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Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Alvarez Andrew Minyard Jean Moreau Jeremy Knox Laila Dermott Neil Josten
13.06.2020
30.11.2021
66
423.078
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05.10.2020 6.905
 
Jean wartete, dass Knox seine Worte noch näher erläuterte, doch nach diesem einen, ersten Satz kam erst einmal nichts mehr. Der blonde Junge fixierte Eva, als würde sie gerade mit ihm sprechen und tat nichts außer atmen. Bewusst ein- und auszuatmen, wie Jean nach ein paar Sekunden bewusst wurde. Er kannte diese Technik, Day hatte sie ihm beigebracht in Evermore, als er zum ersten Mal das Gefühl gehabt hatte zu ersticken.

Knox klang nicht danach, aber Jean beobachtete ihn trotzdem genauestens. Ihm kam ein Gedanke, der zwar absurd, aber nicht wirklich unmöglich war. Knox hatte ihm Eva in die Wüste mitgebracht. Vielleicht sollte er seinem Kapitän also jetzt das Kuscheltier geben, damit dieser sich an irgendetwas festhalten konnte?
„Möchtest du sie halten?“, fragte er deswegen und deutete auf das Plüschtier, erhielt jedoch ein Kopfschütteln als Antwort.

„Ich möchte, dass du hierbleibst. Ich möchte mit dir alleine sprechen, ohne Alvarez oder Laila.“
Wer war Jean, dass er Jeremys Wünschen nicht folgte? Zögerlich verharrte er am Türrahmen und ging dann zu seinem Schreibtisch. Er ließ sich auf den Stuhl dort nieder und sah Knox in die abwesenden Augen. Die Tränen versiegten langsam und Jean war dankbar darum. Er wusste nicht, was er mit seinem weinenden Gegenüber machen sollte. Ihn in die Arme nehmen so wie es Knox getan hatte, schloss sich aus. Nicht nach der Gewalt, die er über seinen Kapitän und dessen Freund gebracht hatte.

Jean wartete und die Stille schien Knox schließlich aus seiner eigenen Blase zu holen. Langsam sah er auf und robbte sich auf seinem Bett zurück, lehnte sich an die Wand zurück. Fahrig wischte er sich die Tränen aus den Augen und strich sich die Haare zurück, die ihm wild vom Kopf abstanden. Knox holte tief Luft und seufzte dann.

„Du musst dir kein anderes Apartment suchen, Jean. Dies hier ist dein Zuhause und ich werde dich nicht bitten zu gehen. Ich werde dich auch nicht unterdrücken, dich oder eine Wut. Ich werde dich zu nichts zwingen, was du nicht willst. Niemals.“ Knox‘ Stimme war noch zittrig, wurde aber immer entschlossener. Jean hingegen blieb stumm.

„Das, was du erlebt hast, ist fürchterlich und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, dass dir das in meinem Namen angetan worden ist und dass du meinen Namen deswegen nicht aussprechen möchtest.“
Jean blinzelte überrascht. Wie kam Knox denn darauf?
„Das ist nicht der Grund“, sagte er stirnrunzelnd. „Ich habe kein Problem, dich bei deinem Vornamen zu nennen.“
„Du tust es aber nicht.“
„Weil…“, begann Jean und hielt inne. Ja, warum eigentlich? Am Anfang, weil er Distanz zwischen sich und seinem Kapitän gewollt hatte. Riko hatte ihn gezwungen, ihn bei seinem Vornamen zu nennen. Das hatte er mit Knox von Anfang an unterbinden wollen. Er hatte Knox nicht gekannt und sich deswegen für den Nachnamen entschieden. Mittlerweile hatte er den anderen Jungen schon mehrfach bei seinem Vornamen genannt und es war nur ungewohnt gewesen, aber nicht schlimm.
„Du musst es nicht, wenn du nicht willst“, versicherte Knox es ihm und Jean nickte. Er wusste das. Mittlerweile.

„Du hast einen schönen Namen“, platzte er deswegen auch hervor, in der Hoffnung, dass Knox verstand, worauf er hinauswollte. „Er ist mir nicht zuwider, auch nicht, nachdem…danach eben. Mir gefallen beide deiner Namen.“
Jean war beinahe schon froh, das kurze Lächeln auf den Lippen seines Kapitäns zu sehen, denn es löste die angespannte Stimmung zwischen ihnen beiden zumindest zum Teil.  

„Jean, hast du mit Brian schon einmal über das gesprochen, was dir passiert ist?“, fragte Knox schließlich ruhig und er schüttelte den Kopf.
„Nein, wir reden nur über dies und das“, antworte Jean ehrlich und sah die aufkommende Sorge im Gesicht des anderen Jungen. „Ich habe ihn darum gebeten, weil ich nicht über das sprechen wollte, was passiert ist. Ich habe ihm nur das mit der Wüste erzählt.“
Knox schluckte deutlich hörbar und senkte seinen Blick auf die Bettdecke. Da war es wieder, das Thema, was den blonden Jungen sprachlos machte. Natürlich hatte Jean das auch noch aufbringen müssen, der er Knox noch nicht genug traumatisiert hatte mit seiner Gewalt und seinen Erinnerungen.

„Du gehst nur zu ihm, weil ich dich drum gebeten habe, oder?“, fragte er und Jean fand nicht die Kraft, Knox anzulügen. Also nickte er schweigend und sah mit Schrecken, dass es erneut Tränen waren, die in den blauen Augen standen und zu fallen drohten. Jean schluckte.
„Mittlerweile ist es okay. Wir reden ja. Ich erkenne auch, was daran sinnvoll sein könnte. Es war eine gute Idee, Knox“, versuchte er hilflos zu versichern, in der Hoffnung, zumindest einen Bruchteil dessen besser zu machen, was zwischen ihnen im Raum waberte.  
„Und ich werde mit ihm darüber sprechen…freiwillig, versprochen.“
Knox nahm das zögerlich zur Kenntnis und Jean stellte fest, dass das mangelnde Vertrauen in seine Worte ihn unsicherer und missgestimmter machte, als er es zunächst für möglich gehalten hatte.

„Sollen wir zusammen zur Polizei gehen?“, fragte Knox schließlich und nun war es an Jean, entsetzt zu sein. Er schüttelte den Kopf.
„Keine Polizei“, presste er hervor. „Das werden die Moriyamas niemals erlauben. Sie wollen nichts, was ihrem Ruf schadet.“
„Aber diese Arschlöcher haben dir wehgetan.“
Jean ballte seine Hände zu Fäusten und sah aus dem Fenster. „Und dafür wurde ich entschädigt.“
„Wie? Indem sie dich haben gehen lassen?“
Jean schnaubte abwertend. „Erinnerst du dich an die fünf Millionen? Sie haben mir für jedes Mal eine Million ausgezahlt. Und ich habe eine Reduzierung meines prozentualen Anteils bekommen, den ich an die Moriyamas abzutreten habe. Es sind keine achtzig Prozent mehr, sondern nur noch gnädige sechzig. Das ist ihre Art der Wiedergutmachung. Wenn ich aber zur Polizei gehe, bringen sie mich um.“

Seinen Worten folgte Stille. Knox musste die Informationen erst einmal verarbeiten und Jean ließ ihm alle Zeit der Welt dazu.
„Möchtest du etwas zu trinken?“, fragte er schließlich und sein Kapitän nickte stumm. Jean erhob sich und ging in die Küche, hauptsächlich, um dem anderen Jungen die Möglichkeit zu lassen, sich zu sortieren und eine Antwort auf das zu finden, was er gerade gehört hatte. Eine Antwort, die hoffentlich keine Polizei beinhaltete.
Er ließ sich Zeit und als er mit einem Glas Limonade wieder zurückkam, empfingen ihn blaue, durchdringende Augen, die um Längen mehr Leben in sich hatten als noch vor ein paar Minuten.

„Spielen sie noch für die Ravens? Waren es die, die dich auf dem Bankett abgefangen haben?“, fragte Knox betont ruhig und Jean schüttelte den Kopf.
„Sie haben alle bereits ihren Abschluss. Niemand ist mehr da. Der jetzigen Kapitän der Ravens wollte immer, aber Riko hat ihn nicht gelassen.“

Es war erstaunlich, wie leicht es ihm fiel, losgelöst von seinen eigenen Emotionen darüber zu sprechen. Jean blinzelte. Gerade so, als würde er über eine zweite Person sprechen, die neben ihm stand. Als wäre das nicht ihm passiert. Es war besser als die Verzweiflung und die Demütigung, die er im Traum empfand oder das Echo des Schmerzes, das sich nach dem Aufwachen durch seinen ganzen Körper zog.

Jean gab seinem Kapitän das Glas und Knox nahm es mit zitternden Händen an. Vorsichtig stellte er es auf seine Oberschenkel.
„Wie kann ich dir helfen?“, fragte er schließlich und nun war es an Jean, in nachdenkliches Schweigen zu verfallen. Seine Alpträume und seine grundlegende Angst würden ihn ewig begleiten und er glaubte nicht, dass er sie jemals verlieren würde. Er war in der Lage, das Leben, so wie es war, zu probieren und dafür war er dankbar. Er erlebte Dinge, von denen er gedacht hatte, dass sie ihm ewig vorenthalten blieben. Ihm ging es besser als in Evermore, auch und gerade dank seines Kapitäns. Was sollte Knox also noch mehr tun? Es gab doch nichts mehr zu tun…außer, dass er mit Brian darüber sprach, was passiert war. Über die Wut, die er in sich spürte und mit der er andere Menschen verletzte.

„Ich möchte nicht mehr wütend werden. Ich möchte niemanden verletzen…der es nicht verdient hat.“
Knox hob die Augenbraue und Jean hielt dem kritischen Blick stand.  
„Hast du schonmal überlegt, ob Boxen vielleicht etwas für dich wäre?“, fragte er schließlich und Jean schüttelte den Kopf. Das, was er an Gewalt gelernt hatte, hatte ihm Evermore beigebracht. Dass es so etwas auch als Sportart gab, hatte er erst viel später erfahren und hatte darüber gelacht.
„Ich könnte dich mit Shirley bekannt machen, sie leitet unseren Boxclub hier an der USC.“
Jean runzelte die Stirn. „Denkst du, es wäre eine gute Idee, dass ich lerne, wie ich zuschlage?“, fragte er und verschränkte die Arme. Der Gedanke daran, dass er das Wissen erlangte, wie er gut zuschlagen konnte um jemanden zu verletzen, war verstörend.

Doch Knox schüttelte den Kopf. „Vielleicht kann dir das Training helfen, deine Wut zu kanalisieren. Und Shirley ist eine gute Lehrerin.“

Jean sah auf seine Hände, seine missgestalteten, brutalen Hände, die vor nicht einmal ein paar Stunden einen unbeteiligten, unschuldigen Jungen gewürgt hatten, weil er selbst von einer fatalen Fehlannahme ausgegangen war. Was war, wenn diese gewalttätigen Hände auch noch wussten, was sie taten?
„Ich möchte mich bei dem Reporter entschuldigen“, sagte er in Gedanken und Knox brummte zustimmend. „Ich möchte ihm sagen, dass es mir leid tut und ihm Wiedergutmachung anbieten.“
„Sein Name ist Allan“, ergänzte Knox sanft und Jean nickte. Das wusste er, aber jedes Mal, wenn der Name in seinen Gedanken auftauchte, sah er den Jungen vor seinem inneren Auge, wie er mit Knox schlief und wie seine Augen angsterfüllt und panisch auf ihm ruhten. Ihm war es unwohl, den Reporter bei seinem Namen zu nennen.

„Es kann sein, dass er dich anzeigen wird. Ich möchte, dass dir das bewusst ist. Einen Menschen zu würgen, ist Körperverletzung und es kann sein, dass er sich für diesen Weg entscheidet.“
Jean schluckte schwer. Eine Anzeige wegen Körperverletzung würde Kontakt mit der Polizei bedeuten. Kontakt mit der Polizei wäre schlecht und es würde die Moriyamas auf seine Spur bringen. Wenn er zuviel Ärger machen würde, dann würden sie ihn mit Sicherheit entsorgen.
Er nickte trotzdem, denn das Letzte, was er wollte, war, seine Verbrechen ebenso zu vertuschen wie es in Evermore geschehen war.

„Ich verstehe“, murmelte er und sah zur Seite. Auch das lief anders hier in Los Angeles. Straftaten konnten nicht ungesühnt bleiben. Durften nicht, eben weil hier jeder Mensch zählte.
„Sprich mit ihm, Jean. Erkläre, was du in dem Moment gedacht hast. Allan wird dir zuhören, bevor er eine Entscheidung trifft, da bin ich mir sicher.“
Jean war sich dessen nicht so sicher. Hätte er es anstelle des Reporters getan? Sicherlich nicht. Schließlich gab er Day auch keine Möglichkeit, sich ihm gegenüber zu rechtfertigen. „Okay“, erwiderte er dennoch, wenngleich auch nur, um Knox zu beruhigen.  

Eine Bewegung auf dem Bett ließ ihn hochschrecken, allerdings nicht so sehr, wie es die Hand des anderen Jungen auf seiner tat. Er zuckte zusammen und Knox hob seine Finger beinahe augenblicklich wieder, ganz zu Jeans erneutem Schrecken. Bevor Knox sie zurückziehen konnte, beugte Jean sich nach vorne, ergriff sie und hielt sie fest.
„Das ist okay. Bitte nicht“, sagte er hastig und warf einen Blick in die blauen Augen, die ihn aufmerksam musterten. Knox‘ Lippen waren kritisch verzogen, doch er entzog Jean seine Finger nicht.

„Meine Berührung ist dir unangenehm.“ Es war mehr eine Frage als eine Aussage und Jean schüttelte vehement den Kopf.
„Nein, das stimmt nicht. Ich habe mich nur erschrocken. Bitte…zieh keine Verbindung zu dem, was ich dir gesagt habe.“ Beinahe schon flehte Jean, denn das Letzte, was er wollte, war, dass Knox nun seine Gegenwart mied, weil er…angefasst worden war.
„Ich bin auch nicht krank. Sie haben immer Kondome benutzt“, fügte er an, sollte das das Problem sein, doch anscheinend lag er damit schon wieder falsch, wenn er sich das Entsetzen in den Augen des anderen Jungen betrachtete.

„Oh, Jean…“

Schneller, als er reagieren konnte, war Knox aufgestanden, seine Hand immer noch im festen Griff. Er wurde ebenfalls hochgezogen und sein Kapitän schloss ihn so eng in seine Arme, dass Jean allen Ernstes die Luft wegblieb. Knox‘ Hände rubbelten wieder und wieder über seinen Rücken, während Knox ihn fest an sich drückte.

„Sag so etwas nicht. Du bist so oder so nicht krank und selbst wenn, würde mich das nicht abschrecken, Jean. Wirklich nicht!“, drang es gedämpft zu ihm und Jean stöhnte.
„Zuviel…“, presste er hervor. „Knox…das ist zuviel!“
Abrupt wurde er losgelassen und Jean atmete ächzend durch. Er starrte auf Knox hinunter, der mit großen Augen seinen Blick erwiderte, die Hände auf erneuten Kontakt lauernd an seiner Seite.
„Ich verstehe, was du mir sagen willst“, erläuterte Jean vorsichtig und seufzte. „Und ich bin dir dankbar dafür. Wirklich dankbar. Auch dass du… dass du keine Angst vor mir hast. Trotz allem, was ich getan habe. Und dass du mich normal behandelst, auch wenn ich dich…so gesehen habe.“

Knox legte den Kopf schief. „So?“

Jean räusperte sich und deutete auf das Bett hinter Knox. Der betont nicht hinsah, aber dessen Wangen sich innerhalb von Sekunden rot färbten. Mit Erstaunen erkannte Jean, wie sehr er diese spezielle, menschliche Regung mochte, wenn sie nichts mit Wut zu tun hatte. Er mochte die Emotionen, die dahinterstanden.

„Du hast deine Haare anders“, murmelte Knox schließlich und Jean hob die Augenbraue.
„Das ist eine Ablenkung, Knox. Noch dazu eine leicht vorhersehbare.“
„Aber es stimmt doch.“

Ja, das tat es. Eher unbewusst fuhr sich Jean durch die kürzeren Strähnen und sah, wie sein Kapitän ihn dabei sehr genau beobachtete.
„Es sieht gut aus“, sagte er schließlich und Jean senkte seine Hände wieder. Seine Kopfhaut kribbelte, mehr als sonst.
„Danke. Allison hat sie geschnitten.“
„Sie kann das gut.“
„Das sagt sie auch über sich.“

Knox lächelte und Jean ließ sich anstecken von dem positiven Gefühl nach soviel Schlimmen.


~~**~~


„…und dazu einen Iced Moccha mit Browniestückchen mit extra viel Sahne und Karamellsirup, bitte.“

Jeremy grinste breit und das Mädchen hinter dem Tresen – Natasha – erwiderte eben jenes Grinsen mit einem Augenzwinkern. Sie gehörte zu den Erstsemestern seines Studienganges und war ein Sonnenschein. Ihre Eltern hatten eine Großfarm im West Virginia, welche sie später übernehmen würde. Um darauf vorbereitet zu sein, studierte sie an der USC und soweit es Jeremy bisher mitbekommen hatte, war sie ziemlich gut darin. Sie hatte, insbesondere was die wirtschaftlichen Komponenten ihres Studiums anging, einen sehr scharfen Verstand.

Jean stand neben ihm und sah mit stummer Verachtung auf die Monströsitäten, die er gerade bestellt hatte.

Für den Backliner…schwarzen Kaffee. Für sich einen Chai Latte mit extra Sahne und für Allan dessen Lieblingsgetränk mit Browniestückchen.
Es diente als Unterstützung für Jeans Versuch, sich bei Allan zu entschuldigen, dem der andere Junge nur zugestimmt hatte, als Jeremy ihm versprochen hatte, mit dabei zu sein und ihn nicht mit Jean alleine zu lassen.

Jeremy hatte dem nach Rücksprache mit Jean zugestimmt und so waren sie hier, drei Tage, nachdem es passiert war. Drei Tage, nachdem Jeremy jede Nacht mit Alpträumen aufwachte und Jeans wissenden Augen begegnete. Drei Tage, in denen er jede Regung an Jean beobachtete, um sich sicher zu sein, dass es nichts gab, was den anderen Jungen nicht doch triggerte. Drei Tage, in denen er mit sich haderte, ob es die richtige Entscheidung war, es Coach Rhemann nicht zu sagen und darauf zu vertrauen, dass Jean mit Brian sprechen und zu Shirley gehen würde.

Drei Tage und er hatte wenig von dem verarbeitet, was Jean ihm gesagt hatte. Immer und immer wieder kreisten Jeremys Gedanken um die Gewalt, die Evermore ausmachte und das Vertuschen durch die Universität und den Verein zugunsten der Moriyamas. Er begriff, welchen Mut Renee innegehabt hatte, als sie Jean dort herausgeholt hatte. Was er allerdings nicht begriff, war, wieso Kevin nichts getan hatte. Spätestens, nachdem Jean in seiner Anwesenheit vergewaltigt worden war, hätte er doch reagieren müssen. Wie hatte er zusehen können? Jede Minute, die Jeremy darüber nachdachte, machte ihn wütender, also schob er diese Gedanken ganz weit von sich. Zunächst.

Jean war in den drei Tagen schweigsamer geworden. Er war wieder dazu übergegangen, Jeremy zu folgen, immer einen Schritt hinter ihm und genauestens zu beobachten, was sein Kapitän tat. Das als solches war nervenaufreibend, aber Jeremy ahnte, was dahintersteckte. Er hoffte, dass Jean dieses Verhalten der Unsicherheit und der Unterordnung früher oder später wieder aufgeben würde und dass sie bis dahin durchhalten würden. Heute Nachmittag hatte Jean erst einmal einen Termin mit Brian und je nachdem, was dieser zu Shirley sagte, würde er sie nächste Woche treffen. Vielleicht würde ihm sogar eine Perspektive außerhalb der Trojans gut tun.

„Holst du noch drei Zucker?“
Jean schauderte und Jeremy begrüßte diese Reaktion, so wie er jede Reaktion begrüßte, die fernab von seiner Unterordnung lag. „Ist das nicht schon süß genug?“
Eigentlich war Jeremy froh über den bissigen Kommentar seines Backliners, lockerte er ihr Hiersein doch etwas auf. Andererseits war er selbst zu nervös, um frei darüber zu lachen, also schnaufte er indigniert.

„Sie, Sir, haben keine Ahnung“, erwiderte er anklagend und hob seine Augenbraue, während er Jean herausfordernd in die Augen starrte. Dass Jean nichts von seiner These hielt, sah er. Augenrollend gab dieser jedoch auf und holte die erforderliche Menge an Zucker, barg sie in seiner rechten Hand. Mit seiner Linken griff er Jeremys Getränk, während Jeremy Jeans Kaffee und Allans Iced Mocha nach draußen trug, wo sie mit dem anderen Jungen verabredet waren.

Sie würden sich etwas abseits in den Schatten setzen, außerhalb der Hörweite anderer Leute, aber sie wären in der Öffentlichkeit. Das war Allans Bedingung für ihr Treffen gewesen.
Jeremy sah sich um hob die Hände mit den Bechern, als er Allan in der Ferne erkannte. Der andere Junge nickte ernst und kam dann langsam auf sie zu, seine Augen aufmerksam auf Jean gerichtet. Jeremy folgte dem Blick und lächelte versichernd in die Unruhe des größeren Jungen.

Als Allan zu ihnen trat, schloss Jeremy ihn in die Arme und hauchte ihm einen Kuss auf die Nase. Es war zwischen ihnen immer eine Geste der Beruhigung gewesen, die Allan eingeführt hatte, eigentlich ursprünglich, um Jeremy von dem angespannten Druck seines Eindringens abzulenken.
Schamlos kopierte eben jener die Geste jetzt und zog Allan mit sich zu Boden. Weitaus langsamer und zögerlicher folgte Jean und ließ sich mit gegebenem Abstand ihnen gegenüber nieder.


~~**~~


Sie sahen aus wie ein schönes Paar, so wie sie ihm hier gegenübersaßen. Knox hatte seine Hände beruhigend auf den Unterarm des Reporters gelegt und ihm sein abartig süßes Getränk in die Hände gedrückt. Während Jean seinen Kaffeebecher zwischen seinen Händen drehte, nippte Knox an seinem eigenen Süßkram.
Er hatte den Eindruck, dass er störte und vermutlich hatte er genau das verdient. Schließlich hatte er massiv gestört. Er hatte die Beiden ihrer Zweisamkeit beraubt und musste nun dafür geradestehen.

Jean senkte den Blick auf den Deckel und knibbelte mit seinen Fingern an dem nicht ganz sauber abgeschnittenen Plastikrand. Mut schöpfend sah er schließlich hoch, direkt in die Ablehnung des Reporters.
„Ich hätte nicht so reagieren sollen, wie ich es getan habe“, begann Jean. Ungebeten überkamen ihn Erinnerungen an die Sekunden, die ihm Dinge eingeflüstert hatten, die nur in seiner Vergangenheit da waren und nicht in Knox‘. Nicht in dem hellen, strahlenden Leben seines Kapitäns. Wie sich die beiden Körper aneinanderschmiegten und sie eine Intimität teilten, die Jean fremd war.

Was genau ihn an dieser Erinnerung unzufrieden machte, konnte Jean nicht sagen.

„Was dachtest du dir dabei?“, fragte der Reporter wütend. Zurecht, hielt sich Jean vor Augen. Allan hatte jedes Recht, wütend zu sein.
„Ich habe gedacht, du würdest ihn zum Sex zwingen“, erwiderte er entsprechend ehrlich und sah, wie sich die Wut in dem sonst so freundlichen Gesicht nur noch steigerte. Da war kein Entsetzen wie bei Knox.
„Ich? Jer dazu zwingen? Sag mal, was geht in deinem kranken Hirn für ein Film ab? Was soll das? Ist es, weil wir zwei Männer sind? Bist du homophob? Ist es das?“

Jean runzelte die Stirn. „Nein.“ Homophob, so hatte er gelernt, war die Umgebung in Evermore gewesen. Homosexuelle hassend. Nur wer gefickt wurde, war schwul, das hatte Riko ihm immer und immer wieder gesagt. Jean wusste nicht, ob das stimmte, denn er wusste nicht, ob er Männer oder Frauen attraktiv fand. Er wusste nur, dass es ihm nicht gefallen hatte, gefickt zu werden. Ob das aber hieß, dass er heterosexuell war…konnte er nicht sagen.
„Nein was?“
„Allan“, mischte Knox sich beschwichtigend ein, doch sowohl der Reporter als auch Jean ignorierten ihn.
„Nein, ich bin nicht homophob. Ich habe gedacht, dass du dich ihm aufzwingst und deswegen habe ich dich von ihm weggezogen.“
„Und warum hast du das gedacht? War das irgendeine kranke Fantasie?“

Der Vorwurf machte Jean sprachlos und er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Knox gegenüber war es schon schwierig gewesen zuzugeben, was ihm passiert war. Die zornigen Vorwürfe des Reporters machten es ihm noch schwerer, überhaupt weiter über das Thema zu sprechen.  
„Allan, hör auf!“, ging Knox dazwischen, bevor er etwas sagen konnte. Jean nahm währenddessen einen Schluck Kaffee, um sich Zeit zu verschaffen und seine ausgedörrte Kehle zu befeuchten.
„Du hast seine Hände festgehalten, ihn auf das Bett niedergedrückt und ich habe sein Stöhnen fehlinterpretiert“, zählte er schließlich dezidiert auf, was ihn dazu veranlasst hatte. Er sah, wie peinlich es seinem Kapitän war, der sowohl ihn als auch Allan stumm anflehte, diesen Punkt nicht zu genau zu beleuchten.

Der Reporter hatte ein Einsehen. „Das passiert, wenn man Sex hat“, grimmte er und Jean nickte. Nicht nur beim Sex, das hatte er am eigenen Leib erfahren.
Allan zog seinen Kragen hinunter und Jean konnte die blauen Flecken sehen, sie sich um den Hals wanden. Sie stammten von seinen Händen. Von seiner Gewalt.
„Das hast du getan, als du ausgerastet bist. Das tut immer noch weh. Ebenso wie mein Schwanz. Außerdem hast du Jeremy zum Bluten gebracht, als du uns so abrupt voneinander gezogen hast.“
„Allan, bitte!“, begehrte Knox auf und der braunhaarige Junge schnaufte.
„Willst du ihm das etwa verschweigen? Dass du geblutet hast und dir Sorgen gemacht hast, ob du zum Arzt musst mit dem Mikroriss?“

Jean blinzelte und starrte seinen Kapitän an, der sorgsam den Blick auf ihn vermied in diesem Moment. Er ließ das dem blonden Jungen nicht durchgehen, so gar nicht.
„Knox?“, fragte er eindringlich und holte so die Aufmerksamkeit des Anderen zu sich.
„Es war nur ein wenig und es hat auch noch am gleichen Tag aufgehört.“
Jean öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Allan kam ihm zuvor. Wütend grollte er.
„Hör auf, das klein zu reden, Jer. Du hast einen gewaltbereiten Mitbewohner, der dir und mir Schmerzen verursacht hat. Willentlich. Und du nimmst ihn nun auch schon in Schutz! Ernsthaft?“

War er das? Gewaltbereit? Bei aller Wut, die Jean in sich spürte, er wollte doch niemals Knox bewusst verletzen. Es hatte ihm immer leid getan, wenn er die Kontrolle verloren hatte.
Immer hilfloser senkte Jean den Blick und fragte seinen Kaffee um Rat. Natürlich konnte er nicht davon ausgehen, dass ihm verziehen würde. Er verstand die Wut des Reporters nur zu gut, hatte er sie Day und Riko gegenüber doch genauso gefühlt.
„Ich bin kein Monster“, wiederholte er Knox‘ Worte, bevor er sich davon abhalten konnte und sah hoch. „Ich hätte das nicht tun dürfen. Ich habe eine gravierende Fehleinschätzung getroffen und ich möchte dafür Wiedergutmachung leisten.“
Jean begegnete der Wut des Anderen mit Entschlossenheit. Allan schnaubte abwertend.
„Wiedergutmachung? Dann lass Jer in Ruhe. Ich habe Angst davor, ihn alleine mit dir in einem Raum zu wissen, nicht wissend, wann dein nächster Ausbruch kommt und was du ihm dann antun wirst.“

Unwillkürlich krampfte sich Jeans Hand um seinen Kaffeebecher. Er war kein unberechenbares Monster. Nein, wirklich nicht.
„Es wird keiner mehr kommen.“
„Ach, ist das so?“
„Ich wollte Knox niemals verletzen.“
„Das sagt jeder Schläger, immer.“
„Aber ich bin kein Schläger.“
„Auch das sagen sie.“
„Allan, bitte“, mischte sich Knox erneut ein und dieses Mal war es Jean, der grollte. Er sah auf und hielt den Blick des Reporters.

„Ich bin mit elf nach Amerika gekommen. Mit zwölf hat mein mittlerweile verstorbener Kapitän angefangen, mich zu schlagen und in eine Holzkiste zu sperren, wenn ich mich zu sehr gegen die Schläge gewehrt habe. Er hat mich hungern und dursten lassen, wenn er Lust dazu hatte. Er hat mich solange trainieren lassen, bis ich auf dem Spielfeld das Bewusstsein verloren habe. Ich trage die Narben von Handschellen, Bunsenbrennern, Feuerzeugen, Brotmessern, elektrischen Viehtreibern, Stöcken und Peitschen auf meinem Körper. Ich wurde Treppen hinuntergestoßen, gewaterboarded und fünfmal vergewaltigt, das letzte Mal zu meinem zwanzigsten Geburtstag, der so zum ersten Mal in Evermore gefeiert wurde. Riko hat mir das Wort Dreckshure auf die Innenseite meines Oberschenkels eingeritzt, weil ich in seinen Augen daran Schuld war, was mir passiert. Ja, Allan, ich habe ein Problem mit meiner Wut. Über die Jahre habe ich viel davon gesammelt, auch wenn du sicherlich nur einen Bruchteil davon begreifen kannst in deiner heilen Los Angeles Welt voller freizügiger Menschen ohne Probleme, die niemals in die Verlegenheit kommen werden, um ihr Leben zu fürchten oder sich zu fragen, ob in der Nacht wieder jemand in das eigene Bett steigt und dich blutig fickt.“

Jean war erstaunt, wie ruhig er die Worte, die seinen Leidensweg ausmachten, aussprechen konnte und wie fest seine Stimme klang. Sein Herz raste, doch nichts davon merkte man ihm äußerlich an.
„Wäre Knox nicht, hätte ich mich jetzt schon längst umgebracht. Also sag mir nicht, dass er mir egal wäre oder dass du Angst um ihn haben müsstest. Niemals würde ich ihm absichtlich etwas tun. Mein Ex-Kapitän hat versucht, mich zu einem gewalttätigen Monster zu machen, da gebe ich dir Recht. Doch ich will das nicht. Ich will auch meine Wut nicht und da sie zu einem Problem geworden ist, werde ich etwas gegen sie tun.“

Jean verstummte und nahm einen weiteren Schluck Kaffee, während er Allan in das immer bleicher werdende Gesicht starrte, mit dem er erst ihn, dann Knox musterte. Auch Knox war gerade kein Sinnbild des Lebens, das sommersprossige Gesicht leicht gräulich und eingefallen.
„Ich…“, setzte der Reporter schließlich an und es war Hilflosigkeit, die ihn keine Worte finden ließen. Jean sah Mitleid in den braunen Augen, die vorher noch so wütend auf ihn gewesen waren und schüttelte den Kopf.
„Ich will dein Mitleid nicht. Ich will nur, dass du weißt, dass ich kein hirnloser Schläger bin, der Knox oder dich gefährdet. Das ist alles. Das, was ich getan habe, wird nicht wieder vorkommen, das verspreche ich.“

Jean verstummte und ließ seine Worte wirken. Er selbst fühlte sich leer und seltsam in Watte gepackt nach seinen Worten. Er hatte nichts mehr zu sagen, auch nichts mehr zu diskutieren.
Seine Fingerkuppen knibbelten weiter an dem Deckel und Jean konnte sehen, wie sich die rechte Hand seines Kapitäns in sein Blickfeld schob, bevor sie sich langsam auf seine eigene legte. Immer noch war Knox‘ Haut sonnengebräunter als seine. Jean hielt inne und ließ das Gefühl der rauen Hornhaut auf sich wirken, bevor er hochsah.

„Wir schaffen das“, sagte sein Kapitän mit eben jener Autorität und Zuversicht, mit der ihm sein gesamtes Team auf dem Spielfeld folgte. Dass es ebenso bei Jean wirkte, war unumstritten. Dass auch der Reporter sich davon einfangen ließ, überraschte ihn aber doch.
Seufzend nickte Allan schließlich.
„Ich mag dich nicht, Moreau, aber Jer hat eine gute Menschenkenntnis und anscheinend liegt ihm etwas an dir. Ich nehme dein Bedauern und deine Entschuldigung an, aber wenn das noch einmal vorkommen sollte, dann kommst du damit nicht so einfach davon.“

Das war verständlich und nachvollziehbar. Zudem beruhte es auf Gegenseitigkeit. Jean mochte den Reporter auch nicht, überhaupt nicht. Er wusste nicht genau, was es war, aber es störte ihn, Knox und ihn zusammen zu sehen. Etwas passte da nicht, auch wenn Jean keinen blassen Schimmer hatte, was es war.


~~**~~


Da mochte Jean Brian noch lieber.

„Hallo Jean“, grüßte der ewig freundliche Mann ihn lächelnd und hieß ihn, sich hinzusetzen. Es war angenehm kühl hier in diesem Raum und wie immer ein wenig chaotisch. Jean ertappte sich dabei, dass er bereits Dinge wiedererkannte, die Brian deponiert und anscheinend nicht bewegt hatte. Er ertappte sich ebenso dabei, wie ihn manche Dinge störten, die sein inneres Auge mit ihrer Unebenheit belästigten und das irritierte Jean mehr als dass er es zuzugeben bereit war.

Was interessierte es ihn schließlich, ob das Bild an der Wand schief hing? Es sollte ihn nicht interessieren. Dennoch zuckte es ihm nun in den Fingern und er ging kurzerhand dorthin und hängte es gerade. Nach ein paar Wochen seiner Anwesenheit hier. Es fühlte sich gut an und das ließ Jean noch mehr grollen.
Betont langsam ausatmend drehte er sich wieder zurück und erwiderte Brians überraschten Ausdruck.
„Oh, vielen Dank dir. Das ist sehr lieb von dir, Jean.“

Jean schürzte die Lippen und verschränkte die Arme. „Ich habe vor drei Tagen gedacht, dass der Reporter…Allan… sich meinem Kapitän aufzwingen würde und habe die Beiden beim Sex gestört. Ich dachte das deswegen, weil es so aussah, wie das, was die Spieler aus Evermore mir angetan haben“, platzte er hervor, bevor er es sich anders überlegen konnte und knirschte mit den Zähnen. „Ich soll mit dir darüber reden.“

Das Lächeln des Therapeuten erlosch und wurde zu etwas, das Jean im besten Fall als professionelles Verständnis interpretieren würde. Es machte ihn nicht unsicher, aber es zerrte an seiner Ruhe, also machte sich Jean daran, auch die anderen Dinge zu richten, die er als schief erachtete. Es fiel ihm einfacher zu sprechen, während er mit dem Rücken zu Brian stand. Das nutzte Jean jetzt, als er noch einmal das erzählte, was ihm passiert war.


~~**~~


Jeremy verteilte die Zutaten der Lasagne in die Auflaufschüssel und schob sie schließlich in den Ofen, stellte die Küchenuhr auf eine dreiviertel Stunde. Es gab Soulfood, zumindest für den Jungen, der sich im Schlafzimmer befand und seitdem er von Brian zurückgekehrt war, keinen Ton von sich gegeben hatte.
Jeremy verharrte unschlüssig in der Küche ihres Apartments. Jean war schweigsam und in sich gekehrt gewesen, nicht wirklich ansprechbar. Was auch immer die Beiden in der überlangen Sitzung besprochen hatten, es tat Jean nicht gut, das hatte Jeremy schon gesehen, als Jean den Raum verlassen hatte.

Jeremys an guten Tagen sowieso schon fragwürdige Selbstbeherrschung riss und er ging zur angelehnten Schlafzimmertür. Er klopfte leise gegen das dünne Sperrholz.  
„Darf ich reinkommen?“, fragte er und wartete einen Moment des Schweigens ab, bevor er sich seine Frage selbst beantwortete. Jean lag auf dem Bett und starrte auf den vergilbten Holzboden des Zimmers, die Kapuze des dunkelblauen Hoodies tief über seinen Kopf gezogen. Renee hatte ihm ihn geschenkt und Jeremy wusste mittlerweile, dass Jean ihn nur anzog, wenn ihm kalt war oder wenn er sich unwohl fühlte.

Es war immer noch sommerlich heiß.

Jeremy war sich nicht sicher, ob Jean ihn überhaupt wahrnahm. Er hatte die Beine angezogen und seine Hände halb in die Ärmel des Pullovers vergraben, eine Schutzhaltung, die Jeremy nur zu bekannt vorkam. Er fasste all seinen Mut zusammen um ihr Schlafzimmer zu betreten.

„Kann ich etwas für dich tun, Jean?“, fragte er ruhig und erhielt im ersten Moment keine Antwort. Erst nach einer Weile schluckte Jean sichtbar und löste eine seiner Hände, um sich die Kapuze tiefer ins Gesicht zu ziehen.
„Wieso hast du mir nicht erzählt, dass du geblutet hast?“, fragte Jean rau, ohne ihn anzusehen und Jeremy schluckte schwer. Schließlich seufzte er.
„Es war in dem Moment unerheblich und es hat auch schnell aufgehört.“
„Das ist kein Grund.“
Jeremy seufzte. „Ich weiß, Jean, aber es war in dem Moment nicht meine Priorität. Außerdem haben wir bereits darüber gesprochen und du hast dich entschuldigt. Es ist okay für mich.“

Jean verstummte und schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, huschte ein dunkler Schatten des Schmerzes über das halb verborgene Gesicht.

„Kannst…kannst du mir erzählen, wie das wirklich ist? Also eine Beziehung zu einem Mann?“
Jeremys Augen weiteten sich überrascht. Was konnte er auf so eine Frage sagen? Was wollte Jean hören? Seine Stimme klang nicht fröhlich und angesichts dessen, was Jean erlebt hatte…
„Ich weiß nicht…was willst du denn hören?“, fragte Jeremy unsicher und Jean schauderte.
„Seit Brian all diese Fragen gestellt hat, sehe ich nur sie vor meinem inneren Auge. Immer wieder sie… ich möchte wissen, wie es ist, wenn es… anders ist“, presste er rau hervor. Jeremy brauchte einen Moment um zu begreifen, was Jean gerade gesagt hatte und warum er es gesagt hatte, doch dann schluckte er schwer.

Und wer war er, dass er dem Wunsch des anderen Jungen nicht folgte?

Etwas gezwungen lächelte Jeremy. „Darf ich mich setzen?“, deutete er auf den Boden vor seinem eigenen Bett. Er würde sicherlich sein vergangenes Liebesleben nicht im Stehen vor Jean ausbreiten, während dieser auf seinem eigenen Bett lag, sich klar erkennbar nicht wohlfühlend. Er wollte auf gleicher Höhe mit seinem Backliner sein.
„Natürlich“, krächzte Jean und Jeremy nickte. Bedächtig ließ er sich auf den Boden nieder und schlug seine Beine im Schneidersitz unter. Locker legte er seine Hände auf die Knie und lächelte.
„Soll ich ganz von vorne beginnen?“, fragte er und Jean nickte kaum merklich. Bisher war zwar keine seiner Geschichten gut ausgegangen, schließlich war er gerade ja Single, aber er hatte sich nie im Hass oder in Wut getrennt. Außerdem gab es haufenweise schöne Momente, mit denen er Jean überschütten konnte.

Er atmete tief durch. „Ich habe mit 13 Jahren gemerkt, dass ich Mädchen zwar nicht doof finde, aber dass sie mich nicht interessieren. Es gab da jemanden in meiner Klasse, der ziemlich cool war, natürlich der beliebteste Sportler unserer Schule. Footballer, groß, breite Schultern, ernstes Gesicht. Der Traum meiner schlaflosen Pubertätsnächte, an den ich niemals herangekommen bin. Schon gar nicht als Exy-Spieler, das damals noch etwas in den Kinderschuhen steckte und nicht so cool war wie heute.“ Jeremy schnaubte amüsiert.

„Wie dem auch sei, ich habe gemerkt, dass ich auf Jungs stehe und habe mich dann mit fünfzehn im Ferienlager in Tim verliebt, kurz für Timothy. Er hatte das Bett über mir und wir waren für den einen Sommer unzertrennlich. Wir haben alles miteinander gemacht und haben jeden Abend Sterne zusammen geschaut und gequatscht. Mit ihm hatte ich auch meinen ersten, richtigen Kuss, der quasi zementiert hat, dass ich auf Jungs stehe. Es war so prickelnd und so wunderschön damals, so etwas Besonderes.“

Jeremys Lächeln klang ab. „Ich habe ihn nach dem Sommercamp nie wieder gesehen. Er hat auf keine meiner Nachrichten und auf keinen Anruf reagiert. Ich weiß bis heute nicht, was aus ihm geworden ist.“ Es stimmte ihn immer noch traurig, darüber nachzudenken.
„Ich hatte ordentlich Liebeskummer, das kann ich dir sagen. Ich dachte, ich würde Tim für immer haben und als er so plötzlich weg war, war alles trist und traurig. Aber dann kam Xander. Xander war Footballer, riesengroß, ein wahres Tier und furchteinflößend. Niemand, der nicht zu unserem Footballteam gehörte, hat sich getraut, ihn anzusprechen, auch ich nicht. Zumindest solange nicht, bis ich ihm auf einer unserer Highschoolgrillfeste meine Cola komplett über das Shirt gekippt habe. Ich habe gedacht, dass er mich gleich in der Toilette ertränkt für meine dumme Trotteligkeit, doch irgendwie…“ Jeremy schnaubte und lächelte in Erinnerung an den Moment, in dem er begriffen hatte, dass er nicht sterben würde.

„Ein paar Wochen später war er mein erster Freund und wieder ein paar Wochen später hatte er mich entjungfert. Er war ein lieber Mensch, auch wenn er nicht wusste, wie er die Gefühle in sich nach außen transportieren sollte. Sein Vater und seine älteren Brüder waren daran Schuld, haben sie ihn doch immer für seine sexuellen Vorlieben gehänselt und ihn dazu genötigt, „männliche“ Dinge tun zu müssen. Wir haben uns nach der Highschool aus den Augen verloren, als er nach New York gegangen ist um dort bei der UN zu arbeiten. Ich glaube, momentan lebt er in Namibia und reist von dort aus durch Afrika, um die LGBTQI-Szene zu unterstützen. Ein bisschen liebe ich ihn immer noch. Er war toll, ein großartiger Tänzer und ein wahnsinnig guter Sportler. Und ein Romantiker noch dazu.“ Jeremy seufzte.

„Wie hat er dich entjungfert?“, fragte Jean, bevor er fortfahren konnte und Jeremy blinzelte.
„Wie?“, echote er und räusperte sich dann verlegen, rieb sich über seinen Nacken.
„Also…eeh… naja. Wir hatten beide keine Ahnung von Sex, also haben wir viele Dinge zusammen gelesen und haben sie dann ausprobiert.“
Jeremy ließ es dabei bewenden, in der Hoffnung, dass Jean nicht weiter nachhakte, doch da hatte er die Rechnung ohne den sprichwörtlichen Wirt gemacht.

Müde zwar, aber hochgradig aufmerksam ruhten die grauen Augen auf ihm und warteten auf eine Antwort.
„Wir sind nicht sofort beim Analsex gelandet, sondern haben uns gegenseitig befriedigt und einen geblasen. Wir haben uns aneinander gerieben und mal vorsichtig ausprobiert, wie es denn wäre, es auch anal zu tun.“ Jeremy lächelte und verschränkte nervös seine Finger ineinander. Er wusste nicht, ob das, was er sagte, Jean wirklich von den Erinnerungen ablenkte oder ob er ihn nicht noch tiefer in das dunkle Moloch namens Evermore stürzte.

Bisher sah es nicht so aus, aber Jeremy war lieber vorsichtiger.

„Nach Monaten haben wir es dann ausprobiert und es hat uns gefallen. Also uns beiden…sowohl als auch.“
Überraschung kolorierte Jeans Züge. „Du hast auch…?“, fragte er mit genau dem Ton an fassungsloser Überraschung, der Jeremy dann doch die Röte aufs Gesicht trieb.
„Na klar“, murmelte er. „Sicherlich. Ich wollte es ja ausprobieren. Also sowohl den aktiven als auch den passiven Part. Oder oben und unten. Oder wie man es auch immer nennen möchte.“
Jean runzelte die Stirn. „Aktiv und passiv?“
„Gebend und empfangend, oder etwas vulgärer ausgedrückt: derjenige, der fickt und derjenige, der gefickt wird.“

Damit schien Jean etwas anfangen zu können und er nickte.

„Hier am College habe ich dann Mohammed kennengelernt, kurz Mo. Er ist bisexuell und wir haben es ein Jahr miteinander ausgehalten, bis er sich Hals über Kopf in eine Kommilitonin verliebt hat.“ Jeremy seufzte. „Er hat mit mir Schluss gemacht und seitdem bin ich lose mit Allan verbandelt.“
„Was bedeutet das?“
„Dass wir uns treffen, wenn wir Zeit haben und miteinander Spaß haben ohne eine feste Bindung einzugehen. Ich mag ihn und ich finde ihn toll, er wäre aber nicht mein Beziehungsmensch. Dafür ist er viel zu egofixiert und in seiner Berufung verhaftet. Es ist okay so, wie es ist.“

Jean starrte ihn an, als würde er noch etwas erwarten, doch Jeremy konnte sich beim besten Willen nicht erklären, was genau und warum. Das war ein Kurzabriss seines Liebeslebens gewesen und mehr gab es da auch nicht zu erzählen.

Dachte er.

Jean schien da anderer Meinung zu sein. „War es schmerzhaft, das erste Mal?“

Jeremy konnte sich nur mit Mühe von einem Zusammenzucken abhalten. Dass es ihn heiß und kalt durchlief, konnte er allerdings nicht verhindern. Die Frage war derart sensibel, dass er Angst hatte, auch nur den Mund aufzumachen. Was, wenn er Jean triggerte? Was, wenn er damit etwas anstieß, das er nicht bewältigen konnte?
Jeremy nahm all seinen Mut zusammen und lächelte dann versichernd. „Nein, das war es nicht. Es war ungewohnt. Wir haben uns Zeit gelassen und viel ausprobiert, viel erfühlt. Wir haben auch viel gelacht, weil es alles so neu war und wir in guten Teilen unbeholfen waren. Und auch ein bisschen geflucht. Am Ende war es nicht der beste Sex meines Lebens, aber es war ein guter Anfang, der Lust auf mehr gemacht hat.“

Vorsichtig musterte Jeremy Jean, dessen Augen ohne Regung auf ihm lagen. Das Gesicht war bar jeder Emotion und die Lippen fest verschlossen. Ob seine Worte überhaupt Gehör gefunden hatten, wusste Jeremy in diesem Moment nicht.

Es dauerte, bis Jean eine Regung zeigte. Schließlich waren es seine Finger, die zuckten und sich tiefer in den Pullover gruben.
„Jean, es tut mir leid, was dir passiert ist“, murmelte Jeremy leise und sein Gegenüber schnaubte beinahe unhörbar.
„Ich brauche kein Mitleid für Dinge, die vor Jahren passiert sind.“
Jeremy ergriff die Vorlage mehr als dankbar. „Dann sag mir, was du mehr brauchst als Mitleid, Jean, und du bekommst es.“

Jean atmete langsam aus und löste sich langsam aus seiner zusammengerollten Position. Er drehte sich auf den Rücken und streckt seine Beine aus. Seine Finger krochen aus den Ärmeln des Hoodies.
„Normalität. Und Informationen, wie es eigentlich ist“, sagte er knapp.
Ja, damit konnte Jeremy dienen. Er konnte Jean halbe Romane zu seinem Leben erzählen, wenn der andere Junge es wollte. Nachdenklich runzelte er die Stirn. „Das bekomme ich hin, auch wenn ich befürchte, dass ich manchmal zu sehr ausschweife. Ich beantworte es dir gerne und wenn du mal eine andere – vielleicht kürzere -  Meinung dazu haben möchtest, dann kannst du sicherlich auch Andrew und Neil fragen, oder?“
Jean schnaubte und es klang wie ein verzweifeltes Lachen. Lakonisch ruhten die grauen Augen auf Jeremy, mit mehr Bewusstsein in ihnen, als er in den vergangenen Stunden gezeigt hatte.

„Ich bin für mein Leben schon traumatisiert genug…danke“, erwiderte er spöttisch und Jeremy fand nicht die Beherrschung in sich, das Schmunzeln aufzuhalten, welches Jeans offenem Lächeln begegnete. Ganz und gar nicht.
„Also ich finde die Beiden süß zusammen“, sagte er eigentlich nur aus dem Grund, um Jean noch eine Reaktion zu entlocken.

Die bekam er und Jeremy musste nun offen lachen, als der andere Junge sich unter einem tiefen Grollen von ihm wegdrehte und sich sein Kissen über den Kopf stülpte.

Er verstand keins der französischen Worte, die unter dem Kissen hervordrangen, doch das war auch nicht so wichtig. Absolut nicht.


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Wird fortgesetzt.
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