Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
13.06.2020
30.06.2020
29
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30.06.2020 5.966
 
Jean thematisierte Mayson bei Brian.

Es war das erste Gespräch über seine Gefühle, dass er mit dem Mittvierziger führte. In den vergangenen Sitzungen hatte er mit dem Universitätspsychologen über Nichtigkeiten gesprochen. Wie sein Tag war, wie die Kurse für ihn liefen, wie er sich hier an der USC eingefunden hatte, wie er die Stadt fand, ob die Spieler seiner Mannschaft für ihn okay waren… alles, was ungefährlich war und ihm leicht von den Lippen ging. Über mehr wollte er in dem aufgeräumten Büro mit den gemütlichen, abgegriffenen Stoffsesseln nicht sprechen und Brian ließ ihn bislang.

Knox hatte ihn darum gebeten, zu Brian zu gehen und mit ihm über die Dinge, die ihn belasteten, zu reden, aber Jean konnte und wollte das, was in ihm schwelte, nicht mit einem Menschen teilen, den er nicht kannte und von der er nicht wusste, was er mit den Informationen machen würde.

Natürlich, wie Knox auch hatte Brian ihm versichert, dass alles vertraulich behandelt werden und dass er den Inhalt ihrer Gespräche an niemanden weitergeben würde, doch das hatte der Arzt, der ihn einmal im Jahr in Evermore untersucht hatte, auch gesagt. Nur um dann alles, was Jean ihm erzählt hatte, an den Herrn weiter zu geben. Die Strafe darauf war fürchterlich gewesen und Jean hatte nach zwei Jahren begriffen, dass er den Mund zu halten hatte, wenn er gefragt wurde, wie es ihm ging und woher er die Verletzungen hatte.

Das Wissen, dass er hier nicht bestraft werden würde, festigte sich von Tag zu Tag, doch das bedeutete nicht, dass Brian alles, was er mit ihm besprechen würde, nicht an Coach Rhemann oder Doktor Chandler weitergeben würde. Oder an Knox.
Und das konnte er sich nicht leisten. Niemand durfte erfahren, was ihm passiert war. Nicht über das jetzt schon bekannte Maß hinaus. Niemand durfte erfahren, wie sehr er schwamm in dem großen Ozean namens Leben ohne ein Ufer in Sicht. Vor allen Dingen Letzteres nicht, denn ansonsten würden sich Knox, Laila und Alvarez wieder derart Sorgen machen, dass seine Freiheit verlor, die er gerade vor ihren Versuchen, ihn zum Leben zu bewegen, besaß.

Unsicher rutschte Jean auf dem Sessel hin und her und sah aus dem Fenster, direkt hinaus auf eine der Palmen, die auf der Wiese davor standen. Zwischen ihnen war ein Springbrunnen und das Plätschern des Wassers drang selbst durch das geschlossene Fenster zu ihm.
Trotz der sengenden Hitze war es hier schön kühl, denn Brian hatte eine Klimaanlage in seinem Raum, für die Jean sehr dankbar war. Trotzdem lagen seine Hände angespannt auf seinem Schoß und er wog ab, was er wie sagen sollte.

„Ich habe jemanden verletzt“, begann er mit dem Offensichtlichen. Das wusste auch schon der Coach. Wenn Brian durch sein Vorpreschen überrascht war, so zeigte er es nicht, sondern hielt aufmerksam seinen Blick. Der Drei-Tage-Bart erinnerte ihn unwillkürlich an den Coach der Foxes, auch wenn Brians ganze Statur anders war. Schmaler, größer, weniger geprägt von dem Leid, das ihn umgab. Wie immer strahlte er eine ruhige Präsenz aus, die ihre Sitzungen nicht ganz so unerträglich machten.

„Wie ist das geschehen?“, fragte Brian in seiner ruhigen Stimmfärbung, die Jean wieder und wieder aus seiner Deckung hervorlocken wollte. Nie machte er ihm Vorwürfe, nie kritisierte er ihn. Alleine das machte Jean schon misstrauisch.
„Es war während eines Spiels.“
„Also war es unabsichtlich.“
Jean schüttelte den Kopf und fragend hob Brian seine Augenbrauen. Er gab Jean Zeit, sich die Worte zu überlegen, die der Wahrheit am Nächsten kamen, aber nicht zuviel verraten würden. Langsam und stockend gab er das wieder, was Mayson ihm erzählt hatte und selbst, als er zugab, dass er das Knie auf Weisung seines Kapitäns in Richtung Schläfe gezogen hatte, verurteilte ihn der Psychologe nicht.

„Wolltest du es tun?“
Diese Frage hatte er sich seit zwei Tagen immer und immer wieder gestellt und war zu einem vorsichtigen Ergebnis gekommen. Jean schüttelte den Kopf. „Ich habe Befehlen gehorcht.“
„Was wäre passiert, wenn du es nicht getan hättest?“
„Dann hätte es eine Strafe gegeben.“
Brian fragte nicht weiter und Jean war froh darum. Er hätte auch keine weiteren Antworten darauf geben können.
„Wie fühlst du dich nach der Konfrontation mit Logan?“

Jean brauchte etwas, um darauf eine Antwort zu finden. Er traute seinen Gefühlen nicht, weil er sie nicht klar benennen konnte.
„Ich habe mich entschuldigt. Das fühlt sich schlimm an“, nahm er das, was er beziffern konnte und Brian legte fragend den Kopf schief.
„Möchtest du das näher erläutern?“
Eigentlich wollte Jean es nicht, doch seit zwei Tagen ließ ihn der eiskalte Griff von Evermore nicht mehr los und bestimmte sowohl die freien Minuten seines Tages als auch die Träume seiner Nacht. Es war, als hätte diese Entschuldigung etwas losgetreten, das er bisher unter Kontrolle gehabt hatte und das jetzt ohne Fesseln in ihm tobte.

Etwas, das an dem Wesen riss, das er vorsichtig aus den Ruinen seiner Persönlichkeit aufbaute, und ihn fahrig und nervös machte. Phantomschmerzen und Phantomworte machten ihm das Atmen schwer und er wusste nicht, wie er ihnen entkommen konnte.
Also musste er ehrlich sein, oder?
„In Evermore war das erforderlich, dabei war es egal, ob es vor oder nach einer Strafe war. Es war ein Zeichen von Respekt und Unterordnung.“
„Also war es nicht freiwillig?“
Jean nickte.
„Fühlst du den Druck auch jetzt?“
„Ich fühle das, was damit verbunden war.“
„Kannst du das beschreiben?“

Jean zögerte sehr lange, bevor er den Mut fand zu antworten und hoffte, dass dem Coach bereits bewusst war, was Knox auf seinem Körper gesehen hatte. „Der Herr hat meistens mit seinem Stock zugeschlagen. Riko hat das genommen, was da war. Eine Entschuldigung durfte nicht zu früh erfolgen, denn das galt als respektlos und als aufsässig. Aber auch nicht zu spät. Und seitdem ich mich vor zwei Tagen bei Mayson entschuldigt habe, kommen die Erinnerungen daran immer wieder. Ich habe Schwierigkeiten zu schlafen, ich bin tagsüber unaufmerksam.“

Aufmerksam hörte Brian ihm zu und Jean sah, wie der Psychologe seine Schlüsse daraus zog. Die Frage, welche es waren, stellte sich Jean nicht, dafür waren die Untersuchungen der Ärztin und die sonstigen Informationen zu eindeutig.

„Deine Entschuldigung bei Logan, war sie freiwillig?“
Jean zuckte mit den Schultern und sah auf seine Finger. „Es wurde von mir erwartet.“
„Also hat man dich gezwungen?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Das nicht. Aber es war sozial adäquat. Das macht man doch so…also normaler Mensch, oder?“ Fragend sah er hoch und bemerkte, dass die letzte Frage zuviel gewesen war. Das Interesse auf Brians Gesicht war etwas gewichen, dass Jean am Ehesten mit Professionalität übersetzte. Er hatte seinen Schweigekodex gebrochen. Jean schluckte.
„Ich meinte…“, begann er, wusste aber nicht, wie er den Satz beenden sollte. Wusste auch nicht, was er eigentlich meinte.

„Was hättest du in dieser Situation denn lieber getan?“, fragte Brian und überrascht zuckte Jean.
„Die Worte nicht gesagt“, gab er dann zu und begriff, als er sie ausgesprochen hatte, wie nachhaltig schmerzhaft es tatsächlich gewesen war, das wiederholen zu müssen, was ihm in Evermore aufgezwungen worden war.
„Du hast das Recht, für dich selbst zu entscheiden, was du sagst“, erwiderte Brian ruhig.
„Aber ich habe ihn verletzt. Er war im Krankenhaus wegen Riko und mir.“
„Was hättest du ihm gesagt, wenn ihr beiden alleine gewesen wärt?“
Die Antwort darauf war einfacher, also kam sie auch schneller. „Dass es nicht wieder vorkommen wird und dass ich es nicht getan habe, weil ich es wollte. Aber das wäre ihm nicht genug gewesen.“
„Hat er das gesagt?“
„Nein. Aber er ist ein Mensch. Er erwartet das.“
„Du bist auch ein Mensch, du hast auch Gefühle, die du und er berücksichtigen sollten.“

Jean schnaubte verächtlich ob der Naivität, die Brians Worte ausmachte. „Für neun Jahre waren meine Gefühle egal“, erwiderte er unachtsam und wieder sah er, wie der Psychologe sich gedankliche Notizen machte. Jean begriff, was für einen großen Fehler er begangen hatte und schluckte. Abrupt erhob er sich.
„Ich…“ mehr bekam er nicht heraus, ehe er sich zur Tür wandte und sich zwei Schritte von dem anderen Mann entfernt hatte.
„Nur weil dir für neun Jahre diese Gefühle vorenthalten wurden, hast du trotzdem ein Anrecht darauf, dass sie für den Rest deines Lebens fester Bestandteil deines Seins sind und dass sie positiv sein dürfen.“

Wie einfach es doch war, ihn zum Stehenbleiben zu bringen. „Möchtest du eine Empfehlung, was Logan betrifft?“, fragte Brian weiter.
Wollte Jean das? Anscheinend schon, da er jetzt steif nickte.
„Du könntest noch einmal mit ihm sprechen. Schildere ihm, was du denkst und was du fühlst. Wenn du etwas über seine Gefühle wissen möchtest, dann frag ihn, was er dabei gefühlt hat und was ihn so wütend macht.“
Jean fuhr herum. Ungläubig starrte er auf Brian hinunter und hob die Hände. „Das kann ich nicht. Gefühle sind Schwäche und werden von Gegnern dazu benutzt, sich einen Vorteil zu verschaffen. Sie werden dazu missbraucht, zu verletzen, zu verhöhnen…zu…“

Abrupt verstummte Jean. Was tat er hier? Er vergaß sich und seine Verpflichtungen wegen einer Nichtigkeit. Wegen dummer Gefühle. Hilflos ballte er seine Hände zu Fäusten. Er sollte gehen. Jetzt. Sofort. Und er sollte nie wiederkommen. Doch warum konnte er sich dann nicht bewegen? Das voreilige Versprechen an Knox konnte es nicht sein. Seine Gesprächigkeit auch nicht. Was dann?

„Ist das die Erfahrung, die du gemacht hast?“, fragte Brian ruhig und Jean hätte ihm am Liebsten diese Ruhe aus dem Gesicht geschlagen.
„Würde ich es sonst sagen?“, knurrte er und der Mann in seinem Rücken brummte zustimmend.
„Möchtest du-“, begann Brian und Jean fuhr herum.
„Nein! Nein, ich möchte nicht! Und ich möchte eigentlich gar nicht mit dir sprechen und würde es auch nicht, wenn Knox…“ Wieder verstummte er abrupt, seine Hand vor den Mund gepresst. Was fiel ihm ein, jetzt auch noch seinen Kapitän mit hinein zu ziehen?

Er sah zum ersten Mal, dass Brian auch in der Lage war, seine Stirn zu runzeln. „Was hat Jeremy getan?“, fragte er streng nach und Jean schluckte. Ruckartig schüttelte er den Kopf.
„Er hat nichts getan. Ich…habe ihm versprochen, dass ich hierhin komme. Damit er keine Angst mehr hat.“
„Wovor sollte er Angst haben?“
Jean grollte. Impulsiv drangen Worte an die Oberfläche seiner Selbstbeherrschung, die seine rationale Seite niemals zugelassen hätte. Er konnte und wollte sie nicht zurückhalten, wollte Brian mit ihnen verletzen und von ihm wegscheuchen. „Ich wollte mich umzubringen, okay? Ich habe mich anders entschieden, aber Knox ist der Meinung, dass mir das hier etwas bringt. Tut es aber nicht, weil ich nicht reden will. Ich mache es, damit er beruhigt ist, weil ich seine Verzweiflung nicht ertragen kann. Ist das besser jetzt?“

Wütend schnaubte er und atmete tief durch. Das erste Mal, seitdem er sich bei Mayson entschuldigt hatte und es tat gut. Wie ein Befreiungsschlag kam es ihm vor, dem Psychologen im Rahmen seiner Grenzen gesagt zu haben, was er wollte. Nicht, was er für andere tat. Was er tatsächlich dachte. Dass er versucht hatte, Selbstmord zu begehen, war nun kein Geheimnis. Selbst wenn Brian es an ihren Coach weitergeben würde, so wusste dieser das sicherlich längst.

Natürlich würde Brian gleich Fragen stellen und ihn über seine Motive ausquetschen. Ihm sagen, dass das Leben doch lebenswert wäre. Den ganzen Sermon eben, den er schon kannte. Doch es kam nichts. Der Psychologe atmete nur betont ruhig aus und erhob sich. Langsam ging er zu seinem Schreibtisch und lehnte sich dagegen, die Arme links und rechts locker auf der Tischplatte abgestützt.

„Ist es für dich besser?“, fragte er und Jean hielt inne.
„Warum interessiert dich das?“
„Weil ich da bin um zuzuhören.“
„Wozu, wenn ich nichts zu erzählen habe?“
„Das stimmt nicht.“
Irritiert runzelte Jean die Stirn.
„Du hast mir viel erzählt. Über deinen Sport, deine Mannschaft, die Universität hier, deine Fächer. Nur um ein paar Dinge zu benennen.“
„Belangloses Zeug.“
„Aber gehaltvoll genug, dass du es erwähnenswert fandest.“

Jean schwieg und verschränkte unwohl die Arme. Der andere Mann reagierte nicht so, wie er es sich gedacht hatte und das machte ihn unsicher. Da kamen keine inquisitorischen Fragen. Da kam keine Sorge, keine Bestürzung, nichts, sondern nur Ruhe und eine Themenwahl, die damit nichts zu tun hatte. Er hatte den Psychologen mit seinen Worten nicht vertrieben, im Gegenteil.
Lange wurde er schweigend gemustert, bis sich Brian räusperte.

„Aus Jeremys Standpunkt heraus kann ich verstehen, dass er sich Sorgen macht, schließlich seid ihr befreundet.“
„Er ist mein Kapitän“, korrigierte Jean ihn wenig erfreut über diese intime Bezeichnung. Brian erkannte das mit einem Nicken an.
„Nichtsdestotrotz bin ich kein Freund davon, dass meine Patienten unfreiwillig zu mir kommen. Wenn du nicht hier sein möchtest, dann werde ich dich nicht dazu zwingen. Es geht darum, was du willst und womit du dich wohlfühlst.“

Wohlfühlen.

Jean ließ sich den Begriff auf der gedanklichen Zunge zergehen. Fühlte er sich wohl? So ganz genau wusste er es nicht. Die Mannschaft behandelte ihn wie einer der Ihren. Er wurde nicht geschlagen, nicht gefoltert, niemand nutzte seine Hilflosigkeit dazu aus, sich ihm aufzuzwingen. Er tat Dinge, an denen er Gefallen fand. Er machte Dinge zum ersten Mal. Und zum Zweiten. Zum Dritten. Er war draußen, in der Sonne und hatte sogar nicht so starken Sonnenbrand wie im Anfang. Eigentlich nur noch, wenn er vergaß, Sonnencreme aufzutragen und Knox oder jemand aus seinem Team nicht da war, um ihn daran zu erinnern. Er entdeckte eine Welt abseits von Exy und seiner Mannschaft.

Wie fühlte er sich damit?

Oftmals überfordert. Ohne Land in Sicht. Ängstlich, dass es nur temporär war und Evermore ihn wieder zurückholen würde. Aber auch…zufrieden. Ruhig. Gelassen. Teilweise amüsiert. Beschenkt, wenn er an Eva dachte.

„Knox wird unglücklich, wenn ich nichtmehr hierher komme“, schloss er das Thema schließlich für sich und Brian hob die Augenbraue. Das Verständnis, was er in den braunen Augen erkannte, schmerzte Jean ebenso sehr, wie es ihn irritierte.
„Und was willst du?“
„Dass er mich nicht mit seinen großen, traurigen Augen ansieht.“ Jean grollte und Brian lächelte tatsächlich.
„Hast du einen Plan um das zu verhindern?“

Ja, wenn er das wüsste. Wenn er nicht mehr hierherkam, würde Knox das als Anlass sehen, sich Sorgen zu machen. Aus den Sorgen würde schlussendlich eben jene Verzweiflung aus der Wüste werden, die sich so tief in Jean hineingeschnitten hatte, dass er glaubte, mit ihrem Anblick Ewigkeiten leben zu müssen.

„Darf ich dir einen Vorschlag machen?“, fragte Brian und Jean nickte zögerlich. „Wie wäre es, wenn wir uns trotzdem jede Woche treffen und wir einfach über dies und das plaudern? Über Dinge, die okay für dich sind. Oder wir reden gar nicht. Du könntest dir etwas zum Lernen mitbringen und dir die Zeit so vertreiben.“

War das der Kompromiss, den er eingehen musste? Einmal die Woche eine Stunde im Gegenzug zu Knox‘ Seelenfrieden für den Rest der Zeit? Jean seufzte innerlich. Über Nichtigkeiten sprechen? Das war immer noch ein Konzept, dem er mit einem Stirnrunzeln begegnete, aber rein pragmatisch war die Kosten-Nutzen-Rechnung auf Seiten von Brians Vorschlag.

„Okay.“

Brian lächelte. „Ich freu mich auf dich. Nächste Woche, gleiche Zeit.“

Unwirsch verzog Jean seine Lippen und presste einen weniger erfreuten Laut hervor. Ohne sich zu verabschieden drehte er sich um und verließ das Büro des Psychologen. Vor der Zeit, aber mit einer akzeptablen Verkürzung, dass es nicht wie eine Flucht aussah.

Im Schatten der Bäume entdeckte er den in Rede stehenden Jungen, der mit dem Rücken zu ihm gegen einen der Stämme gelehnt saß. Er chattete gerade mit jemandem, den Jean bei näherem Hinsehen als Day identifizierte und innerlich grollend blieb er stehen. Eigentlich sollte es ihm egal sein, ob Knox unglücklich war. Eigentlich. Uneigentlich…ja, das stand auf einem vollkommen anderen Blatt.



~~**~~



Alles, was Jeremy bisher versucht hatte, um Jean aus seinem Schneckenhaus zu locken, nachdem sie in Rhemanns Büro gewesen waren, war fehlgeschlagen. Der andere Junge war nicht unfreundlich, ganz im Gegenteil. Er war höflich und zurückhaltend bis zur Frustration. Jean hatte sich erneut in sich zurückgezogen und Jeremy so die Möglichkeit entzogen, dem Backliner Mimik oder Gestik zu entlocken und dadurch zumindest einen minimalen Einblick in dessen Gedankenwelt zu erhaschen.

Dass es Jean in der Situation nicht gut gegangen war, war nur zu deutlich gewesen. Er hatte Angst gehabt. Vor Rhemann? Sicherlich. Vor Logan und ihm? Jeremy vermutete es, auch wenn Jean seine Frage danach mit einem stummen Kopfschütteln beantwortet hatte.

So blieb ihm nichts Anderes übrig, als darauf zu lauern, dass er erneut Zugang fand und hoffte, dass es Ajeet schaffte, als er just in diesem Moment eine samstagnachmittägliche Poolrunde im Haus seiner Familie über ihren Gruppenchat vorschlug.

„Hast du Lust darauf?“, fragte Jeremy und Jean sah fragend von seinen Büchern auf. Natürlich hatte er sein Handy noch nicht gecheckt. Mittlerweile lag es offen auf Jeans Bett, aber selten wagte der andere Junge es, es in Jeremys direkter Gegenwart aufzunehmen.
Auch einer von Rikos Verdiensten, für die Jeremy den verstorbenen Ravenskapitän wirklich hasste.

„Ajeet hat uns zum Pool bei seinen Eltern eingeladen“, erläuterte er und sah, wie Jean sich versteifte. Vielleicht war es doch nicht das Richtige, mutmaßte Jeremy und seufzte innerlich resigniert.
„Nicht gut?“, schob er entsprechend unsicher hinterher und Jean schluckte. Der andere Junge haderte mit sich und kämpfte um die Worte, die auf seinen Lippen lagen, das sah Jeremy.
„Ich weiß nicht“, erwiderte er schließlich und ballte seine Hände zu Fäusten. „Das Meer ist eine Sache, aber ein Swimmingpool…“

Jeremys Augen weiteten sich, als er Jeans verklingenden Worten lauschte. Wieder einmal umfasste ihn kaltes Grauen bei dem Gedanken daran, was dem anderen Jungen alles vorenthalten worden war und unter welchen Umständen er nach Amerika gekommen war. Dass er Poolbillard nicht kannte, war nicht erstaunlich und doch ließ es Jeremy trocken schlucken. Er hätte es besser wissen müssen.

„Das hat nichts mit Wasser zu tun“, erläuterte er, als er seine Stimme wiederfand und suchte auf seinem Handy ein Video. Mit einem Lächeln hielt er es Jean hin.
„Schau, das ist ein Spiel, bei dem es darum geht, eine bestimmte Anzahl an Kugeln in eine bestimmte Reihenfolge an Löchern zu stoßen, mit einem sogenannten Queue, also grob gesagt, einem Holzstock. Hier geht es um Präzision und Taktik, aber auch um Ruhe und Perfektion.“

Jean blinzelte nicht, während er auf den Bildschirm starrte. Erst nach Ende des Videos richtete er seine volle Aufmerksamkeit auf Jeremy.
„Ich habe dieses Spiel noch nie gespielt.“
Jeremy strahlte und winkte ab. „Dann bringe ich es dir bei. Gar kein Ding. Ich kann das ziemlich gut.“
„Aber ich halte euch damit nur auf.“
Jeremy starrte auf den anderen Jungen hinunter. „Jean?“
Fragend hob der Backliner seine Augenbrauen.
„Du hältst niemanden auf. Wir würden uns freuen, wenn du da bist. Plus, im Anschluss gibt es leckeres, original indisches Essen! Hast du schonmal Indisch gegessen?“
„Nein.“
„Siehst du, dann wird es gleich ein Tag voller doppelter, erster Male!“

Ganz überzeugt war Jean nicht, aber Jeremy sah Interesse in den grauen Augen. Mittlerweile wusste er, dass dieses Interesse schlussendlich zu einem Ja führen würde und das ließ ihn hoffen.



~~**~~



Verstohlen sah sich Jean in dem Haus um, das sie vor ein paar Minuten betreten hatten. Schon beim Hereinkommen war er schier erschlagen worden von der Vielfalt an Gerüchen, die seine Nase überwältigt hatten. Keinen davon konnte er identifizieren und so war er kaum in der Lage, den lauten und chaotischen Gesprächen seines Teams zu folgen. Überall gab es etwas Neues zu entdecken, das auf das Leben der Bewohner dieses Hauses hindeutete. Er sah Schreine in einem Zimmer, die jedes Kreuz, das seine Mutter damals in ihrem Haus aufgehängt hatte, wie ein billiger Religionsabklatsch aussehen ließen. Dazwischen hingen haufenweise Bilder von Menschen, die anscheinend Ajeets Familie waren und alle so breit lächelten, als wäre gerade die Sonne nur für sie aufgegangen.

Überhaupt sprach alles hier so sehr von Lebensfreude und familiärer Intimität, dass es ihn schmerzte. Sein eigener Verlust wurde ihm dadurch umso mehr bewusst und ließ ihn schlucken.
„Jean?“ In der Kakophonie der Trojans, die sich zum Pool eingefunden hatten, hatte Jean vergessen, dass ihm auch Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Mühevoll riss er sich aus seinen Gedanken los und sah hoch zu Ajeet, der ihn mit einem vorsichtigen Lächeln musterte. „Ist alles in Ordnung?“
Schweigend nickte er und deutete dann auf die Wand voller Fotos. „Es ist alles so viel“, erläuterte er, als würde das seine Abwesenheit erklären. „So viele Fotos.“
Ajeet seufzte tief. „Meine Familie liebt es, Fotos zu machen und jeden einzelnen Moment festzuhalten. Es gibt ganze Schrankregale voller Alben mit Kinderbildern, die dir alle gezeigt werden, wenn du meine Mutter auch nur darauf ansprichst.“

Jean konnte sich erinnern, dass sein Vater auch Bilder von ihm gemacht hatte. Er bezweifelte aber, dass diese noch existierten. Vermutlich waren sie weggeworfen worden, als sie ihn nach Amerika verkauft hatten. Die Trauer, die Jean bei dem Gedanken daran erfüllte, schmerzte ihn mehr als dass er es gedacht hatte und mit Gewalt riss er sich aus den dunklen Erinnerungen los, die damit einhergingen.

Aufmerksam musterte Ajeet ihn und Jean bemühte sich, all das, was vermutlich auf seinem Gesicht geschrieben stand, hinter die sorgsam neutrale Fassade zu schieben.
„Sollen wir auch?“, fragte Ajeet und Jean nickte schweigend. Langsam folgte er dem Hünen von einem Torhüter durch das Haus in das erste Obergeschoss, in das die Anderen schon verschwunden waren.

Ajeet drehte sich im Gehen halb zu ihm um. „Sag mal, hast du keine Angst vor den blonden Zwillingen?“, fragte er Jean blinzelte irritiert. Blonde Zwillinge?
„Den Minyards.“
Überrascht schnaubte er. Wie kam Ajeet denn ausgerechnet jetzt darauf? Und vor allen Dingen, warum?
„Nicht mehr“, erwiderte er. „Warum?“
„Wie hast du das geschafft? Ich meine…Andrew ist super gruselig.“
Dem hätte Jean vor Monaten noch beigepflichtet. Das war nun anders. Andrews Präsenz hatte ein Versprechen von Verbindlichkeit an sich, das es Jean einfacher machte, Jostens Vorliebe für den blonden Jungen zu verstehen, auch wenn er weit davon entfernt war, sie nachvollziehen zu können.

Jean überlegte, ob es Sinn machte, Ajeet zu sagen, was er von Andrew hielt, doch er sah davon ab. Andrew nutzte sein Auftreten auch als Schutzschild, damit ihm Menschen, die er nicht in seiner Nähe haben wollte, nicht zu nahekamen und in Ruhe ließen. Wenn er nun damit hausieren ging, dass unter all der Gewaltbereitschaft jemand lauerte, der sich mit Leib und Seele dem Schutz seiner Familie und seines engsten Kreises verschrieben hatte, würde das vermutlich eher stören als etwas Gutes hervorbringen.

„Ja, das ist er. Aber bevor ich nach Los Angeles gekommen bin, war ein für ein paar Wochen dort. Da gewöhnt man sich an die Angst.“
„Ist er denn wirklich so brutal?“
Jean seufzte innerlich. War Andrew das? Brutal? Manchmal schon, sowohl mit Worten als auch mit dem, was er tat. Aber nie…ungerechtfertigt. Er war kein Sadist so wie Riko einer gewesen war. Auch wenn Jean auf das, was Andrew ihm versucht hatte, mit der Spritze anzutun, immer noch nicht gut zu sprechen war, so konnte er nachvollziehen, welcher Gedankengang dahinter gestanden hatte.

„Er ist pragmatisch“, erwiderte Jean ausweichend und Ajeet brummte.
„Wie war es denn mit ihnen?“, fragte er dann und Jean war sich nicht sicher, warum der andere Junge das alles wissen wollte. Eine Stimme, die verdächtig wie Knox klang, sagte ihm, dass es hier zählte, was er erlebt hatte. Hier interessierten sich die Menschen für ihn und Neugier gehörte anscheinend auch dazu. Jean sah keinen Grund, sie nicht zu befriedigen.
„Chaotisch. Verrückt. Völlig anders als hier. Sie sind wie ein Hyänenrudel. Solange sie keinen haben, der sie bedroht, lassen sie ihren zweifelhaften Humor aneinander aus und tragen ihre Kämpfe unter sich aus. Aber sobald jemand von außen kommt, sind sie eine Einheit. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen, mögen sie sich doch alle.“

Beeindruckt blinzelte Ajeet. „Wow. Das ist krass. Hätte ich nicht gedacht.“
„Ich auch nicht.“
„Sag mal, Jean…“

Unweigerlich zuckte er zusammen. In seiner kurzen Zeit hier in Los Angeles hatte er gelernt, dass das nie, niemals, eine gute Einleitung für den nachfolgenden Satz war. Da würde immer etwas kommen, das ihn herausfordern würde. Vorsichtig hielt er inne und maß Ajeet aufmerksam.
„Das mit Logan“, begann er und Jean verzog anscheinend so deutlich sein Gesicht, dass es als Schmerz gewertet wurde.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Ajeet besorgt und tat einen Schritt auf ihn zu, was Jean mit größerer Sorge, als ihm lieb war, zur Kenntnis nahm. Abwehrend hob er die Hand und nickte.

„Was ist damit?“, fragte er und Ajeet seufzte.
„Hast du das getan, was er dir vorwirft?“
Jean nickte schlicht.
„Warum?“
„Weil mein Kapitän mir das befohlen hat und ich nicht bestraft werden wollte“, erwiderte er ehrlich und Ajeet brauchte einen Moment, um den Worten einen Sinn zu geben.
„War Riko gemein zu dir?“ Kurz deutete er auf seine Haare, die Jean heute wieder unter seiner Beanie verborgen hatte. War Riko gemein gewesen… was für eine Formulierung.
„Er war sadistisch und brutal“, bestätigte Jean neutral und sah, wie Ajeet mühevoll schluckte. Er sah zur Wand und deutete dann auf eines der Fotos.
„Mein Opa war das auch zu meiner Oma, deswegen ist sie hierher gekommen. Er hat sie geschlagen und ihr andere Dinge angetan, die ihr wehgetan haben.“ Ajeet hielt inne und Jean wartete geduldig, dass er fortführte, was er sagen wollte. „Du… hast genauso wie sie reagiert, als ich dich das erste Mal umarmt habe.“

Reichlich sprachlos starrte Jean dem Hünen in das abgewandte Gesicht. Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte und beschloss, dass Stillhalten ein guter Anfang sein würde. Warum er so derart hilflos war in diesem Moment, wusste er auch nicht, aber er fand keinen Weg, eine gute Reaktion darauf zu zeigen. Glücklicherweise lächelte Ajeet und zuckte mit den Schultern.
„Ist es denn zwischen dir und Logan geklärt?“
Die Frage war einfacher zu beantworten. „Ich glaube schon. Allerdings würde ich verstehen, wenn er nicht will, dass ich in seine Nähe komme.“
„So ist er sicherlich nicht!“
Jean wich den braunen Augen aus, die ihn mit soviel Vertrauen und Zuneigung ansahen, dass es beinahe schmerzte.
„Ich habe es verdient, Ajeet. Ich habe ihm wehgetan“, erwiderte er mit einer Finalität, die den anderen Jungen davon abhielt, weitere Fragen zu stellen.
„Wenn etwas sein sollte, ich bin da.“

Jean blinzelte, nicht sicher, womit er das verdient hatte. Er nickte jedoch, wenn auch nur, um der Diskussion zu entgehen. Es fühlte sich nicht schlimm an, aber diese offene, selbstverständliche Darstellung von Freundschaft machte ihn unsicher.

„Danke“, erwiderte er und das Wort wurde mit jedem Mal weniger schlimm.



~~**~~



„Cap, hör auf mit deinem halbhorizontalen Poledance und sieh zu, dass du die Kugeln in die entsprechenden Löcher bekommst!“, grollte Alvarez und Jeremy wackelte aufreizend mit seinem Hintern, den er herausgestreckt hatte, als er sich über den Pooltisch gebeugt hatte. Belohnt wurde seine Provokation mit einem harten Schlag auf eben jenen, der ihn erschrocken fiepen ließ. Abrupt richtete er sich auf und funkelte seinen Vizekapitän wütend an.
„Das gibt Extrarunden, Alvarez!“, fauchte er und sie verschränkte lachend die Arme.
„Beschwer dich ruhig… du willst ja nur davon ablenken, dass unser Poolbaby hier dich abzieht und das nichts mit Anfängerglück zu tun hat!“

Jeremy grollte erneut, wusste aber, dass sie nur zu Recht damit hatte. Jean hatte nicht nur Gefallen an dem Spiel gefunden, nachdem ihm ausführlich die Regeln erklärt worden waren, nein, er war auch noch gut darin. So gut, dass er beinahe aus dem Stegreif eine ernstzunehmende Konkurrenz für Jeremy war und das war hochgradig besorgniserregend.

Er warf einen Blick auf den Jungen, der am anderen Ende des Tisches stand und ihn mit hoch erhobener Augenbraue maß. Jean war überaus konzentriert bei der Sache und wenn Jeremy sich nicht fürchterlich täuschte, was er nicht glaubte, dann hatte Jean sogar Spaß daran, die Wege der Kugeln so zu berechnen, dass sie exakt dorthin gelangten, wo er sie hinhaben wollte.
Wie auch beim Lernen nahm Jeans Mimik dabei etwas konzentriert Raubtierhaftes an, das Jeremy schlucken ließ, insbesondere, wenn Jean mit eben jenem Ausdruck seine Handlungen analysierte.

„Ich mach ja schon!“, grimmte er und versenkte seine Kugeln in die dafür vorgesehenen Löcher. Triumphierend grölte er und streckte Alvarez die Zunge heraus nur um dann mit dem nackten Zeigefinger auf einen angezogen Jean zu deuten.
„Das musst du mir erst einmal nachmachen!“
Jean sagte nichts darauf, aber seine Augen verrieten, dass er die Herausforderung angenommen hatte. Konzentriert beugte er sich seinerseits hinunter und gewährte Jeremy damit einen Einblick auf seine Schlüsselbeinknochen. Selbst dort befanden sich Narben von Rikos Gewaltexzessen und Jeremy schluckte unwillkürlich.

Dass dies nur bedingt wegen Riko geschah, wurde ihm bewusst, als sein Verstand ihm meldete, dass Jean sich hier, genauso wie auf dem Spielfeld, wie ein Raubtier bewegte, das seine Beute im Visier hatte. Und da, wo Exy brutal, strategisch und schnell war, war Pool voller strategischer Raffinesse. Da war es überhaupt nicht hilfreich, dass Jeans Körper in ruhiger Präzision sich in einer perfekten Linie über den Tisch beugte um den Queue anzusetzen. Dass die Kugeln ihre Ziele fanden, war beinahe schon eine Selbstverständlichkeit und Jeremy seufzte innerlich.

„Gib’s zu, du hast das schonmal gespielt!“, beschwerte er sich zum dutzendsten Mal an diesem Tag und beinahe schon genauso oft bekam er einen nichtssagenden Laut als Antwort, der alles bedeuten konnte.
„Vielleicht bist du einfach schlecht“, murmelte Ellie und Jeremy streckte ihr den Mittelfinger entgegen.

Dass Jeremy schlussendlich gewann, war an Knappheit nicht zu überbieten. So wie Jean auf den Tisch starrte, überlegte er sich auch schon eine Strategie, wie er es besser machen konnte. Noch besser und Jeremy freute sich schon auf die Revanche.

Nun gab es aber erst einmal Essen und darauf freute er sich um ein Vielfaches mehr. Das Essen von Ajeets Mama und Oma war grandios und schmeckte so gut, dass sich Jeremy regelmäßig überfraß. Also eigentlich immer überfraß und sich dann noch eine Tupperdose voller Leckereien einpacken ließ.

Voller Elan sprang er die Treppen herunter, während der Rest seines Teams langsamer folgte und sich brav an den gedeckten Tisch setzte. Vor Kopf saß Ajeets Oma und seine Mutter, der Rest der hungrigen Baggage an den Seiten. Gemeinsam machten sie sich über das wundervoll angerichtete, aufgetischte Essen her und die Gespräche explodierten in einer Lautstärke, die Jeremy schon beinahe in den Ohren schmerzte. Jean musste das noch viel stärker wahrnehmen, so wie er in sich gekehrt neben ihm saß und von den Schalen, die ihm gereicht wurden, probierte. Angestrengt starrte er auf den Tisch und Jeremy beugte sich langsam zu ihm herüber.

„Alles in Ordnung?“, fragte er leise und Jean sah kurz hoch. Schweigend nickte er und Jeremys Blick fing sich an den geröteten Wangen und Ohrläppchen, an den leicht geöffneten Lippen, deren warmer, schnell gehender Atem über Jeremys Wange strich.
„Es ist scharf“, erläuterte Jean schließlich rau und räusperte sich, griff zu dem Wasser, das vor ihm stand. Instinktiv legte Jeremy seine Hand auf Jeans um ihn aufzuhalten. Er lächelte und beugte sich zu der Kanne, die unweit von ihnen neben Fahima stand.
„Kein Wasser, Jean. Milch.“

Der Junge blinzelte und starrte auf ihre Hände hinunter. „Milch?“, echote er irritiert und Jeremy nickte.
„Gegen die Schärfe.“
„Oh.“
„Probier’s.“

Jeremy löste seine Finger von Jeans Hand und schenkte ihm ein gutes Glas davon ein. Jean trank es in drei gierigen Zügen leer. Fragend hob Jeremy die Augenbraue und Jean nickte.
„Besser.“
Er grinste. „Sehr gut. Hast du schon einmal scharf gegessen?“
Jean schüttelte den Kopf und Jeremy schalt sich innerlich. Sportlernahrung war alles andere als scharf und natürlich hatte Jean in Evermore nichts dergleichen bekommen. Seine Geschmacksknospen waren also noch nicht einmal im Ansatz das gewöhnt, was Amanpreet und Nilay kochten. Jeremy seufzte mitfühlend. „Verdammt, das tut mir leid. Soll ich dir die einzelnen Schärfegrade des Essens erklären?“

Jean nickte knapp und Jeremy deutete auf die einzelnen Schälchen und deren Schärfegrade, hob das hervor, was für Einsteiger geeignet war, sehr zur Freude und zum Amüsement von Ajeets Familie. Jean hörte dem Ganzen still zu und nickte schließlich.
Nach einem weiteren Glas Milch nahm er sich noch etwas, dieses Mal weitaus vorsichtiger und wählerischer als beim ersten Mal. Ihm schmeckte es, das sah Jeremy und insgeheim freute er sich diebisch, dass er die Freude über diesen Tag auch jetzt noch auf Jeans Gesicht sehen konnte.



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„Was bedeutet der Begriff „sich ein Zimmer zu nehmen“, Ajeet?“, fragte Jean, während er mit Ajeet, Ellie, Knox und Ajeets Mutter Nilay in der Küche stand und das Geschirr trocknete. Sie hatten bis jetzt konzentriert gearbeitet und Jean hatte gedacht, dass dies der richtige Moment wäre, diese Frage zu stellen, von der Alvarez ihm gesagt hatte, dass Ajeet sie am Besten beantworten könnte.

Mit der bewegungslosen Stille und der ungeteilten Aufmerksamkeit, die er damit auslöste, hatte er nicht wirklich gerechnet. Insbesondere von Ajeet nicht. Wie versteinert stand dieser mit einer halbtrockenen Schüssel unweit von ihm und starrte ihn mit weit geöffneten Augen an.
„Was?“, krächzte der große Junge und Jean runzelte die Stirn.
„Ich kenne den Begriff nicht und Sara meinte, dass du wüsstest, was damit gemeint ist“, erläuterte Jean und sah irritiert, wie sich Panik auf dem Gesicht des Jungen ausbreitete und seine Augen ängstlich zu seiner Mutter huschten.
„Ich weiß es auch nicht. Wirklich“, krächzte er und Jean hörte die Lüge aus jeder Pore tropfen.
„Bist du dir sicher?“, hakte er deswegen noch einmal nach.

Ajeets Mutter drehte sich mit einem strengen Räuspern um, das Jean unwillkürlich an seine Mutter erinnerte. „Ajeet Anand, hast du etwa Sex?“, fragte sie in aller Offenheit und Jean blinzelte irritiert. Es schien, als wäre die Luft in diesem Raum um ein paar Grade gefallen, trotzdem wurde sein Torhüter mit einem Schlag rot im Gesicht. Jeans Nackenhaare standen zu Berge, weil er instinktiv spürte, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte. Er wurde vorsichtig und fixierte sich auf die augenscheinliche Gefahr vor sich, die er in der freundlichen Frau mit den schwarzen Haaren erkannte. Er verstand auch nicht, warum sie nach Geschlechtsverkehr fragte und was das mit dem Zimmer zu tun hatte.

Jean räusperte sich. „Wenn meine Frage unangebracht war, dann ziehe ich sie zurück. Ich…“ Er verstummte und es war sein Kapitän, der ihn mit einer Hand auf seinem Oberarm zum Schweigen brachte. Viel zu verständnisvoll sah er ihn an, wenn man Jean fragte, denn das Mitleid, was er unweigerlich auch dort fand, ließ all seine Alarmglocken schrillen.
Ajeet lachte nervös und Jean erkannte das Lachen wieder. Er hatte über Andrews Worte in der gleichen Art gelacht. „Alles gut. Alvarez war das, ja?“ Seine Augen huschten zu seiner Mutter, die ihnen mit in die Hüften gestemmten Händen zusah.
Es war schließlich aber Ellie, die mit ihrer typischen Ruhe antwortete. „„Sich ein Zimmer zu nehmen“ bedeutet nichts Anderes als mit jemandem das Bett zu teilen auf eine sehr intime Art und Weise.“

Die Worte klangen selbst in Jeans Ohren formell und verwundert nahm er zur Kenntnis, wie Ajeets Augen entschuldigend auf seiner Mutter ruhten. Wieso musste er sich für Ellies Erklärung entschuldigen? War es in irgendeiner Art unanständig oder anrüchig?

Unwirsch verzog Jean die Lippen und sah hilfesuchend zu seinem Kapitän. Es war Mrs. Anand, die jedoch antwortete und in deren Ton Strenge mit Nachsicht konkurrierte, die Jean unweigerlich an Doktor Chandler erinnerte.
„Diese Familie legt sehr viel Wert auf Tradition“, sagte sie. „Zu unserer Tradition gehört es, dass man sich vor der Eheschließung kein Zimmer sucht, sondern sich erst nach der Zeremonie körperlich nahekommt und das Bett teilt.“
Jean blinzelte. Das gab es?
„Aber wieso meinte Alvarez dann, Ajeet könnte…“
„Weil sie mich ärgern wollte“, jaulte Ajeet und auch das war nur zum Teil wahr. Irritiert runzelte Jean die Stirn. Warum er vor seiner Mutter log, war ihm ein Rätsel, aber er neigte zustimmend den Kopf.

„Ich lasse sie definitiv Extrarunden laufen“, sagte Knox und Jean war hin und hergerissen zwischen einer Verneinung oder Zustimmung aus ganzem Herzen, denn er wurde das Gefühl nicht los, dass der Vizekapitän versucht hatte, Ajeet und ihn in Bedrängnis zu bringen.



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Wird fortgesetzt.
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