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Eine andere Wahrheit

von Sassie
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P18 / Het
Felix Edel Otto Özdemir Patricia Rieger Sabine "Biene" Winkelmann Sandra Starck
10.06.2020
06.07.2020
10
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10.06.2020 2.427
 
„Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil…“
Die Blicke aus einem braunen und einem blauen Augenpaar trafen sich kurz, bevor sie sich wieder auf die Vorsitzende richteten.
„Der Angeklagte wird freigesprochen. Alle Kosten gehen zu Lasten der Gegenseiten. Hiermit ist die Sitzung beendet.“
Felix strahlte zu seiner Kollegin hinüber und schüttelte dann der überglücklichen Mandantin die Hand. Wie sooft hatte sich die nächtelange harte Arbeit gelohnt. Er und Sandra waren einfach ein bereits perfekt eingespieltes Paar vor Gericht, sie verstanden sich blind, führten die Plädoyers des anderen nahtlos fort, konnten jeder nötigen Improvisation sofort folgen. Ihre ewigen Streitereien waren schon lange kein Grund mehr sie zu belächeln, denn obwohl die ganze Anwaltskammer davon wusste, dass die beiden sich regelmäßig in den Haaren hatten, trat mittlerweile auch jeder Kollege mit einem Heidenrespekt gegen sie an und bei denen, die frisch aus der Uni kamen, waren sie fast sowas wie gefürchtet. Felix war stolz, dass er und Sandra sich in den letzten vier Jahren einen derart guten Namen und viel Respekt verschafft hatten. Was auf privater Ebene oftmals so holprig verlief, machten sie vor Gericht eindeutig wieder wett.
Der Saal leerte sich langsam und Felix wartete, bis seine Kollegin ihre Akten zusammengepackt, ihre Robe ausgezogen und ihre Tasche aufgehoben hatte.
„Na, wie haben wir das wieder gemacht?“, grinste er stolz, während er neben ihr auf den Flur schlenderte.
„Wir müssen jetzt nicht in Selbstlob ersticken“, antwortete die junge Anwältin und strich ihr Haar zurück, doch ihr Schmunzeln sprach eine ganz andere Sprache.
Natürlich war sie außerordentlich stolz, denn auch wenn sie in letzter Zeit eine gute Quote erzielt hatte, so war dieser Sieg schon relativ herausragend gewesen. Die Ausgangslage war nicht prickelnd gewesen, aber ihr gutes Zusammenspiel und ihre harte Arbeit hatte sich wiederholt gelohnt.
„Felix!“
Die beiden Anwälte drehten sich um. Frank Vanderheiden, einer ihrer Kollegen und Freunde, lief auf sie zu und grinste sie an.
„Frank“
Die beiden Männer umarmten sich, Sandra nickte ihm nur freundlich zu.
„Hattet ihr grade Verhandlung?“, hakte der Anwalt nach.
„Ja“, antwortete Sandra.
„Und?“
„Na, natürlich gewonnen“, meinte Felix mit so einem Haufen Selbstgefälligkeit in der Stimme, dass seine Partnerin die Augen verdrehte.
„Ich hab morgen Nachmittag den Fall der Fälle“, zischte Frank. „Versuchter Mord. Zwei Kerle, die sich gegenseitig umbringen wollten.“
„Lassen Sie mich raten. Wegen einer Frau.“, seufzte Sandra und sah ihn belustigt an.
Der Anwalt räusperte sich. „Ja. Aber vollkommen unerheblich! Ich vertrete einen davon und ich kann euch sagen, das wird die Schlacht der Superlative.“
„Na, dann viel Glück“, meinte Felix und schlug ihm brüderlich auf den Rücken.
„Das werde ich unter Umständen brauchen“, grinste der Anwalt und nickte den beiden dann zu. „Man sieht sich. Machts gut.“
„Bis dann, Frank“, gab Felix zurück.
Sandra sah ihm kurz hinterher und wandte sich dann wieder an ihren Partner. „Dass ihr Kerle immer so auf diese brutalen Fälle steht“
„Das hat doch nichts damit zu tun, dass wir Kerle sind. Das ist halt einfach spannend.“, antwortete Felix ungehalten, während er neben ihr die Freitreppe hinabstieg.
„Das ist Kraftmeierei und das wissen Sie genauso gut wie ich! Sensationsgeilheit. An dem Fall ist kein Fünkchen Renommee, bestimmt auch nichts Lukratives. Einfach nur Action und ein Haufen Adrenalin.“, seufzte Sandra.
„Na und? Man muss sich auch mal solche Sachen rauspicken. Gibt ja sonst auch genug Papierkram zu erledigen, da ist es doch ganz gut, wenn auch mal was Spannendes dazwischenkommt.“
„Sie finden versuchten Mord gut?“
„Sie verdrehen mir schon wieder die Worte im Mund“
„Und ich liebe es“ Sandra grinste, während sie hinaus in die Sonne trat und tief durchatmete. „Gehen wir noch einen Kaffee trinken?“
Der Anwalt blickte auf seine Uhr und schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich hab noch einen Termin, tut mir leid. Aber später vielleicht.“
„Ich mach heute ein wenig früher Schluss, weil Patrizia von der Tagung nach Hause kommt und wir noch was kochen wollte“, meinte Sandra. „Aber dann sehen wir uns ja morgen“
„Morgen früh wie gewohnt im Café?“, lächelte er.
Sie drehte sich um und ging in Richtung ihres Wagens, er folgte ihr.
„Felix, ich hab doch morgen Früh diesen Lokaltermin. Sie hören mir aber auch nie zu!“, seufzte sie leise.
„Doch, ich höre Ihnen wahnsinnig gern zu, ich merke mir nur nicht mehr alles“, antwortete er mit dem Finger wedelnd. „Das ist ein Unterschied“
„Wollen Sie mir sagen, dass Sie senil werden?“ Sie warf ihre Aktentasche auf die Rückbank und drehte sich schmunzelnd zu ihm um.
„Hey, werden Sie nicht frech“ Er lehnte eine Hand gegen die Seite ihrer Windschutzscheibe und kniff ein Auge zusammen, weil die Sonne ihn blendete.
Sie schmunzelte leicht. „Bin ich doch immer“
„Weiß ich“
Sie lächelten sich für einen Moment an und Sandra versuchte dieses kleine Flimmern in ihrer Magengegend zu ignorieren, das sich seit ein paar Wochen immer so deutlich meldete, dass sie es kaum noch zu unterdrücken vermochte.
„Ich habe morgen Nachmittag Verhandlung“, meinte der Anwalt, während er die Ärmel seines weißen Hemds hochkrempelte. „Aber danach komm ich vermutlich nochmal in der Kanzlei vorbei“
„Vermutlich“, schmunzelte sie nur und öffnete ihre Autotür. „Dann wünsch ich Ihnen schon mal ein schönes Wochenende, Felix“
„Gut, ich komm sicher noch rein!“
Sie zog nur eine Augenbraue hoch und nickte, während ein leicht süffisantes Lächeln ihre Lippen umspielte und sie in ihren Wagen stieg.
Er schnaufte leise und legte seine Hände auf die Tür. Sie ließ ihren Wagen an und blickte fragend zu ihm hoch.
„Gehen wir morgen Abend essen?“, fragte er und seine Stimme war eindeutig leiser und sanfter geworden.
Sandra schluckte und wollte in ihrem üblichen ersten Reflex ablehnen, dann nickte sie aber leicht. „Klar. Gern.“
„Gut. Ich hole Sie um acht ab.“, gab er zurück.
Sie lächelten sich noch einmal an und er trat langsam zwei Schritte zurück, während sie sich ausparkte.
Er blickte ihrem Wagen noch kurz hinterher, dann ging er gut gelaunt auf seinen eigenen zu. Morgen Abend also. Die Situation hatte ihm ziemlich in die Karten gespielt. Er hatte schon seit einigen Tagen vorgehabt sie wieder mal zum Essen einzuladen. Das war relativ unverfänglich und seiner Meinung nach ein guter Plan gewesen, aber vielleicht hätte er versucht ihr ein wenig näher zu kommen, wenn er sie nach Hause fuhr. Er konnte sich diesem Kribbeln in seinem Bauch immer weniger entziehen und wusste, dass er zumindest versuchen musste einen Schritt auf sie zuzugehen, auch wenn die Chancen groß waren, dass er an ihrer Moral abprallte. Aber vielleicht würde es ja auch gutgehen, wenn er versuchen würde seine Hand auf ihre zu legen, sanft mit dem Daumen über ihren Handrücken zu streicheln, wenn er ihr eine gute Nacht wünschte. Und wenn sie ihn dann für einen Moment zu lange ansah, tja, wer wusste schon, was er sich dann noch so alles trauen würde.
Er hatte sich vier Jahre lang zurückgehalten, mittlerweile war er sich seiner tiefen Gefühle allerdings bewusst und was hatte er schon zu verlieren? Sie würde ihn entweder klar und deutlich abweisen, dann wusste er woran er war. Oder alles lief gut und er konnte dieser Frau endlich sein Herz vollends öffnen.

Sandras Laune war unerhört gut, sie hatte das Radio eingeschaltet und summte und sang lauthals mit, während sie in der Küche Orangensaft presste. Sie wusste unterschwellig natürlich warum sie dem Frohsinn so dermaßen verfallen war, machte sich aber keine weiteren Gedanken darüber. Das Hochgefühl schlicht und einfach genießend, warf sie eine ausgepresste Orangenhälfte von weitem in den Mülleimer und vollführte eine Drehung, als sie auf Anhieb traf. Sie bekam gar nicht mit wie ihre beste Freundin und Mitbewohnerin die Tür schloss und sich aus ihren Schuhen quälte.
Patrizia war auf einer viertägigen Tagung für Richter gewesen und hatte sich schon mehr als gefreut endlich wieder nach Hause zu kommen. Sie hatte zwar jeden Tag mit ihrer besten Freundin telefoniert, konnte es aber kaum erwarten sich mit ihr vor den Fernseher zu werfen, etwas Leckeres zu essen, und dabei zu quatschen und zu lästern – wie sie es schon seit Jahren tagtäglich taten.
Die Blondine blieb an der Türschwelle stehen und beobachtete grinsend wie ihre beste Freundin durch die Küche tanzte und sang, Orangen in die Luft warf und auffing – bis auf die letzte. Die landete auf dem Boden, Sandra lachte los, bückte sich, und als sie sich wieder aufrichtete und hinter der Küchentheke auftauchte, bemerkte sie ihre Mitbewohnerin endlich.
„Pat!“ Sandra eilte durch das Wohnzimmer und zog ihre Freundin in eine innige Umarmung.
„Na, du?“, lachte diese. „Hast du mich vermisst?“
„Und wie! Ich mach uns gerade Orangensaft. Setz dich schon mal.“
„Du bist ein Schatz“ Die Richterin schlurfte zur Couch und ließ sich fallen, zog sich die Fernsehdecke über den Schoß und lehnte sich seufzend zurück.
Wenige Augenblicke später kam ihre beste Freundin schon zu ihr, drückte ihr ein Glas in die Hand und schlüpfte zu ihr unter die Decke. „Wie wars?“
„Stellenweise sehr interessant und stellenweise einfach nur grauenhaft“, gähnte Patrizia und streckte sich.
„Hast du wen abgeschleppt?“, grinste Sandra.
Ihre beste Freundin zog argwöhnisch die Augenbrauen hoch. „Was denkst du denn von mir?“
„Ich kenn dich halt“, zuckte Sandra die Schultern.
Ihr Gegenüber grinste. „Ach, so ist das. Naja, nö. Du hättest die mal sehen sollen, die eine Hälfte war verheiratet und treu, die andere über fünfzig und mit Bierbauch. Und der Rest, der da noch so rumgeschwirrt ist, da zieht sich die Gebärmutter von selbst ängstlich winselnd zurück…“
Sandra lachte und nahm einen Schluck Orangensaft.
„Und bei dir so? Alles klar? Du bist so unfassbar gut drauf und ich nehme an das ist nicht alleine meinetwegen…“ Patrizia mummelte sich weiter in die Decke ein, da sie ein wenig fröstelte.
„Felix und ich haben heute diesen Fall gewonnen. Du weißt schon, der, an dem wir so lang gesessen haben. Das war ein Hochgenuss, sag ich dir. Der Stüter wusste gar nicht mehr wohin mit sich!“, frohlockte Sandra.
„Das hätt ich gerne gesehen“, schmunzelte Patrizia. „Ich hasse dieses kleine schmierige Wiesel“
Ihre beste Freundin grinste und trank selbst vom Orangensaft.
„Und sonst alles gut?“, hakte die Richterin weiter nach. „Du hast Felix nicht erschlagen obwohl du dich vier Tage lang nicht bei mir über ihn auskotzen konntest?“
„Einmal fast“, gestand Sandra grinsend. „Aber ich hab meine Mitte selbst wieder gefunden“
„Ein Hoch auf Yogavideos und Räucherstäbchen“
„Du verwechselst mich mit Biene. Es waren eher eine Flasche Wein und acht Stunden Schlaf, die ihn gerettet haben.“
„Oh“ Patrizia grinste. „Sag mal, was hältst du von Franzose morgen?“
Sandra nickte erst begeistert, biss sich dann aber auf die Unterlippe. „Oh… morgen ist schlecht, aber Samstag könnten wir…“
„Wieso ist morgen schlecht?“, blinzelte ihre beste Freundin, die eine leise Vorahnung hatte, dass hier gleich interessant Informationen folgen könnten.
Sandra machte den Fehler leicht zu schmunzeln, bevor sie antwortete. „Ich geh mit Felix essen“
„Ach!“ Patrizia setzte sich kerzengerade auf. „Dann haben Wein und acht Stunden Schlaf wohl einiges mehr bewirkt als eine reine Verschonung vor dem Tod, was?“
„Quatsch“ Sandra richtete ihren Blick auf die Decke, an der sie begann herumzuzupfen.
„Ich hab dein Lächeln genau gesehen, Sandra“
„Welches Lächeln denn? Das ist doch absurd!“
Patrizia seufzte und gähnte erneut. „Das einzige was absurd ist, ist dass du es immer noch abstreitest“
Sandra hätte nachfragen können, wollte die Unterstellung ihrer besten Freundin aber gar nicht hören, und griff wortlos nach der Fernbedienung. Sie war froh, dass Pat das Thema ruhen ließ und auch den ganzen restlichen Abend nicht mehr anschnitt. Sie unterhielten sich noch weiter über die Tagung, über dies und das, aber die junge Anwältin achtete penibel genau darauf ihren Partner nicht mehr zu erwähnen. Sie wollte ihre gute Laune noch ein wenig behalten.

Felix erhob sich und raffte seine Akten zusammen. Er warf einen kurzen Blick auf die Armbanduhr. Seine Verhandlung hatte sich ein wenig verschoben, weswegen er ursprünglich tatsächlich nicht mehr vorgehabt hatte noch in die Kanzlei zu fahren, aber schlussendlich war das alles doch ein wenig schneller über die Bühne gegangen, als er gedacht hatte und er hielt es für klug Sandras Gemütslage noch einmal abzuchecken, bevor er sie heute Abend zum Essen ausführte. Er hatte sie nur kurz in der Tür getroffen, als sie von ihrem Lokaltermin gekommen und er gerade gegangen war, sie hatte ihn schüchtern angelächelt, als er sich an ihr vorbeigeschoben hatte. Auf seine kurze Frage, ob acht noch in Ordnung war, hatte sie mit einem leisen ‚Klar‘ geantwortet, dann war er die Treppe hinabgeeilt, da er wie immer etwas spät dran gewesen war.
Auch diese Verhandlung war gut gelaufen, was ihn aber nicht sonderlich gewundert hatte, da sie Sachlage klar und einfach gewesen war. Felix beschloss seine Robe erst am Auto auszuziehen, schnappte seine Aktentasche, und verließ den Gerichtssaal. Auf dem Weg zur Freitreppe begrüßte er einige Kollegen, dann bog er um die Ecke und nahm die etwas wirre Geräuschkulisse zuerst kaum wahr. Als er allerdings am oberen Ende der Freitreppe stand, blickte er hinab und erkannte das Handgemenge, das unten herrschte. Offensichtlich schlugen zwei wild gewordene Männer aufeinander ein, einer der Männer vom Sicherheitspersonal zerrte auch schon an einem und in dem ganzen Gewirr konnte Felix noch eine Person ausfindig machen. Es war nicht unbedingt Usus, dass so etwas passierte, aber wirklich schockieren konnte es ihn auch nicht. Felix stieg einige Stufen hinab, die Augen auf das Geschehen gerichtet, in das sich immer mehr Menschen einmischten. Als er sich schon unauffällig an dem Personenknäuel vorbeischieben wollte, nahm er ein schmerzerfülltes Stöhnen in einer ihm bekannten Stimme wahr und er fuhr herum. Er erkannte mitten in dem ganzen Gewühl Frank, dessen Lippe blutete. Felix schnaufte. Er konnte sich denken worum es hier ging – die Mordfall Mandanten. Und sein Freund war da scheinbar irgendwie in einen Streit geraten. Der Anwalt ließ seine Aktentasche fallen und wollte den einen der beiden stämmigen Kerle mit einem festen Ruck zur Seite drängen, um wenigstens Frank rauszuziehen – ob die beiden sich dann weiter die Köpfe einschlugen, war schließlich nicht mehr sein Problem. Doch er rechnete nicht mit der Aggressionsbereitschaft des Mannes, den er anrempelte. Ein wütender Blick traf ihn, dann wurde er von einem muskulösen Arm einfach zur Seite gefegt. Felix hatte nicht mit einer solchen Wucht gerechnet, er stolperte zurück, stieß mit der linken Ferse gegen die erste Treppenstufe und kippte nach hinten. Er spürte kaum noch, wie er mit der Seite seines Kopfes hart gegen das Marmorgeländer der Freitreppe schlug, denn die Lichter waren sofort aus und erst als er bewusstlos auf dem Boden zusammenbrach und sich langsam aber stetig eine kleine Blutlache unter seinem Kopf ausbreitete, ließen die Streithähne voneinander ab und Franks erschrockener Schrei gellte durch das Gericht und ließ alles und jeden für einen Moment einfrieren.
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