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Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
13.06.2020
04.06.2021
60
373.263
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14.06.2020 4.714
 
„Jean…?“

Soviel Sorge hatte er das letzte Mal in Renees Stimme gehört, als sie ihn aus dem Nest geholt hatte. Sie nun in schlaftrunkener und verwirrter Form zu hören, irritierte ihn so sehr, dass es ihn von der aufkommenden Panik ablenkte, die ihm einflüsterte, diesen Raum sofort zu verlassen. Die Gegenwart des Kapitäns war nicht sicher, nicht, wenn er seine Haare sah und auf den Gedanken kam, ihm die verbliebenen herauszureißen.

Stocksteif verharrte er mit seiner Kleidung auf dem Arm und konnte nicht anders, als Knox in die Augen zu starren. Es war unhöflich und unangebracht, doch er musste wissen, was als Nächstes kam. Er musste wissen, was der andere Junge vorhatte, um sich dagegen zu wappnen.

„Oh Gott…“

Mit Horror sah Jean, dass Knox seine Decke zurückschlug und die Beine auf den Boden stellte. Er trug nur eine Boxershorts, fiel Jean auf und das machte die Situation hier in keinem Fall besser. Knox machte auch keinerlei Anstalten, sie zu verbessern, als er sich erhob und einen Schritt auf ihn zutrat. Jean strauchelte ungelenk zurück und stieß mit dem Rücken an den Schrank, der seinen Griff genau in die noch verheilende Wunde bohrte, die Riko ihm mit einem Messerstich zugefügt hatte. So sehr Jean den Schmerz auch gewohnt war, so sehr überraschte ihn dieser in seiner jetzigen Situation. Ungewollt stöhnte er auf und verkrampfte sich.

Ein Gutes hatte das, ließ es doch Knox innehalten.

„Jean, deine Kopfhaut…deine Haare. Du musst zu einem Arzt“, drangen Worte an seine überreizten Ohren, die er so im Leben nicht erwartet hatte. Zu einem Arzt? Wegen seinen Haaren? Irritiert maß Jean den Jungen, der mit hilflos geöffneten Händen vor ihm stand und seinen Blick nicht von der Katastrophe lösen konnte.
„Es verheilt“, presste er hervor, bevor Knox auf dumme Gedanken kommen konnte. „Es wurde schon versorgt. Im Haus der Krankenschwester. Nach… nach Evermore.“ Ungelenk und hastig entkamen die Worte, die so wichtig waren, seinen Lippen und er hoffte, dass es reichte.

Das tat es, auch wenn es dem Entsetzen auf dem Gesicht seines neuen Kapitäns keinen Abbruch tat. „Nach…Evermore?“, echote Knox langsam und Erkenntnis dämmerte ihm. Wer auch immer Knox gebrieft hatte, was ihn betraf, hatte anscheinend wesentliche Dinge ausgelassen, allen voran, warum er überhaupt von dort entführt worden war. Jean schluckte schwer. Er konnte das nicht erklären. Er brachte die Worte nicht über die Lippen, die das beschrieben, was Riko ihm angetan hatte.

„Es ist egal“, wiegelte Jean ab, in der Hoffnung, dass Knox es tatsächlich sein lassen würde, ihn mit seinen Fragen, Blicken und mit seiner Sorge zu belästigen. Er wollte nur in Ruhe duschen und sich umziehen.
Für einen Moment sah es so aus, als würde Knox diskutieren wollen. Für einen Moment öffnete er seinen Mund, hielt ihn offen und runzelte die Stirn. Doch dann glättete sich die steile Falte und er verschloss die Lippen. Er lächelte wieder sein freundliches Lächeln, das Jean ihm in diesem Augenblick am Liebsten aus dem Gesicht geschlagen hätte, weil es so unverdient war. Nichts an dieser Situation war zum Lächeln.

Nichts.

„Okay.“ Ein schlichtes Wort, das alles und nichts hieß. Jean grollte innerlich. Und okay war auch nichts.
„Darf ich ins Bad?“, fragte er und Jeremy nickte nachdenklich. Erleichtert, dass er zumindest jetzt so ungeschoren davongekommen war, floh Jean in den kleinen Raum und machte sich an die zermürbende Aufgabe, sich auszuziehen, zu duschen, seine Haare zu waschen und die Pflaster zu wechseln. Was genau davon er am Meisten hasste, konnte er nicht sagen.


~~**~~


Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete Jeremy seinen neuen Mitbewohner, wie dieser am Küchentresen saß und auf seinen Teller starrte, auf dem sich noch der Rest des Rühreis befand, das Jeremy für sie beide zubereitet hatte. Die Kanne Kaffee, die neben ihm stand, wurde bisher nicht angerührt, auch wenn Jean hin und wieder einen Blick auf sie warf. Etwas in ihm sagte Jeremy, dass er sie nicht anrühren würde, bevor er ihm nicht Kaffee angeboten hatte und das reihte sich nahtlos in eine Ansammlung von Eindrücken ein, die ihm eiskalte Schauer über den Rücken jagten.

Jean hatte heute Morgen solche Angst vor ihm gehabt, dass er vor ihm zurückgewichen war. Insbesondere mit den stellenweise ausgerissenen Haaren, die sich in kahlen Stellen auf dem sonst dunkelbraunen Schopf bemerkbar machten und mit der gestrigen Attitüde des ehemaligen Ravens ließ es Jeremy sich unweigerlich fragen, was geschehen war um den Transfer der also so hingebungsvoll bekannten Nummer drei auszulösen. Interne Streitigkeiten waren es jedenfalls nicht nur und er war versucht, zu seinem Handy zu greifen und Kevin zu schreiben, der ihn anscheinend nur mit dem Nötigsten versorgt hatte.

Wie zum Beispiel, dass Jean nicht alleine sein konnte.

Die Frage war, inwieweit das nicht im krassen Gegensatz zu dem stand, was der Junge, der schweigend hinter ihm saß, von ihm dachte. Ob die Angst, die er gesehen hatte, sich nicht in einer Art paradoxer, toxischer Bindung äußerte, die er anscheinend auch zu Riko gehabt hatte. Jeremy atmete tief durch und drehte sich um.
„Warum hast du Angst vor mir, Jean?“, fragte er ungelenk und etwas zu laut, was ihm ein überraschtes, graues Augenpaar einbrachte. Jean trug eine Beanie, ein leichtes, graues Ding, das zu seinen Augen passte und seine scharf konturierten Gesichtszüge hervorhob. Es machte ihn unverschämt attraktiv, auch mit der bleichen Haut, den tiefen Augenringen und den offensichtlich gerade erst verheilten Schnitten im Gesicht.

Jeremy erhielt keine Antwort auf seine Frage, nur das, was er in der Dämmerung des heutigen Morgens bereits schon einmal gesehen hatte: aufkommende Panik, die er alleine mit seiner Frage hervorgerufen hatte. Er wusste nicht warum und womit und das zerrte an seinen Nerven.
„Hör zu, wenn ich dir mit irgendetwas Angst einjage, dann sag mir das bitte. Ich möchte nicht, dass du dich vor mir fürchtest, ich möchte, dass es dir gut geht hier. Nachdem… was auch immer in Evermore passiert ist.“ Jeremy stockte einen Moment lang, ließ seine Worte wirken. „Und was auch immer es ist, was dort passiert ist, du kannst jederzeit mit mir darüber sprechen, falls du jemanden zum Zuhören brauchst.“

Jeans Gesichtsausdruck sagte, dass er gerade ebenso gut hätte Chinesisch sprechen hatte, es wäre auf das gleiche Verständnis gestoßen. Die Fragen, die sich hinter der hohen Stirn auftürmten, konnte er beinahe bildlich sehen, die Ablehnung, eben jene die schmalen Lippen passieren zu lassen, ebenso.
Geduld war nicht Jeremys Stärke und Schweigen ebenso wenig, doch sein Instinkt gebot ihm, beides zu trainieren und Jean die Zeit zu geben, die er für eine Antwort brauchte. Sekunden verstrichen. Aus diesen wurden Minuten. Endlos lange, quälende Minuten, in denen sie sich nur anstarrten, blinzelten und schwiegen. Wenn Jean ihn nicht beharrlich angestarrt hätte, hätte Jeremy geglaubt, dass er ignoriert wurde.

Ein drittes Mal versuchte er es. „Bitte sei ehrlich zu mir, Jean.“

Eben jener senkte seinen Blick und seine Hände verschränkten sich auf seinem Schoß.
„Du bist der Kapitän“, erläuterte er, als würde das alles erklären. Jeremy legte den Kopf schief.
„Das bin ich“, bestätigte er.
„Dir gehört zusammen mit Coach Rheman das Team.“
Der Ausdruck ließ Jeremy die Stirn runzeln, doch er schwieg, jetzt, da Jean sich anscheinend dazu entschlossen hatte, sich ihm mitzuteilen.
„Deine Art, Befehle zu geben, unterscheidet sich von grundlegend von Rikos. Ich weiß nicht, wie ich ihnen am Besten folgen soll, wenn du sie wie Vorschläge formulierst.“

Wie ein Donnerschlag hallten die Worte des ehemaligen Raven durch die stille Küche und Jeremy spürte Hitze in sich aufsteigen. Fieberhaft versuchte er, sich daran zu erinnern, wann er Befehle erteilt hatte und kam zu keinem schlüssigen Ergebnis. Warum sollte er auch? Sie waren gleichberechtigt und ihr Trainer behandelte sie mit Respekt.
Niemand stand über jemand anderem.

„Haben Riko und dein ehemaliger Trainer in Evermore Befehle gegeben?“, fragte er sanft und Jean nickte.
„Gehörte ihnen das Team?“ Wiederum bejahte Jean das.
„Wie hat sich das geäußert?“
„Sie haben gesagt, was zu tun war und bei Fehlverhalten entsprechende Strafen ausgeteilt.“
„So wie Extrarunden laufen?“ Es war ein Testballon, denn Jeremy ahnte bereits, dass die Strafen in Evermore weitaus schlimmer waren als ihre eigenen.
„In der Art.“
„War das mit deinen Haaren auch eine Strafe?“
Jean nickte und es brach Jeremy ein Stück weit das Herz. Das war keine Strafe. Das war Folter. „Jean, das ist Körperverletzung. Er hatte kein Recht dazu, dir das anzutun.“
„Doch hatte er. Ich gehöre…gehörte ihm. So wie ich jetzt dir gehöre.“

Die ergebene, bittere Selbstverständlichkeit, mit der Jean Ungeheuerlichkeiten von sich gab, war erschütternd. Wortlos und entsetzt starrte Jeremy in das seitliche Profil des Backliners und begriff in diesem Moment, dass er noch nicht einmal die Spitze des Eisberges kannte, der Evermore darstellte. Kein Mensch konnte einen anderen Menschen besitzen, das war schlicht unmöglich. Das war abartig und mittelalterlich. Und in keinem Fall war es das, wofür die USC stand.

Langsam löste sich Jeremy von der Anrichte und noch viel viel langsamer kam er zu Jean. Er sah an der aufkommenden Anspannung, dass der Andere nur auf Gewalt wartete und langsam ahnte Jeremy auch warum. Er würde allerdings den Teufel tun und die Erwartungen des Jungen erfüllen. Niemals. In Zeitlupe ließ er sich auf seine Knie nieder, eine Position, die ihn unweigerlich kleiner machte als Jean, der auf dem hohen Barhocker saß. Von hier aus konnte er jedoch in das gesenkte Gesicht sehen und seine Hand mit aller gebotenen Vorsicht auf die des Backliners legen, die sich in dessen Oberschenkel gekrallt hat. Die Finger unter seinen zuckten, entzogen sich seinem Griff aber nicht.

Jeremy räusperte sich. „Du gehörst mir nicht. Du gehörst auch nicht unserem Coach oder dem Team. Du gehörst zu unserem Team. Ich schwöre dir, dass keiner dir hier wehtun oder dich körperlich angehen wird, Jean. Du hast ein Recht darauf, dass es dir gut geht, wie jeder andere Mensch auch. Du hast ein Recht auf eigene Entscheidungen und auf eigene Wünsche. Niemand hier wird dir Befehle geben und dich dafür strafen, wenn du etwas nicht so machst, wie der Coach oder ich es vorschlagen oder wünschen. Wir diskutieren, wir strafen nicht.“

Jean sah ihn nicht an, aber er wusste, dass seine Worte gehört worden waren. Es zerbrach ihn innerlich gerade noch ein Stück mehr, als er sah, wie die breiten Schultern zitterten, auch wenn er in der nächsten Sekunde erschrocken zurückfuhr, als er sah, dass es Amüsement war, was das Zittern auslöste. Jean lachte, doch es waren keine fröhlichen Laute, die seine Lippen verließen. Er hob den Blick und Jeremy begegnete eiskalten, hasserfüllten Augen, die sich in all ihrer Intensität schier in ihn hineinbrannten.

„Selten so einen Bullshit gehört“, zischte Jean und entzog ihm seine Hand. Abrupt erhob er sich und warf dabei den Barhocker um. Mit höhnischem Spott sah er auf Jeremy herab. „Du kannst mit deinem humanistischen Dreck aufhören. Ich weiß, dass du lügst, du brauchst mir nichts vorzuheucheln.“
Tumb starrte Jeremy den hasserfüllten Worten entgegen, unfähig zu reagieren oder darauf zu antworten. Er wollte widersprechen, wusste aber nicht wie er gegen diese Überzeugung, diese Indoktrinierung ankommen sollte, die die Ravens anscheinend in dem Jungen hinterlassen hatten.

Unter Jeans brennender Verachtung erhob Jeremy sich und verschränkte die Arme. „Wenn du das glaubst, warum bist du dann hier?“, fragte er mit bemühter Ruhe und Jean zischte verächtlich.
„Weil ich keine Wahl habe.“
War es wirklich so? Fühlte er sich dazu gezwungen? Wollte er gar nicht hier sein? Das würde einiges erklären, auch wenn sich vieles davon Jeremys Verständnis entzog. Ohne Bosheit deutete er hinter sich. „Die hast du. Da ist die Tür. Es steht dir frei zu gehen, wenn du nicht hier sein willst. Ich halte dich nicht auf und ich möchte nicht, dass du in irgendeiner Form unglücklich mit dieser Entscheidung bist.“

Er musste etwas absolut Verachtenswertes gesagt haben, so wie Jean die Zähne wie ein tollwütiges Tier fletschte und einen Schritt auf ihn zutrat. Unwillkürlich wich Jeremy vor ihm zurück. Gerade jetzt in diesem Augenblick wurde ihm schmerzlich bewusst, um wieviel größer der Andere war und wieviel mehr Erfahrung er mit Gewalt haben musste. Jeremy konnte da nicht mithalten, ihm war manches Mal schon die Gewalt, wie sie in ihrem Sport ausgeübt wurde, zuviel. Er wollte sich mit niemandem schlagen. Er wollte auch nicht geschlagen werden. Im Moment standen seine Chancen dazu anscheinend nicht gut und mit schmerzlicher Angst wurde er sich bewusst, dass sie alleine im Haus waren.

„Jean, hör auf, du machst mir Angst“, presste er hervor und mehr als alles Andere zuvor ließ das die Aggression des Ex-Ravens von diesem abfallen. Die breiten Schultern senkten sich und der starre, hasserfüllte Blick wurde ruhiger, wenngleich auch nicht weniger ablehnend. Es war Jeremy aber immer noch zuviel, die Präsenz des Anderen zu bedrohlich, als dass er nun zur Tagesordnung zurückkehren konnte.

Mit dem Blick auf Jean trat er in den Flur zurück und schlüpfte in seine Sandalen. Ebenso blind griff er nach dem Auto- und Wohnungsschlüssel, der in der Schale lag, die ihm seine Mutter zum Einzug geschenkt hatte.
„Ich komme wieder…später…“, sagte er unnötigerweise, wie er befand und öffnete die Tür. Erst, als er sie hastig hinter sich geschlossen hatte, fing er an zu laufen, die Treppen hinunter bis zu seinem Wagen. Erst, als er den Wagen startete und den Campus verließ und Jean nicht im Rückspiegel sah, wurde er ruhiger, weniger flatterhaft.

Als er sich durch den morgendlichen Verkehr in Richtung Del Rey Lagoon schlängelte und die Musik auf laut drehte, konnte er auch die letzten Fäden der Angst abschütteln, die ihn noch in ihrem Griff gehalten hatten. Als er seinen Wagen parkte, hinunter zum Strand ging und sich in die von der morgendlichen Sonne beschienen Wellen besah, war Jeremy in der Lage, das Ganze ohne Zurück zu schrecken Revue passieren zu lassen vor seinem inneren Auge.

Er war in der Lage, sich auf die Fragen zu besinnen, die momentan am Wichtigsten waren. Die Frage, ob Jean eine Gefahr für sein Team war, hatte dabei oberste Priorität. Wenn dem so wäre, dann würde der Ex-Raven noch bevor er sein erstes Training mit ihnen hatte, zurückfliegen. Niemand vergriff sich an seinem Team und er würde mit Sicherheit keine Raven-Methoden und Einschüchterungsversuche bei den Trojans dulden.
Jeremy griff sich einen der kleinen Kiesel und warf ihn in die Fluten, die unweit von ihm an den Strand brandeten. Frustriert setzte er sich auf den warmen Sand, der sich unter seinen Händen so fein anfühlte.

Wenn er es sich ehrlich eingestand, machte ihn die Situation wütend. Kevin hatte ihn angerufen und ihn darum gebeten, ihm zu helfen. Kurz und knapp hatte er die Situation geschildert, dabei anscheinend alle wichtigen Details ausgelassen und ihn so in Probleme gestürzt, die er nicht vorausgesehen hatte. Problemlösungen waren Jeremys Stärke, schon immer gewesen, doch auch er hatte Grenzen. Wenn es bereits am zweiten Tag ihres Zusammentreffens so eskalierte, dann sah er schwarz für die Zukunft.

Jeremy zog sein Handy hervor und entsperrte es. Mit zusammengebissenen Zähnen rief er Kevins Kontakt auf und wählte dessen Nummer. Es klingelte viermal, bis er abnahm und Jeremy auf Videotelefonie umschaltete.
„Hey“, grüßte er und wurde keine zehn Sekunden später von Kevins Konterfei begrüßt.
„Hey, Jer.“
Jeremy lächelte, wie er wusste, etwas gezwungen. „Alles gut bei euch?“
„Schreckliche Trainingseinstellung wie immer. Bei euch?“
„Noch gar keiner da zum Trainieren.“

Dass Kevin das ein Stirnrunzeln entlockte, war Jeremy klar und er provozierte es gerne. Kevin war in der Hinsicht ein sehr einfacher und fokussierter Geist. Über Exy kam nichts, rein gar nichts und wehe, jemand sah das nicht so wie er. Wie er es mit seiner Einstellung geschafft hatte, so weit oben in Kevins Rangliste zu sein, war Jeremy bis heute ein Rätsel.  
„Sitzt du deswegen faul am Strand, anstelle dich mit Drills fit zu halten?“
Jeremy schnaubte und hob bedeutungsschwanger seine Augenbraue.
„Ist Jean bei dir?“, fragte Kevin nach einigen Sekunden Stille und Jeremy schüttelte den Kopf. Er seufzte.
„Er ist im Wohnheim und… wir hatten einen Streit.“
Überrascht hob Kevin die Augenbrauen und lehnte sich vor, was sein Gesicht beinahe komisch vergrößerte. „Einen Streit? Du mit ihm? Wie hast du das denn geschafft?“

Jeremy erzählte ihm alles, was geschehen war, wie Jean und er sich verhalten, was sie gesagt hatten. Er erzählte ihm von seinen Befürchtungen und von den Konsequenzen, die ein solches Verhalten an der USC für Jean haben würde. Kevin nahm das alles mit unbewegtem Gesicht zur Kenntnis und selbst, als Jeremy schon lange fertig war, schwieg er mit zusammengekniffenen Lippen.
„Jean würde dich niemals angreifen“, sagte er schließlich. „So wurde er nicht erzogen.“
„Das sah da aber anders aus.“
„Ich glaube dir das. Aber er… er wurde so nicht erzogen.“
„Das sagtest du schon.“
„Riko hat ihm das ausgetrieben“, spezifizierte Kevin schließlich und Jeremy hob überrascht die Augenbrauen.
„Was?“
„Als er nach Evermore kam, war das nicht freiwillig. Er diente zur Begleichung einer Schuld, die seine Eltern hatten. Sie haben ihn dort zurückgelassen, als er elf war.“

Geschockt starrte Jeremy sein Telefon an, in der fahlen Hoffnung, sich verhört zu haben. Die Begleichung einer Schuld? Das würde Jeans Fixierung auf den Terminus Besitz erklären und warum er sich so sah. Bei den Ravens war er nichts Anderes als das gewesen, die Begleichung einer Schuld.
„Das ist Menschenhandel. Das ist verboten“, wisperte er und Kevin schnaubte.
„Das interessiert in gewissen Milieus niemanden, Jer und du tust gut daran, da deine Nase nicht reinzustecken. Es hat bis jetzt niemanden interessiert und er ist auch nur noch am Leben, weil Renee ihn da rausgeholt hat. Riko hätte ihn sonst umgebracht und auch das hätte niemanden interessiert. Jer, Riko hat ihm Dinge angetan, die du dir noch nicht einmal in deinen schlimmsten Träumen vorstellen kannst. Nicht nur er, auch der Trainer. Gleich von Beginn an und das endete erst vor zwei Monaten.“

Gewaltsam schluckte Jeremy. Er hatte das Gefühl, dass er mit jedem Wort, was Kevins Mund verließ, hilfloser wurde. Elf Jahre alt war Jean gewesen, als seine Eltern ihn hier ausgesetzt hatten. Neun Jahre war er in der Gewalt Evermores gewesen und er mochte sich nicht ausmalen, was genau geschehen war. Wie abartig war das? Wie absolut ekelhaft und menschenverachtend?
„Wenn du das alles weißt, warum ist er dann nicht bei dir und den Foxes? Du bist sein Freund…jemand, dem er sicherlich vertraut.“
Kevin schnaubte verächtlich. „Nein, bin ich nicht. Wenn jemand nicht sein Freund ist und kein Recht hat, sich so zu nennen, dann bin ich das. Deswegen habe ich dich um Hilfe gebeten. Du, dein Team, euer Trainer, ihr seid gut. An euch ist nichts Verdorbenes, nichts Schlechtes. Wenn ihm jemand helfen kann zu heilen und ihm zu zeigen, dass es ein Leben gibt, dann ihr.“
„Ist er freiwillig bei uns?“
„So freiwillig, wie es jemand ohne freien Willen sein kann.“

Jeremy runzelte die Stirn, während er die Worte des Anderen in seinen Gedanken hin und herschob, bis sie Sinn machten. Eine Frage hatte er jedoch noch. „Warum hast du mir das nicht sofort gesagt?“
Kevin schüttelte den Kopf. „Ich hätte es dir gar nicht gesagt, weil ich kein Recht dazu habe, diese Geschichte zu erzählen. Ich möchte nur nicht, dass du den falschen Eindruck von Jean hast, deswegen habe ich dir das überhaupt erzählt. Er verdient eine Chance.“
Langsam und bedächtig nickte Jeremy. „Okay. Ich spreche mit ihm. Wäre doch gelacht, wenn der geballte Charme der Trojans ihn nicht kleinkriegt.“

Es war als verzweifelter Witz gedacht, aber Kevin war weit davon entfernt zu lachen. Im Gegenteil. Der feine Tränenfilm, den Jeremy in seinen Augen sah, war verstörend.
„Mit elf war er ein freundlicher Junge, der verzweifelt vor Heimweh seine Krallen ausgefahren hat, weil es das Einzige war, was ihm in einem fremden Land geblieben ist. Riko hat das gebrochen… nachhaltig. Den Widerstand und die Freundlichkeit. Er versteht das Konzept von Freundlichkeit und Zuneigung nicht mehr und denkt, dass es nur dazu dient, ihn zu brechen. Seid vorsichtig mit dem, was ihr tut und wie ihr es tut.“

Schweigend nickte Jeremy und zuckte überrascht zusammen, als das Handy am anderen Ende der Leitung verwackelt den Besitzer wechselte und plötzlich einer der Minyard-Zwillinge auf dem Bildschirm auftauchte. Er war sich nie sicher, mit welchem von beiden er es zu tun hatte und konnte nur anhand des Gesichtsausdrucks raten, dass es sich vielleicht um Andrew handelte.
„Gib mir mein Handy wieder, Arschloch“, grollte Kevin im Hintergrund, das traf jedoch auf wenig Gegenliebe.
„Du hast den Idioten also zum Heulen gebracht“, sagte Minyard in seiner klassischen, sonoren Stimme, die latent gelangweilt klang. Eine Falle, mochte Jeremy meinen, denn die subtile Drohung, die in der simplen Feststellung mitschwang, ließ Jeremy einen Schauer über den Rücken laufen.
„Hat er nicht!“
Hatte er schon, aber das behielt Jeremy klugerweise für sich. „Kann ich etwas für dich tun, Minyard?“, hielt er sich lieber an den Nachnamen, bevor es dann doch Aaron war.
„Nein. Und jetzt geh zurück zu deinem Wohltätigkeitsprojekt.“

Irritiert starrte Jeremy den Bildschirm an und wartete auf eine weitere Erklärung, die aber nicht folgte. Dafür wurde er mit einer Beendigung des Telefonats belohnt. Überrascht schnaufte Jeremy. Minyard, wie er leibte und lebte. Langsam ließ er das Handy sinken und starrte auf das sonnige, sommerliche Meer, das glitzernd vor ihm lag. Los Angeles, L.A., das war Lebensfreude pur. Es war Sonne, Wärme, freundliche, warmherzige Menschen. L.A. war der Puls, der ihn am Leben erhielt mit all seinen Facetten. Niemals in seinem Leben hatte er Repressionen kennengelernt, immer war er mit Liebe überschüttet worden und hatte gelernt, sie freigiebig weiter zu geben.

Es war für ihn unvorstellbar, dass es Menschen gab, hier, in den USA, denen dieser Lebensfunken vorenthalten wurde. Es schmerzte ihn bis tief in seine Seele hinein, dass dem so war und das, was er von frühester Kindheit durch seine Eltern mitbekommen hatte, schlug nun durch. Er wollte helfen. Er wollte heilen, was zerstört worden war.

Jeremy atmete tief ein und erhob sich, eingedenk der Tatsache, dass Jean nicht gut alleine sein konnte. Entschlossen klopfte er den Sand von seiner Trainingshose. Er ließ den Strand hinter sich und ging zurück zu seinem Wagen, der ihn wie gewohnt alt und protestierend durch die Straßen brachte. Der Verkehr war dichter geworden, so brauchte Jeremy länger, als es ihm wirklich lieb war, bevor er erneut auf den Parkplatz der Uni fuhr und das alternde Ungetüm abstellte. Die Schultern straffend stieg er aus und legte die letzten Minuten zu ihrem Wohnhaus beinahe so schnell zurück wie auf dem Hinweg. Das bewahrte ihn aber nicht davor, dass er für geschlagene fünf Minuten vor der Tür ihres Apartments stand und nichts tat, plötzlich unsicher. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich dann doch überwand und den Schlüssel ins Schloss steckte. Vorsichtig öffnete er die Tür, gewappnet für all das, was da kommen mochte. Für einen neuen Konflikt, den er mit einer Sturheit durchstehen musste.

Dass der Junge, der ihm gegenüber noch vor Stunden Aggressionen gezeigt hatte, nun auf dem Boden des Apartments kniete, die Stirn auf den Küchenfliesen, die Hände vor sich flach auf dem Boden ausgestreckt, dafür war er am Geringsten gewappnet gewesen. Jeremy hatte diese Pose zu oft in diversen Filmen gesehen, als dass er nicht auf Anhieb erkennen würde, dass sie ein Zeichen der absoluten Unterwerfung war.
Jeremy wusste, dass er sich bewegen musste. Er wusste, dass er hier eingreifen musste, doch er konnte sich nicht von der Stelle bewegen. Seine Augen blieben an den Fingern hängen, die seltsam krumm waren, geradeso, als wären sie mehrfach gebrochen gewesen. Sechs Finger sahen so aus. Jeremy riss sich von dem Anblick los, was sich als Fehler entpuppte.
Jean hatte seine Mütze abgenommen, was alleine ihm schon Übelkeit erzeugte. Der Junge präsentierte ihm seine Haare, die lädierte Kopfhaut, lud ihn dazu ein, ihn damit zu strafen. Der Anblick und die Implikation dessen waren fürchterlich.

Nun war es Jeremy, dessen Augen brannten. Stumm weinte er die Tränen, die er in Kevins Augen gesehen hatte und wischte sie sich schließlich unwirsch weg. Das war jetzt nicht wichtig. Jeremy befreite sich aus seiner Starre und Schritt um Schritt kam er zu Jean. Unweit von ihm setzte er sich auf den Boden und legte erneut zaghaft seine Hand auf die malträtierten Finger, Kevins Worte wie Leuchtfeuer in seinen Gedanken.
Jean zuckte brachial zusammen und seine Atmung beschleunigte sich, doch er blieb in der Pose. Es war erniedrigend und an Jeans Statt fühlte Jeremy diese Erniedrigung wie Säure in sich, das ihn verzehrte.

„Du magst es mir zwar jetzt vielleicht noch nicht glauben. Vielleicht auch nicht in einer Woche, einem Monat oder in sechs Monaten. Aber ich werde dich nicht strafen. Ich werde dich weder körperlich angehen noch die schlagen noch dir andere Dinge antun. Ich werde dir auch keine Befehle erteilen, denn so funktionieren die Trojans nicht. Wir sind ein gleichberechtigtes Team, keine Diktatur und wir kümmern uns umeinander. Wir sorgen füreinander und du bist nun Teil dieses Teams, also sorgen wir auch für dich. Wenn du das möchtest, heißt das. Wenn du gehen möchtest, dann werde ich dich dabei unterstützen, einen Ort zu finden, der dich glücklicher macht als dieser hier. Wenn nicht, wären wir wieder bei dem Chaos, das ich hier in diesem Apartment veranstalte. Und bei unserem Exyfeld, das eigentlich ziemlich cool ist.“

Letzteres war mit einem Lächeln ausgesprochen worden und Jeremy ließ seine Worte erst einmal wirken. Er wusste auch nicht, was er sonst sagen sollte außer unsinnigem Gebrabbel, das Jean vermutlich eher verunsicherte als dass es ihn aufmunterte. Es brauchte seine Minuten, bis das Zittern in der gebeugten Gestalt weniger wurde. Minuten, bis die Atmung sich normalisierte. Jeremy verspürte den überschäumenden Drang, Jean in die Arme zu nehmen, auch wenn er instinktiv wusste, dass das genau der falsche Ansatz sein würde. Weil Riko es ihm verbaut hatte.

„Ich habe dich bedroht“, entkam es schließlich verkrampft und gepresst, unterlegt mit einem schweren, französischen Dialekt. War es die Verzweiflung, die Jeans Muttersprache stärker hervortreten ließ? Mit Sicherheit.
„Bereits vergeben. Auch wenn ich es vorziehen würde, dass das nicht mehr passiert.“
„Ich habe widersprochen.“
„Damit wärst du nicht der Erste und nicht der Letzte. Spätestens, wenn du Laila und Alvarez kennenlernst, wirst du dir vorkommen wie ein Heiliger.“
„Ich habe keinen Ort, an den ich gehen könnte.“

Jeremy seufzte lautlos. „Dann machen wir diesen Ort zum besten Ort, an dem du sein könntest. Wie klingt das?“
„Fürchterlich“, murmelte Jean mehr als dass er es wirklich sagte und Jeremy musste wider Willen schnauben.
„Sind meine bisherigen Kochkünste so schlimm?“, versuchte er ihre Unterhaltung auf eine Ebene zu heben, die humorvoller war, leichter, weniger traumatisch, denn eher alltäglich. Der Schopf aus braunen Haaren schüttelte sich langsam und Jeremy hob die Augenbraue.
„Na los, heb den Kopf, damit ich sehen kann, ob du lügst“, hielt er seinen Ton leicht und spielerisch. Der Erfolg, den er damit hatte, ließ ihn innerlich jubilieren. Zögerlich und langsam kam Jean hoch und kniete nun vor ihm. Er zog seine Hände zu sich auf die Oberschenkel und sah Jeremy direkt ins Gesicht.

Der nicht ganz so namenlose Schrecken, den er dort sah, war ein Schatten sondergleichen, welcher die grauen Augen noch heller machte, als sie eigentlich waren. Neun Jahre Gewalt lagen hinter Jean, neun Jahre in den Händen eines Psychopathen, denn nichts Anderes war Riko Moriyama anscheinend gewesen. Er war sicherlich nicht qualifiziert genug, um mit einem solchen Trauma adäquat umzugehen, aber Jeremy würde seinen eigenen Beitrag dazu leisten, dass Jean wieder lernen konnte, was Freude war.

„Hey.“ Er zog seine Beine zu sich und legte die Arme auf die Knie. „Also. Soll ich uns nun jeden Abend die Käsepampe kochen?“
Der Schrecken, der nun auf das Gesicht des Backliners trat, war weniger ernst, aber genauso ernst zu nehmen. Es war eine der ehrlichen, instinktiven Reaktionen, derer Jeremy nun drei zählte.
„Nicht?“
Jean schüttelte den Kopf.
„Sondern?“
Jean brauchte einen Moment, bevor er sich anscheinend dazu entschloss, dass er ehrlich sein konnte. „Ich mag Lasagne.“ Vorsichtig, als würde er dafür geschlagen, verriet Jean ihm ein Geheimnis, das Jeremy beinahe augenblicklich abspeicherte. Lasagne. Gut. Konnte er ab heute, beschloss er. Zumindest mit Hilfe eines Rezeptes.
„Dann bekommst du Lasagne.“

Jeans Misstrauen war deutlich zu sehen. Nicht heute, nicht morgen, nicht in einer Woche oder einem Monat oder in sechs Monaten, hielt sich Jeremy seine eigenen Worte vor Augen. Irgendwann aber hätte Jean gar keine andere Wahl, als es ihm zu glauben, weil er nichts versprach, das er nicht halten würde.


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Wird fortgesetzt.
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