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Bis Irgendwann (OS)

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12
Clay Jensen Justin Foley
12.06.2020
12.06.2020
1
1.030
4
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
12.06.2020 1.030
 
hallo,
staffel 4 hat mich geschafft. der OS ist als verarbeitung gedacht. er enthält spoiler zu s4.
ich hoffe, dass es euch "gefällt", wenn das bei der thematik der richtige ausdruck ist.
bis bald, maskenherz.

»i miss you.«            »...« (click)




Er rannte.
Schneller. Immer schneller. Seine Lungen brannten und die nasse Kälte legte sich auf seine Haare und bahnte sich seinen Weg durch seine Klamotten. Er spürte den dumpfen Schmerz in seiner Brust kaum noch. Es war, als hätte er vergessen, wie es sich anfühlte jemanden zu verlieren. Als wäre es ihm schon so oft passiert, dass sein Körper sich daran gewöhnt hatte. Doch so war es nicht, das wusste er. Später, wenn er aufhören würde zu rennen, wenn er anhalten und sein Atem sich beruhigen würde, dann würde er kommen, der Schmerz. Er lauerte bereits, setzte zum Sprung an.


Keuchend schreckte Clay aus seinem Traum auf. Sein Oberteil war vom Schweiß getränkt, sein Kissenbezug dunkel gefärbt von der Feuchtigkeit, die sich in dem Stoff ausgebreitet hatte und sein Herz raste unkontrolliert. Die Angst war allgegenwärtig, aber auch wenn er wusste, dass es ihn innerlich zerreißen würde, wenn er den Kopf drehte und zu dem leeren Bett sehen würde, tat er es. Ein lodernder Schmerz breitete sich in seiner Brust aus. Es fühlte sich an, als hätte man ihm Eiswasser in die Brusthöhle geschüttet. Er rang nach Luft und rappelte sich mühsam auf. Mit wackeligen Schritten ging er ins Badezimmer, drehte umständlich den Wasserhahn auf und ließ sich das kühle Wasser über die Handgelenke und anschließend über das Gesicht laufen. Der Schwindel, der sich andauernd in seinem Kopf eingenistet hatte, verschwand. Wenigstens für eine kurze Zeit und er wünschte sich, dass er auch den Schmerz wegwaschen könnte; dass er die Schwere in seinem Herzen auf so einfache Art und Weise loswerden konnte. Aber das konnte er nicht.

Clay seufzte. Er machte sich nicht die Mühe sein Gesicht abzutrocknen, sondern ging sogleich zurück in das Zimmer, welches er einst mit seinem Bruder geteilt hatte. Das Wasser fiel in kleinen Tropfen von seinem Kinn herab und hinterließen eine Spur, bis zu dem Tresen in der Mitte des Raumes, wo Clay stehen blieb. Sein Computer stand noch aufgeklappt darauf. Der Bildschirm flackerte auf, als seine Hände die Maus berührten. Blind starrte er auf den Bildschirm, das Foto zu viert, das Geschenk zu Weihnachten als Hintergrund verewigt. Lächeln. Justins Lächeln. Clays Mundwinkel zuckten, dann trat er zurück. Er konnte es nicht ertragen.

Tage vergingen. Der gleiche Traum wiederholend; das gleiche Schema morgens. Meistens konnte er sich auch nur daran erinnern. Der Rest des Tages lief wie ein verschwommener Schwarz-Weiß-Film vor seinem inneren Auge ab. Dumpf spürte er die vielen Hände, die ihm tröstend auf die Schulter klopften. Manchmal roch er Tonys Aftershave, wenn er ihn in eine Umarmung zog, aber nichts von all dem konnte das Loch verschwinden lassen, welches ihn nach unten zog.

An einem dieser Tage, an denen er blind durch sämtiche Geschehnisse gelaufen war, fand er sich mit Stift und Zettel auf Justins Bett wieder. Sein Gesicht war nass von den Tränen. Er schmeckte das Salz auf seinen leicht geöffneten Lippen. Krakelige Worte; verwischt von der Flüssigkeit, die unaufhaltsam auf das Papier tropfte.

Lieber Justin,

heute war ich das erste Mal bei deinem Grab, seit der Beerdigung. Es fällt mir immer noch schwer zu verstehen, was eigentlich passiert ist, auch wenn der Schmerz mich tagtäglich daran erinnert. Ich habe weiterhin Alpträume. Schlimmere, wie ich finde, weil sie alle von dir handeln und du nicht da bist, wenn ich aufwache. Manchmal, wenn ich zu tief in der Traumwelt gefangen bin, dann wache ich auf und habe für einen Moment vergessen, dass du gegangen bist. Dann drehe ich mich zu dir herum und will dir erzählen, was mich beschäftigt, aber dort ist niemand. Ich sehe nur auf das leere, gemachte Bett. Ein Zipfel deines Schlafanzugs guckt unter dem Kissen hervor. Ich bin mir sicher, dass Mom es gesehen hat, aber keiner von uns fühlt sich bereit dich wirklich los zu lassen.

Deine Freunde; unsere Freunde; wie auch immer.. Sie schauen regelmäßig vorbei. Sie sagen, dass sie nach mir sehen möchten, fragen mich wie es mir geht, aber ich hab das Gefühl, dass sie aus dem gleichen Grund hier sind, aus dem ich mich fast ausschließlich in unserem Zimmer auf halte. Deine Präsenz ist hier immer noch am stärksten. Es hat sich nichts verändert. Wenn wir es nicht besser wissen würden, dann könnte man meinen, dass du jeden Moment durch die Tür gestolpert kommst, lächelst und dich über irgendetwas lustig machst, was sich in dem Moment vor deinem Auge abspielt, aber du tauchst nicht auf und ich habe aufgehört darauf zu warten.

Was für ein kindischer Wunsch.

Jessica macht sich wirklich gut. Sie hat die Trauer um dich in Stärke umgewandelt. Noch mehr; als hätte Jemand geahnt, dass das bei ihr überhaupt möglich ist. Sie setzt sich so sehr ein. An der Schule gibt es jetzt Aufklärungen. Sie sagt, dass dein Tot nicht umsonst gewesen sein soll, aber ich empfinde es nicht als hilfreich. Zweifellos möchte ich nicht, dass noch Jemand stirbt, aber es bringt dich nicht zurück zu uns und deswegen bin ich immer noch wütend. So wütend...

Mom stellt Blumen für dich raus. Sie vermisst dich sehr. Genau wie Dad. Genau wie ich.

Sonntags tischen sie auf. Wir essen alles, was du gerne gegessen hast, schauen uns im Fernsehen Serien an, die du geliebt hast und lachen darüber, was für eigenartige Dinge du komisch fandest. Wir können dich spüren, wie du zwischen uns sitzt, manchmal. Zumindest bilde ich mir das ein.

Justin, ich hoffe so sehr, es geht dir gut wo du jetzt bist.
Ich hoffe, dass du den Frieden gefunden hast, der dir im Leben verwehrt geblieben ist.
Ich hab es dir schon gesagt, aber ich tue es nochmal.
Du hast mein Leben gerettet.
Es tut mir leid, dass ich deins nicht retten konnte.

Du fehlst mir, Bruder. Wirst du immer.
Und ich liebe dich.
Ich hab nie an ein Leben nach dem Tot geglaubt, aber ich wünsche es mir, damit wir uns irgendwann wieder sehen. Bis Irgendwann.


Clay.
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