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Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Alvarez Andrew Minyard Jean Moreau Jeremy Knox Laila Dermott Neil Josten
13.06.2020
30.11.2021
66
423.078
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24.06.2020 6.675
 
Jeans Augen huschten unruhig von dem Schreibtisch seines Trainers zu dessen Fotowand über den Linoleumboden hin zurück zu der Schreibtischplatte, auf der verschiedenste Dokumente lagen.
Er schluckte und verschränkte seine Finger ineinander, knetete sie nervös.

„So sieht der grobe Plan für die Pressekonferenz aus“, schloss Coach Rhemann und neben ihm brummte Knox wohlwollend. Jean musste nicht hinsehen um zu wissen, dass sein Kapitän lächelte, als wäre es das Leichteste der Welt, sich den inquisitorischen Fragen der Journalisten zu stellen, die sicherlich auf sie alle niederprasseln würde.
„Finde ich grandios. Und ich freue mich schon, die Gesichter der Reporter zu sehen.“ Jean konnte das gar nicht nachempfinden. So überhaupt nicht. Er wollte die Gesichter der Reporter gar nicht sehen.

Doch nicht mit seinem Trainer und seinem Kapitän.

„In Ordnung für dich, Moreau?“, fragte Coach Rhemann und Jean sah hoch. Schweigend nickte er. Als wenn er nein sagen würde. Oder könnte. Zumal es nur eine halbe Stunde war, nichts, was er nicht schon überlebt hatte. Als Dank dafür, dass die Beiden ihn wie einen Menschen behandelten, war es sicherlich angebracht.
„Ich mache es“, erwiderte er neutral und wunderte sich selbst, dass seine Stimme so ruhig klang.
„Yeah, das wird grandios!“, sagte Knox in seiner besten Kapitäns-Motivationsstimme und Jean spürte latenten Kopfschmerz hinter seinen Schläfen pochen.

Es war nur eine halbe Stunde.



~~**~~



„Für die kommenden Monate planen wir selbstverständlich, noch viel besser zu werden um so unseren gegnerischen Mannschaften eine spannende und harte Saison zu bereiten“, schloss Coach Rhemann seine kurze Einschätzung der kommenden Monate und lehnte sich mit einem zufriedenen Nicken zurück, gab den anwesenden Reportern Zeit und Möglichkeit, Fragen zu stellen.
Kurz ruhten seinen Augen auf Allan, ihrem hauseigenen Universitätsreporter, der mit einem knappen Augenzwinkern ihren Plan bestätigte. Einen Plan, für den er die Exklusivrechte an dem Bild ihrer Startaufstellung erhalten würde.

Jeremy lächelte sein charmantes PR-Lächeln und wandte sich an den Reporter, der sich zuerst gemeldet hatte. Natürlich gab es für Alisha Mertens von der L.A.-Times die Poleposition. Als größte und beliebteste Zeitung ihrer Stadt war es so etwas wie gute, alte Tradition, dass die erste Frage an sie ging. Sie nutzte dieses Privileg gerne, auch wenn die USC wenig Skandale aufzubieten hatte, die verwurstet werden konnten.
Wenig war gut. Sie hatten noch nie wirklich einen Skandal gehabt und waren auch innerhalb von L.A. durch ihr Engagement in diversen Wohltätigkeitsprojekten hoch geschätzt.

So war das Aufregendste, was die Presse von ihnen bekam, die jährliche Aufstellung und die Neuzugänge, die sie über das Jahr hinweg rekrutiert hatten.

„Jeremy, was haben Sie sich für diese Saison vorgenommen, nachdem Sie durch Sportsgeist letzte Saison gegen das weitaus schlechtere Team der Palmetto State Foxes verloren haben?“
Gute Frage, befand er. Sie war eine leichte Einstiegsfrage, aus der Alisha einiges machen konnte.

Er strahlte sie an. „Also zunächst einmal muss man sagen, dass die Palmetto State Foxes kein weitaus schlechteres Team sind. Sie sind hochklassig und haben, wie Sie ja vielleicht gesehen haben, in der Meisterschaft selbst gegen die Ravens gewonnen. Sie hatten einen holprigen Start, aber dieses Team ist zäh und wird uns ein großer Gegner sein diese Saison. Was mich jetzt zum ersten Teil Ihrer Frage bringt. Natürlich haben wir uns vorgenommen, unser Bestes zu geben und den Sportsgeist, den dieser Sport ausmacht, in die Liga zu tragen und dafür zu sorgen, dass Exy ein liebenswerter und leidenschaftlicher Sport bleibt! Und natürlich haben wir auch die feste Absicht, diese Saison die Meisterschaft für uns zu entscheiden.“

„Haben Sie sich schon für eine Startaufstellung entschieden?“, fragte John Bingham von der Exy Illustrated, die sich Jeremy zuverlässig jeden Monat kaufte. Aber das musste er ja dem Journalisten zu seiner Linken nicht erzählen. So gut die Zeitung war, Bingham war ein arrogantes Arschloch, das viel zu viel auf sich selbst hielt.
„Nein, wir befinden uns noch in der Analysephase. Wenn ich etwas habe, dann werde ich Sie es als Ersten wissen lassen.“ Er grinste und wandte sich an Brandon Silberhorn, der für eine Onlinesportredaktion schrieb, dessen Namen er sich nie merken konnte, die aber latent mit ihrer aller Liebling Kathy zusammenhing. Das per se machte ihn zu einer Person, die mit Vorsicht zu genießen war.

„In Ihrer Aufzählung vorhin haben Sie zwar die Foxes erwähnt, jedoch nicht die Ravens. Gehen Sie davon aus, dass diese nach dem Wegfall von Riko Moriyama kein ernstzunehmender Gegner mehr für Sie sind?“

Am Liebsten hätte Jeremy Brandon erzählt, dass sie die Ravens vernichtend schlagen würden und dass er nicht einen Funken Achtung vor den Trainingsmethoden des in Ruhestand versetzten Kapitäns hatte. Er schwieg dazu und ließ seine Gedanken auch nicht sein Lächeln erreichen.
„Die Ravens sind für uns ein Gegner wie jeder andere auch. Wir respektieren sie und ihre Anwesenheit in unserer Liga, wir werden jedoch unser Bestes tun, sie auf dem Spielfeld mit der gebotenen, sportlichen Fairness zu besiegen.“
„Was halten Sie denn von dem abrupten Ableben des verstorbenen Ravenskapitäns? Meinen Sie nicht, dass es etwas seltsam ist, so kurz, nachdem Minyard ihm den Arm gebrochen hat?“

Oh ja, das hatte Jeremy gesehen und war trotz dem, was dem vorhergegangen war, aus Mitleid zusammengezuckt. Mitleid, das er mittlerweile nicht mehr hatte mit diesem Monster von einem Jungen. Schon damals hatte er wissen müssen, dass der Versuch Rikos, Josten den Schädel mit seinem Schläger zu zertrümmern, kein Ausdruck, rasender, hilfloser Wut gewesen war, sondern ein kalter Mordversuch eines Sadisten.

„Brandon, es steht mir nicht zu, Spekulationen über den Tod des verstorbenen Ravens-Kapitäns anzustellen. Die Untersuchungen diesbezüglich sind Sache der Polizei und in diese vertrauensvollen Hände lege ich auch die Ergebnisfindung.“
„Bedauern Sie seinen Tod?“

Nein, erwiderte Jeremy in Gedanken und hielt mit Mühe sein Lächeln aufrecht. Wobei doch. Schon. Er würde ihn gerne für das, was er getan hat, hinter Gittern sehen bis zum Rest seines Lebens.
„Aber ja. Der Tod eines jeden Menschen ist eine Tragödie“, erwiderte er nichtssagend und richtete seinen Blick auf Allan. Allan studierte Journalistik und führte recht erfolgreich ihr Campusmagazin. Sie mochten sich. Allan hatte ihm vor zwei Wochen in einem ihrer unregelmäßigen, leidenschaftlichen Stelldichein einen solchen Blowjob gegeben, dass Jeremy immer noch rot wurde, wenn er daran dachte.

„Es ist ja noch jemand Anderes bislang vom Erdboden verschwunden. Jeremy, was sagen die Gerüchte zum Verbleib von Jean Moreau, dem Backliner der Ravens. Was weiß die Exy-Szene über sein Verschwinden?“, fragten diese sinnlichen Lippen, die Jeremys Ohren warm werden ließen.
„Das ist eine spannende Frage, Allan, die ich aber nicht alleine beantworten kann und dafür einen weiteren Teilnehmer zur Pressekonferenz einladen möchte.“

Jeremy lächelte gewinnend und drehte sein Smartphone unauffällig so, dass er die Gesichter der Reporter filmen konnte, als nun Jean hinter der Werbewand der Trojans hervortrat. In rotem Trojanshirt, der passenden Collegejacke mit seinem Namen und seiner Nummer auf dem Rücken. Die hellgraue Beanie verdeckte die kahlen Stellen an seinem Kopf, die langsam soweit verheilten, dass erste Haare hervortraten.

Zumindest hatte er das heute Morgen gesehen, als Jean seine Mütze kurz beiseite gelegt hatte, während er sich anzog.

Jean sah gefährlich gut aus in ihren Farben und seinem ernsten, beinahe schon ablehnenden Gesichtsausdruck, mit dem er nun neben ihm Platz nahm. Jeremy sah, wie angespannt der Backliner war und beugte sich zu ihm herüber.
„Alles wird gut, Jean. Mach dir keine Sorgen, der Coach und ich sind bei dir. Wenn sie unangenehme Fragen stellen, greifen wir ein“, wiederholte er das, was sie zuvor besprochen hatten.

Jean nickte und Jeremy drehte sich dem Raunen und dem ungläubigen Flüstern der Journalisten zu.

„Nun, die USC Exy-Szene sagt, dass Jean Moreau nach etwas längerer Abstinenz zurück ist auf dem Spielfeld. Wie du, Allan, und Sie alle, meine Damen und Herren, sehen können, trägt er jedoch nicht ein Bisschen Schwarz, sondern die Farben, die unsere wunderschöne Uni hier in L.A. repräsentieren. Rot und Gold, wie es sich für einen richtigen Backliner der Trojans gehört.“

Jeremy grinste sein breitestes, einnehmendstes Lächeln. „Fragen hierzu?“

Das Stimmgewirr, was nun aufbrandete und die Hände, die nun in die Höhe schossen, ließen ihn ehrlich lachen.



~~**~~



Während seiner ganzen, bisherigen Zeit an der USC war sich Jean noch nie so begafft vorgekommen, wie gerade jetzt, zu diesem Zeitpunkt, wo er mit seiner Trojanjacke über den Campus ging und überall Studenten sah, die ihn anstarrten oder sich zu ihm umdrehten und miteinander tuschelten.
Er kam sich entblößt vor, im Fokus einer Aufmerksamkeit, die er nicht wollte, weil sie nur Schlechtes bedeuten konnte. Könnte, verbesserte er sich. Bisher hatte er weder in seinen Kursen noch auf dem Spielfeld Feindseligkeit erlebt. Gut… bis auf Mayson, dessen Abneigung ihm gegenüber selbst für einen Blinden sichtbar sein würde. Doch selbst er hatte keine Anstalten gemacht, sich ihm in gewalttätiger Absicht zu nähern.

Das änderte aber an seiner anerzogenen Angst vor Aufmerksamkeit nichts und krampfhaft hielt sich Jean an dem Eiskaffee fest, den Knox ihm nach der Pressekonferenz, die erstaunlich gesittet vonstatten gegangen war, in die Hand gedrückt hatte. Die Fragen der Journalisten waren größtenteils annehmbar und wenig persönlich gewesen. Bis auf einen Reporter, von dem Knox ihm nachher gesagt hatte, dass er so oder so ein Arschloch wäre. Seine in Jean Innerstes dringenden Fragen, waren sowohl durch ihren Coach als auch durch Knox in ruhiger und bestimmter Art und Weise abgeschmettert worden.

„Hey.“

Im ersten Moment nahm Jean den freundlichen Gruß noch nicht einmal wahr. Warum auch, schließlich lief er neben Knox. Dessen amüsiertes Räuspern teilte ihm allerdings mit, dass er besser hochsah. Direkt in die Augen einer Studentin mit hochrotem Kopf, die ungefähr anderthalb Köpfe kleiner war als er und unruhig vor ihm stand. Jean kannte sie nicht und fragte sich alleine schon aus dem Grund, warum ihr Gruß ihm galt und nicht Knox.

„Du…du bist Jean, nicht wahr? Jean Moreau?“

Schweigend und zögerlich nickte Jean. Beinahe war er versucht, das blonde Mädchen zu fragen, wer sie war.

„Ich habe die Pressekonferenz auf Twitter gesehen und…hey…äähm…cool, dass du jetzt bei uns bist, hier auf dem Campus.“
Irritiert sah Jean von ihr zu Knox, der viel zu unschuldig an seiner Eisschokolade nuckelte und ihn mit Amüsement in den Augen ansah. Jean wurde klar, dass er keine Hilfe von seinem Kapitän zu erwarten hatte. Er grollte innerlich.

Sie starrte ihn immer noch erwartungsvoll an und ihr Ausdruck erinnerte ihn verdächtig an Hemmick. „Okay.“
„Ich bin natürlich Trojans-Fan, aber du warst schon bei den Ravens immer mein Favorit und deswegen finde ich es sehr sehr cool, dass du jetzt hier bist. Also so nah, auf unserem Campus. Das freut mich. Sehr.“

Jean blinzelte. Wieso fand sie das? Sie kannte ihn doch gar nicht. Er kannte sie nicht. Waren die Exy-Fans so?
„Danke.“ Das war alles, was ihm dazu einfiel. Was sollte er auch sonst sagen? Was erwartete sie von ihm? Jean überlegte schon, ihr seinen Eiskaffee anzubieten, auch wenn er sich der Konsequenzen dessen nicht so sicher war.
„Hey…ich werde auf jeden Fall zu euren Spielen kommen und vielleicht sieht man sich ja nochmal auf dem Campus. Ich bin im Übrigen Ellie.“

War sie vorher schon rot, wechselte ihre Gesichtsfarbe bei ihren letzten Worten auf ein ungesundes Tiefrot. Abrupt streckte Ellie ihm die Hand entgegen und Jean hob die Augenbraue.
Vorsichtig umschloss er ihre mit seiner weitaus größeren und schüttelte sie sacht.
„Jean.“
Ellie grinste verlegen. „Ich weiß…schon sehr lange.“

Jean nahm seine Hand wieder zu sich, als klar wurde, dass sie sie nicht loslassen würde. Er schwieg und schlussendlich hatte Knox ein Einsehen mit ihm, vielleicht aber auch mit dem Mädchen, das anscheinend noch auf Dinge wartete, die Jean verborgen blieben.
„Jean, wir sollten weiter. Das Training ruft bald.“ Das Training war noch drei Stunden entfernt, aber Jean war froh um die Halblüge. Er nickte.
Mit einem bedauernden Lächeln trat das Mädchen zur Seite. „Oh…dann will ich euch nicht weiter aufhalten.“
„Ach gar kein Ding. Hab noch einen schönen Tag!“, erwiderte Knox an seiner Statt.
„Du auch! Und du natürlich auch, Jean!“ Sie zwinkerte ihm zu und Jean nickte.

Erst, als sie aus der Hörweite des Mädchens waren, gestattete sich Jean ein erleichtertes Aufatmen und Knox kicherte.
„Du hast einen Fan“, sagte er begeistert, ganz im Gegenteil zu Jean. Menschen, die ihre Aufmerksamkeit auf ihn anstelle seines Kapitäns richteten, waren eine Gefahr für ihn, denn das war ein Grund für Eifersucht und Eifersucht war ein Grund für Bestrafungen und eine Erinnerung daran, welchen Platz er in der Hierarchie hatte.

Er schluckte schwer. „Das habe ich nicht beabsichtigt, ich werde das in Zukunft unterbinden“, presste er hervor und der Junge neben ihm blieb stehen. Abrupt löste Knox den Strohhalm, durch den er gerade noch seine Eisschokolade geschlürft hatte und Jean sah schon an dem Blick, was gleich kommen würde. Er hätte nicht auf seine Angst hören sollen. Er hätte nachdenken sollen, bevor er etwas sagte.
Das zeigte ihm auch der Zeigefinger, der direkt vor seiner Nase schwebte, während Knox zu ihm hochsah, seine blauen Augen leuchtend. Jean las keine Aggressivität darin.

„Moreau.“
„Kapitän?“
„Moreau.“
Jean blinzelte. „Ja?“, fragte er zögerlich.
„Du gehörst dir selbst. Soweit richtig?“
Bei Riko wäre das eine Fangfrage gewesen, die Leid, Blut und Schmerz für ihn bedeutet hätte. Hier war es eine Frage, die ernst gemeint war. Jean schluckte. Er erinnerte sich an das, was Knox ihm vor ein paar Wochen, direkt nach seiner Ankunft gesagt hatte. „Ja“, erwiderte er schlicht. Alles andere konnte er seinem Kapitän nicht sagen.
„Dazu gehört auch, dass du alleine und ohne schlechtes Gewissen Kontakte knüpfst. Oder dich anflirten lässt.“

Irritiert runzelte Jean die Stirn. „Anflirten?“
„Oh ja.“ Knox grinste breit.
Dank Renee wusste er, was flirten war. Sie hatte es ihm erklärt, nachdem Hemmick ihn zum ersten Mal heimgesucht und Dinge zu ihm gesagt hatte, die Jean hatten vermuten lassen, dass der offen schwule Junge seinen Zustand ausnutzen und sich ihm aufzwingen würde. Renee hatte ihn beruhigt und ihm erklärt, was das genau war, was Hemmick mit ihm gemacht hatte.
Er hatte sie gefragt, ob Josten und Minyard ebenso miteinander flirteten, wie es Hemmick getan hatte.

Er hatte ihr das darauffolgende, minutenlange Lachen nicht nachtragen können, insbesondere als sie ihn umarmt hatte und in ihre Wärme gezogen hatte.
Danach hatte er eine Nachhilfestunde in Sachen flirten erhalten. Das Verhalten des Mädchens gerade stellte ihn aber dennoch vor ein Rätsel.
„Sie hat sich nur unterhalten“, hielt er dagegen.
„Sie war hochrot im Gesicht.“
Kritisch runzelte Jean die Stirn. „Das bist du auch öfter.“
Wie zum Beweis färbten sich die Ohrläppchen seines Kapitäns und Jean hob die Augenbraue.
Knox räusperte sich gleich mehrfach. „Das ist kein Vergleich! Außerdem hat sie hat dich angestrahlt.“
„Viele Menschen lächeln hier.“ Nicht zuletzt Knox selbst. Das war kein Grund, befand Jean.
„Sie ist ein Fan von dir.“
„Du puzzelst Day zusammen.“
„Jean!“

Bevor Jean sich davon abhalten konnte, glitt ein weiteres Lächeln über seine Lippen. Es war nicht mehr als ein Zucken, doch es war Ausdruck von Jeans Amüsement über diese Situation und das überraschte ihn ebenso wie Knox, der ihn nun anstarrte, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen.
Aus Ermangelung einer sonstigen Beschäftigung hob Jean den Strohhalm seines Eiskaffeebechers an seine Lippen und nahm einen Schluck.

„Ich kann dir ihre Nummer besorgen, wenn du magst. Also wenn du nicht mit Renee zusammen bist, heißt das“, schlug Knox vor und prompt verschluckte sich Jean an dem kalten Getränk. Hustend versuchte er die Flüssigkeit wieder in die richtige Röhre zu bekommen und war die nächsten Augenblicke damit beschäftigt, seinen rasenden Herzschlag zu beruhigen.

Er war nicht in Evermore. Die Sonne schien, er war draußen. Es war kein Wasser, das ihm suggerierte, zu ertrinken, sondern Eiskaffee, ein Getränk, das er in Evermore niemals hatte trinken dürfen. Er war in Sicherheit und der Junge neben ihm war nicht Riko.

Er war nicht Riko.

Jean atmete mit Tränen in den Augen durch und sah auf Knox hinunter. Nein, die Besorgnis auf Knox‘ Gesicht war nicht Rikos Sadismus. Es beruhigte ihn und es schenkte ihm Vertrauen. Genug davon, dass er das eigentliche Problem hinter Knox‘ Worten sah.
„Ich…nein. Ich möchte ihre Nummer nicht. Und…nein“, erwiderte er reichlich überfahren. Wieso sollte er denn so etwas mit Renee teilen wie Josten und Minyard teilten… oder Alvarez und Laila? Wie kam Knox darauf?

„Wieso sollte ich?“, fragte er.
„Öhm…ich dachte, dass du und Renee, naja, dass ihr ein Paar seid. Also eventuell. Ich meine, schließlich hat Kevin gesagt, dass ihr sehr eng seid.“
Jean rollte mit den Augen, bevor er sich beherrschen konnte. „Day sollte den Mund halten. Er hat keine Ahnung und kein Recht“, grollte er mit plötzlich schäumender Wut, die sich auf Knox entlud, obwohl er nicht der Schuldige war.
Day war derjenige, der seine Gegenwart gebraucht und ausgenutzt hatte, solange es nur Jean gewesen war, der Rikos unbändige Wut zu spüren bekommen hatte. Kaum war er jedoch selbst verletzt worden, hatte er sich davongemacht und ihn zurückgelassen. Alleine, mit Rikos Wut, in dem Wissen, was ihm widerfahren würde.

Er hatte es in Kauf genommen und sich hinter Minyard versteckt, während Riko…

Jean wandte sich abrupt ab, als sein Hass auf Day zu mächtig wurde, als dass er Knox nicht wieder ängstigen würde. Das wollte Jean nicht. Jetzt weniger denn je.
Er ballte seine freie Hand zur Faust und versuchte, die Erinnerungen an Day aus seinen Gedanken zu verbannen. Day war Geschichte, er würde ihn nie wieder sehen.

„Ihr seid nicht wirklich Freunde, oder?“, fragte Knox so sanft, dass es Jean schmerzte.
„Nein, das sind wir nicht“, gab er zu.
„Er macht sich Sorgen um dich und darum, dass es dir gut geht.“
Jean schnaubte. „Das macht er, um sein eigenes, schlechtes Gewissen zu beruhigen.“
Es dauerte eine Weile, bis Knox darauf reagierte und als er es tat, war seine Stimmlage so neutral, wie Jean sie selten zuvor gehört hatte. „Hat er dir genauso wehgetan wie Riko auch?“

Day hatte vieles getan, das aber nicht. Er hatte ihn nicht körperlich gefoltert. Er hatte niemals Hand angelegt. Nein, er hatte zugesehen, so wie Jean bei Josten zugesehen hatte. Er hatte ihn schlussendlich fallen lassen um ohne ihn weiterzugehen. War das schlimmer? Vielleicht, hatte es Jean doch schneller gebrochen, als es Riko jemals geschafft hatte.

Langsam drehte er sich um, seinerseits ein Ausbund an Neutralität.
„Er hat mir wehgetan, ja“, gab Jean zu und die Worte fühlten sich komisch in seinem Mund an. So viele Jahre hatte jedes Eingeständnis der Schwäche in Evermore drakonische Folgen gehabt und hier war es die Grundlage für Verständnis und Unterstützung. „Aber nicht so wie Riko.“
„Soll ich ihn in deiner Gegenwart nicht mehr erwähnen?“
Jean dachte darüber nach. Knox war ein Fan von Day und das konnte und wollte er ihm nicht madig machen.
Jean seufzte. „Es ist okay. Er soll sich nur aus meinem Leben heraushalten.“
„Möchtest du, dass ich ihm das sage?“
„Ja.“

Knox lächelte und nickte. „Jean?“
„Ja?“
„Darf ich dich in den Arm nehmen?“
Jean blinzelte. Wo kam das denn jetzt her? „Warum solltest du das tun?“, fragte er, wie immer, wenn ihn etwas belastete und unsicher machte, mit schwerem, französischen Akzent, und erkannte anhand von Knox‘ Gesichtsausdruck, dass ihm etwas entging, was ihm nicht entgehen sollte.
„Um dir etwas Gutes zu tun und dir zu zeigen, dass alles gut wird.“

Jean starrte. Es war nicht so, dass ihm das Konzept von Umarmungen fremd war. Renee hatte ihn an die freundschaftlichen Variante gewöhnt. Liebevoll war sie gewesen, warm und sanft. Ein Engel eben. Aber sie war nicht sein Kapitän. Konnte er eine solche Umarmung von seinem Kapitän akzeptieren?
Knox hatte doch mehrfach bewiesen, dass er ihm trauen konnte. Warum also nicht jetzt auch?
Er schürzte die Lippen und nickte knapp.

„Ist das wirklich okay für dich?“, fragte Knox noch einmal nach und Jean nickte.
„Ja“, sagte er und schon trat der blonde Junge in seine Nähe, langsam, damit er jeden Schritt nachverfolgen konnte. Ebenso gemächlich hob er die Arme und schloss Jean in selbige, zog ihn vorsichtig an sich, wodurch sich ihr Größenunterschied nur umso bemerkbarer machte. Jean stand für einen Moment auf dem Gehweg und ließ es stocksteif geschehen, dann machte er sich daran, sich willentlich zu entspannen. Muskel für Muskel.

Sein Herz schlug zwar viel zu schnell, aber dennoch lösten Knox‘ Berührungen keine Panik in ihm aus, selbst jetzt nicht, als dieser ihm in sanften, kreisenden Berührungen über den Rücken strich und seine blonden Haare Jean im Gesicht kitzelten.

Es war…okay. Ja, das war es in diesem Moment tatsächlich. Die Berührung eines Mannes, noch dazu seines Kapitäns war okay.

Jean seufzte innerlich. In Evermore hatte ein guter Tag bedeutet, überhaupt Schlaf zu bekommen, Rikos Wut nicht ausgesetzt zu sein und keine Verletzungen davon zu tragen, immer jedoch unterlegt mit der Angst, dass es am nächsten Tag nicht mehr so sein würde.
Hier bedeutete ein guter Tag, keine Angst zu haben und dabei noch eine Art von Lebenszufriedenheit zu spüren, die Jean verloren geglaubt hatte.



~~**~~



Es war Vollmond, als Jeremy sich bewusst wurde, dass etwas ganz und gar nicht stimmte mit den Schlafgewohnheiten seines Mitbewohners, der bisher immer nach ihm eingeschlafen und vor ihm wachgewesen war.
An sich hatte das keinen Zusammenhang, aber es beleuchtete das Gesicht von Valentine ziemlich surreal, als sie neben seinem Bett stand und ihn mit ängstlichem Blick wachrüttelte.

Jeremys schlaftrunkener Geist hatte Mühe, ihren hastigen Worten zu folgen, auch wenn er bereits im Alarmmodus halb aufgestanden war.

Er rieb sich über das Gesicht um den Tiefschlaf zu vertreiben, der ihn so fest im Griff gehabt hatte, und warf dann einen besorgten Blick zu Jean, der sicherlich durch Valentines Lärm auch aufgeweckt worden war.
Doch das Bett war leer. Unangetastet, wie Jeremy im Mondschein sah und langsam zog nun auch sein Geist nach. Sie hatte etwas von Jean gesagt. Sein Name war gefallen.

„Was…was ist mit Jean?“, fragte er und fluchte unwillig, als Valentine die Deckenbeleuchtung anschaltete. Instinktiv hielt er sich die Hand vor Augen und grollte.
„Er ist im Keller und es geht ihm anscheinend nicht gut.“

Diese Aussage als solche machte überhaupt keinen Sinn und für die ersten Sekunden starrte Jeremy Valentine verständnislos an. Was sollte Jean im Keller machen und wieso ging es ihm nicht gut? Heute Abend war doch noch alles in Ordnung gewesen. Sogar, als er Jean gute Nacht gesagt hatte, war es das.
Was also….?
„Was ist mit ihm?“, verbalisierte er seine Gedanken und ihre schreckensgeweiteten Augen lösten ein ungutes Gefühl in ihm aus.
„Komm schon, Cap!“

Mehr hatte Jeremy nicht gebraucht, um aus dem Bett zu schießen und gemeinsam liefen sie in den Keller. Einen Moment lang bedauerte Jeremy es, sich nicht noch wenigstens ein T-Shirt angezogen zu haben. Es war kühl hier unten, so kühl, dass es ihn schauderte, doch momentan gab es andere Prioritäten.
„Da hinten, bei Logan!“
Jeremy nickte und lief die letzten paar Meter zu ihrem Dealer, dessen Gesicht bleich und erschrocken war.
„Was ist los?“
„Hör selbst“, murmelte der andere Junge und Jeremy lauschte den Geräuschen, die er bisher ausgeblendet hatte. Mühevoll schluckte er, als ein gepeinigtes Aufstöhnen durch die einen Spalt weit geöffnete Tür drang, gefolgt von der beinahe unverständlichen Bitte, aufzuhören, die immer und immer dringender wurde, bevor sie in einem Laut erstarb, der als solches nicht menschlich war.

Entsetzt sah Jeremy Logan in die Augen und wollte die Tür aufreißen, als ihn Valentines Hand davon abhielt.
„Jer, sei vorsichtig. Das ist ein Alptraum. Moreau schläft, das haben wir gesehen, als wir hier hinunter gekommen sind.“
Jeremy zuckte beinahe schon körperlich zurück. „Er schläft? Wieso das denn“, fragte er verständnislos. „Er hat doch ein eigenes Bett, ich habe ihm heute Abend noch gute Nacht gesagt, wieso…“
„Ich habe keine Ahnung, Jer, aber du kennst ihn von uns allen am Besten. Ich habe ein bisschen Sorge davor, ihn aufzuwecken. Vielleicht reagiert er auf dich nicht so schlimm?“

Das war der Grund, warum sie ihn geweckt hatten und Jeremy konnte sich der Logik dessen nicht gänzlich verschließen. Er wusste, dass Jean allen Grund hatte, Alpträume zu haben. Er hatte Einblicke in die Vergangenheit des Ex-Raven erhalten, über die Val und Logan sicherlich nicht verfügten.

„Okay. Ich kümmere mich um Jean“, stimmte er zu und Valentine nickte.
„Brauchst du Hilfe?“
„Erst einmal nicht, aber ich würde euch bitten, dass ihr euch in der Nähe haltet, falls es so sein sollte.“
„Klar sicher.“

Dass Val Logans Hand griff und ihn beiseite zog, nahm Jeremy nebenher zur Kenntnis und es wunderte ihn nicht. Es gab nur einen einzigen Grund, dass man sich nachts im Keller traf und das war nicht zum Reden. Anscheinend war ihr freies Zimmer schon anderweitig belegt. Vorsichtig öffnete er die Tür zu dem Kellerraum und gewöhnte sich erst einmal an das fehlende Licht. Er wusste, dass der Lichtschalter an der rechten Seite der Wand war, scheute sich jedoch davor, Jean abrupt dem kalten Licht des Kellers auszusetzen.

Jeremy betrat den Raum und folgte den elenden Geräuschen, die aus einer der hinteren Ecken des Raumes zu ihm drangen. Aus den flehenden Worten, waren unverständliche Laute geworden, begleitet von einem Schaben, das auf dem Kellerboden fast wie Papierrascheln klang.
Jeremy kam zu dem Stapel an Kartons, hinter denen er Jean vermutete und schluckte schwer, als er den Jungen tatsächlich erkannte, halb verborgen hinter der Unordnung abgestellter und vergessener Kisten auf dem nackten, kalten Kellerboden. Durch das hereinfallende Licht sah Jeremy den liegenden Körper, der nur seinen Hoodie, eine Jeans und Sneaker trug. Er sah die vor Angst verzerrten Gesichtszüge, mit denen sich Jean auf dem Boden hin und herwälzte, gefangen in Traumbildern, die ihm eine solche Angst machten, dass seine Hände zu starren Klauen geformt über den Boden schabten.

„Bitte…nicht…“, wimmerte er und Jeremy hätte beinahe den Fehler gemacht, sich hier und jetzt neben ihn zu knien und ihn aus seinen dunklen Träumen zu holen. „Hör…auf…“
Auch wenn es ihm mehr als wehtat, trat Jeremy einen Schritt zurück und ließ sich unweit von ihm auf die Knie nieder. Die Kälte, die dadurch in seine Glieder zog, ließ ihn schaudern.

„Jean, ich bin hier, ich bin bei dir“, begann er ruhig und der Körper vor ihm zuckte. Die Worte erstarben und ließen nur Laute zurück, die Jeremy eine Gänsehaut bereiteten.
„Jean, komm zu dir. Du bist in Kalifornien, an der USC. Du bist bei den Trojans.“ Lauter nun, als er sah, dass Jean darauf reagierte, was er sagte.

In anderen Worten, komplett still wurde.

„Ich bin es, Jeremy. Jeremy Knox, dein Kapitän. Riko Moriyama ist tot, Jean. Du bist nicht mehr in Evermore. Vor anderthalb Wochen waren wir am Strand du hast mit Fahima unter der Strandmuschel gesessen und nachher mit uns ungesunden Kram gegessen.“

Jeans Augen waren offen, als Jeremy zu ihm sah. Unsehend starrten sie an die Decke, während sein ganzer Körper wie Espenlaub zitterte. Langsam beugte sich Jeremy vor.
„Ich würde gerne deine Hand nehmen, Jean. Wäre das in Ordnung für dich?“
Er erhielt keine Antwort, so verharrte er in der Bewegung und kniete abwartend neben seinem Backliner. Seine Knie schmerzten, doch das war Nebensache im Angesicht des Leides, dessen er gerade ansichtig geworden war.

Es schien eine Unendlichkeit zu vergehen, bis Jean überhaupt blinzelte.

Langsam, als wäre er in Trance schloss und öffnete er seine Augen und bewegte seine Finger. Erst dann wandte er Jeremy den Kopf zu und zuckte so gewaltig zusammen, dass Jeremy sich ebenfalls erschreckte. Abrupt schoss Jean in die Sitzende und kroch mit einem erstickten Laut verzweifelt nach hinten, bis er mit dem Rücken an die Wand stieß. Dort zog er die Beine an seinen Körper und zog seinen Kopf ein.
Durch die im Schatten liegende Gestalt blieb Jeremy nun der Blick in das Gesicht des anderen Jungen verborgen. Umso lauter hörte er allerdings dessen abgehackte Atmung, die von Panik und Angst zeugte und ihm sagte, dass Jean ihn bisher nicht bewusst wahrgenommen hatte. Jetzt aber schon.

Jeremy schluckte.

„Jean, ich bin’s, Jeremy. Du bist hier in Kalifornien, nicht in West Virginia. Du bist in Sicherheit und dir wird niemand wehtun.“

Für zähe, lange Sekunden schien es so, als würden seine Worte keinen Anklang finden. Jeremy verharrte beinahe bewegungslos, aus Angst, Jean noch mehr zu verschrecken. Wenn er es sich ehrlich eingestand, fühlte er sich schrecklich hilflos in diesem Moment. Er wusste nicht, was er noch tun konnte, um Jean nicht noch mehr zu verschrecken. Wobei…
„Soll ich Renee anrufen? Möchtest du mit ihr sprechen?“

Stille antwortete ihm und Jeremy war sich sicher, dass er damit richtig lag.
„Okay, pass auf, ich hole mein Handy und dann rufe ich sie an, ja?“ Mühsam schraubte er sich in die Höhe und seine Knie protestierten gegen den stechenden Schmerz. Aufstöhnend drehte er sich um und kam ganze zwei Schritte weit, bis Jean mit einem puren Laut des Entsetzens aus seiner Ecke kam und auf allen Vieren hinter ihm herkroch. Eine Hand umfasste sein Fußgelenk und brachte ihn in seinem momentanen, unsicheren Stand beinahe zu Fall.

Jeremy fuhr herum und starrte auf den Jungen, der seine Stirn an seine Wade presste. „Bitte nicht. Bitte tu’s nicht. Sie… nein, sie soll das nicht sehen. Sie soll mich nicht so sehen. Bitte nicht.“

Ein paar Sekunden lang starrte er Jean an, dann kniete er sich zu ihm auf den Boden und zog ihn unwirsch hoch. Er wollte keinen Augenblick länger Zeuge dieser demütigenden Haltung werden. Er wollte nicht länger hilflos sein im Angesicht von Jeans Schmerz. Erschrocken sah Jean ihn an und Jeremy löste den festen Griff um die zittrigen Oberarme, ließ seine Hände zu Jeans Händen gleiten. Bevor er es sich überlegte, verschränkte er ihre Finger ineinander.

„Okay, ich mach’s nicht. Versprochen. Alles ist gut. Es passiert nichts, was du nicht willst“, sagte er mit möglichst fester Stimme. Schweigen trat zwischen sie.
„Möchtest du mit nach oben kommen, Jean? Raus aus der Kälte?“
Jean brauchte etwas, bis er so unmerklich nickte, dass Jeremy es sicherlich übersehen hätte, wenn er nicht jeden Zentimeter in Jeans Gesicht studieren würde.
„Ich fürchte nur, dass du zuerst aufstehen musst“, gestand er schließlich mit einem schrägen Lächeln ein. „Und wenn du gerade dabei bist, wäre ich froh darum, wenn du mir aufhilfst.“

Jean folgte schweigend seinen Worten und zog ihn tatsächlich hoch. Jeremy nickte dankbar und löste langsam seine Hände von Jean. Er schüttelte seine eingeschlafenen Beine aus und sah dann ruhig zu Jean hoch, der ihn mit hängenden Schultern und eingefallenem Gesicht musterte.
„Komm mit“, lockte Jeremy mit einem schiefen Lächeln und humpelte aus dem Raum. Er nickte Logan und Val zu, die am Treppenaufgang zum Erdgeschoss standen und ihn besorgt musterten.
„Alles gut, danke euch beiden. Und zu niemandem ein Wort“, sagte er und sie flüchteten schier, bevor Jean aus dem Keller kam und zu ihm trat.

Jeremy schauderte und verschränkte die Arme. Mit großen Augen sah er zu Jean hinauf.
„Sorry, ich wurde aus dem Bett geholt, ich hatte keine Zeit, mir etwas anzuziehen“, rechtfertigte er seinen halbnackten Zustand und es schien Jean zumindest teilweise zu beruhigen.
„Nach oben?“, fragte er leise.
Jeremy seufzte glücklich. „Ab ins Warme!“

Gemeinsam gingen sie zurück in ihr Apartment, dessen Tür hinter Jeremy anscheinend zugefallen war, als er überhastet in Richtung Keller gestürmt war.
„Oh scheiße…“, fluchte er und drehte sich hilfesuchend zu Jean um, der mit gesenktem Kopf bereits in seiner Hosentasche kramte und seinen Schlüssel hervorzog. Er reichte ihn Jeremy und dieser schloss nun selbst mit schlotternden Gliedern auf. Er ging vor und gab Jean seinen Schlüssel zurück.

Sobald er ihr Wohnzimmer betreten und Jean seine Schuhe von den Füßen gestreift hatte, deutete Jeremy auf die Couch dort.
„Komm, setz‘ dich.“
Zögernd folgte Jean seinem Vorschlag und ließ sich auf die Couch nieder, auch wenn er so aussah, als würde er jeden Moment wieder fliehen wollen. Ohne den Blick von seinem Backliner zu nehmen, der nun langsam die Kapuze seines Hoodies abnahm, holte Jeremy eine Decke aus dem Schlafzimmer. Es war seine eigene, weil er Jeans sauber gemachtes Bett nicht zerstören wollte.
Überrascht sah Jean hoch als er mit dem guten Stück zu ihm zurückkam. Das war jedoch nichts im Vergleich zu seinem Gesichtsausdruck, als Jeremy ihm seine Decke um die Schultern legte und ihn bis oben hin darin einwickelte.

„Knox…?“, entkam es immer noch viel zu leise den trockenen Lippen. „Was tust du?“
„Ich wärm‘ dich auf. Du bist viel zu kalt. Der Keller war viel zu kalt.“
Jean blinzelte.
„Bleib einfach hier sitzen und mache es dir gemütlich, ich ziehe mir etwas an und komme dann wieder zu dir. Möchtest du etwas trinken oder essen?“
Jean schüttelte den Kopf und Jeremy eilte zurück ins Schlafzimmer, zog sich in Windeseile eine Jogginghose und ein T-Shirt über. Bedeutend langsamer kam er zurück ins Wohnzimmer und tauschte das ungemütliche Deckenlicht gegen den warmen Schein ihrer Stehlampe, bevor er sich in möglichst großer Entfernung zu Jean auf der Couch niederließ und tief durchatmete.

Erst jetzt gestattete er sich, über das, was gerade passiert war, nachzudenken und überhaupt logische Schlüsse zu ziehen.
„Jean, was hast du da unten gemacht?“, fragte er sanft. Der eingemummelte Junge reagierte zunächst gar nicht, dann setzte er sich gänzlich auf die Couch und zog die Beine an, blieb aber immer noch unter der Decke vergraben.
„Ich habe dort geschlafen“, murmelte Jean beinahe unhörbar und Jeremy blinzelte.
„Warum? Ist es dir hier zu warm? Soll ich einen Ventilator oder eine Klimaanlage besorgen?“

Was genau an seiner Frage so amüsant war, dass Jean schnaubte, entging Jeremy zunächst, unter anderem auch, weil er viel zu beschäftigt damit war zu beobachten, wie Jean sich bis zu seiner Nasenspitze in dem Deckenwust vergrub und für einen Moment die Augen schloss.
„Mir ist nicht zu warm“, erwiderte er schließlich und runzelte die Stirn, als müsse er sich über etwas klar werden. „In Evermore war es nie warm. Es ist angenehm hier.“
„Das ist schön?“, lächelte Jeremy zögerlich. Wenigstens das konnte er als Grund ausschließen.

Wieder kämpfte Jean mit sich und rang anscheinend mit jedem Wort, das schlussendlich seine Lippen verließ. Jeremy ahnte, welcher Kraftakt das für ihn sein musste und doch wollte er verstehen, ob etwa er derjenige war, der Jean aus ihrer gemeinsamen Wohnung vertrieben hatte. „Habe ich im Schlaf irgendetwas gemacht, was dich vertrieben hat? Habe ich etwas gesagt? Oder war ich zu laut?“, fragte er und malträtierte seine Unterlippe zwischen seinen Zähnen. Nun sah Jean ihn offen an und in den großen, grauen Augen stand neben Schrecken auch etwas Anderes, das Jeremy schwer beziffern konnte.

„Du hast mich vor zwei Wochen einen gemeinen Eisdieb genannt, aber ansonsten eigentlich nicht, nein“, kam auch schon sein Todesurteil in Form von fürchterlich trockenen Worten und Jeremy spürte unweigerlich heiße Röte auf seinen Wangen. Dass er das aber auch nicht abstellen konnte… das war peinlich. Und seine Alpträume waren es ebenso.
„Habe ich?“, fragte er krächzend und Jean nickte.
„Es war nach dem Besuch in dem Eisladen. Du warst sehr aufgeregt und hast mir gesagt, dass ich dein Eis nicht stehlen soll.“
„Jean…Gnade bitte“, wimmerte er. „Das ist peinlich.“

Nur an den Augen sah Jeremy das zaghafte Lächeln, das auf den Lippen des Backliners liegen musste.

„Du hast an deinen Fingerspitzen genuckelt, als ich dir gesagt habe, dass da noch genug Eis ist“, setzte Jean zum staubtrockenen Todesstoß an und Jeremy verbarg sein Gesicht an der Sofalehne. Das durfte doch nicht wahr sein, ausgerechnet vor Jean. Oh nein…
Jeremy wimmerte und wedelte blind mit seiner Hand, in der Hoffnung, dass da nicht noch mehr kam.

„Ich habe auch Alpträume, allerdings sind sie anders. Ich…schreie. Oder schlage um mich“, gestand Jean ein und Jeremys Kopf ruckte hoch. Er brauchte etwas, um die Worte zu verstehen, um nachzuvollziehen, was sie implizierten und als es soweit war, zuckte er auch körperlich zusammen. Gleichwohl widerte ihn seine eigene Dummheit an. Nachdem, was Jean angetan worden war, hatte er allen Ernstes keinen Gedanken darüber verloren, ob der Junge neben ihm Alpträume davon hatte. Wie dumm war er bitteschön?
„Du bist wütend“, sagte Jean leise in seine Gedanken hinein und die Angst in seiner Stimme ließ Jeremy aus seinen Gedanken auftauchen.

„Auf mich, Jean, nicht auf dich“, stellte er richtig. „Ich hätte das wissen müssen.“
Jean legte den Kopf schief und die rechte Wange auf seine Knie. Er sah ihn direkt an und Jeremy zog unweigerlich den Vergleich zu Jeans Ankunft am Flughafen. Dort hatte der Junge ihm noch nicht einmal in die Augen sehen können und nun war es Jeremy, der Mühe hatte, der durchdringenden Musterung stand zu halten.

„Am Anfang hatte ich Angst, dass du dich m…dass du so bist wie Riko. Und ich brauchte etwas, das mich an Evermore erinnert, damit zumindest etwas vertraut ist und wenn es nur die Kälte und die Dunkelheit ist“, gestand Jean mit einer derartigen Neutralität ein, dass es Jeremy schauderte. „Aber du bist nicht wie Riko und es fällt mir mittlerweile schwer, jede Nacht nach unten zu gehen.“

Jeremy schluckte mühevoll. Jede Nacht, seitdem er hier war? Jean hatte kein einziges Mal in seinem Bett geschlafen und er hatte es nicht mitbekommen? Ihm lag so vieles auf der Zunge, Entschuldigungen, Flüche, Versprechungen, Wiedergutmachungen…
„Dann bleib hier“, konzentrierte er alles, was ihm auf der Zunge lag, in diesem ernsten Vorschlag. „Du bist hier in Sicherheit und die Betten sind verdammt bequem. Es wäre eine Schande, wenn du niemals in den Genuss dessen kommen würdest. Oder deiner Decke. Oder deines Kissens.“
„Ich werde dich aufwecken. Vielleicht sogar jede Nacht.“
„Das ist okay. Dann ist jemand da, der dich aus seinen Alpträumen holt.“
„Das ist eine Bürde, die nur ich zu tragen habe.“
„Jetzt nicht mehr.“

Jean blinzelte verständnislos und erst, als Jeremy dazu ansetzen wollte, seine Kapitänsansprache über den Zusammenhalt des Teams zu halten, begriff er.
„Das ist alles so anders“, sagte er indifferent, als wäre er erst jetzt zu dem Schluss gekommen.
Jeremy musterte sein Gegenüber. „Möchtest du darüber sprechen?“
„Nein.“
Er nickte. „Ich bin da, wenn es so sein sollte.“
„Ja“, sagte Jean und runzelte die Stirn. Zunächst verständnislos, dann beinahe schon fassungslos, sah er hoch. „Ich weiß…“, schloss er nachdenklich. „Danke.“
Jeremy lächelte und legte die Hand auf den Bereich der Decke, wo er die Schulter des Backliners vermutete. Spielerisch und sanft schubste er Jean, was dieser mit einem bösen Blick konterte, der Jeremy vermutlich das Fürchten hatte lehren sollen.

„Bleibst du hier?“, fragte er und Jean vergrub sich mit der Nase wieder in der Decke. Er schloss die Augen und Jeremy sah mit Erstaunen, wie er unauffällig daran roch. An seiner Decke. Seiner. Jeremy spürte, wie er wieder rot wurde, als Jean anscheinend Gefallen daran fand, wie die Decke sich anfühlte und wie sie roch.
„Bist du sicher?“
„Absolut.“

Jean nickte schließlich langsam. „Okay.“

Niemand von ihnen bewegte sich in Richtung Schlafzimmer und Jeremy beobachtete sein Gegenüber dabei, wie er mit seinen Fingern über die Decke strich.
„Wäre es in Ordnung, wenn ich diese Nacht erst einmal auf der Couch verbringe?“, fragte Jean schließlich und Jeremy hielt inne. Es gab vieles, was er darauf antworten konnte. Dass er nicht in der Position war, es Jean zu erlauben oder zu verbieten. Dass Jean sein eigener Herr war. Dass er selbst die Entscheidungen traf.
Nichts davon sagte er, weil Jean alles davon bereits wusste, aber noch nicht verinnerlicht hatte.

„Nur wenn du dabei die Decke behältst“, hielt Jeremy anstelle dessen dagegen und der aufkommende Protest in Jeans Gesicht hielt sich nicht lang. Aus welchem Grund auch immer Jean anscheinend eine Vorliebe für das Stück Stoff und Federn unter seinen Händen entwickelt hatte, Jeremy förderte das gerne.
„Okay.“
„Jean?“
„Ja?“
„Nicht mit der Decke in den Keller abhauen, okay?“
Jean hob die Augenbraue. „Aber ohne?“
„Dann komme ich dich wieder besuchen.“
„Heimsuchen ist das Wort, dass du suchst“, sagte Jean trocken und schockiert schlug sich Jeremy die Hand vor den Mund.

„War das ein Witz, Moreau? Das war ein Witz! Du hast einen Witz gemacht!“

Jean rollte mit den Augen. „Va te coucher“, murmelte er und Jeremy war durchaus entzückt von der fremden Sprache, die sich ihm entgegentrug und von der er kein einziges Wort verstand.



~~~~~~

Wird fortgesetzt.

Va te coucher! = Geh schlafen!

Die Presseszene ist natürlich eine Hommage an Jeremys kurzen, prägnanten Satz aus Noras Original, der mich immer noch absolut fasziniert. :3
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