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Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Alvarez Andrew Minyard Jean Moreau Jeremy Knox Laila Dermott Neil Josten
13.06.2020
30.11.2021
66
423.078
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18.10.2020 5.258
 
Langsam und bedächtig rollte Jean wieder auf den Parkplatz der Fahrschule und brachte den Wagen vorschriftsgemäß in der Parklücke zum Stehen. Er drehte den Schlüssel im Zündschloss und zog ihn mit Bedacht aus dem Schloss, die Hände auf seine Oberschenkel legend. Mit mühevoller Ruhe sah er aus dem Fenster.

Stundenlang hatte er in dem Büro der Zulassungsstelle gesessen, um einen Termin zu machen. Er hatte Formulare ausgefüllt, die ihn an den Rand der Verzweiflung gebracht hatten, da er die Hälfte der Wörter nicht verstanden hatte und er nur durch Laila davon abgehalten worden war, das Stück Papier zu zerreißen und einfach wieder zu gehen und verbotener Weise schwarz zu fahren. Er hatte jeden Fitzel seiner Identität beweisen müssen, einschließlich Geburtsurkunde und Pass, der ihn als Amerikaner auswies. Die Moriyamas hatten ihn damals der Einfachheit halber einbürgern lassen und ihm so auch offiziell noch seine kulturelle Identität genommen. Nicht, dass Jean sie sich je hatte nehmen lassen. Riko hatte ihn noch so oft schlagen können dafür, dass er Französisch sprach, er hatte es wieder getan.

Er war Franzose, egal, was diese gefälschte Plastikkarte sagte, die er zum ersten Mal in seinem Leben selbst besaß und die nicht durch seinen Coach einbehalten wurde. Jetzt aber hatte sie ihn einen Schritt weiter gebracht, nämlich zu den Fingerabdrücken und Fotos, die er für seinen Führerschein brauchte. Ebenso wie das Geld, das er für die Gebühren ausgeben musste. Es schien ihm wenig zu sein, doch nach der Reaktion seines Teams auf den Preis des Sportwagens traute Jean sich nicht, die Frage nach der Verhältnismäßigkeit zu stellen.

Der Sehtest war da noch das Einfachste gewesen, auch wenn die unfreundliche Frau an der Teststation ihm dringend ans Herz gelegt hatte, sich in den kommenden Jahren um eine Brille oder Kontaktlinsen zu kümmern. Jean hatte das zur Kenntnis genommen, aber nicht geglaubt. Schließlich sah er ausgezeichnet.

Der schriftliche Test war da schon schwieriger gewesen. Sechsunddreißig Fragen voller komischer Antworten, von denen er die Hälfte für überflüssig gehalten hatte. Entsprechend knapp hatte er dann auch bestanden, ganz zum Spott von Alvarez, die, wie es sich nachher herausgestellt hatte, zwei Anläufe dafür gebraucht hatte.
Zu sagen, dass Jean daraufhin mit Gegenspott gegeizt hätte, wäre untertrieben gewesen, auch wenn er sich über seine eigene, mangelnde Perfektion ärgerte.

Jetzt, heute, an diesem Morgen hatte er die Fahrprüfung machen müssen. In Knox‘ altem Auto, das die erforderliche Sicherheitsinspektion nur bestanden hatte, weil sein Kapitän dem wohl offensichtlich schwulen Prüfer schöne Augen gemacht hatte. Zumindest interpretierte Jean Knox‘ Versuche, den anderen Mann durch sein Grinsen und seinen schief gelegten Kopf auf seine Seite zu ziehen, so. Schließlich hatte er das schon öfter am College und auf der Party, auf der er mal gewesen war, gesehen.

Es hatte wohl geholfen, dass er der Kapitän der Trojans war und so waren sie mit Knox‘ altem Auto ohne Knox selbst durch Los Angeles geschlichen. Jean hätte gar nicht schneller fahren können, auch wenn er es gewollt hätte und so war sein – laut Alvarez – größtes Problem, seine an einen Geschwindigkeitsrausch grenzende Schnelligkeit, vom Tisch.

Haargenau war Jean den Instruktionen gefolgt, die sie durch den Verkehr von Los Angeles brachten um wieder hierhin zurück zu kehren, zu ihrem Ausgangspunkt. Der Prüfer machte sich zwar Notizen, sprach aber kein einziges Wort mit ihm, ganz im Gegensatz zu seiner Fahrlehrerin. Jean war froh, dass sie endlich schwieg und nun mit ihm gemeinsam auf das Ergebnis seiner Prüfungsfahrt wartete, das der Prüfer hinter ihnen anscheinend gerade auf sein Klemmbrett kritzelte.

„Mr. Moreau, im Gegensatz zu Ihrem schriftlichen Test haben Sie hier keine Punktlandung gemacht. Sie haben bewiesen, dass Sie selbst eine Klapperkiste wie diese hier sicher, verantwortungsbewusst und in angemessener Geschwindigkeit durch den Straßenverkehr lenken können. Ich möchte Ihnen daher zu Ihrer Fahrerlaubnis des Staates Kalifornien gratulieren und Ihnen weiterhin eine gute, besonnene Fahrt wünschen“, fiel das Urteil auf ihn herab und Jean brauchte einen Moment, um die getragenen Worte auch wirklich zu begreifen.

Als er es tat, drehte er sich zu dem Mann um und nahm feierlich seine Fahrerlaubnis entgegen, die ihn nun befähigen würde, sich ein schnelles Auto zu suchen. Er nickte stumm und ignorierte das kurze, gequälte Zusammenzucken Sues.

Dabei war er schon ruhiger und sicherer geworden.

„Vielen Dank“, murmelte er und barg das wertvolle Dokument in seinen Händen.
„Kein Ding. Und sagen Sie Ihrem Kapitän, dass er sich ein neues Auto kaufen soll. Diese Rostlaube ist eine Gefährdung des Straßenverkehrs.“
Pflichtbewusst nickte Jean. Der Prüfer hatte ja Recht damit, auch wenn er wusste, dass Knox das nicht hören wollte. Das hier war sein Auto und er liebte es heiß und innig, wenn Jean Ellie Glauben schenkte. Oder wenn er den Lobeshymnen des blonden Jungen auf das Auto zuhörte.

„Machen Sie’s gut und weiterhin viel Erfolg für Ihre Saison!“
„Selbstverständlich“, entgegnete Jean und blieb wie besprochen noch einen Moment sitzen, nachdem der Prüfer die Rückbank verlassen hatte.
„Jean, das ist jetzt nicht Ihre Erlaubnis, durch die Straßen zu heizen“, sagte die Mittvierzigerin streng und Jean musterte sie mit erhobener Augenbraue. Er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, während er hinter ihr bereits sein Team – sein gesamtes Team – auf sie zukommen sah.
„Ich passe auf, dass ich Sie nicht von der Straße dränge“, sagte er mit dunklem Humor und sie grollte.
„Ich wünsche Ihnen alles Gute und dass Sie nicht zuviel Kontakt zur örtlichen Polizei haben werden, wenn sie Geschwindigkeitsüberschreitungen begehen“, sagte sie mahnend und Jean nickte pflichtbewusst. Als wenn die Polizei hier nichts Besseres zu tun haben würde, als solche Verstöße zu ahnden.

Aber damit hatte die duttbewehrte Frau nichts mehr zu tun.
„Vielen Dank für Ihre Unterstützung“, sagte er höflich nichtssagend, so wie er es von Knox‘ Pressekonferenzen gelernt hatte und verabschiedete sich mit einem Handschlag von ihr. Er sah ihr nach und seufzte, als sich in der entgegengesetzten Richtung der erste Schopf um das Gebäude herumlugte. Es war Ellie, die die Trojans anscheinend vorgeschickt hatten, um zu sehen, ob seine Prüfung gut verlaufen war oder nicht.

Wortlos musterte er sie.

Sollte sie doch versuchen, aus seiner Mimik herauszulesen, ob er die Prüfung bestanden hatte oder nicht… er hatte nicht gewollt, dass sein komplettes Team anwesend war. Nicht gewollt war dabei viel gesagt. Er hatte sich eben nur nicht gewehrt, als es angedeutet worden war, weil er einfach nicht daran geglaubt hatte, dass alle 27 Spieler anwesend sein würden um ihm zu gratulieren. Warum auch, schließlich war er nur der Neuzugang und mit der Hälfte sprach er außerhalb des Trainings und ihrer Spiele sowie ihrer gemeinsamen Freizeitaktivitäten kein Wort.

In Evermore hatte es niemand gewagt, ihm näher zu kommen oder ein Wort mit ihm zu wechseln, weil jeder gewusst hatte, dass er einzig und alleine Riko gehörte. Das war hier natürlich anders, aber Jean konnte sich immer noch nicht aus den alten Ravenmustern lösen. So wurde er nun auch merklich unsicherer, als die Späherin seines Teams eben jenem anscheinend grünes Licht gab und nach und nach die Spielerinnen und Spieler um die Ecke kamen, ihre Gesichter ein bunter Mischmasch aus freudiger Erwartung und Gespanntheit. Jean war im Fokus seines gesamten Teams und das zog unerwartet stark an seinen Nerven.

Vier Monate war er nun schon hier und diese vier Monate waren so vollgepackt mit Dingen gewesen, die so neu für ihn gewesen waren, dass der Zeitraum ihm wie eine Ewigkeit vorkam. Nichts war so, wie er es angenommen hatte. Sein Kapitän war nicht gewalttätig, sein Team waren keine Monster. Er war noch am Leben und lernte, eben jenes auch auszuprobieren trotz aller Widrigkeiten, die ihm sein Körper und sein Geist bei den Erinnerungen an die Gewalt Evermores bereiteten.
Die Ravens waren ein aufeinander angewiesener Schwarm, der sich hasste und verachtete. Die Trojans waren ein Schwarm, der nicht aufeinander angewiesen war, sondern ohne jedwede Zwänge zueinander strömte und ein Wir-Gefühl innehatte, das Jean beinahe schon unheimlich war.

Und er war jetzt mittendrin, obwohl er nichts wirklich machte um das zu fördern. Ganz im Gegenteil Er kritisierte sie im Training und war darüber hinaus meistens schweigsam. Er entzog sich ihren Berührungen und blieb außerhalb des menschlichen Knubbels, der sich von Zeit zu Zeit spontan bildete. Das schien die Trojans – ebenso wie die Foxes im Übrigen auch – nicht zu interessieren. Und während die Einen sich in ihrem Chat über Bilder von ihm und Knox hermachten und ihn mit dummen Kommentaren überschütteten, taten die Anderen exakt genau das Gleiche.

Jean verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sein Team dunkel. Er grollte innerlich beim Gedanken an den Gruppenchatexzess, der seit zwei Wochen andauerte. Das Ganze hatte mittlerweile sogar einen Namen: Nasenstupsaffaire.
Stumm sah er ihrer Ankunft entgegen.

Knox, Alvarez, Laila, Ajeet, Ellie, Fahima, Valentine, Logan, Justin, Abini, Berry, Cilian, Eleonora, Yara, Sofia, Giorgia, Niam, Raheem, Kim, Ricardo, Josue, Mary-Lou, Stephen, Tim, Elena, Maria und Ben.

Auch wenn Jean es niemals zugeben würde, dass er all ihren Gesichtern Namen zuordnen konnte.

Laila war die Erste, die zu ihm trat, dicht gefolgt von Ellie und Knox. Jean war kein Gedankenleser, aber das musste er in diesem Moment auch nicht sein. Die fragenden Gesichter sagten ihm sehr deutlich, was sie wissen wollten.
Aber wer wäre Jean, es ihnen einfach zu machen?
Wortlos zuckte er mit den Schultern und warf einen kurzen Blick über seine Schulter in Richtung Auto, ganz zum Leidwesen seines Kapitäns, in dessen Augen für einen Moment Sorge aufleuchtete. Um seinen Wagen, nicht um ihn. Na danke auch, grollte Jean innerlich.

„Ist etwas passiert?“, fragte der blonde Junge vorsichtig und Jean hielt mit Mühe seine Beherrschung aufrecht. Die Freude darüber, dass er endlich in der Lage war, selbst fahren zu dürfen, machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung und sein ausdrucksloser Blick wich schneller als Jean es wirklich wollte, etwas, das einem Lächeln sehr nahe kam.
Er hütete sich, es zu einem wirklichen Lächeln oder gar Grinsen werden zu lassen, denn auch das war zentraler Bestandteil der Nasenstupsaffaire gewesen. Sein Lächeln.

Als würde es nichts Wichtigeres auf der Welt geben.

Kommentarlos zog er die kleine Plastikkarte hervor und hielt sie unter dem plötzlich ausbrechenden Jubel seines Teams wie einen Schutzschild vor sich. Wie man sich so sehr über etwas so Banales freuen konnte, entzog sich Jeans Verständnis, aber er ließ den Lärm seines Teams über sich hinwegwaschen wie er ihn auch nach jedem Spiel ignorierte. Mittlerweile hatte er auch seine Angst vor dem aufbrandenden Sturm an Emotionsbekundungen verloren und gelernt, es auszuhalten.

„Herzlichen Glückwunsch!“
„Yeah, Moreau der Rennfahrer!“
„Glückwunsch, Jean!“
„Wieso hast du die Chance nicht genutzt und die Möhre des Kapitäns in den Graben gesetzt?“
„Ey!“
„Wann gehen wir Autos gucken?“
„Das müssen wir feiern!“

Das Knallen des Sektkorkens erschreckte Jean doch schon und mit großen Augen sah er zu, wie Gläser ausgepackt wurden und eigens für ihn der alkoholfreie Sekt geköpft wurde, wie Fahima sich aus der Menge seines Teams schälte und etwas wie eine Monstranz vor sich her trug, das Jean verspätet als Kuchen identifizierte. Nicht, dass es einfach gewesen wäre, denn dieser sah ganz und gar nicht aus wie ein Kuchen, so bunt, wie er war.

Stumm starrte Jean erst sie, dann das Tablett an und schluckte. Er wusste, was Mottotorten waren, denn anscheinend bekam jedes Geburtstagskind hier eine. Seine Jetzige, auch wenn er noch nicht Geburtstag hatte, war ein zylinderförmiges Ding in grau, auf dem sich eine Straße befand, die zu beiden Seiten abfiel. Sie war gespickt mit Verkehrszeichen und Geschwindigkeitsbeschränkungen. Auf der Straße befand sich ein Auto, das dem Sportwagen vom Flughafen zum Verwechseln ähnlich sah, dabei aber sehr niedlich war. Er war rundherum eingepackt in…Wattebäuschen, wie Jean feststellte. Aus dem Auto heraus winkte er selbst, wie er nun anhand der Trojansjacke in rot-gelb und seiner Nummer auf der Brusttasche feststellte.

„Hier!“ Valentine hielt ihm ein Band entgegen, das, wie Jean jetzt sah zu einem dieser großen, dicken Luftballons führte, die mit Helium gefüllt waren, damit sie schwebten. Sein Vater hatte ihm früher solche gekauft, mit Tieren darauf oder Märchenfiguren. Nun waren große, runde Buchstaben zu sehen, die ihm zur bestandenen Führerscheinprüfung gratulierten. Etwas überfahren nahm er das Band an und wickelte es um seine Hand, um den Ballon daran nicht zu verlieren.

Jean war sprachlos. Immer wieder wechselte sein Blick von dem Kuchen zum Ballon und wieder zurück. Warum machten die Trojans so etwas? Warum für ihn? Warum für einen Führerschein? Das war doch nichts Besonderes.

Dass seine Meinung nicht die Mehrheitsmeinung war, war nur zu offensichtlich und Jean seufzte. Vorsichtig nahm er auch den Kuchen entgegen und sah in die Runde.
„Der ist ungesund“, sagte er und erntete dabei schallendes Gelächter, auch wenn es eigentlich gar nicht so amüsant gewesen war, was er gesagt hatte. Es stimmte ja. Die Unmengen an Zucker, die der Kuchen sicherlich hatte, waren bar jedweder Vernunft.
„Klar, deswegen helfen wir dir auch alle bei der Vernichtung dessen!“, grinste Valentine und Jean stellte fest, dass er damit sehr gut leben konnte.
„Selbstverständlich brauchen wir dafür eine Dachparty!“, grölte Alvarez und Jean versuchte gar nicht erst, sein unvernünftiges Dauerfeierteam von diesem Vorschlag abzuhalten.

Seine Augen irrten zu seinem Kapitän, der verdächtig still gewesen war und in dessen blauen Augen er nun einen solchen Stolz sah, dass es ihn beinahe schmerzte.
Unauffällig rückte der andere Junge an ihn heran und lächelte.
„Herzlichen Glückwunsch!“, murmelte er und Jean nickte.
„Heißt das, du lässt mich dein Auto jetzt öfter fahren?“, fragte er und wenig überraschend schüttelte Knox den Kopf.
„Niemals!“
„Ich habe ihn jetzt auch nicht gegen eine Mauer gesetzt.“
„Bei deiner Prüfung musstest du ja auch gesittet fahren.“

Dunkel starrte Jean Knox an, der sich an einem charmanten Lächeln versuchte.
„Also weißt du, mit dem Kuchen und dem Luftballon bist du nicht halb so streng wie sonst“, grinste er und Jean hob – bedrohlich, wie er meinte – die rechte Augenbraue. Dass er dieses strahlende Lächeln damit nicht schmälerte, war Jean gar nicht so unrecht.



~~**~~



Jeremy kräuselte die Nase, während er die Einkaufsliste studierte und seine Kugelschreiber ansetzte.
„Kunstblut?“, fragte er und Val grunzte.
„Haben wir!“
„Spinnenweben?“
„Vier Packungen.“
„Meinst du, das reicht?“

Die anschließende Stille ließ ihn aufsehen und Val hatte spöttisch ihre Augenbraue gehoben. „Erinnerst du dich noch an unser erstes Jahr? Da hast du es für eine gute Idee gehalten, zehn Packungen zu kaufen und es hat dazu geführt, dass wir uns alle in das Zeug eingewickelt haben und trotzdem noch genug für die nächsten anderthalb Jahre hatten. Vier reichen für unser ganzes Haus.“
Jeremy grollte. Und ob er sich daran erinnerte. Wer konnte denn auch ahnen, dass eine so kleine Packung soviel Inhalt haben würde?
„Batterien für unsere leuchtenden Pilze?“, lenkte er vom Thema ab und Val sah in den vollkommen überladenen Einkaufswagen.
„Check!“
„Genug Süßkram für zwei Weltkriege?“
„Das und für eine Alieninvasion.“

Jeremy strich auch die Position von ihrer Liste.

„Tackernadeln für die Stoffe?“
„Drei Packungen und lass das nicht die Collegeverwaltung hören.“
Jeremy sah auf und zog sich pantomimisch den Mund zu. Dafür erhielt er einen Daumen hoch und grinste.
„Schwarzen Stoff haben wir noch genug?“
„Definitiv. Drei Ballen und im Fahrradkeller liegt noch irgendwo ein vierter.“
„Nachtleuchtende Farbe?“
„Einkaufswagen.“

Jeremy strich somit die letzte Position von ihrer Liste und gab einen triumphierenden Laut von sich. Aufatmend strich er sich seine unordentlichen Haare zurück und klemmte sie sich nachlässig hinter die Ohren. Den Rest für ihre Halloweenvorbereitungen hatten sie noch aus den vergangenen Jahren. Die ausgesonderten Horrorfilmrequisiten und –kulissen aus produzierten Horrorstreifen lagerten bei ihnen im Keller und wurden von ihnen je nach Bedarf neu zusammengestellt.

Für ihr Halloweenhorrorhaus.

Jeremy freute sich wie jedes Jahr riesig darauf. Er freute sich, ihr Wohnhaus mit seinem Team zu dekorieren und für die sie besuchenden Kids zu einem Halloweenhorrorhaus zu machen. Am Meisten freute er sich allerdings darauf, schlussendlich als Monster durch die dunklen Gänge des Hauses zu schleichen und die begeisterten Kinder und Jugendlichen zu erschrecken. Und sie solange mit Süßigkeiten zu füttern, bis sie sich nicht mehr bewegen konnten.

Wenn die Kids weg waren, würden sie das Haus zu einer einzigen Party umfunktionieren und mit den vorbeikommenden Gästen den Rest der Nacht durchfeiern.
Das war schon vor seiner Ankunft in L.A. eine gute, alte USC-Tradition gewesen und Jeremy tat alles, um diese fortzuführen. Doch nicht nur er. Die Trojans liebten die Nacht der Monster und Gespenster, an dem laut alter Märchen der Vorhang zwischen den Welten so dünn war, dass die eine in die andere überschwappte.

Jeremy liebte den Gedanken an diese fantasylastige Durchlässigkeit und an Geister und Dämonen. Er liebte diese Nacht und er mochte es, die romantisierte Vorstellung an Wesen aus anderen Welten zu zelebrieren.

„Können wir, Cap, oder willst du noch weiter in der Gegend herumstarren und Laila weiter im Auto warten lassen?“, fragte Val und Jeremy schnaubte.
„Ich schwelge in der Vorfreude zu übermorgen“, konterte er und griff sich den übervollen Einkaufswagen, schob ihn in Richtung Kasse. L.A. hatte schon aufgerüstet und überall starrten ihm Kürbisse, Skelette und Spinnen entgegen. Grelles Orange dominierte die Farben, ganz zum Leidwesen Jeans, der seit Beginn der Dekorationen mit Missmut und Verachtung auf die Farben und die Figuren starrte.

Jeremy hatte das erst für eine grundsätzliche Abneigung dem Tag gegenüber gehalten, bis er begriffen hatte, dass Jean ohne wirkliches Erkennen auf die Dekorationen sah. So hatte er erst verspätet begriffen, dass Jean das Konzept von Halloween gar nicht kannte. In Evermore hatte es so etwas nicht gegeben.

Vielleicht hatte Jeremy den Fehler gemacht, Jean daraufhin nach ihrem Training und den ganzen Abend über davon vorzuschwärmen. Vielleicht hatte er den Fehler gemacht, auch noch als sie schon im Bett lagen von seinen Erfahrungen seit seiner Kindheit mit Halloween zu sprechen. Vielleicht hatte Jean sich schließlich das Kissen über den Kopf gestülpt und mit Sicherheit boshafte Sachen auf Französisch gesagt.

Vielleicht war Jeremy hingerissen gewesen von dem Grollen und vielleicht hatte er den Worten begeistert gelauscht.



~~**~~



Überall, wo Jean hinsah, war diese lächerliche und grelle Dekoration. Überall. Es gab keinen Flecken auf dem Gelände der USC, der nicht von irgendeinem angeblich gruseligem Tier oder einem Geist oder Monster bevölkert war. Kürbisse standen an jeder Ecke und vor ihrem Gebäude türmten sie sich gleich in zwei Pyramiden.
Die Nacht der lebenden Toten, wenn er Knox glaubte, der mit seiner wortreichen Erklärung Nicky Hemmicks damaligen Wortschwall beinahe den Rang abgelaufen hatte.

Jean konnte einfach nichts damit anfangen, dass diese Nacht in Amerika anscheinend hoch und heilig war. Er konnte nichts mit dieser kitschigen Dekoration anfangen und auch nicht, dass seine Mannschaft ihr Gebäude in ein großes Horrorlabyrinth verwandelte um Kinder und Jugendliche zu bespaßen.

Er mochte es nicht und der große Fortschritt, den er machte, war, dies auch zu äußern. Hier in Los Angeles war es ihm erlaubt, sein Missfallen zu äußern. Dass seine – in seinen Augen – berechtigten Einwände gegen die Verschwendung von Geld und Trainingszeit seitens seines Teams und seines Coaches mit nachsichtigen Lächeln abgewiesen wurden, stand da auf einem anderen Blatt. Aber sie straften ihn nicht dafür.

Dass sie ihn trotz allem bei allen Sachen einbanden, die damit zusammenhingen, weil sie es als Team gemeinsam machten, stand auf einem anderen Blatt. Also saß er gerade an Lailas und Alvarez‘ Küchentisch und höhlte Kürbisse aus. Die zweite Runde…die erste war schon zu Beginn der Woche erfolgt.
„Diese grässliche Pampe ist ekelhaft“, beschwerte er sich angewidert, während er das Fruchtfleisch in eine Schale hievte. Seine Hände waren klebrig und über und über bedeckt mit dem orangenen Zeug voller Kerne.
„Immer noch, Moreau, das hat sich auch nicht geändert. Und jetzt beweg deine Astralfinger und mach weiter. Wir brauchen noch drei Kürbisse mehr!“
Jean grollte. „Das ganze Haus ist schon voll davon! Wozu braucht es noch mehr?“
„Weil Halloween!“

Weil Halloween war mittlerweile die Begründung seines ganzen Teams für alles, was er an diesem Brauch anzweifelte. Jean hatte schon aufgegeben zu zählen, wie oft er sie in dieser Woche gehört hatte und langsam aber sicher machten sie ihn damit mürbe.
So mürbe, dass er Alvarez mit dem Stück Kürbis bewarf, das sich in seiner Hand befand, zielsicher mitten ins Gesicht.

Jean hätte sagen können, dass es ein Reflex gewesen wäre. Er hätte sagen können, dass er in ihrem Stadion auch gerne mal Bälle nach Alvarez warf und sie nach ihm. Er hätte sich entschuldigen können, doch dazu befriedigte ihn das erstaunt-fassungslose Gesicht des Vizekapitäns viel zu sehr, an deren rechter Wange das große, orangefleischige Stück Kürbis herunterrutschte. Er musste grinsen, scharf und raubtierhaft und schon ein bisschen schadenfroh, als sich noch Empörung in die Fassungslosigkeit stahl.

„Du impertinenter, französischer Kürbiskopf!“, fluchte sie schließlich und Jean lachte. Zumindest solange, bis auch er ein Stück Fruchtfleisch im Gesicht hatte. Mitten auf der Stirn. Angewidert grollte Jean „Spanische Mistkröte!“, zischte er und schauderte, weil es sich dort noch viel ekelhafter als in den Händen anfühlte und löste es angewidert von seiner Haut, bevor es sich auf den Weg in seinen Schoß machen konnte. Auch das warf er in Alvarez‘ Gesicht und es schien, als wäre mit diesem zweiten Angriff der Damm, der sie beide zurückgehalten hatte, gebrochen.

Sie wehrte sich, er ebenso und so bewarfen sie sich mit jedweder Munition, die sie hier hatten. Wie es die Natur ihres Sportes so wollte, war die Trefferquote bei nahezu hundert Prozent, bis auf die Stücke, die auf der Küchenanrichte und an den Küchenschränken landeten, denn ein weiteres Standbein ihres Sportes waren ausgezeichnete Reflexe. Auch zum Ducken.

Jean wurde sich bewusst, dass er so etwas noch nie gemacht hatte und dass es aller Wahrscheinlichkeit nach auch hochgradig anrüchig war, mit Essen um sich zu werfen. Warum er überhaupt auf den Gedanken gekommen war, war ihm schleierhaft, doch er genoss den Spaß, den er dabei hatte, sich völlig irrational und…kindisch zu verhalten. Es bereitete ihm Freude mit Alvarez durch die Küche zu toben, weil ihnen der Kampf im Sitzen nicht mehr ausreichte.

Mittlerweile hatten sie ihren Kampf verlagert und Jean hielt ein großes Stück Kürbis in der Hand. Alvarez stand ihm im Türrahmen zum Flur wie bei einem Showdown gegenüber und grinste diabolisch, während sie ihre Hände abwehrend erhoben hatte.
„Denkst du wirklich, dass ich das nicht fange?“, grimmte sie und Jean hob die Augenbraue, selbst ein wenig außer Atem.
„Du unterschätzt meine Wurffähigkeiten.“
„Die sind mittelmäßig, Moreau!“

Er zeigte ihr, wie mittelmäßig sie wirklich waren und platzierte seinen Wurf zielsicher auf ihren Kopf. Sie duckte sich und Jean hörte, wie sich gleichzeitig die Eingangstür zu ihrem Apartment öffnete. Jean hörte einen erst überraschten, dann angewiderten Laut, der in einem Grunzen mündete.
„Uaaah! Igitt, was ist das denn?“ Jean erstarrte ebenso wie Alvarez. Wie gebannt starrten sie auf den Türrahmen, aus dem nun Laila in den Raum trat, langsam und ungläubig. Direkt nach ihr kam Knox, an dessen Stirn die Reste des orangenen Fruchtfleisches hingen. In seiner rechten Hand hielt er den Klumpen, den Jean gerade geworfen hatte und in seiner Linken befand sich eine Tüte mit den Einkäufen.

„Was ist hier denn passiert?“, fragte Laila mit der selbstverständlichen, entsetzten Entrüstung einer Apartmentbewohnerin, die miterleben musste, wie eben jenes vollkommen zerstört vor ihr lag, obwohl sie es in perfekter Ordnung verlassen hatte. Jeans Augen bohrten sich in Alvarez‘, die breit grinste.
„Jean hat angefangen!“, sagte sie dann, die olle Verräterin. Natürlich war er damit im Fokus ihrer aller Aufmerksamkeit, natürlich starrten Knox und Laila ihn an, als hätte er den Verstand verloren. Langsam ließ Jean seine Wurfhand sinken und warf einen kurzen Blick auf den Tisch, der wie der Rest der Küche auch tatsächlich einem Schlachtfeld glich.

Sein Blick verirrte sich zu Knox, der anscheinend immer noch nicht fassen konnte, was er hier sah und mit den Resten des Kürbisses auf seiner Stirn, den großen, blauen Augen und dem weit geöffneten Mund beinahe schon hilflos versuchte, sich einen Reim zu machen.
„Du...hast…“ fahrig deutete seine Hand auf Jeans Haare, dann auf sein Oberteil. „…da…ähm…“
„…Kürbis in den Haaren?“, vollendete Jean hilfreich den Satz und spürte der Welle der Freude nach, die immer noch gefährlich nah unter der Oberfläche seiner Haut brodelte, darauf drohend, auszubrechen. „Du auch, auf der Stirn“, ergänzte er hilfreich und seine Stimme brach beinahe unter der Last des Lachens, das sie zu färben drohte. Stumm folgte Knox seinem Fingerzeig und fuhr sich nochmals über die betroffene Haut.

Hilfesuchend irrte die Aufmerksamkeit seines Kapitäns dann zu Laila, die anscheinend immer noch damit beschäftigt war, das Chaos innerlich zu katalogisieren und keinen von ihnen umzubringen.
„Jer“, sagte sie dann und es war keine Frage, ganz und gar nicht. Verspätet tauchte Knox aus seiner Trance auf.
„Ja?“
„Jer, ich weiß nicht, wie es bei dir aussieht, aber solange das Schlachtfeld hier existiert, bin ich Single und möchte mein plötzlich eingetretenes Singledasein genießen. Gehen wir einen Kaffee trinken und dekorieren dann?“, fragte sie mit hoch erhobener Augenbraue und viel zu ernst, um wirklich einen Spaß zu machen, betont Alvarez‘ lautstarke Proteste ignorierend, von Jeans Anwesenheit ganz zu schweigen.
Irritiert runzelte Knox die Stirn. „Aber ich bin doch so oder so Single“, merkte er an und Laila schnaubte.
„Das ist nicht der Punkt. Also?“

Der blonde Junge schluckte und nickte. Beinahe schon entschuldigend musterte er Jean und lächelte, immer noch offensichtlich verwirrt und voller Fragen. Das breite Grinsen, welches er Alvarez schenkte, war da schon um Längen schadenfroher.
„Bis später, Singlevize!“, winkte er, als er mit Laila zusammen den Raum verließ und Jean konnte und wollte das Lachen nicht mehr unterdrücken, das an die Oberfläche perlte.
„Hör auf zu lachen, du garstiges Stück französischer Pseudosingle und hilf aufräumen, damit ich heute Abend nicht alleine schlafen muss!“, grollte Alvarez und Jean rollte mit den Augen. Nichtsdestotrotz tat er wie ihm geheißen, während das Lächeln auch mit fortschreitender Anzahl an Kürbisstückchen, die brav ihren Weg in eine Schüssel auf dem Tisch fanden, nicht weggehen wollte.



~~**~~



Ächzend zerrte Jeremy die Reste der schwarzen Stoffbahnen aus der hinterletzten Ecke des Fahrradkellers und warf sie auf den großen Haufen Dekorationen, die Laila und er bereits aus den restlichen Räumen geholt und aufgestapelt hatten. Laila hatte sich währenddessen ihren Monstermasken und -kostümen gewidmet und überprüfte, ob sie noch in Ordnung waren.

Staub stieb in die Höhe und ließ Jeremy nießen. Laila sah auf und musterte ihn mit erhobener Augenbraue. Jeremy grinste, nieste noch einmal und zuckte entschuldigend mit den Schultern, während er in seiner Hosentasche nach einem Taschentuch wühlte.

Geduldig wartete Laila, bis er fertig war mit schnäuzen und musterte ihn dann schweigend in einer Art, die Jeremy nervös machte. Ihr lag etwas auf der Zunge, das sah er ganz deutlich und er hatte gelernt, sich vor dieser Art von Blick zu fürchten, denn die darauffolgenden Fragen trafen immer in sein Innerstes und brachten ihn dazu, über sich selbst und seine Handlungen nachzudenken.

„Jer?“
Dieses Mal war es tatsächlich eine Frage und er brummte.
„Laila?“, zögerte er das Kommende nur heraus und sie lächelte.
„Jer, bist du verschossen?“, fragte sie direkt und er schluckte. Ja, das war wieder eine dieser Fragen, die er nicht wirklich beantworten konnte, weil er sich vor gewissen Gedanken und Schlussfolgerungen drückte.
„In Allan?“ Drücken konnte er sich sehr gut, zumindest solange, bis Laila ihn mit ihrer Mimik und ihrem subtilen Missfallen über seine Taktik so sehr in die Ecke drängte, dass er dort ohne zumindest eine ehrliche Antwort nicht mehr herauskam. Anscheinend war die durch die überraschende Kürbisschlacht zwischen Alvarez und Jean sowieso schon ausgereizte Geduld nun aufgebracht und sie schnaufte vielsagend.

„Du weißt, wen ich meine“, erwiderte sie und Jeremy gestattete sich noch ein paar Sekunden des Windens, bevor seine Prokrastination in sich zusammenfiel und er gleich mit.
„Er entspricht theoretisch meinem Männertyp.“
„Das ist keine Antwort, Jer.“
Unsicher steckte er seine Hände in die Taschen seiner Jeansshorts und zuckte mit den Schultern. „Jean ist ein attraktiver Mann. Selbst mit Kürbis im Gesicht und in den Haaren“, gab er zu. „Aber er ist nicht interessiert.“
Laila runzelte die Stirn. „Hast du ihn schon gefragt?“
Jeremy schüttelte den Kopf. „Nein, habe ich nicht und das werde ich auch nicht. Mir ist anderweitig klar geworden, dass er nicht interessiert ist, also werde ich das gar nicht aufbringen. Ich möchte ihn nach all dem, was ihm in Evermore zugestoßen ist, nicht auch noch mit unsittlichen Anträgen oder unerwünschter Aufmerksamkeit verschrecken.“

Seine Worte lösten nahtlos Erinnerungen an Jeans verächtliche Worte aus, mit denen er Jeremy gesagt hatte, was ihm dort zugestoßen war und die Jeremy seitdem regelmäßig Alpträume bereiteten. Fünf Vergewaltigungen, eine davon in seinem Namen. Jean wusste nicht, ob er auf Männer oder Frauen stand und würde überhaupt das erst einmal erkunden müssen, wenn er dazu bereit war. Selbst wenn Jean auf Männer stand, dann würde er mit Sicherheit nicht auf ihn stehen. Weil er wegen ihm die Hölle erlebt hatte. Weil Jeremy sein Kapitän war. Weil vermutlich noch tausend andere Gründe dem im Weg standen.

„Denkst du, dass du so unauffällig mit deinem Starren bist, Cap?“, fragte Laila mit seiner solch sanften Zärtlichkeit, dass Jeremy anhand dessen schon erahnen konnte, wie schwerwiegend ihr Einwand sein musste. Er schluckte schwer.
„So schlimm?“
„Offensichtlich. Aber nicht schlimm.“
„Für Jean auch?“
Sie schüttelte den Kopf und erleichtert seufzte Jeremy.
„Das ist gut. Wie gesagt, ich möchte nicht, dass er sich bedrängt fühlt.“
„Dir ist aber schon klar, dass Mr. Tall, Dark and Handsome dir schon mehr Aufmerksamkeit schenkt als uns allen anderen?“

Nein, das war Jeremy bisher nicht klar gewesen und er glaubte auch nicht, dass es den Grund hatte, den Laila vermutete.
„Vermutlich liegt das daran, dass ich sein Kapitän bin. Riko hat ihm wehgetan, vielleicht ist es ein Reflex oder Instinkt, dass er mich da mehr beobachtet als euch. Für ihn bin ich vermutlich die größere Bedrohung.“
Ungläubig hob Laila ihre Augenbrauen. „Du? Eine Bedrohung? Du bist der Sonnenschein in Person.“
Jeremy lachte. „Danke für die Blumen. Ich kann aber verstehen, wenn er da vorsichtiger ist mit seiner Einschätzung als du“, zwinkerte er und lehnte sich an die kühle Kellerwand. Nach Ablenkung suchend strichen seine Finger über eine der bemalten Schaumstoffwände. Sie mussten auch mal wieder ausgebessert werden, das sollten sie nach Halloween in Angriff nehmen.

„Was, wenn es aber nicht so ist? Was, wenn er sich auch zu dir hingezogen fühlt?“
Jeremy schmunzelte. „Dann werden wir weitersehen.“ Nicht, dass das jemals eintreten würde, da hatte er überhaupt keine Hoffnungen.
„Soll ich mal mit ihm sprechen?“
Es war ein Angebot aus reiner Freundschaft heraus, das wusste Jeremy, aber in diesem Moment konnte und wollte er es nicht annehmen. Jean würde sich zurückziehen und was das in ihm auslösen würde, konnte Jeremy ebenso wenig abschätzen.

Er stieß sich von der Wand ab. „Nein, lass das bitte. Ich glaube, das würde Jean eher verschrecken als ihm gut tun.“
Laila brummte zustimmend und bohrte noch ein paar Sekunden ihre sanften Augen in seine Seite, bevor sie sich wieder ihrer Aufgabe widmete und auch Jeremy zurück zu seinen Stoffbahnen ging.

Schweigend wog er ihre Worte ab und was sie implizierten. Bisher hatte er gedacht, dass es vollkommen unauffällig war in seiner minimalen Schwärmerei für Jean Moreau, der langsam zu Leben erblühte. Wenn dem nicht der Fall sein sollte, dann sollte er schleunigst zusehen, dass er sich in den Griff bekam, schon alleine um Jeans Willen. Jean sollte in keinem Fall das Gefühl haben, dass er ihn bedrängen würde oder dass er unwillkommene Anziehung auf sich zog. Niemals sollte er das Gefühl bekommen, also würde Jeremy sich zurückhalten müssen.

Nicht mit seiner Freundlichkeit, denn Jean hatte nichts Anderes verdient, aber mit seinem Streben nach Nähe, dessen Jeremy sich umso deutlicher bewusst wurde, je mehr er darüber nachdachte, wie er sich Jean gegenüber verhielt.
Jean sollte in Ruhe und aus freien Stücken seine eigene Sexualität und seine Vorlieben erkunden, in einem sicheren und geschützten Umfeld.



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Wird fortgesetzt.
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