Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Morgenkaffeegedanken. Dienstag, 9. Juni 2020

von Caillean
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
09.06.2020
09.06.2020
1
842
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
09.06.2020 842
 
Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit begegne ich wie viele von uns denselben Menschen. Sogar wenn man, wie ich, alleine mit dem Auto fährt ist das so. Es sind dann zwar keine echte Begegnungen, schon klar, und ich glaube auch nicht, dass die anderen mich auch sehen, wahrscheinlich eher nicht. Aber ich sehe sie. Ich erwarte manche von ihnen sogar.

Da ist einer, den nenne ich gedanklich „Lurch“, angelehnt an Lurch aus der Addams Family. Er sieht so gruselig aus wie gerade aus einem Horrorfilm entsprungen. Jeden Morgen geht er mir zu Fuß auf dem Weg zur Arbeit entgegen, heute hatte er wohl frei, da habe ich ihn leider nicht gesehen. Gestern aber schon. Er sieht eigentlich aus, als gehöre er längst in Rente. Seine grauen, etwas wirren und nach hinten verschwindenden Haare sind nicht gerade kurz geschnittenen und legen die Stirn dennoch sehr großzügig frei. Sie scheinen immer leicht im Wind zu wehen, stehen aber vermutlich einfach nur nach hinten ab. Die Augen scheinen große dunkle Löcher zu sein, dazu ein Mund, der ebenfalls wie ein dunkles Loch halb geöffnet ist weil er so flott die Straße entlang läuft und deswegen vermutlich heftiger atmet. Der Teint ist passend zu den drei Löchern im Gesicht eher gräulich und das Gesicht kantig. Gekleidet in Arbeitsklamotten, oft ein kariertes Flanellhemd, dazu eine olivgrüne Cargo-Hose und ein Rucksack mit der Tagesverpflegung auf dem Rücken. Es ist immer fast ein kleiner Triumph wenn ich Lurch sehe (Ha, da ist er wieder!), weil er eben so unfassbar nach Horrorfilm aussieht – und ich liebe übrigens Horrorfilme. Ich wünschte, ich könnte ihn fotografieren.

Seit ein paar Tagen fällt mir nun ein Afrikaner auf, der von den Wohncontainern im Nachbardorf, wo Flüchtlinge und Wohnsitzlose untergebracht werden, jeden Morgen um 7 Uhr emsig in das Gewerbegebiet meines Dorfs radelt. Dasselbe Gewerbegebiet, in das auch Lurch jeden Morgen marschiert. Er ist ein junger Mann in ordentlichen Arbeitsklamotten, seine Motivation ist sogar im nur kurzen Moment des Vorbeifahrens deutlich spürbar. Ich mache mir sonst gar nicht so viele Gedanken über die Menschen, die ich auf meinem Arbeitsweg immer wieder sehe. Aber er ist eine Ausnahme.

Ich frage mich, aus welchem afrikanischen Land er kommt, ob er einen dieser wirklich schlimmen Wege hinter sich gebracht hat. Seine Haut ist zu dunkel für Nordafrika. Ob er die Sahara durchquert hat, um an’s Mittelmeer zu gelangen? Viele sterben schon auf diesem Weg, ehe sie das Meer zu Europa erreichen. Wenn ja, warum hat er diese Gefahren auf sich genommen? Bürgerkrieg? Verfolgung wegen Religion, sexueller Orientierung oder etwas anderem? Keine Arbeit, keine Perspektive, stattdessen Hunger? Haben wir oder die Klimaveränderung seiner Familie die Lebensgrundlage genommen? Ob der Weg über das Mittelmeer wohl gefährlicher oder genauso gefährlich ist wie der durch die Sahara, weiß ich nicht. Was für ein Gefühl müsste es gewesen sein, das geschafft, überlebt zu haben und jetzt im sicheren Deutschland zu sein? In einem Dorf Deutschlands zu leben, wo die Welt noch so ziemlich in Ordnung ist und wo man den Hass suchen müsste und er einen nicht schon direkt anspringt. Und was für ein großartiges Gefühl muss es sein, eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle gefunden zu haben. Ich bin mir sicher, so motiviert wie er mir erscheint, spricht er schon recht gutes Deutsch. Ich spüre in diesem kurzen Moment des Sehens, dass er stolz ist, zur Arbeit fahren zu dürfen. Das ist nun wirklich nicht jedem gegeben, der in den Containern wohnt.

Aber wie belastend muss es sein, Freunde und Familie zurückgelassen oder sogar verloren zu haben. In Deutschland ein neues Leben aufzubauen, aber nicht zu wissen, was aus der Familie wird, nicht zu wissen, ob seine Lieben, denen er wahrscheinlich vorausgehen wollte, jemals mit ihm hier leben können? Er weiß vielleicht nicht einmal, ob er selbst dauerhaft hier bleiben darf. Ich stelle mir vor, dass sich das alles ziemlich herzzerreißend anfühlt. Ich mache mir wirklich nicht über jeden ausführliche Gedanken. Aber ich sehe hier jemanden, der ordentlich gekleidet und sehr motiviert jeden Morgen auf seinem Rad pünktlich zur Arbeit fährt, ein auf den ersten Blick ein in sich absolut stimmiger Eindruck. Und muss dann doch daran denken, was sich hinter diesem oberflächlichen Bild alles verbergen könnte. Weil ich Nachrichten und Reportagen schaue, höre und lese. Zumindest bin ich faktisch wissend, was Menschen derzeit durchmachen müssen, wenn sie versuchen, nach Europa zu fliehen. Ob ich mir das alles wirklich vorstellen und nachfühlen kann, aus meinem gemütlichen Wohnzimmer heraus? Vermutlich nicht.

Begegnet ihr auch immer wieder den gleichen Menschen auf dem Weg zur Arbeit? Prägen sich manche mehr ein als andere? Wenn ja, warum? Mir kommt hierzu übrigens Kurt Tucholskys „Augen in der Großstadt“ in den Sinn – letzte Strophe:

„Du musst auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.“
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast