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Outside the shell

von xNadzika
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Ed Lane Julianna "Jules" Callaghan Mike "Spike" Scarletti OC (Own Character) Sam Braddock Sergeant Gregory Parker
10.06.2020
10.06.2020
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1.713
 
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10.06.2020 1.713
 
Freitag, 10.02.2012

Still saß er an der Thekenbar und nippte an seinem alkoholfreien Bier. Direkt aus der Flasche, nicht aus einem Glas. Daneben stand ein Körbchen mit frischen Fritten, die er jedoch nicht anrührte. Ihm war nicht wirklich nach Essen. Das änderte sich mehrmals schlagartig am Tag. Zudem wusste er, dass seine Mutter bereits zuhause mit einem warmen Abendmahl auf ihn wartete. Doch wollte er wirklich nach Hause? Nicht sonderlich. Zuhause war es unerträglich. Die Luft war dick. Wie eine Last stützte sich die Atmosphäre jeden Tag auf seine, bereits überlasteten, Schultern. Was er von der Arbeit nach Hause trug, behielt er für sich. Seiner Mutter tat es nicht gut, wenn er über die Einsätze sprach. Sie war noch immer in tiefer Trauer über den Tod seines Vaters, der bereits mehrere Monate zurücklag. Die Trauer gab nicht nach. Nicht im Geringsten. Seine Mutter hatte nur noch ihn. Zu ihrem Glück lebte er noch immer unter ihrem Dach. Nicht, dass er sich nicht ein eigenes Apartment leisten konnte. Dazu war er durchaus im Stande. Wie oft hatte er schon ausziehen wollen, noch zu Beginn seiner Polizeikarriere. Seiner Mutter zur Liebe war er noch eine Weile geblieben. Dann kam die Diagnose seines Vaters und nun wäre seine Mutter allein und er traute ihrem Zustand nicht, ohne ihn zu leben. So kam er manchmal nach dem Dienst in diese Bar und trank ein Kaltgetränk oder ein alkoholfreies Bier, bevor es wieder ins bedrückende Heim ging. Auch wenn er ohne Begleitung dasaß, machte es ihm nicht viel aus. So besaß er Ruhe und Stille für sich und seine Gedanken, seine Ängste und Wünsche, mit denen er sich auseinandersetzen konnte.

„Ein weiterer langer Tag, was Spike?“ Der Barkeeper schenkte ihm ein mildes, mitleidendes Lächeln, während er einige Gläser polierte.

„Du sagst es, Robin“, antwortete Spike. Mit einem leichten Nicken hob er seine Flasche an und nahm einen Schluck. Während er sich wieder in seine Gedanken einfühlen versuchte, fiel seine Aufmerksamkeit auf eine junge Frau, die in die Bar hereinkam. Sie setzte sich unweit von ihm, auf einen der Barhocker und seufzte. Ihr karamellbraunes Haar war zu einem unordentlichen Zopf zusammengebunden, der wellenartig bis über ihre Schulter hing. Ihr ovales Gesicht konnte er nur aus dem Profil erkennen, doch sie lächelte den Barkeeper erschöpft an und schälte sich aus ihrem marineblauen Mantel, den sie über die Lehne des Barhockers hing. Im ersten Moment machte sie einen sehr natürlichen und sympathischen, wenn auch müden Eindruck.

„Anstrengender Tag?“, fragte Robin auch sie.

„Einer der schrecklichsten Dienste überhaupt“, antwortete sie. Dabei stützte sie ihren Kopf in ihre Hände und stieß einen weiteren Seufzer aus. „Mach mir eine helle Traubenschorle bitte, Robin.“

Spike schmunzelte über ihre Bestellung. Was für eine feine Art eine Weinschorle zu bestellen. Aus dem Augenwinkel beobachtete er sie vorsichtig. Als der Barangestellte ihr ein Glas Traubensaft mit Mineralwasser hinstellte, konnte er sich ein Lachen nicht verkneifen. „Tut mir leid“, entschuldigte er sich sofort, als sie auf ihn aufmerksam wurde. „Ich dachte nur, dass Sie sich eine Weinschorle bestellen. Einen Traubensaft habe ich tatsächlich nicht erwartet.“

„Bereitschaftsdienst“, erklärte sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Mit den Worten schnappte sie sich ihr Glas und ihre Jacke. Damit trat sie näher zu Spike und setzte sich direkt neben ihn auf den freien Platz. „Sie lehnen sich aber auch nicht gerade aus dem Fenster nach Ihrem langen Tag“, neckte sie ihn mit einer Handgeste zu seiner Bierflasche.

„Morgen früh wieder Dienst“, sprach Spike schmunzelnd. „Öffentlicher Dienst.“

„Lassen Sie mich raten.“ Die Frau nahm einen Schluck ihres Getränks. Mit prüfendem Blick musterte sie ihr männliches Gegenüber. „Feuerwehr oder Polizei.“

„Polizei“, gab er nickend zu. „Und Sie arbeiten bestimmt in einem Krankenhaus.“

„Sie sind gut“, sagte sie grinsend. „Wie kommen Sie darauf?“

„Eh, war nur so ein Bauchgefühl.“ Spike reichte ihr die Hand. „Spike.“

Erfreut schüttelte sie seine Hand. „Lyn.“

„Ich sehe dich hier zum ersten Mal, Lyn.“

„Falsch, du bemerkst mich zum ersten Mal hier.“ Mit einem Schmunzeln auf den Lippen sah sie ihn an. „Ich bin mehrmals die Woche hier. Allein zuhause fällt einem die Decke auf den Kopf nach Tagen wie diesen.“

„Was ist passiert, wenn ich fragen darf?“ Er war tatsächlich interessiert an der unbekannten Lyn. Es störte ihn nicht einmal, dass sie ihm nur ihren Spitznamen verraten hatte. Die junge Ärztin, wie er vermutete, hatte etwas Frisches und Lebendiges an sich, was ihm gut tat und anzog. Vielleicht würde sie ihn auf bessere Gedanken bringen.

„Ich habe heute einen langjährigen Patienten verloren.“ Sie leerte ihr Glas mit einem weiteren Zug und stellte es ab. Auf einen Nachschank verzichtete sie bei Robin. „Aber nicht durch einen Fehler auf dem OP-Tisch. Seine Operation wurde aus unverständlichen Gründen verschoben. Das hat ihn das Leben gekostet. Gehirnblutung. Ein junger Mann, der sich gerade mit seiner Freundin verlobt hatte.“ Laut ausatmend lehnte sie sich zurück. „Es war schon viel zu spät für eine Notfall-OP. Da konnte man nichts machen. Hätte nicht passieren müssen, doch mir waren die Hände gebunden.“

„Puhh, schwerer Brocken.“ Spike wusste nicht recht was er sagen sollte. Stumm leerte er seine Bierflasche aus. Auch er winkte ein weiteres Getränk ab. „Da war mein Tag doch etwas positiver. Eine Geiselnahme vereitelt, alle lebend rausgebracht und keiner wurde verletzt.“

„Die Geiselnahme an der Rosedale war euer Einsatz? Das habe ich in der Pause in den Nachrichten gesehen.“ Sie brauchte einen Moment um zu verstehen wer vor ihr saß. „Da ist aber jemand eitel mit der Polizei.“ Spaßeshalber knuffte sie ihm in den Oberarm. „Sitzt hier einer der speziell ausgebildeten SRU Officern vor mir und betitelt sich nur als Polizei.“

„Ich mache ja nur meinen Job.“ Spike zuckte lachend die Schultern.

„Hat der Officer denn noch genug Kraft in den Beinen auf einen Spaziergang durch den Schnee?“ Lyn musterte ihn erwartungsvoll.

„War das eine Einladung?“, fragte Spike unsicher. Unschlüssig war er darüber, ob er mitgehen sollte. Zwar gefiel ihm die junge Ärztin, doch es war sehr ungewohnt für ihn so spontan zu sein. Zudem kannte er sie so ziemlich gar nicht. War sie einfach nur freundlich zu ihm oder war da etwas im Busch? Ungern ließ er seine paranoiden Gedanken in seinem Privatleben durchdringen, jedoch hatten sie ihm schon mehrmals den richtigen Hinweis gegeben und ihn aus brenzligen Situationen gerettet.

„Es nur eine Frage der Zeit bis ich wieder ins Krankenhaus gerufen werde“, erklärte die Braunhaarige während sie sich ihren Mantel überwarf. „Da genieße ich gerne noch etwas frische Luft bevor es wieder in die Kluft geht.“ Mit einem geübten Griff halbierte sie ihren Schal und schlang ihn sich um den Hals.

Eine weitere Minute des Zögerns beschäftigte Michelangelo. Sollte er? Sollte er nicht? Wartete seine Mutter nicht schon genug auf ihn? Sollte er paranoid sein? Oder sollte er sich einfach mal frei gehen lassen? Wo war seine abenteuerlustige Ader aus seinen jungen Jahren? Da hatte er sich in jede spontane Idee geschmissen. Vielleicht war das seine Chance auf einen klaren Kopf und ein wenig Abwechslung, bevor es in seine eigene Kluft ging, wie Lyn es nannte. Vielleicht war sie sein neues kleines Abenteuer? Wann hatte er das letzte Mal die Möglichkeit gehabt sich mit einer hübschen Frau seines Alters zwanglos zu unterhalten? Entschlossen rappelte er sich auf und warf seine warme Jacke über sich. Aus der Innentasche holte er noch einen Schein heraus, den er vor Robin warf. „Na dann, gehen wir spazieren.“ Er klatsche aufgeregt in die Hände und folgte seiner neuesten Bekanntschaft aus dem Lokal. „Lyn, junge, ambitionierte Ärztin also. Was gibt es noch über dich zu wissen?“, fragte er schließlich nach einigen stillen Metern.

„Hmm.“ Sie überlegte kurz. Dabei führte sie Spike nach links und daraufhin wieder nach rechts, wo bereits der Anfang des Queen’s Park zu sehen war. „Ich habe einen älteren Bruder, der mit meinem Vater zusammenwohnt. Meine Mutter verließ uns, als ich drei Jahre alt war. Ich arbeite seit vier Jahren im Toronto General als Notfallchirurgin. Spezialisiert bin ich in der Unfallchirurgie.“ Für einige Sekunden dachte sie weiter nach um sicherzustellen, dass sie nichts vergessen hatte. „Oh und ich liebe Pistazieneis und diese italienischen Blätterteigtaschen mit Ricotta und…“

„Und Zimt und Orangenblütenaroma?“ Spike beendete überrascht ihren Satz. „Sfogliatelle werden die in Italien genannt.“

„Du kennst die auch?“, fragte Lyn verblüfft.

„Die gibt es bei uns jeden Sonntag zum Frühstück.“ Der Constable italienischer Abstammung konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. „Meine Eltern kommen aus Italien.“

„Erzähl‘ mir mehr“, bat Lyn neugierig. Gleichzeitig stolzierte sie in einem langsamen Tempo neben Spike durch den Queen’s Park und hörte ihm gespannt zu, wie er etwas mehr von sich preisgab. Über den Fakt, dass er noch immer bei seinen Eltern wohnte, von denen nur noch seine Mutter lebte. Über die Schwere der Krankheit seines Vaters, der letztendlich den Kampf verloren hatte vor wenigen Monaten und was für ein schweres Verhältnis er aufgrund seiner Tätigkeit bei der SRU mit ihm gehabt hatte. Er ging sogar so weit, dass er ihr von seiner Spezialisierung in Sprengstoffen und IT erzählte. Wie erhofft, nahm sie es mit einem großen Interesse an.

Sie passierten verschneite Sitzbänke, Wiesen und mehrere Paare verschiedenen Alters im Park, bis sie ihn schließlich durchquert hatten. Lyn war gerade dabei zu erzählen, dass ihr Vater und ihr Bruder beim Militär waren, als ihr Telefon klingelte. „Angela, was gibt‘s?“ Ihr bisheriges Lächeln formte sich zu einer ernsten Miene. „Ich bin fast vor dem Krankenhaus, Angela. In fünf Minuten bin ich da. Hol‘ mir Morris dazu und schiebt das Kind zuerst in den OP. Bis gleich.“ Hastig steckte sie ihr Mobiltelefon weg und drehte sich zu Spike. „Es tut mir leid dich jetzt hier so stehen lassen zu müssen“, sagte sie vorsichtig.

„Alles gut“, entgegnete Spike verständnisvoll. „Die Arbeit ruft. Ich kenne das.“ Für einen Augenblick sahen sie sich gegenseitig in die Augen. „Werde ich dich wiedersehen?“, fragte er schließlich. Wie gerne würde er sie wiedersehen. Der Spaziergang mit ihr hatte ihm mehr als gut getan und er fühlte sich wohl um sie herum.

„Sonntagabend? Gleiche Bar, gleiche Uhrzeit? Ich habe Sonntag eine normale Schicht, ohne Bereitschaft. Da kommt uns keiner dazwischen.“ Lyn lächelte Spike warm an.

„Dann bis Sonntag“, bestätigte Spike mit einem sanften Nicken. Dann beobachtete er, wie Lyn sich im erhöhten Tempo in Bewegung setzte, bis sie schließlich aus seinem Blickfeld verschwand.
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