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Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Alvarez Andrew Minyard Jean Moreau Jeremy Knox Laila Dermott Neil Josten
13.06.2020
30.11.2021
66
423.078
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13.08.2020 5.745
 
Jean saß mit dem Rücken zu ihnen draußen im Garten. So wie Jeremy das sehen konnte, hatte er ein Glas Limonade in der Hand und starrte blicklos in die hohen Bäume, die ihren Schatten auf das Haus warfen. Beinahe schon klein und verloren wirkte er im Angesicht dieser alten Riesen, die mit spielerischer Leichtigkeit mehr Jahre auf dem Buckel hatten als sie alle zusammen.

Er wippte auf einem schlichten Schaukelstuhl leicht hin und her und Jeremy überkam das absurde Gefühl, dass Jean genau hierhin gehörte. In diesen Garten, diesen Stuhl, inmitten dieser Bäume. Und das nicht nur, weil sein Vater an Jeremys Seite stand, unruhig und unsicher, jetzt, da Louis sein Fotoalbum holte.

Das mit den Bildern und Zeitungsartikeln über seinen großen Bruder und über die Foxes.

Aus dem Augenwinkel heraus sah Jeremy, wie der Junge hinaus in den Garten lief, unbeschwert und unwissend zu seinem Bruder. Er ließ sich neben ihn in das Gras fallen und Jeremy war versucht, mit hinaus zu gehen, um Jean zur Seite zu stehen. Doch er blieb, denn sein Instinkt sagte ihm, dass dies einer der Wege war, die Jean alleine gehen musste. Zunächst.

„Sie sind sein neuer Kapitän“, sagte Jeans Vater an seiner Seite und Jeremy wandte den Kopf in die Richtung.
„So ist es“, bestätigte er und wartete, dass der Mann das Gespräch, was er offensichtlich anfangen wollte, auch fortsetzte.
„Ich habe vieles über Sie gelesen und niemand berichtet etwas Schlechtes über Sie und Ihre Mannschaft.“
Damit konnte Jeremy noch viel weniger anfangen und er runzelte die Stirn.
„Was wollen Sie mir damit sagen, Mr. Moreau?“, fragte er ernst nach und wandte sich soweit von Jean ab, dass er seinen Vater in seinem vollen Fokus hatte und diesen seine Wut sehen lassen konnte. Weniger nervös, denn eher mit ruhiger Resignation hielt Mr. Moreau dieser stand.
„Sie sind ein guter Mensch. Sie werden ihm gut tun, auch wenn ich es nicht mehr kann.“

Überrascht hob Jeremy die Augenbrauen und verschränkte die Arme. Selbstverständlich würde er sich bemühen, Jean das Leben zu verschaffen, was dieser verdient hatte. Er würde dafür sorgen, dass dieser die Jahre der Folter vielleicht ein bisschen hinter sich lassen konnte. Jeremy machte sich keine Illusionen darum, dass Jean sie niemals vergessen würde, doch er würde sein Möglichstes tun, ihm genauso viele gute wie schlechte Erinnerungen zu verschaffen.

„Ich hätte ihn nicht weggeben sollen.“

Jeremy nickte ob diesen Eingeständnisses. Damit konnte er konform gehen, sehr sogar.

„Sie haben ihm sehr wehgetan und das über Jahre. Ich hätte das irgendwie verhindern müssen.“ Jedes Wort schmerzte nicht nur Mr. Moreau. Jeremy verspürte bei jeder Silbe einen Stich schmerzhafter Wut in seinem Bauch, der seine eigene Hilflosigkeit nährte. „Ich bin ein Monster, das seinen eigenen Sohn in die Hände von Sadisten gegeben hat, nur weil ich zu feige war, mit ihm wegzulaufen und wie Nathaniels Mutter auch, das Leben für das eigene Kind zu geben.“

Jeremy runzelte die Stirn. „Wer ist Nathaniel“, konzentrierte er sich auf das, was von all dem am Greifbarsten war und ihn nicht zu einer wütenden Replik verleitete. Überrascht maß Mr. Moreau ihn.
„Nathaniel Wesninski.“
„Der Name sagt mir nichts“, wiederholte Jeremy mit mühevoller Ruhe und sein Gegenüber lächelte traurig.
„Sie dürften Nathaniel unter dem Namen Neil Josten kennen.“

Ja, Jeremy kannte Neil Josten. Zumindest glaubte er, den Jungen zu kennen, der plötzlich noch einen ganz anderen Namen hatte. Warum hatte jemand zwei Namen? Doch nur, wenn man etwas zu verbergen hatte, oder? Kam daher der ganze Krieg zwischen ihm und Riko Moriyama, an dessen Ende der Kapitän der Ravens durch einen Selbstmord gestorben war, weil er mit der Schande nicht mehr leben konnte, verloren zu haben?
Jeremy fragte nicht nach. Dies war eine Wahrheit, die Jean ihm geben würde, wenn er denn wollte. Auch wenn es Jeremy bei dem Gedanken daran, dass Neils Mutter für ihn gestorben war, kalt den Rücken herunterlief.

„Neil Josten kenne ich“, bestätigte er deswegen indifferent.

Sie verfielen in unangenehmes Schweigen und Jeremy sah in den Garten hinaus, sah Louis, wie er Jean anscheinend etwas erklärte, was dieser in seinem Buch vor sich sah. Wenn er es auf diese Entfernung richtig interpretierte, dann war Jean nicht mehr so angespannt wie am Anfang. Ruhig hielt er das Glas Limonade zwischen den Fingern seiner linken Hand, während seine Rechte das Buch sorgsam daran hinderte, auf den Rasen zu fallen.

„Bitte sorgen Sie dafür, dass er ein schönes Leben hat“, sagte der Mann an seiner Seite so neutral, dass Jeremy ihm diese Emotionslosigkeit keine Sekunde lang glaubte. Er wandte sich erneut von Jean ab und sah dessem Vater offen und ohne seine Wut dieses Mal zurück zu halten ins Gesicht.

„Einer muss es tun“, grollte Jeremy. „Und dieser Eine waren nicht Sie, wie Sie schon richtig erkannt haben. Als Jean bei uns in L.A. ankam, waren seine Verletzungen, die Riko Moriyama ihm zugefügt hatte, noch deutlich sichtbar. Er hat ihm großflächig seine Haare ausgerissen, er hat ihm mehrere Stichwunden zugefügt und er hat ihn beinahe zu Tode geprügelt. Als er in L.A. ankam, hatte Jean Angst vor mir, weil ich ein männlich und sein Kapitän bin. Er hat sich vor mir auf den Boden gekniet, weil er dachte, dass ich ihn strafen wollen würde. Er wird immer noch von diesen Verbrechern erpresst und weswegen? Weil Sie ihn weggeben haben. Und ja, Ihre Gründe mögen nicht so egoistisch sein, wie man es vermuten könnte, aber Sie haben es dennoch getan und diese Tat sollte Ihnen niemals verziehen werden, wenn es nach mir ginge. Sie haben kein Recht, mich darum zu bitten, ihm Gutes zu tun. Aber ich werde es, weil ich ihn als Menschen sehe, als lebendes Wesen, nicht als Besitz oder als ein Ding, was man verkaufen kann. Ich schätze ihn und wertschätze jedes einzelne Lächeln, zu dem er mittlerweile fähig ist. Ihre Bitte ist also unnötig.“

Mr. Moreau lauschte seinen Worten und verinnerlichte sie, das sah Jeremy. Schweigend wandte er seinen Blick ab und fixierte sich auf seine beiden Söhne.

„Ich liebe ihn. Ich habe ihn immer geliebt“, murmelte er schließlich leise und Jeremy nickte schließlich in Anerkennung dessen. Der gute, weichherzige Mensch in ihm glaubte das und wusste, dass dies keine Lüge war. Für einen Augenblick ließ er Mitleid für den leidenden Mann neben ihm zu. Er versetzte sich in die Lage des Mannes, der seinen Sohn hatte weggeben müssen und der immer wieder versucht hatte, ihn wiederzubekommen. Er versuchte sich vorzustellen, wie es war, festzustellen, dass das eigene Fleisch und Blut jahrelang aufgrund der eigenen Entscheidungen gefoltert worden war und die Schuld, die damit einherging.

„Ich wünschte, Jean hätte niemals seine Familie verloren“, sagte Jeremy schließlich und das war das Zugeständnis, was er gerade machen konnte an sein Mitleid und seine Wut.



~~**~~



Komisch, dass die sachten Bewegungen des Schaukelstuhls Jean eher daran erinnerten, wie er mit Andrew auf der Terrasse der Krankenschwester gesessen hatte als daran, dass seine Familie in Frankreich immer einen Schaukelstuhl gehabt hatte, den er, kaum dass er alt genug gewesen war um zu laufen, für sich in Anspruch genommen hatte.
Jean glaubte nicht, dass es der alte Stuhl war, dafür sah er zu neu aus, aber es saß sich dennoch gut darin und es ließ zu, dass er seine chaotischen Gedanken ordnete, die einfach keinen Sinn ergeben wollten. Seine Gefühle, die es noch viel weniger taten.

Er war hin- und hergerissen zwischen Hass, Verachtung, Trauer und der Sehnsucht danach, die Zeit zurück zu drehen. Er war durchaus in der Lage dazu, zu begreifen, was die Bilder an der Wand und die Worte seines Vaters bedeuteten. Oder das Leuchten in den Augen seines…kleinen Bruders, der ihn ansah, als wäre er die Sonne. Ausgerechnet er und das, obwohl Louis ihn nur aus den Erzählungen seines Vaters kannte.

Unwohl krampften sich Jeans Finger um das Glas Limonade, das er immer noch nicht aufgetrunken hatte, als sich die Tür hinter ihm öffnete. Er wollte sich nicht umdrehen, aus Angst, dass das Monster namens Vergangenheit hinter ihm stand, so blieb er sitzen und hörte schon anhand der schnellen Schritte, dass es nicht sein Vater war. Nein. Viel schlimmer, wenn er seine Nervösität fragte.

„Jean!“
Dem Jungen, der nun neben ihm auftauchte und ihn aufgeregt anstrahlte, war Jean nicht gewachsen, ganz und gar nicht und so war das Lächeln, das er ihm schenkte, gezwungen und nervös.
„Du…“, begann Louis und verzog dann sein fröhliches Gesicht zu einem kritischen Stirnrunzeln, während er ihn anstarrte. „…du bist traurig.“
Jean blinzelte. War es so offensichtlich, was er fühlte oder war er so schlecht darin, seine Gefühle zu verbergen, dass ihn selbst ein siebenjähriges Kind lesen konnte?
„Ich“, begann er und wusste nicht weiter. Er konnte Louis doch nicht die Wahrheit sagen. Wenn jemand unschuldig in diesem ganzen Spiel war, dann er. „Ich habe unseren Vater lange nicht mehr gesehen“, einigte er sich auf das, was am Ungefährlichsten erschien und Louis verstand das beinahe augenblicklich.
„Das würde mich auch sehr traurig machen“, nickte er und Jean rang sich ein minimales Nicken ab.

Louis ließ sich neben ihn ins Gras fallen und legte ihm feierlich ein Buch auf den Oberschenkel. „Duu… ich habe die Fotos von den Foxes und von dir da rein geklebt… magst du es mal gucken?“
Wie konnte Jean dem Jungen diesen Gefallen versagen, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er mit der Situation umgehen sollte? Oder mit seinem jüngeren Bruder, der ihn so selbstverständlich wie ein Familienmitglied behandelte.
Eben jener starrte erwartungsvoll zu ihm hoch und Jean stellte mit einem innerlichen Seufzen seine Limonade auf den Rasen. Sacht nahm er das Buch auf und schlug es auf. Gleich die erste Seite sprang ihn in all ihrer orangenen Pracht an und Danielle Wilds lächelte ihm breit entgegen.

„Sie ist cool! Und sie lächelt so schön“, schwärmte Louis und rückte näher. Jean nickte und blätterte auf die zweite Seite, die sich unter den Bergen an Kleber gewellt hatte und dadurch gleichzeitig eine merkwürdige Festigkeit besaß. Die Zwillinge starrten ihm in all ihrer abweisenden Glorie entgegen und Jean rollte innerlich mit den Augen.
„Sie sind gar nicht groß und doch so gut“, sagte Louis beinahe schon stolz und wenn er gekonnt hätte, hätte Jean diesen Satz eins zu eins an Andrew weitergegeben. Nein, er hätte dafür gesorgt, dass Louis Andrew das ins Gesicht sagte.

Ein Gedanke kam ihm, der so absurd wie fern war. Was, wenn er die Beiden tatsächlich miteinander bekannt machte? Was, wenn er seinen Bruder öfter sah? Konnte und wollte er das überhaupt? Jean war sich nicht sicher. Noch viel unsicherer war er, wenn er an seinen Vater dachte. Konnte er dem Mann öfter als am heutigen Tag unter die Augen treten? Konnte er seine Gegenwart ertragen?
Jean wusste es nicht, wirklich nicht.

Wie es schien, war er einen Moment lang zu unaufmerksam gewesen, denn er hatte nicht mitbekommen, wie Louis aufgestanden war und sich nun auf Augenhöhe mit ihm befand. Jean blinzelte überrascht.
„Los, heb mal das Buch.“
Gehorsam hob er das Heiligtum seines Bruders und dieser nutzte seinen nun freien Schoß, als er zu Jeans Horror gewandt darauf kletterte und es sich auf seinen Oberschenkeln gemütlich machte.

Jean wagte es nicht, sich zu rühren und starrte den Jungen an, als wären ihm drei Köpfe gewachsen, der ein leichtes und doch unüberwindbares Gewicht auf ihm darstellte, das nicht zuließ, dass er sich erhob.
„Das wollte ich schon immer machen! Mit meinem großen Bruder Bilder schauen“, strahlte Louis und ruckelte sich so zurecht, dass er sich bequem seitlich an Jeans Oberkörper anlehnen konnte. Bestimmt nahm er ihm das Buch ab und bettete es nun auf seine eigenen Oberschenkel.

Die menschliche Nähe war nur im ersten Moment ein gewaltiges Problem für Jean. Dann setzte sein logisches Denken ein, das ihm verzweifelt versuchte klarzumachen, dass es ein Junge war, der auf ihm saß, kein Raven. Nicht Riko, der mit seinem Messer immer wieder zustach. Ein unschuldiger Junge. Ohne böse Absichten und ohne ihm etwas tun zu wollen. Ein Junge, der den Kontakt zu seinem großen Bruder suchte.

Jean atmete tief ein und kämpfte in einem Akt störrischen Widerstandes seine Angst nieder.

Louis kannte gar nichts und arrangierte ihn so wie er ihn haben wollte, einschließlich eines um den Jungen geschlungenen Armes. Aufgeregt und glücklich hibbelnd schlug er die nächste Seite auf und erzählte etwas von Josten, das Jean die Möglichkeit gab, sein wild klopfendes Herz unter Kontrolle zu zwingen und sich tatsächlich auf den Jungen zu fokussieren, dessen Worte erst nach und nach wieder Sinn machten.

Jean wusste nicht, was er mit seinen Armen machen sollte, also ließ er sie dort, wo sie erwünscht waren. Er bemühte sich, sich möglichst wenig zu bewegen um nichts falsch zu machen, doch das schien Louis nicht zu stören, nun, da er den Schritt gewagt hatte, auf ihn zu klettern. Die freie Hand, die nicht damit beschäftigt war, Seite um Seite seines selbsterstellten Buches umzublättern und ihm stolz den Inhalt zu präsentieren, stahl sich zu seiner eigenen, untätigen Hand und verschränkte sich mit ihr. Eisern, unnachgiebig, nicht nachgebend. Als hätte Louis Angst, dass er aufstehen und gehen würde.

„Guck, das bist du!“

Tatsächlich, da war er. Es war eines der Bilder, die zu Promotionszwecken von Riko, Day und ihm in Evermore gemacht worden waren. Die glorreichen Drei, das perfekte Team, die perfekte Reihenfolge. Jean hatte das Ergebnis nie gesehen und kam auch nun nicht in den Genuss der Gesichter der beiden anderen Jungen, da Louis diese mit riesigen, gelben, runden Smileys überklebt hatte.
Fragend fuhr Jean mit dem Finger über die Sticker und Louis kicherte.
„Ich mag die Beiden nicht. Die haben so falsch gelächelt. Ich mag nur dich, auch wenn du da böse guckst.“

Jean konnte nicht anders. Ein Lachen entfuhr ihm, frei und amüsiert. Ja, die Blutsverwandtschaft war unbestreitbar, zumindest in diesem Punkt.
„Dann kann ich ja froh sein, dass du mein Gesicht nicht auch mit einem Smiley überklebt hast“, erwiderte er trocken und Louis kicherte. Mit großen, grauen Augen wandte er sich an ihn und Jean musste beinahe schielen, um den Blick zu erwidern. Ehe er es sich versah, stupste Louis seine Nase an.
„Ich hab‘ doch nur einen großen Bruder“, grinste er und Jean spürte, wie diese Worte ein Kribbeln in ihm auslösten, das er schwer beschreiben konnte.

Wieder lächelte er und deutete auf das Buch. „Hast du denn noch mehr von mir dadrin?“, fragte Jean, alleine schon, um von sich selbst und seiner Unruhe abzulenken. Ja, Louis hatte und beinahe musste er laut loslachen, als er seinen Kopf, der kunstvoll aus einem Bild ausgeschnitten war, auf einem Bild von Day im Trikot wiederfand.
„Du würdest ein toller Fox sein“, nickte Louis begeistert und zu Beginn seiner Zeit im Gästezimmer der Krankenschwester hätte Jean ihm Recht gegeben. Doch nun war er sich dessen nicht mehr ganz so sicher und er stellte fest, dass er trotz allem diametral Unterschiedlichen sich damit arrangieren konnte, seine restliche Collegezeit in Los Angeles zu verbringen. Bei denjenigen, die durch ihre Freundlichkeit und ihr Gutmenschendasein für alles standen, was ihm verloren gegangen war.

„Aber die Trojans sind auch ganz okay und spielen können sie auch gut“, seufzte er und es fühlte sich an, als würde die Mannschaft im Hintergrund jubeln, dass er es endlich eingestanden hatte. Auch wenn sie nicht zuhörten…keiner von ihnen.
„Na das freut mich aber zu hören!“ Während Louis begeistert quietschte, knirschte Jean mit den Zähnen und wandte seinen Kopf gerade rechtzeitig zur Seite um Knox‘ breites Grinsen zu sehen, das seine Worte begleitete. „Ich dachte schon, ich bekomme nie ein Lob aus deinem Mund!“

„Ihr habt gegen die Foxes verloren! Also könnt ihr gar nicht besser sein!“, kritisierte Louis ohne Scheu und Jean hob vielsagend die Augenbraue.

Jetzt, in diesem Moment, sah er einen eindeutigen Vorteil darin, eine kleinere, mutigere und frechere Version von sich selbst zu haben. Wenn er in diesem Moment gefragt werden würde, ob er bereit war, Louis ein zweites Mal zu sehen, dann würde er ja sagen. Alleine, um den Jungen ein Sprachrohr sein zu lassen für alles, was er nicht veräußern konnte.

Louis ruckelte sich zurecht und kletterte von ihm herunter, mit einer plötzlichen Energie, die Jean im ersten Moment überraschte. Fragend sah er auf die ausgestreckte Hand.
„Du hast noch gar nicht dein Zimmer gesehen!“, platzte es aus seinem jüngeren Bruder heraus und Jean blinzelte irritiert. Sein Zimmer? Er hatte ein Zimmer? Wie…? „Mr. Jeremy hat es schon gesehen! Du musst jetzt auch gucken! Ihr müsst zusammengucken!“

Jeans Augen verirrten sich in Knox‘ – Mr. Jeremys - Richtung, dessen Blick so sanft auf ihm lag, dass alle Alarmglocken schrillten, was dieses Zimmer anging. Das wurde auch nicht besser, als Louis sie beide nun eisern hochzog in den ersten Stock des Hauses. Jean kam es vor wie der unangebrachte Besuch in einem fremden Haus, das nicht dazu gedacht war, entdeckt zu werden.

In dem Augenblick, in dem Louis einer der weißen Türen aufriss, war jedoch nichts mehr fremd.

Rein gar nichts.

Jean stand vor seiner Kindheit, die ihn mit einem Mal einholte, als wäre sie nie weg gewesen. Das war sein altes Kinderzimmer, so wie er es sich eingerichtet hatte. Die Dinge, die er damals geliebt hatte, die Bücher, die er gelesen hatte, selbst die Bettwäsche war die, die er sich von seinem Taschengeld selbst gekauft hatte.

Er blinzelte, vollkommen unfähig, sich zu bewegen. Wieso sollte sein Vater sich die Mühe machen, all diese Dinge aufzuheben? Selbst die Möbel und den Kleinkram, der nicht mehr war als eine Ansammlung unnötiger Staubfänger?

Weil ich dich vom Tag deiner Entstehung an geliebt habe und immer noch liebe, gab ihm die Stimme seines Vaters die allzu offensichtliche Antwort und Jean trat einen vorsichtigen Schritt nach vorne. Er ging zum Bücherregal und berührte jeden einzelnen Buchrücken, mit seinen Fingerspitzen. Alt und vielgelesen waren sie, immer und immer wieder durchgesuchtet.
Auch wenn er es nicht wollte, erinnerte sich Jean an jede kleine Figur, die er im Regal fand, er erinnerte sich, woher sie kamen und wer sie ihm geschenkt hatte.

In den meisten Fällen sein Vater.

Seine Hände zitterten und er wagte es nicht, sich zu den beiden Jungen umzudrehen, die hinter ihm standen und ihm dankbarerweise Raum und Zeit ließen, seine verloren geglaubte Vergangenheit zu erkunden. Er war nicht ausgelöscht worden, seine Vergangenheit nicht weggeworfen wie unnützer Plunder. Er war hier, ein Zimmer nur für ihn. Sein Zimmer, ein Mausoleum für den Jungen, der er gewesen war.

Jean schluckte schwer.

Widerwillig glaubte er seinem Vater seine Worte, denn warum sonst würde er ein weiteres Zimmer einrichten, eines, das vermutlich auf ewig leer geblieben wäre. Änderte es etwas? Jean wusste es nicht.

„Du hast tolle Sachen. Und wenn Papa nicht hinschaut, dann gucke ich in deine Bücher mit den bunten Bildern.“ Stolz strahlte Louis und Jean maß ihn schweigend. Was in seinem Gesicht stand, konnte er nicht sagen, aber Knox legte eine Hand auf den Arm des Jungen und lächelte sanft, aber bestimmt auf ihn herab.
„Komm Louis, lassen wir deinen Bruder doch einen Moment hier in seinem Zimmer. Währenddessen kann ich dir ein paar geheime Spielzüge der Trojans zeigen, wie wäre es?“

Jean wusste, was sein Kapitän vorhatte und er war ihm äußerst dankbar dafür, dass er es tat. Jetzt, da Knox Louis aus dem Zimmer lotste und mit einem versichernden Lächeln die Tür hinter sich schloss, konnte Jean seiner inneren Unruhe und Bestürzung über dieses Zimmer freien Lauf lassen.
Er taumelte zum Bett und ließ sich darauf nieder. Es war kleiner, als er es in Erinnerung hatte, für seine Größe mittlerweile viel zu klein. Doch das interessierte Jean nach einem kurzen Zögern nicht, als er sich auf das Kissen zurückfallen ließ und die Beine anzog. Vorsichtig bettete er den Kopf auf den weichen, duftenden Bezug und deckte sich mit seiner alten Decke zu.

Als könnte er so alles ungeschehen machen.



~~**~~



„Du hast meine Sachen nicht weggeworfen.“
„Das ist richtig.“
„Du hast mein Zimmer so eingerichtet, wie ich es in Frankreich hatte.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil es das Einzige war, was mir von dir geblieben war.“
„Ein Mausoleum also.“
„Eine Erinnerung an mein Versagen als Vater und ein Raum, in dem du bei mir warst. Ein Raum, in dem ich zu Gott beten konnte, dass er dich mir wieder zurückbringt.“
„Gott gibt es nicht.“
„Vielleicht.“

Jean stand mit verschränkten Armen im schattigen Halbdunkel des gemütlich eingerichteten Wohnzimmers und sah Knox und Louis dabei zu, wie sie unter dem vorgeschobenen Grund, Exy zu spielen, durch den Garten tollten. Sein Vater besah sich das Schauspiel ebenso angespannt wie er auch. Sobald sie alleine waren, spürte Jean nichts von der Leichtigkeit, die in ihn gekrochen war in der Gegenwart des Jungen. Hier spürte er nur die Schwere der Schuld, die zwischen ihnen stand. Er sah den Tag, an dem sie ihn weggegeben hatten, vor seinen Augen, als wäre es gestern gewesen.

Mit den Erinnerungen kam eine Befürchtung, die Jean bisher von sich gehalten hatte, eben weil sie ihn nicht interessiert hatte. Doch nun, da er Louis in all seiner Unbeschwertheit sah, war es Angst, die sich ihren Weg durch seine Eingeweide bahnte.
„Wenn sie nach ihm verlangen…dann wirst du ihn genauso weggeben wie mich“, verbalisierte er diese und sah aus dem Augenwinkel heraus seinen Vater zusammenzucken. Ein gepeinigter Laut verließ den älteren Mann und Jean sah ihm ins Gesicht. „Sag es mir“, verlangter er eindringlicher und sein Vater schüttelte den Kopf.

„Niemals wird das passieren.“
Jean schnaubte. „Und das weißt du woher? Oder vertraust du auf die Worte einer toten Eiskönigin, die dich anscheinend auch bei mir belogen hat.“
Verzweifelt schloss sein Vater die Augen und Jean sah, wie der Adamsapfel hüpfte, als er schwer schluckte.
„Ich vertraue auf den Vertrag, mit dem ich Louis aus Ansprüchen der Moriyamas herausgekauft habe, sobald er geboren wurde.“

So ganz konnte Jean den Worten nicht folgen, auch wenn sie sicherlich einen Sinn ergaben. „Was soll das bedeuten?“, hakte er misstrauisch nach und sein Vater lächelte bitter.
„Das Vermögen, was deine Mutter und ich angehäuft haben, habe ich den Moriyamas übergeben und damit Louis von allen Ansprüchen herausgekauft. Niemand wird ihn mir wegnehmen und niemand wird ihn in die Sklaverei zwingen.“

Kritisch nahm Jean die Worte unter die Lupe und zerlegte sie in ihre Einzelteile. Soweit er sich erinnerte, war es kein unbeachtliches Vermögen gewesen, das seine Eltern gehabt hatten. Dafür einen Menschen freizukaufen, war sicherlich möglich, zumindest aus seine begrenzten Sachverstand heraus.

„Und von der Familie? Erhebt da niemand den Anspruch auf ihn?“

Sein Vater steckte die Hände in seine Hosentaschen und ließ die Schultern sinken. Beinahe schon entspannt konnte Jean die Pose nennen, wäre da nicht der harte Zug um die Mundwinkel herum. Verachtung stand klar auf dem durch die Jahre gezeichneten Gesicht.
„Nein. Der Vertrag mit den Moriyamas schließt auch das aus. Deine Großcousine, die nun das Geschäft deiner Mutter fortführt, ist machtlos dem gegenüber. Dass sie das nicht freut, kannst du dir denken, auch wenn Louis kein Mädchen ist. Sie hätte ihn gerne in ihren Klauen gehabt, doch ich bin ihr zuvorgekommen. Mit der Folge, dass ich mich besser nicht mehr in Marseilles blicken lasse, wenn mir mein Leben lieb ist.“

Jean hörte Triumph in der tiefen Stimme des Mannes, ebenso wie den bitteren Humor.

„Ich habe dir gesagt, dass ich das nicht noch einmal zulassen werde, wenn sich mir die Möglichkeit dazu bietet und genau das habe ich getan, Jean. Ich habe ihn vor dem Zugriff dieser Verbrecher gerettet, auf dass er unbeschwert und glücklich aufwachsen kann.“

Lange Zeit reagierte Jean nicht auf die Worte seines Vaters. Lange Zeit bewegte er sie in seinen Gedanken und versuchte ihren Wahrheitsgehalt zu ergründen. Sein Bauchgefühl, so minder es auch vorhanden war, sagte ihm, dass er den Worten Glauben schenken konnte. Dass sie ehrlich waren. Die Jahre an Folter flüsterten ihm das Gegenteil ein.
Genau deswegen hielt er auch die kommenden Worte nicht zurück, die unter der Oberfläche seiner Selbstbeherrschung schlummerten.

„Wenn das gelogen sein sollte und Louis in die Fänge dieser Sadisten gerät, dann werde ich die Kenntnisse, die Riko mir mit seinem Messer beigebracht hat, an dir ausprobieren, bevor ich dich umbringe“, erwiderte Jean mit eisigem Hass in der Stimme, der seinen Vater mit Leichtigkeit überraschte. Sekunden lang musterten sie sich stumm, bevor der ältere Mann nickte.
„Das ist dein gutes Recht“, sagte er ernst und Jean wusste instinktiv, dass das keine Lüge war.



~~**~~



„Aber du kommst doch wieder, oder?“

Hoffnungsvoll ruhten die großen Kinderaugen auf Jean, als Louis ihn in einem eisernen Klammergriff um die Taille festhielt, während er ihn zum Abschied drückte. Wäre er grausam und herzlos, würde er in diesem Moment nein sagen. Er würde den Jungen von sich lösen und gehen, so wie es seine Eltern damals mit ihm getan hatten. Doch in Jean flammte noch nicht einmal der Funke eines solchen Rachewunsches auf, kein bisschen. Ganz einfach, weil er noch nicht einmal den Wunsch verspürte, seinen Bruder nicht wieder zu sehen.

Es ruhte nicht nur ein Augenpaar auf ihm. Den Blick seines Vaters spürte Jean wie ein schweres Gewicht im Nacken. Wäre es nur er gewesen, so hätte Jean sich umdrehen und gehen können. Nun war dem nicht so und er verfluchte all die Wut, die im Laufe des Tages still und leise gegangen war und der offenen, freigiebigen Zuneigung seines kleinen Bruders Platz gemacht hatte, die sich in sein Herz gestohlen hatte.

Jean nickte, weil er seiner Stimme nicht traute und sowieso nicht die richtigen Worte fand und sein Vater räusperte sich.
„Louis, sei so gut und lasse deinen Bruder jetzt los. Gib Jean frei und verabschiede dich von Mr. Knox, damit die Beiden zurück nach Los Angeles fahren können. Sie müssen morgen sicherlich wieder viel lernen und trainieren.“
„Aber erst, wenn er es mir versprochen hat!“, hielt Louis stur dagegen und löste sich gerade so weit von Jean, dass er ihm seinen gekrümmten, kleinen Finger hinhalten konnte. „Los, versprich es!“

Es brauchte seine Zeit, doch dann erwiderte Jean die Geste und hakte auch seinen kleinen Finger ein. „Versprochen“, sagte er ernst und ließ seinen Vater für einen Moment erneut sehen, welches andere Versprechen noch daran hing. Ja, er hatte den Entschluss gefasst, wiederzukommen. Er würde sogar in regelmäßigen Abständen wiederkommen und nach dem Rechten sehen um Louis nicht dem gleichen Schicksal auszusetzen wie er es erlitten hatte.

Eben jener, der sich nun auf seine Zehenspitzen stellte, ihn an seinem Hemd zu sich herunterzog und ihm einen feuchten Kuss auf die Wange drückte, der Jean unwillkürlich an ihrer beider Großtante erinnerte, die das früher immer mit ihm gemacht hatte.
Er schauderte innerlich. Nein, früher war nicht alles besser gewesen.

Louis löste sich widerwillig von ihm und umarmte Knox ebenso stürmisch. Das Bruderfäustchen, das sein Kapitän dem Jungen beigebracht hatte, kam natürlich auch zum Einsatz und ließ Jean wohl verborgen mit den Augen rollen.
Er wandte sich ab, bereit, zurück zum Auto zu gehen, als er durch eine Hand auf seinem Oberarm zurückgehalten wurde.

Es war sein Vater, der ihn mit einer solchen Liebe auf seinem Gesicht ansah, dass Jean in der Bewegung innehielt, sich aus dem Griff zu lösen.
„Danke, dass du gekommen bist und mit mir gesprochen hast“, murmelte der Mann, den er seit neun Jahren nicht mehr gesehen hatte und für den er keinen Funken seiner damaligen Liebe und Zuneigung mehr fühlte, wie Jean sich nun bewusst wurde. Dafür stand zuviel Schuld zwischen ihnen.

„Und danke auch an Sie, Mr. Knox, dass Sie ein so wunderbarer Mensch sind und dass Sie Jean so unterstützen, wie Sie es tun.“
„Klar gerne, Mr. Moreau“, nickte sein Kapitän und Jean erkannte den Tonfall aus Pressekonferenzen wieder. Derjenige, mit dem er Journalisten abfertigte, die ihm unangenehme Fragen stellten.
„Du bist cool, auch wenn du rot trägst und zur falschen Mannschaft gehörst!“, adelte Louis Knox quasi im Vorbeigehen und Jean hob die Augenbraue, als sein Kapitän lachte.

Mit einem letzten Nicken in Richtung Louis drehten sie sich um und gingen zum Wagen. Erschöpft ließ Jean sich auf den Beifahrersitz fallen, wobei es ihm auch egal war, ob sich die Feder in seinen Oberschenkel bohrte. Jetzt, da sie in Knox‘ Wagen saßen, wollte er nur weg von hier, weg von den Eindrücken, die beinahe zuviel für ihn waren. Zurück nach Los Angeles in ihr kleines Apartment, das seine ganz eigene Sicherheit war. Seine Gewohnheit in all den Turbulenzen, in die er sich unfreiwillig und freiwillig gestürzt hatte, nicht wissend, was sie ihm antun würden.

Knox fuhr los und Jean bettete seine Stirn an die Scheibe der Beifahrerseite. Sacht befühlte er die Wange, die Opfer des feuchten Kusses geworden war.



~~**~~



„Wie geht es dir?“, fragte Jeremy, als sie den Highway erreichten, der sie zurück nach L.A. bringen würde. Jean hatte kein Wort mit ihm gesprochen und für die erste halbe Stunde hatte Jeremy ihn zunächst in Ruhe gelassen, wohl wissend, dass Jean diese Stille brauchte, um sich selbst über das klar zu werden, was heute Nachmittag geschehen war. Vermutlich hatte Jean ebenso wie er auch mit nichts von dem gerechnet, was passiert war für Jeremy war es schon schlimm. Wieviel schlimmer musste sich Jean dann fühlen, mit allem, was ihm offenbart worden war?

Ein nichtssagendes Schnaufen entkam dem Jungen auf dem Beifahrersitz und schließlich seufzte Jean.
„Ich bin verwirrt“, erhielt Jeremy eine erste Antwort, die er gut nachvollziehen konnte.
„Gut verwirrt oder schlecht verwirrt?“, hakte er nach und Jean sah ihn überrascht an.
„Da gibt es einen Unterschied?“
Jeremy schmunzelte, bevor er wieder ernst wurde. „Hast du das Gefühl, dass dir all das über den Kopf wächst? Dann ist es schlecht verwirrt.“
„Nein, das nicht…aber gut ist es auch nicht.“

Vor Monaten wäre eine solch ehrliche Einschätzung noch nicht möglich gewesen, befand Jeremy und war stolz auf die Fortschritte, die Jean gemacht hatte. Alleine, dass der andere Junge ihn ehrliche, ungefilterte Reaktionen sehen ließ, war ein gutes Zeichen dafür, dass sie auf einem noch viel besseren Weg waren.
„Möchtest du mit mir darüber sprechen?“, hakte Jeremy nach und Jean überlegte. Aus dem Augenwinkel heraus sah Jeremy, wie der Ex-Raven mit den Falten seiner Leinenhose spielte. Beinahe schon erwartete er, dass die Antwort nein sein würde, doch dann atmete Jean tief durch und fiel sichtlich in sich zusammen.

„Wie würdest du an meiner Stelle darüber denken?“, brach es schließlich verzweifelt aus ihm heraus. „Wie würdest du mit so einem Vater umgehen? Oder mit einem Bruder, von dem du nicht gewusst hast, dass es ihn gibt, der dich aber augenscheinlich kennt und eine Zuneigung für dich hegt, die dich vollkommen überfordert. Der auf deinen Schoß krabbelt und dir einen Kuss auf die Wange drückt. Wie?!“

Jeremy bemühte sich, in all der Unruhe, die Jean berechtigter Weise gefangen hielt, ein Ruhepol zu sein, der ihn bei der Lösungsfindung unterstützte…wie auch immer die aussehen mochte.
„Ich würde mir alle Zeit der Welt nehmen um darüber nachzudenken, was ich möchte und womit ich mich wohlfühle“, erwiderte er und Jean grollte.
„Er hat meine Hand gehalten. Er hat mir Dinge gesagt.“

Jeremy wusste, welche Dinge Louis gesagt hatte, hatte er sie ihm doch vorher mit einem Kichern ins Ohr geflüstert. Wie toll er seinen großen Bruder fand. Wie begeistert er von ihm war. Dass Jean sein großes Vorbild war und dass er all die Jahre gehofft hatte, dass Jean vorbeikommen würde.
Jean, der mit einer ganz anderen Prämisse nach Running Springs gekommen war, konnte diese Erwartungen nicht in Gänze erfüllen und Jeremy verstand nur zu gut den Konflikt, der sich daraus ergab.

„Hast du dich damit unwohl gefühlt?“
Jean schnaufte erneut und das war für eine lange Zeit die einzige Reaktion, die Jeremy erhielt. „Nein“, erwiderte der andere Junge schließlich, als Jeremy das Thema schon beinahe als gestorben geglaubt hatte. „Seine körperliche Nähe hat mir nichts ausgemacht. Er ist ein Fliegengewicht.“
„Nur deswegen?“
„Nein.“
„Du hast also einen jüngeren Bruder. Ein Mini-Me, der schon sehr nach dir kommt.“ Jeremy gestattete sich ein Grinsen bei den Worten und er spürte Jeans Fassungslosigkeit eher als dass er sie wirklich sah. „Was?“
„Ich glaube nicht.“
„Ich glaube schon.“

Jean brummte.

„Er hat meine Sachen aus Frankreich mitgenommen. Er sagt, er liebt mich noch.“
„Mildert das die Schuld, die er trägt?“
Jean schüttelte den Kopf. „Nicht im Geringsten.“
„Dann nimm dir Zeit, darüber nachzudenken, was die Schuld für dich bedeutet und wie du mit ihm umgehen willst.“

Es dauerte seine Zeit, dann nickte Jean zögernd, verfiel dabei wieder in sein brütendes Schweigen. Jeremy nahm das zum Anlass, sich die Worte von Mr. Moreau noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Er solle Jean fragen, hatte er gesagt. Nach Nathaniel-Neil und seiner Mutter. Vielleicht war das ein guter Zeitpunkt um Jean auf andere Gedanken zu bringen?

Er versuchte es.

„Nathaniel Wesninski“, stellte er in den Raum zwischen ihnen und Jeans Kopf schoss hoch. „Wieso ist er die gleiche Person wie Neil Josten?“
Kurz wandte Jeremy seinen Kopf zur Seite und sah die Vorsicht in Jeans Augen.
„Hat mein Vater dir das gesagt?“, fragte er und Jeremy nickte.
„Er hat mir erzählt, dass er nicht so mutig gewesen ist wie Nathaniels Mutter. Als ich nicht wusste, von wem er spricht, sagte er, dass es Neil sei. Was meint er damit, Jean?“

Sein Beifahrer schluckte mühevoll und wieder spielten die Finger unablässig mit den Falten seiner Hose.
„Das willst du nicht wissen.“
Jeremy runzelte die Stirn. „Warum nicht?“
„Weil du viel zu unschuldig dafür bist.“
Überrascht blinzelte er. „Naja, also technisch gesehen habe ich meine Unschuld schon mit sechszehn verloren“, erwiderte er mit einem breiten Grinsen und wagte einen Abstecher zu Jeans Gesichtsausdruck, der ihm mit erboster Fassungslosigkeit begegnete. Oh, da hatte er seinen Backliner außer Fassung gebracht, das sah Jeremy ganz deutlich.
„Das meinte ich nicht“, entkam es den schmalen Lippen schließlich indigniert und Jeremy nickte versöhnlich.
„Ich weiß, Jean.“

„Das ist etwas, was mit den Moriyamas verbunden ist. Es könnte gefährlich für dich werden“, sagte sein Beifahrer schließlich zögerlich. „Du bist in diesem ganzen, abscheulichen Morast nicht mit drin. Du hast dir deine Freiheit bewahrt und deine Unbeschwertheit. Ich möchte nicht, dass du dir das kaputt machst.“
Jeremy runzelte nachdenklich die Stirn. Wieso sollte das Wissen darum seine Freiheit beeinträchtigen? Oder die Art, wie er auf Menschen zuging?
„Du willst mich schützen?“, fragte Jeremy schließlich, doch Jean antwortete nicht, dafür drückte aber seine gesamte Körpersprache aus, was seine Worte nicht schafften. Dass Jeremy mit seiner Frage ins Schwarze getroffen hatte.

Ein warmes Kribbeln breitete sich in seiner Brust aus. Verlegen strich er sich eine ungehorsame Strähne aus dem Gesicht und ließ das Thema schlussendlich fallen.

Auch wenn er das Gefühl in ihm nicht wirklich loswurde.

Oh oh.



~~~~~~~
Wird fortgesetzt.
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