Vampire Police Department

von SVdeNoir
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P18
Vampire
12.06.2020
01.08.2020
10
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01.08.2020 1.966
 
Er ist ein Vampir


Teresa - April, 2019


Erschöpft und mit migräneartigen Schmerzen hockte ich auf einem brokatbezogenen Canapé und starrte verloren in den fensterlosen Raum hinein. Dieser sah aus, wie das gemeinsame Kind eines Versailler Vorzimmers und der schäbigen Umkleide einer drittklassigen Drag Queen. Renaissance Mobiliar, gespickt mit einer Vielzahl an Perücken und funkelnden Kostümen, standen dichtgedrängt auf dem fleckigen Boden des kleinen Boudoirs.

Die Ereignisse der vergangenen Nacht steckten mir noch tief in den Knochen. Auf wundersamer Weise hatte ich die Attacke überlebt und war unter einem Himmel aus Pailletten und Strass-Steinen erwacht. Langsam, um meinem schmerzenden Kopf nicht zu viel zuzumuten sah ich mich in dem Kämmerchen nach meiner Tasche um. Erfolglos. Du musst die Polizei rufen Teresa! Auch wenn mir das Denken nicht gerade leicht fiel, ich war mir ziemlich sicher, dass ich eigentlich im Krankenhaus hätte sein müssen.

Nur mit größter Mühe gelang es mir aufzustehen. Und kaum dass ich es geschafft hatte, zwang mich der einsetzende Schwindel beinahe wieder zurück auf das in die Jahre gekommene Möbelstück. Verbissen klammerte ich mich an den Kleiderständer und wartete darauf, dass der rotierende Raum zum Stillstand kam. Äußerst wackelig auf den Beinen, schleppte ich mich schließlich zur einzigen Tür, die die vollgestopfte Garderobe mir bot. Kaum hatte ich sie einen kleinen Spalt aufgeschoben und vorsichtig durch die schmale Öffnung gelinst, begrüßte mich auch schon ein breites, schneeweißes Lächeln.

„Salut, ma cher! Isch bin Ulysses Guiot du Ponteil.“, schallte es mir überschwänglich und mit eindeutig französischem Akzent, von der massiven Palisanderbar entgegen. Diese befand sich direkt in meinem Blickfeld und mitten in einem gewaltigen Saal. Hunderte marokkanische Lampen spendeten diffuses Licht und warfen schattenhafte Muster auf die hohen Wände. Mir verschlug es schier die Sprache. „Wir ‘atten gestern eigentlisch ein rendez-vous. Aber leider gab es dann offenbar einen eher unschönen Zwischenfall. Je suis desole“, bemerkte die große Gestalt und legte sich theatralisch die übermäßig beringte Hand auf die Brust.

Meine Gedanken schienen zäh wie Teer und es fiel mir schwer, zu begreifen was sich da vor meinen Augen abspielte. Zögerlich trat ich einen kleinen Schritt aus dem Raum. Vielleicht träumte ich ja noch? Die neuerliche Bewegung jedoch schickte eine weitere Welle pochender Schmerzen durch meinen Kopf und bestätigte recht nachdrücklich, dass dies hier keine Einbildung war. Angestrengt krallte ich mich am Türrahmen fest und kniff meine Augen zusammen. Bevor ich diese wieder geöffnet hatte, stand die glamouröse Gestalt von der Bar bereits neben mir.

„Oh non, non, non, ma petite fleur. Du solltest disch besser noch etwas 'insetzen“, meinte der charmante Barmann mitfühlend und sah mich mit besorgtem Blick an. Um meinen müden Körper zu stützen, hatte er sich freundlicherweise untergehakt. Dankbar und leicht wankend ließ ich mich zur gewaltigen Theke hinüber führen. Nur mit seiner galanten Hilfe hievte ich mich, mit letzter Kraft, auf einen der breiten Samthocker. Als ich sicher war, dass ich nicht einfach umkippen und herunterfallen würde, legte ich auf die Ellbogen gestützt den Kopf in meine Hände.

Der intensive Geruch von Lavendel und Sandelholz stieg mir in die Nase, erfüllte die gesamte Lokalität. Doch da war noch etwas Anderes. Etwas unangenehm Metallisches. Weniger ein Geruch, als ein unsichtbarer Film, der im Raum lag und auch auf meiner Zunge. Ein Anflug von Übelkeit überkam mich. Bevor ich mir eingestehen konnte, woher dieser wohl rühren mochte, schob ich den Gedanken schnell von mir.

In das pulsierende Pochen meines Kopfes, mischte sich nun auch noch ein stechender, beinahe krampfartiger Schmerz in meinem Nacken. Er zog sich meinen Rücken hinab, fühlte sich an, als hätte ich einen schrecklichen Muskelkater. Kein Wunder! Dieser gestörte Typ hatte mich so fest in seinen Fängen gehabt, dass ich dachte, mein Genick würde jeden Moment nachgeben. Ein Glück hatte er gerade noch rechtzeitig von mir abgelassen. Und sich dann, verdienterweise die Seele aus dem Leib gekotzt. Ein boshaftes Gefühl der Genugtuung breitete sich in meiner Brust aus.

Die moccafarbene Hand des Barkeepers schob mir behutsam ein Glas, mit einer sich auflösenden Substanz zu und holte mich so aus meinem Gedankenwirrwarr. Ich hatte überhaupt nicht bemerkt, dass er wieder hinter der Bar verschwunden war. Mit nicht geringer Skepsis musterte ich das aufwendig geschliffene Kristallglas. Mein Zögern schien ihm nicht zu entgehen.
„Keine Sorge, Zuckerblume. Das ist nur für deinen Kreislauf bis le docteur 'ier ist. Trink ruhig, danach wirst du disch besser fühlen“, äußerte er sich ein wenig amüsiert, aber immer noch sehr besorgt. Unsicher hob ich das Glas und nippte vorsichtig daran. Tatsächlich schmeckte es nach einer Multivitamintablette.

„Kannst du disch an etwas erinnern?“, fragte er behutsam, während sein Blick mich durchdrang. Ich stellte das nun leere Glas ab und versuchte mir die gestrigen Erlebnisse ins Bewusstsein zu rufen.
„Da war ein Mann. Ein Officer, um genau zu sein“, fiel es mir plötzlich wieder ein und ich fragte mich, ob es wirklich eine gute Idee wäre, die Polizei zu rufen. „Er wirkte verwirrt. Ich wollte ihm helfen.“ Mir stockte der Atem, als die Bilder zurück in meine Gedanken strömten. Das Echo der Panik klammerte sich noch immer um mein Herz. Die kalten schwarzen Augen, der schraubstockartige Griff, das Gefühl als... „Er hat mich gebissen! Am Hals.“

Die freundliche Mine meines Zuhörers, verfinsterte sich. Fand aber, als er mein Unbehagen sah, schnell wieder zu seiner vorherigen wärmenden Freundlichkeit zurück.
„Ein Officer, oui?“, entgegnete er mir ein wenig gedankenverloren und fügte leise murmelnd hinzu, „vielleischt sogar ein Detective...“ Er schien etwas abgedriftet zu sein und nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, fragte ich mich, ob er meinen Angreifer wohl kannte.
„Mr. Guiot du P…“ begann ich. Wurde aber mit einer eindeutigen Handbewegung unterbrochen. „Oh, ma cher, nenn misch bitte Ulysses.“, entgegnete er mit einem leicht gequälten Lächeln. Schwermütig atmete er einmal ein und wieder aus.

Als er sich wieder gefangen hatte, stolzierte der violette Krauskopf divenhaft um den Bartresen herum und ließ sich übertrieben elegant auf den benachbarten Hocker fallen. Fürsorglich legte er seine Hand auf meine, dabei fielen mir seine langen künstlichen Nägel auf. Wieder sah er mich durchdringend an, bevor er erneut das Wort ergriff.
„Isch denke, ma Cher. Isch muss disch darüber aufklären, was dir gestern widerfahren ist“, begann er schließlich bemüht einfühlsam. „Weißt du, kleine Zuckerblume, der Mann der disch angefallen ‘at, war kein gewöhnlischer Mensch. Nischt so wie du. Aus der ganzen neumodernen Popkultur ist dir seine Art bestimmt bereits bekannt. Isch 'offe du kannst mir folgen.“ Unsicher, was er von mir hören wollte, hielt ich seinem Blick stumm stand. „Er ist ein Vampir.“

Bemüht nicht die Fassung zu verlieren, versuchte ich einen möglichst verständnisvollen Eindruck zu vermitteln. Nicht nur, dass ich mich allem Anschein nach tatsächlich in einem Freudenhaus beworben hatte. Denn diese Räumlichkeiten waren eindeutig eine Mischung aus einem anstößigen Versailles und einem orientalischen Bordell. Nein! Ich musste mich in einem Freudenhaus geführt von einem verrückten Verschwörungstheoretiker bewerben. Wie um Himmelswillen schaffte ich es jedes Mal, wirklich jedes Mal, die größten Scheißhaufen zu finden und mich mitten hineinzusetzen?

„Und isch“, sprach er mit stolzgeschwellter Brust weiter, „versorge die angesehensten Mitglieder dieser Spezies in meinem Etablissement, mit ausgewählten Köstlichkeiten.“ Schwungvoll beschrieb er mit der Hand eine Geste, die meine Aufmerksamkeit auf die mächtige Vitrine hinter der Bar lenkte. Auf zartbeleuchteten Glasböden und hinter doppelwandigen Isolierscheiben, reihten sich wunderschöne Kristallkaraffen unterschiedlichen Stils aneinander. Jede gefüllt mit einer dunkelrot schimmernden Flüssigkeit.

Mein Herz begann wild zu rasen und meine Hände zitterten auf dem Tresen. Na super!  Nicht nur das dieser exzentrische Kerl offensichtlich verrückt war, nein, er war ein verrücktes Mitglied eines mordlustigen Kults. Da hatte ich den gestrigen Angriff überlebt, nur um, in der nächsten Sekunde, hier aufgeschlitzt und in Flaschen abgefüllt zu werden. Teresa Maria Garcia, diesmal bist du wirklich am Arsch!

Statt jedoch über mich herzufallen, tätschelte Ulysses amüsiert schmunzelnd meine Hand und schenkte mir ein verständnisvolles Lächeln. „Keine Sorge, meine Zuckerblume, isch werde wohl kaum le docteur rufen, wenn isch disch um die Ecke bringen will. Das alles mag sehr befremdlisch wirken, aber du bist 'hier sischer. Du musst wissen, dass isch immer auf ma famille aufpasse. Und du, ma cher, bist nun ein Teil davon.“

Seine ganze Art, so ruhig, behutsam und verständnisvoll, dabei immer ein verschmitztes Lächeln im Mundwinkel erinnerte mich an meinen Vater. Völlig irrational und entgegen all meiner Bemühungen dieses Gefühl nicht zuzulassen, glaubte ich ihm. Schlimmer noch, ich fühlte mich sicher, beschützt. Abgesehen davon war ich ohnehin nicht in der körperlichen Verfassung, mich aus diesem Gebäude zu lotsen. Die endlosen Rundbögen und die dahinterliegenden, spärlich beleuchteten, Nischen, standen einem gelingenden Fluchtplan zusätzlich im Weg.

Plötzlich unterbrachen die schnellen Schritte einer zierlichen jungen Frau, auf schwindelerregend hohen Absätzen, unser Gespräch. Erkennbar aufgelöst stöckelte sie über eine großzügige Bühne herbei und blieb einige Meter neben uns stehen.
„Entschuldige misch bitte un moment.“ Ebenso elegant wie er sich niedergelassen hatte, erhob sich Ulysses und seine Hand löste sich von der Meinen. Mit ausgebreiteten Armen empfing die Diva das zarte Geschöpf einladend. Das Gespräch selbst konnte ich nicht hören, wohl aber sehen, wie die aufgewühlte Frau leise mit Ulysses sprach. Tränen rannen über ihr Gesicht. Die eine Hand tröstend auf ihrer Schulter ruhend, bugsierte er sie zur Bar hinüber, während er offenbar beschwichtigend auf sie einredete.

Ein dezentes Geräusch zeigte an, dass die Kassenschublade geöffnet worden war. Kurz darauf zog Ulysses ein dickes Bündel Geld daraus hervor und hielt es der zarten Person entgegen.  Diese jedoch schüttelte heftig ihren Kopf und winkte ab. Davon unbeirrt, hielt er ihr die Scheine auffordernd entgegen, bis sie schließlich zögernd danach griff. Ein verweintes Lächeln kam zum Vorschein und die junge Dame presste sich fest an den Körper des großen Mannes. Freudestrahlend wischte die elfengleiche Blondine sich die Tränen ab und verschwand zügig wieder hinter einem der vielen Damastvorhänge, die jede der Marmorsäulen umsäumten.

„Armes Ding!“, meinte er betroffen, als er sich wieder zu mir gesellte. „Sie 'at niemanden bis auf ihre drogenab‘ängige Schwester, die ihr wieder einmal all ihr Geld gest....“ ein dumpfes Klopfen ließ ihn innehalten. Forschend hob er den Kopf und es schien, als würde er nach etwas lauschen. Und wie schon vorhin, schlich sich plötzlich ein bitterer Ausdruck auf sein Gesicht. „Ma cher, das ist Albert, le docteur. Isch bin gleich wieder bei dir.“ Er zwinkerte mir noch kurz zu, bevor er ebenfalls hinter einem der Vorhänge verschwand.

Einige Augenblicke vergingen, dann konnte ich durch den dicken Stoff gedämpft undeutliches Gemurmel hören. Neugierig versuchte ich so flach wie möglich zu Atmen, um vielleicht ein zwei Worte aufschnappen zu können, als mich unvermittelt ein elektrisierendes Kribbeln erfasste. Ein erschrockenes Keuchen entrang sich meiner Kehle. Als hätte mein Körper eine Ladung Adrenalin ausgeschüttet, fühlte ich mich schlagartig fitter. War das die Brausetablette? Dann konnte es unmöglich ein einfaches Multivitaminpräparat gewesen sein.

Unsicher, woher die frische Energie kam, riss mich das plötzlich hitziger werdende Gespräch aus meinen Gedanken. Nun erkannte ich mehrere Stimmen und eine schnelle, französische Unterhaltung, der ich nicht folgen konnte.Im nächsten Moment erschien Ulysses, gefolgt von zwei Männern, wieder im Saal. Wie die zahlreichen Säulen um mich herum, erstarrte ich auf meinem Platz und blickte ungläubig in das Antlitz meines Angreifers.

Ohne Zweifel war dies der selbe Mann und doch schien er vollkommen verändert. Sauber und ordentlich, beinahe künstlich lagen die gestern noch wirren Locken ordentlich gegelt auf seinem Kopf. Auch heute wirkte seine Kleidung sündhaft teuer doch trug er sie nun, als würde er deren perfekten Fall mit dem Lineal vermessen. Kein Fauchen, kein wirrer Blick. Im Gegenteil. Völlig emotionslos und desinteressiert ließ er die anscheinend wenig freundlichen Worte von Ulysses über sich ergehen. Unbeeindruckt schaute er den Nachtclubbesitzer geradewegs an. Keine Spur von Reue! Nicht ein Fünkchen, konnte man in seinem Ausdruck finden. Die Angststarre wich. Unbändige Wut stieg in mir auf und ich spürte wie sich das geschliffene Relief des Glases fest in meine Haut presste.
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