Control - Zerrissene Seelen

von SVdeNoir
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P18
Vampire
12.06.2020
19.09.2020
17
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Verdacht


Olivier - April 2019



Kaum zwei Blocks weiter, stoppte ich meinen Wagen vor der Polizeiabsperrung. Etliche Streifenwagen, Einsatztrucks der Spurensicherung und des Medical Examiner befanden sich bereits vor Ort. Cops in Uniform hielten die Menge an Schaulustigen hinter den gelben Absperrbändern in Schach. Ein letztes Mal sah ich in den Rückspiegel, um mich zu vergewissern, dass der beschmutzte Hemdkragen versteckt und keinerlei verräterische Blutspuren mehr zu erkennen waren. Ich zog die Marke vom Gürtel und stieg mit dem Regenschirm in der Hand aus.

Schon aus der Entfernung konnte ich Mason und seinen lächerlichen Sonnenschutz erkennen. Der ausladende Cowboyhut wirkte an dem lässigen Surfer-Boy äußerst deplatziert. Zusammen mit dem Captain und dem Leiter der Spurensicherung stand er abseits eines weißen Zeltes, unter welchem sich einige andere Kollegen um etwas drängten, das ich zwar nicht sehen doch sehr wohl riechen konnte. Aufgebracht gestikulierend gesellte sich, zu meinem Entsetzen, nun auch Corbin Turner zu der Gruppe. Augenblicklich rümpfte ich die Nase ob des neuerlichen olfaktorischen Angriffs auf meine ohnehin überreizten Sinne.

Ein dienstbeflissener, junger Officer musterte argwöhnisch meine heruntergekommene Aufmachung, hob dann jedoch das gelbe Flatterband und ließ mich passieren, als ich ihm meine Marke ins Gesicht hielt. Schnurstracks lief ich auf den Captain zu. Besser ich brachte die Standpauke schnellstmöglich hinter mich. Kaum hatte ich die Barriere überwunden, erblickte mich das Hutwesen und kam grinsend herbeigeschlendert.
„Wohow! Da hat aber jemand ganz schön die Sau rausgelassen!“, kommentierte er mein Aussehen, während er mich anerkennend, von Kopf bis Fuß begutachtete. „Der Hammer, man! Du musst mir auf jeden Fall erzählen, wo du dich herumgetrieben hast. Auf so ne Party hätte ich auch mal wieder Bock!“

„Klär mich lieber auf. Was haben wir hier?“, wechselte ich wenig galant das Thema.
„Bis auf die Tatsache, dass der Captain richtig angepisst ist, meinst du?“, feixte er äußerst amüsiert. Fand dann jedoch einen etwas angemesseneren Gesichtsausdruck, als er weitersprach. „Wir haben eine Tote, etwa 25 bis 35 Jahre alt. In dieser Gegend und ihrer Kleidung nach, möglicherweise eine Prostituierte. Der Doc ist sich nicht sicher, was das Alter angeht. Kann er erst verifizieren, wenn er sie auf dem Tisch hat. Wer auch immer ihr das angetan hat, war gründlich. Hat sie ganz schön zugerichtet. Da ist nicht mehr viel vom Gesicht übrig und beim Rest siehts nicht besser aus.“
„Wie bei den Anhouses?“, hakte ich nach und wunderte mich, über den Tatort. Der hätte kaum unterschiedlicher sein können.
„Naja, ähnlich zumindest“, sagte Mason achselzuckend, „bei den Anhouses gab es ein Blutbad. Hier gibt es beinahe gar kein Blut, weder im noch ums Opfer herum. Vielleicht wurde sie nicht hier getötet. Der Doc meint, sie könnte ausgeblutet worden sein. Oder…“

Ein eisiges Schaudern überkam mich. Oder leer getrunken!
„Dann wurde sie hier nur abgelegt?“, fragte ich verwirrt. Ulysses Männer hätten die Leiche in jedem Fall verschwinden lassen. Und ich konnte mir nicht vorstellen, aus welchem Grund ich sie hier her geschleppt haben würde.
„Das ist nicht alles, der Doc hat eine Kette gefunden, mit einem Kreuz daran.“ Ein Kreuz! Deshalb war Turner hier. Direkt überkamen mich wieder Bildfragmente die mich mittlerweile, wie ein nicht enden wollender Albtraum verfolgten. Konnte sie die Frau sein, die Pete erwähnt hatte? Wenn sie es war, hatte ich nicht nur gegen meine eigenen Prinzipien verstoßen, sondern auch den Vertrag gebrochen. Auf diese Weise drehte ich mich nur im Kreis. Ich musste endlich mit Albert sprechen. Bevor ich mich jedoch zum Zelt hin umwenden konnte, hielt mich die Stimme des Captains zurück.

„Chevalier!“, zischte sie und ich stellte überrascht fest dass sie plötzlich neben mir stand. Der Knopf ihres Blazers spannte gefährlich, als sie ihre Hände in die Hüften stemmte. Shoemaker legte den Kopf schief und sah mich streng an. Ich fühlte mich an meine frühere Gouvernante Mademoiselle Dubois erinnert und erwartete beinahe, gleich am Ohr gezogen zu werden. „Wenn ich Sie siebenmal anrufe, was meinen Sie wohl, was ich dann von Ihnen möchte? Die neusten Kochrezepte tauschen oder ein nettes Pläuschchen an einem Mittwochmorgen halten? Meinen Lieblingslieutenant um ein paar Modetipps bitten? Denken Sie nicht, dass ein Rückruf zumindest angemessen wäre, wenn Sie schon nicht pünktlich zum Dienst erscheinen?“ Als sie eine kurze Pause machte, öffnete ich den Mund um mich zu entschuldigen, doch dann ließ sie ihren Blick über meine Aufmachung wandern und ich schloss ihn lieber wieder. „Was zum Teufel ist mit Ihnen passiert? Sie sehen aus, als würden Sie unter einer Brücke hausen!“
„Das, Cap, sind Partys, an die man sich auch in hundert Jahren noch erinnert!“, kam Mason mir zu Hilfe. Kumpelhaft legte er mir den Arm um die Schultern und lachte herzlich. Schnell schob ich seine Hand weg und sah ihn finster an. Mir war klar, dass er mich unterstützen wollte, dennoch machte ich einen großen Schritt zu Seite. Wenn ich eins nicht leiden konnte, war es ungefragt berührt zu werden.

„Party?“, fragte Shoemaker entrüstet, während sich ihre Augenbrauen immer enger zusammenzogen. Sie kam jedoch nicht mehr dazu, mir weitere Vorwürfe zu machen, da der eigentliche Grund für ihre extreme Übellaunigkeit sich näherte. Offensichtlich überzeugt davon, dass ich mich in derart exponierter Umgebung besser zu benehmen wusste, stolzierte der Kakerlakenpapst herbei. Demonstrativ abfällig musterte er mich.

„Mr. Chevalier, schön, dass Sie es auch einrichten konnten. Haben Sie, als Lieutenant, es nicht mehr nötig, gemeinsam mit ihrem Team, am Tatort zu erscheinen?“, begann er süffisant grinsend. Seine Stimme laut und betont, sodass möglichst viele umstehende Personen seinen Auftakt mitbekamen. „Sollten Sie nicht ein Vorbild für ihre Behörde sein? Wenn sie mich fragen, sind sie eine Schande für die Polizei. Und wie können Sie es überhaupt wagen, in dieser Aufmachung an einem Tatort zu erscheinen? Glauben Sie ja nicht, ich würde Ihre Unverfrorenheit nicht in meinen Bericht an den Bischof erwähnen“, provozierte er kontinuierlich weiter. Dabei gestikulierte er noch immer wild herum und intensivierte so seinen pestilenzartigen Geruch, dass ich Mühe hatte die Reste meines Mageninhaltes bei mir zu behalten.

„Mäßigen Sie gefälligst Ihre Stimme, Turner“, mischte sich der Captain ein, bevor ich die Gelegenheit hatte mich zu rechtfertigen oder sonst etwas Unangebrachtes zu sagen. „Wie und wann meine Detectives ihre Arbeit machen, Inquisitor, geht Sie, bei allem Respekt, nichts an. Anstatt hier lautstark herumzukeifen, halten Sie sich lieber selbst an Ihre Anstandsregeln und besinnen Sie sich darauf, warum wir hier sind. Eine junge Frau ist tot.“ Wie eine Löwenmutter stellte sie sich vor mich und starrte Turner mit einem tödlichen Blick an. Dieser schien daran jedoch kaum einen Anstoß zu nehmen und sah lediglich blasiert auf sie hinab. Dennoch senkte er die Stimme, als er weitersprach:
„Ja Mrs. Shoemaker, genau deshalb sind wir alle hier. Eine junge Frau ist tot. Eine junge, wenn auch fehlgeleitete, katholische Frau, wohlgemerkt. Das ist das dritte Opfer, aus unseren Reihen, in kürzester Zeit.“
„Es gefällt Ihnen viel zu sehr, die Katholikenkarte zu spielen, Turner“, fuhr ich ihn scharf an. „Vielleicht warten wir alle auf belastbare Ermittlungsergebnisse, bevor wir Vermutungen anstellen.“
„Spielen Sie sich lieber nicht so auf, Lieutenant. Bis vor wenigen Minuten haben Sie es nicht einmal als notwendig erachtet, den Tatort in Augenschein zu nehmen. Und wie sie sehr wohl wissen, gibt es in der Anhouseermittlung noch immer kaum relevante Erkenntnisse vorzuweisen. Wie auch, wenn der leitende Ermittler, seit Stunden nicht zu erreichen ist. Dem Bistum gefällt die Situation überhaupt nicht und Sie und ihr Team hinterlassen nicht gerade den Eindruck, in dieser Angelegenheit, angemessen zu ermitteln. Ihre Nachlässigkeit, ist wohl kaum Teil der Vereinbarung, Ihresgleichen zum Heile aller, in die Ermittlungsbehörden dieses Landes aufzunehmen.“ Zähneknirschend sah ich auf Turner in seinem verschwitzten Polyestershirt hinab. Auch wenn ich ihn wie gewöhnlich am Liebsten erdrosselt hätte, war meine Abneigung gegen ihn, keineswegs wie gestern von Aggression bestimmt.

„Mr. Turner!“, brach das sich entladende Gewitter der kleinen Frau, plötzlich über den halbglatzigen Mann herein. „Mein Team arbeitet professionell und mit Hochdruck an diesem Fall. So wie an jedem anderen! Ob es sich hierbei nun um einen gezielten Angriff auf Mitglieder der katholischen Kirche handelt, wissen wir noch nicht. Zumal ein kleines Kreuz, wohl auch kein eindeutiges Indiz für die Zugehörigkeit zu einer spezifischen christlichen Religion ist. Und ihre Vermutung, der Täter könne ein Vampir sein, ist mehr als spekulativ.“ Ich schmunzelte ein wenig, verglichen mit ihren übernatürlichen Mitarbeitern war sie nicht nur ein vielfaches kleiner und schwächer, sondern auch wesentlich jünger. Das jedoch hinderte sie nicht daran, all ihre Ermittler stets wie Kinder hinter sich zu stellen, um sie zu beschützen.

„Sie sollten zurück in Ihr Bistum fahren, Inquisitor. Schreiben Sie Ihren Bericht und lassen Sie uns unsere Arbeit machen“, fügte ich so ruhig und diplomatisch wie möglich hinzu. Ich wollte weder dem Captain, noch mir selbst weitere Probleme verursachen und Turners Generalverdacht gefiel mir in diesem Fall überhaupt nicht. Gerade als ich mich abwandte, hielt er mich jedoch am Arm zurück.
„Eine Sache möchte ich wissen“, begann er. Ich wurde wirklich nicht gerne angefasst. Nicht von meinem Partner und gleich zweimal nicht von einer Schabe wie ihm. Ungehalten riss ich mich los, leise fauchend fletschte ich die Zähne, als Shoemaker mich mit dem Ellbogen in die Rippen stieß. Folgsam bemühte ich mich um Contenance, gerade noch hatte ich versucht, mich diplomatischer zu geben. Turner obwohl erschrocken, nahm mein Zögern zum Anlass sein Anliegen zu formulieren: „Ich möchte gerne wissen, wo Sie sich eigentlich seit dem gestrigen Abend aufgehalten haben, Mr. Chevalier.“ Abermals glitt sein Blick dabei provokativ an mir herab. Und wieder war es der Captain, der an meiner Stelle antwortete:
„Sie fahren jetzt wirklich besser, Mr. Turner. Und für die Zukunft halten Sie sich von meinen Detectives fern. Ich frage mich langsam, ob sie tatsächlich daran interessiert sind, diese Fälle aufzuklären. Im Moment erscheint es mir, Sie konstruieren sich lieber Ihre eigenen Fakten. Wenn hier jemandem Voreingenommenheit vorzuwerfen ist, dann Ihnen. Auf Kosten der Opfer. Ich bin mir sicher, das gefällt dem Bistum auch nicht. Inquisitor.“
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