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Force of Nature - All for the Game (Nora Sakavic)

von Coco
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Alvarez Andrew Minyard Jean Moreau Jeremy Knox Laila Dermott Neil Josten
13.06.2020
30.11.2021
66
423.078
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20.06.2020 4.284
 
Der süße Geruch des vor ihm stehenden Eis zog in Jeans Nase und wieder machte ihm bewusst, dass niemand aus Evermore kommen und ihn bestrafen würde. Er durfte. Er musste, schließlich hatte sein Kapitän eindeutige Worte verloren. Jean starrte auf das bunte Sammelsurium aus ungelogen achtzehn Kugeln und fragte sich, ob Knox den Verstand verloren hatte.
Selbst wenn sein Kapitän mitaß, so würde das viel zu viel sein. Das konnte doch niemand im Leben essen.

Zweifelnd ruhte sein Blick auf eben jenem, der ihm nun einen Löffel entgegenstreckte. Der metallene Gegenstand hing zwischen ihnen in der Luft und Jean hatte das Gefühl, dass er, sollte er danach greifen, nicht nur diese unsinnige Trojantradition akzeptierte, sondern dass er damit auch einen nonverbalen Vertrag mit seinem Kapitän einging, von dem er zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal den Inhalt kannte.

Es würde ihn nicht umbringen zu probieren und so wie er rebellisch die schwarz-goldene Schale neben das Day-Puzzle verbannt hatte, so rebellisch beschloss er nun, die Evermoreregeln, was seinen Diätplan anging, über den Haufen zu werfen. Riko war tot, der Herr bestimmte nicht mehr über ihn.
Er war hier und hatte ein Angebot erhalten, das er annehmen musste, bevor es schmolz.

Schweigend legte Jean die Medikamente und den dazwischengeklemmten Zettel auf seinen Schoß und griff nach dem Löffel. Trotzdem wartete er auf die Erlaubnis seines Kapitäns um anzufangen, die dieser ihm nach einer Sekunde des Begreifens ungeduldig erteilte.
„Na los, es schmilzt sonst!“ Voller freudiger Erwartung wurde er angestarrt und Jean senkte seinen Blick, konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf den Teller.

Vorsichtig probierte er die erste Sorte und Schokolade explodierte in seinem Mund. Schokolade, wie er sie vor einem Jahrzehnt das letzte Mal geschmeckt hatte.
Einen Moment lang war der reine Geschmack dessen unfassbar und es schmeckte vollkommen falsch. Seine Erinnerungen, so fehlerhaft und unvollständig sie mit den Jahren geworden waren, sagten ihm, dass es nicht sein konnte. Zu süß, zu schwer, zu falsch. Dann…langsam erst, gewöhnten sich seine Geschmacksknospen daran und er nahm noch einen zweiten, dieses Mal halben Löffel. Schokolade, stellte er für sich bestätigend fest und beschloss, dass dies nun der Geschmack dafür war.

„Und?“, fragte Knox hibbelig neben ihm und Jean fragte sich, was an seiner Meinung so wichtig war. Was sollte er darauf antworten? Es war…süß und klebrig und erschlagend. Seine Geschmacksnerven liefen Amok. Er hatte jetzt schon das Gefühl, dass der Zucker sich negativ auf ihn auswirkte.
Jean zuckte mit den Schultern und widmete sich der nächsten Kugel.

Banane. Glaubte Jean zumindest, sicher waren sich seine Geschmacksnerven nicht. Obst hatte er in Evermore gegessen, aber nicht so wie hier. Soviel Zucker, soviel Süßes… und er…

Zwischen all dem Gefühl des Rebellierens und des Ausprobierens von neuen Dingen stahl sich just in diesem Moment etwas Anderes zwischen die widerstreitenden Emotionen. Seit Jahren hatte er es nicht mehr gefühlt und es als tot geglaubt. Nun aber zog und zerrte es an ihm, je mehr er sich damit beschäftigte. Heimweh. Schokolade und Banane, die Heimweh verursachten, er glaubte es nicht.

Das letzte Mal, als er Heimweh gespürt hatte, war er nach Evermore gekommen und hatte erfahren, dass er nie wieder zu seiner Familie zurückkehren würde, weil sie ihn dort gelassen hatten. Von jetzt auf gleich war er aus seiner geliebten und bekannten Umgebung gerissen worden, ausgestoßen aus seiner Familie, hinein in eine feindliche Umgebung, die ihn feindselig gemacht hatte. Nach und nach hatte jedes positive Gefühl aufgehört zu existieren und war durch Wut, Hass, Angst und das Gefühl des Verrats ersetzt worden.

Renee hatte ihm winzige Stücke seiner Sanftheit wiedergegeben. Sie hatte ihm Hoffnung geschenkt und durch sie hatte er wiederentdeckt, was Freundschaft und Hingabe bedeuten konnte. Das, was Knox hier unwissentlich tat, war ähnlich, aber bei näherem Hinsehen doch so gänzlich anders. Heimweh führte ein Gefühl von Heimat mit sich, das er sicherlich nicht hier in Kalifornien fand. Aber es ließ zu, dass er eben jenes wiedererlebte, etwas, das Jean niemals für möglich gehalten hätte, noch einmal zu fühlen.

Und es war wunderbar.

So probierte er sich Löffel für Löffel durch die anderen Sorten voller Frucht und Kuchen und Vanille und mehr Schokolade, in seinen Gedanken in seiner Heimat, in den warmen Sommern dort, die den Geruch von Meer und Zypressen durch die engen und steilen Gässchen der Stadt trugen.

Erst, als er auch die letzte Sorte probiert hatte, sah er auf und fand die Kraft, Knox in die Augen zu sehen. Trotz des sanften Lächelns hatte dieser seinen eigenen Löffel schon ungeduldig erhoben. Die Gier, die in den blauen Augen stand, sprach für sich und Jean fragte sich, warum Knox ihm den Teller nicht einfach weggenommen hatte, wenn er selbst etwas wollte. Das war doch sein gutes Recht. Warum hatte er nichts gesagt oder ihn einfach weggezogen?

„Und?“, fragte sein Kapitän voller Erwartung und Jean fragte sich, ob es besser wäre, Knox anzulügen. Würde dieser ihm eine weitere Portion verbieten, wenn er merkte, dass es ihm schmeckte? Jean war sich unsicher, deswegen scheute er sich auch. Eine Lüge wäre gefährlich, zu gefährlich, als dass sich Jean nicht schlussendlich für die Wahrheit entscheiden würde.
„Es war gut.“
Knox grinste. „Willst du noch mehr?“
Jeans Herz blieb für einen Moment stehen, als er die Doppeldeutigkeit der Frage begriff. Wo weniger sein konnte, konnte natürlich auch noch mehr sein. Um Himmels Willen.

„Nein“, erwiderte er bestimmt und hielt inne, bevor er seinen Blick abwandte, als ihm das Grinsen seines Gegenübers zu strahlend und zu hell wurde. „Danke“, setzte er nach und legte den Löffel auf den Tisch. Es fiel ihm dabei nicht schwer, die zwischen ihm und dem Teller hin und herhuschenden Augen als das zu interpretieren, was sie waren: abwartend gierig, dass er freigab, was er nicht essen würde.

Jean seufzte innerlich und schob den Teller in Knox Richtung.

Mit wortlosem Erstaunen sah er, wie der Kapitän der Trojans in einer Geschwindigkeit den Rest des Eis aufaß, die Jean sich fragen ließ, ob der Junge überhaupt etwas schmeckte. Anscheinend schon, wenn er sich dessen verzückte Mimik ansah. Anscheinend schmeckte es der gierigen Hyäne am anderen Ende des Tisches und Jean hatte es mehr als einmal in den Fingern gezuckt, ihm den Teller wegzuziehen…nur um zu sehen, wie Knox reagieren würde.

In einem anderen Leben hätte er es spielerisch versucht.

Dass er überhaupt einen Gedanken daran verschwendete, das zu tun, ließ Jean die Stirn runzeln. Sein anerzogener Respekt schrie ihn an, dass er so nicht über einen Kapitän zu denken hatte. Still schnaubte Jean. Hatte sein Ex-Kapitän ihm nicht auch verboten, Französisch zu sprechen? Hatte er. Und hatte er nicht mit Day und auch noch Josten eben diese Sprache gesprochen? Ja, hatte er.

Nein, ganz tot war sein Widerstand nicht. Das bedeutete aber nicht, dass er sich die letzten paar Wochen schwerer machen würde als es notwendig wäre.

Als hätte er es gehört, pingte sein Handy in der Hosentasche. Die Uhrzeit und der Ton des Messengers stimmten und Jean hielt kurz inne. Er wusste, wie die Nachricht lautete. Er wusste, von wem sie kam.

„Bist du nicht neugierig, von wem die Nachricht ist?“, fragte Knox und Jean hob die Augenbraue.
„Nein. Du etwa?“, entkam es ihm, bevor er sich aufhalten konnte und sah mit nicht geringer Genugtuung zu, wie sich die Ohren des blonden Jungens fast so rot färbten wie das Erdbeereis, das sich zu Teilen noch in den Mundwinkeln seines Kapitäns befand.



~~**~~



„Hast du eigentlich einen Instagram- oder Twitter-Account?“

Jean sah von den Buchstaben hoch, die sich bis gerade eben noch zu Worten geformt hatten, und legte seinen Finger als Lesezeichen in das Buch. Er runzelte die Stirn, während er versuchte, sich einen Reim aus Knox‘ Worten zu machen. Als dieser nicht erläuterte, was er meinte, sondern ihn weiterhin erwartungsvoll anstarrte, seufzte er lautlos. Etwas, das er, wie Jean feststellte, in letzter Zeit sehr oft tat in der Gegenwart seines Kapitäns. Warum redete Knox nicht einfach weiter, so wie er es sonst tat?

„Was ist das?“, fragte er schließlich notgedrungen und Knox öffnete seinen Mund in der Art schockierter Menschen, deren Weltanschauung dabei war, im nächsten Moment zu zerspringen. War er vorher noch eher halbherzig in der Aufmerksamkeit seines Kapitäns gewesen, so drehte sich dieser ihm mitsamt seines Schreibtischstuhls nun gänzlich zu.
„Wie bitte?!“
Jean hatte das untrügliche Gefühl, dass diese Begriffe zu etwas gehörten, was einen Menschen auszeichnete. Natürlich hatte Evermore es nicht für nötig gehalten, ihm diese Accounts zu besorgen, was auch immer sie waren. Ablenkungen waren ihm verboten gewesen, genauso wie Kontakte nach außen.
„Du kennst die schrecklichen Untiefen von Twitter und Instagram nicht? Facebook wenigstens? Skype? Tumblr? Snapchat?“

Er blinzelte. Einmal zu oft, wie es sich herausstellte, denn als er seine Augen wieder öffnete, war Knox bereits aufgesprungen und versetzte Jean den Schreck seines Lebens, als er zu ihm kam und sich neben ihm auf das Bett fallen ließ, auf dem er gerade saß.

Was genau es daran war, ob nun der schwere Körper, der neben ihm die Matratze senkte oder die direkte Anwesenheit eines anderen Menschen, seines Kapitäns… Reflex und schlimme Erinnerungen ließen Jean ohne zu zögern ruckartig und überhastet in Richtung Kopfteil zurückweichen, die Knie an den Körper gepresst, die Hände nahe seinem Körper in das Laken gekrallt. Wie schon bei seinem ersten Einsteigen in den Wagen des Trojans schrie Jeans Instinkt, dass es nun soweit war.
In Evermore hatte die Anwesenheit eines anderen Jungen in seinem Bett immer Gewalt und Erniedrigung zur Folge gehabt. Auch dann, als Riko es sich nicht hatte nehmen lassen, Josten in seinem Bett anzuketten und ihm das Messer in die Hand zu drücken, damit er seine Laken ausnahmsweise mit anderem Blut als seinem eigenen beschmutzte.

Jean verharrte in seiner Position, den Blick gerade soweit gesenkt, dass er Knox nicht in die Augen sehen musste, dessen Bewegungen aber vorhersehen konnte um sich vorzubereiten. Sein Herz raste vor Angst. Vielleicht gelang ihm die Flucht, bevor etwas passierte. Vielleicht konnte er den Anderen von sich stoßen und seine Sachen greifen. Nur weg von hier und dann… vielleicht konnte er den Handel ändern auf weniger als zwei Monate.

Doch es geschah nichts. Wie im Auto am Flughafen geschah nichts. Knox saß nur da und als Jean es schließlich wagte, den Blick zu heben, sah er keine Schadenfreude oder Sadismus im Gesicht seines Kapitäns, sondern nichts Anderes als geschockte Besorgnis. Groß und erschrocken starrten ihn die blauen Augen an und teilten ihm mit, wie gravierend doch der Unterschied zwischen Riko und Knox war.

„Ich…wollte nur…“, begann Knox und musste anscheinend gegen den Kloß in seinem Hals anschlucken. „Entschuldige, Jean. Bitte, ich wollte nicht… ich wollte dir nur zeigen…“
Wie ein Ertrinkender klammerte sich Jean an die Unterschiede, die sein logisches Denken zwischen den beiden Kapitänen herausstellte. Das Aussehen, komplett anders. Das Verhalten, ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die Gedanken, auch… oder?
Jean schluckte seinerseits mühevoll gegen seinen rasenden Herzschlag an.

Trotzdem Knox sich offen dazu bekannte, dass er sich mit Männern vergnügte, fiel er hier nicht über ihn her. Obwohl er sein Kapitän war, erhob er nicht die Hand gegen ihn.
Zittrig atmete Jean aus und versuchte, die gleiche Menge an Sauerstoff wieder in seine Luft zu pressen, um so etwas wie eine Regelmäßigkeit zu finden.

Verzweiflung stahl sich auf das sonst so sonnige Gesicht und ruckartig drehte Knox seinen Laptop um, mit dem Bildschirm zu ihm. Jean erkannte durch sein eingeengtes Blickfeld nicht viel, aber was er erkannte, war bunt und quietschig.
„Hier, das wollte ich dir zeigen. Ich habe Bilder auf meinem Account. Viele… von unserem Team, meiner Familie, mir, von der Umgebung. Ich wollte nicht…“ Seine Stimme verlor sich erneut und er verstummte, senkte seinen Blick auf etwas so Triviales, das Jean zu einer anderen Zeit hätte schnauben lassen.

Nun aber nutzte er jede Ablenkung, die sich ihm bot und richtete seine Aufmerksamkeit auf die bunten Flecken, die nach und nach zu klaren Bildern wurden. Alles, was ihn wegtrieb von seinen Erinnerungen, war gut.
Er räusperte sich, immer noch nicht wirklich in der Lage, sich aus seiner Position zu lösen.
„Zeig…zeig sie mir“, presste er hervor, rau, unmenschlich, unkenntlich selbst in seinen Ohren. Es war eine Bitte, auch wenn er Mühe hatte, sie zu formulieren.

„Ich kann aber auch aufstehen, ich kann auch zurück auf mein Bett gehen, das ist gar kein Problem, dann kannst du sie alleine durchschauen. Wie du es möchtest, Jean. Du musst sie auch gar nicht anschauen, wirklich nicht. Du kannst mir ruhig sagen, wenn es nicht in Ordnung ist“, brabbelte sein Kapitän in einer Tour fort und Jean hatte das Gefühl, dass er alleine anhand der Schnelligkeit der herausgepressten Worte Kopfschmerzen bekommen würde.

Seine Gedanken störte das allerdings nicht. Wie hungrige Raubtiere stürzten sie sich auf die Sätze, die ihn beruhigen sollten. Wie er es mochte? Er konnte sagen, wenn etwas nicht in Ordnung war? Niemals hatte Riko das gesagt. Kein einziges Mal. Er hatte seine Wünsche nicht zu äußern gehabt und nun spielten sie selbst hier eine Rolle. Wollte er, dass sein Kapitän hier saß oder war es ihm lieber, dass er sich woanders befand?

Natürlich war es ihm lieber, dass Knox ihn in diesem Moment nicht so nahe war, doch so sehr Jean auch erschreckt worden war durch die abrupte Nähe, so sehr hasste er die Erinnerungen, die dafür verantwortlich waren und die Angst, die damit einherging. Er hasste das Gefühl, das tief in ihm verwurzelt war, so abgrundtief, dass er dagegen rebellierte. Mit allem, was ihm zur Verfügung stand, lehnte er sich dagegen auf und hielt eben jener Angst höhnisch den Spiegel vor. So wie er in Rikos Nähe Französisch gesprochen hatte, so wie er Josten wieder und wieder zugeflüstert hatte, dass er nicht unterschreiben sollte, blieb er nun hier und verneinte Knox‘ Vorschlag.

„Nein.“ Nicht mehr als ein Krächzen war es…zunächst. „Nein, bleib“, schaffte er es ein paar Augenblicke später auch zumindest den Ansatz eines Satzes.
„Ist das auch wirklich okay?“
Wenn Knox wüsste, wie sehr diese einfache Frage tief in seine Seele schnitt und ihn mit Unglauben ausfüllte. Abby hatte das gefragt. Renee hatte das gefragt. Und nun auch Knox.
Jean nickte knapp, während er auf den Bildschirm starrte und sein Blick nur kurz hochschnellen ließ.

Es reichte, um die vorsichtige Zurückhaltung zu sehen, die dem Schrecken nachfolgte, den er anscheinend in seinem Kapitän hervorgerufen hatte. Jean schluckte.

„Möchtest du so sitzen bleiben?“
Für das Erste ja. Vielleicht auch den ganzen Abend. Er brauchte allerdings jetzt die Wand in seinem Rücken als Versicherung, dass er niemanden im Rücken hatte, das niemand so einfach an ihn herankam. Das war das Eingeständnis, was er sich selbst machen musste. Verstohlen versteckte er seine Finger zwischen seinem Oberkörper und seinen Oberschenken.
Verspätet nickte Jean und Knox drehte den Bildschirm so, dass er an seine Tastatur gelangen konnte. Ohne nachzubohren widmete sich sein Kapitän einer Aufgabe, die er nicht hätte übernehmen müssen. Mit unsicheren Händen machte er eines der Bilder groß und begann mit leisen, stockenden Erklärungen, die Jean nicht verstand. Noch nicht. Noch ließ er sich von dem reinen Klang der Stimme einlullen, die soviel anders war als die Stimmen, die er in Anwesenheit anderer Jungen in seinem Bett gehört hatte.

Knox lotste ihn durch die Seite, erklärte ihm anhand von ein paar Bildern den grundlegenden Sinn und die Basisfunktionen. Er machte Bilder groß, die Jean mit einer Fülle von Leben überfluteten, dass er kaum hinterherkam um alle Details aufzunehmen.
Da waren Fotos der Mannschaft, wie sie einander umarmten und verschwitzt in die Kamera grinsten, als gäbe es nichts Schöneres. Jean erkannte viele der Spieler, einige jedoch nicht. Er staunte über die Grimassen, die sie schnitten, als wäre Exy nichts Wichtiges und etwas, bei dem man Spaß haben konnte. Knox nannte ihm Namen, die Jean durch sich hindurchwaschen ließ, weil sie nicht wichtig waren. Er würde sie sich sowieso nicht merken in der Zeit, die er hier war.

Mit einem sanfteren Lächeln zeigte sein Kapitän ihm die Fotos seiner Familie und der Farm. Zwei kleine Schwestern, Zwillinge, die Jean nicht auseinanderhalten konnte, auch wenn es laut Knox anscheinend offensichtlich war. Vater, Mutter, zwei ältere Brüder, allesamt blond, nur die Augen hatten unterschiedliche Farben. Sie alle thronten inmitten der Farm und ihrer Tiere. Jean sah Pferde, Kühe, Schweine, Hunde, Katzen und Hühner. Gänse, die sich in das Haus verirrt hatten.
Die Landschaft war so weitläufig, wie Knox sie beschrieben und Jean sie sich vorgestellt hatte und das Bild von dem rotglühenden Sonnenuntergang weckte ein Kribbeln in ihm, das er im ersten Moment nicht wirklich einordnen konnte.

Ganz im Gegensatz zu den Bildern vom Strand, vielmehr von den Trojans am Strand. Halbnackt, braungebrannt und so unbeschwert, dass es beinahe schon fahrlässig war. Wie konnte man seine Zeit so vertrödeln und nicht trainieren? Jean verstand es nicht, auch wenn er sich nur zu gut an Knox‘ Worte erinnerte. Hier gab es den destruktiven Rhythmus von Evermore nicht. Hier wurde sich nach dem Lauf der Sonne gerichtet. Hier war es möglich, Freizeit zu haben. Am Strand zu liegen.

Hier durfte gegessen werden, was schmeckte und auch das sah Jean auf den Bildern, die Berge an Dingen zeigte, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Er erkannte die beiden jungen Frauen wieder, die mit ihnen gefrühstückt hatten, wie sie vor einer riesigen Schüssel mit Nudeln saßen, Knox im Hintergrund, der breit grinste.

Und er sah Bilder von gegnerischen Spielern, mit denen sein Kapitän sich gut verstand. Unzählige waren es, entstanden bei den Partien, die sie gegeneinander angetreten waren. Das Bild von Day und Knox ließ Jean jedoch wegsehen, weil er die Freude und Zuneigung in den Augen des Foxes nicht ertrug, die dieser augenscheinlich für Knox empfand und die Knox durchaus erwiderte.

Während Knox erklärte und erklärte, hatte Jean tatsächlich so etwas wie Ruhe gefunden. Das Zittern seiner Glieder hatte nachgelassen und seine Hände hatten sich aus ihrem Versteck hinter seinen Knien auf die Matratze gelegt. Er hatte sogar seine Beine ein wenig entspannt, auch wenn er noch davon entfernt war, sie bequem zu arrangieren. Immer öfter hatte er Knox einen kurzen Blick zugeworfen, während dieser Nichtigkeiten erklärt hatte, die im Leben nicht nützlich waren. Trotzdem hatte Jean ihm zugehört und wälzte nun unwichtige Details in seinen Gedanken hin und her, die ihn einfach nicht loslassen wollten. Die Gans, die sich auf den heimischen Tisch gewagt hatte, hieß Eva. Wer nannte seine Tiere so?

Er war sogar soweit entspannt, dass er nun seine Stirn runzelte, als Knox versuchte, ihm das Programm Twitter näher zu bringen und ihn von den Vorzügen eines eigenen Accounts zu überzeugen.
Jean räusperte sich. „140 Zeichen um sich der Welt mitzuteilen in einem Programm, das einen Vogel als Logo hat, mit einer Raute für die Stichworte?“, fasste er zusammen, was Knox ihm gerade erzählt hatte.
Die Unsicherheit des anderen Jungen hatte sich in den Minuten, die sie so hier verbracht hatten, ebenfalls gelegt und er lächelte begeistert. „Genau!“
„Warum sollte man das tun?“ Das Lächeln erstarb und wurde verzweifelt.
„Damit man sich mitteilen kann.“
Jean fragte sich, ob er die Frage nochmals wiederholen sollte.

„Schau hier, solche Sachen kann man schreiben!“, weihte Knox ihn in seine eigenen – wie Jean jetzt wusste – Tweets ein. Gezwitscher, was für eine seltsame und doch passende Übersetzung für die sinnentleerten Sätze, die dieser online gestellt hatte und erstaunlich viele Herzen – Likes – dafür bekommen hatte. Und Weitergezwitscher – Retweets. Jean war nicht überzeugt von dieser Art von Kommunikation, insbesondere, da Alvarez, so hieß die Dunkelhaarige von heute Morgen, Knox darauf ebenso sinnentleerte Dinge antwortete und dafür ebenfalls Likes bekam.

„Wird es von mir erwartet, dass ich eben solche Dinge schreibe?“, fragte Jean und hoffte inständig, dass es nicht der Fall war oder dass Knox seinen Account führen würde.
„Nur, wenn du es möchtest, Jean.“
Er schüttelte den Kopf. Er könnte sich vielleicht vorstellen, Bilder hochzuladen, auch wenn dieser Sinn sich ihm ebenfalls nicht erschloss. Aber Menschen mitzuteilen, wie er sich während seines Spiels gefühlt hatte, so wie es Knox tat, das war für ihn unvorstellbar.
„Dann brauchst du es auch nicht. Ich würde dir aber empfehlen, deinen Account für dich zu beanspruchen. Dann hast du etwas Offizielles. Du musst ihn nicht nutzen und kannst, wenn du professionell Exy spielst, den durch deinen Agenten verwalten lassen um die richtige PR zu betreiben.“

Jean blinzelte und starrte Knox überrascht an, der sich verlegen räusperte. „Also falls du überhaupt zum Profi werden willst. Ich dachte, weil du so gut bist und der beste Backliner der Liga und aus Evermore und… ich meine die drei… also… die perfekte Mannschaft…“
Anscheinend war es einer von Knox Charakterzügen, dass er viel und viel Unsinn redete, wenn er nervös war. Das einte ihn mit Hemmick und Jean verzog beim Gedanken an den Abend in der Gewalt des Foxes die Lippen.
Knox bezog es natürlich auf sich. „Nicht gut? Sorry, ich hatte nicht gedacht, dass du etwas Anderes machst. Wenn ich dich damit in irgendeiner Art und Weise gekränkt haben sollte, dann entschuldige bitte.“
„Es ist in Ordnung“, wiegelte Jean ab, sagte jedoch nichts weiter. Seine Planungen waren noch nie über seinen Collegeabschluss hinausgegangen. Er hatte sich keine Gedanken um seine Zukunft gemacht, weil er keine gehabt hatte.

Und nun?

„Du sagtest, dass es da noch andere Programme gibt“, lenkte Jean vom Thema ab und bereute es für jede einzelne der nächsten zwanzig Minuten, in denen Knox ihm einen kopfschmerzerregenden Crashkurs durch anscheinend sämtliche Social Media-Kanäle gab, die es zu nutzen galt, die aber allesamt unsinnig und unnütz waren. Ein Programm, was selbstständig wieder Bilder löschte? Warum?

„Sollen ich dir noch eine kurze Einführung ins Onlinebanking geben?“, fragte Knox zum Abschluss und Jean sah auf. Zwischen all dem unnützen Zeug war das noch das Sinnvollste. Jean nickte entsprechend und wurde mit einem Lächeln belohnt.

„Hast du schonmal ein Onlinekonto gehabt?“
Jean verneinte und Knox hob überrascht die Augenbrauen. „Okay… also Überweisungen per Hand sozusagen?“ Als Jean auch das verneinte, legte sein Gegenüber fragend den Kopf schief und wartete anscheinend auf eine Erklärung, die er so nicht geben konnte.
„Okay. Hattest du einen Agenten, der das für dich in Evermore gemacht hat?“
Jean irritierte die Frage mehr als dass er es zugeben wollte. Einen Agenten? „Ich hatte kein Konto. Die Finanzen wurden durch den Herrn verwaltet“, spezifizierte er und Knox sah so schnell von seinem Laptop hoch, dass sein Nacken knackste. Jean fragte sich, ob das gesund sein konnte.



„Wie bitte?“, fragte er nach, anscheinend in der Hoffnung, sich verhört zu haben und Jean zuckte mit den Schultern. In einer langsamen, vorsichtigen Bewegung verschränkte er die Arme vor seiner Brust.
„Ist es hier anders?“, fragte er und sah die Antwort schon auf Knox‘ Gesicht, bevor der Andere auch nur den Mund aufmachte.
„Ja aber sicher! Jeder von uns hat sein eigenes Konto, zu dem kein anderer Zugriff hat. Wie Coach Rhemann es schon gesagt hat.“

Jean nickte, auch wenn er bereits ahnte, dass er auch dieses Konzept nicht wirklich verstehen würde. Wieso sollte jemand wie er Geld haben? Er benötigte kein Geld, es würde daher vollkommen ausreichen, wenn Coach Rhemann die nötigen Ausgaben tätigte und den Rest behielt. Doch die Entschlossenheit in Knox‘ Augen hielt Jean davon ab, das Thema weiter zu verfolgen.

„Na dann wollen wir mal“, rieb sich Knox die Finger und Jean war sich in diesem Moment wirklich nicht sicher, ob das eine Drohung war. Einen Moment später war er sich sicher, dass es eine war, aber eine, die ihm keine Schmerzen bringen würde. Zumindest keine Schmerzen, die Folge von Gewalt waren.

Kopfschmerzen brachte es ihm ein, denn als Knox mit seinen Erklärungen fertig war, schwirrten seine Gedanken vor Wissen, das er sich angeeignet hatte. Er wusste jetzt, dass er eine Kreditkarte hatte und ein Onlinekonto. Er wusste, wie er Überweisungen tätigen und einsehen konnte, wieviel Geld er noch hatte. Er hatte auch gesehen, wieviel Geld sich bereits darauf befand und dass es sich dabei um die Höhe seines Stipendiums handelte.

Während Knox sich für einen Moment dankbarerweise in das Badezimmer zurückgezogen hatte, war Jean aufgestanden und zu der Schale gegangen, die ihm die Anwältin gegeben hatte. Darin befanden sich immer noch die beiden Umschläge, von denen er nun den bereits geöffneten nahm und nachdenklich die Karte und das dazugehörige Schreiben herauszog.
Er tat das, was er gerade von Knox gelernt hatte mit den Daten, die er hier fand, und wartete, dass sich das Fenster aufbaute, das ihm sagen würde, wieviel laut den Moriyamas seine Schande wert war.

Als es sich schließlich aufgebaut hatte, konnte Jean nicht anders, als auf den Bildschirm zu starren. Dass Knox wieder aus dem Bad heraustrat, nahm er dabei nur nebenher zur Kenntnis. Dass Knox seinen Namen nannte, war in diesem Moment ebenso egal. Wie gefangen war Jean von der Zahl, die er auf dem Bildschirm sah. Die Bedeutung dessen war ihm augenblicklich klar und es war reiner Spott und Hohn, die ihm hier entgegenstarrten. Soviel war sein Schmerz also wert gewesen? Seine Erniedrigung? Die Alpträume, die er immer noch davon hatte?

„Jean?“ Besorgnis schlängelte sich seinen Weg zu ihm und er sah blind auf. Durch die Positionsveränderung stand Knox hinter ihm und gerade jetzt war Jean viel zu betäubt von seinen übrigen Emotionen, dass es ihm etwas ausmachte. Von seiner Position heraus konnte Knox einen perfekten Blick auf den Bildschirm werfen und in dessen Gesicht sah Jean genau die Verstörung, die er tief in sich fühlte.

Er wusste gar nicht, dass es möglich war, seine gesunde Gesichtsfarbe innerhalb von so wenigen Sekunden zu verlieren. Er wusste gar nicht, dass Knox so bleich werden konnte, die Augen so groß und dass dem anderen Jungen tatsächlich mal die Worte ausgehen konnten.

„Jean?“, krächzte sein Kapitän schließlich und er wandte seinen Blick ab, wieder hin zum Bildschirm, der ihm seinen Wert nannte. Den Wert seiner Schande.

Fünf Millionen Dollar.



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Wird fortgesetzt.
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