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Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Alvarez Andrew Minyard Jean Moreau Jeremy Knox Laila Dermott Neil Josten
13.06.2020
30.11.2021
66
423.078
3
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Dieses Kapitel
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14.06.2020 3.535
 
Jean hatte weder die Gewalt noch die Erniedrigung bekommen, die er erwartet hatte.

Was auch immer aus ihm dort herausgebrochen war, welche Ketten um seine eiserne Selbstbeherrschung auch immer sich gelöst haben mochten, als er Knox ausgelacht hatte für seine Worte…spätestens, als dieser vor ihm zurückgewichen war und auch noch gesagt hatte, dass er ihm damit Angst machte, hatte Jean seinen exorbitanten Fehler erkannt. Da war Knox‘ Verlassen des Apartments nur noch der Tropfen auf dem heißen Stein gewesen um Jean panisch zurück zu lassen.

Er wusste nicht genau, wie lange er vor dem Messerblock gestanden und sich gefragt hatte, ob es überhaupt noch einen Sinn machte, sein Ende herauszuzögern. Knox würde sicherlich mit Anderen zurückkehren und ihn adäquat für den ungeheuerlichen Widerstand bestrafen, den er sich geleistet hatte. Er würde das überleben, aber zu welchem Preis? Und war er bereit, ihn zu bezahlen?

So oft Jean auch nach einem der Messer gegriffen hatte, so oft hatte er es wieder zurückgesteckt. Wieder und wieder hatte er sich dafür Mut gemacht und dann doch allen Mut verloren, diesen einen, letzten Schritt zu gehen.
Anstelle dessen hatte er sich dafür entschieden, demütig um Verzeihung und Vergebung zu bitten, in der Hoffnung, dass seine Strafe nicht so hoch ausfallen wie sein eigenes Versagen. Er hatte die Position eingenommen, die sein Herr und Riko für seine gröbsten Verfehlungen gewollt hatten, damit sie ihn adäquat strafen konnten, die Finger ausgestreckt, sein Kopf und der Rücken freigelegt. Im Gegensatz zu damals, hatte er es hier aber nicht über sich gebracht, sich auszuziehen. Mitnichten hatte er seine Finger dazu bewegen können, das Shirt und die Hose von seinem Körper zu streifen.

Wie oft hatte der Herr ihm seinen Rücken für seinen Widerstand blutig geschlagen? Zu oft, als dass es Jean in den Jahren mitgezählt hätte. Im Gegensatz zu den Brüchen, die seine Finger entstellt hatten. Sechs von ihnen waren krumm. Sechs Brüche, die auf seine Art zu spielen, keinen Einfluss haben durften. Drei von ihnen hatte er sich selbst zufügen müssen. Wie hatte Riko es formuliert? Er konnte froh sein, dass er sie sich nicht hatte abschneiden müssen. Jean fragte sich auch jetzt noch, ob das nicht weniger schmerzhaft gewesen wäre.

Er hatte dem Kapitän der Trojans präsentiert, was leicht zu bestrafen war und was hatte Knox getan? Seine unselige Hand auf eben jene Finger gelegt, die ein Zeugnis seines Ungehorsams waren und ihm Dinge gesagt, die an Jean zerrten und rissen, als wären sie Raubtiere.
Er hatte die Worte verstanden, auch über seinen schnellen Herzschlag und seine stockende Atmung hinweg. Aus ihrem Sinn war er allerdings nicht schlau geworden. Er war ungehorsam gewesen, das zog eine Strafe nach sich.

So war es immer gewesen.

Aber nicht mit Knox. Dieser hatte Versprechungen gemacht. Er hatte in die geröteten Augen gesehen und erkannt, dass der Kapitän geweint hatte. Um ihn? Jean konnte es sich nicht vorstellen.
Keine Sekunde lang hatte Knox aber sein Lächeln verloren und keine Sekunde lang hatte Jean ein Anzeichen von Gewalt in dem sommersprossigen Gesicht erkannt… eine Fähigkeit, die er über die letzten Jahre diesbezüglich wirklich ausgebaut hatte. Jedes noch so kleine Anzeichen eines Stimmungsumschwungs hatte er in Rikos Gesicht erkennen können, später auch in denen der anderen Raven.

Bei Knox hatte er gar nichts gesehen und das hatte ihn eingelullt. Fälschlicherweise. Jean hatte sich als dumm gescholten, sobald seine Essenspräferenz seine Lippen verlassen hatte. Besitz hatte keine Wünsche, das war ihm wieder und wieder eingebläut worden. Und hier blies er am zweiten Tag eben jene Erziehung in den Orbit, nur weil jemand freundlich zu sein schien. Weil jemand wegen ihm zu weinen schien und ihm damit ein schlechtes Gewissen machte.

Jean hatte sich auch dann noch dumm genannt, als eben jene Lasagne vor ihm auf dem Essenstresen stand, dampfend und leicht verbrannt. Er hatte das Gericht mit einer Art morbiden Faszination betrachtet und sich stumm gefragt, ob das hier wirklich gerade passierte. Er hatte doch nichts davon verdient. Er hatte noch nicht einen Ball im Training gespielt, um wirklich belohnt zu werden. Im Gegenteil. Bisher war er nur eine Belastung gewesen.
Fragend hatte er Knox angesehen, dessen Grinsen ihm mit einer Intensität entgegengestrahlte, die Jean seinen Kiefer aufeinanderpressen ließ.

„Du hast Lasagne gesagt“, war Knox‘ Begründung für das Essen gewesen und er hatte ihm ohne viel Federlesens eine Portion auf den Teller getan, von der Jean zweimal satt werden würde. Selbst die Krankenschwester hatte ihm nicht so viel gegeben, als sie ihn nach einer Woche Suppe und Eintopf mit der ersten, festen Nahrung versorgt hatte.

Ihre Essenszeit hatte Jean damit vertan, über die Motive und Absichten des Kapitäns zu spekulieren und sich schweigend in seine eigene Welt zurück zu ziehen, jetzt, da keine direkten Fragen an ihn gerichtet waren. Natürlich, er sah sie in den blauen Augen, wenn er einen Blick hineinwagte, aber niemals verließen sie Knox‘ Lippen.

Gerade eben machte sich dieser daran zu schaffen, das Chaos zu ordnen und wegzuspülen, was er angerichtet hatte und Jean begriff, dass er keinen Befehl bekommen würde, diese Aufgabe zu übernehmen. Etwas hilflos stand er für einen Moment am Tresen und nahm schließlich all seinen Mut zusammen.
„Soll ich helfen?“, fragte er in die Stille hinein und Knox drehte sich überrascht zu ihm herum.
„Gerne, wenn du es möchtest.“
Jean wusste nicht, ob er es wirklich wollte, aber er tat, was er bei der Krankenschwester gelernt hatte. Abtrocknen war keine Kunst, aber er war immer noch langsam, was zum Teil auch an den geprellten Handgelenken lag, die ihm sowohl das Halten von Gegenständen als auch die Feinarbeit erschwerten.

Knox beschwerte sich ebenso wie die Schwester nicht darüber, sondern passte sein Tempo ihm an.

„Deine Finger...“, begann er und Jean hielt abrupt inne. Er hatte die Fragen in den Augen gesehen. Er sollte sich nicht wundern, dass sie schlussendlich ihren Weg zu den Lippen fanden. Doch noch war es keine Frage und er würde gut daran tun, nichts von sich aus zu erzählen.
„…sie waren gebrochen, nicht wahr?“
Jean nickte schweigend und griff zu der nächsten Gabel, die er sorgfältig von ihrer Feuchtigkeit befreite und sie in den dafür vorgesehenen Metallkorb steckte.
„War das ein Unfall?“
Stumm verneinend griff er zu einem der Löffel und betrachtete sein auf dem Kopf stehendes, verschwommenes Spiegelbild, bevor er das Trockentuch um das Metall legte.

„War es Riko?“
„Auch.“ Mit wenig Überraschung stellte Jean fest, dass seine Stimme rau war. Natürlich war sie das, schließlich belastete ihn das Thema immer noch. Die Erinnerungen daran taten es, sie suchten ihn in seinen Träumen heim oder dann, wenn es einen anderweitigen Auslöser gab.

Knox schwieg zunächst dazu, dann seufzte er.
„Das tut mir aufrichtig leid, Jean.“ Wieder war es diese bestimmte Intonation, die in Jean eine kribbelnde, nicht genau zu benennende Unruhe verursachte. Wieso sollte es Knox leid tun? Es war schließlich ein normales Spiel gewesen und Jean hatte zugelassen, dass der Kapitän der Trojans seine Verteidigungslinie durchbrach und ein Tor gegen die Ravens machte. Seine eigene, schlampige Spielweise war Schuld daran, also er selbst. Zumindest an dem ersten, gebrochenen Finger.
„Muss es nicht“, erwiderte Jean knapp und griff zu einem der Teller.

Knox schwieg einen ganzen Topf lang, bevor er Luft holte um etwas zu sagen. Jean fragte sich mit wachsender Unruhe, was es dieses Mal sein würde.
„Unsere Teamärztin wird sich das ansehen wollen, bevor sie dich für das Training freigibt. Sie wird dich vermutlich ganz durchchecken, aber keine Sorge. Auch wenn sie manchmal ein bisschen robust ist, ist sie im Grunde ihres Herzens eine ganz Liebe.“

Jean hatte gewusst, dass ihm eine Untersuchung bevorstehen würde. Wohl war ihm beim Gedanken daran allerdings nicht, würde er sich doch vor ihr ausziehen müssen. Sie würde jede einzelne Narbe sehen und untersuchen. Sie würde Fragen dazu stellen. Von einigen Narben würde sie auf weitaus weniger offensichtliche Verletzungen schließen können, zumindest hatte es die Schwester der Foxes getan und ihm Flyer zu entsprechenden Hilfeeinrichtungen besorgt, die er vor seiner Abreise allesamt entsorgt hatte.

„Es ist okay“, erwiderte er, auch wenn es das nicht war und erhielt ein aufmunterndes Lächeln dafür.
„Aber das ist Zukunftsmusik für nächste Woche“, leitete Knox seine Ablenkung ein und Jean hob die Augenbraue. „Was möchtest du denn heute Abend machen?“

Schlafen, auch wenn ihm das nicht möglich wäre in der Gegenwart des Anderen. In dem Buch lesen, das Renee ihm geschenkt hatte. Nachrichten an sie schreiben. In den dunklen Himmel starren und dem Weg der Sterne und des Mondes folgen. Das weiche Kissen und die angenehme Decke genießen.
Jean zuckte mit den Schultern.

„Wollen wir einen Film zusammen schauen?“
Das letzte Mal, als er einen Film mit Anderen gesehen hatte, hatte Riko beschlossen, ihn durch die Mitschauenden am Boden fixieren zu lassen, ihm ein Tuch über Mund und Nase zu legen und Wasser darauf zu gießen um zu sehen, ob Waterboarding wirklich so traumatisierend war wie es in dem Film dargestellt wurde. Jean schluckte mühevoll. Er ahnte, dass Knox das nicht tun würde, oder er hoffte es zumindest, aber sicher war er sich da nicht. Ganz im Gegensatz zu seiner Angst, die sich sehr sicher war, dass etwas passieren würde und seinen Herzschlag entsprechend erhöhte.

Schneller, als er sich in den Griff bekommen konnte, hatte er ein „Nein!“ herausgepresst und war einen Schritt zurückgetreten. Weg aus der Reichweite des Kapitäns. Noch einen Schritt weg von dem Spülwasser, das plötzlich eine ganz andere, bedrohliche Bedeutung bekam.
Im Gegensatz zu Riko setzte Knox ihm aber nicht nach. Als er bemerkte, was er mit seiner Frage ausgelöst hatte, trat er selbst einen Schritt zurück, weg von dem Spülbecken und hob mit einem Stirnrunzeln langsam die Hände, hielt sie so, dass Jean den Eindruck gewinnen konnte, dass sie ihn nicht verletzen würden.
„Okay, Jean. Okay“, sagte Knox dabei so ruhig, dass Jean unweigerlich wusste, wieviel seine Mimik gerade von dem verriet, was in ihm tobte. „Wenn du nicht möchtest, dann schauen wir keinen Film. Das ist überhaupt kein Problem, niemand zwingt dich dazu.“

Es dauerte etwas, bis Jean ihm das auch tatsächlich glaubte und seine starren Fäuste soweit lösen konnte, dass er das Trockentuch nicht beinahe zerriss. Er schaffte es sogar zu schlucken, auch wenn der Kloß in seinem Hals gewaltig war.
„Gibt es etwas, das du lieber machen möchtest?“, fragte Knox weiter mit dieser unheimlichen Ruhe, die Jean wider Willen beruhigte. Er wollte sich nicht schon wieder einlullen lassen, aber schier mühelos schien genau das dem Kapitän der Trojans zu gelingen. Jean fragte sich, ob es eventuell eine nicht von ihm erkannte Ähnlichkeit mit Renee war, die sein Unterbewusstsein steuerte und ihn mutiger machte, als es eigentlich gut für ihn war. So auch jetzt.
„Lesen“, probierte er sein Glück und wurde mit einem Nicken belohnt. Es überraschte ihn, wie ihn alles an Knox überraschte.
„Was liest du denn gerade?“
„Ein Buch.“

Jean hatte es nicht wirklich als Spaß gemeint, er hatte diese Antwort noch nicht einmal geben wollen. Nicht Knox. Renee hätte er sie gegeben. Es war ihm wie selbstverständlich über die Lippen gekommen, doch das war noch nicht einmal das Schlimmste daran. Das weitaus Schlimmste war seine Betonung. Noch leicht unsicher und zittrig, aber gleichwohl ironisch, latent sarkastisch und neckend, als hätte er irgendein Recht darauf, so mit dem Kapitän zu sprechen, der das Ganze auch noch höchst amüsant fand.
Während Jean sich noch dafür verfluchte, dass er seinen Mund nicht halten konnte, kicherte Knox so amüsiert, dass ihm die Röte ins Gesicht stieg, die Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen, das Jean nicht nachvollziehen konnte.

Es waren nur zwei Worte gewesen, die er gesagt hatte, wieso sollten die eine derartige Reaktion hervorrufen, die auch so gar nicht abebben wollte? Irritiert stand Jean daneben und seine Verwunderung über Knox‘ Reaktion ließ seine Angst nach und nach in den Hintergrund treten, als wäre sie nur ein einzelner, böser Moment gewesen, ein flüchtiger Gedanke.

„Okay okay, ich habe es verdient…irgendwie“, sagte Knox, als er wieder genug Luft hatte zu sprechen und aus seinem Lachen herausgekommen war, das Jean anscheinend für immer unerklärlich bleiben würde. Da halfen ihm auch die blauen Augen nicht weiter, die sich wieder auf ihn richteten.
„Worum geht’s?“, fragte Knox und Jean zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß noch nicht.“
„Ach so. Noch gar nicht angefangen?“
Er schüttelte den Kopf und trat wieder einen Schritt an das Spülbecken heran, das seinen unmittelbaren Schrecken verloren hatte und nunmehr wieder das war, was es vorher gewesen war: eine Ansammlung an Schaum und Wasser, dazu da, das Chaos in der kleinen Küche zu beseitigen.

Er griff sich den zweiten Teller und trocknete ihn mit voller Konzentration ab, während Knox den Rest abspülte und schließlich das Wasser aus dem Becken fließen ließ, ohne dass er seinen Kopf hineingetaucht hatte.
„Wenn du lesen möchtest, würde ich noch ein wenig weiter puzzeln und nebenher etwas leise auf dem Laptop laufen lassen. Wäre das okay?“, fragte dieser vorsichtig und Jean nickte knapp. Er wusste, dass es keinen Unterschied machte, aber die Vorstellung, dass der Fernseher lief und er gezwungen war, einen Film zu schauen, unterschied sich wie Tag und Nacht von derjenigen, dass Knox etwas auf seinem Laptop laufen ließ, während er nebenbei Day fertig zusammenstückelte. Noch nicht einmal ein Bruchteil seiner vorherigen Angst regte sich bei diesem Vorschlag.

„Gibt es viel solcher Merchandisesachen?“, fragte er aus einem neugierigen Impuls heraus, den er nicht ganz unterdrücken konnte. In Evermore hatte er keinen Kontakt zu solchen Dingen gehabt und auch im Haus der Krankenschwester hatte es bei weitem andere Sorgen gegeben.

Die leuchtenden Augen, die sich nun auf ihn richteten, sagten ihm, dass er besser nicht hätte fragen sollen, ähnelten sie doch im ersten Moment so sehr dem verrückten Verwandten der Zwillinge, dass Jean zurecht befürchtete, dass Knox zu einem ebenso aufgedrehten Flummi umwickelt mit Menschenhaut wurde. Hemmick, so hieß er. Nicky Hemmick. Jean schauderte. Einen Abend hatten die Schwester und Renee ihn mit ihm alleine gelassen und als der Flummi in Menschenhaut endlich gegangen war, hatte sich Jean für den Rest des Abends und die ganze Nacht im Bad der Krankenschwester eingeschlossen und die Hände auf die Ohren gepresst um seine Ruhe zu haben.

Doch anscheinend war Knox nicht wie Hemmick, also blieb ihm eine weitere Eskalation zu Lasten seines Gehörs und seines Gehirns erspart.
„Also. Es gibt natürlich Schals, T-Shirts, Pullover, Jacken, Buttons, Caps, Mützen, Rucksäcke, Poster, Aufsteller, Stickeralben, Spiele-Apps, Tisch-Exyfelder, Tassen, Geschirr, Puzzles, Decken, Kerzen, Lampen…“
Als er begriff, dass Knox nicht aufhören würde, alles aufzuzählen, hob Jean beschwichtigend seine Hände und hoffte, dass es ausreichte, damit er aufhörte. Er hatte Glück – vermeintlich. Knox verstummte und holte Luft.
„Soll ich dir die Shops zeigen?“
Erschrocken weiteten sich Jeans Augen. „Nein.“ Ganz bestimmt nicht.
„Soll ich dir was bestellen?“
Jean dachte an das Day-Puzzle und schauderte regelrecht. „Nein.“
„Man kann sich auch sein ganz eigenes Merchandise herstellen lassen.“
Wenn er nicht durch eine unsichtbare Leine an Knox gekettet wäre, dann hätte er spätestens jetzt das Apartment verlassen. „Nein.“
„Wann hast du Geburtstag?“
„Nein“, erwiderte Jean rein aus Reflex und begriff erst dann, was er gesagt hatte.
„Das ist aber ein komisches Datum.“

Jean musste nicht hinsehen um zu wissen, dass Knox grinste. Er hörte es in dessen Stimme. Er hörte, dass der Andere ihm nicht böse war und vielleicht war das der Grund, warum so etwas wie Ruhe in ihn einkehrte. Es reichte nicht für ein Lächeln, ganz sicher nicht, aber er fühlte sich in diesem Moment nicht unwohl.


~~**~~


Eingedenk Jeans geradezu panischer Reaktion auf seinen Vorschlag, einen Film zu schauen, hatte sich Jeremy genauestens überlegt, welches Video er nebenher laufen lassen konnte, während er puzzelte. Etwas Leichtes, das nicht zu aufdringlich wäre, würde vielleicht gehen. Etwas mit Humor und beruhigenden, wenn nicht sogar witzigen Geräuschen.
Stirnrunzelnd durchsuchte Jeremy seine Onlinebibliothek und blieb schließlich an Wall-E hängen.

Schweigend drückte er auf Play und drehte den Laptop so, dass Jean, wenn er denn wollte, jederzeit einen Blick auf den Bildschirm werfen konnte. Währenddessen machte sich Jeremy daran, Kevin weiterhin zu vervollständigen. Frustriert starrte er die leuchtend orangenen Teile der Uniform an die allesamt gleich aussahen und die er nur durch Herumprobieren an die richtige Stelle brachte. Mit Graus dachte er dabei an das monochrome Puzzle in Rot, das ihm Alvarez mit einem diabolischen Grinsen geschenkt und das er immer noch nicht angerührt hatte.

Die Konzentration auf das vor ihm liegende Stück ließ seine Gedanken unweigerlich auf den Jungen zurückkommen, der hinter ihm auf dem Bett saß, das Buch auf seinen Knien. Aus dem Augenwinkel heraus glitt Jeremys Blick von Zeit zu Zeit zu Jean und stellte fest, dass auch dieser auch nicht gänzlich auf seine Seiten konzentriert war, sondern immer mal wieder einen kurzen Blick auf den Bildschirm wagte.

Umso mehr ließ es Jeremy sich fragen, was Jean wirklich gegen einen Film gehabt und warum er so panisch reagiert hatte. Eine wirkliche Erklärung dafür fiel ihm nicht ein, aber es schienen nicht die bewegten Bilder an sich zu sein. War es also er, dessen Gegenwart Jean mied oder fürchtete? Wäre das überhaupt ein Wunder, wenn es anscheinend ausgerechnet sein ehemaliger Kapitän war, der Jean Dinge angetan hatte, die weit außerhalb von Jeremys Vorstellungsvermögen lagen. Dinge, in die er seine Nase nicht hineinstecken sollte, wenn es nach Kevin ging.

Doch da kannte er Jeremy aber schlecht. Mit Unterschrift des Vertrages war Jean Teil seines Teams, also trug er auch die Verantwortung für den Ex-Raven. Er würde nicht zulassen, dass dieser weiterhin unter den Zuständen in Evermore litt und schon gar nicht würde er tolerieren, dass ihn jemand fürchtete oder als Besitzer bezeichnete, nur weil er der Kapitän eines Exy-Teams war. Und er würde seine gesamte Ausrüstung fressen, wenn es Coach Rheman nicht genauso sehen würde.
Wieder kamen ihm Kevins Worte in den Sinn. Jean war als freundlicher Junge nach Evermore gekommen, der Stück für Stück von Riko und Moriyama auseinandergerissen worden war?
Ja, das glaubte er. Beides.

Jeans Verhalten sprach nicht von Freundlichkeit, mit Sicherheit nicht, dafür aber sehr viel von Angst und – was Jeremy erstaunte und ihn durchaus sehr gefiel - von darunter hervorblitzendem, unabsichtlichen Humor. Zumindest Letzteres war eine gute Basis, mit der Jeremy arbeiten konnte, befand er.

Er wagte einen weiteren Blick aus dem Augenwinkel in Richtung Jean und musste ein Schmunzeln verbergen, als er sah, dass dieser sein Buch nun vollständig zugunsten des Filmes ignorierte und aufmerksam den Szenen folgte. Auf seinem Gesicht war nur die gleiche, beinahe abweisende Ausdruckslosigkeit zu sehen, doch seine Augen verrieten den Backliner. Aufmerksam und minimal größer als sonst musterten sie den kleinen Roboter, wie er sich mit seiner Angebeteten in einer Welt ohne Menschen bewegte.

Es gab Momente, in denen Jean kritisch die die Stirn runzelte, ebenso, wie er zweimal den Kopf schief legte, als er anscheinend etwas nicht verstand. Einmal zog Jean sogar seine Augenbrauen in völliger Überraschung hoch, bevor er sich besann, was er dort tat.
Erst, als Wall-E und Eva auf die Menschen trafen, wandte er seinen Blick ab und widmete sich wieder seinem Buch.
Jeremy speicherte das in seinem mentalen Puzzle namens Jean ab und widmete sich wieder seinem realen Gegenstück, das am Ende des Films ein enormes Stück vorangekommen war. Er wechselte auf einer seiner entspannenden Playlists und machte noch ein Stückchen weiter, als er gerade im Flow war. Erst, als er alle orangenen Trikotteile aneinandergesetzt hatte, hörte er schließlich damit auf und beschloss, dass es an der Zeit war, sich nun langsam ins Bett zu begeben.

Als Vorwarnung für Jean seufzte er und drehte sich dann langsam genug um, dass er den anderen Jungen nicht verschreckte. Eine nutzlose Geste, erkannte Jeremy, als er sah, dass Jean über seinem Buch eingeschlafen war, den Kopf seitlich an die Wand gelehnt, die Hände offen und entspannt. Sein Shirt war am rechten Handgelenk gerade soweit hochgerutscht, dass Jeremy dort ein weißes Pflaster hervorblitzen sah, das noch unter dem Ärmel verschwand.

Doch das war es nicht, was seinen Blick einfing. Der vernarbte, gerötete Ring um das Handgelenk war es, der nicht zuließ, dass Jeremy wegsah. Es waren tiefe Narben und immer wieder zerstörte Haut, die keine Chance mehr gehabt hatte, sich richtig zusammenzufügen, die seine Aufmerksamkeit eingefangen hatten und ihn nun trocken schlucken ließen.

Jeremy hatte mal in einem Film gesehen, dass Fesseln solche Spuren hinterließen und auch wenn er nicht alles glaubte, was er im Fernsehen sah, so hatte er gerade das Gefühl, das lebende Beispiel für solche Verwundungen zu sehen. Wie konnte er darüber hinwegsehen und nicht die Polizei informieren, auf dass sie Evermore bis auf den letzten Winkel durchsuchten und die Verantwortlichen verhafteten?

Er spürte Wut in sich, die sich wie ein loderndes Feuer in seinem Magen manifestierte. Wut auf Evermore, Wut auf Riko und den Trainer der Ravens. Er verspürte Wut auf alle, die weggesehen hatten und auch Wut auf Kevin. Dieser war jahrelang ebenso in Evermore gewesen, er hatte zusammen mit Jean gespielt und gewohnt. Die Andeutungen, die er machte, sprachen davon, dass er mehr wusste. Warum hatte er dann erst jetzt reagiert? Warum erst, wenn Jean, wie er selbst sagte, nicht überlebt hätte, wenn Renee Walker ihn da nicht herausgeholt hätte?

Jeremy ballte seine Hände zu starren, schmerzenden Fäusten. Er würde mit Jean sprechen, sobald sich die Gelegenheit dazu ergab. Diejenigen, die ihm das angetan hatten, durften nicht ungeschoren davonkommen.



~~~~~~~~~~~~~~
Wird fortgesetzt.
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