist das in Evermore so praktiziert worden?“, fragte er entsprechend neutral nach und erhielt ein Nicken. Im Nachhinein verwunderte ihn das nicht, gestand Jeremy sich ein und er hätte sich die Frage auch sparen können. Dennoch musste er ganz klar die Grenzen der Trojans abstecken, nicht, dass Jean auf falsche Gedanken kam.

„An der USC halten wir das anders. Protektion hat für uns oberste Priorität, zumindest, was das scharfe Training angeht“, stellte er ihre Regeln noch einmal klar heraus, mehr Kapitän als Spieler in diesem Moment. Jeremy sah, wie Jean vermutlich eher unbewusst darauf reagierte und seine Schultern sich anspannten.
„Verstanden.“
Jeremy lächelte versöhnlich. „Komm, lass uns ein paar leichte Runden laufen und schonmal mit den Dehnübungen beginnen, bevor Ajeet und der Coach eintreffen.“

Jean ließ ihm den Vortritt, während er die Laufbahn betrat und darauf wartete, dass der andere Junge die Tür schloss. Erst, als dieser zu ihm aufgeholt hatte, lief er los und schlug ein Tempo an, das mühelos von Jean gehalten werden konnte. Es war langsamer, als er sonst laufen würde, aber eingedenk von Jeans gesundheitlich noch ungeklärtem Status und den Verletzungen, die noch nicht hundertprozentig verheilt waren, war er lieber vorsichtiger.
Nach vier Runden, die sie gelaufen waren und die Jean trotz der Temperaturen und trotz der Pause noch nicht einmal ins Schwitzen gebracht hatten, war es tatsächlich der Ex-Raven, der das Wort an ihn richtete.

„Ist dies dein normales Tempo?“, fragte er unverschämterweise so gar nicht außer Atem und Jeremy zuckte mit den Schultern.
„Nein, eigentlich bin ich schneller. Ich dachte nur, dass wir es langsam angehen lassen, weil du noch nicht wieder ganz fit bist.“
Jean schnaubte. „Wie viele Runden insgesamt?“
„Sagen wir noch sechs?“, gab Jeremy zurück und Jean nickte, bevor er ein Tempo anschlug, das sich diametral von ihrem bisherigen unterschied und Jeremy sich fragen ließ, ob sie schon beim Sprint oder immer noch beim Aufwärmen waren.

Er versuchte das Tempo zu halten, scheiterte aber nach weiteren drei Runden grandios an seiner eigenen Ausdauer und Kraft des Anderen, der ihm wortwörtlich davon rann und ihn weit hinter sich ließ. Langsam kam er wieder in sein eigenes Tempo und verfluchte dabei seine Semesterferien, in denen er nicht annähernd hart genug hierfür trainiert hatte. Um mithalten zu können mit dem Jungen, der anscheinend entschlossen genug war, einen Marathon gewinnen zu wollen.

Kevin hatte ihm ansatzweise etwas über die Ravendrills erzählt und Jeremy war erstaunt bis entsetzt gewesen über die Härte und die absolute Disziplin, die sie forderten. Eigentlich hätte es ihn nicht wundern sollen, dass Jean eine andere Gangart gewohnt war und sich, wie es schien, auch weiterhin zu Höchstleistungen trieb.

Als Jeremy nach seiner letzten Runde zu ihm kam, war Jean bereits dabei, sich zu dehnen und bedachte ihn lediglich mit einem kurzen Blick.
„Sag mir nicht, dass das dein normales Tempo ist“, schnaufte er und ließ sich neben Jean auf den Boden fallen. Beantwortet wurde ihm die Frage nicht, so machte er sich daran, seine Muskeln ebenso zu lockern und aufzuwärmen wie Jean auch.

Zumindest solange, bis Ajeet ankam und mit einem fröhlichen Grinsen ins Stadion trat. Betont sacht schloss er die Plexiglastür hinter sich, noch viel vorsichtiger betrat er das Spielfeld. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte Jeremy in diesem Moment nicht übel Lust gehabt, „Der Boden ist Lava!“ zu schreien, so sehr, wie Ajeet sich hier auf rohen Eiern bewegte. Vielleicht hätte das das angespannte Schweigen etwas aufgelockert, sein Glück wollte Jeremy allerdings nicht herausfordern, also schwieg er und winkte Ajeet zu, der sich bereits in rot-goldene Trojanschale geworfen hatte. Ajeet winkte schüchtern zurück, bevor sich sein Blick auf Jean richtete, der ihn pointiert ignorierte, ihn aber trotzdem aus dem Augenwinkel heraus beobachtete.

„Hey“, grüßte er und ließ sich neben sie nieder, den Blick immer noch auf Jean gerichtet. „Ähm…Jean…hey…ich wollte nur sagen, dass es mir leid tut. Ich habe nicht nachgedacht, als ich dich umarmt habe. Wenn ich dir damit Angst gemacht habe oder dir wehgetan haben sollte oder du dich unwohl gefühlt haben solltest, dann tut es mir leid. Ich werde dich natürlich nicht anfassen, wenn du…“
„Ich benötige weder dein Mitleid noch deine Entschuldigungen“, schnitt Jean ihm das Wort ab und Jeremy runzelte die Stirn ob der Schroffheit, die Ajeet unverdienter Weiser entgegendrang.
„Jean…“, versuchte er die abweisende Aufmerksamkeit von Ajeet wegzulenken, dessen Wangen sich unter den unfreundlichen Worten feuerrot gefärbt hatten. Jean sah ihn an und wartete, dass er etwas sagte. Jeremy hob die Augenbrauen.
„Er meint es nur gut. Er möchte dir nichts Böses.“
Jean erwiderte nichts, sondern wartete pointiert anscheinend auf etwas, das er ihm noch sagen wollte. Als Jeremy sich nicht weiter dazu äußerte, zuckte er mit den Schultern und widmete sich wieder seinen Dehnungen.

„Hey Ajeet, wie wäre es, wenn du schon ein paar Runden läufst und danach zu uns stößt?“
Erleichtert nickte sein Torhüter und erhob sich mit einem letzten, unsicheren Blick zu Jean. Vergeblich warteten sie auf eine Reaktion.

„Was war das denn?“, fragte Jeremy irritiert, als sich Ajeet auf der Laufbahn befand, weit außerhalb ihrer Hörreichweite. „Er hat es wirklich nicht böse gemeint.“
Zunächst war es, als hätte Jean nicht vor, ihm zu antworten, dann jedoch richteten sich die kühlen, grauen Augen in all ihrer abweisenden Pracht auf ihn.
„Ist es ein Befehl, dass ich nett zu ihm sein soll… Captain?“

Jeremy zuckte alleine schon ob des Tons zusammen, den Jean anschlug.
„Natürlich nicht, ich werde dir nicht befehlen, nett zu ihm zu sein“, begann er zweifelnd und wurde durch das Schnauben des Backliners unterbrochen.
„Ich bin nicht hier um nett zu sein.“
Verächtlicher konnte ein Wort kaum sein und Jeremy konnte sich nicht wirklich einen Reim darauf machen, woher diese plötzliche Abneigung kam. Weder gegen Ajeet noch gegen seine Worte.
„Jean…“
„Ich möchte darum bitten, trainieren zu dürfen.“

Jeder Versuch Jeremys, etwas Anderes als Ablehnung aus Jean herauszulocken, schlug fehl. Wieder und wieder wich ihm der größere Junge aus und behandelte ihn, als hätten sie nicht die letzten paar Tage zusammen verbracht. Als hätten sie gestern nicht zusammen auf dem Parkhausboden gesessen und mit Renee telefoniert. Kühl, neutral, abweisend, so gestaltete sich das Training, auch als Coach Rhemann kam und das Ganze beaufsichtigte.

Jean führte die ihm gestellten Drills und Aufgaben ohne Widerspruch oder Zögern mit beinahe perfekter Präzision aus. Jede einzelne der Bewegungen war genauestens kalkuliert, jeder Ball, den er spielte, genau platziert und ohne Fehlschlag. Ajeet und er schlugen sich da weitaus schlechter und mehr als einmal brummte Rhemann missbilligend ob ihrer Faulheit während der Semesterferien. Dass ihnen beiden das Strafrunden einbrachte, während Jean schon duschen gehen durfte, wunderte Jeremy nun gar nicht und schicksalsergeben machte er sich daran seine schmerzenden Beine noch ein Stück länger zu bewegen.

„Cap?“, fragte sein Torwart außer Atem, als sie schließlich anhielten und Jeremy drehte sich ihm mit einem Seufzen zu. „Er ist wirklich sauer auf mich, oder?“
Ratlos zuckte Jeremy mit den Schultern. „Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was ihn umtreibt. Ich habe ihn gefragt, aber er spricht nicht darüber.“
„Habe ich etwas falsch gemacht, Jer?“
Es brauchte etwas, bis Jeremy eine Antwort fand, die beiden Seiten der Situation gerecht wurde. „Vielleicht hättest du ihn vorher fragen sollen, ob er umarmt werden will. Allerdings tut es dir leid. Du hast gesagt, dass es dir leid tut. Ich bin mir sicher, dass er noch etwas Zeit braucht, um sich mit der Entschuldigung zurecht zu finden. Schließlich ist das hier alles neu für ihn.“
Ajeet war von seiner Antwort nicht überzeugt und wenn Jeremy es sich eingestand, er selbst auch nicht.

„Ich glaube, dass er bei den Ravens keine leichte Zeit hatte und dass er sich nun erst einmal bei uns eingewöhnen muss“, hielt er sich so nahe und so neutral an der Wahrheit wie möglich. „Ich denke, mit der Zeit wird er sich schon öffnen.“
Ajeet seufzte. „Weißt du, Jer, er reagiert wie meine Oma, wenn er umarmt wird.“

Jeremy nickte. Und hatte sein Torwart damit nicht den Nagel auf den Kopf getroffen? Seine Großmutter war vor der Gewalt ihres Mannes aus Indien nach Amerika geflohen. Sie war eine tolle Frau und sie alle liebten sie und sie liebte die Mannschaft ihres Enkels, doch es war klar, dass jeder der Trojans eine gewisse Art von Abstand zu ihr zu halten hatte. Es war ein Überbleibsel der Gewalt, unter der sie jahrelang gelitten hatte.

„Ich weiß, Ajeet, ich weiß…“



~~**~~



Es war Montag und Jean hatte das Gefühl, auf dem Zahnfleisch zu gehen.

Vor zwei Tagen hatte er den Entschluss gefasst, sich die Freundlichkeit der beiden Trojans mit Kälte, Abneigung und Schweigen vom Hals zu halten, auch wenn die Entschuldigung des Hünen ihn in Erstaunen wie auch in Schrecken versetzt hatte. Noch nie hatte sich jemand des Teams, für das er spielte, bei ihm entschuldigt.
Dabei hatte er unterschätzt wie stur zumindest Knox war, der ihn Samstag und den ganzen Sonntag mit eben jener Freundlichkeit überschüttet hatte. Jeder verständnisvolle Blick, jedes Lächeln zersetzte seinen Vorsatz wie Säure.
Jean konnte sich nicht daran erinnern, dass es ihm in Evermore jemals so schwer gefallen war, auf Fragen mit einsilbigen Antworten zu reagieren. Niemals hatte er dort Probleme gehabt, die Worte, die sich an die Oberfläche seiner Selbstbeherrschung drängten, bei sich zu behalten.

Hier waren es der Himmel, die Sonne und die Menschen um ihn herum mit ihrer elendigen Freundlichkeit, die ihn aus dem Konzept brachten. Wieso wurde er gefragt, was er gerne tun würde? Wieso wurde er nach seiner Meinung gefragt? Wieso wurde sich um ihn gesorgt?

Was von all dem das weitaus Schlimmste war.

Knox sorgte sich um ihn, das sah er aus dem Augenwinkel heraus, wenn sein Kapitän ihn in unbeobachteten Momenten analysierend maß. Das brachte Jean derart aus dem Konzept, dass er das Gefühl, was in ihm schwelte, noch nicht einmal in Worte fassen konnte.
Wieso tat der blonde Junge das? Er gehörte doch noch nicht einmal seit einer Woche zu seinem Team? Er war noch nicht einmal ein richtiges Mitglied. Er war…Besitz.

Wie gefährlich seine Anwesenheit in Knox’ Nähe war, spürte Jean jetzt schon am eigenen Leib. Er zögerte, sich als solchen zu bezeichnen. Nach einer Woche und nach zwei Versicherungen eines Jungen, den er noch nicht einmal richtig kannte. Seine eisernen Wälle wurden dünn, fransten aus nur wegen…was? Versprechungen, die gebrochen werden würden? Worten, die wie Schall und Rauch waren, ohne Bedeutung?
Er brauchte dringend einen geregelten Tagesablauf, der nur aus Training und Studium bestand, bei dem er sich nur darauf konzentrieren und seine Grenzen überschreiten konnte.

Jean hasste die kleine Stimme in ihm, die ihm mitteilte, dass er das erschöpfende Training und die sechszehn Stundentage, die er aus Evermore gewohnt war, hier so nicht bekommen würde.
Das war anscheinend der Preis, den er dafür zahlte, dass ihn bisher niemand verletzte oder sich an ihm bediente… ein lasches Training. Eine Universität, die den Studenten Zeit für Freizeit ließ.

Freizeit.

Mit Verwirrung dachte er auf diesem Wort herum. Freizeit gab es für ihn nicht. Er lebte für das Spiel, er lebte für seine Aufgabe, für die er herangezüchtet worden war. Geformt von seinem Trainer und seinem verstorbenen Kapitän. Alleine ein Buch zu lesen war ihm bis vor kurzem noch undenkbar erschienen. Die Krankenschwester hatte ihn eines Besseren belehrt, doch am gestrigen Tag hatte er Renees Buch in der Hand gehabt hatte ohne wirklich darin zu lesen. Das durfte nicht sein. An den Strand zu gehen, wie es Knox vorgeschlagen hatte. Das war…undenkbar. Nicht möglich. Nicht für ihn.

Wenn er sich der Illusion hingab, dass alles, was er bisher erlernen musste, was ihm bisher eingetrichtert worden war, falsch war, dann zerbrach das, was der Herr und Riko aus den Überresten seines Seins, das sie gebrochen hatten, geformt hatten, in tausend Stücke, noch bevor er seinem Leben selbst ein Ende setzen konnte.

Oder hatte er eigentlich nur Angst vor dem Moment, in dem er vielleicht erkennen würde, dass er weiterleben wollte, und dann enttäuscht wurde von eben jenem Leben? Schlimmer noch, es nicht weiterleben durfte, weil er seine Nützlichkeit für die Moriyamas erreicht hatte?

Jean wusste es nicht und er war froh, sich gerade jetzt auf andere Dinge konzentrieren zu können. Seine Immatrikulation zum Beispiel, die seinen Transfer von der Edgar Allan zur USC vollständig machen würde.

Wie sehr hatte sich Jean dafür gehasst, dass er die viel zu ruhige, viel zu neutrale Frage seines Kapitäns, ob er lieber alleine zum Sekretariat gehen wollte, mit nein beantworten musste. Wie sehr hasste er sich für seine Abhängigkeit, die ihm gleichzeitig die Hölle bereitete, weil er sich nicht lösen konnte, sich aber lösen musste, weil Knox‘ Anwesenheit schädlich für ihn war. Er hasste sich für das Gefühl der Ruhe, das ihm Knox vermittelte, als er neben ihm stand, während Coach Rhemann und die Frau vom Studiensekretariat sich um den Formalismus kümmerten, der ihn zu einem Sportstipendiaten der USC machen würde.

Schweigend sah Jean dabei zu, wie sein Coach das Formular für ihn ausfüllte und ihm die einzelnen Felder erklärte. Er fragte nicht danach, woher der Mann seine Sozialversicherungsnummer hatte, die noch nicht einmal er selbst kannte. Er fragte auch nicht danach, was es für eine Kontonummer war, die in dem Formular eingetragen wurde. Wenn Jean raten müsste, dann würde er darauf tippen, dass sein Stipendium durch Rhemann wieder eingezogen würde – so war es an der Edgar Allan gewesen. Besitz hatte kein Eigentum. Er brauchte kein Geld.

Vicky, zumindest stand der Name auf ihrem Schild, kontrollierte sämtliche Unterlagen, die anscheinend mittlerweile durch die Edgar Allan bereitgestellt worden waren.
„Bei Ihrem ersten Nebenfach gibt es allerdings ein Problem, Mr. Moreau. Dieses wird hier nicht angeboten. Sie müssten sich entsprechend ein anderes anstelle dessen aussuchen.“
Sie reichte ihm eines der Blätter, über das sie gebrütet hatte und er starrte ohne wirkliches Verstehen darauf. Verwirrt sah er zu Knox, dann zu seinem Trainer. In Evermore hatte der Herr über seine Fächer bestimmt, doch Rhemann machte anscheinend keinerlei Anstalten, diese Aufgabe für ihn zu übernehmen.

Jean blinzelte.

„Was wäre denn angebracht?“, fragte er zögernd in den Raum, als sich das Schweigen fortsetzte und richtete sich nun explizit an seinen Trainer, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen maß.
„Was möchtest du denn machen, Junge?“, hielt er dagegen und Jean zuckte hilflos mit den Schultern. Wie sollte er eine Wahl treffen, wenn er kein Recht auf eigene Interessen hatte?
„Wie wäre es, wenn ich Ihnen eine Kurzbeschreibung der Studienfächer gebe und Sie danach entscheiden, Mr. Moreau?“, schlug die Frau vor und nach der Zustimmung seines Trainers nickte auch Jean.

Nicht, dass er danach viel schlauer war als vorher. Oder dass es eine Rolle spielen würde…eigentlich. Zwei Monate, musste er sich selbst an das Versprechen erinnern, dass er sich gegeben hatte. Nach zwei Monaten wäre die Wahl des Nebenfaches vollkommen egal.
„Du liest doch gerne, oder?“, brachte Knox seine Gedanken zum Erliegen und Jean nickte. Vielleicht… er wusste es nicht. In Evermore war ihm bis auf fachlich zum Studium gehörende Literatur alles verboten gewesen.
„Wie wäre es mit Literaturgeschichte?“

Grundsätzlich hatte Jean nichts dagegen. Die paar Augenblicke, die er mit dem Lesen von Renees Buch verbracht hatte, gefielen ihm und bereits jetzt hatte er Lust auf mehr. Vielleicht sollte er die Geduld seines Trainers und seines Kapitäns also nicht weiter auf die Probe stellen und einwilligen.
Jean nickte. „Ja“, stimmte er schlicht zu.
Vicky nickte und widmete sich ihrem PC. Fasziniert beobachtete Jean den Drucker, der nun die Blätter ausspuckte, die ihn als einen Studenten der USC ausweisen würden, mit Immatrikulationsnummer, Studentenausweis und Bibliotheksausweis.
Er bestätigte den Erhalt mit einer Unterschrift, die er sich angewöhnt hatte, selbst mit gebrochenen Fingern schreiben zu können und hielt schlussendlich die Dinge in der Hand, die für einen Menschen vollkommene Normalität bedeuten würden. Jean sah so etwas zum ersten Mal.

„Hast du noch Fragen?“

Stumm schüttelte er den Kopf. Er würde sicherlich überall hingeführt werden, wo er hin musste, sodass er sich die Gebäude und Wege nicht merken musste. Darüber hinaus würde er das Wohnhaus der Trojans nicht oder nur auf Anweisung seines Kapitäns verlassen.
Zweifelnd sah er in das breite Lächeln der Frau. „Gut, dann heiße ich dich im Namen der USC an unserer wundervollen, chaotischen Universität willkommen und hoffe, dass du bei uns eine tolle Zeit verbringst!“

Jean starrte sie wortlos an. Wieso wünschte man so etwas? Eine tolle Zeit an der Universität verbringen? Noch nie hatte er derartige Worte gehört und sie schienen ihm wie Hohn angesichts der Atmosphäre aus Angst und Unterdrückung, die an der Edgar Allan geherrscht hatten. Einen Kult, hatte Josten die Zustände in Evermore genannt und er hatte Recht gehabt. Im Nachhinein.

„Danke, Vicky!“, sagte Rhemann und riss Jean an seinen dunklen Erinnerungen. Es galt, den Schein zu wahren. Hastig nickte er und folgte dem Hünen von einem Mann nach draußen, eingeschlossen zwischen seinem Trainer und Knox. Dabei war es nicht nötig, ihn an der Flucht zu hindern, auch hier draußen nicht. Er wusste, wie er sich zu benehmen hatte.

Erst, als sie im Schatten von ein paar mächtigen Bäumen standen, reichte ihm Rhemann einen weiteren, großen Umschlag.
„Hier, das ist für dich. Ich habe ein Konto für dich eröffnet. Darin befinden sich deine Karten und Pinnummern, deine Sozialversicherungskarte und dein Pass, also alles, was uns die Edgar Allan hat zukommen lassen.“

Verständnislos starrte Jean den Umschlag an. So ganz verstand er die Worte nicht, die Rhemann ihm gesagt hatte. Seinen Pass hatte er nicht mehr besessen, seitdem er das erste Mal nach Amerika gekommen war. Nur wenn sie zu Auswärtsspielen geflogen waren, hatte Riko ihm diesen ausgehändigt und ihm gleich wieder abgenommen. Wieso sollte er ihn nun selbst aufbewahren, ebenso wie seine Sozialversicherungskarte? Rhemann danach zu fragen, schloss er aus, so fordernd, wie sich die Hand des Trainers ausstreckte und ihm riet, den Umschlag bloß anzunehmen. Vorsichtig griff Jean danach und es war tatsächlich kein Trick. Wohlwollend brummte Rhemann und wandte sich an Knox.

„Ich erwarte bis Mittwoch eine bessere Kondition als die Krüppelleistung von Samstag, Knox. Klar soweit?“
Sein Kapitän rollte leidend mit den Augen. „Ja, Coach Sir, wie Sie wünschen, Coach Sir!“, stöhnte er gepeinigt auf und Jean war erneut erstaunt über die mangelnde Ehrfurcht, die er in der Stimme vermisste. Wie konnte sich Rhemann das so gefallen lassen?

Doch wieder geschah nichts. Der Mann brummte, ja. Das war es aber. „Nimm dir kein Beispiel an ihm, Moreau. Wenn deine exzellente Kondition sich dieser Schnecke angleicht, dann lasse ich dich ebenfalls Extrarunden laufen, klar?“
„Wie Sie wünschen, Sir“, presste Jean hervor, unsicher, was die richtige Antwort war, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Rhemann bereits lachte und sich wegdrehte, bevor ihm anscheinend noch etwas einfiel.
„Ach und Moreau?“
„Ja, Sir?“
„Wir sind nicht in Evermore und Moriyama kann sich seinen „Sir“ in seinen Allerwertesten schieben. Ich bin der Coach oder Coach Rhemann. Verstanden?“
Für den großen Teil einer Minute war Jean damit beschäftigt, seinen neuen Trainer ob seiner Wortwahl fassungslos anzustarren und sich zu fragen, ob jemals jemand in einer derartig respektlosen Art über den Herrn gesprochen hatte. Dann besann er sich einer Antwort und nickte hastig. „Ja…Coach“, presste er hervor.
„Gut. Und nun, ab in die Sonne mit euch Kinderchen. Reicht, wenn einer von uns Dreien seine Zeit im Büro verbringt.“

Sprach’s und ließ sie auf dem Campus stehen. Jean starrte auf den Umschlag in seinen krummen Händen, die soviel Sonne ausgesetzt waren wie in den gesamten neun Jahren davor nicht. Erstaunt sah Jean auf sie nieder, bevor er einen Blick in den blauen Himmel über sie warf, der sich ihm so verlockend präsentierte.

Schau dir den Himmel nochmal genau an, denn du wirst ihn erst wiedersehen, wenn du Evermore verlassen wirst.

Das hatte er zu Josten gesagt, als er den Jungen nach Evermore geholt hatte. Sie beide hatten den Himmel erst dann wieder gesehen, als Josten zum Flughafen gebracht worden war. Josten hatte es durchgestanden und auch ihm war es seit nunmehr zwei Monaten erlaubt, jeden Tag einen Blick hoch in den Orbit zu werfen und sich in den Wolken, der Sonne, den Sternen und dem Mond zu verirren, die so wunderschön waren, dass es ihn schmerzte.
Gerade jetzt, da er so etwas wie ein normales Leben in den Händen hielt und so tun konnte, als wäre er ein normaler Student. Mit einem Pass, einer Sozialversicherungskarte, einem Konto.

„Wie läuft es mit den Überweisungen?“, fragte Jean und warf einen Blick in Knox‘ Gesicht, der sich gerade die halblangen Haarsträhnen, welche sich aus dem Zopf gelöst hatten, aus den Augen pustete. Sein rotes T-Shirt hatte seinen Namen in goldenem Schriftzug auf dem Rücken, als würde seine Umgebung nicht schon längst wissen, wer er war.
„Überweisungen?“
„An Coach Rhemann.“
Knox runzelte die Stirn, dann lächelte er versöhnlich. „Jean, du brauchst ihm das nicht zurückzuzahlen.“
„Ich meinte das Stipendium.“

Verwirrung kroch über das sommersprossige, braungebrannte Gesicht. „Wie meinst du das?“
„Coach Rhemann wird das Geld doch haben wollen“, stellte Jean nun seinerseits irritiert fest und traf damit auf immer größer werdendes Unverständnis.
„Wieso sollte er?“
Jean fragte sich, ob der andere Junge sich absichtlich dumm stellte oder ob es die Trojans anders handhabten. Vielleicht hätte er Rhemann direkt fragen sollen? „Weil es ihm gehört“, stellte er klar und die blonden Augenbrauen hoben sich.
„Es gehört dir. Das ist dein Stipendium“, hielt Knox dagegen und Jean runzelte sturmgeweiht die Stirn.

Wie konnte ihm etwas gehören? Das… war unvorstellbar.
„Nein“, widersprach er. „Das kann nicht sein.“
„Doch, Jean. Wieso sollte Coach…“ Mitten im Satz stockte Knox und Jean befand sich beinahe augenblicklich im Fokus dieser verzehrenden Aufmerksamkeit, der ihm nichts Gutes verhieß.
„Nein, Jean.“ Die bestimmte Entschlossenheit, mit der sein Kapitän ihm sagte, dass er falsch gelegen hatte, verursachte Jean einen Schauer des Unwohlseins, der über seinen Rücken kroch. Es fehlte die Sanftheit in dieser Verneinung, es fehlte die Sonne in der Stimme, die in der letzten Woche so oft dagewesen war. Es war, als hätte er etwas falsch gemacht, von dem er nicht wusste, was es war.

Und das war lebensgefährlich.

Jean schluckte und wollte sich entschuldigen, als Knox den Kopf schüttelte. „Unser Coach wird dir niemals dein Stipendium nehmen. Das gehört ganz alleine dir. Das Geld, was du von der Universität erhältst, steht dir zur freien Verfügung. Das Konto, was er dir eingerichtet hat, gehört nur dir, niemand anderes hat darauf Zugriff. Du entscheidest, was du mit dem Geld machst und was nicht.“
„Ich? Aber das…“ Er wusste nicht weiter. Alles, was er sagen würde, würde ihn wieder zu dem Punkt zurückbringen, an dem Knox ihm sagte, dass er kein Besitz war. Das war unmöglich. Nicht er. Er war doch…
„Jean, ich habe es ernst gemeint, als ich dir gesagt habe, dass du zu unserem Team gehörst. Du gehörst niemandem außer dir selbst. Dein Konto, dein Pass, deine Sozialversicherungsnummer. Was auch immer sie in der Edgar Allan damit gemacht haben, hier gehört sie in deine Verantwortung. Du bist derjenige, dem das alles gehört und der entscheidet, was damit geschieht.“

Um ehrlich zu sein hatte Jean keine Ahnung, wie er diese Entscheidungen fällen sollte.

„Ich weiß nicht, wie“, gestand er schließlich ein und wandte den Blick ab, auf eines der roten Gebäude, die soviel freundlicher wirkten als in West Virginia.
„Hey, dazu bin ich doch da. Ich helfe dir dabei.“

Da war es wieder. Da war Knox‘ gefährliche Eigenschaft, ihn auf seine Seite zu ziehen, ihm Vertrauen zu schenken und ihm zu suggerieren, dass er ihm vertrauen konnte. Dass alles gut werden würde. Wie gerne wollte Jean ihm im Bruchteil der ersten Sekunde glauben. Etwas in ihm sträubte sich mit aller Macht gegen die Barrieren, die er einhalten musste und dieses Etwas fühlte die schwere Bürde des Umschlages in seiner Hand wie einen Anker, der ihn in dieser Realität festkettete.

Dass Jean das nicht zulassen konnte und glauben durfte, stand außer Frage. Trotzdem nickte der Teil in ihm, der die Unterstützung wollte, so klein und gering er auch sein mochte. Jean fluchte stumm über sich selbst und nahm sich vor, diese Hilfe nur in Anspruch zu nehmen, wenn es unbedingt nötig war.

Schweigend traten sie ihrem Weg zurück zu dem Wohnhaus an und Jean ließ sich von dem regelmäßigen Schlappen von Knox‘ Sandalen auf den Steinplatten einlullen. Er ließ seine Gedanken schweifen, hin zu der Breite an Geräuschen und auch Gerüchen, die ihn in jeder Sekunde seines Hierseins überwältigten.

Selbst hier, auf dem Campus, wo alles sauber und geordnet war, konnte Jean nicht wirklich alles auseinanderhalten, sondern musste sich treiben lassen von den Eindrücken. Vom Zwitschern der Vögel. Von der Wärme der Sonnenstrahlen auf seiner Haut, die mühelos die Kälte von Evermore vertrieben. Vom Geruch des Meeres, der diese ganze Stadt durchdrungen hatte. Von Gerüchen und Geräuschen, die er nicht zuordnen konnte. Und alle Menschen lächelten, wenn sie nicht sogar strahlten. Insbesondere dann, wenn ihnen Knox über den Weg lief, was Jean wieder einmal beobachtete, als sie zu dem Haus der Trojans zurückliefen.

Es brachte ihn zu der Frage, was aus ihm geworden wäre, wenn es ihm gestattet gewesen wäre, ein normales Leben zu leben und sich als Mensch zu entwickeln. Eine gefährliche Frage, befand Jean und vergrub sie im hinterletzten Winkel seines Denkens.

„Also… was hältst du vom Art District?“, holte Knox ihn aus seinen Überlegungen heraus und irritiert sah Jean von dem Gras der Freiflächen auf. Ihm sagte der Begriff rein gar nichts und so wartete er, dass Knox erläuterte, was damit gemeint sein konnte. Dass sein Unwissen da auf Begeisterung traf, konnte er nicht ganz nachvollziehen und die Freude auf dem braungebrannten Gesicht ließ ihn vorsichtig werden.
„Das ist DER Stadtteil in Los Angeles, den man gesehen haben muss, Jean! Lauter coole Ausstellungen oder Streetstylekunstwerke.“
Es erklärte zumindest in Ansätzen, was Knox von ihm wollte, aber so richtig konnte sich Jean keinen Reim darauf machen. Er wusste nicht, was er von dem Stadtteil halten sollte, den er nicht kannte und von dem er noch nie etwas gehört hatte. Zumal Kunst etwas gewesen war, das ihm in Evermore vorenthalten geblieben war.

Es hatte der Grundsatz gegolten, dass es keine anderen Interessen außer Exy zu geben hatte. Alles darüber hinaus war unnötiger Ballast gewesen.

„Hast du Lust, dir das Ganze mal anzuschauen?“, präzisierte Knox, was er von ihm wollte und Jean schluckte. Es war eine direkte Frage, auch wenn er nicht in der Lage war, sie zu beantworten. Ob er Lust dazu hatte? Ob er es wollte? Noch in dem Teufelskreis einer Antwortfindung gefangen, verlor Knox‘ Lächeln etwas an seiner Strahlkraft und wurde sanfter.
„Ich habe einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn wir hinfahren und wenn es dir nicht gefällt, dann kommen wir wieder zurück?“

Jean wusste, dass er nein sagen sollte. Er wusste, dass er sich verweigern musste, wenn er bei seinem Vorhaben bleiben wollte.
Das wusste sein vorlauter Mund aber nicht, der ohne Zustimmung ein „Okay.“ in den sommerlichen Tag herausblies. Knox ließ sich weder durch die fehlende Intonation noch durch seine eiserne Verweigerung, dem anderen Jungen dabei ins Gesicht zu sehen, abhalten und klatschte begeistert in die Hände, was Jean im ersten Moment zurückzucken ließ.

Doch Knox war nicht Riko und es folgte keine Gewalt.

„Oh. Wer sind die denn?“

Zunächst konnte Jean mit der Frage nichts anfangen und sah erst, dass Knox stehengeblieben war, als er den Blick hob und sich der beiden großen, schwarzen SUV bewusst wurde, die vor dem Wohnhaus der Trojans standen. Als würde das Jeans Herzschlag nicht schon bedenklich erhöhen, waren es nun auch noch zwei in schwarz gekleidete Sicherheitsleute der Moriyamas, die am Eingang des Gebäudes standen und sie mit ruhigem Blick fixierten.

Nicht sie. Ihn.

Sie fixierten ihn.



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Wird fortgesetzt.
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