Drachenaugen - Das Vermächtnis (Band 1) [Leseprobe]

GeschichteRomanze, Fantasy / P18
13.06.2020
23.09.2020
5
7.352
11
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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13.06.2020 1.507
 
Geschichte war bei Fanfiktion online von: 23.06.2020 bis 26.09.2020
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Prolog

Der Wind sauste durch die Baumkronen und sang ein Klagelied, während die Bäume ein ächzendes Stöhnen von sich gaben.

Durch die sternenklare Nacht war es kalt, doch zum Glück erhellte der Vollmond zumindest etwas die Dunkelheit.

"Komm schneller, Rina", sagte eine Frau, die fest in einen dicken Umhang gekleidet war und an der Hand ein junges Mädchen von vielleicht zehn Jahren hielt. Auch diese war in einen Umhang gekleidet, doch der roséfarbene Stoff ihres prunkvollen Kleides, wurde bei jedem Schritt unter den Mantel hervorgeschoben.

Sie stolperte mehr hinter der Frau her und hatte nur die Hand dieser als Anhaltspunkt. Durch den Geruch und den Temperaturen wusste sie, dass es Nacht war.

Unter ihren Füßen spürte sie das kalte Gras, welches sich mit Sand und Kieselsteinen abwechselte. Die Natur so zu spüren war atemberaubend. Bisher hatte sie diese noch nie gesehen.

Doch wohin sie zu so später Stunde gingen, wusste sie nicht. Ihre Mutter hatte nichts gesagt und da Rina nichts sehen konnte, musste es sich um eine Überraschung handeln. Zumindest ging das Mädchen davon aus.

Die Mutter zog ihre Tochter mit sich und führte sie in einen Wald hinein, der selbst der älteren Frau Angst machte. Doch sie wusste, wo sie hin musste und hoffte, dass ihr dieses Mal geholfen werden konnte.

Das Schreien eines Käuzchens hallte im Wald wider und erschreckte beide. Eigentlich hatte Rina keine Angst vor diesen Geräuschen, doch sie spürte die Anspannung ihrer Mutter.

Das kleine Mädchen spürte Baumwurzeln und Moos unter ihren Füßen. Wohin gingen sie? „Mama, was für eine Überraschung hast du für mich?", fragte sie mit lieblicher und zarter Stimme.

"Jemand, der dir mit deinen Augen helfen wird", sagte sie entschieden und hielt Rina gut fest, damit diese nicht hinfallen konnte. "Aber wir müssen uns jetzt beeilen, sonst kommen wir zu spät", sagte sie. Eigentlich stimmte das nicht, denn zu spät gab es bei dem Mann nicht, doch sie wollte so schnell wie möglich aus dem Wald heraus.

„Warum denn?", fragte Rina überrascht. Mit ihrem Körper konnte sie doch alles fühlen.

Plötzlich nahm sie einen eigenartigen Geruch war. Rauch, als würde irgendwo ein Feuer sein, gemischt mit einer seltsamen Kräutermischung. Je weiter sie gingen, desto lauter wurde ein Knistern. Das bestätigte Rinas Annahme, dass es irgendein Lagerplatz sein musste.

"Weil du nichts sehen kannst", sagte die Frau ernst. "Das ist ein Fluch", behauptete sie. "Er wird diesen Fluch brechen können."

Vorsichtig zog die Mutter ihre Tochter weiter auf die kleine Lichtung zu.

Dort saß ein Mann, der einen Mantel trug, der mit Blättern behangen war, sodass er kaum von der Natur zu unterscheiden war. Würde er nicht gerade vor einem kleinen Feuer sitzen und darüber etwas verbrennen, das Rauch und Kräutergeruch erzeugte, hätte man ihn wohl als Teil der Natur wahrgenommen.

Rina schluckte leicht. Schon öfters hatte ihre Mutter gesagt, dass sie verflucht war. Aber da sie blind geboren war, hatte sie von Anfang an gelernt, ihre Umgebung anders wahrzunehmen. Es war eine Leichtigkeit, Gegenstände, Geräusche und Gerüche auseinanderzuhalten. Eine Fähigkeit, die viele Menschen gar nicht besaßen.

Dennoch würde sie sehr gerne die Welt erkunden und endlich sehen können. Deshalb freute sie sich, dass ihre Mutter eine Möglichkeit gefunden hatte, ihr helfen zu können.

"Wir sind da", verkündete die Frau angespannt und in den Moment hob der Mann den Kopf. Er sah alt aus und der grau-braune Bart war zerzaust. In einer Hand hielt er eine Art Stab, mit dem er auf eine Ansammlung aus Blättern deutete.

Die Frau schluckte. "Komm her mein Schatz", bat sie das Mädchen. "Du musst dich kurz hinlegen", wies sie Rina an. Sie wusste, was zu tun war. Bevor sie sich dazu entschieden hatte, ausgerechnet diesen Schamanen aufzusuchen, hatte sie sich erkundigt, wie alles ablief. Der Mann sprach nicht fiel, weshalb er auch nichts erklärte.

Gehorsam legte sich das kleine, schmächtige Mädchen mit der Hilfe der Mutter auf eine weiche Blätterunterlage und fragte sich, was geschah. Ihre milchigen Augen sahen umher, doch sie selbst konnte nichts erkennen. Alles war schwarz. „Wer ist der Mann?", fragte Rina neugierig. Der Geruch des Mannes war seltsam, doch nicht unangenehm.

"Ein Schamane. Er wird die Geister, die dich in ihrer Gewalt haben, vertreiben", behauptete sie und versuchte sicher zu klingen. Es war nicht gut, wenn sie ihre Tochter verunsicherte.

Sie blickte zu dem Mann, der sich erhob und mit dem Kraut, das noch immer brannte, herumwedelte. Dabei sprach er ein paar Worte und dann beugte er sich zu Rina nach unten. Diese spürte, wie sie müde wurde und irgendwie den Bezug zur Situation verlor. Alles wirkte auf einmal unwirklich und sie begann sich schwerelos zu fühlen.

Auch ihrer Mutter ging es ähnlich, weshalb sie sich nicht begeistert niederließ, um nicht zu fallen.

Die Schwerelosigkeit führte dazu, dass Rina einschlief. Es war sowieso schon sehr spät und eigentlich hätte sie schon längst in ihrem Bett liegen sollen.

Ein seltsamer Traum, in dem sie plötzlich Dinge sehen konnten, blitzten auf und sie spürte, wie glücklich sie darüber war.

Dabei spürte sie nicht, was der Schamane tat.

Dieser begann damit, ihre Augen zu entfernen und ihr neue einzusetzen. Da er die Mutter unter Drogen gesetzt hatte, bekam diese kaum etwas mit. Das war besser so, denn die meisten neigten dazu, zu schreien und darauf hatte der Mann keine Lust.

Langsam erwachte Rina irgendwann wieder. Sie fühlte sich benommen und etwas schwindelig. Ihr Körper war träge und sie brauchte einige Zeit, um sich daran zu erinnern, was passiert war.

Etwas war anders, das konnte sie deutlich fühlen.

"Mein Schatz", erklang die besorgte Stimme ihrer Mutter und eine sanfte Hand fuhr ihr über die Wange. "Wie geht es dir? Tut dir etwas weh?", fragte die Frau atemlos.

Sie lächelte, als sie die etwas kalte Hand fühlte. „Mir ist nur etwas schwindelig", antwortete sie mit lieblicher Stimme.

Etwas träge öffnete Rina ihre Augen und konnte nicht glauben, dass sie etwas erkannte. Noch war alles eher wie ein Schleier, doch sie sah Farben und Formen.

Es war kaum zu glauben, dass sie wirklich etwas sah! Ihr Gesicht strahlte vor Freude und sie war aufgeregt, denn nun konnte sie die Welt noch einmal anders erleben.

Ihre Mutter keuchte und sie spürte das Zittern der Hand. "Rina. Rina mein Schatz?", fragte sie und Angst begann in ihrer Stimme zu schwingen.

Was war das? Waren das wirklich ihre Augen? Durch die Dunkelheit war es so schwer zu erkennen.

„Was ist los, Mama?", fragte ihre Tochter und richtete sich auf. Noch immer konnte sie den merkwürdigen Geruch wahrnehmen, aber sie konnte zwei Menschen vor sich stehen sehen. Eines davon musste ihre Mutter sein, doch warum sah sie so erschrocken aus?

Langsam krabbelte diese zurück. "W-Was ist das?", fragte sie atemlos. "Was hast du mit meiner Tochter gemacht?", schrie sie den Schamanen an.

"Ihr das Augenlicht gegeben, was ihr verlangt habt", erklärte er ruhig.

"Nein, du hast sie verflucht", schrie die Frau und erhob sich hastig.

"Ich habe ihr die Gabe gegeben, zu sehen", erwiderte der Mann mit seiner rauen, leicht krächzenden Stimme.

"Lüge", schrie die Frau aufgebracht und mit angstvoll zitternder Stimme zurück.

Verwirrt sah das kleine Mädchen von einem zum anderen. Was war geschehen? Sie war doch davor verflucht gewesen, wie war es dann möglich, noch einmal verflucht zu sein?

Ihre Sicht wurde ein klein wenig besser, sobald sie aufstand und die Umgebung in sich aufnahm.

"B-Bleib weg", rief ihre Mutter und wich vor dem Mädchen zurück. "Du hast den Fluch nicht gebrochen", schrie sie den Schamanen erneut an.

"Sie kann sehen. Also her mit der Bezahlung", verlangte der Mann, der nun langsam ungehalten zu werden schien.

"Nein", kreischte die Frau und bewegte sich schnell von den beiden weg, wobei sie den Rock hob und fast über ihre Beine stolperte.

Warum waren beide so wütend? Rina konnte doch sehen und sie verstand das Problem ihrer Mutter nicht. „Mama, warte auf mich!", rief sie und ging einige Schritte.

Doch sie fiel sofort hin, weil sie durch die plötzliche Sicht nichts einschätzen konnte, wie weit der Boden oder ihre Mutter von ihr entfernt war.

"Bleib weg, du Monster!", rief die Frau aufgebracht und stolperte weiter in den Wald hinein.

In der Dunkelheit war sie nicht mehr zu sehen und ihre Tochter traute sich nicht, aufzustehen. Auch die Schritte der Frau wurden leiser, bis sie nicht mehr zu hören waren. „Du Monster?", fragte Rina geschockt und traurig. Noch nie hatte ihre Mutter sie so genannt!

Hilfesuchend sah sie zu dem Schamanen, der in ihrer Nähe stand.

Zu dem Zeitpunkt ahnte sie noch nicht, dass es das erste und auch das letzte Mal gewesen war, in dem sie ihre Mutter gesehen hatte.
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