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Streunergeschichten

von Suiren
GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
Atsushi Nakajima Chuya Nakahara Osamu Dazai Ryunosuke Akutagawa
11.06.2020
24.01.2021
11
72.271
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11.06.2020 7.300
 
SOMMERREGEN
Osamu Dazai x Atsushi Nakajima




»Freust du dich schon auf unseren kleinen Ausflug, Atsushi?«
»Natürlich!«
Heiß brennt die Sonne vom Himmel, als ich mich Dazai nähere, der bereits neben seinem Motorrad auf mich wartet. Nur noch wenige Schritte trennen uns, als er den Vollvisierhelm, der auf der Kunstledersitzbank des Motorrades liegt, an sich nimmt und mir zuwirft. Reflexartig, als wäre es ein Ball, fange ich ihn auf.
»Ich weiß, es ist ziemlich warm heute, aber weil es zu deiner Sicherheit ist, setz ihn bitte auf«, sagt Dazai.
Gehorsam stülpe ich den relativ schweren Helm über meinen Kopf und bin verwundert, dass das angenehm weiche Innenfutter nicht an meinen Ohren drückt. Dazai überprüft durch sanftes Rütteln am Helm kurz, ob dieser auch richtig sitzt und schließt den Verschluss unterhalb meines Kinns.
»Perfekt«, meint er, bevor er etwas ernster wird, »Eine Sache ist wichtig: Auch wenn wir bei einem Stoppschild oder einer Ampel anhalten und ich meine Füße auf den Boden stelle, deine bleiben am Motorrad, okay?«
Auch wenn ich den Grund für diese Regel nicht verstehe, nicke ich.
»Gut«, lächelt Dazai nun wieder, »Ach ja… Komm bloß nicht am Auspuff an, der wird nämlich sehr heiß.« Er berührt mit der Spitze seines Schuhs das lange, silberne Rohr, dass an dem halben Motorrad außen vorbeiläuft.
Ach so, deswegen soll ich die Füße wohl oben behalten.
Dazai setzt hastig seinen eigenen Helm auf, bevor er das Motorrad am Lenker ergreift und ein Stückchen nach vorne schiebt. Dann schwingt er sich in einer anmutigen Bewegung auf den Sitz.
»Dann mal los, Atsushi!«
Ich schiebe die Träger des schweren Rucksacks auf meinen Schultern zurecht, bevor ich mich zögernd an seiner Schulter abstütze und hinter ihm auf die Maschine steige. Kaum sitze ich auf dem weichen Leder und stehen meine Füße auf den dafür vorgesehenen Metallstäben, schlinge ich die Arme um Dazais Körper. Er greift daraufhin hinter sich und tastet blind nach meinen Oberschenkeln.
»Rutsch doch bitte näher an mich heran«, sagt er und ich höre trotz des Helmes die Belustigung in seiner Stimme, »Wenn ich dich nicht im Rücken spüre, muss ich mir Sorgen machen, dich verloren zu haben.«
Zögernd bewege ich mein Becken ein wenig nach vorne und muss die Beine ein wenig weiter spreizen, bis Dazais Rücken an meiner Brust aufliegt, ebenso wie sein Gesäß an meinen Hüften und meinen Innenschenkel. Nun bin ich froh über den Helm, denn er verbirgt, wie meine Wangen zu glühen beginnen.
Plötzlich betätigt Dazai den Kickstart und die Maschine beginnt sofort laut knatternd unter mir zu beben. Dazai sieht nach rechts und links, ob die Straße frei ist, bevor er uns mit dem Fuß leicht anschiebt, diesen dann auf sein Pedal setzt und mit seinen Händen an den Gasgriffen dreht, bis sich die Maschine unter uns nach vorne bewegt. Vor Schreck hebt sich mir der Magen – es fühlt sich an, als würden wir abheben und losfliegen, ebenso wie die Vögel, die nun aufgeschreckt vom Bürgersteig fliehen...
Langsam fahren wir durch die von hohen Häusern gesäumte Straße. Ich schmiege mich vertrauensvoll gegen Dazai, sehe über seine rechte Schulter auf die Straße und versuche, mich im Einklang mit ihm in die Kurven zu legen. Wir halten an einer Ampel und obwohl ich ein schlechtes Gewissen habe, dass Dazai allein das ganze Gewicht ausbalancieren muss, widerstehe ich dem Reflex, die Füße auf dem Boden zu stellen. Als die Ampel wieder umschaltet und wir losfahren, verstärke ich reflexartig den Griff um seinen Bauch.
Still genieße ich das Gefühl des Windes an meiner Haut, die vor Aufregung kribbelt – überall, nicht nur auf meinen Schenkeln, unter welchen der laufende Motor zittert. Der heiße Asphalt, über dem die Luft flimmert, schimmert wie ein weißer Fluss vor uns.
Und plötzlich, kaum, dass die Häuser rarer werden, gibt Dazai Gas. Die höhere Geschwindigkeit drückt mich kurz nach hinten und als wir das Tempo halten, falle ich wieder ein Stückchen nach vorne, gegen den Körper des Detektivs.
An uns zieht die Landschaft vorbei wie ein Strudel aus verschiedenen Grüntönen.
Wir fliegen über diese Straße, vollkommen frei, umspielt von dem Wind, wie die Vögel, die vor uns am Horizont in Richtung der Wolken segeln.
Ich weiß gar nicht genau, wohin wir fahren, aber es kümmert mich im Moment auch nicht. Von mir aus hätten wir noch ewig so bleiben können. Darum bin ich fast enttäuscht, als wir langsam werden und vom Straßenasphalt auf einen von Autos geschaffenen Trampelpfad abbiegen. Ich festigte meinen Griff um Dazais Körper, da wir von Steinen, Ästen und Schlaglöchern durchgerüttelt werden und ich mir Sorgen mache, hinunterfallen zu können.
Die hohen Gräser, die um uns herum in dem kühlen, sanften Wind tanzen, machen den Eindruck, als sei die weite Wiese ein kleiner, smaragdgrüner Ozean.
Langsam folgt das Motorrad dem Verlauf des holprigen Weges, der schließlich in einen Wald mündet. Dort, im Schatten der mächtigen Baumkronen, ist es gleich kühler und dunkler.
Endlich hält Dazai an, stellt seine Füße auf den Boden und schaltet den Motor ab. Ich zögere einen Moment, bevor ich den Klammergriff um seine Körpermitte löse und langsam von Motorrad absteige. Während ich den Helm abnehme, schwingt sich Dazai über den Sattel und schiebt sein Motorrad in den Schatten unter einem Baum, wo er es abstellt. Ich folge ihm und lege meinen Helm neben seinen ins Gras vor dem Motorrad.
»Alles klar?«, fragt Dazai gutgelaunt und wischt sich mit seinem Handrücken die verschwitzten Strähnen aus der Stirn, »Hat Spaß gemacht, oder?«
»Ja, sehr!«, bestätige ich, »Aber wo genau sind wir?«
»Wirst du gleich sehen. Ein kleines Stück müssen wir noch gehen, bevor wir da sind.«
Nebeneinander folgen wir einem schmalen, kristallklaren Fluss, der leise über helle Kiesel plätschert, tiefer in den Wald. Wohin man auch sieht, überall nur saftiges Grün, denn nicht nur Gras, Büsche und Baumkronen strotzen vor Gesundheit und Leben in der Farbe der Hoffnung, sondern selbst an den grauen, braunen Baumstämmen schlängelt sich der tiefgrüne Efeu hoch. Einzelne helle Lichtflecken fallen durch die Baumkronen und lassen die Blätter gelbgrün leuchten. Es ist eine erfrischende Abwechslung zu dem Grau der Straßen, des Betons und der Häuser, die das Stadtbild Yokohamas prägen. Dazai beginnt eine fröhliche Melodie zu pfeifen und ich summend einzustimmen, während wir Seite an Seite über den weichen Moosteppich marschieren.
Meine Schritte sind federnd, unbeschwert, während wir immer tiefer zwischen dem vielen Grün des Waldes verschwinden.
Eine ganze Weile lang laufen wir, bis der kleine Fluss in einen großen See mündet. Seine ruhige Oberfläche ist glatt wie ein Spiegel, der das Grün der Baumkronen und das Blau des Himmels reflektiert. Das Wasser ist so klar, dass man, wenn man genau hinsieht, sogar bis auf den Grund hinunter blicken kann.
»Wow!«, stoße ich ungläubig hervor. Ich höre Dazai leise lachen, als ich mir im Laufen die Schuhe von den Füßen streife und ins kühle Wasser stürme, das augenblicklich zur Seite spritzt, als ob es mir ausweichen wolle. Über meinen nackten Füßen schwappen aufgewirbelte Schlammwolken, die einen Schwarm winziger Fische anlocken.
»Kommst du auch ins Wasser?«, frage ich über meine Schulter hinweg.
»… Ist es nicht kalt?«, erwidert Dazai zögernd. Dennoch kommt er näher, während ich die Träger des schweren Rucksacks abstreife und das Gepäckstück schließlich neben mir auf dem Boden abstelle. Hastig ziehe ich mir das T-Shirt über den Kopf und schlüpfe aus der kurzen Hose, bis ich nur noch Unterwäsche trage.
Irgendwie habe ich das Gefühl, beobachtet zu werden, doch als ich mich nach Dazai umdrehe, starrt dieser gerade lächelnd in die Weite. Ob ich es mir doch nur eingebildet habe?
»Ich hab mir schon gedacht, dass es dir hier besser gefallen würde, als irgendwo in der Stadt. Hier kannst du dich endlich einmal austoben, Atsushi…«
»Danke.«
Ich selbst habe im Waisenhaus nicht gelernt, wie man schwimmt – aber der Tiger kann es. Mittlerweile habe ich meine Angst vor dem Tiger fast völlig überwunden, nur mein Spiegelbild, das mir den großen runden Kopf des Tigers zeigt, erschreckt mich noch ein wenig. Und auch das freudige Brüllen, dass aus meiner Kehle dröhnt und sogar noch in der Weite die Vögel aus ihren Nestern scheucht, ist mir noch fremd. Aber zumindest ist mir das Gefühl für den mächtigen Raubtierkörper inzwischen vertraut. Ich mache einen gewaltigen Satz nach vorne in die Fluten und das kalte Wasser beginnt langsam durch mein weißschwarzgestreiftes Fellkleid an meine Haut zu sickern. Nach diesem heißen Tag, der mir den Schweiß im Genick hinunterrinnen hat lassen, fühlt sich diese Abkühlung unendlich gut an. Genüsslich schlage ich mit meinen Pranken regelmäßig im Wasser, schwimme eine Runde – und erblicke plötzlich Dazai, der noch immer am Ufer steht, erblasst und sichtlich erschrocken, während ihm das kalte Wasser von den dunkelbraunen Locken tropft. Sein schwarzes Hemd klebt an seinem Oberkörper wie nasse Farbe und seine weiße Hose ist an den nassen Flecken auf seinen Oberschenkeln durchsichtig geworden. Als ich vorhin in meinem Übermut meinen schweren Tigerkörper ins Wasser katapultiert habe, muss ich ihn wohl eiskalt angespritzt haben. Dazai scheint sich langsam von seinem Schreck zu erholen und lässt seine Schultern wieder sinken. Ich mache ich mir Sorgen, dass er vielleicht wütend sein würde, doch stattdessen lächelt er.
»Wenn ich schon mal nass bin, kann ich auch gleich ins Wasser gehen…«, meint er und beginnt, sich aus seiner nassen Kleidung zu schälen. Während ich wieder so nahe ans Ufer schwimme, dass ich den Boden unter den Pranken spüren kann, sehe ich ihm zu. Erst bin ich überrascht, als ich sehe, dass Dazai unter seiner Kleidung eine Badehose trägt, aber dann fällt mir wieder ein, dass er im Gegensatz zu mir schließlich von Anfang an gewusst hat, wohin wir fahren.
Der Detektiv kommt ins Wasser, bis es ihm zu den Hüften reicht.
»Jetzt kommt meine Rache«, kündigt er belustigt an und schickt mit beiden Händen vier große Wasserfontänen nach einander in meine Richtung. Ich schließe die Augen und genieße die Wellen kaltes Wasser an meinem Kopf, während mein schwerer Raubtierkörper fast völlig von alleine im See schwebt. Als ich die Augen wieder öffne, sieht Dazai lächelnd zu mir. Wasser tropft von meinem Fell in meine Augen, also schüttle ich meinen schweren Tigerkopf, um es abzuschütteln. Doch weil der Abstand zwischen dem Detektiv und mir so gering ist, besprenkle ich auch seinen blassen, schlanken Oberkörper mit dem kalten Wasser. Dass Dazai im Reflex schützend seine dünnen Arme vor sich gehalten hat, hat letztendlich nicht viel genützt. Dennoch wartet er ab, bis ich mich nicht mehr schüttle, bevor er die Arme wieder sinken lässt.
»Wie unfair, Atsushi!«, meint er amüsiert. Dann geht er leicht in die Knie, damit das Wasser ihm bis zu den Schlüsselbeinen reicht. Doch auch wenn sein Körper so weit im See verschwunden ist, sticht das Weiß seiner blassen Haut noch weit unter der Wasseroberfläche hell hervor.
»Ich will eine Revanche«, sagt Dazai, »Machen wir ein Wettschwimmen bis zum anderen Ufer?«
Da ich in der Tigergestalt nicht sprechen kann, nicke ich.
»Okay… Auf die Plätze. Fertig… Los!« Sofort stürzt sich der Detektiv nach vorne und beginnt mit schnellen Bewegungen durch das Wasser zu kraulen. Eine Weile bleibe ich an seiner Flanke, um fasziniert zuzusehen, wie sein dünner Körper die Wasseroberfläche durchschneidet und weite Wellen schlägt. Die perfekten Spiegelbilder des Himmels und der Bäume beginnen ineinander zu verfließen, weil das Wasser nun aufgewirbelt umherschwappt, als wäre es in einem Glas, das von einer zitternden Hand gehalten wird.
Erst, als das andere Ufer des Sees näher kommt, bewege ich meine Beine schneller und ziehe mühelos an dem Detektiv vorbei. Schließlich erreichen meine Pranken im seichter werdenden Wasser wieder den Grund. Ich halte an und warte auf Dazai, der auf mich zugeschwommen kommt und sich schließlich neben mir auf die runden Kiesel im Wasser setzt.
»Hah… Was hab ich mir dabei gedacht? Ein Wettschwimmen mit einem Tiger… war wohl eine naive Idee«, keucht er abgekämpft. Ich kann nicht glauben, dass er wirklich nicht gewusst haben will, wie dieser ungleiche Wettkampf ausgehen würde. Viel mehr denke ich, dass das hier eine Art Training sein soll, damit ich mich noch mehr an den Tiger gewöhne oder er sich wirklich einmal austoben kann.
Es ist so schön ruhig an diesem See. Hörbar sind nur das Rauschen des Waldes, wenn der Wind durch seine Baumkronen streift und das Zwitschern einiger Vögel.
»Ich würde so gerne mal deine flauschigen Ohren streicheln, aber…« Während Dazai so bedauernd spricht, hat er die Hand gehoben, doch ich begreife zu spät und ziehe nicht schnell genug den Kopf zurück. Kaum haben seine Fingerspitzen mein Ohr berührt, verlässt mich die Kraft und die Stärke des Tigers. Es fühlt sich an wie ein kurzer Stromschlag, als mein Körper sich so schnell verändert, aber plötzlich bin ich wieder klein und schmal und das Wasser reicht mir bis zum Kinn.
»Entschuldige«, sagt Dazai sanft und nimmt langsam die Hand von meinem Kopf.
»…Ich kann nicht schwimmen«, sage ich. Er legt den Kopf schief.
»Möchtest du es lernen?«, fragt er. Ich zögere einen Augenblick, weil mich der Gedanke, dass ich inmitten des großen Sees, weit weg vom Ufer, alleine umherstrample erst erschreckt. Aber andererseits finde ich den Gedanken, dann ein richtiges Wettschwimmen machen oder Wasserballspielen zu können, verlockender. Zudem wäre es auch sicherer, wenn ich schwimmen kann, falls ich noch einmal ins Wasser falle, wie damals, nachdem ich gegen Fitzgerald auf der Moby Dick gekämpft habe.
»…Ja.«
»Keine Angst. Ich und dein Tiger werden auf dich aufpassen… und so schwer ist es nicht«, meint Dazai aufmunternd. Er hebt seine Arme, legt die Hände flach aneinander und nimmt sie wieder auseinander, als er die Arme ausstreckt. In einer kreisförmigen Bewegung holt er die Arme wieder zum Körper zurück. Ich sehe eine Weile zu, bevor ich beginne, es nachzuahmen. Nachdem ich es ein paar Mal gemacht habe, fange ich an, mich an die Bewegung zu gewöhnen.
»Sehr gut!«, lobt Dazai, »Versuch es mal im Wasser.« Ich lasse die Arme sinken, sodass sie knapp unter der Oberfläche liegen und wiederhole die Bewegung. Durch den Wasserwiderstand fühlt es sich seltsam an und es wird schwieriger, sich gleichmäßig zu bewegen, doch ich versuche es weiter. Immer wieder kommen meine Arme nach oben und schlagen auf die Wasseroberfläche.
»Schieb das Wasser einfach weg«, sagt Dazai und drückt mit seinen Fingern meine Arme etwas weiter nach unten. Ich beobachtete die Kreise, die meine Bewegungen auf der Wasseroberfläche verursachen. Irgendwann steht Dazai auf, um von oben aus meinen Bewegungen besser zusehen zu können und plötzlich bin ich mir sicher, dass unser Ausflug in erster Linie dazu dient, mir schwimmen zu lernen. Natürlich hat auch Dazai mitbekommen, dass ich, nachdem die Moby Dick ins Meer gestürzt war, nur deshalb nicht ertrunken bin, weil Akutagawa und der alte Mann von der Gilde mich gerettet haben. Aber wenn das nächste Mal niemand da wäre, der mir helfen könnte…
Es ist lieb von Dazai, mir das Schwimmen beizubringen, damit mein Leben nicht nochmal auf die Hilfe anderer angewiesen ist… Warum bin ich dann nur so enttäuscht?
»Gut… Und jetzt die Beine«, reißt mich Dazai aus meinen Gedanken. Ich blicke zu ihm auf.
»Die Bewegung ist eigentlich dieselbe«, sagte er lächelnd, »Dreh dich mal um.«
Gehorsam drehe ich mich um, sodass ich zum Ufer und den Bäumen, die dort wachsen, schaue, anstatt weiterhin zur Mitte des Sees.
»Leg dich ganz ruhig aufs Wasser, auf den Bauch«, leitet Dazai mich sanft an, »So, wie du auf einer Luftmatratze liegen würdest… nur, dass da keine ist.«
Ähm… ja?
»Du hast nicht besonders viel Erfahrung als Schwimmlehrer, oder?«
Dazai lacht auf.
»Nein, ich mach das zum ersten Mal. Wieso?«
»Nur so…«
Ich versuche seine Anweisungen zu befolgen, doch als ich mich nicht mehr bewege und meine Beine nach oben an die Wasseroberfläche treiben, versinken auch gleichzeitig meine Schultern und mein Nacken tiefer im Wasser. Ich spüre, wie Angst in mir aufkommt. Gerade will ich mit den Füßen wieder nach dem Grund des Sees tasten, als ich Dazais Hände an meiner Brust und meinen Hüften spüre. Erst erschrecke ich über die Berührungen, dann bemerke ich, dass sie mich oben halten und meine Angst beginnt sich wieder zu legen.
»Keine Angst, du gehst nicht unter. Bleib ganz ruhig. Entspann dich.«
Tatsächlich gelingt es mir, ruhiger zu werden, weil ich die Gewissheit habe, dass seine Hände da sind, um mich über Wasser zu halten. Einen Moment lang liege ich ganz ruhig auf dem Wasser und bin überrascht, wie gut es sich anfühlt, so schwerelos zu sein.
»Versuch mal die Bewegung zu machen«, sagt Dazai dann. Gehorsam wiederhole ich die Armbewegung, wenn auch etwas vorsichtiger, weil ich jetzt mit den Fingerspitzen gegen die Steine am flachen Ufer stoße. Nun, da ich mich wieder bewege, gelangt mein Körper ein bisschen tiefer ins Wasser und spritzt es mir ins Gesicht, sodass ich wieder nervöser werde. Nur Dazais korrigierende Berührungen erinnern mich wieder daran, dass mir nichts passieren wird, weil er ja da ist und aufpasst.
»Mit den Beinen macht man auch so kreisende Bewegungen«, erklärt Dazai nach einer Weile. Ich versuche, meine Beine ähnlich wie die Arme zu bewegen, doch es ist gar nicht so einfach.
»Gut so, Atsushi, weiter«, ermutigt mich Dazai. Ich höre und sehe aus dem Augenwinkel, wie er hinter mich geht. Immer wieder korrigiert er meine Bewegungen und jedes Mal, wenn er meine
Beine berührt, spüre ich einen elektrischen Schlag, der meine Muskeln zucken lässt.
Wie peinlich, dass ich so heftig auf ihn reagiere… Aber Dazai scheint es nicht zu bemerken. Er führt meine Beine und lässt mich ein bisschen schwimmen. Und obwohl er mich immer wieder korrigieren muss, bleibt er erstaunlich ruhig und entspannt. Wir üben so lange, bis ich erschöpft bin und Dazai vor Kälte leicht zu frieren beginnt.
»Sollen wir für heute Schluss machen?«, frage ich scheu. Einerseits tut es mir schon leid, dass ich trotz aller Mühe noch nicht einmal ins tiefere Wasser hinausgeschwommen bin, andererseits kommen wir bestimmt noch mal her, wenn ich noch weitere Schwimmstunden brauche. Irgendwie versüßt mir dieser Gedanke die Niederlage.
»Ja okay«, sagt der Detektiv heiter, »Ich bin stolz, dass wir so weit gekommen sind.«
»Ich auch.«
Ich folge Dazai, als er aus dem Wasser ans Ufer geht. Wassertropfen laufen seine schlanken Muskeln hinunter, während wir beginnen, um den halben See entlang zu gehen, damit wir wieder zu unserer Kleidung zu gelangen. Doch wir haben erst ein paar Schritte zurückgelegt, als es plötzlich zu regnen anfängt. Erst nur ganz leicht tropft der kalte Regen vom Himmel auf die Blätter der Bäume und die ruhige Wasseroberfläche, aber schon bald wird er immer stärker. Schon nach kurzer Zeit bilden die vielen Tropfen einen silbernen Fadenvorhang, der Dazai und mich voneinander trennt. Aber mit meinen sensiblen Tigerohren höre ich seinen Atmen selbst durch das laute Rauschen und Plätschern des Regens. Die letzten Meter laufen wir, doch als wir die Stelle erreichen, an der unsere Kleidung liegt, sind die Hosen und Hemden längst durchnässt. Ich nehme sie und laufe zu dem Detektiv, der soeben den schweren Rucksack unter einer dichten Baumkrone in Sicherheit bringt.
»Wie schade«, seufzt Dazai schwer, »Eigentlich hatte ich geplant, dass wir noch ein Lagerfeuer machen, aber daraus wird wohl nichts mehr…«
»Und jetzt?«, frage ich.
»Am besten suchen wir uns einen Unterschlupf, bis es zu regnen aufgehört hat«, meint der Detektiv, »Komm mit. Ich weiß etwas…«
Ich folge Dazai, als er dicht am Waldrand entlang geht und schließlich zwischen den Bäumen einbiegt. Selbst im Wald rauscht der Regen noch laut und prasseln dicke Wassertropfen auf uns hinunter. Sie verwandeln den weichen, feuchten Waldboden unter unseren Füßen in grauschwarzen Schlamm.
»Gib mir bitte mal meine Hose, Atsushi«, sagt Dazai irgendwann munter, »Zum Glück ist Kunikida so ein seltsamer Kauz mit wunderlichen Hobbys.«
Ich weiß nicht, wovon er spricht, also sehe ich nur neugierig zu, wie er in seiner Hosentasche kramt, bis er schließlich einen glatten, mittelgroßen Schlüssel hervorzieht.
»Wofür ist der?«, frage ich neugierig.
»Für Kunikidas Geheimpalast«, antwortet Dazai kryptisch. Verwirrt folge ich ihm noch ein Stück, bis er plötzlich stehen bleibt. Irritiert beginne ich mich umzusehen – und mir klappt beinahe der Mund vor Erstaunen auf, als ich das große Baumhaus zwischen zwei mächtigen Eichenbäumen entdecke. Es ist keines dieser Baumhäuser, die Kinder basteln, sondern ein größeres, das fast aussieht wie ein Minigartenschuppen, mit einem Dach und Plexiglasfenstern.
»Kunikida hat das gebaut?«, frage ich verwundert.
»Ja. Laut eigener Aussage, damit er an einen Ort fliehen kann, wo er Ruhe von uns hat«, führt Dazai aus und geht zielsicher zu der schmalen Leiter, die zum Baumhaus hinaufführt, »Ranpo und ich sind die einzigen vom Detektivbüro, die darüber Bescheid wissen. Ach und du jetzt auch…«
Dazai beginnt hastig die Leiter zu erklimmen und auf der obersten Sprosse angekommen mit dem Schlüssel das Vorhängeschloss zu öffnen, das den Zugang zum Baumhaus versperrt.
»Gut, dass ich Kunikida sicherheitshalber den Schlüssel aus den Rippen geleiert hatte«, flötet Dazai.
»Wie hast du es denn geschafft, ihn dazu zu bringen, dir den Schlüssel zu geben?«
»Indem ich angedroht habe, sonst allen anderen von dem Baumhaus zu erzählen~«
Er zwinkert mir verschwörerisch zu, bevor er ins Innere des Baumhauses klettert.
Ich bin hin und hergerissen zwischen dem schlechten Gewissen gegenüber Kunikida und meinem Instinkt, vor dem kalten Regen ins Innere des Baumhauses zu flüchten.
»Worauf wartest du, Atsushi?«, fragt Dazai amüsiert, »Willst du bis auf die Knochen nass werden?«
Ich beschließe, mich bei Kunikida zu entschuldigen, bevor ich dem älteren Detektiv die nassen Sprossen ins Baumhaus hinauffolge. Kaum, bin ich aus der Tür im Boden hineingeklettert, stelle ich überrascht fest, wie gemütlich es hier ist. Ein kleiner Tisch, einige Kissen und eine große Kiste bilden die einzige Einrichtung, doch die Aussicht aus den Plexiglasfenstern ist einfach überwältigend. Von hier aus hat man einen guten Blick über die weiten Baumkronen und den Himmel, der inzwischen von dichten Wolken regengrau gefärbt ist. Es gibt sogar Plexiglasdachflächenfenster, durch die man direkt in die Baumkronen und in den Himmel sehen kann. Ich kann beobachten, wie die Regentropfen darauf fallen und sich zu einer größeren Lache verbinden.
»Das ist total schön«, staune ich.
»Ja. Ich bin froh, dass ich endlich mal einen guten Vorwand habe, Kunikidas Eigentum zu entweihen«, antwortet Dazai fröhlich. Als ich mich zu ihm umdrehe, kniet er gerade am Boden und hängt das Vorhangschloss innen im Baumhaus ein, um nun von innen zuzusperren. Dann beginnt er den Rucksack auszuräumen. Obwohl ich den Rucksack während der Motorradfahrt getragen habe, habe ich bisher nicht gewusst, was sich darin befindet, weil Dazai ihn vorher alleine eingepackt hat. Mit den zwei Bento-Boxen und Trinkflaschen, die Dazai nun neben sich auf den Boden stellt, habe ich eigentlich schon gerechnet. Außerdem hat er zwei Handtücher eingepackt, von denen er mir eines zuwirft.
»Du solltest dich gut abtrocknen«, meint er fröhlich und beginnt mit dem anderen sein Gesicht und seine Haare trocken zu reiben.
»Hast du eigentlich auch trockene Ersatzkleidung mitgenommen?«, frage ich.
»Nein«, lächelt Dazai, »Ich habe mir das eher so vorgestellt, dass wir uns mit unseren Badehosen gemütlich ans Lagerfeuer setzen und wenn wir getrocknet sind, gemütlich in die Stadt fahren und ein Eis essen. Aber solange es so stark regnet, ist das zu gefährlich.«
»Wir könnten Kunikida anrufen, damit er uns abholen kommt«, werfe ich ein.
»Jaaaaah«, antwortet Dazai seltsam gedehnt, »…Wenn ich unsere Handys nicht zuhause gelassen hätte.«
»Wieso in aller Welt?«, frage ich entsetzt, »Ich habe dir meines doch extra gegeben, damit du es in den Rucksack steckst?«
»Schon. Aber ich hab mir Sorgen gemacht, dass es im Wald vielleicht kaputt gehen könnte.«
Dazai zuckt gelangweilt mit den Schultern und ich ergebe mich seufzend. Unsicher, was ich jetzt wegen meiner nassen Unterwäsche unternehmen soll, beginne ich erst meine Arme abzutrocknen.
»Du verwandelst dich gar nicht in den Tiger und gehst mir an die Gurgel?«, fragt Dazai überrascht.
»Nein. Ich bin sicher, dass Kunikida dir selbst den Hals umdrehen will, wenn er erfährt, dass du unsere klatschnasse Kleidung auf seinem Holzboden auflegst und dich nackt auf seine Kissen setzt«, entgegne ich seufzend.
Dazai lacht leise.
»Kann sein.«
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er aufsteht, sich noch schlampig abtrocknet und mir schließlich den Rücken zudreht, während er seine nasse Badehose auszieht. Erschrocken drehe ich den Kopf zur Seite, doch ich kann nicht verhindern, dass ich erröte. Schnell verstecke ich mein Gesicht in dem Handtuch und tue so, als ob ich meine Haare trocknen würde.
Dabei… hätte ich ihn gerne noch ein wenig angeschaut.
»Du solltest dich auch ausziehen, sonst erkältest du dich noch«, sagt Dazai plötzlich ernst, »Keine Sorge, ich schau dir nichts weg.«
Vorsichtig nehme ich das Handtuch vom Gesicht und schiele zögernd in Richtung des älteren Detektivs, der mir tatsächlich noch immer den Rücken zugedreht hat. Inzwischen ist sein Handtuch um seine Hüfte gebunden. Plötzlich finde ich die Vorstellung, meine nasse Unterwäsche auszuziehen, nicht mehr so schlimm. Mit dem Handtuch um die Hüften wäre nicht viel anders als in den Gemeinschaftsduschen des Detektivbüros oder in einem öffentlichen Schwimmbad oder einer Sauna… Der Unterschied ist nur, dass Dazai und ich alleine sind.
»Danke…«
Hastig streife ich meine nasse Unterwäsche ab und binde mir ebenfalls das Handtuch um die Hüften.
»Fertig.«
Dazai lässt sich dennoch Zeit, als er sich umdreht und sich wieder mir gegenübersetzt. Die Belustigung ist aus seiner Miene verschwunden und er sagt auch nichts mehr. In der hinteren Ecke legt er nur seine nasse Kleidung zum Trocknen auf und ich mache es ihm mit meiner nach. Eine Weile ist es still. Im Hintergrund singen verschiedene Vögel ihre Lieder, eigensinnig, dennoch in einem Chor. Ihre Gesänge mischen sich mit den Geräuschen, die entstehen, wenn der Wind die dünnen Äste der Bäume über das Plexiglasfenster kratzen lässt und der Regen dagegen trommelt.
Schweigend lehnt sich Dazai in die Kissen zurück und lässt seinen Blick durch das Baumhaus schweifen. Ich sehe wieder aus dem Fenster, wo sich zwischen den dichten grauen Regenwolken der Himmel gelblich zu verfärben beginnt.
»Meinst du, es gibt Hagel?«, frage ich beruhigt, doch Dazai schüttelt den Kopf.
»Nein. Das ist nur der Sonnenuntergang«, meint er. Er sieht eine Weile aus dem Fenster, dann steht er auf und geht zur Kiste.
»Sind das nicht Kunikidas persönliche Sachen?«, frage ich.
»Natürlich«, antwortet Dazai munter und wühlt dennoch seelenruhig in der großen Kiste, bis er ein paar Teelichter und ein Feuerzeug gefunden hat. Er kommt mit ihnen zurück und setzt sich etwas dichter zu mir. Nun, da ich seinen Geruch wieder wahrnehmen kann, beginnt meine Haut dort, wo er mich während des Schwimmtrainings an meiner Brust, meinem Rücken und meinen Oberschenkeln geführt hat, warm zu kribbeln. Wieso… erinnert sich mein Körper so wohlig an seine Berührungen?
»Hast du nicht auch Hunger?«, fragt Dazai unvermittelt.
»Doch«, gebe ich zu und beuge mich nach vorne, um die Bentoboxen zu erwischen und näher an uns zu ziehen. Ich stelle beide auf den niedrigen Tisch zwischen uns.
»Danke.«
Beim Anblick der verschiedenen Snacks in den abgeteilten Bereichen der Bentobox beginnt mir das Wasser im Mund zusammenzulaufen. Genüsslich beginne ich, mich über das frittierte Hähnchen, die Frühlingsrollen und das gebratene Gemüse herzumachen, denn erst jetzt merke ich, wie hungrig ich eigentlich bin, nachdem wir so viele Stunden im See verbracht haben.
»Danke, dass du mit mir hergekommen bist, um mir Schwimmen beizubringen«, sage ich irgendwann, »Ich bin froh, wenn mein Leben in Zukunft nicht mehr davon abhängt, ob meine Feinde zufällig gerade in der Stimmung sind, mich aus dem Wasser zu fischen…«
Dazai blickt mich verwundert und mit vollem Mund an. Hastig schluckt er hinunter.
»Meinst du wegen dem Vorfall auf der Moby Dick?«, fragt er und ich nicke betroffen.
»An dem Tag war ich tatsächlich etwas nervös. Aber das… das war doch überhaupt kein Problem«, meint der Detektiv heiter, »Wegen dem Wasser warst du nicht eine Sekunde in Gefahr.«
Ich verstehe gar nichts mehr.
»…Was?«
»Naja, ich wusste, dass Akutagawa gut schwimmen kann – und dass er dich niemals ertrinken lassen würde.«
»Wie kannst du das wissen? Schließlich hasst er mich wie die Pest«, werfe ich empört ein.
»Er weiß, dass ich ihm nicht verzeihen würde, wenn er dich ertrinken lassen hätte.«
Über diese Antwort bin ich im ersten Moment zu verwirrt, schließlich wirft sie mehr Fragen auf, als sie beantwortet.
»…Warum… dann das Schwimmtraining?«, frage ich leise.
»Na, weil du gesagt hast, dass du es lernen möchtest«, antwortet Dazai belustigt, als ob die Antwort die ganze Zeit auf der Hand gelegen hätte, »Hör mal, Atsushi. Ich bin nicht wegen der Moby-Dick-Geschichte mit dir hergekommen. Sondern weil ich dachte, dass es Spaß machen würde. Ist das denn so abwegig? Wer würde nicht mit einem schönen weißen Tiger in einem Waldsee baden wollen, wenn er die Gelegenheit dazu hätte?«
Schön? Hat er gerade ›schöner Tiger‹ gesagt?
Nein. Ich muss mich verhört haben.
Warum sollte eine faszinierende Person wie Dazai etwas übrig haben für jemanden wie mich? Oder erst recht für diese wilde Bestie, die Menschen getötet und so viel Zerstörung angerichtet hat…
Das kann er nicht so gemeint haben.
»Ja… Es hat Spaß gemacht«, stimme ich zu, um das Thema zu beenden. Doch an Dazais nachdenklichem Blick erkenne ich, dass es für ihn noch nicht abgeschlossen ist.
Als wir fertig gegessen haben, beginnt der Himmel langsam dunkel zu werden, doch der Regen hört nicht auf. Satt und müde lehne ich mich gegen die Wand und schaue aus dem Plexiglasfenster in den dunklen Wald. Heute ist wirklich ein schöner Tag gewesen…
Dazai zündet irgendwann zwei Teelichter an und stellt sie auf den Tisch zwischen uns. Ich bin erstaunt, wie sehr ihre Lichter das Baumhaus erhellen können.
»Wenn du müde bist, kannst du ruhig ein bisschen schlafen«, meint Dazai.
»Macht es dir nichts aus?«, frage ich.
»Natürlich nicht.«
Ich lasse mich tatsächlich zur Seite fallen und schiebe mir ein Kissen unter den Kopf. Ein wenig erschrecke ich, als ich plötzlich etwas Weiches fühle, doch als ich den Kopf sehe, stelle ich fest, dass es nur Dazai ist, der eine dünne Decke über mich legt.
»Es wird in der Nacht sehr kühl werden«, erklärt er kurz.
»Dann solltest du dich auch zudecken«, erwidere ich ruhig. Der Detektiv zögert kurz, doch dann legt er seine nackten Beine zu mir unter die Decke. Ich schaudere ich leicht, weil sich unsere nackte Haut berührt. Aber Dazai scheint es nicht auszumachen.
Später, als wir nebeneinander liegen, pocht mein Herz so schnell, dass ich zum einen befürchte, dass Dazai es merkt und zum anderen nicht einschlafen kann. Diese Nähe macht mich nervös. Doch der Detektiv scheint eingeschlafen zu sein. Im schwachorangen, flackernden Schimmer des Teelichts kann ich deutlich sein friedliches, von mahagonibraunen Locken umrahmtes Gesicht erkennen, in dem seine Lippen einen Spalt geöffnet sind.
Wenn er so ist, sieht Dazai eher wie ein Engel aus, statt wie ein gefährlicher ehemaliger Mafioso.
Kaum zu glauben, dass er so viele Menschen auf dem Gewissen haben soll…
Moment! Ich habe gedacht, es wäre nur wegen seiner Fähigkeit… Oder ist das etwa der wahre Grund, warum er überhaupt keine Angst vor dem Tiger hat?
Weil er selbst noch mehr Menschen getötet hat?
Der heutige Tag zieht vor meinem geistigen Auge vorbei. Ich denke wieder an die Motorradfahrt, an die Hitze des Sommers und das kühle Wasser. Ich erinnere mich an Dazais Finger, die mich durch den See geführt haben… und mir wird warm. Nicht nur im Herzen, sondern auch in meinem Körper. Hastig spule ich den Film, der in meinem Kopfkino läuft, vor, zu der schönen Aussicht im Baumhaus, dem leckeren Essen und unserem Gespräch…
Akutagawa soll mich Dazai zuliebe gerettet haben? Wieso soll ich Dazai so viel bedeuten?
Ist meine verhasste Fähigkeit wirklich derart wertvoll für das Detektivbüro?
»Atsushi, kannst du nicht schlafen?«
Dazais Worte lassen mich erschrocken zusammenzucken. Schließlich bin ich so sicher gewesen, dass er tief und fest schläft.
»Ähm nein… Mir ist irgendwie warm…«
»Ach so?«, fragt Dazai irritiert, »Ich finde es eher kalt. Hast du dich etwa schon erkältet?«
Ich schaudere, als er seinen Arm zwischen uns bewegt und an unseren Körpern vorbeizieht, damit er mir seine Hand auf die Wange und dann an die Stirn legen kann, um meine Temperatur zu fühlen. Mein Herz beginnt noch schneller zu schlagen und mein Atem flacher zu werden.
»Du fühlst dich tatsächlich heiß an«, stellt der Detektiv besorgt fest, »Tut mir leid, es ist meine Schuld, wenn du Fieber bekommen hast…«
»Nein«, wehre ich hastig ab und spüre, wie sich mir die Kehle zuschnürt, »Mir geht’s gut. Ich bin nur nervös… So viel Nähe macht mich nervös. Damals im Waisenhaus… Ich bin einfach nicht daran gewöhnt, dass mir jemand nahe ist und mich jemand berührt…«
Und dass es sich dann gut anfühlt.
Dazai hält einen Moment inne und atmet durch.
»Ich verstehe«, sagt er dann, »Aber natürlich. Kein Wunder, nach der Hölle, die du im Waisenhaus erlebt hast. Tut mir leid, dass ich das nicht bedacht habe. Es kommt nicht mehr vor, dass ich dich einfach so anrühre…«
»Schon gut«, erwidere ich schnell, »Bei dir finde ich es schön. Ich hab keine Angst vor deiner Nähe. Ich weiß, dass du mir nicht wehtun wirst, Dazai… Du kannst mich ruhig anfassen.«
Lächelnd streckt der Detektiv seine Arme aus und zieht mich ein wenig dichter an seinen Körper. Ich erschrecke, als meine Hände schließlich plötzlich zwischen unseren Körpern auf Dazais Brust gepresst liegen – und vor allem, weil ich fühle, wie schnell sein Herz schlägt.
»Dazai, du…«, setze ich an, unterbreche mich aber, weil ich nicht weiß, wie ich den Satz beenden soll.
»Siehst du? Ich werde auch nervös, wenn wir uns so nahe sind«, gibt Dazai lächelnd zu. Meine verwirrten Gedanken beginnen sich zu überschlagen und die verschiedensten Erklärungen für die momentane Situation zu finden. Die plausibelste ist wohl, dass ich das Alles nur träume. Ja, ich muss einfach träumen. Eine faszinierende Person wie Dazai und ich…?
»Wieso?«, frage ich trotzdem, einfach nur, weil ich wissen will, was er jetzt gleich antworten wird.
»…Tja, keine Ahnung. Vielleicht, weil der Tiger mich töten könnte, bevor meine Fähigkeit ihn bezwingt… Oder auch, weil du jetzt nackt neben mir liegst… und ich mir schon öfter vorgestellt habe, wie es wäre, mit dir zu schlafen«, antwortet Dazai unverblümt und treibt mir damit erneut die Schamesröte ins Gesicht. Meine Zunge ist plötzlich so trocken wie Sandpapier und meine Stimme entsprechend rau, als ich frage: »War es schön?«
»Verrate ich nicht«, sagt der Detektiv und lacht leise.
Ich schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter. Wenn das hier nur ein Traum ist, dann… ist es doch in Ordnung, wenn ich tue, was ich will, oder?
»Willst du es tun, Dazai?«, frage ich leise.
»Was? … Das war doch nur ein blöder Witz…«
»… Ich hab es noch nie gemacht und vielleicht kann ich es nicht gut, aber ich würde trotzdem… wenn du willst…«
Im schwachen Licht des Teelichts sehe ich, wie Dazai sich leicht aufrichtet, um mir ungläubig ins Gesicht zu blicken. Einen Augenblick lang scheint er meine Miene zu studieren und nachzudenken, wie er nun wohl am besten auf meine Worte regieren soll, doch dann seufzt er leise.
»… Atsushi, das ist nicht wie Schwimmen. Es ist nichts, dass man mal ›ausprobieren‹ oder schnell ›lernen‹ kann… Gerade du weißt, was Erinnerungen mit einem machen können. Diese Erfahrung wird dich immer prägen, deshalb… solltest du es nur mit jemandem machen, den du liebst und von dem du geliebt wirst…«
Darüber habe ich natürlich schon nachgedacht… Doch ich hätte es nie gewagt, von mir aus den ersten Schritt in diese Richtung auf Dazai zuzumachen.
»…Das alles ist mir bewusst…«, beteuere ich deshalb leise, wobei das Blut so laut in meinen Ohren rauscht, dass ich meine Stimme kaum höre. Aber ich weiß, dass Dazai mich verstanden hat. Nicht nur akustisch, sondern auch die wahre Bedeutung meiner Worte.
»Du gibst mir mehr Zuneigung, als ich je hatte...«, murmle ich, als ich mich aufrichte und ihn zögernd auf die Wange küsse, denn… mehr trau ich mir nicht zu, nicht ohne seine Einladung. Dazai zögert kurz, dann endlich versiegelt er unsere Lippen in einem Kuss. Reflexartig lege ich die Arme um seinen Nacken und lasse mich zurück in die Kissen sinken. Meine Beine klappen leicht auseinander, um Dazai Platz zu machen. Der Detektiv zieht die Decke ein wenig hinunter und beginnt, sanfte Küsse auf meiner Haut zu hinterlassen – von meinen Lippen übers Kinn, den Hals hinunter bis zu meiner Brust, während ich immer wieder neugierig seine Seiten hoch und hinunter streichle. Seine Zunge beginnt meine Brustwarze zu massieren, bis sie hart wird und sich ihm entgegen drückt, ich lauter atme und mich haltsuchend an seine Schulter klammere. Dazai widmet sich seiner anderen Brustwarze, während seine rechte Hand schamlos unter mein Handtuch gleitet.
Im Vergleich zu meinen Lenden ist sie kühl, doch seltsamerweise ist das Gefühl, als ihre Kälte auf meine warme Haut trifft, keineswegs unangenehm. Hingebungsvoll stöhne ich auf, als die kräftigen Finger vorsichtig meine Männlichkeit umschließen und behutsam zu streicheln beginnen.
»Ja, meine Fantasien waren schön… aber das wird die Realität auch«, beantwortet Dazai meine Frage von vorhin in einem ruhigen, entlegenen Ton.
Mein Schaft wird härter und beginnt sich seinen Fingern entgegen zu drücken, doch da streift er mit dem Daumen kurz und provokant über meine Spitze und lässt dann von mir ab. Nur noch den Zeigefinger kann ich fühlen, wie er über meinen Damm streift, bis zu der Pforte zu meinem Inneren, um über sie zu streicheln.
»Ach… und noch was, Atsushi… Wenn man glaubt, dass man träumt, dann ist man immer hellwach.« Ich höre das Lächeln in seiner ruhigen Stimme, doch es dauert einen Augenblick, bis ich durch meinen Rausch benebelt, verstehe, was er mir damit sagen will.
Erschrocken richte ich meinen Oberkörper auf und starre entsetzt zu dem Detektiv, der mir düster zulächelt. Wie ein reißender Fluss rauscht das Blut in meinen Ohren. Dazais Nähe, sein Duft, sein intensiver Blick – es ist einfach zu viel, ich fühle, wie mir schummrig wird. Dazai lässt plötzlich von meinem Unterleib ab und kommt mir mit seinem Kopf entgegen, um mich zu küssen.
»Auch, wenn du nervös bist, entspann dich, Atsushi.«
Besänftigt von seinen Worten lehne ich mich zurück in die Kissen und schließe die Augen. Ich versuche, mich vollkommen den neuen Gefühlen, die der Detektiv in mir entfacht, hinzugeben... Seine Lippen berühren schließlich wieder meine, streifen sie, bis ich sie mit meinen einfange und sanft zu massieren beginne.
Dazais warmer Atem dringt in meinen Mund. Verlangend lege ich die Arme um seinen Körper, um ihn vorsichtig zu mir hinunter zu dirigieren. Tatsächlich schmiegt er sich nun an mich, während meine Hände neugierig seinen Körper abtasten und schließlich an seinen Hüften liegen bleiben. Ein Schauer jagt mir den Rücken hinunter, als ich fühle, wie Dazai mit seiner Zungenspitze über meine Unterlippe streicht. Zögernd öffne ich mit einem leisen Keuchen den Mund.
Doch anstatt mit seiner Zunge in ihn einzudringen, löst Dazai unseren Kuss, um seine samtigen Lippen stattdessen an meinen Hals anzulegen. Ich keuche, weil es sich so gut anfühlt, wie er vorsichtig an meiner empfindlichen, dünnen Haut knabbert und sie massiert. Mein rasender Puls pocht gegen seine Zunge. Seine Finger versinken in meinem weißblonden Haarschopf. Sie streifen durch meine Strähnen, dann finden die leicht abgeknickten Finger den Weg zu meiner Wange. Dazai streichelt mein Gesicht so sanft, dass ich betört die Augen schließe.
Es ist tatsächlich kälter geworden, denn ich spüre die feuchten Spuren von Dazais Küssen kühl auf meiner Brust, als wären sie ganz frisch entstanden.
»Darf ich dich anfassen?« fragt Dazai nach einer Weile. Ich schlucke schwer, doch der Kloß in meinem Hals ist danach immer noch da. Hastig räuspere ich mich.
»Ja…«
Nun löst Dazai behutsam den Knoten, der das Handtuch um meine Hüften gebunden hält, sodass es links und rechts neben meinen Hüften zu Boden fällt und meinen entblößten Körper preisgibt. Dazai beugt sich hinunter und nach vorne und beginnt, zärtliche, federleichte Küsse von meinem Brustbein an abwärts auf meine Haut zu hauchen.
»Du hast keinen Grund dich zu schämen, aber sag es, wenn dir etwas unangenehm ist«, raunt er dazwischen gegen meine Haut.
»… Ja…«
Meine rechte Hand taucht in sein Haar und streichelt seinen Kopf, während seine Lippen inzwischen bei meinem Bauch angekommen sind. Unwillkürlich spanne ich alle Muskeln an, denn ich fiebere Dazais Berührungen entgegen. Als er mit seiner Nase über meine Erregung streift, halte ich vor Anspannung sogar den Atem an.
Im nächsten Moment schließt er langsam die Lippen um mein Glied, während mein Körper unter einem kurzen wohligen Schauer leicht erbebt. Dazai beginnt sofort, es mit seiner Zunge zu streicheln. Ich festige nervös den Griff um seine Haare, um nicht das Gefühl zu haben, die Kontrolle völlig abzugeben und keuche atemlos in die Nacht. Das warme Flackern des Kerzenlichtes tanzt über Dazais makellose, blasse Haut, als er beginnt, seinen Kopf in einem sanften Rhythmus vor- und zurück zu bewegen. Nicht nur, dass Dazais Wangen gerötet sind und vor Hitze glänzen, in seinen Augen erkenne ich Lust… und Stolz… und das Wissen, dass er – nur er und niemand sonst - das mit mir tun kann. Eine Weile erwidere ich seinen Blick, dann verlassen mich meine Kräfte und ich sinke mit dem Rücken zurück auf den Boden.
Nach einer Weile beginnen meine schmalen Hüften ihm unwillkürlich entgegen zu zucken, damit meine Männlichkeit tiefer in seinen Rachen eindringen kann.
Meine Atmung wird lauter, immer mehr füllt mein Glied seinen Mundraum aus, bis seine Zähne leicht über meinen Schaft streichen und mich noch mehr reizen. Nur am Rande meines berauschten Bewusstseins nehme ich wahr, wie meine Beine zu zittern beginnen, sodass Dazai seinen Griff um meine Hüften verfestigt. Im Takt seiner nun schneller werdenden Bewegungen wippt sein Haar vor und zurück. Meine Finger, die ich haltsuchend auf seinen Rücken gelegt habe, verkrampfen und sicherlich hinterlassen meine Nägel dabei sichelmondförmige Kerben in seiner blassen Haut, doch anstatt aufzuhören, beginnt Dazai seine Wangen zusammenzuziehen und zusätzlich Druck in meinen Genitalien zu erzeugen.
»Ich kann nicht mehr«, stöhne ich keuchend in die Nacht, weil ich das Gefühl habe, jeden Augenblick die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Dazais Körper zuckt plötzlich und sein Kopf fällt ein Stück nach vorne, sodass ich noch tiefer in seinen Rachen gelange und mein Atem seinen Oberschenkel streift. Meine Körpertemperatur steigt weiter und mein Herz pocht noch stärker in meiner Brust und meinem Bauch. Ich beiße mir auf die Unterlippe, doch als Dazai meine Männlichkeit aus seinen geschlossenen Lippen herauszieht, klappt mein Mund wieder auf.
»Daahzai…«, keuche ich schließlich voller Lust, ohne Beherrschung, als sich mein ganzer Körper verkrampft, mein Becken nach vorne durchdrückt… und der ganze angestaute Druck sich mit einem Mal entlädt. Erschrocken und mit vor Scham roten Wangen will ich mich sofort zurückziehen, doch Dazai hält mich zurück.
»War’s gut?«, fragt er sanft.
»Mhm.«
»Freut mich.«
Mir ist so heiß, während ich zusehe, wie Dazai aufsteht und zum Rucksack geht. Seelenruhig kramt er darin mit der linken Hand nach einer Packung Taschentücher, damit er eines herausziehen und sich damit die rechte Hand abwischen kann.
»Kann ich bitte auch eines haben?«, frage ich schüchtern.
»Natürlich.«
Dazai reicht mir lächelnd ein Taschentuch, doch ich versuche seinem Blick auszuweichen. Nachdem ich mich auch notdürftig abgewischt habe, lasse ich verlegen eines meiner Beine zur Seite fallen, sodass es meine Körpermitte verdeckt. Erst jetzt fällt mir auf, dass es ganz still ist. Seit wann hat der Regen aufgehört?
Der Detektiv pustet das letzte Teelicht aus und tastet sich in fast völliger Dunkelheit wieder zurück zu mir. Dicht neben mir legt Dazai sich wieder hin und lässt sich von mir zudecken.
»Gute Nacht, Atsushi«, haucht mir der Detektiv zu und zieht mich locker in seine Arme. Zögernd schmiege ich mich an ihn, bette meinen Kopf auf seine Brust und atme leise auf.
»Schlaf gut, Dazai. Und danke… für alles.«
Solange ich kann, wehre ich mich gegen die aufkommende, bleierne Müdigkeit. Statt einfach einzuschlafen, lausche ich lieber Dazais sanften, gleichmäßigen Atemzügen und genieße das Gefühl seiner Nähe. Wie es jetzt wohl mit uns weitergehen wird?
Ich muss realistisch bleiben – ohne diesen Regenschauer wären wir uns schließlich nicht einmal so nahe gekommen. Deshalb kann ich eigentlich nur dankbar sein und inständig hoffen, dass diese Nacht nicht zu Ende geht.
Aber es nützt nichts, weil ich weiß, dass sich die Zeit nicht anhalten lässt.
 
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