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Der Traum vom Erwachsensein

von Ilcuvi
GeschichteAllgemein / P6 / Gen
Dottor Massimo Mosca Prosper Riccio Scipio Wespe
09.06.2020
30.06.2020
5
6.662
1
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
09.06.2020 1.614
 
Hallo liebe Leser,
diese Geschichte habe ich schon vor langer Zeit begonnen, aber irgendwie nie die Zeit und die Muße gefunden, sie fertig zu stellen - bis jetzt. Nun ist sie fertig: Eine kurze Geschichte über Scipios Wunsch, erwachsen zu sein. Viereinhalb Kapitel, die zeigen, was passiert ist, bevor Cornelia Funkes Roman beginnt, und außerdem ein paar Leerstellen füllen.
Ich habe mir dabei große Mühe gegeben, absolut buchkonform zu schreiben und nichts aus dem großartigen Original zu verändern, sondern nur zu ergänzen. Falls euch Unstimmigkeiten oder Abweichungen auffallen, schreibt mir bitte, damit ich das ändern kann.
Das erste Kapitel spielt ca. ein Jahr vor der Handlung von Cornelia Funkes Buch.

Voranstellen möchte ich dem ersten Kapitel noch einmal das Vorwort von Cornelia Funke, weil sich der Titel meiner Geschichte direkt darauf bezieht:

Erwachsene erinnern sich nicht daran, wie es war,
ein Kind zu sein.
Auch wenn sie es behaupten.
Sie wissen es nicht mehr. Glaub mir.
Sie haben alles vergessen.
Wie viel größer die Welt ihnen damals erschien.
Dass es mühsam sein konnte, auf einen Stuhl zu klettern.
Wie fühlte es sich an, immer hochzublicken?
Vergessen.
Sie wissen es nicht mehr.
Du wirst es auch vergessen.
Manchmal reden die Erwachsenen davon, wie schön es war,
ein Kind zu sein.
Sie träumen sogar davon, wieder eins zu sein.
Aber wovon haben sie geträumt, als sie Kinder waren?
Weißt du es?
Ich glaube, sie träumten davon, endlich erwachsen zu sein.




Geburtstag

„Ti faccio i miei auguri per il compleanno!“ sagte er zu seinem Spiegelbild. Aus dem großen Spiegel erwiderten zwei fast schwarze Augen seinen Blick, doch niemand antwortete.
Es war Scipios zwölfter Geburtstag und es war nichts Neues für ihn, dass niemand da war, der ihm gratulierte. Seine Eltern sah er selten vor dem Mittagessen. Seine Mutter war viel unterwegs und wenn sie zu Hause war, stand sie auf, wenn er bereits auf dem Weg zur Schule war. Sein Vater stand meist früher auf als er, aber er hatte nicht die Zeit, sich dann um seinen Sohn zu kümmern. Das Frühstück pflegte er an seinem Schreibtisch einzunehmen.
Scipio betrachtete sich im Spiegel. Sah man anders aus, wenn man ein Jahr älter wurde? Erwachsener? Er konnte keinen Unterschied erkennen. Scipio mochte sein Spiegelbild nicht besonders. Er sah aus wie ein Junge, der ungefähr elf oder zwölf Jahre alt sein musste, und niemand nahm einen Jungen in diesem Alter ernst. Seit ein paar Jahren war sein Gesicht schmaler geworden und er fürchtete, dass er eines Tages seinem Vater zum Verwechseln ähnlich sehen würde. Oft genug hatte er schon gehört, dass Erwachsene zu seinem Vater sagten, sein Sohn habe die gleichen Augen wie er. Sein Vater hatte meist nur milde gelächelt. Einmal hatte er darauf erwidertet: „Wenn er nur etwas mehr von mir hätte als das!“ Nein, er mochte sein Spiegelbild nicht.
Es war ein Donnerstag und er musste in einer Stunde in der Schule sein. Scipio kehrte dem Spiegel den Rücken zu und begab sich zu seinem Kleiderschrank. Daneben lag auf einem Stuhl die Kleidung, die er heute tragen sollte. Schon oft hatte er versucht, mit seinen Eltern darüber zu diskutieren, warum er nicht selber entscheiden konnte, was er anziehen wollte. Es war hoffnungslos. Manchmal hatte er die Anweisung einfach ignoriert und sich selber etwas aus dem Schrank genommen, aber das hatte er später bereut. Die Sanktionen waren die freie Kleidungswahl nicht wert. Er seufzte, schlüpfte schnell in die bereitgelegte Kleidung und verließ das Zimmer.
Im Kleinen Speisesaal fand der Junge den Frühstückstisch für sich gedeckt. Neben den üblichen Sachen stand dort auch eine kleine Torte. Auf der dunklen Schokolade glänzte in weißer Schrift die Zahl Zwölf. Die Torte sah hervorragend aus. Vermutlich stammte sie aus einer Pasticceria.
Vorsichtig strich Scipio mit dem Finger über die Ziffern. Er wollte sich gerade den Finger mit der weißen Cremespitze in den Mund stecken, als von der Tür eine Stimme herüber schallte: „Kein Kuchen vor dem Frühstück! Und Besteck haben wir auch in diesem Haus!“
Der Finger verharrte in der Luft und der Zwölfjährige blickte überrascht zur Tür. Seine Mutter musste extra aufgestanden sein, um ihm vor der Schule zu gratulieren. „Geh dir die Hände waschen. Und dann setz dich an den Tisch. Du musst erst einmal etwas Vernünftiges essen.“
Ohne etwas zu erwidern verließ Scipio den Speisesaal in Richtung Badezimmer. Unterwegs schleckte er die Creme auf. Sie schmeckte wunderbar süß.
Den Wasserhahn drehte er trotzdem auf, falls seine Mutter oder jemand anders in der Nähe war. Dann lief er schnell zurück.
„Das dauert ja bei dir.“ Seine Mutter sah ihn ungeduldig an und schüttelte den Kopf. Schließlich breitete sie die Arme aus: „Alles Gute zum Geburtstag! Komm, lass dich drücken!“ Sie zog ihn kurz an sich, küsste die Luft neben seiner Wange und schob ihn dann eine Armeslänge von sich weg, um ihn zu mustern. Kurz runzelte sie die Stirn, dann seufzte sie und nickte. „Setz dich doch.“
Ihr Gesicht entspannte sich. Sie ließ sich auf dem Stuhl neben ihm nieder und läutete eine kleine Glocke.
Ein Dienstmädchen schob einen Teewagen herein, auf dem ein kleiner Haufen von hübsch eingepackten Geschenken lag. Sie stellte den Wagen zwischen Sohn und Mutter und ließ die beiden wieder allein.
Scipio sah das erwartungsvolle Lächeln seiner Mutter und musste auch lächeln. Die Päckchen waren bunt und ordentlich verpackt und warteten nur darauf, von ihm ausgepackt zu werden. „Mit welchem soll ich anfangen?“
„Das darfst du dir aussuchen. Sie sind alle für dich.“ Sie nickte ihm aufmunternd zu und Scipio entschied sich spontan für ein in blaues Seidenpapier mit silbernen Notenschlüsseln verpacktes Geschenk. Es fühlte sich schwer an in seiner Hand. Ein Buch?
„Pack es vorsichtig aus. Und zerreiß das Papier nicht so. Der Müll gehört in das Körbchen hier.“ Scipio bemühte sich, ihren Anweisungen zu folgen, und packte sein erstes Geschenk aus. „La storia  d'Arsenale“. Ein schönes Buch mit festem Umschlag und goldenen Buchstaben auf dem Buchrücken. Aber die Geschichte des Arsenals war nicht gerade das, was ihn im Moment brennend interessierte. „Grazie, Mamma!“
Er griff sich das nächste, ein sehr viel kleineres Päckchen, und packte es genau so behutsam aus wie das erste. Zum Vorschein kam eine kleine goldene Uhr. Er dachte an die Uhren seiner Mitschüler. Sein neues Geburtstagsgeschenk könnte auch ein Zweiundachtzigjähriger ums Handgelenk tragen. „Grazie, Mamma!“
Ein Dienstmädchen kam mit dem Telefon herein. „Für Sie, Signora. Signora Torcella ist am Apparat.“
Signora Massimo sprang sogleich auf. „Pack weiter aus, Scipio. Du musst gleich zur Schule.“ Dann verzog sie sich mit dem Telefon an die gegenüberliegende Wand des Zimmers.
Und Scipio packte weiter aus: neue Schuhe, eine CD, Karten für ein Theaterstück, ein Portemonnaie, ein Füllfederhalter, eine Glasfigur und ein Brieföffner. Dann lagen sie auf dem Teewagen: ein hübscher Stapel neuer Sachen. Nichts davon hätte Scipio sich gewünscht. Und seine wenigen Wünsche, die er seinen Eltern in den letzten Wochen versucht hatte mitzuteilen, waren auch nicht darunter. Er betrachtete seine Mutter, die lebhaft gestikulierend am Fenster stand und mit ihrer Freundin telefonierte.
Immerhin war sie aufgestanden! Immerhin hatte sie hier mit ihm essen wollen! Ohne rechten Appetit begann der Junge mit dem Frühstück. Er hatte nicht mehr viel Zeit, bis er los musste.
Plötzlich kam seine Mutter mit dem Telefon zu ihm und er hörte ihre Stimme. „Ja, das verstehe ich... Nein, natürlich nicht... Aber sicher doch! Ja, Tiere sind unheimlich wichtig für die Entwicklung Heranwachsender. Eigentlich wollten wir ihm auch schon längst ein Tier kaufen, aber wir fanden, dass er noch nicht reif genug für diese Verantwortung war... Doch, er ist heute zwölf geworden... Ja, das werde ich machen... Ich finde die Idee entzückend... Ich schicke dann heute Nachmittag jemanden vorbei, der sie holt... Aber ich helfe doch gerne! Überhaupt keine Frage! A risentirci!“
Gespannt sah Scipio auf. Wenn seine Mutter eine Idee entzückend fand, konnte er mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass er sie ganz anders bewertete. Anderseits hatte sie über Tiere gesprochen. Vorher hatte er seine Mutter noch nie sagen hören, dass sie Tiere wichtig für die Entwicklung Heranwachsender fand, aber Signora Torcella war eine gute Freundin von ihr. Für gute Freundinnen konnte seine Mutter ihre Meinung schon einmal ändern.
Signora Massimo betrachtete die Geschenke, die Scipio ausgepackt hatte. „Und, was sagt man?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an.
Scipio gab sich große Mühe, ein freundliches Gesicht zu machen. „Vielen Dank!“
Seine Mutter nickte. „Die Torcellas haben vor einiger Zeit Katzenjunge bekommen. Eigentlich waren alle vermittelt, aber einer der Interessenten ist abgesprungen und jetzt suchen sie möglichst schnell ein neues Zuhause für das letzte Kätzchen. Ich habe mir gedacht, dass das doch ein schönes Geburtstagsgeschenk für dich wäre: eine junge Katze. Ich lasse sie heute Nachmittag abholen.“
Jetzt strahlte Scipio. Eine Katze! Das war tatsächlich ein schönes Geschenk! „Eine Katze? Für mich! Oh, danke!“ Spontan sprang er auf, um seine Mutter zu umarmen. „Wie sieht sie aus? Wie alt ist sie? Hat sie schon einen Namen?“
Signora Massimo strich sich die Kleidung wieder glatt. „Das weiß ich doch nicht. Du wirst es später schon sehen.“ Sie blickte auf die Uhr. „Scipio, du hast schon wieder die Zeit vertrödelt! Du willst doch an deinem Geburtstag nicht zu spät kommen. Mach, dass du los kommst!“
„Und der Kuchen?“, konnte er gerade noch erwidern, während sie schon wieder die Glocke läutete
„Den musst du später essen. Und vergiss nicht die Törtchen für deine Klassenkameraden mitzunehmen. Sie stehen bestimmt in der Küche.“ Sie wandte sich an das erschienene Dienstmädchen und sprach schnell auf sie ein.
Scipio musterte noch einmal den hübschen Kuchen und zuckte dann mit den Schultern. Die Törtchen würden auch nicht schlecht schmecken und er konnte den Kuchen immer noch später essen. Hoffentlich klappte das mit der Katze! Er verließ den Speisesaal zufriedener als er ihn betreten hatte.
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