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Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Alvarez Andrew Minyard Jean Moreau Jeremy Knox Laila Dermott Neil Josten
13.06.2020
30.11.2021
66
423.078
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23.06.2020 6.244
 
Jeremy war erstaunt, wie unterschiedlich sich Jeans Charakter zeigte.

Gestern, auf dem Dach, war er in sich zurückgezogen gewesen, verzweifelt teilweise. Mit dem Rücken zur Balustrade hatte er ihrem bunten Treiben zugesehen, angespannt und immer auf der Hut. Alvarez hatte ihn mit ihrer brachialen Herangehensweise mehr als verängstigt, wofür Jeremy ihr nachher noch verbal den Kopf abgerissen hatte, sobald der Backliner außer Hörweite gewesen war.

Jean hatte sich trotz allem tatsächlich an dem Spiel, was sie gespielt hatten, beteiligt und sich größte Mühe gegeben, die Spielfiguren der Gegner durch Magmabälle vom Spielfeld zu kegeln. Er war sanfter gewesen als sie alle und hatte nicht wie Laila das halbe Spielfeld abgeräumt.
Jeremy musste auch jetzt noch über den halb konzentrierten, halb ungläubigen Ausdruck auf Jeans Gesicht schmunzeln, mit dem er ihrem Abend beigewohnt hatte. Ihnen allen, wie sie Spaß hatten, der anscheinend so diametral allem gegenüber stand, das Jean jemals gekannt hatte, dass dieser sich vermutlich fragte, in welchem Irrenhaus er hier gelandet war.

Einem sehr liebenswerten, wenn man Jeremy fragte.

Und einem sehr sportlichen, wenn er sich seine Mannschaft gerade jetzt beim Training ansah. Seine nun vollständige Mannschaft, denn Jean hatte heute die Freigabe erhalten, wieder trainieren zu dürfen. Das, was er vorher nur in Ansätzen gesehen hatte, entfaltete sich in ihrem Abendtraining in seiner vollen Pracht und verursachte in Jeremy in Gefühl des Stolzes und der Freude.

Jean war in menschliche Haut gepresste Perfektion. Seine Bewegungen waren effizient und austariert, er verlor sich nicht in unnötigen Kleinigkeiten oder überflüssigen Gesten. Sein Schläger war für ihn wie die Verlängerung seines Körpers und passte sich seinen Bewegungsabläufen perfekt an, als wären sie miteinander verwachsen.
Jean ließ keinen einzigen Ball fallen. Keine einzige Übung führte er schluderig oder nachlässig aus. Beinarbeit, Körperspannung und Bewegungsmuster stimmten perfekt mit seinen oder Coach Rhemanns Anweisungen überein.

Das abschließende Übungsspiel gegeneinander lastete ihn noch nicht einmal wirklich aus.

Im Gegenteil. Jean war eine Naturgewalt, die mit Natürlichkeit und Zerstörung etwas Evolutionelles hatte. Er blockte jeden Versuch, an ihm vorbei zum Tor zu kommen, mit eiserner Härte ab. Er schlug gnadenlos zurück und holte sich Bälle, die unmöglich sein sollten, es für ihn aber nicht waren. Seine eigenen Pässe waren so genau und schnell, dass Jeremy und Logan teilweise noch nicht einmal die Möglichkeit hatten, schnell zu reagieren und, wenn sie zu langsam waren, den Ball gegen den Helm bekamen. Jeremy selbst hatte es nach Jeans Geständnis nicht über das Herz gebracht, sich für die andere Mannschaft aufstellen zu lassen, um Jeans Fähigkeiten auf die Probe zu stellen.

Doch all das lastete den Ex-Raven noch nicht einmal wirklich aus.

Während das restliche Team nach dem Spiel versuchte, verzweifelt Luft und Wasser zu bekommen, stand Jean mit gerunzelter Stirn und ungläubigen Blick in Richtung Bank auf dem Spielfeld und begriff nur langsam, dass damit auch das Training für heute vorbei war. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete Jeremy Jean, wie er Schritt um Schritt auf sie zukam, stumme Missbilligung in den Augen.

„So Leute, genug für heute, morgen früh geht’s weiter!“, wandte er sich an die erleichterten Trojans und erhob sich mit schmerzenden Beinen. Aufstöhnend stützte er sich auf seinen Schläger und sah Jean gerade rechtzeitig ins Gesicht um zu sehen, wie dieser zweifelnd die Augenbraue hob.
„Sag mir nicht, dass du nicht müde bist?“, fragte Jeremy und Jeans Kopfschütteln verwunderte ihn nicht wirklich.
„Das war ein kurzes Training“, erwiderte der größere Junge indifferent und ließ seinen Blick zurück zum Spielfeld gleiten.
„Kurz…“, ächzte Jeremy und grinste. „Wie ich sehe, haben wir da unterschiedliche Definitionen von kurz.“

„Lass das bloß nicht Coach Rhemann hören, dass sein Training nicht auslastend ist, Nummer sieben!“, mischte sich Valentine ein und hob warnend die Faust. Jeremy gab sich größte Mühe sein Grinsen im Angesicht des zweifelnden und ernsten Gesichtsausdrucks seines Backliners zu verbergen.
„Ich würde es niemals wagen, dem Trainer wiedersprechen“, sagte Jean ohne Humor in der Stimme mit genau dem Quantum an beunruhigter Empörung, das Jeremy einen Einblick in die Ernsthaftigkeit der Aussage erlaubte. Jean würde es nicht wagen, weil es in Evermore anders gehandhabt worden war. Strenger. Brutaler.

„Gut. Dann raus mit euch allen aus den stinkenden Klamotten und ab zum Wohnhaus. Morgen früh geht’s weiter!“, betonte Jeremy und scheuchte sie alle in die Umkleideräume.



~~**~~



Mit einem innerlichen Seufzen blendete Jean die Gespräche um sich herum aus und ließ sie an seinen Gedanken abprallen wie Wasser an Öl. In Evermore wäre das undenkbar gewesen, wenn ihm seine Gesundheit lieb gewesen wäre, hier war es eine Grundvoraussetzung dafür, dass sein Hirn und sein Hörsinn sich nicht überlasteten.

Seine Gedanken kehrten zurück zu dem letzten Satz, den er heute Morgen in dem weißen und pastellfarbenen Buch niedergeschrieben hatte, das er sich bei seiner letzten Einkaufstour mit Knox vor zwei Tagen gekauft hatte. Es hatte ihn an Renee erinnert und so hatte er all die Dinge, die er zum ersten Mal gemacht und dort niedergeschrieben hatte, ihr gewidmet.

Sein Kapitän war Inhalt des ersten Eintrages: er hatte unter Knox‘ Anleitung das erste Mal etwas selbst gekauft, Geld vom Automaten abgehoben und das Buch mitsamt des Einkaufs schlussendlich im Supermarkt mit seiner Karte bezahlt. Knox hatte protestiert und gesagt, dass er es selbst zahlen könne, doch Jean hatte ihn darum gebeten, die Kosten übernehmen zu dürfen. Schließlich hatte sein Kapitän ihn nun schon seit dreieinhalb Wochen ausgehalten.

Dass die Tüten dann neben dem Obst und Gemüse, das ihm vage bekannt vorkam oder er schon in der Kantine gesehen hatte, auch haufenweise süßes Zeug enthalten hatten, dessen Verpackungen Jean schon entgegenschrien, wie ungesund sie waren, störte ihn nicht. Er musste sie ja nicht essen und Knox war trotz seiner Vorliebe für diesen Tod auf Raten erstaunlich gesund.

Das hatte Jean in der vergangenen Zeit, die er hier in Kalifornien war, mehr als einmal gesehen, da nicht nur Knox, sondern auch der Rest der Studierenden anscheinend alle Gelegenheiten nutzten, um ihre freien Oberkörper ihren Teamkollegen, anderen Studenten und der Welt generell zu präsentieren. Damit waren sie nicht alleine, denn der Campus strotzte nur so vor nackter Haut. Die Selbstverständlichkeit, mit der dies geschah, hatte Jean am Anfang irritiert, da die Kälte von Evermore keinen einzigen Raven dazu angespornt hatte, sich derart zu entblößen. Mittlerweile hatte er sich jedoch daran gewöhnt und schätzte die Zeit, die sie im Stadion verbrachten, weil auch er dort kurze Hosen und luftigere Sporttrikots tragen konnte.

Selbst in seinen Kursen war der Dresscode informell und lässig. Dass es noch nie anders gehandhabt wurde und hier die Dozenten keinen gesteigerten Wert auf ein gedrilltes Äußeres legten, hatte Knox ihm auf dem Weg zu seinen Vorlesungen erklärt. Denn trotz Jeans Versicherung, dass er den Weg finden, oder, wie er sich im Stillen gedacht hatte, suchen würde, ließ es sein Kapitän sich nicht nehmen, ihn von einem Ort zum anderen zu bringen und somit das Gefühl des Alleinseins zu mildern, vor dem Jean soviel Angst hatte.

Anscheinend gehörte das zu den Dingen, die Day Knox erzählt hatte, denn wie durch Zufall war immer jemand da. Wenn Knox nicht konnte, war es Laila, die auf ihn wartete und die ihn mit einem Winken grüßte. Wenn sie nicht konnte, wartete Alvarez, zu der Jean einen größeren Abstand hielt als zu ihrer Freundin und vor der er sein Handy wohlweißlich immer versteckte, auf dem nun ständig Nachrichten aufploppten, die er in stillen Momenten nachlas und nicht einmal die Hälfte der Abkürzungen verstand.

Wenn er mit Ajeet gemeinsame Vorlesungen hatte, ging dieser ganz zufällig in die Richtung seines nächsten Kurses und behauptete, dass er sowieso dorthin gehen musste. Dass das eine Lüge war, sah Jean sehr offensichtlich an dem kurzen, nervösen Zucken im Mundwinkel und daran, dass der Junge, sobald er sich in Sicherheit wähnte, wieder in die andere Richtung davoneilte.

Selbst in der Mittagspause hatte er Begleitung. Soweit es möglich war, aßen alle wie jetzt auch gemeinsam zu Mittag und wer auch immer der Erste in der Kantine war, reservierte eine Tischgruppe drinnen oder draußen im Schatten des Gebäudes und der Sonnenschirme. Sie aßen nicht schweigend und zielgerichtet wie die Ravens, sondern laut durcheinanderredend und scherzend, absolut chaotisch.
Es war nicht wie bei den Ravens ein Zwang… die Trojans kamen freiwillig zusammen, wer Zeit hatte, war da, wer nicht, der blieb fern und das hatte keine Bestrafung zur Folge.

Ebenso wenig wie Jean dafür bestraft wurde, dass er sich selbst sein Essen von den unterschiedlichen Theken zusammenstellte. Soviel, wie er wollte, was er wollte und so oft er wollte. Es fiel ihm ebenso schwer wie alles Andere, das er für sich entscheiden sollte, so orientierte sich Jean auch immer an denjenigen Trojans, die bei der Essensausgabe in seiner Nähe waren und die, wie er mittlerweile gelernt hatte, sich an einen gesunden Essensplan hielten. Deswegen schaute er noch nicht einmal in die Richtung seines Kapitäns, wenn es um dessen Mittagsverpflegung ging.

In Fahimas dahingehend schon. Sie war ebenso wie Knox auch ein Striker und Josten beängstigend ähnlich, was die Spielenergie und Fähigkeiten anbetraf. Sie hatte Talent und würde eine großartige Zukunft vor sich haben, wenn sie das richtige Training in Anspruch nahm.

Sie war auch die Erste, die Jean im Gewimmel aus Köpfen in der Kantine wiedererkannt hatte. Wie denn auch nicht? Sie schmückte ihren Kopf täglich mit abenteuerlichen Konstruktionen ihres Kopftuches, ihres Hijabs, wie Jean gelernt hatte. Bunt, fröhlich, immer anders drapiert. Nach ihrer Stimmung und passend zu ihrer sonstigen Kleidung. Auch sie trug lange Kleidung und Jean fragte sich, welche Stoffe das wohl sein mochten, schien sie doch keine Probleme mit der Hitze hier zu haben. Mit den ihm verbleibenden Tagen war die Antwort darauf aber nicht mehr wirklich wichtig.

„Moreau!“

Jean schreckte aus seinen Gedanken hoch und versuchte die Quelle des ungeduldigen Rufes zu finden, der ihm bedeutete, dass er anscheinend eine erste Frage bereits überhört hatte.
„Hier hinten!“, winkte Valentine und er hob fragend die Augenbraue. Wie immer saß Jean am äußeren Rand der Gruppe, eine Seite neben ihm frei zur Flucht, wenn er sie brauchte. Valentine genoss da eher die Mitte, sie badete gerne in der Menge ihrer Mitspieler.
„Kommst du am Samstag mit zum Strand?“

Die Aufmerksamkeit, die sie mit ihrer Frage abrupt auf sich selbst, vor allen Dingen aber auf ihn zog, behagte Jean ganz und gar nicht. Der ganze Tisch starrte ihn erwartungsvoll an, so als würde es von ihm abhängen, ob sie am Wochenende dorthin fuhren anstelle zu trainieren. Ein furchtbarer Gedanke, auf so vielen Ebenen. Wie konnten sie so nachlässig sein und die freie Zeit nicht dazu nutzen, ihre mangelnden Fähigkeiten zu steigern? Wie konnten sie so blind gegenüber der Realität sein und denken, dass sie mit ihrem jetzigen Aufwand auch nur unter die besten Drei kamen? Das war hanebüchen lächerlich und es machte ihn jetzt genauso wütend wie zu Beginn des Trainings.

Und selbst wenn auch nur in Ansätzen in Ordnung gewesen wäre, dass sie das Training schwänzten, so war es immer noch Wasser in großen Mengen in Anwesenheit von vielen Menschen. Seines Teams.

„Nein“, sagte er entschieden, feindselig gar. Ein Nein zu allem, was ihm Angst machte und was alleine diese einfache Frage an Erinnerungen in ihm hervorholte. Sie wären am Strand und er wäre ihnen ausgeliefert, sobald Knox den Befehl dazu geben würde.
Dass sein Kapitän eben das nicht tun würde, wusste Jean, er hatte es mittlerweile begriffen. Das hielt aber nicht die Seite in ihm in Schach, die schreiend und nassgeschwitzt aus den Alpträumen hochschreckte und die minutenlang nicht richtig atmen konnte, weil sie immer noch das Gefühl hatte, zu ersticken.

Es war die Seite, die ihm weder baden und schwimmen erlaubte. Duschen war eine Herausforderung für ihn, jeden Tag wieder, Wasser in seiner Nase eine Katastrophe.

„Aber das ganze Team wird da sein“, gab Valentine nicht auf und Jean presste seinen Kiefer aufeinander. Das ganze Team umfasste auch ihn. Er würde dazu gezwungen sein, mitzukommen und im schlimmsten Fall mit ins Wasser zu gehen. Jean schluckte. Das würde er nicht durchstehen. Das konnte er nicht. Nicht noch einmal. Nie wieder.
„Nein“, wiederholte er und starrte auf den Tisch. Nein würde es nur solange bleiben, bis Knox eine Entscheidung traf. Knox oder Alvarez, die schon sein Handy genommen hatte ohne ihm eine Wahl zu lassen.

Dass Knox in dieser Pause nicht hier war, weil er eine Verabredung hatte, machte die Sache nicht besser. Jean runzelte die Stirn. Vielleicht konnte er den Striker ja davon überzeugen, dass er nicht mitkam. Wenn er ihm sagte, warum er nicht mitkommen konnte, dann würde sich sein Kapitän vielleicht überzeugen lassen.

„Aber…“, setzte sie zum dritten Mal an und dieses Mal sah Jean hoch. Schweigend und ernst sah er ihr in die Augen, ließ sie teilhaben an seiner hasserfüllten Wut. Er wusste, sie würde das auf sich beziehen und das war auch beabsichtigt so, würde ihre falsche Annahme ihm doch jegliche Nachfrage vom Hals halten.
Defacto war es aber die Wut, die er auf Riko und Evermore, aber auch auf sich selbst verspürte. Wut, dass ihm das angetan worden war und Wut, dass er immer noch nicht in der Lage war, das alles hinter sich zu lassen.

Er sah zu, wie sie zuerst rot, dann bleich wurde und schlussendlich das Thema fallen ließ. Logan legte ihr die Hand auf die Schulter und flüsterte ihr etwas zu, während er Jean hasserfüllt anstarrte. Sollte er.
Das war Jeans Zeichen dafür, dass er sich seinem Essen widmete und das übrige Team ausblendete, das ihn darauf bis auf Laila und Alvarez noch mehr ignorierte als zuvor. Es war Jean recht, konnte er doch die Erinnerungen nicht wirklich zurückhalten, die ihn nicht mehr loslassen wollten.

Weder in seinen nachmittäglichen Kursen, noch in der Zeit zwischen diesen und dem Training, noch beim Training selbst, nach dem er mit abwesendem Blick in der Umkleide saß, die sich stetig leerte. Wieder und wieder spielte Jean den Gedanken an die kommende Katastrophe vor seinem inneren Auge durch. Beinahe ebenso oft machte er sich Mut für das Kommende. Der Besuch am Strand, das Wasser, das an den Strand rollte mit all seiner Wucht. Die fröhlichen Strandbesucher, die einfach freimütig ins Wasser sprangen, während er möglichst abgewandt vom Wasser im Sand sitzen würde.

Jean warf einen Blick auf seine Ausrüstung, die er bereits ausgezogen und säuberlich neben sich auf der Bank gestapelt hatte. Nicht so wie Knox, der schier explodiert war, bevor er singend unter die Dusche getanzt war um dort weiter in schrägen und unpassenden Tönen irgendeinen Song von sich zu geben, den Jean natürlich auch nicht kannte. Leider hatte das gar nichts dazu beigetragen, seine Nervösität zu beruhigen, ganz im Gegenteil. So beobachtete er nun angespannt aus dem Augenwinkel heraus, wie sein Kapitän mit einem seiner riesigen Badehandtücher um sich geschlungen sich unweit von ihm auf die Bank fallen ließ. Knox beobachtete ihn auch, allerdings eher so, als wäre er eine tickende Zeitbombe.

Vielleicht war Jean das ja auch. Eine tickende Zeitbombe. Mit den Stunden, die zwischen jetzt und der Mittagspause lagen, war ihm bewusst geworden, wie rüde er zu Valentine gewesen war, die vermutlich nicht wusste, warum er nein gesagt hatte. Sie hatte keine Ahnung, wie tief und dunkel die Abgründe waren, die ihr Sport mit sich brachte. Nein, alles, was sie nun wusste, war, dass Jean sie hasserfüllt gemustert hatte.

„Jean, was beschäftigt dich?“, fragte Knox schließlich mit einer schlafwandlerischen Zielsicherheit und Jean knetete sein Handtuch zwischen seinen Händen. Er verschwendete Zeit damit im Angesicht einer direkten Frage, auf die er zu antworten hatte. So war es ihm eingetrichtert worden.
Er straffte sich. „Valentine hat gefragt…wegen dem Strand am Samstag.“
Ein überraschter Laut verließ seinen Kapitän. „Oh, das! Stimmt, das wollte ich noch mit dir besprechen. Was war denn damit?“

Jean schluckte schwer und schloss die Augen. Die Frage, die ihn ebenso beschäftigt hatte all die Stunden, war auch die gewesen, ob er Knox genug vertrauen konnte, um das Thema bei ihm anzusprechen. Um ehrlich zu sein, konkret und nicht vage. Er dachte daran, dass Knox ihn losgelassen hatte, als er ihn darum gebeten hatte. Er hatte ihm bisher nicht wehgetan. Er hatte ihn einen gemeinen Eisdieb genannt. Er hatte ihm ganz am Anfang ein Versprechen gegeben, das er bisher nicht gebrochen hatte. Das musste doch etwas wert sein, oder?

„Ich kann nicht mit zum Strand“, presste Jean hervor, bevor er es sich anders überlegen konnte.
„Warum das? Geht es dir nicht gut?“ Natürlich fragte Knox nach seinem Befinden. Jean hätte es sich denken können.
Mit starrem Blick auf sein Handtuch schüttelte er den Kopf. „Ich kann dort nicht hin. Es…es geht nicht.“
Knox wandte sich ihm und rückte unbewusst ein Stück näher. Jean grauste es vor dem Gedanken, dass er ihn wieder anfassen würde, doch noch hielt sein Kapitän Abstand. „Hey…hey, das ist kein Zwang, Jean. Du musst nicht mit, wenn du das nicht willst.“
Jean schluckte und faltete den Frotteestoff. Er sah hoch und stählte sich für den Blickkontakt mit seinem Kapitän, der ruhig, entspannt und makellos perfekt auf der Bank saß.

„Möchtest du mir sagen, was am Strand so schlimm ist?“, fragte Knox sanft. Jean wollte nicht wirklich, aber er fragte sich, ob es Sinn machte, es Knox zu verschweigen. Sie waren hier in Los Angeles, alleine durch pures Glück war er bisher einem Strandbesuch entkommen. Oder einem Schwimmtraining. Knox musste wissen, was sein Spieler für ein Handicap hatte. Er als Kapitän hatte das Recht dazu.

Jean ballte seine Hände zu Fäusten und entspannte sie schließlich wieder. Er holte tief Luft und ließ die jahrelange Indoktrinierung gewinnen, die ihm in diesem Moment die Entscheidung abnahm, ob er ehrlich war oder nicht.

„Riko hat mit ein paar Raven und mir damals regelmäßig Filme gesehen“, begann er und starrte an Knox vorbei auf die Spinde. Wenn er möglichst schnell und ohne Unterbrechungen sprach, würde er auch alles hervorbringen können, was wichtig war, bevor seine Stimme vor lauter Angst versagte. „In einem der Filme wurde der Hauptcharakter durch Waterboarding gefoltert. Riko hat daraufhin beschlossen, auszuprobieren, ob es tatsächlich so traumatisierend ist, wie es dargestellt wurde.“ Jean verstummte abrupt und wartete auf eine Reaktion seines Kapitäns. Die für lange, quälende Momente nicht kam. So stumm hatte er Knox noch nie erlebt.

War es vielleicht das Falsche gewesen? Malte sich Knox gerade aus, wie er es Riko gleichtun konnte? Unsicherheit beschlich Jean wider besseren Wissens.

„Er hat dich damit gefoltert?“, fragte Knox schließlich so erstickt, als wäre es ihm selbst passiert. Jean nickte. Wenn schon die Wahrheit, dann die ganze Wahrheit.
„Zehn Mal, um sicher zu gehen. Seitdem kann ich nicht… ich habe Angst… vor Wasser“, beendete Jean sein Eingeständnis der Schwäche und wartete auf das vernichtende Urteil seines Kapitäns.



~~**~~



Jeremy war behütet aufgewachsen, umgeben von Menschen, die ihn liebten und die er liebte. Er war immer, zu jeder Zeit eingebettet gewesen in ein Netzwerk an Menschen, die seine Freunde oder seine Familie waren, die er schätzte und denen er vertraute und die ihm vertrauen konnte. Niemals war er mit weniger als Optimismus durch das Leben gegangen und hatte diesen an seine Mitmenschen weitergegeben.

Geradezu unschuldig war er an die USC gekommen und in vielen Bereichen war er immer noch unschuldig und zum guten Teil auch naiv.
Er hatte angenommen, dass ihr Sport sie alle einte. Dass ihr Sport Mannschaftsgeist und Ehrgeiz förderte. Dass alle Mannschaften ihrer Liga auf ihre ganz eigene Art und Weise zusammenhielten.

Jeremy hatte sich noch nie in seinem Leben geprügelt. Er war noch nie in seinem Leben geschlagen worden. Und nun saß Jean vor ihm, ein Jahr jünger als er und sagte ihm, dass er durch Riko Moriyama gefoltert worden war, indem man ihn hatte glauben lassen, dass er ertrank. Eine Methode, die sein Land in Foltergefängnissen anwandte.

Die erniedrigte Pose am zweiten Tag, die gebrochenen Finger, die offensichtliche Angst vor ihm, die Bestrafungen für sein Versagen…und nun…Waterboarding.
Folter, durch und durch, die Jeremy sich unweigerlich fragen ließ, warum Jean erst jetzt aus den Klauen dieser sadistischen Arschlöcher befreit worden war. Und warum niemand, einschließlich ihm selbst, niemals etwas bemerkt hatte. Niemals auf Jean geachtet hatte oder auf das, was Evermore mit seinen Spielern machte.

Spätestens bei den Banketten hätte es Jeremy doch auffallen müssen. Oder, wie er mit einem schmerzhaften Ruck feststellte, als Jean nach einem ihrer Zusammenstöße während eines Spiels liegen geblieben war, zu lang um nicht verletzt zu sein. War er dafür bestraft worden? War er sogar dafür bestraft worden, dass Jeremy ihm die Hand gereicht hatte?

Wie konnte und sollte er dafür umgehen? Wie sollte er auf Jean reagieren, wie konnte er etwas wieder gut machen, dessen Ausmaß er noch nicht einmal kannte? Wie konnte er dieses Ausmaß an schlimmen Dingen wieder gutmachen, das dem Jungen vor ihm angetan worden war. Wie konnte er Jean überhaupt eine Hilfe sein?

Ein kurzer Moment der Hilflosigkeit überschwemmte Jeremy mit einer solchen Wucht, dass es ihn sprachlos und verzweifelt machte. Doch er gab eben diesem Gefühl keine Chance, sich in ihm festzusetzen. Niemals würden ihn so negative Emotionen ausmachen und niemals würde er sich unterkriegen lassen, also würde er auch jetzt nicht damit anfangen.

Jeremy holte tief Luft, er sah hoch und stählte sich für Jeans Ablehnung, seine Angst und sein Zurückweichen.

Nichts davon trat ein.

Jean starrte zu Boden, den Blick abwesend. Seine Hände krampften sich vermutlich unbewusst in das Handtuch, das auf seinem Schoß lag. Die aufrechte, angespannte Pose hatte er in diesem Moment für etwas aufgegeben, das Jeremy schwerlich beziffern konnte. Er war in sich gesunken. Besiegt, kam es Jeremy in den Sinn, auch wenn das der vollkommen falsche Begriff war. Jean war nicht besiegt, er hatte überlebt. Er hatte anscheinend die Hölle überlebt.

„Davor… mochte ich das Meer. Ich mochte es, darin zu schwimmen. Den Salzgeruch, die Möwen, die Sonne, der Sand…all das habe ich geliebt und jetzt kann ich dem nicht nahekommen ohne dass ich verdammt nochmal Angst davor habe, wenn ich das Wasser sehe!“ Das, was als stockende, leise Worte begonnen hatte, war zum Schluss hin lauter und wütender geworden, hallte nun bitter und grausam von den Wänden der Umkleide wieder. Seine Hände krallten sich mittlerweile in seine Knie und sein Gesicht war zu einer schmerzerfüllten Grimasse verzogen.

Es juckte Jeremy in den Fingern, Jean zu umarmen, an sich zu ziehen und jeden einzelnen Schmerz aus ihm herauszudrücken, der ihm jemals zugefügt worden war. Dass genau das der falsche Ansatz war, wusste er mittlerweile, was aber nicht bedeutete, dass er nicht auch anderweitig bereit war, Jean zu unterstützen und ihm zu helfen.

Der andere Junge war aber noch nicht fertig, erkannte Jeremy jetzt. „Aber hier… ihr alle kennt keine Angst. Für euch ist alles so einfach hier. Anstelle den Tag über zu trainieren an den Strand zu gehen? Nichts leichter als das! Sich für Partys auf Dächern zu treffen? Das Normalste der Welt! Dinge zu essen, die ungesund sind und die Fitness des Körpers beeinträchtigen? Das steht hier nicht unter Strafe, jeder von euch macht es! Oder… oder… dass ihr euch Freundschaft untereinander erlaubt und euch sogar vertraut!“

Jeremy zuckte zurück, als sich Jean abrupt erhob und wütend auf ihn hinunterstarrte. „All diese…Farben…“, ziellos deutete der Backliner auf die roten Spinde, auf das Trojanswappen an der Wand. „…diese Fröhlichkeit… du strafst deine Spieler nicht, wenn sie dir im Training nicht gehorchen! Der Herr tut das nicht, er steht nur dabei und sieht zu, obwohl es offensichtliche Defizite gibt! Offensichtliche! Aber ihr… keiner von euch nimmt es ernst! Keiner von euch hat eine Ahnung, wieviel Disziplin und Ordnung und Blut und Leid in diesem Sport notwendig ist, mit all dem unschuldigen und naiven Spaß, den ihr habt! Das ist…unverdient! Den Vertrag mit der USC unterschreiben zu müssen, war keine Erlösung, es ist eine Strafe! All das hier ist eine Strafe für mich, weil ich niemals haben werde, was ihr habt, weil ich kein Recht dazu habe!“

Ehrlich gesagt hatte sich Jeremy noch nie so hilflos gefühlt wie in diesem Moment. Er versuchte mit Mühe Jeans Worten zu folgen, der Wut, die sich so abrupt über ihn ergoss und mit der er nicht gerechnet hatte. Mit nichts davon… oder wenig, denn Jeans Worte erklärten in Ansätzen seine wütenden Blicke während des Trainings.
Doch das war hier nicht wichtig, nicht jetzt. Das Trauma, ausgelöst durch eine unschuldige Frage, die in ihrer Form schon hundertmal gestellt worden war. Der Schmerz, der hinter dieser hilflosen Wut stand, war es, der sich anscheinend endlich die Bahn brach, nachdem Jean ihn wochenlang in sich eingeschlossen hatte, aus Angst vor ihm.

Jeremy besann sich innerlich zur Ruhe und atmete tief aus. Wortlos erhob er sich, die Hand vorsorglich auf das Handtuch gelegt. Wenn es gerade jetzt, in diesem Moment, den Abgang proben würde, würde das vermutlich mehr Schaden anrichten als in all seiner gloriosen Peinlichkeit für Entspannung sorgen.

Wütend starrte Jean auf ihn hinunter und hoffte anscheinend etwas in seinem Gesicht zu sehen, was er dann doch nicht fand. Verächtlich schnaubte er.
„Was siehst du in mir, dass dich schnauben lässt?“, fragte Jeremy offen und ehrlich. Er hielt seine Stimme ruhig und leise. Es schien, als wäre alleine schon diese Frage zuviel für Jean. Abrupt wandte der größere Junge seine Augen ab. Er presste seine Lippen zusammen und schwieg.

„Jean?“, hakte Jeremy nach, als er keine Antwort erhielt.
„Es tut mir leid, ich habe mich im Ton vergriffen, Kapitän.“ Formell und nichtssagend. Nein, so kamen sie nicht weiter. Jean war zum ersten Mal so brachial offen gewesen, dass er ihn unbedingt positiv darin bestärken musste. Im Handtuch in einer nach verschwitzten Sportlern riechenden Umkleide war das jedoch denkbar ungünstig.

Jeremy straffte sich. „Sei so gut und ziehe dich um, Jean. Wenn du magst, geh noch duschen. Danach treffen wir uns an meinem Auto.“ Die Strenge seines Kapitänstons ließ Jean nun doch zusammenzucken und Jeremy hatte ein schlechtes Gewissen deswegen.

Er war kein Psychologe und schon gar kein Traumatherapeut, aber er war der Kapitän dieses Teams. Er kümmerte und sorgte sich um seine Spieler und es würde mit dem Teufel zugehen, wenn er aus diesem Gespräch keine Grundlage für ein weiteres, offenes Gespräch ziehen würde, aus dem Jean gestärkt hervorgehen würde.

Eben jener drehte sich ohne ein weiteres Wort um und suchte in seiner Tasche nach dem Duschgel. Jeremy wandte sich ab von ihm und zog sich an. Schneller als es sonst für ihn üblich war, hatte er seine Sachen zusammengepackt und wartete draußen bei seinem Wagen.
Jean benötigte länger, schlussendlich kam er allerdings mit gesenktem Blick und geschulterter Sporttasche zu ihm. Jeremy deutete auf den geöffneten Kofferraum und Jean verstaute seine Tasche dort.

Nachdem er die Klappe geschlossen hatte, ging Jeremy zum Fahrersitz und schnallte sich an. Jean tat es ihm auf dem Beifahrersitz gleich und legte seine Hände auf die nun in einer legeren Trainingshose steckenden Oberschenkel, nachdem auch er sich den Gurt umgelegt hatte. Von der Wut, die ihn befallen hatte, war nichts mehr zu sehen und noch viel weniger zu spüren.

„Wir werden nicht zum Wohnhaus fahren“, verkündete Jeremy und sah, wie sich der Kopf seines Backliners senkte. „Wenn du damit nicht einverstanden bist, dann sage mir das bitte jetzt.“
„Es ist in Ordnung.“

Jeremy nahm das zur Kenntnis, verließ den Parkplatz des Stadions und nahm Kurs über ein Drive-In-Burgerrestaurant, wo er für Jean und sich selbst Essen bestellte. Für seinen Backliner gesundes Zeug, das dieser bei ihrem ersten Besuch in einem Diner gegessen hatte, für sich nach kurzem Überlegen ebenfalls einen weniger fettigen Burger. Aber Pommes. Ja, er war schwach im Grunde seines Herzens.

Jean wohnte dem Ganzen ohne einen Ton zu sagen bei und so lauschte Jeremy die halbe Stunde lang, die sie in Richtung Norden durch die abendliche Stadt fuhren, den Songs im Radio. Als sie bei der zweiten Nachrichtensendung angekommen waren, lenkte er den Wagen von der Straße und brachte sie beide auf einen Parkplatz, der, wie er wusste, ruhig und abgelegen genug war, dass sie niemand stören würde. Er wusste auch, dass die Büsche, die den Schotterplatz umsäumten, den Blick auf das Meer versperrten, das unter ihm lag. Nur der Mond, der in seiner hellen, halbvollen Pracht samt der ihn umgebenden Sterne auf sie hinunterschien, würde die Umgebung erhellen.

Jeremy drehte den Schlüssel im Zündschloss und ließ den Motor ersterben. Stumm verließ er den Wagen. Jean tat es ihm mit einer kurzen Verzögerung gleich und Jeremy wartete, bis sich der größere Junge bewusst wurde, wo sie waren. Es brauchte seine Sekunden, doch als er sich dessen gewahr wurde, konnte sich Jeremy der Aufmerksamkeit des Anderen zu hundert Prozent sicher sein.

Mit der aufkommenden Angst, die er selbst in der relativen Dunkelheit auf dem scharf konturierten Gesicht sah, hatte Jeremy durchaus gerechnet und dennoch tat sie ihm weh. Er war nicht wie der tote Kapitän der Ravens. Er war kein schlechter Mensch, der Anderen wehtat und hatte auch nicht vor, zu so jemanden zu werden.

Jeremy ließ Jean Zeit, sich von der Umgebung ein Bild zu machen und räusperte sich dann. Nur, weil er seine Kapitänpersona gerade in den Vordergrund gestellt hatte, hieß das nicht, dass er dahinter nicht nervös war und hoffte, das Ganze nicht so versemmeln, dass er Jean endgültig verschreckte.

„Ich möchte dich bitten, mir auf meine kommende Frage eine vollkommen ehrliche Antwort zu geben, Jean. Denkst du, dass dir das möglich wäre?“, fragte er in die Stille hinein und es brauchte etwas, bis sein Gegenüber überhaupt reagierte.
„Ja“, sagte Jean schließlich und Jeremy nickte.
„Ist diese Entfernung zum Meer bereits schon unangenehm für dich?“

Es brauchte seine Zeit, bis Jean anscheinend überhaupt die Kraft fand, eine eigenen Entscheidung zu treffen. Noch viel mehr Zeit brauchte es, bis er den Mut fand, seinem Kapitän eine Antwort auf die Frage zu geben.
„Es ist in Ordnung“, erwiderte Jean rau und Jeremy nickte. Damit konnte er arbeiten. „Dann komm, lass uns zu Abend essen.“ Ohne die Antwort des anderen Jungen abzuwarten, ging Jeremy zur Rücksitzbank und griff sich von dort die Tüte mit dem Essen und die Becher Limonade und Wasser.

„Jean, könntest du mir helfen und den Kofferraum öffnen?“, ächzte Jeremy, als er feststellte, dass er so keine Hand mehr frei hatte und lächelte dankbar um die Hilfe, die er schlussendlich mit nachdenklich gerunzelter Stirn erhielt.
„Schiebst du die Taschen beiseite?“
Jean tat ihm wie geheißen und Jeremy ließ sich mit einem Ächzen fallen, brachte damit die Hinterachse seines Wagens zum Knarzen. Hungrig breitete er seine Beute zwischen ihnen beiden aus und bedeutete Jean, sich ebenfalls zu setzen.

Sorgfältig hatte er den Wagen so geparkt, dass diese Seite dem Meer abgewandt war, sodass man nur das Rauschen der Wellen hören und den salzigen Geruch riechen konnte. Mehr aber auch nicht, selbst wenn man genauer hinschaute.

Jeremy schob sich sein ungesundes Abendessen in den Mund und deutete auf den Berg an Essen zwischen ihnen beiden. „Die Hälfte ist für dich, auch wenn du nicht auf ungesundes Essen stehst. Es dient auch nur zur Überbrückung, ich weiß, dass das gesunde Zeugs in unserem Kühlschrank noch auf dich wartet, was du täglich isst, deswegen habe ich ja auch den gesundesten Burger geholt, den es gab und den Salat, den du auch beim letzten Mal gegessen hast. Also nicht den genau, aber einen ähnlichen, zumindest hoffe ich, dass er ähnlich ist, ansonsten musst du ihn auch nicht essen. Und die Limonade ist zuckerfrei, weil du beim letzten Mal Wasser getrunken hast, aber ich dir hier kein Wasser holen konnte, weil das Wasser da nach Chlor schmeckt.“

Jeremy holte tief Luft und verordnete sich selbst eine Schweigepause. Er war nervös, was zur Folge hatte, dass er schwafelte, was wiederum zur Folge hatte, dass er Informationen bereitstellte, die sein Gegenüber sicherlich nicht interessierten.

Auch wenn Jean den Eindruck machte, dass er an seinen Lippen hing. Besser das, als anscheinend an seinem Burger und seinem Salat, die auf ihn warteten.
„Danke, dass du das Essen gekauft hast“, entschied der Ex-Raven sich für das Neutralste, was er anscheinend aufzubieten hatte und Jeremy brummte.
„Jean?“
„Ja?“
Jeremy kaute seinen momentanen Bissen zuende und schluckte geräuschvoll.
„Hasst du uns wirklich so sehr?“

Er hatte vor dem Stellen der Frage gewusst, dass er für die Antwort Geduld haben musste. So beobachtete er Jean dabei, wie dieser zu dem Limonadenbecher griff und mit ihm spielte, die grauen Augen abgewandt und die sonst glatte Stirn stürmisch gerunzelt. Er beobachtete seinen Backliner dabei, wie dieser den Strohhalm knickte, wieder und wieder, immer im gleichen Abstand. Als er damit fertig war, widmete er sich seiner Burgerpackung ohne deren Inhalt wirklich anzurühren.

Schlussendlich legte er seine Hände auf die Oberschenkel und hob den Blick. „Meine Worte waren unüberlegt, respektlos und ohne eine wirkliche Grundlage. Ich möchte mich für sie entschuldigen.“
„Nein.“
Jean war genauso überrascht wie Jeremy selbst über seine knappe Antwort und er lächelte verlegen. „Also, das was ich meine, ist, dass du dich nicht entschuldigen musst. Du hast nichts falsch gemacht. Du hast ehrlich Dinge geäußert, die dich stören und die dich belasten. Ich wäre ein schrecklicher Kapitän, wenn ich deine Meinung nicht wertschätzen oder dich dafür bestrafen würde. Also?“

Wiederum brauchte Jean eine gefühlte Ewigkeit, bis er die Kraft fand, auf die eigentliche Frage zu antworten. „Ihr habt eine andere Art zu trainieren, die euer Potenzial nicht vollständig ausfüllt. Ihr albert herum, seid nicht präzise in den Übungen, der Herr lässt euch eure Disziplinlosigkeiten durchgehen“, gab Jean nach einer Zeit des Überlegens schlussendlich zu und Jeremy lächelte.
„Unser Trainer, Coach Rhemann, Jean. Er ist nicht der Herr.“
Abrupt sah Jean hoch, in seinen Augen Frust über diesen Einwurf. „Das ist das Problem! So kann er euch nicht zur Disziplin rufen.“

Jeremy überdachte die Worte für einen Moment, rief sich vor Augen, woher sie kamen und durch was sie hervorgerufen worden waren. Offen und klar erwiderte er Jeans Aufmerksamkeit, die in dem spärlich erleuchteten Auto um ein Vielfaches eindringlicher wirkte. Kurz verweilte Jeans Aufmerksamkeit auf der eintätowierten 3 auf der Wange seines Gegenübers.
„Das muss er auch gar nicht.“
Überrascht hob Jean die Augenbrauen.
„Wir funktionieren ohne eine schädigende, strenge Disziplin, das haben wir immer. Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere Fähigkeiten nicht weiter steigern können mit entsprechenden Verbesserungsvorschlägen.“

Jeremy zwinkerte und Jean sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren.
„Das steht mir nicht zu!“, empörte er sich und Jeremy seufzte.
„Warum nicht?“
„Das ist Sache des H… Coaches und des Kapitäns.“
„Grundsätzlich schon. Aber weder Rhemann noch ich sind mit absoluter Weisheit gesegnet. Wenn du Verbesserungsvorschläge hast, her damit. Wenn sie gut sind, warum sollten wir sie dann nicht ausprobieren?“
„Das kann ich nicht“, protestierte Jean schwach, doch seine Barrieren gegen das Thema bröckelten merklich. Zumindest interpretierte Jeremy den Griff zu seinen Pommes so, mit dem sich Jean zwei in den Mund steckte.
„Dass du es bereits konntest, hast du in der Umkleide bewiesen. Ich würde mich nur freuen, wenn du das jetzt auch noch mit Details unterfüttern würdest.“
„Ich kann nicht…“

Jeremy richtete sich auf. „Jean“, begann er streng. Zumindest strenger als zuvor, was anscheinend ausreichte, um den anderen Jungen verstummen zu lassen. „Du bist der fähigste Backliner, den ich jemals gesehen habe. Du bist ultrapräzise, hast einen Rundumblick auf deine Mitspieler und die gegnerische Mannschaft, von deiner Ausdauer können viele andere nur träumen. Deine Beinarbeit und Koordination sind ein Traum und ein Vorbild für andere. Du kannst. Deine Vorschläge wären eine Bereicherung für unser Team.“

Selbst im schummrigen Licht des Wagens sah Jeremy, wie Jean errötete und wenn er ehrlich war, war es das Bezaubernste, was er in der letzten Zeit gesehen hatte. Und weil er beschloss, dass Jean etwas Farbe auf seinen Wangen gut tun würde…

„Du bist eine Naturgewalt, Jean. Du bist unaufhaltsam und wie eine Mauer, an der Myriaden an Strikern bereits verendet und verzweifelt sind. Dein Talent stellt das vieler anderer in den Schatten und ist ein gutes, nein, ein exzellentes Beispiel für Können und Übung, verschmolzen in Perfektion.“

Und wie da Farbe auf die zerschnittenen Wangen kam.

„Das hat noch nie jemand gesagt“, murmelte Jean und Jeremy strahlte.
„Dann wurde es verdammt nochmal Zeit. Also? Kann ich auf die Unterstützung des besten Backliners der Liga zählen, auf dass die Trojans die Meisterschaften gewinnen dieses Jahr?“
„Nicht, wenn ihr euch wieder entschließt, neun zu neun gegen die Foxes anzutreten und nicht auszuwechseln.“
„Das war ehrenhaft.“
„Das war dumm.“
Jeremy grinste. Das war der Widerstand, den er sehen wollte, die schonungslose Offenheit.

Er klaute sich ein Salatblatt aus Jeans Salat, aus Rache für dessen Pommesdiebstahl und zuckte unschuldig mit den Schultern.
„Ich ernähre mich zu ungesund, hat mir so ein gruseliger Backliner, von dem du vielleicht einmal gehört hast, gesagt.“

Jean rollte mit den Augen und Jeremy hielt sich wieder brav an seine ungesunden Pommes.

„Ist es okay für dich, hier zu sein?“, fragte er erneut und Jean gab einen fragenden Laut von sich.
„Das Geräusch der Wellen, der Salzgeruch“, präzisierte er und nach längerem Überlegen nickte der Ex-Raven.
„Es ist okay.“
„Kein Unwohlsein oder Angst?“
„Nein.“
„Keine schlechten Erinnerungen?“
Jean schüttelte stumm den Kopf und Jeremy dämpfte sein Lächeln auf etwas Sanfteres. „Ich verspreche dir eins, Jean Moreau. Für jede schlechte Erinnerung, die du an Evermore hast, werde ich mich bemühen, dir eine positive Erinnerung an die USC zu schenken.“

„Und ungesundes Essen in einem Kofferraum im Dunkeln zu essen, gehört zu dieser Kategorie?“, fragte Jean und Jeremy begriff erst nach ein paar Sekunden, dass da Ironie mitschwang. Ironie war besser als Angst oder Verzweiflung, befand Jeremy und nickte leidenschaftlich.
„Wollen wir nachher noch ein Eis essen?“, reizte er die Gewitterwolke vor sich und wurde nicht enttäuscht.
„Nein!“, donnerte es ihm streng entgegen und Jeremy zuckte recht hilflos lachend mit den Schultern.



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Wird fortgesetzt.
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