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_heterochrome_

GeschichteMystery, Tragödie / P16
08.06.2020
13.01.2021
13
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Nach dem Unterricht traf sich die kleine Gruppe um Bao, Jun und Kei-Lee noch einmal auf dem Sportplatz der Schule, um über das Ergebnis des Gespräches von Bao mit der Lehrerin zu reden.
„Ich habe herausgefunden, wie sie heißt, und sie weiß jetzt auch, wie ich heiße.“, erzählte Bao. „Sie heißt Weilin. Wu Weilin, und war anfangs eher scheu als grausam gegenüber mir. Sie war allerdings durchweg freundlich, obwohl sie respektserbittend schien.“
„Kann mit dem Mord zusammenhängen.“, sagte Jun. „Aber sie hat dich nicht bedroht?“
„Nein,“, antwortete Bao, obwohl sie eigentlich mehrere Male ziemliche Angst bekommen hatte und nun erleichtert war, nicht mehr die ganze Zeit in dieses Paar Insektenaugen sehen zu müssen. „, wie ich schon gesagt habe, eigentlich war sie sogar generell eher schüchtern als grausam.“
„Hm, was sagt das über sie aus?“, fragte Xia. „Vielleicht, dass sie eigentlich ein guter Mensch ist?“
„Von wegen!“, fuhr Han Dong ihr laut in Gedanken dazwischen. „Die hat schon massenhaft Schüler getötet.“
„Da hast du Recht…Qian…“, meinte Kei-Lee daraufhin und nahm Han Dong zur Beruhigung in den Arm. „Aber ich würde Xias Theorie nicht für ausgeschlossen halten. Das ist etwas, was nicht auszuschließen wäre. Vielleicht sollten wir einfach beobachten, was als Nächstes passiert.“
„Ja, Frau Wu wirkte nicht, als wolle sie wirklich Leute umbringen.“, berichtete Bao weiter. Doch da fiel ihr ein, was „als Nächstes“ bedeutete. Wer als nächstes sterben würde. Und aus der gängigen Logik dieses Fluches geschlussfolgert, wäre das sie oder einer ihrer Eltern.
Mit einem Schlag erwischte sie die Angst. Angst, was alles passieren würde. Sie sah ihre Mutter ahnungslos in einen Kaufhausfahrstuhl steigen und diesen mit ihr drin auf einmal abstürzen, sah ihren Vater mitten bei der Arbeit im Krankenhaus eine Herzattacke bekommen und auf dem gewischten Fliesenboden qualvoll sterben, umgeben von weiteren Ärzten, Pflegern und Maschinen, die alle in diesem Fall hätten handeln können und ihn nur jetzt nicht beachteten, sie sah sich auf dem Weg zur Schule, wie auf einmal ein Kleinbus ihnen entgegenfuhr und sie zwischen sich selbst und der Mauer, gegen die er prallte, zusammendrückte, bis nur noch ein blutiger Fleischklumpen in Menschengröße von ihr übrig und ihre Seele längst ganz woanders war…
Um nicht loszuheulen, fragte sie lieber „Kann mich jemand nach Hause begleiten, ich brauch ja jetzt besonderen Schutz.“
„Ja, sagte Jun, und beide machten sich mit Xia auf den Weg zu Bao nach Hause.


Leider heute kein einfacher Weg. Einerseits war es für Bao schwierig, dem einzigen männlichen Wesen, das sie je geliebt hatte, nun wieder so nah zu sein, andererseits musste natürlich vor allem sie selbst besonders vorsichtig sein. Letzteres sorgte für so manche Fata Morgana in Baos vernebeltem Geist auf dem Weg. Es kam vor, dass sie auf dem Gehweg vor sich plötzlich einen offenen Gullydeckel sah, obwohl dort nie ein Gullydeckel gewesen war, und auch, dass sie glaubte, von dem Haus dort vorne würden Betonbrocken auf die Straße fallen, den Passanten geradewegs auf den Kopf, oder auch, dort läge ein unisoliertes, stromführendes Hochspannungskabel mitten auf der Straße, obwohl sie sich selbst nicht erklären konnte, wie sie überhaupt auf diese Idee kam.
Der Weg war anstrengend, und alle waren froh, als Bao endlich zu Hause angekommen war und weder ihr noch irgendjemand anderem aus der Klasse die nächsten Tage etwas passierte.


Am Mittwoch der nächsten Woche änderte sich das allerdings wieder. Die 3-1 hatte Physik, und auf dem Lehrplan stand Elektronik.
Bei Elektronik war man aufgrund der Zwischenfälle, die diese Klasse immer wieder trafen, im Bezug auf sie eigentlich besonders vorsichtig, besonders wenn man die Experimente vor ihrer Durchführung kontrollierte. Doch die Klasse hatte nun einen an der Schule neuen Lehrer, einen jungen Mann, der frisch aus dem Referendariat gekommen war, und dieser hatte die Klasse für ihr letztes Schuljahr in Physik übernommen.
Wusste dieser junge Herr Wang überhaupt von dem Geist, hatte sich Bao schon gefragt, als sie ihn zum ersten Mal gehabt hatte. Sie fragte es sich auch weiterhin, und das hatte sich nicht bestätigt, dass ihn irgendeiner der Lehrer über den Fluch aufgeklärt hatte, oder er war es und weigerte sich, daran zu glauben.
Denn er behandelte die Klasse nicht anders als jede andere. Er behandelte sie fast zu leger.
Bao fühlte sich unsicher, als sie gerade die Experimentieranordnung aufgebaut hatten, mit der sie die Wirkung von Kondensatoren erforschen sollten, und Herr Wang nun durch die Reihen ging, sich jeden einzelnen Tisch ansehend, allerdings offenbar jeden nur kurz. Er schien ungenau vorzugehen und dann doch wieder nicht. Bao redete sich ein, dass sie sich das nur einbildete, schließlich hatte sie die Begegnung mit dem Geist riskiert und war nun mit ziemlicher Sicherheit das nächste Opfer.
„Schauen Sie sich unseren bitte besonders vorsichtig an.“, sagte sie daher zu Herrn Wang, als er zu ihnen kam.
Der Lehrer schaute sich die Anordnung kurz an und sagte dann: „Geht vollkommen in Ordnung.“
Doch Bao glaubte nicht daran. Sie versuchte, sich einzureden, dass sie sich das alles nur aus Angst einbildete. Herr Wang hatte das alles gelernt, und er wusste, wie er vorgehen musste. Er kannte sich damit als Physiklehrer wirklich aus und daher war auch alles gut.
Mit diesem Gedanken im Kopf, hörte sie, wie jener Herr Wang den Strom anschaltete.
„Dann messen wir mal den Strom.“, meinte Jun, der schrieb.
Bao sah aufmerksam auf das Voltmeter und wartete kurz ab, bis das Gerät die atmosphärischen Störungen überwunden haben würde. Dann wollte sie gerade Jun den Wert nennen, als in der hintersten Reihe des Klassenzimmers ein Knall zu hören war und anschließend ein Blitz das Klassenzimmer erhellte.
Alle drehten sich nach hinten um.
Herr Wang schrie.
Und wer noch lauter und verzweifelter schrie, war Yu-Chien.
Vor ihm auf dem Tisch – die Überreste eines Kondensators. Und an seinem Arm ein Feuer, dass sich in einem erstaunlich hohen Tempo über ihn ausbreitete und unschöne Brandwunden hinterließ. Er schrie und weinte so herzzerreißend, dass man gar nicht glauben wollte, dass das wirklich Li Yu-Chien, der Star der Basketballmannschaft der Schule, war. Gerade wirkte er wie der größte Loser.
Warte…dachte Bao…konnte sich ein Feuer überhaupt so schnell an einem Menschen ausbreiten? Der Mensch brannte tatsächlich besser, als man dachte, aber was passierte hier gerade?
„Herr Wang, tun Sie doch was!“, schrie Yanqi.
Alle der bis eben gerade vor Angst eingefrorenen Schüler drehten sich nach ihrem Lehrer um, doch der war nicht da. Endlich ging nun auch der Feueralarm los.
Yu-Chien war inzwischen zu schwach zum Schreien. Langsam sank er vor seinen Freunden, von denen Gong gerade nach dem Feuerlöscher lief, zu Boden, an mehreren Körperstellen verkohlt. Wenn man einen Blick auf die Szene warf, konnte man außerdem feststellen, dass außer dem Schüler nichts brannte, nicht einmal die kläglichen Überreste des Kondensators, der auf dem Tisch nicht einmal mehr harmlos vor sich hin glühte.
Der Geist…schoss Bao durch den Kopf. Weilin hat sich ihr nächstes Opfer geholt.
Denn während der Direktor die Feuerevakuierungsdurchsage machte, die die Schüler auf den Appellplatz bat, verlosch das Feuer an Yu-Chiens Körper nun langsam. Gong richtete den Strahl des Feuerlöschers auf ihn, doch da war es schon zu spät.
Von dem Jungen selbst war nichts mehr zu erkennen. Das Feuer hatte ihn einfach viel schneller erfasst, als sich irgendjemand hatte vorstellen können. Nun lag er komplett verbrannt auf dem Boden des Klassenzimmers und bewegte sich nicht mehr. Eine verkohlte Leiche auf dem Boden des Physikraumes.


Später im Verhör durch die Polizei, im Zuge dessen Herr Wang festgenommen worden war, beschrieb Shitao, dass Herr Wang sich zwar die Experimentieranordnung gut angeschaut hatte, aber keiner wusste, was so genau los war. Wenn ein Kondensator explodieren würde, flöge er doch normal nicht weit, und sein Freund habe nicht einmal bei fließendem Strom die Hand an freien Leitungen gehabt oder so.
Die zerstörte Experimentieranordnung wurde sichergestellt, und später am Tag wurden ein schadhaftes Kabel so wie ein verdrehtes Anschließen des Kondensators, dass durch Unachtsamkeit des Lehrers nicht beachtet worden war, als Ursache des Kurzschlusses festgestellt. Die Obduktion ergab außerdem in den nächsten Tagen starke Verbrennungen als Todesursache, ausgelöst durch ein abgebrochenes, heiß glühendes Stück des zerstörten Elektrobauteils, das dem Toten auf den Arm geflogen war und den Stoff seiner Kleidung entzündet hatte. Jenes Feuer sei alsbald auch auf seinen Rücken und seine hinten etwas längeren Haare übergesprungen und hätte ihn schließlich komplett in Brand gesetzt.
Was jetzt dazu führte, dass sich Bao das dritte Mal innerhalb weniger Monate ihre Begräbniskleidung anlegte. Diesmal, um auf einem normalen Stadtfriedhof Li Yu-Chien zu Grabe zu tragen.
Während die Erde nun ihren zweiten Mitschüler in nur noch der Gestalt einer kleinen Urne verschlang, dachte sie jedoch nicht an ihn. Ihre Gedanken waren bei der Lehrerin, Weilin. Sie hatte doch als letztes eine Begegnung mit ihr riskiert.
Der Logik nach hätte also sie sterben müssen. Oder einer ihrer Eltern.
Da passte einiges nicht.
Einerseits liebte sie natürlich ihr Leben. Andererseits starb doch immer jemand, der oder dessen verwandter Schüler die Begegnung mit Weilin versucht hatte. Aber andererseits hatte Weilin bei dem Treffen nicht so gewirkt, als wäre sie eine begeisterte Mörderin, nicht einmal, als würde sie sich wirklich noch an der Klasse 3-1 rächen wollen für das, was ihr vor vielen Jahren angetan worden war.
Andererseits war am Ende trotzdem jemand gestorben. Yu-Chien. Er hatte gut ausgesehen, war ein guter Sportler und beliebt gewesen. Seine Freunde, unter denen sich zum ersten Mal seit Wochen wieder Bin befand, konnten gerade die Tränen nur schwer zurückhalten, die vollständig anwesende Basketballmannschaft weinte lauthals, der Tradition folgend, und auch einige Mädchen weinten. Eine, ihre Klassenkameradin Hong, brach ohnmächtig zusammen und wurde sogleich von Yanqi in die stabile Seitenlage gebracht. Bao half ihr, und sah dabei in Hongs verheultes Gesicht. Sie war Yu-Chiens Freundin gewesen, und beide waren bis zuletzt ein glückliches Paar gewesen, woran seltsamerweise die Tatsache, dass sie sich oft gestritten hatten, nichts geändert zu haben schien.
So viele, die nun zu bemitleiden waren. Was bezweckte dieser Fluch?
Das gleiche Leid wie das, was Weilin damals ereilt hatte, über die 3-1 zu bringen, auf jeden Fall. Aber eigentlich brachte er nichts als unnütze Leichen.


In letzter Zeit tun mir die Schüler irgendwie nur noch leid. So bin ich doch eigentlich gar nicht. Mann, bin ich unnütz. War ich schon immer so ein fragiler Charakter?
Wahrscheinlich ist es diese Bao. Sie war so nett zu mir.
Und dieser Yu-Chien hat zwar mich offenkundig nicht gemocht, aber er hat viele andere gemocht. Und wurde von vielen anderen gemocht.
Eigentlich hat hier meine kleine Stimme nichts gezählt.
War ich schon immer so egoistisch? Ich glaube nicht. Aber die Mehrheit zählt. Und laut dieser hatte er nicht verdient, zu sterben.
Ja, wenn man die Mehrheit befragte, hatte es wahrscheinlich keiner von ihnen verdient gehabt, zu sterben. Nicht einmal ich hatte den Tod verdient. Natürlich, damals nicht.
Aber eigentlich auch nicht für das, was danach war.

Die Welt ist so ungerecht.

Aber konnte es nicht vielleicht sogar stimmen, dass Kei-Lee mit ihrer Vermutung Recht gehabt hatte und Weilin das selbst gar nicht kontrollieren konnte? Vielleicht war sie auch nur eine Zuschauerin dieses Fluches. Die es vielleicht nur freute, aber trotzdem. Hatte es nur so ausgesehen, als ob jeder, der eine Begegnung mit ihr riskierte, sterben würde?
Sie war ja auch nicht gestorben. Glaubte es zumindest.
Bao fasste sich an den Hals, spürte ihre Hauptschlagader pulsieren. Sie schlug mehrfach die Augen auf und zu und spürte, dass sie sehen konnte, atmete tief durch, merkte, dass sie am Denken war, spürte ihr Blut fließen. Alles stimmte. Sie war am Leben.
War jedoch auch bereit, dieses Leben zu geben, sollte der Fluch dieses fordern.
Beim nächsten Mal würde sie wieder mit Weilin reden. Erneut eine ganze Mahlzeit für sie aufbringen wollte sie zwar nicht, aber vielleicht etwas Schokolade oder so? Ihre gute Freundin, die alte Mingzhi, verkaufte an ihrer Garküche in Schokolade getauchte Heuschrecken. Vielleicht würden der Lehrerin solche schmecken?
Wie auch immer, sie würde sich noch einmal versuchen, dem Geist zuzuwenden.
 
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