Control - Zerrissene Seelen

von SVdeNoir
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P18
Vampire
12.06.2020
19.09.2020
17
32.861
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12.06.2020 729
 
Sehr Lecker


Olivier - April, 2019


“Schöne Sauerei”, bemerkte Albert von Rauchbergen, der Gerichtsmediziner trocken, während er sich im Raum umsah. Zustimmend nickte ich und mein Blick glitt ebenfalls über die blutbespritzten Wände. Das Panorama welches sich hier bot, glich eher dem einer illegalen Hinterhofschlachterei, als einem netten Apartement in Downtown. Und der Anblick der zwei Leichen erinnerte mehr an Hackfleisch, als an menschliche Überreste. Sauerei, war eine äußerst treffende Beschreibung.

Vorsichtig folgte ich dem Doc über den mit Plane ausgelegten Boden. Der Teppich, so vollgesogen mit Blut, dass jeder Schritt ein feuchtes Schmatzen auslöste und unsere Spuren unter der Folie konserviert wurden. Im Gänsemarsch liefen wir zu einem der Opfer, welches direkt hinter der umgestürzten Couch lag. Der Pathologe ließ den Anblick der verdrehten Gestalt auf sich wirken und umrundete diese. Neben den Überresten des Kopfes ging er schließlich in die Knie, dabei raschelte sein weißer Tyvekoverall leise.

“Kannst du schon was sagen, Albert?”, fragte ich und beobachtete wie er den behandschuhten Finger in die bereits zäh werdende Lache eintauchte. Er hob die Hand und roch mit geschlossenen Augen an dem Blut. Danach leckte er kurz daran und schob sich anschließend den Finger genüsslich in den Mund. Ich betrachtete das Schauspiel angewidert. Kalt und tot, das war nicht gerade meine erst Wahl.
“Marianna Anhouse, 47, bei ausgezeichneter Gesundheit. Sehr lecker!”, informierte er mich schmatzend.
“Sehr lecker?”
“Wenn es ein Vampir war, hat ihn ihr Geruch vielleicht angelockt.”
“War es denn einer?” Ich konnte, nein wollte mir nicht vorstellen, dass ein Angehöriger meiner Art hier gewütet hatte.
“Jemanden so zuzurichten bedarf einer gewissen Stärke. Ein Mensch hätte dazu Werkzeuge verwenden müssen.” Leise murmelnd, mehr zu sich als zu mir, fügte er hinzu. “Einen Vorschlaghammer vielleicht, auch ein schwerer Schraubenschlüssel wäre denkbar.” Einige Sekunden schien er in Gedanken versunken, dann sah er mit ratlosem Blick zu mir auf und zuckte leicht mit den Schultern.

„Ich hatte dich nicht nach dem ‚wie‘ gefragt, sondern nach dem ‚wer‘. Du glaubst also nicht an einen menschlichen Täter?“ Das viele Blut in der Wohnung verwirrte meine Sinne, sprach jenen animalischen Teil in mir an, welcher allein von den Instinkten eines Raubtiers gesteuert wurde. Ich fühlte, wie mein Körper sich ganz von selbst in den Angriffsmodus versetzte. Das Brennen in der Kehle, der Druck im Kiefer, als meine Eckzähne sich weiter daraus hervor schoben, Muskeln, die sich anspannten, bereit zuzuschlagen. Eine Welle von Euphorie erfasste mich. Ein jüngerer Vampir, hätte große Probleme, sich dem Gefühl nicht hinzugeben.

Albert hingegen war ein Meister der Selbstdisziplin. Diese Eigenschaft ermöglichte es ihm überhaupt erst, Arzt zu werden. Völlig unbeeindruckt von dem uns umgebenden Chaos, kniete er neben dem Opfer und versuchte, die Natur des Täters zu ergründen. Dank dieser Beherrschung hätte es ihm viel leichter fallen sollen, die Gerüche im Raum zu bestimmen. Eine menschliche Spur, die nicht zu den anderen passte. Sich vielleicht ungewöhnlich im Zimmer verteilte.
Schweigend betrachtete ich das Mienenspiel auf seinem Gesicht, wollte ihn nicht drängen. Konzentriert zog er die Brauen zusammen, doch nicht die gewünschte Erkenntnis war das Resultat, sondern Enttäuschung. Es gab keinen verdächtigen Geruch, keine Spur zu verfolgen.

„Wenn es ein Vampir war, dann haben wir ein Problem“, durchbrach mein Freund die Stille und sprach schließlich aus, was ich mir nicht eingestehen wollte.
“Verfluchte Scheiße”, kommentierte ich wütend. Das bedeutete, es würde nicht lange dauern, bis wir das nächste derartige Blutbad zu sehen bekämen.
„Es ist noch zu früh, um vom Schlimmsten auszugehen, Oli. Im Augenblick wissen wir nichts mit Sicherheit. Lass uns erst abwarten, bis die Spurentechniker hier fertig sind und ich die Leichen auf dem Tisch hatte. Denk daran, dass er die Kinder verschont hat.“ Die Kollegen hatten beim Eintreffen zwei Kleinkinder gefunden, eingeschlossen in deren Zimmer. Verstört, aber unverletzt.

„Du hast recht“, gab ich zu und rieb mir angespannt die Stirn. Das unangenehme Gefühl drohender Gefahr konnte ich allerdings nicht völlig abschütteln. „Wann war der Todeszeitpunkt?“
“Vor nicht länger als fünf Stunden.”
“Das war”, ich sah auf die Uhr, “etwa mittags?” Abermals ließ ich den Blick durch den Raum gleiten. Was immer hier vor sich gegangen war, jemand musste es gehört haben. Nicht nur das Sofa war umgekippt, auch der Esstisch und einer der dazugehörigen Stühle lagen umgestoßen auf dem Boden. Im Bereich der Küche, vor dem Kühlschrank, befand sich die zweite Leiche. Die menschlichen Kollegen vermuteten, dass es sich dabei um den Ehemann, David Anhouse handelte.
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