Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
13.06.2020
13.08.2020
34
198.621
 
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29.06.2020 7.228
 
Laila exte ihren wirklich schlechten, dafür umso stärkeren Cocktailmix, von dem sie glaubte, dass es Tequila Sunrise sein sollte, und stahl sich einen letzten, innigen Kuss von Sara. „Ich schau mal nach unserem französischen Adoptivsohn da draußen“, nickte sie in Richtung der Eingangstür, aus der Jean vor nicht ganz einer Stunde verschwunden war.
Da Jeremy gerade mit Allan beschäftigt war und so schnell nicht wiederkommen würde, hatten sie Jean von ihm übernommen und warfen regelmäßig einen Blick nach draußen auf den Jungen, der es sich unter einem der alten Bäume gemütlich gemacht hatte und nun mit dem Rücken an ihn gelehnt im Halbdunkeln dort saß und vor sich hinstarrte.

Der Lärm war ihm zuviel geworden, was Laila gut verstehen konnte. Wie alle Collegepartys war auch diese irgendwann in Lautstärke und albernen Gesprächen explodiert. Jean selbst war, zumindest was Aktivitäten des Teams anbetraf, zurückhaltend. Er nahm daran teil, aber entspannt war er nicht, das hatte sie mittlerweile begriffen. Aus dem scheuen, oft zurückzuckenden Backliner war ein in sich gekehrter Teil ihres Teams geworden, den sie – vorsichtiger als vorher – in das integrierten, was sie ausmachte.

Laila war stolz auf die Fortschritte gewesen, die er offensichtlich ängstliche Junge gemacht hatte und sie war stolz darauf gewesen, dass sie ihm etwas von dem fehlenden Vertrauen zurückgeben konnten. Sie hatte wirklich geglaubt, dass Jean bereit war, den Weg mit ihnen zu gehen.

Bis er versucht hatte, sich umzubringen.

Nein, bis er mit Andrew Minyard in die Wüste gefahren war um sich von dem Torhüter der Foxes umbringen zu lassen. Ein Freundschaftsdienst sozusagen.
Lailas Glauben an ihre eigene Intuition war an diesem Tag schwer erschüttert worden. Mitnichten hatten sie damit gerechnet, dass Jean seinem Leben ein Ende setzen wollte. Keine Sekunde lang hatte sie es angenommen. Mitnichten hatte sie gedacht, dass ein anderer Mensch dazu fähig war, jemanden aus einem Gefallen heraus zu töten. Oder weil sie einen Handel miteinander gehabt hatten. Das war unmöglich und unglaublich in ihrer Welt gewesen. Bis zu dem Moment, in dem Jeremy sie wachgerüttelt hatte.

Nun war er hier, doch wie Sara und Jer auch hatte sie große Angst, dass er es - genauso stumm wie an dem Tag in der Wüste - irgendwann nicht mehr sein würde. Andrew Minyards spöttische Versicherung, dass er sicherlich keine Hand mehr an Jean legen würde, war da nur bedingt hilfreich.

Dass sie ihn mit ihrer Angst und ihren Bemühungen, ihm positive Eindrücke zu verschaffen, einengte, sah Laila und arbeitete aktiv dagegen. Leicht war das nicht, aber sie versuchte es. So gab sie ihm auch den Raum, den er anscheinend am heutigen Abend brauchte, bevor sie sich zwei Becher Wasser schnappte und langsam zu ihm nach draußen ging. Er musterte sie auf ihrem Weg und sah fragend auf den Becher, den sie ihm entgegenstreckte.
„Wasser?“
„Ja. Den Alkohol möchte ich dir nicht zumuten.“ Wenn sie ehrlich war, hatte sie Jean noch nie etwas trinken sehen und war sich nicht sicher, ob es ein Sportlerding oder ein Ravending war. Was auch immer es war, sie würde den Teufel tun, es nicht zu akzeptieren oder Jean auf eine Antwort zu drängen, die er noch nicht zu geben bereit war.

„Darf ich mich setzen?“, fragte Laila und deutete auf den freien Flecken Gras neben ihm. Er nickte, während er gedankenverloren in seinen Becher starrte.
„Alles okay bei dir?“
Jean gab einen nichtssagenden Laut von sich. „Zu laut, zu eng, zu stickig, zu viele Menschen“, fasste er kurz zusammen, was sie bereits vermutet hatte und Laila gab einen Laut der mitfühlenden Zustimmung von sich.
„Verständlich. War es in Evermore nicht so?“
„Dort gab es keine Partys.“
Überrascht hob sie die Augenbrauen. „Das tut mir leid für dich.“
Ironisch hob Jean die Augenbraue und deutete mit dem Becher in Richtung Haus. „Mir nicht.“
Laila hob in Anerkennung der durchaus validen Argumentation den Ihren. „Wohl wahr.“

In schweigendem Einvernehmen lauschten sie dem dröhnenden Bass, der aus dem Haus trat. Jean mit gerunzelter Stirn und anscheinend etwas, das er in Gedanken hin und herbewegte, Laila entspannt, jetzt da sie in seiner direkten Nähe war. Eine trügerische Sicherheit, wie sie wusste.

„Wie ist es, so zu sein?“, fragte Jean schließlich und spielte mit dem Becher, ließ das Wasser in ihm kreisen, als wäre es kostbarer Wein und sein Glas ein Weinglas. Franzose durch und durch, mutmaßte sie liebevoll für sich.
„So?“
Entgegen ihrer vorherigen Gedanken drückte er das Plastik ein. „So wie ihr. Anders.“
Laila blinzelte. „Anders?“, fragte sie zweifelnd nach, nicht sicher, ob sie das richtig verstanden hatte.
„Nicht so wie normale Menschen.“
Oha. Oh. Sie schluckte und hoffte, dass Jean keiner dieser stummen, intoleranten Menschen war, die Homosexualität als etwas Unnormales ansahen. Es schien nicht so, auch wenn seine Worte ihr schon Zahnschmerzen bereiteten.

„Jean, jeder Mensch ist normal. Oder keiner, je nachdem, wie es du sehen magst. Aber es gibt keinen Unterschied zwischen den einzelnen Ausrichtungen der sexuellen Orientierung.“ Ruhig und besonnen musterte Laila den Jungen und wartete darauf, dass er diese Information in seinen Gedanken hin und herbewegte. Ein Gedanke kam ihr, der so offensichtlich wie bitter war. „Wurde das in Evermore anders gehalten?“

Er gab ein nichtssagendes Geräusch von sich, doch Laila hatte gelernt, den Ausdruck auf seinem Gesicht gepaart mit der Abwesenheit, die sie in den grauen Augen des Backliners erkennen konnte, zu interpretieren. Sie hatte ihn mit ihrer Frage nach seiner Vergangenheit in Erinnerungen gestoßen, die vermutlich nicht schön waren. Laila seufzte.
„Es tut mir leid, wenn das schlechte Gedanken aufwirft“, murmelte sie und Jean schüttelte den Kopf.
„Normal und gewünscht war nur das, was Männer und Frauen miteinander haben. Alles andere…“

Er ließ das Ende des Satzes offen, doch sie konnte sich nur zu gut vorstellen, was er damit ausdrücken wollte. West Virginia war nun kein Bundesstaat, der die Rechte der LGBTQ+-Community mit offenen Armen willkommen hieß. Dass in Evermore da ein ähnliches Klima geherrscht hatte, verwunderte sie nicht, aber es machte sie wütend. So wütend, dass sie ein paar Mal tief durchatmen musste.
„Hier ist es anders. Ich…nein, wir leben das anders. Jeder hat es verdient, gewertschätzt zu werden. Niemand hat das Recht, jemand anderen wegen seiner sexuellen Orientierung oder seiner Hautfarbe oder seines Geschlechtes oder seiner Religion oder wegen irgendwelchen anderen Gründen zu diskriminieren.“

Seitdem sie in der Highschool war, wurde sie nicht müde, genau die Worte immer und immer wieder zu sagen und für sie einzustehen. Für Gleichheit und ein respektvolles Miteinander. Für Akzeptanz von allen Menschen. Seit ihrer Highschoolzeit begegnete sie immer wieder Menschen, die diese Rechte mit Füßen traten und meinten, ihre zerstörerische Meinung in die Welt hinausblasen zu können.

„Denkst du, dass Sara, Jer und ich unnormal sind?“, fragte sie schließlich und Jean schüttelte beinahe augenblicklich den Kopf. Es dauerte dennoch etwas, bis er anscheinend den Mut dazu fand, dass auszusprechen, was ihm auf der Zunge lag.
„Nein, das seid ihr nicht. Ihr seid nur so offen mit dem, was ihr tut. Mit euren Berührungen, euren Tänzen, euren…Intimitäten.“ Jeans Pause vor seinem letzten Wort sprach Bände. Sie sprach von Unsicherheit und Unwissen.

„Ist das ungewohnt für dich?“, fragte sie und er nickte.
„Ist es schlimm, uns so zu sehen? Sara und mich, Jer und Allan?“
Wieder zögerte er, doch dieses Mal war es nicht ganz so lang. „Nein.“
„Findest du es schön?“
Überrascht fuhren Jeans Augen hoch und der Junge zuckte beinahe körperlich zusammen.
„Schön?“, wiederholte er und das Wort enthielt so viele Emotionen, dass es Laila schwerfiel, eine einzelne daraus zu extrahieren. Sie hatte das Eindruck, dass nicht alle positiv waren. „Ich weiß nicht“, setzte Jean nun eindeutig unsicherer nach und Laila schwieg.

Wenn sie eines gelernt hatte, dass es stille Geduld war, die Jean Moreau aus seinem Schildkrötenpanzer aus Schweigen lockte. Bisher hatte sie immer eine ausführliche Antwort bekommen, aber dafür hatte sie warten müssen.
Es schmerzte sie zu sehen, wie sehr der ehemalige Raven mit Antworten haderte, für die er glaubte, bestraft zu werden.
Sie wartete auch jetzt und nippte an ihrem eigenen Wasser, während er seines in den Fingern drehte und den Becher schließlich auf das Gras neben sich absetzte. Er verschränkte die Hände in seinem Schoß und starrte auf die prägnanten Knöchel.

Zeichen der Gewalt, die er in Evermore erlebt hatte. So wie die Narben, die hin und wieder aufblitzten. Um seine Handgelenke. Auf seinen Unterarmen. In seinem Nacken. Auf dem Kopf.

„Ich weiß nicht, wie es ist, jemanden in eurer Art und Weise körperlich nah zu sein“, presste Jean schließlich hervor und seine Worte wurden von einem schweren, französischen Akzent getragen.
„Gleichgeschlechtlich?“
Jean schüttelte den Kopf. „Unbeschwert und offen.“
Laila lächelte sanft. Sie glaubte, dass sie wusste, womit Jean ein Problem hatte und was sie vorsichtig angehen mussten. Und sie würde den Teufel tun, Sara davon zu erzählen, denn so sehr sie diese Frau auch liebte, so direkt würde sie das Thema Jungfräulichkeit und sexuelle Unsicherheit angehen.

Das war bei Jean der falsche Weg, wenn sie wollten, dass er eine Entscheidung traf, die er wollte und nicht eine, von der er meinte, dass sie die richtige wäre um ihnen zu gefallen. Oder einer Strafe zu entgehen. Oder Alvarez von seiner Spur abzubringen.

„Möchtest du es ausprobieren?“, fragte Laila und seine Lippen verließ ein nicht wirklich menschlicher Laut. Er war bestürzt über ihre Frage, aus seiner mühevollen Ruhe gebracht und war kurz davor, sich in sich selbst zu verschließen. Laila begriff warum und sie schnaubte.
„Nicht mit mir, nicht hier oder jetzt. Irgendwann, wenn du Lust hast. Meine Frage geht auch eher in die Richtung, ob du dann Fragen hast und ob ich sie dir beantworten soll“, erläuterte sie und nach und nach kehrte Entspannung ein auf dem aufgewühlten Gesicht. Es brauchte etwas, bis er ihr antwortete.

„Ich…“, Jean räusperte sich erleichtert. Er sank in sich zusammen und schien über etwas nachzudenken. „Wie fühlt es sich an?“
„Sex?“, fragte Laila nach und er schüttelte den Kopf.
„Jemanden zärtlich zu berühren.“

Wieder einmal kam Laila nicht umhin, sich zu fragen, wie schlimm die Zustände in Evermore wirklich gewesen sein mussten. Die Fragen, die Jean stellte, waren von einer derartigen Unschuld, dass sie unweigerlich mutmaßte, dass er wenig bis keine Erfahrungen im liebevollen Miteinander hatte. Das war fürchterlich. Jean war über zwanzig und hatte noch nie jemanden erlebt, der ihm auf eine vertraute, liebevolle Art nahe war? Sie schluckte.

„Streck mal deine Hand aus, mit der Handinnenfläche nach oben“, sagte Laila, als sie ihrer Stimme wieder zutraute, fest zu klingen. Sie machte vor, was sie meinte und zögerlich folgte er ihrem Beispiel.
„Dann nimm deine andere Hand und streiche ganz zart mit den Fingerkuppen über deine Haut deiner Handinnenfläche.“

Zweifelnd runzelte Jean die Stirn und sah ihr zu, wie sie ihm das vormachte. Zögernd tat er es ihr gleich und sein kritisches Sezieren des Ganzen nahm für einen Moment sogar noch zu. Als er seine Hände wieder auf seine Oberschenkel senkte, rieb er sie für einen Moment an seiner Hose, als wolle er das Gefühl loswerden, das ihm seine Nervenbahnen sicherlich gesendet hatten.
„Es kribbelt“, murmelte er und beinahe hatte der kurze Satz etwas von empörtem Verrat.
„Ist es ein gutes Kribbeln?“
Jean brummte. „Fühlt sich das auf dem ganzen Körper dann so an?“
Laila schmunzelte. „Das kommt darauf an. Manche Stellen sind nicht ganz so empfindsam, manche sind viel empfindsamer. Und manche sorgen für Erregung. Man kann aber sagen, dass die Berührung von einem anderen Menschen sich immer anders anfühlt als die eigene. Spannender.“
„Spannender?“ Zweifelnd sah Jean zu ihr und Laila grinste, zuckte mit den Schultern.
„Finde ich zumindest.“

Er verfiel wieder in sein Schweigen und sie schwieg in Eintracht mit ihm.



~~**~~



Nervös schloss Jean die Tür auf und trat zur Seite, damit sein Kapitän an ihm vorbei in das Apartment humpeln konnte. Er wartete, bis der andere Junge sich unter Aufstöhnen die Schuhe ausgezogen hatte, bis er ihm nachfolgte und die Tür hinter sich schloss.

Sein Kapitän war verletzt, gefoult durch den gegnerischen Dealer. Ein geprellter Fußknöchel und eine leichte Gehirnerschütterung, laut Doktor Chandler genug, um ihn für die nächste Woche auf die Bank zu verbannen. Der Herr hätte niemanden mit solch minderen Verletzungen pausieren lassen, doch hier war das anders.
Jean hatte sich während der langen, acht Stunden ihrer Rückfahrt desöfteren dabei ertappt, genau das zu verdammen, in einer Gedankenspirale, die sich um ihren viel zu knappen Sieg, Knox‘ in seinen Augen leichte Verletzungen und die in ihn selbst hineingeprügelten Trainingsmoralvorstellungen der Ravens drehte. Angefeuert wurde sie durch die außergewöhnliche Schweigsamkeit seines Kapitäns, der eine der Bänke ihres Busses für sich in Beschlag genommen hatte und versuchte, zu schlafen, während der Rest seines Teams die Stunden der Nacht dazu nutzten, das übrige Adrenalin abzubauen.

Jean hatte ihn keine der acht Stunden aus den Augen gelassen, gefangen zwischen Kritik an seinem Team und seinem Kapitän, die direkt unter der Oberfläche schlummerte, und Anspannung darüber, wie Knox sich ihm gegenüber verhalten würde. Immer wieder hatte er sich gesagt, dass Knox nicht Riko war. Er würde ihn nicht dafür bestrafen, dass er verletzt worden war, oder? Wenn er Knox selbst glaubte, dann nicht, doch jahrelange, gewaltsame Indoktrinierung hielten sein logisches Denken davon ab, seine Erinnerungen zurück zu drängen.

Der blonde Junge warf seine Sporttasche in die Ecke und Jean zuckte bei dem dumpfen Geräusch unbewusst zusammen. Erschrocken sah er hoch, doch Knox kam nicht auf ihn zu und schlug ihn, wie es Riko mehrfach getan hatte. Nein, sein Kapitän ließ sich mit einem Aufstöhnen langsam auf das Bett sinken und vergrub seinen Kopf unter seinem angewinkelten Arm. Jean machte sich bewusst, dass es früh am Morgen war und erst jetzt spürte auch er, wie die Erschöpfung an ihm zog. Doch schlafen kam nicht in Frage, so blieb Jean am Türrahmen stehen und beobachtete seinen Kapitän.

Es dauerte, bis Knox seinen Arm senkte und sich blinzelnd aufrichtete. Er wischte sich den Schlaf aus den Augen und sah entschuldigend zu ihm hoch.
„Sorry…ich musste mich nur kurz ausstrecken, mein Kopf bringt mich um. Sollen wir?“
Jean ballte seine Hände zu Fäusten. „Sollen wir?“, echote er unsicher.
„Ins Bad, deine Haare waschen.“

Ein einfacher Satz, der doch so schwer an Bedeutung war, dass er Jean hilflos schlucken ließ. Er hatte Angst, dass sein Kapitän ihn verletzten würde, weil er selbst verletzt war. Doch Knox lag nichts ferner als das. Im Gegenteil. Müde, erschöpft und verletzt wie er war, dachte er nur daran, was mit seinem Backliner war, der sich nicht selbst die Haare waschen konnte. Immer noch nicht, weil er zu schwach war, sich gegen seine Erinnerungen durchzusetzen.

Jean wusste nicht genau, wie er das Gefühl in seinem Inneren benennen sollte, das in seiner Brust brannte und ihm für einen Moment die Luft zum Atmen nahm. Er wollte lächeln, brachte aber nicht Kraft dazu auf. Im Gegensatz dazu brannten seine Augen und mit Schrecken erkannte Jean, dass er kurz davor war, dass ihm Tränen in die Augen traten. Warum, das wusste er nicht…das letzte Mal, als er wegen einer solch unbedeutenden Kleinigkeit geweint hatte, musste Jahre her sein.

„Nein“, presste er hervor. Es war weniger ein Nein zu Knox‘ Worten, denn eher ein Nein zu den dummen Tränen, die er unverständlicherweise immer noch weinen konnte, nach all den Jahren. Die Trojans kitzelten das aus ihm heraus…mehr noch. Sein Kapitän tat das.
„Oh…entschuldige. Ich dachte, du würdest nach dem Spiel noch deine Haare waschen wollen, schließlich ist das ja schon ein paar Stunden her. Wenn du es alleine machen möchtest, dann will ich dich natürlich nicht dazu überreden.“

Jean wollte nichts lieber als das. Wenn er es sich ehrlich eingestand, so war die reine Notwendigkeit, dass Knox ihm half, in den letzten Tagen und Wochen zu etwas geworden, das Jean vorsichtig als Gewohnheit bezeichnete. In dem Wissen, dass es irgendwann aufhören musste, besser früher als später. Knox hatte diesen Allan, mit dem er intime Berührungen austauschte. Da war alles, was Jean verlangte oder erbat, eigentlich zuviel.

„Danke, dass du dich dazu bereit erklärst“, sagte Jean und Knox lächelte müde.
„Ich habe es dir versprochen.“
„Aber du bist verletzt.“
Knox hob die Augenbraue. „Ich habe noch zwei gesunde Arme. Das reicht aus, um dir die Haare zu waschen.“
„Du hast Kopfschmerzen und bist müde.“
„Schlafen kann ich auch danach. Der Kopfschmerz hält sich in Grenzen.“
„Nein.“ Dieses Mal bezog Jean es tatsächlich auf das Haarewaschen. Er verschränkte seine Arme und schüttelte den Kopf.
„Nachdem du ausgeschlafen hast“, sagte er bestimmt und für einen Moment fochten sie ein stummes Blickduell aus, dem sich Knox schließlich ergab. Seufzend ließ er seine Schultern zusammensacken und nickte.

Jean runzelte die Stirn. Seinen Kapitän ohne eine typische Fröhlichkeit und sein strahlendes Lächeln zu sehen, hinterließ ein bitteres Gefühl in ihm. Er wollte nicht, dass es ihm schlecht ging, das hatte Knox nicht verdient.

Ebenso kritisch musterte Jean die Tür zum Badezimmer, die leicht angelehnt war. Leise Zweifel überkamen ihn bei der Idee, die sich nun in ihm formte. Was, wenn das, was er tun wollte, unerwünscht war? Was, wenn Knox es dann immer wieder von ihm verlangte? Letzteres würde sein Kapitän nicht tun und wenn doch, so sagte Jean es sich, hatte er jedes Recht dazu, eben weil Knox nicht zögerte, ihm jeden zweiten Tag die Haare zu waschen, obwohl es nicht seine Aufgabe war.

Trotz seiner nicht gerade leisen Bedenken setzte Jean sich in Bewegung und ging ins Badezimmer. Wieder verschwendete er ein paar Sekunden, in denen er einfach in den Becher starrte, der vor ihm stand, bevor er sich mit einem ungelenken Ruck nach vorne bewegte. Er nahm Knox‘ bunte Zahnbürste auf und verteilte Zahnpasta auf die Borsten. Damit kam er zurück und hielt sie seinem Kapitän vorsichtig hin.

Mit großen, blauen Augen starrte Knox zu ihm hoch, dann auf die Zahnbürste, dann wieder zu ihm. Der Ansatz des vermissten Strahlens kehrte zurück und ergoss sich in all seiner Pracht über ihn. Jean drehte sich mit einem nichtssagenden Laut weg, als Knox ein überraschtes und begeistertes „Dankeschön!“ hervorbrachte.

Da holte er lieber schweigend die Wasserflasche, die sein Kapitän immer neben seinem Bett brauchte und stellte sie ihm ebenfalls hin, partout den Blickkontakt mit dem anderen Jungen meidend.



~~**~~



„Lässt du es mich auch versuchen?“

Überrascht sah Jeremy von seiner momentanen Tätigkeit auf und begegnete dem vorsichtigen Ausdruck auf Jeans Gesicht. Langsam nahm er seine Hände zurück und lächelte sanft, wie er es immer tat, wenn er Jean so nahe war, dass er ihn mit einer Bewegung verschrecken konnte. Eben jenes Lächeln hatte Jean nachweislich nachweislich beruhigt und das gemeinsame Haarewaschen erträglicher für ihn gemacht. Dass der andere Junge seit ein paar Tagen dazu in der Lage war, sich zu entspannen, während Jeremy ihm den Schaum aus den Strähnen wusch, wertete er als Fortschritt und freute sich, dass er Jean zumindest damit helfen konnte, seine fürchterliche Vergangenheit ein Stück weit erträglicher machen zu können.

„Aber klar.“

Abwartend verharrte Jeremy und ließ ihm den Raum und die Zeit, das Shampoo selbst in seinen Haaren zu verteilen.
Dass es ein Problem für Jean war, erkannte Jeremy weniger an den zitternden Händen, mehr jedoch an der angespannt zusammengepressten Kieferpartie, die die schmalen Lippen eisern verschloss, als dieser versuchte, seine Finger auf seine Kopfhaut zu bringen und es schließlich aufgab. Frustriert starrte er zur Seite, den Blick auf Jeremy meidend.

Einen Moment lang gab er Jean Zeit, sich zu fangen. „Wie wäre es, wenn wir das zusammenmachen?“, schlug er dann vor, langsam und neutral genug. Zweifelnd huschten die grauen Augen über sein Gesicht, bevor sie wieder dahin zurückkehrten, die eigenen Hände zu durchbohren.
„Wie soll das gehen?“
„Ich lege meine Hände wieder auf deinen Kopf und du legst deine Finger auf meine. Gemeinsam waschen wir dann deine Haare.“

Jean schnaubte. „Das ist kindisch und lächerlich. Ich sollte überhaupt kein Problem damit haben, mir selbst die Haare zu waschen. Geschweige denn, dass dich dafür missbrauche, dass du sie mir wäschst“, grollte er und Jeremy seufzte.
„Nichts davon ist lächerlich oder kindisch, Jean. Du hast ein Problem damit und wir werden dieses Problem gemeinsam lösen. Du missbrauchst mich dafür nicht.“

Jean grollte so angewidert, dass Jeremy einen minimalen Schritt zurücktrat. Er erschreckte sich immer wieder vor der Wut und dem Zorn, insbesondere, wenn beides sich ungefiltert auf ihn projizierte, obwohl er wusste, dass Jean ihm nichts tun würde, das hatte der andere Junge bereits bewiesen.

Die Erkenntnis dessen sah er nun auch in den grauen Augen des sitzenden Jungen und Jeans Schultern sackten zusammen. Nunmehr hilflos starrte er auf seine Finger.
„Diese Berührung…sie ist so intim, dass du sie für diesen Allan aufheben solltest“, sagte er schließlich leise und Jeremy blinzelte irritiert.
„Für Allan? Was hat er denn damit zu tun?“
„Du bist doch mit ihm intim. Und das ist eine eben solche Berührung, die du an mich verschwendest. Wie du auch Zeit an mich verschwendest, die du mit ihm verbringen kannst.“

Viel zu langsam begriff Jeremy, was Jean meinte und noch viel langsamer reagierte er darauf. Viel zu geschockt war er von Jeans Konzept, was das Recht auf Berührungen anging.
Betont langsam atmete Jeremy aus und brachte etwas Abstand zwischen sie beide. Unweit von Jean ließ er sich auf dem angenehm kühlen Badezimmerboden nieder, den er mal wieder saugen sollte, schließlich war er ja an der Reihe. Eingedenk seines verletzten Knöchels schlug er vorsichtig die Beine zum Schneidersitz unter und bettete seine Arme auf seine nackten Unterschenkel.

„Hey, Jean?“, fragte er und sah auf die niedergeschlagenen Augen, versuchte sie, zu sich zu locken. Der andere Junge tat ihm den Gefallen und Jeremy lächelte.
„Ich verschwende keine Berührungen an dich, Jean. Ich mache es auch nicht gegen meinen Willen und ich habe keine Sekunde das Gefühl, dass ich dadurch gemeinsame Zeit mit Allan verpasse. Ich mache das gerne, weil ich dir etwas Gutes tun möchte und weil ich sehe, wie es dich entspannt. Und du hast weiß Gott wirklich verdient, entspannt zu sein!“

Seine Worte ergaben in diesen misstrauischen, französischen Ohren keinen Sinn, das sah Jeremy nur zu deutlich. Doch Jean kämpfte damit und mit sich und zum Schluss schloss er resignierend die Augen.
„Ich bin eine Last“, murmelte er und es zerbrach Jeremy beinahe das Herz. Jean war keine Last und dass er sich so sah, sagte viel über das aus, was ihm in Evermore anscheinend wieder und wieder eingefoltert worden war. Seine Worte waren Sinnbilder für seine eigene, vermutete Nutzlosigkeit und Jeremy konnte und wollte dem nicht zustimmen.

Anstelle einer Antwort, schnippte er ihm daher leicht mit seinen Fingern gegen die rechte Kniescheibe, die ausnahmsweise frei lag, weil selbst Jean es heute nicht aushielt, eine lange Hose zu tragen und sich deswegen für eine kurze entschieden hatte, die seine nassen Haare bereits vollgetropft hatte.

Überrascht fuhr Jeans Kopf hoch und Jeremy hob herausfordernd die Augenbrauen. „Du bist keine Last, Jean Moreau. Du bist ein Mensch, der es verdient hat, gut zu leben. Und wenn ich dazu beitragen kann, dass du in der Lage bist, dein Leben zu leben, dann mache ich das gerne.“
Oh wie groß waren immer noch die Zweifel, die er auf dem von Narben gezeichneten Gesicht erkannte.
„Wieso solltest du das tun?“
„Einfach weil.“
„Niemand tut etwas einfach weil.“
„Ich mag dich.“
„Du magst auch Eis.“
„Der Vergleich hinkt.“
Jean gab auf und schnaubte, doch Jeremy erkannte den Anflug eines Lächelns auf den Lippen und eben das machte ihn unanständig glücklich.

Sein Backliner bückte sich und haschte nach der Shampooflasche. Nachdenklich drehte er sie in seinen Händen und atmete dann tief durch. Graue Augen suchten Jeremys blaue Gegenstücke und in ihnen sah der blonde Junge die gleiche Entschlossenheit, wie wenn Jean etwas auf dem Feld missfiel und er diesen Fehler ausmerzen wollte.
„Nächster Versuch?“, fragte Jeremy und Jean nickte.
„Wie wäre es, wenn ich mir das Shampoo auf die Hände gebe und du führst sie mit seinen über deinen Kopf? Dann hast du immer noch meine dazwischen, kannst aber bestimmen, wo sie hingehen.“

Jean bedachte das und nickte schließlich. Jeremy erhob sich und streckte ihm seine Hände entgegen. Jean verteilte eine kleine Menge Shampoo darauf und sanft legte er seine Finger auf die nassen Haare. Erst zögernd, dann mit einer Entschlossenheit, für die Jeremy ihn bewunderte, hob Jean seine Hände und legte sie auf seine. Es war etwas umständlich und sicherlich auch ein komischer Anblick, aber gemeinsam schafften sie es. Jean, wie er ihn führte, Jeremy, der sich führen ließ und das Shampoo nach und nach auf der Haut verteilte und es einrieb.

„Deine Haare sind schon so lang geworden, dass sie die verletzten Stellen bedecken“, murmelte Jeremy, während er schlussendlich den Schaum ausspülte. Jean hatte den Kopf leicht nach hinten gekippt und konnte ihm so prüfend wie auch kritisch in die Augen sehen.
„Ist das schlimm? Muss ich sie schneiden lassen?“
„Möchtest du es denn?“
Kaum merklich schüttelte Jean den Kopf. „Nein. Ich möchte nicht, dass jemand außer dir meinen Kopf anfasst.“
„Und ich bin ein fürchterlicher Friseur.“

Jean ließ seine Augen vielsagend über die wilde, abstehende Mähne schweifen und Jeremy schnaubte. „Kein Wort, du stilverwöhnter Franzose.“
„Meine Lippen sind versiegelt.“
„Ich mag den Mop.“
„Und der Mop mag die Steckdose.“
„Jean!“



~~**~~



„Was hältst du von dem Drill, Knox?“, fragte ihr Coach und Jeremy ließ seinen Blick über das übende Team schweifen, das unter dem von Jean vorgeschlagenen Drill ächzte und stöhnte. Es ging darum, Präzision zu schulen und den richtigen Zeitpunkt bei Passen zu erwischen. Es handelte sich um eine Mischung aus Sprint und Checks am Rande der Legalität, deren Intensität sie schon heruntergefahren hatten. Das war der Kompromiss gewesen, den Jean eingegangen war, nachdem er am Sonntag nach dem Spiel gegen die Longhorns seinen Teil der Kritik Jeremy gegenüber geäußert hatte.

Jean hatte lange mit sich gehadert und war schlussendlich mit einem frustrierten Laut auf ihn zugetreten. Noch bevor er sich hatte wappnen können, hatte der ehemalige Raven jeden Kritikpunkt am Spiel der USC Trojans vor ihm ausgebreitet und ihn zum Schluss unsicher gemustert, wie er es immer tat, wenn er sich kritisch äußerte.

Jeremy hatte ihm versprochen, es mit ihrem Coach zu besprechen und daraus war ein neuer Drill entstanden, der ihre Mannschaft gerade an den Rand der Verzweiflung und Erschöpfung brachte. Insbesondere Logan, dessen Trainingspartner Jean war und der nun einen weiteren, erfolglosen Versuch startete, dem Check des Backliners zu entkommen und derweil den Ball durch geschicktes Abprallen von der Bande wieder aufzunehmen. Krachend landete er auf dem Boden. Schlitternd entglitt ihm sein Schläger und blieb unweit von den Beiden auf dem Stadionboden liegen. Jeremy setzte sich humpelnd in Bewegung, besorgt darüber, dass Logan sich etwas getan hatte, doch der Defensive Dealer rappelte sich schneller auf, als Jeremy nach ihm rufen konnte.

Er wollte erleichtert ausatmen, als Logan Jean mit wutverzerrtem Gesicht zurückstieß. „Was soll das, Arschloch?“, fauchte er und setzte noch einmal nach. „Geht’s noch ein bisschen brutaler? Wir sind hier nicht bei deinen heißgeliebten Ravens, mit denen du andere Spieler terrorisieren kannst!“
Jean schnaubte verächtlich und Jeremy schluckte anhand der absoluten Arroganz, die er auf dem Gesicht des Backliners sah. „Gerade du solltest anstelle rumzuweinen deine Beinarbeit, Kondition und Zielfähigkeit präzisieren. Dein Spiel ist unterirdisch und eine Belastung für die Mannschaft.“

Mittlerweile zogen die Beiden mehr und mehr die Aufmerksamkeit des restlichen Teams auf sich und Jeremy wartete angespannt, ob sich die Situation weder beruhigen würde.

Tat sie nicht, denn Logan stieß Jean ein weiteres Mal nach hinten und dieses Mal parierte der ehemalige Raven mit einem derart verächtlichem Grinsen, dass es Jeremy kalt den Rücken hinunterlief. Logan selbst machte das nur wütender.
„Du bist so ein Gott verdammtes Arschloch, weißt du das? Natürlich reicht es dir nicht, Spieler ins Krankenhaus zu prügeln, Wunderkind Nummer drei. Es geht ums Gewinnen und nur darum. Dass dir auf dem Spielfeld andere Menschen gegenüberstehen, das hat dich von je her nicht interessiert, du Scheiß Wichser!“

Heiß und kalt lief es Jeremy bei diesen Vorwürfen den Rücken hinunter. Logan war letztes Jahr nach einem Spiel gegen die Ravens ins Krankenhaus gekommen und hatte dort die nächsten paar Tage mit einer mittelschweren Gehirnerschütterung verbracht. Aber das war doch nicht…
Perplex starrte er Jean an. War es Jean gewesen? Er war gegen die Bande gestoßen worden und hatte Kontakt mit dem Knie eines gegnerischen Spielers gemacht, was die Gehirnerschütterung ausgelöst hatte. Bis heute hatte er verächtlich abgewunken, wenn das Thema darauf kam.

Ravens. Alle gleich. Alles Hurensöhne. Das wiederholte er immer und immer wieder.

Jeremy war nahe genug, um zu sehen, wie sich Jeans Finger um seinen Schläger krampften. Er war bis auf das Äußerste angespannt und Jeremy war sich nicht sicher, ob er Logan nicht gleich angreifen würde. Nicht, dass seine Worte nicht mindestens genauso schlimm waren.
„Die Schuld an deiner groben Unfähigkeit trägst nur du, Mayson. Sie macht dich zum leichten Opfer, schon immer. Ein Bauer auf dem Spielfeld, der leicht auszuradieren ist. Das ist eines starken Teams nicht würdig.“

Jeremy setzte sich humpelnd in Bewegung, doch Coach Rhemann überholte ihn mit Leichtigkeit.
„Schluss! Auseinander! Sofort! Mayson, Moreau, es reicht!“
Logan brauchte etwas länger, um sich von seinem Vorhaben zu lösen, Jean zu schlagen, doch Jean senkte beinahe sofort den Kopf und trat einen Schritt zurück, seine Haltung angespannt und offen gleichzeitig.

Damit ihr Coach ihn leichter bestrafen könnte, erkannte Jeremy mit Horror.

Jean hatte seit seiner Ankunft Angst vor Coach Rhemann und das lag nur zum geringen Teil an seiner großen, breitschultrigen Erscheinung. Es lag an seinem Status als Trainer und als in Jeans Augen unangefochtener Besitzer dieses Teams. Jean ordnete sich ihm immer unter, stetig unsicher und auf der Hut in seiner Gegenwart.

Da schlug die Lautstärke ihres wütenden Trainers natürlich in genau die gleiche Kerbe.

Ebenso wie dessen Grollen. „Moreau, Mayson, Knox, ihr kommt mit in mein Büro.“ Er drehte sich zum Rest des Teams.
„Für den Rest des Teams gibt es keinen Grund, weiter herumzustehen und zu starren. Die Show ist vorbei, Leute! Noch fünf Abläufe, dann werden Runden gelaufen, bis das Training vorbei ist.“

Jeremy versuchte, einen Blick in Logans und Jeans Augen zu erhaschen. Logan erwiderte seine Musterung wütend, wenn nicht sogar hasserfüllt, Jean ging an ihm vorbei, ohne auch nur wirklich Notiz von ihm zu nehmen und folgte Rhemann mit angespannten Schultern und zu Biden gesenktem Blick.

Jeremy humpelte ihnen langsam und mit sorgenvollem Ausdruck hinterher.



~~**~~



Jean hatte Angst.

Er war zu weit gegangen, das sah er jetzt klar und deutlich. Dummerweise erst jetzt, nachdem ihr Trainer sie mit Gewalt auseinandergezogen hatte, seine erboste Stimme eine Landkarte aus sicher kommender Gewalt.
Seine eigene Kritik an Mayson war berechtigt, der Defensive Dealer war nachlässig und einer der Schwachpunkte der Mannschaft. Er war ehrlich gewesen in diesem Punkt und hatte dabei vergessen, dass die Ehrlichkeit, die von ihm erwünscht war, immer Grenzen hatte. Immer. Grenzen, die er nicht kannte und die ihm nun aufgezeigt werden würden.

Jean war kalt vor Angst, trotz der hohen, heißen Temperaturen, die Los Angeles seit Tagen schon im Griff hielten. Er fröstelte und auf seinen Armen konnte er eine Gänsehaut erkennen, die nichts mit derjenigen zu tun hatte, die er nach Knox‘ Hilfe beim Haarewaschen auf seinen Armen gesehen hatte.
Ohne den Abstand zu ändern folgte Jean Mayson und seinem Trainer in dessen Büro und machte sich darauf gefasst, für seine Unverschämtheit bestraft zu werden. Unschlüssig blieb er im Eingang stehen, nicht sicher, ob es gewünscht war, dass er sich setzte.

„Setz dich, Moreau, das ist keine Stehparty“, schnarrte ihr Coach und Jean suchte mit seinen gen Boden gerichteten Augen nach einem freien Platz. Er ließ einen Stuhl zwischen sich und Mayson frei, der nun durch Knox belegt wurde, nachdem der Kapitän hinter ihnen den Raum betrat und die Tür schloss.

Jean schluckte. Er kannte das. Der Herr hatte auch immer die Tür geschlossen, kurz bevor er ihn bestraft hatte. Das würde jetzt genauso sein und mit drei weiteren Personen im Raum war er sicherlich nicht in der Lage, sich richtig zu wehren.
Wenn er jemals den Mut dazu haben würde, sich überhaupt zur Wehr zu setzen.

Jean ballte die Hände zu Fäusten, als er merkte, in welche Spirale seine Gedanken abglitten und wie sehr das helle Büro von Coach Rhemann zu dem dunklen Gegenstück des Herrn wurde, als sich die Erinnerungen übereinander schoben. Er wusste, dass Knox ihm nichts tun würde. Er wusste, dass sein Kapitän ihn nicht bisher angelogen hatte und nun plötzlich zu einem Monster wurde. Er wusste das.
Mayson und Coach Rhemann hingegen kannte er nicht. Er mied ihren Trainer, wo es nur ging und den anderen Jungen kannte er nur als Valentines Freund. Sie beide hatten ihn im Keller gefunden und so Knox auf seine Spur gebracht. Er hatte ihnen zu verdanken, dass er schlussendlich den Mut gefunden hatte, in seinem Bett zu schlafen.

Doch das hatte er sicherlich mit seinem Verhalten von gerade wieder wett gemacht, so war die Frage durchaus valide, wie die Beiden ihn bestrafen würden. Denn dass Mayson nichts Anderes fordern würde, wusste Jean. Da war er sich zu hundert Prozent sicher.

„Also?“, verlangte ihr Trainer nach einer Erklärung und Jean presste seine Lippen aufeinander. Er würde nicht noch mehr sagen, was ihn ins Verderben führen würde. Vielleicht würde Mayson auch gnädiger gestimmt sein, wenn er nichts sagte und ihm seine Version ließ.
„Moreau hat Gefallen daran gefunden, mich am Rand der Legalität zu checken und damit erneut Verletzungen zu riskieren“, erläuterte Mayson den Ursprung dessen und Jean konnte ihm da nur beipflichten. „Seine Kritik ist weit davon entfernt, konstruktiv zu sein. Das hat mit Fortschritt nichts mehr zu tun, sondern ist reine Raven-Arroganz.“

Coach Rhemann schnaufte und durch das Knirschen des Schreibtischstuhls hörte Jean, dass ihr Trainer sich ihm zuwandte.
„Moreau? Deine Version der Dinge?“
Wenn er die Stimmfärbung analysierte, dann kam Jean zu dem Schluss, dass da immer noch Wut mitschwang, aber auch Beherrschung. Noch würde Rhemann also nicht zu Gewalt greifen.
Jean räusperte sich trocken. „Mayson hat Recht“, sagte er der Einfachheit halber. Zustimmung würde vielleicht weniger Bestrafung bedeuten. Hoffentlich.
„Das ist keine Version“, brummte Rhemann und Jean zuckte hilflos zusammen. „Also, was ist da passiert?“

Bevor er antworten konnte, sah er aus seinem eingeschränkten Blickwinkel, wie Knox sich ihm zuwandte.
„Jean, es ist okay. Du kannst ehrlich sein.“
Nein, konnte er nicht. Das führte nur zu Problemen. Das führte ihn in das Büro seines Trainers.
„Wir haben geübt. Ich habe ihn gecheckt, er ist gefallen. Ich habe Kritik an ihm geübt und mich im Ton vergriffen“, zählte Jean auf, was passiert war und verharrte. Er würde auch sagen, dass es ihm leid tat, aber noch nicht jetzt. Er musste dem Coach erst die Gelegenheit geben, zuzuschlagen oder ihn anderweitig zu strafen.

Wenn Rhemann so tickte wie der Herr. Das Problem war, Jean wusste es nicht.

Mayson schnaubte verächtlich. „Du hast mich zu Boden gestoßen Moreau. Fehlt nur noch, dass du mich gegen die Bande gecheckt und beim Abprallen dein Knie in meine Schläfe gebohrt hättest.“
Irritiert runzelte Jean die Stirn. „Das habe ich nicht getan“, erwiderte er leise, probeweise, ob sein Widerspruch auch überhaupt erlaubt war. Ihr Coach sagte nichts, als ging er davon aus, dass es ihm gestattet war, etwas zu sagen.

„Heute nicht, nein.“ Der Hass, der in Maysons Worten mitschwang, überraschte Jean nicht. Hass hatte er über die vergangenen Jahre zur Genüge kennengelernt, schließlich war er dazu da gewesen, gehasst zu werden. Was ihn irritierte, waren die Worte des Jungen, die implizierten, dass er es vorher getan hatte.
Nur konnte sich Jean nicht daran erinnern. War es während ihrer Spiele gegeneinander gewesen? Oder beim Training?
Mayson war schon wütend auf ihn gewesen, als er hier angekommen war. Also musste es vorher gewesen sein.
„Ich weiß nicht, wann“, gestand er schließlich ein und wagte einen Blick zur Seite, auf Maysons perplexes Gesicht.
„Du weißt nicht, wann?“, echote dieser ungläubig und Jean nickte leicht. „Du Arschloch!“
„Mayson, Ton!“, grollte Rhemann und Jean zuckte zusammen. Er verschränkte die Finger ineinander, bis sie schmerzten und schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es wirklich nicht“, sagte er zum Boden und Mayson zischte.
„Dann lass mich deinem ach so bruchstückhaften Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Letztes Jahr hattet ihr mich auf dem Kieker bei unserem ersten Spiel gegen euch. Ich stand euren preisgekrönten Strikern im Weg, also hat mich dein ach so verehrenswerter Kapitän gegen die Bande gecheckt und du hast mir dein Knie in die Schläfe getrieben. Natürlich außerhalb der Sichtweite des Schiedsrichters. Du hast mich ins Krankenhaus gecheckt, Arschloch, und das mit Absicht. Raventaktik. Und die willst du jetzt auch hier einführen? Kannst du vergessen, du wirst mich nicht anrühren.“

Jean hörte genauestens zu, auch wenn sein Kopf sich bereits bei den ersten Vorwürfen zu drehen begann. Er glaubte Mayson, dass es so passiert war, schließlich war das ein Vorgehen, das Riko ihm wieder und wieder eingeprügelt hatte um unliebsame Spieler loszuwerden. Er konnte sich nur nicht daran erinnern, die Taktik letztes Jahr angewendet zu haben. Er erinnerte sich noch nicht einmal an das Spiel gegen die Trojans.

Jean grub seine Nägel in die Handinnenflächen. Konnte er diese Schwäche zugeben? Sollte er es?

„Jean?“, fragte Knox sanft und seine Augen fuhren hoch. Hilfesuchend maßen sie das besorgte Gesicht seines Kapitäns, bevor sie sich auf Mayson richteten. Er öffnete die Lippen und ließ die Worte herausströmen, bevor er sie aufhalten konnte. Er wollte nicht auch gar nicht aufhalten, stellte er fest.

„Ich erinnere mich nicht mehr daran. Ich weiß, dass es eine Taktik war, die Riko und ich“, er würgte bei der Nennung seines ehemaligen Kapitäns mit sich selbst in einem Satz. „…öfter angewandt haben, wenn ein Spieler unliebsam geworden war. Er hat es von mir verlangt. Aber ich erinnere mich nicht mehr daran und ich erinnere mich auch nicht mehr daran, ob du es warst.“

Woran er sich erinnerte, waren die Schmerzen, mit denen er zu kämpfen gehabt hatte. Riko hatte ihn in dem Hotelzimmer, in dem sie die Nacht vor dem Spiel verbracht hatten, geschlagen und die Haut seiner Fußsohlen mit einem Feuerzeug verbrannt. Er hatte ihn aufgeschnitten, damit er nicht vergaß, wem er gehörte und dass ihm selbst in einem Hotel niemand helfen würde.
Jean war derart neben sich gewesen, dass er nur anhand des Aufdrucks auf der Seifenpackung gewusst hatte, wo sie waren und gegen wen sie spielen würden. Alles Weitere war in einer Kakophonie aus Schmerzen untergegangen.

„Und dadurch soll ich mich besser fühlen?“
Jean schüttelte schweigend den Kopf.
„Was dann?“
Hilflos schloss er die Augen. Nichts und dann. Er wusste nicht, was er nun tun sollte. Bislang war es ihm egal gewesen, wen er verletzt hatte, weil eine Verweigerung von Rikos Befehlen bedeutet hätte, dass ihm noch größerer Schmerz zugefügt werden würde. Es war wichtig gewesen, dass er eine Strafe vermied oder minderte.

Jean schluckte. Er hatte gelernt, auf diese brutale Art und Weise Exy zu spielen und ein Teil in ihm hatte in hasserfüllten Momenten jeden einzelnen Spieler, der auf dem Feld stand, dafür bestrafen wollen, dass sie diesen Sport ausübten. Er hatte sie alle zerfleischen wollen für die Freude, die sie empfanden, wo er doch nur litt und wo er gezwungen war, diesen Sport auszuüben. Er hatte jeden und alles gehasst und ja, es hatte ihm Befriedigung verschafft, andere leiden zu sehen in unbeherrschten Momenten, blind und tollwütig wie ein Tier.

Doch nichts davon erlaubte Jean sich hier in Los Angeles, auch wenn das durch die Abwesenheit von Zwängen und die Abwesenheit eines Plans, wie es in der Zukunft für ihn weitergehen sollte, fürchterlich erschwert wurde. Er wusste nicht mehr, wie er sich verhalten sollte und in welche Richtung er gehen sollte. Er hatte Orientierungspunkte, ja. Knox war einer. Die Anweisungen seines Trainers waren welche. Die Freundlichkeiten seines Teams waren kleine Laternen am Wegesrand. Und dennoch…

Die Weite, die vor ihm lag, war erstickend und damit kamen die Gefühle, die ihn überfallartig überschwemmten. Positive wie negative.

Unpassende, wie jetzt gerade.

„Ich weiß es nicht“, gestand er hilflos ein und sah hoch, wagte den Blick in Rhemanns Gesicht, auf dem keine Wut stand. Überrascht blinzelte er. Da war Bedauern. Da war Schmerz, den er nicht entziffern konnte.
„Möchtest du Mayson etwas von deiner Zeit in Evermore erzählen?“, fragte der Hüne von einem Mann und Jean schluckte. Natürlich wusste Rhemann durch den Trainer der Foxes und vermutlich auch durch Knox, was ihm widerfahren war. „Vielleicht würde es ihm helfen, wenn du ihm erzählst, warum du dich nicht mehr daran erinnerst.“

Es brauchte all seinen Mut, doch Jean schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht“, erwiderte er beinahe unhörbar und presste seine Schenkel zusammen. Er konnte wirklich nicht. Er wollte nicht erzählen, was Riko ihm angetan hatte. Wirklich nicht. Oder von seinen dunklen Emotionen. Er brachte die Worte nicht über die Lippen.
„Das ist okay.“

Sein Kopf schnellte so abrupt in die Höhe, dass seine Halswirbelsäule knackte. Zunächst glaubte er, sich verhört zu haben. Seine Weigerung war okay? Sein Trainer akzeptierte die Weigerung, ohne ihm Anderes zu befehlen? Das war ein Konzept, das für Jean so ungeheuerlich wie unwahrscheinlich war.
„Okay?“, echote er und Rhemann nickte.
„Okay. Allerdings steht da etwas zwischen dir und Mayson im Raum, das ihr aus der Welt schaffen solltet.“

Jean brauchte einen Moment, um zu verstehen, was gemeint war. Er sah Mayson in die wütenden Augen. „Ich werde deine Nähe meiden, wenn du das wünschst“, sagte er vorsichtig und Mayson schüttelte schnaubend den Kopf. Ablehnend verschränkte der Defensive Dealer die Arme.
„Ich will, dass du einsiehst, dass deine Mitspieler verletzende Ravenmethoden hier fehl am Platz sind. Ich will, dass du aufhörst, mich zu behandeln, als wäre ich dein Feind.“
Jean zögerte. „Die Drills machen euch besser.“
„Aber nicht, wenn wir einander Gewalt antun.“
„So wie bei der letzten Übung, meinst du?“, vermittelte Knox und Mayson nickte. Jean versuchte sich einen Reim darauf zu machen, welcher Aspekt gemeint war und glaubte, die Lösung gefunden zu haben.
„Okay“, imitierte er Coach Rhemann und Mayson starrte ihn an, anscheinend noch auf etwas wartend.

Das Krankenhaus, flüsterte es in Jean. Der illegale Check.

Das, was in Evermore erwünscht war, war hier anscheinend etwas, für das man sich auch noch nach Monaten entschuldigte.
„Es tut mir leid“, sagte Jean den Satz, der ihm Übelkeit verursachte. „Ich bitte um Entschuldigung.“ Da war er, der Zweiklang an Unterordnung, der ihm wieder und wieder eingeprügelt worden war. Er musste sich dafür entschuldigen, versagt zu haben. Er musste sich dafür entschuldigen, nicht gut genug zu sein. Oder ein Mensch sein zu wollen. Er musste sich dafür entschuldigen, leben zu wollen. Oder auch, wie hier, dass er jemanden verletzt hatte.

„Entschuldigung angenommen.“

Jean schauderte. Niemals hatten Riko oder der Herr diesen Satz gesagt. Nie war eine seiner Entschuldigungen gut genug gewesen, um akzeptiert zu werden. Doch Mayson, so abweisend seine Worte auch klangen, akzeptierte das, was er zu sagen hatte.
Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass Jean am Liebsten geflohen wäre.

Er starrte wieder auf seine Hände und wartete auf das Urteil ihres Coaches.
„Ich möchte, dass ihr in Zukunft über solche Dinge offen und ehrlich sprecht. Mayson, Moreau, ich möchte, dass die Mannschaft ein vertrauensvolles Verhältnis zueinander hat. Wenn ihr einen Mediator braucht, dann wendet euch an Knox oder mich, aber lasst es nicht wieder eskalieren. Verstanden?“
„Ja, Coach“, sagten sein Kapitän und Mayson und Jean nickte schweigend. Rhemann brummte und lehnte sich in seinem abgewetzten Ledersessel zurück.
„Gut, dann raus mit euch. Zieht euch um, geht ein Bier trinken, macht irgendetwas. Aber das Training ist für euch heute vorbei.“

Während die anderen beiden Jungen Laute der Freude von sich gaben, kam es Jean wie eine Bestrafung vor. Eine Bestrafung für sein Versagen, ein Mensch zu sein.



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Wird fortgesetzt.
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