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Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Alvarez Andrew Minyard Jean Moreau Jeremy Knox Laila Dermott Neil Josten
13.06.2020
30.11.2021
66
423.078
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26.07.2020 5.842
 
Moreau. François Moreau.

Jeremy runzelte die Stirn, als sein Hirn versuchte, die Puzzlestücke seiner Erinnerungen zusammen zu fügen. Er hatte den Namen schon einmal gehört, nein, gelesen. Auf einem Blatt Papier. Eine Adresse, als Geschenk für Jean, in einem Umschlag, den sein Zimmernachbar immer noch aufbewahrte und den er in unbeobachteten Momenten in die Hand nahm und mit steil gerunzelter Stirn betrachtete. Jean hatte von sich aus das Thema nicht mehr aufgebracht und Jeremy hatte ihm den Raum und die Zeit gegeben, sich klar darüber zu werden, was er wollte. Zumal es Jeans Entscheidung war, ob er die Familie wiedersehen wollte, die ihn verkauft hatte. Er würde dann da sein, wenn Jean seine Hilfe brauchte.

Doch nun…nun war ihm diese Entscheidung abgenommen worden und der Mann, dessen Name auf dem Zettel Jean schon soviel Emotionen bereitete hatte, stand in Fleisch und Blut vor ihm, unsicher und auf seinen Sohn fixiert, der ihn anstarrte, als wäre er der Teufel höchstpersönlich.

Jean war so bleich, dass Jeremy Angst hatte, dass er gleich ohnmächtig werden würde. Er brachte kein Wort über seine Lippen, auch wenn in seinen Augen blanke Panik stand. Er zitterte am ganzen Körper und schluckte mühevoll. Sein gesamter Körper war so angespannt und fluchtbereit.

„Nein“, krächzte Jean und versuchte seinen Kopf zu schütteln. Dabei kam nicht mehr als eine abgehackte Bewegung heraus, die eher einem Zucken glich. Jeremy trat einen vorsichtigen Schritt auf den Backliner zu und streckte seine Hand aus. Doch das kam nicht als Geste der Beruhigung an, ganz und gar nicht. Jean zuckte zurück, als hätte er sich verbrannt. Er musterte Jeremy, als wäre er ein Monster und das schmerzte. Es brannte höllisch in Jeremy.

„Jean, bitte, ich bin hier. Ich…“

Deswegen kannte Jeremy die Stimme. Sie klang so französisch melodisch wie Jeans, nur älter, ruhiger, strenger.

Genauso verzweifelt.

Die Ähnlichkeit war nicht zu verleugnen, weder in der Mimik noch in der Körperhaltung noch im Aussehen, wenn Jeremy sich die Zeit nahm, den Mann, der nun ebenfalls einen Schritt auf Jean zutrat, in Augenschein zu nehmen.

„Nein. Geh weg!“
 
Jean nutzte die Sekunde von Jeremys Unaufmerksamkeit  um zu fliehen. Weg von ihnen, hinein ins Gebäude, ohne einen Blick zurück zu werfen. Seine Worte, so eindeutig sie waren, waren geboren aus Verzweiflung und Angst, das hatte Jeremy sehr deutlich gesehen. Sein Vater wollte ihm folgen, doch Jeremy trat ihm geistesgegenwärtig in den Weg. An seiner Seite, Alvarez, eine ruhige Präsenz.

„Jean, bitte!“, rief Mr. Moreau ihm hinterher und Jeremy streckte beschwichtigend eine Hand aus, auch wenn er sich nicht wirklich ruhig fühlte. Dies war der Mann, der seinen eigenen Sohn einer Verbrecherfamilie ausgeliefert hatte, damit diese ihn ein knappes Jahrzehnt foltern konnten. Dies war der Vater, der in der Lage war, sein Kind wegzugeben. Nein, er fühlte sich nicht ruhig.

„Mr. Moreau, bitte treten Sie einen Schritt zurück“, sagte er, als dieser ihre Verteidigungslinie durchbrechen wollte und abrupt geriet er in den Fokus des älteren Mannes, der ihn mit einer solch rohen Verzweiflung musterte, dass es Jeremy kalt den Rücken hinunterlief.
„Ich muss mit meinem Sohn sprechen. Bitte. Ich muss ihm erklären…“
„Ihr Sohn möchte Sie nicht sehen“, erwiderte Alvarez ruhig. „Bitte hören Sie auf das, was Jeremy Ihnen gesagt hat und treten Sie zurück.“
Der Mann dachte nicht daran und für einen Moment lang hegte Jeremy die Befürchtung, dass er versuchen würde, mit Gewalt an ihnen vorbeizukommen, so sehr, wie sich sein Gesicht verzog. Dann jedoch fiel er wie ein leerer Blasebalg in sich zusammen und ballte die Hände zu Fäusten.

„Bitte, ich möchte ihm wirklich erklären, warum…“ Hoffnungsvoll sah er hoch, anscheinend im fahlen Glauben, dass sie wussten, was er meinte. Zumindest auf Jeremy traf das zu und er schnaubte.
„Ihre Erklärung möchte er nicht. Ihm reicht es, dass sie ihn vor neun Jahren alleine gelassen haben“, erwiderte er mit mehr Abneigung, als er es eigentlich gewollt hatte und Mr. Moreau zuckte zusammen. Aus dem Augenwinkel heraus sah Jeremy, wie Alvarez ihn überrascht musterte. Wenn Jean es ihm erlaubte, würde er ihr es später erklären, jetzt jedoch fixierte er all seine Entschlossenheit auf den Mann vor sich.

„Ich wollte nie…“ Wieder verstummte dieser und ließ schließlich hilflos die Schultern hängen. Gepeinigt sah er auf den Boden. Das entsprach nicht dem Bild, das Jeremy von Jeans Vater gehabt hatte, wenn er ehrlich war. Hier stand ein Mann, der ernsthaft litt. Wäre Jeremy ein gehässigerer Mensch gewesen, hätte er sich daran vielleicht gelabt, doch so empfand er Mitleid, auch wenn er wusste, dass es vermutlich falsch war.

„Das ist etwas, was Sie mit Ihrem Sohn besprechen sollten“, seufzte Jeremy und warf einen Blick hinter sich zum Gebäude. Der Eingang war bereits verwaist und es juckte ihm, Jean zu suchen um ihn nicht alleine zu lassen mit seinem Schmerz. „Aber ich glaube nicht, dass er Sie hier sehen möchte. Zumindest nicht jetzt.“
Mit großen, grauen Augen wurde er gemustert und Jeremy sah für eine Sekunde einen älteren Jean vor sich. Der Eindruck verschwand, aber der Wunsch, Jean auch dann noch einen Freund nennen zu dürfen, blieb und brannte sich in Jeremys Innerstes ein.

„Würdet ihr ihm sagen, dass ich mit ihm sprechen möchte…über alles? Würdet ihr ihm meine Adresse geben? Ich wohne nicht weit von hier. Wenn er… wenn er sich bereit fühlt, dann ist er jederzeit herzlich willkommen bei mir. Bitte, ich schreibe sie euch auf und ihr gebt sie ihm, damit er weiß, wo er mich findet, wenn er mich sehen möchte. Okay?“
Jeremy bezweifelte das Jean ihn sehen wollte, aber er nickte. Es war Alvarez, die Mr. Moreau mit ernster, stocksteifer Miene einen Zettel und Stift gab. Dass das eigentlich nicht nötig war, verschwieg Jeremy und sah, wie Mr. Moreau mit zitternder Hand seine Adresse notierte. Schlussendlich reichte er Alvarez beides zurück und sie nickte.

„Geht es ihm…gut?“, fragte Jeans Vater schließlich zögerlich und Alvarez schnaubte. Trotzdem sie wenig bis gar nichts über Jeans Familie wusste, war sie in der Lage, die Zwischentöne aufzugreifen, die in Jeans Verhalten und in Jeremys Umgang mit diesem Mann herrschten.
„Nachdem er zu uns gewechselt ist, so langsam“, erwiderte sie kühl. „Aber fragen Sie mal sein altes Team.“
Der implizite Vorwurf stand klar zwischen ihren Worten und der Mann vor ihnen erbleichte. Er schluckte schwer, schwieg aber dazu, seine Augen wie gebannt auf den Zettel gerichtet, der sich in Jeremys Händen befand.

„Ich werde ihm den Zettel geben und er wird entscheiden, ob und wann er sich bei Ihnen meldet, Mr. Moreau“, sagte er ruhig, aber bestimmt. „Ich werde ihn jedoch nicht zu einer Reaktion überreden, die Entscheidung liegt ganz alleine bei Jean.“

Schweigend wurden seine Worte akzeptiert und ebenso wortlos nickte der Mann. Einen Moment lang hatte Jeremy den Eindruck, dass er einen gebrochenen Vater vor sich hatte, der durch den Verlust seines Kindes einen Teil seines Lebens verloren hatte. Ein Teil in ihm begehrte gegen den Eindruck auf, denn schließlich waren es Jeans eigene Eltern gewesen, die ihren Sohn sadistischen Monstern ausgeliefert hatten. Ein anderer hatte Mitleid und versuchte eine Lösung für dieses Problem zu finden.

Alleine schon um Jean glücklich zu machen.


~~**~~


So fühlte es sich also an, wenn die Welt aus den Fugen geriet.

Jean hatte es von damals anders in Erinnerung, als er begriffen hatte, dass seine Eltern ihn niemals wieder aus der Hölle abholen würden. Damals hatte es sich so angefühlt, als würde die Welt für ihn enden und das tat es zum gewissen Teil jetzt auch. Vor neun Jahren wie auch heute durchlebte er so mannigfaltige Emotionen, dass sie ihn beinahe erschlugen mit ihrer Wucht. Bestürzung, Entsetzen und Fassungslosigkeit waren da und konkurrierten mit Unglauben und Angst. Er konnte nicht atmen von dem ätzenden Gefühl des absolut intimen Verrates, der an ihm begangen worden war.  

Selten hatte Jean eine solche Unruhe in sich gespürt wie jetzt hier auf dem Dach, das er in immer gleichen Kreisen ablief. Wäre er anders erzogen worden, hätte er sich ein Beispiel an Neil genommen und wäre gerannt. Weiter und weiter weg, Abstand zwischen sich und dem Problem dort unten auf dem Parkplatz bringend. Er wäre geflohen vor seinem Team und dem Mann, der nichts von ihm hatte wissen wollen.

Doch er konnte nicht, also drehte er auf den Betonplatten und dem Kies des Daches seine Runden und erstickte an seiner Unfähigkeit, all die Gefühle aus sich heraus zu lassen, die in ihm von jetzt auf gleich aufgewallt waren und die sich langsam zu Hass und Zorn destillierten.

Was bildete sich dieser Mann dort unten ein? Nach neun Jahren hierhin zu kommen und vor ihm zu stehen? Dachte er, er hätte ein Anrecht darauf, mit ihm zu reden? Oder ihn gar um Verzeihung zu bitten? Jean lachte bitter auf. Ja natürlich. Entschuldige Jean, dass wir dich verkauft haben. Entschuldige Jean, dass wir dich in die Sklaverei gegeben haben, um unsere Schulden zu tilgen. Entschuldige Jean, dass du wegen uns gefoltert wurdest. Entschuldige, dass du neun Jahre Hölle hinter dir hast, während wir unser gutes Leben weitergelebt haben voller Sonne und Wärme und Luxus.

Wenn er so wäre wie Andrew, dann würde er seine Eltern ebenso umbringen und es wie einen Unfall aussehen lassen, zischte Jean innerlich und bohrte seine Nägel so brutal in seine Handinnenflächen, dass er Blut hervorbrachte. Es war die erste Verletzung, die er sich seit Evermore selbst zufügte und sie fühlte sich gut an. Er brauchte das Ventil für seine Wut.

Was er definitiv nicht brauchte, war die Tür, die sich in seinem Rücken öffnete. Wer auch immer da stand, würde ganz sicher Opfer seiner Wut werden, das wusste Jean. Ein kleiner Teil von ihm wollte das nicht, ein weit größerer jedoch gierte danach, zu verletzen, wie er verletzt worden war. Die Person, die da stehen würde, wäre nur ein Stellvertreter für das Gesicht seines Vaters, der die Dreistigkeit besessen hatte, schuldbewusst und traurig auszusehen. Aber sie wäre ein guter Stellvertreter. Oder es war sein Vater selbst. Oh… das wäre das Beste, was ihm passieren könnte. Wahrlich das Beste. Er würde ihn anschreien und ihn schlagen. Er würde ihm all die Dinge an den Kopf werfen, die er neun Jahre lange in sich verschlossen hatte. Er würde ihn mit Worten und Taten verletzen und ihm zeigen, was er seinem Sohn angetan hatte.

Jean fuhr herum und sah Alvarez. Ruhig stand sie am Eingang zum Dach und musterte ihn. Er hasste sie für diese Ruhe und er hasste sie für die Störung.
Verschwinde, zischte es in ihm, dunkel und gewaltbereit. Lass mich in Ruhe. Lass mich alleine. Ich will dich nicht sehen.

Alles, was Jean tat, war, sich von ihr wegzudrehen.

So sehr Alvarez auch in seine Privatsphäre drang, wenn er sie nicht davon abhielt, so sehr respektierte sie nun seinen offensichtlichen Wunsch. Momente lang herrschte Stille zwischen ihnen und dann hörte Jean, wie sie das Dach verließ und die Tür hinter sich schloss. Er war wieder alleine und das war auch gut so, konnte er doch so seinem Hass und Selbsthass freie Bahn lassen.

Wo er sich Linderung erhofft hatte, wurde es schlimmer. Mit jeder Minute, die er auf dem Dache auf und ablief. Er fand keine Ruhe und gab es schließlich auf, zumindest mit mühevoll erzwungener Ruhe zu seinem Kapitän zurück zu kehren.
Wütend verließ Jean das Dach und polterte die Metalltreppe hinunter. Vor ihrer Apartmenttür unternahm er den Versuch eines Durchatmens, scheiterte aber kläglich an der Enge seiner Brust.
Seine Hand, mit der er den Schlüssel in das Schloss steckte, zitterte so stark, dass er drei Anläufe brauchte um die Tür zu öffnen.

Dass Knox quasi hinter der Tür auf ihn lauerte, brachte ihm keine Entspannung, so gar nicht. Wütend ballte Jean seine Hände zu Fäusten. Er konnte nicht darüber sprechen, denn er wusste nicht, was seinen Mund verlassen und wen er verletzten würde.
„Nicht“, presste er hervor, bevor Knox seinen Mund aufmachen konnte und starrte auf den Boden, während er sich seine Schuhe auszog. Er hob seinen Blick auch nicht, als er darauf wartete, dass sein Kapitän schweigend zur Seite trat um ihn durchzulassen. Nicht bevor er ihm jedoch einen Zettel hinhielt, den Jean ruppig an sich nahm. Er sah, was es war und zerriss er ihn, entsorgte das nutzlose Stück Papier mit einem Zischen in seinen Mülleimer.

Als der Weg frei war ging Jean ins Bad und schloss die Tür hinter sich. Laut rastete der Riegel ein, als er sich einschloss und zu Boden sank, den Kopf in seinen Händen vergraben, die Lippen zu einem stummen Schrei geöffnet, der seine Stimmbänder nicht erreichte.


~~**~~


Jean wusste, dass er auf eine Katastrophe zusteuerte, doch er war unfähig, sich dagegen zu wehren. Er war unfähig um Hilfe zu bitten, weil er wusste, dass er nach allem, was ihm nahe kommen würde, schlagen würde. Mit Worten, Fäusten, was auch immer ihm zur Verfügung stand. Mit jedem Tag, den er sich in sich selbst zurückzog, wurde er dünnhäutiger und instabiler.
Dass er sich beim Training zurücknehmen musste, war eine Qual. Am Liebsten hätte er sich bis zur vollkommenen Erschöpfung verausgabt. Bis zur Bewusstlosigkeit, die die im Kreis laufenden, zerstörerischen Gedanken beendete, welche ihn im festen Griff hatten. Doch nein, sowohl Rhemann als auch Knox schonten die Mannschaft im Hinblick auf das kommende Spiel und er kam immer unbefriedigter in die viel zu warme und stickige Wohnung zurück.

Knox versuchte, ihn in Gespräche zu verwickeln, die Jean eisern abblockte. Als sein Kapitän nicht mehr weiterkam, versuchte es seine Mannschaft und auch diese ignorierte Jean. Soweit es ihm möglich war, floh er vor ihnen. In seine Bücher, in seine Kraftübungen, in seine Drills. Ansonsten hielt er sie durch sein Schweigen und durch seine Abneigung auf Abstand, bis sie begriffen, dass ihre Gesellschaft unwillkommen war.

Es war, als hätte das kurze Zusammentreffen mit seinem Vater Tore zu seinen nicht verarbeiteten Traumata geöffnet, die er bisher gut unter Kontrolle gehabt hatte. Seine Alpträume suchten ihn nun jede Nacht heim und hielten ihn wach. Er verweigerte Knox‘ Decke, weil er die verständnisvolle Freundlichkeit in den Augen seines Kapitäns nicht ertrug. Wenn er sich im Raum mit mehreren Menschen befand, kribbelte es ohne Unterlass in seinem Nacken, weil er immer Angst hatte, angegriffen zu werden. Laute Geräusche erschreckten ihn so sehr, dass er zusammenzuckte und sich klein machte.

Räume ohne Fenster waren eine zuverlässige Angstquelle für ihn. Menschen, selbst sein Team, sah er als Gegner an, als wäre er noch in Evermore. Hilflos war Jean dieser Denkweise ausgeliefert und war beinahe froh darum, dass sie am Wochenende ein Heimspiel gegen die Dingos hatten.

Dass dies ein Trugschluss war, erkannte er, als er auf dem Spielfeld stand und das Gefühl hatte, unter all den Zwängen, denen er ins einem Spiel unterlag, zu ersticken. Er musste bedenken, dass die Mannschaft, für die er spielte, nicht zu vergleichen war mit der Spielweise der Ravens. Er musste im Hinterkopf behalten, dass sein Trainer und Kapitän von ihm verlangten, fair zu spielen und dass die Mannschaft als solche eine Gemeinschaft und keine Sekte war.
Er hatte soviel zu bedenken, dass seine fragile Selbstkontrolle schließlich wie ein dünnes Seil zerriss und ihm zwei gelbe Karten einbrachte, die ihn innerhalb der kurzen Zeit, die er auf dem Spielfeld verbrachte, vorzeitig auf die Bank schickten.

Den Blick seines Trainers, der ihn kritisch und sorgenvoll maß, ignorierte er und setzte sich, die Augen zu Boden gerichtet.
„Was war das denn, Moreau?“, grollte Rhemann unerfreut und Jean zuckte zusammen. An die Stelle des großen, breitschultrigen Mannes trat ein schmächtiger, älterer Japaner, dessen Peitschenhiebe ihm noch gut in Erinnerung waren.
„Ich bitte um Verzeihung“, erwiderte Jean erstickt über das brachial schnell schlagende Herz hinweg und starrte auf das Wasser, das ihm in die Hände gedrückt worden war. Mitnichten hatte er es sich verdient, nicht so, wie er spielte und nicht bei dem Unmut, den er auf sich gezogen hatte.

„Mach’s das nächste Mal besser. Und jetzt zieh deine Jacke an und trink endlich was. Du bist nassgeschwitzt, Moreau.“
Nur widerwillig folgte er dem Befehl seines Trainers und angespannt verfolgte er das Spiel der Trojans, die die Dingos nach und nach zerlegten. Ohne ihn. Weil er sich nicht unter Kontrolle hatte.

Sie gewannen, natürlich. Der Vorsprung war beachtlich und gemeinsam verabschiedeten sie das gegnerische Team mit dem gewohnten Händeschütteln, das Jean eine Ganzkörpergänsehaut bescherte. Die warmen, schwitzigen Hände anzufassen, erinnerte ihn daran, was andere, warme und schwitzige Hände auf seinem Körper angerichtet hatten und er ekelte sich vor sich selbst.

Er war froh, als es vorbei war und folgte seiner Mannschaft schweigend in die Kabine. Ebenso stumm zog er sich um und wartete darauf, dass sie fertig wurden, damit er mit ihnen zurückgehen und duschen konnte. Es würde noch etwas dauern, da Knox gerade in der Pressekonferenz war und seine ruppige Spielweise entschuldigen musste. Auch das machte Jean wütend, eben weil Knox nichts dafür konnte, dass er sich nicht im Griff hatte.

Angespannt wartete Jean im Vorraum auf seinen Kapitän und lief schlussendlich mit der Mannschaft und einigen Zuschauern zurück in Richtung Wohnheim. Die Scherze und das Gelächter der Spieler um ihn herum widerten ihn an, mehr als das. Es war so unpassend für das, was in ihm tobte.
Mit jedem Schritt, den sie taten, fiel es ihm schwerer, ihre Gesellschaft zu ertragen. Sie hatten doch alle keine Ahnung. Keiner von ihnen. Sie wussten nichts von den Abgründen dieser Welt.

Was war Jean froh, als sie ihre Wohnung erreichten und Knox die Tür aufschloss. Mit wie so oft sorgenvoll gerunzelter Stirn ließ er ihn hinein und Jean streifte sich unwirsch seine Schuhe ab und feuerte die Tasche in die Ecke. Beinahe wollte es ihm gelingen, vor seinem Kapitän in das Bad zu fliehen, als dieser ihn mit einem fragenden Laut zurückhielt.
„Jean?“
Innerlich fluchte er. Äußerlich blieb er mit dem Rücken zu dem blonden Jungen stehen, der Körper angespannt.
„Nein“, presste Jean unterdrückt hervor und hoffte, dass es nach einer Woche Schweigen und Missachtung reichen würde.

Er hätte es eigentlich besser wissen sollen.

„Jean, bitte.“
Etwas Böses lauerte darauf, dass er die Kontrolle ganz aufgab, das spürte Jean. Es gierte danach, dass Knox weitermachen würde, damit es losbrechen könnte.
„Nein“, wiederholte Jean deshalb ohne in die allzu vertrauensseligen, blauen Augen zu sehen, die viel zu wenig vom Leid dieser Welt gesehen hatten um überhaupt beurteilen zu können, wie tief der Graben war, in dem er sich befand.
„Jean, heute warst du…“
„Knox.“ Eine verzweifelte Warnung, hervorgepresst in einem dunklen Grollen.
„Bitte Jean, du sprichst seit mehreren Tagen nur noch das Nötigste mit mir. Bitte…“

Sein Kapitän berührte ihn am Oberarm und das war schlussendlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Im Bruchteil einer Sekunde zerriss Jeans Selbstbeherrschung und ließ ihn herumfahren. Mit der gleichen Bewegung schlug er Knox‘ Hand auf seiner Trojansjacke weg und erwischte mit der vollen Kraft eines Backliners dessen Unterarm. Im ersten Moment erlangte er eine ekelerregende Befriedigung durch das Geräusch von Haut auf Haut. In der ersten Sekunde labte er sich an dem Schmerz, den er fühlte und den er seinem Gegenüber zufügte.

Doch dann sah er in überrascht geweitete, blaue Augen und wurde sich bewusst, was er gerade getan hatte.

Vor ihm stand sein Kapitän, Jeremy Knox, der ihm soviel Gutes getan hatte und der für nichts von seinem Leid verantwortlich war. Seit seiner Ankunft hier hatte Knox nichts getan, um seine Wut und seine Gewalt zu verdienen.
Jean schluckte und starrte auf den Arm, dessen braungebrannte Haut an einigen Stellen bereits rot wurde. Panisch und ungelenk wollte er danach greifen und dieses Mal war es Knox, der mit einem unbewussten Laut vor ihm zurückzuckte und schützend den Arm hochriss, die weiten Augen ausschließlich auf seine Hand gerichtet.

Als würde Jean ihn schlagen wollen.

Hatte sich vorher die Welt in chaotischen, konzentrischen Kreisen ohne Jean gedreht, so kam sie nun zu einem Stillstand und schien sich komplett auf ihn zu fixieren. Nur auf ihn, ausschließlich darauf, was für ein widerwärtiger, verachtenswerter Mensch er war, der anderen wehtat und sie verletzte. Der, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, Befriedigung dabei empfand, wie sich Gewalt von Haut auf Haut anfühlte.
Jean wusste nicht, was er tun sollte. Sein erster Instinkt war es zu fliehen, doch das verbot er sich.

„Knox“, krächzte er, doch das war nicht genug, das sah er an dem angespannten Körper des Junge vor sich. „Ich wollte das nicht, wirklich nicht. Es tut mir leid, bitte. Ich wollte dich nicht schlagen, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.“ Das an sich war eine Lüge, denn er wusste es sehr wohl. Jean schluckte panisch. „Ich war so wütend und so unausgeglichen, ich… ich weiß nicht, warum. Bitte.“

Als Knox nicht reagierte, sondern ihn nur weiterhin schweigend und zum Teil auch ängstlich anstarrte, fragte Jean sich, ob es eine gute Idee wäre, vielleicht auf die Knie zu gehen. Damit wäre er kleiner und Knox konnte ihn auch schlagen, wenn er Rache wollte. Doch mittlerweile kannte er seinen Kapitän gut genug, dass er wusste, dass es nicht passieren würde. Knox war nicht gewalttätig, er hatte sich noch nie geschlagen. Und für diese Unschuld büßte er nun, ausgerechnet durch Jean.

„Jeremy“, flehte Jean in einem verzweifelten Versuch, irgendeine Reaktion von seinem Gegenüber zu erhalten. Der Junge zuckte und blinzelte abrupt, bevor er noch einen minimalen Schritt zurücktat, jedoch seine Arme zu sich zog. Angespannt ließ er sie an seinen Seiten hängen. Jean spürte das unwillkommene Brennen in seinen Augen, als er erkannte, wie viel Überwindung ihn das im Angesicht seiner Gegenwart kosten musste.

„Jeremy“, wiederholte er hilflos. „Es tut mir leid. Bitte habe keine Angst vor mir. Bitte.“

Bitte sieh nicht das Monstrum in mir, das ich in Wirklichkeit bin, gellte es in Jean, doch er presste verzweifelt seine Lippen aufeinander. Noch war er nicht bereit, diese hässliche Wahrheit auch auszusprechen.

Das untypische Schweigen seines Kapitäns zerrte an seinen Nerven. Anders als zuvor rief es aber Verzweiflung hervor, keine Wut. Bodenlose Verzweiflung, dass er das einzig Helle und Strahlende in seiner Welt vernichtet hatte. Wenn er wieder nach Evermore zurückkehren müsste, so wäre das mehr als verdient.

Als Knox sich räusperte und straffte, war es Jean, der zurückzuckte.
„Geh duschen, Jean. Dann zieh dir etwas Bequemes an. Ich warte in der Küche auf dich. Wenn du fertig bist, werden wir an den Strand fahren, an dem wir schon einmal Burger gegessen haben.“ Die ruhig-autoritäre Stimme seines Kapitäns ließ keinen Widerspruch zu, nicht in Jeans jetzigem Zustand. Die Worte machten ihm in all ihrer Unbestimmtheit Angst und er schluckte. Er nickte jedoch stumm und wandte sich um, hin zum Badezimmer. Zum ersten Schritt in der Zukunft, die er in diesem Moment selbst geformt hatte.

In seiner Angst, dass Knox ihm dort sagen würde, dass er eine Belastung für die Trojans war, konnte er nicht wirklich sagen, was er im Badezimmer getan hatte. Er wusste nur, dass er schlussendlich vor seinem Kapitän stand, der mit verschränkten Armen ernst zu ihm hochsah. Wie er hierhin gekommen war…konnte Jean nicht sagen. Wie er sich geduscht und auch Haare gewaschen hatte…ebenso nicht.

Schweigend senkte er seinen Blick, die Augen starr zu Boden gerichtet. Er war wie zusammengefallen, seine Wut wie verflogen. Nur bittere Leere war übrig, die befeuert wurde von seinen brachialen Schuldgefühlen. Er hatte wieder jemanden verletzt und dieses Mal war es nicht auf Rikos Befehl gewesen, sondern weil er selbst es so gewollt hatte. Weil er sich für den Bruchteil einer Sekunde gut damit gefühlt hatte. Es hatte einen vollkommen Unschuldigen getroffen, noch dazu den Menschen, der sich von Beginn an um ihn gekümmert und gesorgt hatte.

Jean würde alles tun um seine Fehler wieder gut zu machen. Alles.

„Wir gehen“, sagte sein Kapitän und Jean folgte ihm. Mit zittrigen Fingern zog er seine Schuhe an und mit dem Blick auf den Boden die Augen fest auf Knox‘ nackte Unterschenkel gerichtet. Der blonde Junge trug seine übliche Jeansshorts mit einem weißen Motto T-Shirt. Seine Füße steckten in seinen ausgetretenen Flipflops, die Jean immer noch mit großem Zweifel als richtiges Schuhwerk akzeptierte.
Gemeinsam stiegen sie in sein Auto und Jean schnallte sich an. Knox tat es ihm gleich und startete den Wagen. Ohne seinem Beifahrer Aufmerksamkeit zu schenken fädelte er sich in den Straßenverkehr ein, hochkonzentriert auf den Verkehr vor ihnen gerichtet.

Jean kam nicht umhin, wie gebannt auf die roten Stellen auf Knox‘ rechtem Unterarm zu starren, die auf dem besten Weg waren, ein kräftiges Hämatom zu werden. Er konnte seine Augen nicht von seinem Gewaltexzess lösen, der klar und deutlich auf der gebräunten Haut zu sehen war. Wieder kamen Jeans Gedanken dahin zurück, dass er Knox Angst gemacht hatte. Der andere Junge hatte versucht, sich vor ihm zu schützen. Sein Gesicht, seinen Körper… so wie er versucht hatte, sich vor Riko zu schützen.

Er wurde wie Riko, zu einem gewaltbereiten Sadisten. Er war bigott, weil er immer noch unter dem litt, was Riko ihm angetan hatte und sich dennoch gleicher Methoden bediente. Er war eine Gefahr und Belastung für Menschen, die es nur gut mit ihm meinten und er bekam sich selbst nicht in den Griff. Keine einzige seiner Emotionen.

Sie waren da und Jean fragte sich ein zweites Mal, wie sehr er sein Gefühl für Zeit verlieren konnte. Knox hielt an und drehte den Schlüssel im Schloss um. Er zog ihn heraus und verließ den Wagen, öffnete den Kofferraum. Verunsichert blieb Jean sitzen und drehte sich schließlich nach hinten.
„Soll… soll ich auch aussteigen?“, fragte er rau und Knox sah ihn an. Ausdruckslos musterte er ihn.
„Ja.“
Jean reagierte auf den simplen Befehl und kam um das Auto herum. Knox setzte sich auf die Ladefläche des Kofferraums und lehnte sich an die Seite des Fahrzeugs. Er verschränkte seine Arme und deutete neben sich. Langsam und mit größtmöglichem Abstand ließ sich Jean neben seinem Kapitän nieder, seine brutalen und zerstörerischen Hände zwischen seine Oberschenkel gepresst.

„Du hast mir wehgetan, Jean“, eröffnete der blonde Junge das Gespräch zwischen ihnen direkt und ehrlich. Schweigend nickte Jean. Ja, das hatte er. Das sah er auf dem Arm seines Kapitäns. „Und du machst mir Angst mit deiner Wut und der Gewalt“, fuhr er fort und Jean schluckte. Er war ein Monster. Riko hatte ein Monster aus ihm gemacht, vor dem Andere Angst hatten.

Knox ließ die Worte zwischen ihnen verklingen, die nur noch das Meeresrauschen in ihrem Rücken übrig ließen. Wie passend war da der rötliche Sonnenuntergang, der nicht besser die untergehende Geduld seines Kapitäns mit seinen Eskapaden darstellen konnte. Seine Zeit hier war vorbei und genau das sollte der Ausflug an den Strand darstellen, dessen war Jean sich sicher.
„Es tut mir leid“, flüsterte Jean leise und dieses Mal aus vollem Herzen. Er fühlte, was er hervorpresste, er fühlte es tief in seinem Herzen wie ein schmerzendes Loch in seiner Brust. „Ich war so wütend, nicht auf dich. Aber deine Hand war da und ich hatte keine Selbstbeherrschung mehr, weil ich…“ Jean verstummte, als er merkte, dass er Unsinn redete. Kurz sah er hoch, in die Ruhe seines Kapitäns hinein.

Verschwunden waren die Fröhlichkeit und das Strahlen in den blauen Augen. Ernste Ruhe und die Forderung nach mehr Informationen hatten die Unbeschwertheit ersetzt und ließen Jean schwer schlucken. Er wusste nicht, welche Worte seine Lippen verlassen würden, wenn er den Versuch unternehmen würde, seine Gefühle zu verbalisieren. Seine hässlichen, widerwärtigen Gefühle.

„Weil du…?“, hakte Knox nach und Jean schloss gepeinigt seine Augen.

„Ich verstehe, dass ich dadurch kein Teil der Trojans mehr sein kann“, lenkte er zum Schluss des Gespräches. Was machte es für einen Sinn, viele Worte zu verlieren, wenn sowieso schon klar war, wohin Knox das Gespräch leiten würde? „Ich trage die Konsequenzen meines Handelns. Ich… ich möchte dich nur bitten, mich nicht zu meiner alten Mannschaft zurück zu schicken, sondern zu einer anderen Mannschaft der Liga.“

Knox‘ Lippen verließ ein unzufriedener Laut, den Jean so noch nie gehört hatte. Beinahe schon grenzte er an Wut.
„Das steht überhaupt nicht zur Diskussion, Jean! Ich möchte wissen, wie es dir geht. Ich möchte wissen, was dich so sehr bewegt, dass du dich schlimmer in dich zurückziehst als am Anfang. Ich möchte wissen, was dich so wütend machst, dass du nicht nur mich so behandelst, als wäre ich dein Feind. Und ich möchte dir helfen, damit es dir wieder besser geht. Wenn du diese Hilfe möchtest.“

Hätte Knox vor zwei Tagen gefragt, so wäre die Antwort ein klares Nein gewesen. Nun aber hielten Schuld und Angst ihn davon ab, seinen Kapitän weiter abzufertigen. Doch damit nicht genug. In ihm tobten Worte, die herauswollten, die darum kämpften, gehört zu werden. Jean wusste, dass, wenn er einmal anfangen würde, nicht mehr aufhören könnte all die Hässlichkeiten herauszulassen, die sein Denken bestimmten. Und dann würde er umso mehr verachtet werden. Zumal er nicht wusste, wo er anfangen sollte in dem Chaos, das in ihm tobte. Wie ein Ertrinkender stürzte sich Jean deshalb auf die Versicherung seines Kapitäns, dass sie ihn nicht einfach so verkaufen würden.  

Er wurde sich bewusst, dass er Knox die ganze Zeit seiner Überlegungen über anstarrte. Beschämt senkte er seinen Blick und fixierte sich auf den Sand, auf dem der Wagen stand.
„Das Auftauchen deines Vaters ist der Grund, oder?“, fragte Knox so sanft, dass es in Jean regelrecht schrie und tobte. Falle, gellte seine misstrauische Seite wieder und wieder. Natürlich war es der Grund, das wussten sie beide und so war die Frage rein rhetorischer Natur, dazu gedacht, einen Anstoß zu geben.
Jean nickte, seine Lippen noch eisern verschlossen, auch wenn ihm das von Minute zu Minute schwerer fiel.

Schlussendlich verlor er den Kampf gegen sich selbst.

„Wie kann er es wagen, hier einfach aufzutauchen?“, verließen ungebeten erste, wütende Worte seine Lippen. „Nach all den Jahren und nachdem er mich ihnen ausgeliefert hat. Einfach so, ohne sich darum zu scheren, wie ich mich dabei fühle. Er war mein Vater. Er hat mich die ganze Zeit angelogen und mich dann nach Amerika verkauft wie Vieh. Als wäre ich nie sein Sohn gewesen.“

Zu seinem persönlichen Horror spürte Jean, wie seine Stimme zitterte und seine Augen anfingen zu brennen. Er wusste, was das bedeuten würde und er hasste sich abgrundtief dafür. Schließlich hatte er doch schon in Evermore gelernt, dass Tränen nichts brachten und Trauer nur dazu diente, ihn noch mehr zu verletzen und darauf zu stoßen, wie einsam er wirklich war.
Er presste die Lippen aufeinander und hoffte, dass Knox nicht weiter nachfragen und ihm Zeit lassen würde, seine Gefühle wieder zu verbergen.

Natürlich hatte er die Rechnung ohne Knox gemacht. Mittlerweile sollte Jean es wirklich besser wissen.

„Sein Auftauchen hat alte Wunden in dir aufgerissen, von denen du gedacht hast, dass sie geschlossen waren.“

Das war keine Frage, so ganz und gar nicht und es traf mitten Jeans Herz. Er nickte, aber mit Schwierigkeiten. Er versuchte, gegen den Kloß in seinem Hals anzuschlucken, mit wenig Erfolg.

„Als ich klein war, hat er soviel mit mir gemacht. Er ist mit mir durch ganz Europa gereist, von Stadt zu Stadt. Er hat mir alle Dinge erklärt, die ich wissen wollte und ertragen, dass ich den Großteil seiner Zeit mit meinen Fragen über alles Mögliche in Anspruch genommen habe. Oder haben sie mich deswegen weggegeben, weil ich ihnen lästig geworden bin?“ Es war eine alte Frage, die sich Jean am Anfang immer und immer wieder gestellt hatte und auf die er immer noch keine Antwort erhalten hatte. Die er nur ein einziges Mal gewagt hatte, laut zu stellen. Day war damals nicht in der Lage gewesen, ihm eine Antwort darauf zu geben.
   
„Kein einziges Mal haben sie Kontakt zu mir aufgenommen. Nicht einmal. Sie wollten mich nicht und haben mich nur ertragen, bis ich alt genug war um verkauft zu werden.“

Er kam nicht mehr gegen den Kloß in seinem Hals an und ein erster, erstickter Schluchzer bahnte sich seinen Weg. Dumm war er gewesen, anzunehmen, dass das Gefühl der Einsamkeit und des Verlassenwerdens weg war. Wirklich dumm. Es schmerzte ihn immer noch so sehr wie es ihn vor neun Jahren geschmerzt hatte.
„Und jetzt… jetzt taucht er einfach so auf, als wäre nichts gewesen. Er nennt mich bei meinem Namen, so, als hätte er es die letzten Jahre auch getan. Er sieht mich an, als würde es ihn schmerzen, was er getan hat. Was bildet er sich eigentlich ein? Was?! Es macht mich so wütend, dass ich nicht atmen kann! Und ich weiß nicht wohin mit der Wut. Sie ist da, die ganze Zeit und sie geht nicht weg. Sie erstickt mich!“

Jean verstummte, weil ihm seine Stimme versagte. Er presste die Hand auf den Mund und konnte doch nicht die Tränen verhindern, die aus seinen Augen liefen, als hätte er nicht schon genug geweint. Er war hilflos gegen die Wucht, mit der ihn nun seine Emotionen überschwemmten und panisch krümmte er sich zusammen, presste seine Stirn gegen die Oberschenkel. Über die Pein seines Körpers hinweg übersah er beinahe die Hand auf seinem Rücken, die ihn wie verbrannt zusammenzucken ließ.

Dieses Mal schlug er sie nicht mit Wut zurück, doch das war auch nicht nötig. Die Finger verschwanden augenblicklich von seinem Rücken.
„Ist es in Ordnung für dich, wenn ich deinen Rücken berühre?“, fragte Knox und Jeans Lippen verließ ein gequälter Laut. Er wusste es nicht, aber tief in seinem Inneren sehnte er sich in diesem Moment nach dem, was ihm jahrelang vorenthalten worden war.

Er hatte Angst, aber er suchte auch die Nähe eines Menschen, der ihn umarmen würde. So wie Renee.
„Ja“, presste er hervor und da war sie wieder. Sacht rieb Knox mit seiner Handinnenfläche Jeans Rücken auf und ab, seicht genug, um ihn nicht zu verletzen, präsent genug, um ihm deutlich zu machen, dass er nicht alleine war.

Es hörte aber nicht auf, im Gegenteil. Knox‘ Berührungen machten es nur noch schlimmer und Jean schluchzte erstickt, nicht mehr wirklich zu Worten fähig. Wer war sein Kapitän, dass er das nicht mitbekam und Jean hörte mehr, als dass er die Anwesenheit des anderen Jungen wirklich spürte, wie dieser sich zu ihm hinunterbeugte.
„Darf ich dich umarmen, Jean?“, fragte Knox und bevor er wirklich darüber nachdenken konnte, nickte Jean.

Vorsichtig umfassten ihn die muskulösen Arme seines Kapitäns und Jean wurde sich bewusst, dass er keine Angst hatte. Nicht vor Knox, seinen Armen, der Stärke, die er gerade bewies, noch vor seinem Geruch oder seiner Nähe. Er ließ sich in die Umarmung ziehen und sog wie ein Vampir Stärke aus der Anwesenheit des Jungen, der ihm bereitwillig seine Vergebung schenkte. Jean vergrub sich schier an der Brust des Strikers und schluckte schwer.
„Es tut mir leid. Ich mache das nie wieder. Versprochen“, wisperte er. Einmal, ein zweites, ein drittes, bis es zu einer Litanei wurde. Wer war er, dass er die Vergebung verdient hatte?

Wer war Knox, dass er sie ihm nicht gewährte?

„Es ist okay, Jean. Es ist okay“, murmelte er. „Ich glaube dir. Wir werden das hinbekommen. Ich bin bei dir und für dich da. Wenn du reden möchtest, kannst du das jederzeit tun. Wir packen das. Ich bin da, hörst du?“

Jean hörte und tatsächlich glaubte er es in diesem Moment auch, seine Hände in Knox‘ T-Shirt gekrallt.


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Wirt fortgesetzt.
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