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Die Schöne und das Biest - 30 Jahre später - Kapitel 5

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Catherine Chandler Jamie Joe Maxwell Mouse OC (Own Character) Vincent
07.06.2020
07.06.2020
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Licht und Finsternis




„Weh denen, die Böses gut
und Gutes böse nennen,
die aus Finsternis Licht und
aus Licht Finsternis machen!“
(Jesaja 5,20)



New York; Büros des FBI; Jacob Chandler, Gerry Fisher

 „Verdammt Chandler, wo haben Sie gesteckt?“ Gerry Fisher war außer sich vor Wut.

Jacob ging nicht auf diese Frage ein. „Sagen Sie mir erst einmal, wieso bei meiner Mutter eingebrochen werden konnte, obwohl draußen Leute vom FBI Wache halten sollten?“ Herausfordernd sah Jake seinen Chef an.

Der zog resigniert die Schultern nach oben. „Ich kann es nicht sagen. Vielleicht war der diensthabende Mann gerade mal zur Toilette.“

Jake schnaube zweifelnd.

 „Wo ist Ihre Mutter denn jetzt?“ fragte Gerry Fisher.

 „Sie ist in Sicherheit“, antwortete Jake.

 „Chandler, hören Sie auf, den einsamen Retter zu spielen. Ich kann nicht für die Sicherheit Ihrer Mutter garantieren, wenn Sie nicht mit mir zusammenarbeiten.“ Gerry versuchte es mit Autorität.

Doch er prallte an Jake ab. „Solange Sie nicht die undichte Stelle beim FBI finden und ausschalten, werden Sie nichts von mir erfahren.“

Gerry knirschte mit den Zähnen.

 „Also?“ Fragend sah Jake seinen Chef an. „Wie sieht es aus?“

 „Wir sind auf der Suche“, meinte Gerry Fisher dann ruhiger. „Ich kann Sie ja verstehen. Erst der Einbruch und dann dieser entstellte Tote in der Wohnung von Mrs. Chandler.“

Jake ging nicht weiter darauf ein. Er dachte an seine Eltern unten in den Tunneln. Er hatte durch einen Helfer Kleidung aus dem Appartement für seine Mutter nach unten geschickt. Er wollte zunächst allein ermitteln, wo die undichte Stelle beim FBI war. Er brauchte Zeit. Zeit, um die undichte Stelle zu finden und Zeit, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Seine Eltern durften nichts davon erfahren.

 „Ich kann Sie suspendieren lassen“, drohte sein Chef ihm nun.

 „Sie übertreiben mal wieder“, meinte Jake gelassen zu ihm.

 „Ich werde das tun, Chandler. Sie sagen mir jetzt sofort, wo Sie ihre Mutter versteckt halten, oder…“

 „Oder was?“ Jacob sah Gerry Fisher stoisch an. „Na los. Tun Sie es. Suspendieren sie mich.“

Für einen Moment breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus. Gerry Fisher knirschte erneut mit den Zähnen.

Dann nickte er. „Also gut. Ich habe Sie gewarnt. Sie spielen ein gefährliches Spiel. Um der Sicherheit Ihrer Mutter willen, lasse ich Sie damit durchkommen. Aber das wird ein Nachspiel haben, wenn diese ganze Sache ausgestanden ist. Das verspreche ich Ihnen.“

Gerry Fisher wollte bereits den Konferenzraum verlassen, als ihm noch etwas einfiel. „Ich habe dutzende Male versucht, Sie telefonisch zu erreichen, aber Ihr Telefon war ausgeschaltet. Lassen Sie es eingeschaltet, damit wir in Kontakt bleiben können.“

Ironisch hob Jake die Augenbraue nach oben. „Das ist leider nicht möglich.“

 „Wieso nicht“, blaffte Gerry Fisher zurück.

 „Es wurde bei dem Einsatz mit dem Amokläufer zerstört. Tut mir leid.“ Man hörte Jakes Stimme an, dass es ihm nicht im geringsten Leid tat.

Gerry Fisher überlegte. „Warten Sie“, sagte er kurz und verschwand durch die Tür.

Jake ahnte, was passieren würde.

Als sein Chef nach einiger Zeit zurückkam, gab er ihm ein neues Handy. „Hier nehmen Sie das. Ich habe die Nummer bereits bei mir gespeichert.“

Jake nickte und steckte das Gerät kommentarlos in seine Tasche. Wortlos verließ er das Büro. Draußen auf der Straße holte er das Handy hervor und stellte es aus. Trotzdem sah er sich vorsichtig um, konnte aber nichts Verdächtiges in seiner unmittelbaren Umgebung feststellen. Er musste auf der Hut sein. Und er musste zu seinem Freund Danny, der sich mit der Technik von Smartphones auskannte.


New York; Dannys Laden für gebrauchte Handys und Reparaturen; Jake (Jacob) Chandler, Danny

 „Kannst du irgendwie nachsehen, ob ich damit aufgespürt werden kann?“ Gespannt sah Jake seinen Freund Danny an.

Sie standen zusammen in Dannys Laden, in dem er alles Mögliche an technischem Schnickschnack verkaufte.

 „Wenn du ein Smartphone bei dir hast, kannst du immer aufgespürt werden.“ Daniel sah Jake mit einem Blick an, der sagte, dass er das doch eigentlich wissen müsste.

 „Ich weiß, ich weiß“, antwortete Jake, „aber kannst du herausfinden, ob und wenn ja, wer Zugriff auf dieses Handy hat?“

Daniel nickte. „Klar, aber was hilft dir das, wenn du nichts dagegen unternehmen kannst. Ich meine, wenn das FBI euch überwacht, was willst du tun.“

Jake sah seinen Freund aus Kindertagen an. „Das weiß ich noch nicht. Ich will es einfach nur wissen.“ Er hatte Danny nichts erzählt von dem Profikiller in der Wohnung seiner Mutter, der eine Ortungs-App auf seinem Handy gehabt hatte mit der er Jakes altes Gerät hatte aufspüren können. Das alte Handy existierte nicht mehr. Jake hatte es zerstört. Doch er hatte nicht vor, der Mafia ein neues Einfallstor zu liefern, indem er dieses neue Smartphone benutzte. „Kannst du es nicht so manipulieren, dass es sicher ist?“ fragte er jetzt.

Daniel und er waren zusammen in den Tunneln groß geworden. Als sie alt genug waren, war jeder seiner Wege gegangen. Jake zum FBI und Danny war seiner Liebe zu moderner Technik gefolgt. Er betrieb einen kleinen Laden in Greenwich Village, in dem er auch Reparaturen durchführte. Trotzdem hielt er weiterhin Kontakt zu den Leuten in den Tunneln. Jake wusste, dass Danny sich bestens mit allem technischen Kram auskannte, insbesondere mit Smartphones. Deshalb war er zuerst zu ihm gefahren.

Der schüttelte bedauernd den Kopf. „Das ist nicht so einfach, wie du dir denkst. Ich vermute, du willst nicht die Nummer ändern, nicht wahr.“

 „Nein, mein Chef wird regelmäßig versuchen anzurufen, und dann sollte ich schon den Schein wahren“, meinte Jake.

 „Dann lässt sich nicht viel machen. Wenn er will, kann er dich damit überall aufspüren“, antwortete Danny. „Außer in den Tunneln. Die sind sicher.“

 „Und wenn ich es ausgeschaltet lasse.“

Daniel nickte. „Du misstraust deinen Leuten beim FBI?“

 „Es gibt eine undichte Stelle dort. Ich muss herausfinden, wer es ist. Solange ist meine Mutter nicht sicher“, antwortete Jake.

 „Und wenn sie einfach in den Tunneln bleibt bei deinem Vater?“ fragte Danny. „Das ist es doch, was sie eigentlich will.“

 „Ja“, antwortete Jake, „aber ich will es zu Ende bringen. Es muss aufhören. Diese Angst um ihr Leben. Wer immer dahinter steckt, ich werde diese Leute jagen und zur Strecke bringen.“ Grimmig sah Jake seinen Freund an. „Und dann können Mom und Pa endlich in Frieden leben.“

Daniel schwieg angesichts der Vehemenz, mit der sein Freund gesprochen hatte.


New York; in den Tunneln; Catherine und Vincent

Catherine erwachte aus einem tiefen Schlaf. Zunächst nahm sie mit geschlossenen Augen die Geräusche wahr. Ein entferntes Hämmern und Klopfen auf den Rohren. Noch weiter entfernt ein ganz schwaches Rattern, das von einer U-Bahn stammen musste. Diese Geräusche waren ihr so vertraut, als wären sie immer da gewesen, wenn sie aufwachte. Langsam öffnete sie die Augen. Sie befand sich in Vincents Kammer auf seiner Liege. Suchend ließ sie den Blick durch den Raum schweifen, doch er war nicht da. Auf dem Tisch stand eine Schüssel mit Wasser und eine Vase mit roten Rosen. Unwillkürlich musste sie lächeln. Langsam richtete sie sich auf und horchte in sich hinein. Sie fühlte sich ausgeruht nach dieser Nacht, und da war noch etwas anderes. Ein Gefühl von Geborgenheit und von Liebe durchströmte sie. Ihr war, als wäre sie endlich nach Hause gekommen.

Rasch wusch sie sich und zog sich an. Auf dem Stuhl lagen ein paar Sachen aus ihrem Appartement. Also war Jacob zurückgekommen und hatte ihr einige Kleidungsstücke mitgebracht. Sie musste erneut lächeln, als sie an ihren Sohn dachte. Vermutlich hatte er gestern Abend tatsächlich noch etwas zu erledigen gehabt, als er sie und Vincent so abrupt verlassen hatte und zurück nach oben gegangen war.

Catherine hörte Schritte und nur wenige Augenblicke später erschien Vincent in der Kammer. In den Händen trug er ein Tablett mit einer Teekanne und etwas zu Essen.

Als er sie bereits fertig angezogen sah, lächelte er. „Guten Morgen.“

Unwillkürlich lächelte Catherine zurück. „Guten Morgen“, erwiderte sie.

 „Wie fühlst du dich?“ fragte Vincent.

 „Ausgeschlafen und ausgeruht“, antwortete Catherine.

Vincent fühlte sich verlegen nach der vergangenen Nacht. Plötzlich erinnerte er sich an das Tablett in seinen Händen. „Ich habe dir etwas zu Essen mitgebracht“, sagte er und stellte es auf den Tisch. „Du hast sicherlich Hunger.“

Catherine schüttete sich eine Tasse Tee ein. „Ich habe die Sachen aus meinem Appartement gesehen. Ist Jacob da?“

Bedauernd schüttelte Vincent den Kopf. „Er hat die Sachen durch einen Helfer schicken lassen?“

Irritiert runzelte Catherine die Stirn. „Irgendwas stimmt nicht mit ihm.“

Vincent nickte. „Ich fürchte, er hat uns nicht alles erzählt.“

 „Ich dachte, ich könnte mit ihm zusammen zu Jenny, um zu sehen, wie es ihr geht, sagte Catherine. „Aber wenn er nicht da ist…“

Vincent schüttelte den Kopf. „Hier unten bist du sicher, Catherine. Jake kommt schon, wenn er Zeit hat.“ Dabei hörte sich Vincent nicht sehr zuversichtlich an.

 „Wir könnten ihm eine Nachricht schicken“, schlug Catherine vor.

 „Ja“, antwortete Vincent. Dann lächelte er sie an. „Aber vorher möchte ich dir gern etwas zeigen.“


New York; Krankenhaus; Jake (Jacob) Chandler und Victoria Thompson

Jacob ging langsam den Krankenhausflur entlang. In der Innentasche seiner Jacke fühlte er nur ganz leicht das Gewicht seines neuen Telefons. Es war nicht das Gleiche, was sein Chef ihm mitgegeben hatte. Danny hatte die SIM-Karte herausgenommen und in ein anderes Gerät desselben Modells gesteckt. Bei dem Modell, das Jake jetzt trug, gab es kein GPS-Signal, so dass er darüber nicht geortet werden konnte. Der Schwachpunkt war, dass er jetzt auch nicht ins Internet damit konnte. Er konnte lediglich telefonieren. Das musste vorerst reichen. Jake hatte nicht vor, jeden beim FBI über seine nächsten Schritte in Kenntnis zu setzen. Er würde sich die Leute genau aussuchen, die er in seinem Kampf einbezog, um die Täter ein für alle Mal zur Strecke zur bringen. Deswegen war er hier. Als er vor dem Krankenzimmer stehenblieb, das er gesucht hatte, klopfte er kurz an. Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern schob schwungvoll die Tür auf.

Victoria Thompson saß bereits fertig angezogen auf dem Bett und schien geradezu auf ihn gewartet zu haben.

 „Oh.“ Erstaunt sah sie ihn an. „Mit dir habe ich nicht gerechnet.“

 „Ich weiß“, erwiderte Jake und schloss mit Nachdruck die Tür. „Du siehst aus, als hättest du vor, dieses Etablissement zu verlassen.“

Jetzt nickte Vicky entschlossen. „Ich habe schon mit dem zuständigen Arzt gesprochen und warte nur noch auf meine Entlassungspapiere. Auf eigene Verantwortung, wie es so schön heißt.“

Jake war erleichtert. Das kam ihm gerade recht. „Weiß deine Mutter davon?“

 „Nein“, antwortete die dunkelhaarige FBI-Agentin. „Wahrscheinlich wird sie toben.“

 „Und wie fühlst du dich?“ fragte Jake weiter. „Ich meine, wie geht es dir wirklich?“

Fragend sah Vicky ihren Partner an. „Du fragst nicht einfach so, nicht wahr. Was ist los? Worum geht es?“

Statt einer Antwort griff Jake in die Innentasche seiner Jacke und holte etwas hervor.

Vickys Augen weiteten sich, als sie sah, dass es ihre Waffe war. „Wo kommt die her? Die müsste doch nach dem Vorfall im Appartement deiner Mutter bei der Polizei eingelagert sein.“

Jake nickte. „Der zuständige Typ von der Asservatenkammer war mir noch einen Gefallen schuldig. Ich habe ihm erzählt, dass du wieder im Einsatz bist.“

 „Du brauchst meine Hilfe“, schlussfolgerte Vicky.

 „Fühlst du dich stark genug?“ fragte Jake.

Vicky nickte und steckte entschlossen ihre Waffe ein. Dann nahm sie ihre Tasche. „Also, wo geht es hin?“


New York; in den Tunneln; Catherine und Vincent, Mouse

Vincent hatte Catherine weit hinunter geführt in tiefere Kammern. Manchmal übermannten Catherine die Gefühle, wenn sie an früher erinnert wurde. Manche Wege kamen ihr bekannt vor. Andere schienen neu zu sein. Als sie sich dem Wasserfall näherten und dem großen See, blieb sie für einen Moment stehen.

 „Was ist?“ fragte Vincent.

Catherine sah ihn an. „Es klingt vielleicht merkwürdig, aber es wirkt alles so vertraut. Als wäre ich nie fort gewesen.“

Vincent lächelte wehmütig. „Manchmal wenn ich auf diesen Wegen ging oder am Wasserfall an unserem Platz saß, meinte ich, deine Nähe zu spüren. So als wärst du in diesen Momenten bei mir.“

 „Vielleicht war ich das auch“, erwiderte Catherine. „Ich habe so oft von den Tunneln geträumt. Und von dir.“

Sie sahen sich einen scheinbar endlosen Moment an.

 „Komm.“ Vincent zog sie sacht weiter.

Sie kamen in einen Bereich, der Catherine gänzlich unbekannt schien. „Wo sind wir?“

 „Wir haben diese Tunnel vor Jahren neu angelegt nach 2001.“

 „Du meinst, nach den Anschlägen damals?“ fragte Catherine.

Vincent nickte zustimmend. „Ja.“

Einen Moment lang trat Stille ein.

 „Was ist damals passiert, Vincent?“ fragte Catherine mitfühlend. „Ich meine, ich wusste, dass eure Kammern weit weg lagen von den Türmen des World Trade Centers, aber…“

Vincent blickte für einen Moment ins Leere. „Es war furchtbar. Es war…“ Ihm fehlten die Worte.

Vorsichtig fasste Catherine ihn am Arm. „Sind von euch…“

 „Ja“, antwortete Vincent. „Es glich einem Erdbeben, und wir befanden uns darin. Einige Tunnel und Kammern sind eingestürzt. Menschen wurden verschüttet und eingeschlossen.“ Er schüttelte den Kopf, als wolle er dadurch die Bilder in seinem Kopf vertreiben. „Wir konnten nicht alle befreien.“

Entsetzt sah Catherine ihn an. „Das muss schrecklich für euch gewesen sein. Und Vater?“

 „Vater war am Boden zerstört. Er ist nie über diese Tragödie hinweg gekommen.“ Jetzt griff Vincent nach Catherines Hand. „Für ihn war es mehr als der Einsturz eines Teiles unserer Welt. All die Jahre hatte er uns vor den Gefahren, die oben lauerten, hier unten in Sicherheit gebracht. Und dann waren wir den Folgen der Gewalt von oben auf einmal ausgeliefert.“

 „Es tut mir so leid“, sagte Catherine.

 „Kaum ein halbes Jahr danach ist er gestorben. Er hatte nicht mehr die Kraft, noch einmal neu anzufangen.“

Langsam gingen sie nun weiter.

 „Aber du hattest diese Kraft?“ fragte Catherine.

 „Für Jacob und für all die anderen Kinder und Menschen, die hier lebten“, antwortete Vincent.


Wenig später waren sie an ihrem Ziel angekommen. Sie standen oberhalb eines riesigen Gewölbes, an dessen Seite Stufen hinunter führten.

 „Oh mein Gott“, flüsterte Catherine ergriffen. „Vincent es ist unglaublich.“ Ihr fehlten die Worte.

Sacht ergriff Vincent ihre Hand und führte sie die Stufen hinab, bis sie zusammen inmitten der duftenden Pracht standen. Was Catherine so in Erstaunen versetzte, war ein scheinbar riesiger, prachtvoller Garten. Der Boden war übersät von Blumen und Büschen, die einen betörenden Duft verströmten. Vincent führte sie vorbei an Rosenbüschen, Hyazinthen und Flieder. Hier und da ragte ein Baum in die Höhe hinauf zu der Decke des Gewölbes. Im Hintergrund hörte Catherine Wasser rauschen und sie sah, dass mitten durch die Beete kleine Bäche flossen. Vincent führte sie auf sorgsam angelegten Wegen mitten durch den Garten. Fassungslos sah Catherine Vincent an, der sichtlich stolz dieses Wunder präsentierte.

 „Wie ist das möglich hier unten?“ fragte Catherine.

Er deutete hinauf zur Decke, die sich scheinbar endlos in die Höhe zog. „Siehst du da oben? Künstliches Licht. Es brennt den ganzen Tag. Über Nacht schalten wir es aus.“

 „Aber trotzdem, wie kann das sein so tief unter der Erdoberfläche?“ Catherine konnte es noch immer nicht fassen.

 „Es war Geoffreys Idee“, begann Vincent zu erzählen, während er sie weiter führte auf einem schmalen Weg. „Er hatte schon früher die Idee, hier unten selbst Gemüse zu züchten. Er probierte ein wenig herum mit der Erde, die wir hier haben. Mouse bastelte ihm Lampen als künstliches Licht.“

 „Und woher habt ihr den Strom genommen?“ fragte Catherine.

Vincent schmunzelte verschmitzt. „Wie Vater und ich erst hinterher erfuhren, hatte Mouse bei den ersten Versuchen die New Yorker Stromleitungen angezapft.“

Unwillkürlich musste Catherine lächeln. „Ist das nicht aufgefallen?“

Vincent drückte ihre Hand. „Zum Glück nicht. Wir entdeckten dieses unglaublich riesige Gewölbe und Mouse baute Generatoren und ein kleines Kraftwerk, so dass wir mit Wasser Strom erzeugen können. Komm, ich zeige es dir.“

Am Rande des Gartens führte Vincent sie auf einen Weg ein Stück weit weg. Catherine hörte laut das Wasser rauschen.

 „Was ist das?“ fragte sie.

 „Das ist Mouse seine Erfindung“, antwortete Vincent mit Stolz in der Stimme.

Vor ihnen öffnete sich der Blick, und Catherine erkannte eine Art Staumauer. Jetzt gingen sie wieder ein paar Stufen hinauf und hinter der Mauer erstreckte sich ein kleiner See.

Verblüfft blieb Catherine stehen. „Ihr habt einen Stausee gebaut“, stellte sie fest.

Vincent nickte. „Es ist eine Art Wasserkraftwerk, aber das kann Mouse dir am besten erklären.“

Kaum gesagt, kam der Tüftler schon auf sie zu. Strahlend sah er sie an. „Hallo Catherine, hallo Vincent. Habt ihr einen Spaziergang durch unseren Garten gemacht?“

 „Ich habe Catherine unsere Versorgungsquellen gezeigt, und sie wollte wissen, wie wir an den Strom herankommen“, erklärte Vincent.

Stolz klopfte Mouse auf die Staumauer. „Wasserkraft. Mit Turbinen.“

Hilflos schüttelte Catherine den Kopf. „Davon verstehe ich nichts, aber es scheint zu funktionieren.“

 „Natürlich funktioniert es“, sagte Mouse stolz. Dann begann er zu erklären. „Wasser ist Masse. Setzt sich Masse in Bewegung wird es zu kinetischer Energie. Befindet sich Wasser oben, folgt es der Schwerkraft und fließt nach unten. Wenn es dabei durch eine Art Laufrad fließt, setzt es eine Welle in Bewegung durch die sich wiederum ein Magnet dreht. Fertig ist der Strom.“

Vincent lächelte angesichts der simplen Beschreibung von Mouse. „Ganz so einfach ist es nicht. Es gehört noch viel mehr dazu. Helfer haben Kabel besorgt und …“

  „… und Turbinen. Anfangs haben wir ein simples Wasserrad gebaut. Jetzt haben wir Turbinen“, ergänzte Mouse. „Damit können wir viel mehr Strom erzeugen.“

Sprachlos sah Catherine die ganze Anlage an. „Ein regelrechtes Wasserkraftwerk“, sagte sie ehrfürchtig. Mouse nickte begeistert.

Sie verabschiedeten sich voneinander und Vincent führte sie zurück zum Garten. Sie kamen zu einem Bereich der von den Blumenbeeten abgetrennt war.

 „Hier sind unsere Gemüsebeete“, erklärte Vincent.

Fasziniert betrachtete Catherine die Pflanzen. „Also könnt ihr euch jetzt selbst versorgen und…“

 „Es reicht noch nicht für alles“, erwiderte Vincent. „Wir haben ein paar Obstbäume, aber wir sind immer noch auf die Hilfe unserer Freunde oben angewiesen. Trotzdem ist es ein großer Erfolg. Jeder hilft beim Säen und Pflanzen und natürlich bei der Ernte.“

 „Und es gibt sogar Blumen.“ Ehrfurchtsvoll sah Catherine sich um. „Vincent, es ist ein kleines Paradies.“

 „Ja, in gewisser Weise schon“, antwortete er und freute sich insgeheim, dass es ihr gefiel.

Langsam schritten sie durch den Garten.

 „Jamie und Olivia wollen für dich ein Fest ausrichten“, sagte Vincent plötzlich.

Catherine blieb stehen. „Ein Fest?“

 „Eine Art Willkommensfeier.“ Er sprach nicht weiter und hoffte, dass sie die unausgesprochene Frage auch so verstand.

Sie blickte einen Moment lang vor sich hin. „Das ist lieb gemeint, aber du weißt, dass ich…“

Vincent unterbrach sie, indem er sie an beide Schultern fasste. „Alle freuen sich so sehr, dass du lebst und…“

 „…und hier wohnen werde“, vollendete Catherine den Satz. Sie blickte auf den prachtvollen Garten und horchte in sich hinein. Ihr Schweigen geriet schon zu lange.

 „Wenn es dir zu früh ist und du noch Zeit brauchst, ist das auch in Ordnung“, sagte Vincent leise.

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht.“

 „Was ist es dann, Catherine?“ fragte Vincent. „Hier unten wärst du in Sicherheit.“

 „Ja“, sagte sie. „Das wäre ich. Aber was ist mit Jacob?“

 „Jacob kann auf sich selbst aufpassen. Du hast doch selbst gesagt, dass er seinen Platz im Leben finden muss.“ Vincent sah sie eindringlich an.

 „Vincent, es geht nicht nur um meine Sicherheit, sondern auch um Jacobs. Glaubst du nicht, dass die Leute, die hinter mir her sind, inzwischen herausgefunden haben, dass ich einen Sohn habe?“


New York; im Auto; Jake (Jacob) Chandler und Victoria Thompson

 “Also wohin geht es als nächstes?” fragte Victoria Thompson, als sie sich neben Jake ins Auto setzte.

 „Hast du zufälligerweise ein privates Handy?“ fragte Jake.

 „Ja. Ich habe es dabei. Warum?“ fragte Vicky.

 „Kennt irgendjemand vom FBI deine Nummer?“ fragte Jake weiter.

 „Nein, normalerweise habe ich das nur für private Zwecke genutzt, wenn ich Urlaub hatte. Oder jetzt im Krankenhaus, um mit meiner Mutter zu telefonieren.“ Vicky sah Jake fragend an.

 „Gut. Sehr gut“, sagte er stattdessen nur.

 „Wirst du mir irgendwann sagen, was du planst?“ fragte Vicky.

Jake schwieg für einen kurzen Moment.

 „Na ja“, meinte Vicky, „immerhin vertraust du mir soweit, dass ich dir helfen soll.“

 „Ich vertraue dir vollkommen“, erwiderte Jacob. „Du wärst fast dabei drauf gegangen, als James Madison meine Mutter töten wollte.“

 „Es war mein Job, sie zu beschützen“, meinte Vicky lapidar.

Jake warf ihr kurz einen Blick von der Seite zu, während er weiterfuhr. „Es ist für dich nicht nur ein Job. Du magst sie.“

 „Sie ist eine verdammt starke Frau, wenn du mich fragst. All diese Jahre im Zeugenschutzprogramm durchzustehen und immer in dem Wissen, dass es weiterhin Leute gibt, die sie ermorden wollen, das ist schon…“

 „Ja, sie ist außergewöhnlich“, unterbrach Jake Vickys Redefluss. „In so mancherlei Hinsicht.“ Er schwieg wieder für einen Moment. „Weißt du, ich bin bei meinem Vater aufgewachsen. Wir dachten, sie wäre tot.“

 „Ich habe die Berichte gelesen. Weil ihr Grab umgebettet werden sollte, ist alles ans Licht gekommen.“

 „Ja. Ich kenne sie deshalb nicht so gut, wie ein Sohn seine Mutter kennen sollte“, meinte Jake.

 „Ich habe in den Wochen, während ich sie beschützt habe, diese Distanz zwischen euch gespürt. Dein Vater…“

 „Das ist eine andere Geschichte“, unterbrach Jake seine Partnerin erneut.

 „Dann haben deine Eltern keine gemeinsame Zukunft?“

 „Meine Eltern lieben sich“, entgegnete Jake jetzt heftig. Er hielt den Wagen in einer Seitenstraße in Brooklyn vor einem dunklen Lagergebäude. Er wandte sich Vicky zu. „Ich kann dir nichts von meinem Vater erzählen aus Gründen, die ich dir nicht sagen kann. Aber meine Eltern lieben sich und wollen zusammen sein. Deshalb brauche ich deine Hilfe. Ich will die Kerle ein für alle Mal ausschalten, die sie umbringen wollen. Bist du dabei?“

Vicky wollte schon antworten, als Jake sie mit der Hand zum Schweigen brachte. „Denk einen Moment darüber nach. Es könnte dich deinen Job kosten und vielleicht sogar mehr.“

Vicky zögerte keine Sekunde. Sie nickte ihm zu. „Ich bin dabei. Also was ist dein Plan?“


New York; Haus in der Upper East Side; Cedric Hanlon und sein Sekretär

In einem Haus in der Upper East Side war man von den neuesten Entwicklungen nicht begeistert. Ein Mann mit dunklen Haaren, Ende dreißig und gekleidet in einem dunklen Anzug saß an seinem Schreibtisch und musterte den Mann vor sich scharf. Der Sekretär fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut.

 „Es tut mir leid, Sir“, stotterte er jetzt hilflos. „Ich kann mir nicht erklären, was passiert ist.“

Der Mann am Schreibtisch lehnte sich zurück und spreizte die Finger gegeneinander. „Das war der dritte Versuch. Einer in Berlin und zwei in New York“, stellte er kalt fest. „Sie hatten mir versichert, der letzte Mann wäre gut.“

 „Ja“, bestätigte der blonde Mann vor ihm. „Er sollte der Beste in seiner Branche sein.“

 „Nun ja. Jetzt ist er es nicht mehr“, stellte der dunkelhaarige Mann trocken fest. „Er ist tot. Wissen unsere Leute schon, wer es war?“

 „Laut Aussage unserer Kontaktperson stehen FBI und Polizei vor einem Rätsel, aufgrund der seltsamen Verletzungen, die zum Tod geführt haben.“ Hilflos zuckte der Sekretär mit den Schultern in Erwartung des Zornausbruches seines Chefs, der längst überfällig war.

 „Verdammt!“ Endlich schlug der Dunkelhaarige unbeherrscht auf den Schreibtisch. „Diese Frau scheint mehr wie neun Leben zu besitzen. Sie ist einfach nicht tot zu kriegen.“

 „Sir?“ Hilflos stand der blonde Mann vor ihm und wartete den Wutanfall ab.

Schnell hatte sich sein Boss wieder beruhigt. „Weiß man, wo sie jetzt ist?“

 „Nein. Anscheinend wird sie komplett von ihrem Sohn abgeschirmt.“

 „Wofür haben wir all die Spitzel und Informanten“, herrschte der andere seinen Sekretär an.

Der zuckte wieder nur hilflos mit den Schultern. „Es gibt vielleicht eine Möglichkeit, Mr. Hanlon“, sagte er dann. „Bei dem Amoklauf in der Carnegie Hall hat die Freundin von Mrs. Chandler den Ehemann verloren. Sie wird es sich nicht nehmen lassen, ihrer Freundin bei der Beerdigung beizustehen. Das ist nächste Woche.“

Mürrisch winkte Cedric Hanlon ab. „Zu auffällig. Ich will kein Massaker. Ich will nur diese Frau.“ Dann stutzte er. „Obwohl, es ist vielleicht doch eine Möglichkeit, um an sie heran zu kommen.“ Er starrte nachdenklich vor sich hin. „Ja, wir machen das.“ Unruhig trommelte Hanlon auf dem Schreibtisch herum. Dann winkte er seinem Sekretär zu. „Verbinden sie mich mit unserer Kontaktperson.“

Der andere nickte und verließ den Raum.


New York; Flughafen; Gerry Fisher

Gerry Fisher war sichtlich nervös. Fahrig fuhr er sich über das Gesicht und lauschte gespannt in den Hörer seines Handys. ‚Verdammt‘, dachte er bei sich. Jacob Chandler war nicht zu erreichen. Das Telefon schien ausgeschaltet zu sein. Das hätte er sich ja denken können. Nervös lief er im Wartebereich der Flughafenhalle auf und ab. Seit Tagen pendelte er zwischen Washington und New York hin und her. Zuerst war es nur der Fall wegen Kunstfälschung gewesen, auf den er Jacob Chandler angesetzt hatte. Der hatte sich zu einem Mordfall ausgeweitet. Und dann war da noch die Sache mit dem Auftauchen von Catherine Chandler aus dem Zeugenschutzprogramm. All das war unter seiner Leitung gelaufen. Dazu noch ein Dutzend anderer Fälle, für die er die Verantwortung trug. Nach der Aufklärung der Kunstfälschungssache, hätte er Chandler gut gebrauchen können. Doch dem war es erlaubt worden, sich persönlich um seine Mutter zu kümmern, da Catherine Chandler weiterhin von Leuten des organisierten Verbrechens bedroht wurde. Das war ungewöhnlich, und es ärgerte Gerry Fisher, denn er hätte seinen vielversprechendsten Mann lieber woanders eingesetzt. Außerdem sah man ja, wo das hinführte. Chandler arbeitete nicht mit ihm zusammen und versuchte, sein eigenes Ding durchzuziehen.

Die Lautsprecheranlage machte einen Aufruf für seine Maschine. Im gleichen Moment klingelte Gerry Fishers Handy. Nervös fummelte er es aus der Tasche.

 „Ja hallo“, meldete er sich.


New York; Brooklyn; Jake Chandler, Victoria Thompson, Hal Garrett

Jake führte Vicky durch mehrere enge Gassen, bis sie schließlich vor einer unübersichtlichen Halle stehen blieben.

 „Wo sind wir?“ fragte Vicky automatisch.

 „In Brooklyn“, antwortete Jake mit einem Lächeln.

Unwillkürlich musste sie schmunzeln, trotz der ernsten Lage. „Das weiß ich.“

 „Ein Freund hat sein Geschäft hier. Komm.“ Damit stieg er eine lange Eisentreppe hoch, die weit nach oben führte. Als sie oben an einer dicken Eisentür ankamen, blickte Vicky kurz nach unten. Man musste schon schwindelfrei sein. Doch Jake zog sie am Arm durch die Tür. Sie betraten das ausgebaute Dachgeschoss der Lagerhalle.

 „Hal, bist du da?“ rief Jacob laut. „Hal?“

Vicky sah sich neugierig um. Neben dem Eingang befand sich ein Verkaufstresen. Danach zogen sich Regale an der Wand entlang. Gewehre, Maschinenpistolen, Handfeuerwaffen. Hier schien es nichts zu geben, was die Waffenindustrie nicht herstellte.

Aus dem hinteren Bereich hörten sie Schritte. Endlich kam jemand. Ein Poltern kündigte ihn an.

 „Shit“, fluchte er laut. Dann kam er ins Sichtfeld. Er blickte die beiden Besucher überrascht an. „Jacob, bist du das?“ Ungläubig starrte er Jake an.

Jake grinste den dunkelhäutigen Mann an. „Hallo Hal. Lange nicht gesehen, was?“

Hal kam näher, breitete seine Arme aus und die beiden Männer umarmten sich herzlich. Victoria Thompson beobachtete die Szene aus einer gewissen Distanz. Die Männer schienen sich gut zu kennen. Sie schätzte Hal auf etwa Mitte fünfzig bis Anfang sechzig. Ein kleiner schwarzer Mann mit krausen Haaren, einem Schnäuzer und gutmütigen Augen. Er trug alte, abgetragene Jeans und einen fleckigen Pullover.

 „Gott, das muss Ewigkeiten her sein“, sagte Hal jetzt. Er wischte sich leicht über die Augen. „Der kleine Jake.“

 „So klein nun auch nicht mehr“, erwiderte Jacob lächelnd.

Einen Moment lang sahen sich die Männer verständnisvoll an.

Dann riss sich Hal sichtbar zusammen. „Was führt dich her.“

Neugierig blickte er an Jake vorbei zu der Frau, die inmitten der Waffenregale stand und die beiden Männer stumm beobachtet hatte.

Jake wandte sich zu Vicky um. „Hal, darf ich dir meine Kollegin vorstellen. Victoria Thompson. Wir arbeiten zusammen.“

Schüchtern ging der Schwarze auf die FBI-Agentin zu und reichte ihr die Hand.

 „Vicky. Das ist Hal Garrett, ein guter und alter Freund von mir und…“ Er verstummte abrupt.

 „Ich war ein guter Freund von Jakes Mutter“, erklärte Hal weiter.

 „Deiner Mutter?“ fragte Vicky verblüfft und blickte Jake an, während sie Hals Hand schüttelte.

 „Nicht meiner Mutter“, versuchte Jake umständlich zu erklären. „Er ist ein Freund von der Frau, die geholfen hat, mich groß zu ziehen.“

Vicky runzelte kurz die Stirn und sah Jacob weiterhin fragend an.

 „Eine wunderbare Frau“, murmelte Hal leise, und für einen Moment trat Stille ein.

 „Wer war sie?“ fragte Vicky.

 „Diana Bennett“, erwiderte Jake. „Sie war Polizistin hier in New York und spezialisiert auf Sonderfälle, an die sich sonst keiner heran traut.“

 „War?“ Vicky ahnte, was das bedeutete.

 „Sie ist bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Das ist schon lange her.“ Jacob zuckte nur kurz mit den Achseln, als berühre ihn das nicht mehr.

Vicky sah ihn einen Moment lang an. „Deshalb das FBI.“

Jake lächelte sparsam. Dann wandte er sich an Hal. „Ich brauche deine Hilfe.“

 „Das habe ich mir schon fast gedacht“, sagte der Ältere. Er deutete auf die Regale ringsherum. „Was brauchst du?“

 „Hand- und Schnellfeuerwaffen. Und Munition“, antwortete Jake. „Möglichst in gutem Zustand. Ist Theo auch da?“

 „Er ist unterwegs. Holt eine Lieferung von gebrauchten Sachen. Er müsste aber bald zurück sein. Warum fragst du?“ Währenddessen zog Hal einige Handfeuerwaffen und Maschinenpistolen aus den Regalen und legte sie nebeneinander auf den Tresen.

 „Ich könnte eventuell Hilfe gebrauchen“, meinte Jake in vielsagendem Tonfall.

Hal hielt inne und sah ihn an. „Junge, was ist los. Steckst du in Schwierigkeiten?“

 „Nicht direkt.“ Jake zögerte nur kurz. „Ich muss ein paar Mistkerle aus dem Weg räumen, die meine Mutter ermorden wollen.“

 „Deine Mutter….“ Jetzt sah Hal den jungen Mann fragend an, dann dämmerte es ihm. „Ach natürlich, deine Mutter. Catherine Chandler. Ich habe was davon gelesen.“ Er nickte langsam. „Und sie wird immer noch bedroht?“

Jake nickte grimmig, während Victoria das Gespräch fasziniert verfolgt hatte. Sie beobachtete, wie Jake die Waffen in die Hand nahm und prüfte.

 „Was meinst du, welche sollen wir nehmen?“ fragte er sie.

Sie zögerte einen Moment lang, dann ging sie zu ihm und nahm prüfend mehrere Maschinenpistolen in die Hand. „Du hast mir immer noch nicht gesagt, welchen Plan du verfolgst“, sagte sie nebenbei.

Jacob wollte schon zu einer Antwort ansetzen, als Vickys Handy klingelte. Sie kramte es aus der Innentasche ihrer Jacke und sah kurz auf das Display. „Entschuldige mich bitte“, sagte sie zu Jake und verschwand durch die Stahltür nach draußen.


New York; in den Tunneln; Catherine und Vincent  

Vincent und Catherine verbrachten den Vormittag zusammen in den Tunneln. Sie schlenderten gemeinsam durch den unterirdischen Garten, und Catherine konnte sich nicht satt sehen an der Farben- und Blütenpracht. Als sie langsam zu Vincents Kammer zurückkehrten, war sie noch immer voller Staunen.

 „Ihr habt ein Wunder geschaffen“, meinte sie.

Vincent nickte. „Ja, in gewisser Weise ist es das.“

Im inneren Bereich trafen sie auf den einen und anderen Tunnelbewohner. Catherine wurde von jedem freundlich gegrüßt. Fast schien es so, als wäre sie schon eine von ihnen. Und vielleicht war sie das auch. Sie horchte in sich hinein und überlegte. Es wäre so einfach. Sie müsste nicht mehr nach oben gehen. Sie würde hier unten bleiben bei Vincent. Niemand bräuchte je erfahren, was aus ihr geworden war. Doch dann schüttelte sie innerlich den Kopf. Jacob lebte dort oben, und sie konnte jetzt nicht einfach verschwinden, ohne einen plausiblen Grund dafür zu hinterlassen.

 „Jacob scheint nicht so bald zurück zu kehren“, meinte Vincent, dem ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen.

 „Können wir ihn sonst irgendwie erreichen?“ fragte Catherine.

 „Wir können eine Nachricht zu Dannys Laden schicken. Wenn er sich irgendwo melden wird, dann dort“, antwortete Vincent.

Catherine runzelte besorgt die Stirn. „Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Er war so merkwürdig, als er uns verließ.“

Vincent nickte bestätigend. „Ich mache mir auch Sorgen, aber im Moment können wir nichts tun.“

 „Ich weiß, ich hatte versprochen hier zu bleiben“, wandte Catherine ein, „aber wenn Geoffrey mich begleitet, könnte ich doch…“

Sie wurde unterbrochen. „Catherine“, Vincent suchte nach Worten. „Er wird kommen und alles Weitere mit uns besprechen.“ Beruhigend nahm er sie in den Arm. „Vielleicht musst du lernen, ihm zu vertrauen.“

Catherine nickte in Vincents Umarmung, doch sie war keineswegs beruhigt.


New York; Brooklyn; Jake (Jacob) Chandler, Victoria Thompson, Hal Garrett und sein Sohn Theo

Es dauerte etwas, bis Jake zusammen mit Hal und dessen Sohn Theo die Waffen und die Munition im Kofferraum verstaut hatte. Sie hatten Vickys Hilfe abgelehnt, was diese mit einem amüsierten Schmunzeln zur Kenntnis nahm.

 „Du solltest dich noch schonen“, meinte Jake zu ihr.

 „Du meinst, du traust mir nicht zu, das Zeug zu tragen, aber damit schießen darf ich später schon.“ Vicky grinste ihn in Anbetracht dieser männlichen Logik an. „Manchmal bist du richtig altmodisch.“

 „Nicht nur manchmal“, antwortete Jake und schloss den Kofferraumdeckel.

Sie verabschiedeten sich von Hal und Theo.

Hal wirkte besorgt. „Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst bei was auch immer.“

Jake nickte dankbar. „Danke Hal.“

 „Also jetzt sind wir bis zum Anschlag eingedeckt. Ich habe das Gefühl, als würdest du in deinen ganz persönlichen Krieg ziehen wollen.“ Vicky brachte es scharfsinnig auf den Punkt.

 „In gewisser Weiser“, meinte Jake.

 „Und was ist der nächste Schritt?“ fragte Vicky.

 „Jetzt nehmen wir die Fährte auf“, antwortete Jake. „Wer war das übrigens vorhin am Telefon?“

 „Ach“, meinte Victoria Thompson ausweichend. „Das war noch jemand vom Krankenhaus mit einer Rückfrage. Ich sollte vielleicht irgendwann nochmal kurz bei meiner Mutter vorbei, damit sie sich keine Sorgen macht.“

 „Das lässt sich einrichten“, meinte Jake.

Schweigend fuhren sie weiter.


New York; Büro von Joe Maxwell; Jake (Jacob) Chandler, Victoria Thompson, Joe Maxwell

 “Sie wollen was?” Aufgebracht stand Joe Maxwell in seinem Büro und starrte die beiden FBI-Agenten an, die vor ihm standen. „Weiß Ihr Vorgesetzter davon?“ Das darauf folgende Schweigen war Antwort genug. „Wenn Sie denken, dass ich so etwas tun werde, haben Sie sich gewaltig geirrt. Ich kann nicht fassen, dass Sie überhaupt danach fragen.“

 „Doch“, widersprach Jacob Chandler. „Sie werden uns die Namen der Leute geben, die Sie bei der Mafia eingeschleust haben und wie wir Kontakt mit ihnen aufnehmen können.“

 „Nein“, rief Joe Maxwell laut. „Auf keinen Fall.“

Jake ließ sich von dem wütenden Gesicht des New Yorker Staatsanwaltes nicht beeindrucken. „Sie geben mir diese Namen um der Freundschaft zu meiner Mutter willen.“ Seine Stimme war ruhig und ausdruckslos, fast schon leise. „Und Sie sagen mir, wer sonst noch in den vergangenen Jahren über die Identität meiner Mutter Bescheid wusste.“

Joe Maxwell stützte sich auf seinen Schreibtisch auf und ließ den Kopf hängen. „Was Sie da verlangen, ist unmöglich“, sagte er jetzt ruhiger. „Es würde viele unserer Ermittlungen gefährden und…“

Mit einem Schritt stand Jake vor dem Schreibtisch und stützte sich gleichfalls auf. „Das ist mir scheißegal“, meinte er drohend. „Ich werde alles tun, damit meine Mutter in Frieden leben kann.“

Überrascht sah Joe Maxwell den jungen Mann an. „Sie wollen auf eigene Faust etwas unternehmen.“ Fassungslos schaute er von Jacob Chandler zu Victoria Thompson und wieder zurück. „Das ist Wahnsinn. Gegen die organisierte Kriminalität haben Sie keine Chance.“

 „Wenn Ihre Leute uns helfen vielleicht doch“, meinte Jake.

 „Weiß Ihr Boss davon?“ fragte Joe Maxwell.

Jake schüttelte den Kopf. „Um ehrlich zu sein. Ich traue ihm nicht. Er könnte die undichte Stelle beim FBI sein.“

 „Sind Sie sicher?“ fragte Maxwell.

 „Ich weiß, dass Gerry Fisher darin verstrickt ist“, antwortete Jake. „Ich weiß nur nicht, wie weit.“

Der weißhaarige New Yorker Staatsanwalt ließ sich in seinen Bürostuhl sinken und atmete tief durch.

 „Ich weiß, dass meine Mutter Ihnen immer vertraut hat. Und deshalb vertraue ich Ihnen auch und weiß, dass Sie uns helfen werden.“ Erwartungsvoll sah Jake den Älteren an.

Währenddessen stand Vicky im Hintergrund und verfolgte das Geschehen stumm, aber aufmerksam.

Scheinbar ratlos blickte Joe Maxwell vor sich auf seinen Schreibtisch. Er schien zu überlegen. Dann nickte er und sah Jake an. „Wo ist Ihre Mutter jetzt?“

 „In Sicherheit“, antwortete Jacob Chandler nur.

Joe Maxwell verdrehte die Augen. „Das geht so nicht und das wissen Sie auch. Wenn Sie mir wirklich vertrauen, dann können Sie mir sagen, wo Catherine ist. Glauben Sie mir. Sie ist mir genauso wichtig wie Ihnen und wenn ich helfen kann, sie zu beschützen…“

 „Darum geht es nicht“, antwortete Jake, „und ich glaube Ihnen. Aber je weniger Leute wissen, wo sie ist, desto sicherer ist es. Es geht ihr gut, und sie ist in Sicherheit.“

Erneut starrte Joe Maxwell einen Moment lang vor sich hin. Dann gab er sich einen Ruck. „Also schön. Wir haben einen V-Mann eingeschleust. Dort nennt er sich Pete Manetti.“ Während Joe sprach, schrieb er etwas auf einen Zettel. „Das ist die Kontaktadresse, wo wir Nachrichten hinterlassen und gegebenenfalls die Kontaktaufnahme erfolgt. Ein Zeitschriftenladen, der einem ehemaligen Cop gehört.“

Jake nahm den Zettel entgegen und nickte. „Danke.“

 „Mr. Chandler“, sagte Joe Maxwell ernst, „tun Sie nichts Unüberlegtes. Es wäre immer noch das Beste, wenn wir diese Leute auf legalem Wege aus dem Verkehr ziehen könnten.“

 „Das Beste für wen?“ fragte Jake scharf zurück. „Damit wieder ein Zeuge in einem Prozess aussagen und sich für den Rest seines Lebens verstecken muss?“

Der New Yorker Staatsanwalt sah den jungen Mann vor sich sprachlos an.

Jake winkte ihm mit dem Zettel zu. „Vielen Dank für die Info. Komm“, sagte er zu Vicky. Zusammen verließen die beiden das Büro und ließen einen ratlosen Joe Maxwell zurück.


New York; in den Tunneln; Jacob (Jake), Catherine und Vincent

 “Mom, das geht nicht. Das ist viel zu gefährlich.“ Aufgebracht stand Jake einen Tag später in der Kammer seines Vaters.

 „Ich muss das einfach tun, Jacob“, sagte Catherine leise. „Sie ist meine Freundin. Ich kann sie nicht im Stich lassen in dieser schweren Zeit.“

Hilflos sah Jacob seinen Vater an. „Sag du etwas.“

Vincent hatte bislang nur schweigend mit verschränkten Armen dabei gestanden, als Catherine ihrem Sohn eröffnet hatte, dass sie zu der Beerdigung von Jenny Aronsons Ehemann gehen wollte.

Jetzt richtete er sich langsam auf. „Ich kann verstehen, dass deine Mutter ihrer Freundin beistehen möchte.“

 „Aber…“, begann Jacob.

 „Es kann nicht gefährlicher sein, als wie es sonst auch schon war, wenn sie sich oben aufgehalten hat“, sprach Vincent weiter. „Außerdem weiß ich, dass du sie beschützen wirst.“

 „Aber die Leute, die sie suchen, werden erwarten, dass sie dort ist“, erwiderte Jacob.

Nachdenklich sah Vincent seinen Sohn an. „Weiß du irgendetwas, das du uns nicht sagen willst?“

 „Nur so viel, dass es für sie hier unten am sichersten ist“, entgegnete sein Sohn.

 „Ich kann mich hier nicht die ganze Zeit verstecken.“ Catherine wirkte angespannt. „Es würde merkwürdig aussehen, wenn ich mich nicht hin und wieder oben blicken ließe. Geschweige denn, wie du es dem FBI gegenüber erklären willst.“

 „Das lass meine Sorge sein“, entgegnete Jake.

Catherine wollte schon widersprechen, als Vincent den Arm hob. „Jacob, wir sollten eine Lösung für das Problem suchen. Zusammen.“

Jake schaute von seinem Vater zu seiner Mutter und wieder zurück. Er schien zu überlegen. Dann hob er genervt beide Arme. „Also schön. Wir gehen zu dieser Beerdigung. Aber nur, wenn Vicky und ich die ganze Zeit bei dir bleiben können.“

Überrascht sah Catherine ihn an. „Vicky? Ist sie denn nicht mehr im Krankenhaus?“

 „Sie wurde auf eigenen Wunsch entlassen“, erklärte Jake und hoffte, seine Mutter würde nicht weiter nachfragen.

 „Aber sie kann doch unmöglich schon wieder voll einsatzfähig sein“, meinte Catherine. Misstrauisch sah sie ihren Sohn an.

Der winkte ab. „Das lass mal ihre Sorge sein. Sie schien jedenfalls ganz in Ordnung zu sein, als ich sie abgeholt habe.“

 „Du hast sie also aus dem Krankenhaus abgeholt. Warum?“ fragte Catherine.

‚Mist‘, dachte Jake bei sich. Seine Mutter war viel zu aufmerksam, als dass man ihr etwas vormachen konnte. Statt ihre Frage zu beantworten, sagte er nur: „Mom. Es geht ihr gut. Sie ist jetzt gerade zu Haus. Also mach dir keine Gedanken darum.“

 „Willst du nicht Verstärkung vom FBI anfordern?“ fragte Vincent.

 „Nein.“ Energisch widersprach Jake. „Der FBI-Agent, der versucht hat, Mom zu töten, war nicht alleine. Da bin ich mir sicher.“

 „Verdächtigst du jemanden Bestimmten?“ fragte Catherine.

 „Ja, aber ich habe keine Beweise.“ Jake machte eine kurze Pause. „Deshalb möchte ich, dass du dich nicht unnötig in Gefahr begibst.“

Catherine nickte ihm verstehend zu. Sacht legte sie ihrem Sohn die Hand auf den Arm. „Ich verstehe deine Sorge, aber ich kann mich nicht für alle Ewigkeit verstecken. Deshalb möchte ich bei Jenny sein an diesem für sie schweren Tag.“

 „Schon gut“, murmelte Jake und fühlte eine bis dahin ungewohnte Vertrautheit zu seiner Mutter.

 „Hast du sonst mit irgendwem über deinen Verdacht gesprochen?“ fragte sie ihn.

 „Ja. Mit Joe Maxwell. Er macht sich ebenfalls Sorgen um dich und war sehr hartnäckig.“ Jetzt lächelte Jake leicht. „Du hast mal gesagt, dass du ihm vertraust.“

 „Ja, das tue ich“, antwortete Catherine.

Vincent schaltete sich ein. „Wir sollten einen Plan haben für den Tag der Beerdigung. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Geoffrey oder Danny in der Nähe wären, um eventuell schnell reagieren zu können.“

Erleichtert nickte Jacob. „Ja, das ist eine gute Idee.“


New York; in den Tunneln; Vincent und Catherine

 „Wie fandest du sein Verhalten?“ fragte Catherine, nachdem Jacob zurück nach oben gegangen war.

Vincent ließ sich mit der Antwort Zeit. „Anders.“

 „Ja, anders. Auch wenn ich ihn noch nicht so lange kenne, kommt es mir so vor, als sei eine Veränderung in ihm vorgegangen.“ Catherine zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach. „Ich kenne ihn als reserviert, vorsichtig, zurückhaltend, mutig, freundlich, intelligent und stark.“

Vincent musste lächeln angesichts Catherines Aufzählung. „Du sprichst als Mutter.“

Catherine sprach weiter. „Ich weiß nicht genau wieso, aber jetzt kommt er mir auf einmal fremder vor. Als gäbe es etwas Neues und Unbekanntes in ihm.“

 „Du hast recht“, meinte Vincent. „Ich hatte ganz ähnliche Gedanken. Ich dachte nur, es läge daran, dass er nicht möchte, dass ich seine Gedanken erfahre.“

 „Vermutlich will er das auch nicht“, antwortete Catherine.

 „Wie meinst du das?“ fragte Vincent.

 „Ich glaube, er plant irgendetwas.“ Jetzt sah Catherine besorgt aus. „Vincent, ich glaube, er hat irgendeinen Plan gefasst. Wegen mir. Wegen uns. Ich bin mir nicht ganz sicher.“

Alarmiert wollte Vincent los, um seinem Sohn nachzueilen, doch Catherine hielt ihn zurück. „Nein. Lass ihn. Du erreichst ihn wahrscheinlich sowieso nicht mehr.“

 „Was sollen wir stattdessen tun?“ fragte Vincent nervös. „Ich muss doch etwas tun, wenn er sich in Gefahr begibt.“

Langsam ging Catherine auf Vincent zu und umfasste sacht sein Gesicht. „Vielleicht musst du ihm vertrauen. Wir müssen ihm vertrauen. Verstehst du?“

Sanft umfasste Vincent mit seinen Pranken Catherines schmale Hände. Er nickte verstehend. „Ja, ich weiß. Trotzdem wird er mir beim nächsten Mal einiges erklären müssen.“

Catherine musste unwillkürlich lächeln bei dieser Antwort, die ganz nach dem besorgten Vater klang. „Vielleicht versucht er einfach die Mutter zu beschützen, die er noch hat.“

 „Wie meinst du das?“ fragte Vincent.

Ernst sah Catherine den Mann vor sich an. „Ich meine Diana Bennett.“ Sie zögerte einen kurzen Moment. „Weißt du, ich habe mit ihm über Diana Bennett gesprochen. Ihr Tod muss ihn sehr getroffen haben. Mehr als dir vielleicht bewusst war.“

Vincent wusste nicht, was er antworten sollte. Wie sollte er mit Catherine über die Frau sprechen, die für Jacob wie eine Mutter gewesen war. Er fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. „Ich weiß, was ihm Diana bedeutet hat.“

Catherine holte tief Luft. „Und was hat sie dir bedeutet?“

Die Stille senkte sich in den Raum wie ein schwerer Vorhang, der alle Geräusche verschluckte. Es gab keine Uhr, die man hätte ticken hören können.

 „Wir haben uns nie die Wahrheit vorenthalten“, sprach Catherine mit ruhiger Stimme weiter. Doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm. Sie hatte so lange darüber nachgedacht, doch alles lief auf dasselbe Ergebnis hinaus. Sie mussten darüber sprechen.

Endlich rührte sich Vincent. Nervös umfasste er die Lehne des Stuhls, der neben ihm stand. Dann ging er langsam ein paar Schritte in der Kammer herum. „Sie hat mir geholfen, Jacob zu befreien. Und sie hat dieses Monster erschossen, das dir all das angetan hat.“

 „Ich weiß“, antwortete Catherine leise, „aber das meinte ich nicht.“

Jetzt nickte Vincent langsam. Er ging auf sie zu und nahm ihre Hand. „Komm, lass uns ein paar Schritte gehen.“

Obwohl Catherine nach Antworten verlangte, ließ sie sich von Vincent aus der Kammer führen. Sie schritten tiefer in die Tunnel und Gänge hinab.

 „Wohin gehen wir?“ fragte Catherine nach einiger Zeit.

Vincent sah sie als Antwort nur kurz an und drückte ihre Hand fester. Dann stiegen sie weiter hinab tief ins Innere der Erde. Merkwürdigerweise kam Catherine der Weg seltsam vertraut vor. Aber erst kurz vor dem Ende dämmerte es ihr. Vor ihr tat sich das letzte Stück Weg zu der Höhle auf. Die Höhle, in die sich Vincent vor dreißig Jahren in seinem Delirium zurückgezogen hatte und in die sie ihm allein gefolgt war. Die Höhle, in der…

Doch diesmal wirkte der Eingang nicht wie ein schwarzes Loch vor ihr. Ein sanfter Schein drang daraus hervor, der vermuten ließ, dass dort Kerzen brannten.

Überrascht wollte sie etwas sagen, doch Vincent zog sie wortlos weiter und hinein in die Vergangenheit. Wie sie vermutet hatte, brannten Kerzen, die in Halterungen steckten. Die Lampe, die sie mitgenommen hatten, erhellte den Raum noch mehr und nahm ihm jedwede Düsternis. Ansonsten sah es aus wie damals. Raue Felswände und sandiger Boden. Und an einer Stelle auf einem Felsvorsprung standen in einer Vase rote Rosen. Sie mussten erst vor kurzem dorthin gestellt worden sein.

Vincent hatte Catherines Hand losgelassen, die sich sprachlos in dem Raum umsah. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und wartete.

Catherine atmete tief durch und sah ihn an. „Du hast dich erinnert.“

 „Ja“, antwortete Vincent. „Ich habe mich erinnert. Du wolltest wissen, was mir Diana bedeutet hat.“

Catherine konnte nur wortlos nicken.

 „Sie hat mir geholfen, Jacob zu finden“, begann Vincent zu wiederholen.

Catherine ging langsam von der Mitte des Raums auf ihn zu. „Das sagtest du schon.“

 „Und du wusstest es die ganze Zeit“, redete Vincent weiter. „Nach seiner Befreiung und der Namensfeier wurde sie mehr und mehr ein Teil unserer Welt hier in den Tunneln. Sie war allen eine Freundin. Sie half, wenn Hilfe nötig war. Und für Jacob wurde sie die Mutter, die er verloren hatte.“ Für einen Moment hielt Vincent nachdenklich inne. „Doch sie wollte nie so von ihm genannt werden. Sie wollte von ihm Diana genannt werden, nicht Mom oder Mutter. Jetzt verstehe ich erst warum, da sie ja wusste, dass du noch lebtest.“

Catherine nickte langsam und schaute Vincent gespannt an.

 „Wir haben viel Zeit miteinander verbracht“, erzählte er weiter. „Anfangs fühlte ich mich getröstet durch ihre Anwesenheit und ihre Fürsorglichkeit um Jacob. Es tat gut, mit jemandem zu reden, der mich verstand und akzeptierte und auch die Welt der Tunnel akzeptierte. Ich glaube, Vater hoffte, dass sie mir über deinen Verlust hinweg helfen würde. In gewisser Weise hat sie das auch, denn sie half mir nach vorne zu schauen.“

Wieder hielt Vincent inne und sah Catherine an, weil er wissen wollte, was sie bei seinen Worten fühlte. Doch in ihrem Gesicht zeigte sich keine Regung. Das war neu. Das musste sie in all den Jahren im Zeugenschutzprogramm gelernt haben. „Kannst du das verstehen?“

Sie nickte nur regungslos, ohne ein Wort zu sagen.

 „Doch es war nicht dasselbe wie zwischen uns. Es gab nicht dieses Band, diese innere Verbindung. Sie hielt nichts von klassischer Literatur oder Musik. Im Laufe der Zeit merkten wir, wie unterschiedlich wir waren. Ich liebte sie als Freundin, aber…“

  „…aber sie wollte mehr“, sprach Catherine jetzt.

Er sah sie an und nickte nachdenklich. „Ich fürchte ja. Ich habe es lange Zeit nicht wahrgenommen und vielleicht nicht sehen wollen. Vater hatte mich ermutigt, mit ihr zusammen zu sein. Doch je mehr Zeit verging und umso mehr ich mit Diana zusammen war, desto weiter entferntest du dich von mir.“

 „Das ist nicht verwunderlich“, sagte Catherine leise.

 „Irgendwann fing Jacob an, nach dir zu fragen, nach seiner richtigen Mutter“, berichtete Vincent weiter. „Ich hatte ihm natürlich schon früh von dir erzählt. Ich wollte, dass er wusste, wer seine Mutter war, aber irgendwann eines Tages fand ich ihn in meiner Kammer. Er stand vor dem Bild von uns beiden und fragte nach dir. Er wusste, dass auf dem Bild seine Mutter abgebildet war. Und da erzählte ich ihm alles. Alles was gewesen war, von unserem Band und von unserer Liebe zueinander.“ Wieder stoppte Vincent in seinen Erzählungen. „Ich weiß nicht, was er davon verstand und was nicht. Doch es rief in mir Erinnerungen an uns wach und an das, was gewesen war und was ich noch immer empfand. Ich erzählte ihm, wie sehr ich dich liebte und dann…“

 „Ja?“ fragte Catherine sanft. „Was war dann?“

Vincent runzelte die Stirn. „Er frage, ob ich deswegen nicht Diana lieben könne, weil ich dich so liebte. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.“

Angespannt sah Catherine ihn an. „Wie ging es dann weiter?“

 „Ich sprach mit Diana darüber. Natürlich hätte ich es viel früher bemerken müssen, dass sie mehr in mir sah.“ Einen endlosen Moment schwieg Vincent. „Nach unserem Gespräch veränderte sich etwas grundlegend zwischen uns. Sie blieb die Freundin für alle in den Tunneln und die Person, die außer mir Jacob am Nahesten stand. Aber darüber hinaus hielten wir zwischen uns einen gewissen Abstand ein, da wir beide nichts an unseren Gefühlen ändern konnten. Ich konnte ihr nicht geben, was sie wollte. Das war auch der Zeitpunkt, wo ich anfing, regelmäßig diese Höhle aufzusuchen.“ Hilflos sah Vincent die Frau vor sich an. „Meine Erinnerungen waren alles, was ich von dir hatte, und ich wollte sie nicht noch einmal in Vergessenheit geraten lassen.“

Nach diesen Worten senkte sich die Stille in den Raum. Endlose Stille.

 „Danke, dass du es mir erzählt hast“, sagte Catherine dann. „Ich verstehe vieles jetzt besser.“

 „Was meinst du damit?“ fragte Vincent.

Sie lächelte leicht. „Die Art, wie Jacob mich am Anfang behandelt hat, als ich aufgetaucht bin. Ich bin nie seine Mutter gewesen. Ich war eine Fremde für ihn.“

 „Ging es dir die ganze Zeit darum?“ fragte Vincent.

 „Nein“, antwortete Catherine. „Ich wolle wissen, was du fühlst.“

 „Catherine“, sagte Vincent leise. „Was ich für dich fühle, wird niemals vergehen. Nicht in dreißig Jahren und nicht einmal in der Ewigkeit.“

Langsam überbrückte Catherine die restliche Distanz zu ihm. Ihr standen Tränen in den Augen. „So geht es mir auch, Vincent.“

Dann schloss sie die Augen, während ihr Köpfe aneinander lehnten und sie sich in enger Umarmung hielten.


Drei Tage später hielten sie sich erneut umschlungen.

 „Bitte sei vorsichtig“, bat Vincent. „Und hör auf das, was Jacob sagt.“

Catherine löste sich langsam von ihm. Sie lächelte leicht, als sie ihn ansah. „Du meinst, ich soll den Anweisungen meines Sohnes Folge leisten.“

 „Er will nur, dass dir nichts passiert“, wandte Vincent ein.

 „Ich weiß“, antwortete Catherine. „Mach dir keine Sorgen um mich. Heute Abend bin ich zurück.“ Noch ein tiefer Blick, dann wandte sie sich um.

Vincent nickte Geoffrey zu, der Catherine hoch zu ihrer Wohnung begleiten sollte. Er blickte ihr nach, wie sie in dem Dämmerlicht des Tunnels unter ihrem Appartementhaus verschwand. Sie würde sich umziehen und zu Jenny Aronson fahren, um ihr bei der Beerdigung ihres Mannes zur Seite zu stehen. Oben wartete Jacob, der sie begleiten und nicht aus den Augen lassen würde. Trotzdem fühlte Vincent eine neue Furcht in sich aufsteigen. Das war nur natürlich, sagte er sich. Die letzten Tage waren die schönsten seines Lebens gewesen. Catherine und er waren fast die ganze Zeit zusammengeblieben. Jetzt ging sie wieder hinauf in die Welt dort oben, wo ihr Gefahr drohte. Jacob war nicht noch einmal in die Tunnel gekommen, sondern hatte nur Nachrichten geschickt und mitgeteilt, wann die Beerdigung stattfand. Deshalb hatten sie nicht mehr mit ihrem Sohn sprechen können. Wenn Catherine recht hatte und Jacob etwas auf eigene Faust plante….

Hilflos wandte sich Vincent ab. Unruhig lief er durch die Tunnel. Hin und wieder horchte er in sich hinein. Catherine ging es gut. Er konnte es fühlen und das beruhigte ihn. Aber sein Sohn blieb ihm verborgen.


New York; Catherines Appartement; Catherine, Victoria Thompson, Geoffrey

 “Hallo Cathy, schön dich zu sehen”, begrüßte Victoria Thompson die Ältere an der Wohnungstür.

 „Hallo Vicky“, erwiderte Catherine. Dann wandte sie sich zu Geoffrey um. „Danke für deine Hilfe, Geoffrey.“

Er nickte ihr und Victoria zu. „Ich fahre dann direkt weiter zum Friedhof, wo die Trauerfeier stattfindet. Ich werde mich zwar im Hintergrund aufhalten, aber immer in der Nähe sein.“

 „Danke“, sagte auch Vicky zu ihm.

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, wandte sich Catherine mit ernster Miene an die FBI-Agentin. „Was tust du hier?“

 „Meinen Job“, antwortete Vicky.

 „Aber du kannst unmöglich schon wieder auf den Beinen sein. Als ich dich letzte Woche im Krankenhaus besucht habe…“

Vicky tat Catherines Einwand ab. „Das war kurz nachdem ich aufgewacht war. Inzwischen geht es mir wieder gut. Also mach dir keine Gedanken um mich.“

 „Weiß das FBI, dass du hier bist?“ fragte Catherine.

 „Nein“, antwortete Vicky wahrheitsgemäß. „Für das FBI bin ich noch dienstunfähig.“

Nachdenklich nickte Catherine. „Ihr wollt den Verräter austricksen, nicht wahr.“

Vicky fasste Catherine um die Schulter. „Wie ich schon sagte, mach dir einfach keine Gedanken. Du willst dich sicher umziehen.“ Sacht schob die FBI-Agentin die Ältere in Richtung des Schlafzimmers.

Catherine wollte schon nachgeben, als ihr etwas auffiel. „Wo ist Jacob?“

 „Er muss noch etwas erledigen“, meinte Vicky ausweichend.

Catherine wollte erst noch etwas sagen, besann sich dann aber und verschwand im Schlafzimmer.


New York; ein Zeitschriftenladen; Jake (Jacob) Chandler, Samuel Henderson

Jake stand in dem Zeitschriftenladen und blätterte durch einige Zeitungen. Hin und wieder ging sein Blick fragend zu dem älteren Mann hinter dem Verkaufstresen, dem der Laden gehörte. Er hoffte, dass der V-Mann namens Pete Manetti heute Morgen auftauchen würde. Über den Besitzer des Ladens hatte er kurz nach dem Gespräch mit Joe Maxwell eine Nachricht hinterlassen. Gestern kam die Mitteilung, dass der V-Mann heute Morgen käme. Er war schon überfällig. Jake war nervös, denn in spätestens einer halben Stunde musste er zurück zum Appartement seiner Mutter. Von dort würde er zusammen mit Vicky seine Mutter zur Beerdigung begleiten. Nur Joe Maxwell wusste sonst noch darüber Bescheid. Unruhig blickte Jake auf seine Uhr. Der Mann war eindeutig zu spät. Wieder ging die Ladentür. Ein großer, hünenhafter Schwarzer betrat das Geschäft. Als Jake unauffällig zu ihm hinüber blickte, wurden seine Augen größer. Er kannte den Mann.

Samuel Henderson blickte sich nur kurz suchend um, dann hatte er Jake gesehen und ging zielstrebig auf ihn zu. „Mr. Chandler, ich habe gehofft, Sie hier zu finden.“

Verblüfft sah Jake den Mann an, den er nur als Sicherheitschef der amerikanischen Botschaft in Berlin kannte. „Was tun Sie hier?“

Henderson nickte nur kurz dem Inhaber des Ladens zu, der dadurch beruhigt zu sein schien. „Ich komme direkt aus Berlin. Es geht um Ihre Mutter. Es gibt Informationen, dass sie heute bei dieser Beerdigung gekidnappt werden soll.“

Misstrauisch sah Jake den Mann an. „Woher wissen Sie das?“

 „Vom New Yorker Staatsanwalt“, antwortete Samuel Henderson.

 „Joe Maxwell?“ fragte Jake noch immer überrascht.

 „Ja. Entschuldigen Sie, das kommt jetzt für Sie alles sehr überraschend. Ich war schon in Berlin für die Sicherheit ihrer Mutter zuständig.“

 „Ich dachte, Sie sind der Sicherheitschef in der Botschaft.“ Jake ging das viel zu schnell.

 „Das war hauptsächlich Tarnung. Ich vermute mal, Ihre Mutter will tatsächlich zu dieser Beerdigung gehen.“ Henderson kam jetzt zur eigentlichen Sache.

 „Ja. Sie möchte bei ihrer Freundin sein und lässt sich nicht davon abbringen“, antwortete Jake.

 „Sind Sicherheitskräfte in ihrer Nähe?“ fragte der Schwarze.

 „Nur meine Partnerin und ich. Und solange sie sich in der Öffentlichkeit zwischen anderen Menschen aufhält, glaube ich nicht, dass ihr Gefahr droht“, meinte Jacob.

 „Das klingt plausibel. Trotzdem wäre ich gerne mit vor Ort. Drei sind besser als zwei. So können wir uns besser aufteilen. Was meinen Sie“, schlug Samuel Henderson vor.

Jake nickte zögernd. Der Mann hatte ihm in Berlin geholfen und ihm das Leben gerettet. Und er hatte seine Mutter beschützt. „Gut. Warum nicht.“ Er blickte auf die Uhr. „Es wird Zeit. Wir müssen uns beeilen.“


New York; Catherines Appartement; Catherine, Victoria Thompson, Jake (Jacob) Chandler, Samuel Henderson

 “Du bist spät”, begrüßte Vicky ihn an der Wohnungstür, als Jake eintrat.

 „Ich weiß“, antwortete er. „Wo ist Mom?“

 „Sie wollte sich umziehen für die Beerdigung. Hast du den Mann getroffen?“ Erwartungsvoll sah Vicky ihn an.

Jake schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, aber jemand anderer ist aufgetaucht, der uns helfen will.“ Er unterbrach sich, als seine Mutter im Wohnzimmer erschien. „Hallo Mom.“

 „Hallo Jacob“, begrüßte Catherine ihren Sohn. „Von mir aus können wir dann.“

Jake sah sie überrascht an. Er hatte mit Vorwürfen gerechnet, dass er sich in den letzten Tagen nicht in den Tunneln hatte blicken lassen. Seine Mutter stand in Schwarz gekleidet vor ihm und schob in aller Seelenruhe ihre Tasche über die Schulter.

 „Also gut, wir sollten los“, meinte Vicky und öffnete die Tür.

Gemeinsam verließen sie das Appartement.

Im Aufzug fiel Jake endlich ein, was er noch hatte sagen wollen. „Übrigens unten wartet Verstärkung am Auto.“

Überrascht sahen ihn die beiden Frauen an. „Wer denn?“ fragte Vicky.

 „Du kennst ihn, Mom“, sagte Jake an seine Mutter gewandt. „Der Sicherheitschef von der amerikanischen Botschaft in Berlin. Samuel Henderson.“

Catherine öffnete schon den Mund, um etwas zu sagen, doch in diesem Moment öffnete sich die Aufzugstür und sie standen in der Tiefgarage. Samuel Henderson hatte am Wagen gewartet. Catherine schwieg. Victoria Thompson runzelte kurz die Stirn und blickte Jake fragend an.

 „Er ist in Ordnung. Er hat mir bei den Ermittlungen in Berlin geholfen.“

Vicky behielt ihre grüblerische Miene bei, als sie den Schwarzen begrüßte.

Catherine nickte ihm nur kurz zu. „Mr. Henderson.“

 „Mrs. Chandler“, erwiderte er.

Dann stiegen sie gemeinsam in das Auto und fuhren los.


New York; Friedhof; Trauerfeier für Jenny Aronsons Mann; Catherine, Jenny Aronson, Jake, Vicky, Samuel Henderson, Geoffrey, Joe Maxwell

 „Danke, dass du hier bist“, flüsterte Jenny Aronson mit tränenerstickter Stimme.

Als Antwort drückte Catherine nur stumm die Hand ihrer Freundin. Sie saßen beide in der ersten Reihe auf dem Friedhof, wo die Trauerfeier für Jennys Mann Linus abgehalten wurde. Verwandte und Bekannte von Jenny waren erschienen. Linus hatte als selbständig arbeitender Ingenieur viele Geschäftsfreunde gehabt. Auch von Jennys Verlag waren einige Geschäftsfreunde gekommen.

Catherine hatte mit ihrer Freundin bislang kaum ein Wort wechseln können. Jenny schien wie in einem Tunnel zu sein und nahm kaum wahr, was um sie herum geschah. Sie hatte auch nicht mitbekommen, dass Catherine gleich mit drei Bodyguards erschienen war. Catherine blickte sich vorsichtig um. Jacob stand direkt seitlich am Ende der Reihe, in der sie saß und sah sich gleichfalls vorsichtig um. Sie wusste, dass Vicky irgendwo hinter ihr stand und sie nicht aus den Augen ließ. Samuel Henderson hatte sich etwas entfernt an einem Weg postiert, der zum Ausgang des Friedhofs führte. Vermutlich um sie schnell wegbringen zu können, falls es nötig war. Und irgendwo musste sich Geoffrey befinden, von dem Samuel Henderson wiederum nichts wusste. Catherine wandte sich Jenny zu. Es nutzte ihr nichts, sich um ihre Sicherheit Gedanken zu machen. Sie war für Jenny hergekommen. Nur das zählte im Moment.

Joe Maxwell erschien spät. Er kam erst kurz bevor die Trauerfeier begann. Er nickte Catherine kurz zu, als sie ihn sah und hatte nur noch Zeit, sich eilig einen Sitzplatz zu suchen. Die Trauerfeier verlief ohne Zwischenfälle. Jenny wirkte während der Rede des Pfarrers abwesend, so als wäre sie gar nicht da. Catherine beobachtete sie besorgt von der Seite. Vielleicht war es für ihre Freundin besser so, wenn sie sich in sich selbst zurückzog.

Nach dem offiziellen Teil blieben nur die engsten Verwandten und Freunde, um dem Verstorbenen am Grab die letzte Ehre zu erweisen. Obwohl Catherine Jennys Mann nie kennengelernt hatte, blieb sie bei ihrer Freundin. Jenny wirkte bleicher und bewahrte nur mit Mühe ihre Fassung. Catherine legte ihr sacht den Arm um die Schulter.

Jake und Vicky hielten sich währenddessen mit einigen Metern Abstand im Hintergrund auf, als sich ihnen vom Eingang des Friedhofs eine Gestalt mit eiligen Schritten näherte. Jake fluchte leise, als er sah, wer es war. Auch Vicky wurde unruhig, als sie den Mann erkannte.

 „Bleib du hier“, wies Jake sie an und ging seinem Boss demonstrativ entgegen.

 „Gerry, was wollen Sie hier?“ Breitbeinig stellte sich Jake vor Gerry Fisher in den Weg.

Der war sichtlich außer Atem, als wäre er gerannt. „Chandler, Sie sind mir eine Erklärung schuldig. Sie gehen seit Tagen nicht mehr ans Telefon, und jetzt habe ich erfahren, dass Ihre Mutter heute wie aus der Versenkung aufgetaucht ist, um…“

 „Woher wissen Sie das?“ fragte Jake wie aus der Pistole geschossen.

Gerry Fisher verstummte nur kurz. „Na das lag doch auf der Hand, nachdem bekannt wurde, dass der Mann von Mrs. Aronson bei dem Amoklauf ums Leben gekommen ist.“

 „Das erklärt immer noch nicht, wie Sie an diese Information kommen“, sagte Jake barsch.

Nur kurzzeitig ließ sich Gerry Fisher aus dem Konzept bringen. „Ihr Tonfall gefällt mir nicht, Chandler. Ich bin hier, weil ich Sie warnen wollte. Ich habe von einem V-Mann erfahren, dass Ihre Mutter heute entführt werden soll.“

 „Ach ja“, meinte Jake sarkastisch. „Sie sind schon der zweite, der mich heute davor warnt.“

 „Der zweite?“ Verblüfft sah Gerry Fisher den Mann vor sich an.

 „Jake, um Himmels willen, was ist denn los?“ Victoria Thompson war unbemerkt herangetreten. „Ihr seid über den ganzen Friedhof zu hören.“

Gerry Fisher runzelte ärgerlich die Stirn. „Mrs. Thompson, was haben Sie hier zu suchen? Soweit ich weiß, sind Sie immer noch dienstunfähig.“

 „Das steht jetzt nicht nur Debatte“, antwortete Jake. Er packte seinen Boss kurzerhand am Kragen. „Hören Sie Gerry, ich weiß, dass Sie ein falsches Spiel treiben.“

Fisher wurde vor Wut puterrot im Gesicht. „Lassen Sie mich sofort los“, würgte er ärgerlich hervor.

 „Jake“, mahnte Vicky leise. „Du solltest ihn loslassen.“

Wütend schubste Jake den Mann vor sich zu Boden. „Sie stecken mit denen unter einer Decke.“ Vorwurfsvoll starrte er auf den Mann am Boden.

In diesem Moment wurden Schreie und Rufe hinter ihnen laut. Doch Jake nahm es gar nicht wahr, so wütend war er. Vicky stand wie erstarrt daneben und konnte kaum glauben, dass Jake sich tatsächlich zu einer Tätlichkeit gegenüber seinem Vorgesetzten hatte hinreißen lassen. Erst als der Tumult hinter ihnen lauter wurde, wandte sie sich irritiert um.

 „Oh mein Gott“, flüsterte sie entsetzt. „Jake!“ Heftig stieß sie ihn an.

Wütend drehte er sich zu ihr um und sah endlich in die Richtung, in die sie blickte. Keine hundert Meter von ihnen entfernt rannten die verbliebenen Trauergäste in Panik davon. Jenny Aronson kniete neben einer leblos am Boden liegenden Person. Vicky und Jake liefen sofort hin und erkannten beim Näherkommen, dass es sich um Joe Maxwell handelte.

Jake wollte schon erleichtert aufatmen, als Jenny Aronson aufblickte. „Cathy“, schrie sie laut. „Er hat Cathy.“ Damit deutete sie in Richtung des Ausganges.

Erst jetzt registrierte Jacob, wie seine Mutter von einem großen Schwarzen fortgezerrt wurde, den er zweifelsohne als Samuel Henderson kannte. Sie wand sich in dem brutalen Griff des Mannes. Jake griff nach seiner Waffe und lief los. Er merkte nicht einmal, dass Vicky dicht hinter ihm war. Henderson war bereits durch das Tor des Friedhofs verschwunden. An der Straße fuhr ein dunkler BMW mit atemberaubender Geschwindigkeit heran und hielt direkt neben Samuel Henderson, der Catherine den Mund zuhielt, damit sie nicht schreien konnte. Von der Seite stürmte Geoffrey heran und attackierte den Mann. Der schlug ihn mit einem brutalen Schlag zu Boden. Henderson öffnete die Tür des Wagens und stieß Catherine gewaltsam hinein.

 „Halt! Stehen bleiben“, rief Jake und zielte auf Henderson.

Der hatte gleichfalls einen Revolver gezogen, zielte auf Geoffrey und schoss eiskalt. Ein weiterer Schuss krachte durch die Luft und der Revolver flog Henderson aus der Hand. Vicky war im Hintergrund stehen geblieben und hatte getroffen. Henderson sprang in den Wagen, der davon brauste, ehe Jake ihn erreichen konnte.

 „Mom!“ schrie er entsetzt hinter dem Auto her. Und dann: „Fuck!“

Vicky erreichte die Stelle und blickte sprachlos dem Wagen hinterher, der in die nächste Straße einbog und verschwand. Sie sah auf den am Boden liegenden Geoffrey, der sich nicht rührte. „Jake, wir brauchen einen Notarzt.“

Jake kniete sich zu dem Mann aus den Tunneln, den er schon sein ganzes Leben lang kannte. „Geoffrey?“ Er fühlte den Puls. „Er lebt“, sagte er zu Vicky. Die hatte schon ihr Handy gezückt und rief die Ambulanz.

Benommen sah Jake sich um. Er blickte von Vicky zu dem am Boden liegenden Geoffrey und hinüber zu Jenny Aronson, die noch immer neben Joe Maxwell kniete. Mit eiligen Schritten lief er zu der Freundin seiner Mutter. Joe Maxwell war bewusstlos.

 „Er hat…, er hat Cathy entführt“, stammelte Jenny Aronson hilflos. „Der große Dunkelhäutige und Joe…“

Jake tastete schnell den New Yorker Staatsanwalt ab. Er schien nicht von einer Kugel getroffen zu sein. „Mr. Maxwell.“ Jake klopfte dem Älteren leicht gegen die Wangen.

Mit einem Stöhnen öffnete Joe Maxwell die Augen. Auf seiner Stirn zeichnete sich eine Beule ab. Samuel Henderson hatte ihn niedergeschlagen, als er sich ihm in den Weg gestellt hatte. Erstaunlich schnell kam er hoch. „Wo ist Catherine?“ Suchend schaute er sich um.

 „Dieser Samuel Henderson hat sie in ein Auto gezerrt, dass plötzlich auftauchte und ist mit ihr davon gefahren“, erklärte Jake, dem plötzlich das Herz bis zum Hals klopfte.

 „Wer ist Samuel Henderson?“ fragte Joe Maxwell prompt.

 „Na, der Sicherheitschef der amerikanischen Botschaft in Berlin. Derjenige, dem Sie mitgeteilt haben, dass er mich heute Morgen in dem Zeitschriftenladen finden kann.“

 „Verdammt!“ fluchte Joe Maxwell wütend. „Ich habe niemandem Ihren Aufenthaltsort mitgeteilt. Ich kenne den Kerl überhaupt nicht.“

Verzweifelt sah Jake zu dem Eingangstor des Friedhofs, durch das Henderson mit seiner Mutter verschwunden war. Laut schrie er auf und wollte gleichzeitig im Boden versinken.


New York; auf den Straßen von New York; im BMW; Catherine, Samuel Henderson, Fahrer

Samuel Henderson wickelte sich ein Taschentuch um die Hand und zischte leise. „Machen Sie jetzt bloß keine Schwierigkeiten.“ Er hatte Catherine losgelassen, um seine blutende Hand zu verbinden. „Beeil dich Dave“, wies er den Fahrer an. „Wir sind spät dran.“

Catherine hatte sich schnell gefangen, nachdem sie in den Wagen gezerrt worden war, obwohl sie sich mit Händen und Füßen gewehrt hatte. Kühl musterte sie den Schwarzen neben sich, der in der amerikanischen Botschaft in Berlin für ihre Sicherheit zuständig gewesen war. Eine Sicherheit, auf die sie sich nie verlassen hatte. Die Minuten zogen sich endlos dahin, während sie sich weiter von ihrem Sohn entfernte und von Vincent. Und damit von all dem, was ihr Hoffnung gab.

 „Und? Was haben Sie jetzt mit mir vor?“ fragte sie kalt.

Samuel Henderson hielt in dem Versuch inne, die Blutung an seiner Hand zu stillen. Geringschätzig betrachtete er sie. „Keine Sorge. Ich tue Ihnen nichts.“

 „Wollen Sie sich nicht selbst dafür rächen, dass ich Ihren Vater vor vielen Jahren hinter Gittern gebracht habe?“ fragte Catherine provozierend.

 „Ich mache lediglich ein Geschäft“, erwiderte Henderson. „Und sorge somit dafür, dass meinem Vater Gerechtigkeit widerfährt.“

 „Gerechtigkeit?“ fragte Catherine. „Ihr Vater war damals schuldig.“

 „Ja“, stieß Henderson wütend hervor und hielt sich nur mühsam im Zaum. „Und er ist in einem eurer Gefängnisse gestorben. Dafür könnte ich Sie umbringen.“ Er spie die Worte förmlich aus.

 „Warum tun Sie es nicht?“ fragte Catherine kühl.

Für einen Moment sah Samuel Henderson so aus, als wäre er kurz davor. Mit einem Fluch auf den Lippen ließ er sich in den Sitz zurückfallen. „Halten Sie Ihren verdammten Mund. Sie bekommen schon noch, was Sie verdienen.“

Vorsichtig blickte sich Catherine um. Der Wagen war luxuriös. Zumindest fuhr sie erste Klasse in den Tod. Doch sofort verbot sie sich diese Gedanken. Sie hatte einen Sohn und einen Mann, den sie liebte. Es gab vieles in ihrem Leben, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Und sie würde ihren Sohn nicht noch einmal enttäuschen.


New York; Friedhof und die Straßen von New York; Jacob Chandler, Victoria Thompson, Joe Maxwell, Gerry Fisher

Joe Maxwell rappelte sich mühsam hoch. „Haben Sie das Kennzeichen des Wagens?“

 „Es war ein schwarzer BMW. Die letzten Ziffern waren 666.“ Victoria Thompson mischte sich ein. „Mehr konnte ich leider nicht so schnell erkennen.“

 „Jetzt sehen Sie, was Sie mit ihrem eigenmächtigen Handeln angerichtet haben.“ Gerry Fisher kam wütend auf Jake und Vicky zu. „Ich habe Sie gewarnt, aber Sie wollten ja nicht auf mich hören.“

Jake und Vicky fuhren herum. „Halten Sie den Mund“, kam es von beiden gleichzeitig.

Gerry Fisher verstummte überrascht.

 „Wir müssen sofort eine Fahndung einleiten“, sagte Joe Maxwell. „Ich informiere sämtliche Einsatzkräfte der Polizei.“

Doch Jake hörte gar nicht mehr zu. Er stieß Vicky unsanft an. „Komm mit zum Auto.“

Verwirrt sah sie ihn an und zögerte.

 „Komm schon“, wiederholte er hektisch und zog sie mit sich.

 „Was haben Sie vor?“ rief Gerry Fisher ihnen hinterher, doch Jake reagierte nicht darauf.

 „Was hast du vor?“ fragte Vicky ihn, als sie beim Auto ankamen.

 „Meine Mutter finden“, antwortete Jake und öffnete den Kofferraum, in dem die Waffen lagerten, die sie von Hal mitgenommen hatten.

Jake nahm sich mehrere Kleinkaliberpistolen und forderte Vicky auf, sich ebenfalls einzudecken. Er warf ihr den Autoschlüssel zu. „Du musst fahren. Ich muss mich konzentrieren.“

 „Aber wie…“ wollte Vicky wissen und sah, dass Jake schon auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte.

Eilig stieg sie ein und schaute ihren Partner fragend an. Er hatte die Fingerspitzen an die Schläfen gelegt und atmete tief durch. Kurz sah er noch einmal zu ihr hinüber. „Ich kann dir das jetzt nicht näher erklären, aber so lange sie lebt, werde ich immer wissen, wo sie gerade ist. Es ist einfach so. Bitte vertrau mir. Also, fahr los.“

Einen Augenblick lang sahen sie sich tief in die Augen. Dann nickte Vicky und startete den Wagen. Sie folgte Jakes Anweisungen, auch wenn sie nicht verstand, woher er die Route wusste. Er nutzte kein modernes Ortungssystem. Manchmal schien er tief in sich hinein zu horchen, dann gab er ihr die nächste Anweisung, wie sie fahren sollte. Sie hatte vermutet, dass der Weg sie aus New York hinausführte, stattdessen wies Jake sie hinein nach Manhattan. Sie kamen in ein Gebiet von teils verfallenen Lagerhäusern, das Jake irgendwie bekannt vorkam. Hier in der Nähe musste irgendwo ein versteckter Eingang zu den Tunneln sein, der allerdings nur selten genutzt wurde. Vor der Zufahrt zu einer Tiefgarage eines schäbigen Gebäudes hielten sie an.

 „Sie sind da unten drin“, sagte Jake.

Vicky sah ihn verblüfft an. „Bist du dir sicher?“

Jake nickte. „Ja. Meine Mom ist da unten und sie lebt noch.“ Er sah sie einen Moment lang schweigend an. „Weißt du, ich kann sie fühlen in gewisser Weise. Hier drin.“ Damit klopfte er sich auf die Brust, dort wo sein Herz schlug.

Vicky zögerte nur kurz. Sie nickte und drückte seine Hand. „Dann lass uns gehen und sie da rausholen.“

Beide stiegen aus und zogen ihre Waffen.


New York; in einer Tiefgarage; Catherine, Samuel Henderson, Fahrer, zwei Bodyguards, Jake Chandler, Victoria Thompson, Vincent

Es war dunkel in der Tiefgarage. Der Fahrer hatte deshalb das Licht des BMW eingeschaltet gelassen, das auf den rauen Betonboden und die Wände schien. Samuel Henderson hatte eine weitere Waffe gezückt, er zielte jedoch nicht auf Catherine. „Los, steigen Sie aus.“ Er winkte sie hinaus.

Catherine mühte sich, aus dem Fond des Wagens zu kommen. Sie hatte Schürfwunden an den Armen, die sie sich bei ihrer Gegenwehr zugezogen hatte. Sie stellte sich neben den Wagen. Eine Flucht erschien ihr sinnlos, solange sie nicht wusste, wo sie sich befand. Der Fahrer war ebenfalls ausgestiegen. Samuel Henderson beachtete sie nicht weiter. Er sah sich suchend um. „Wann wollten die Leute kommen?“ fragte er den Fahrer.

 „Sie sollten eigentlich längst hier sein“, erwiderte dieser.

Catherine beobachtete den Schwarzen. Er war nervös, was sie nicht wunderte, wenn er tatsächlich einen Handel mit dem organisierten Verbrechen abgeschlossen hatte. Diese Leute konnten keine Zeugen gebrauchen.

 „Glauben Sie wirklich, dass Sie hier lebend wieder rauskommen?“ fragte sie provozierend.

Endlich nahm Henderson sie wieder zur Kenntnis. „Halten Sie einfach den Mund. Sie werden das bekommen, was Sie verdienen.“

 „Und was denken Sie, verdienen Sie selbst?“ fragte sie ruhig.

Henderson wurde wütend. „Kommen Sie mir nicht mit dieser Scheiße.“

In diesem Moment hörten sie Motorengeräusch, das ein weiteres Auto ankündigte.

 „Sie kommen“, sagte der Fahrer überflüssigerweise.

Zuerst wurden sie von Scheinwerfern geblendet. Als das Fahrzeug zum Stehen gekommen war, erkannte Catherine eine schwarze Limousine. Vorne stiegen zwei kräftige Kerle aus. Sie waren in dunkle Anzüge gekleidet und sahen so aus, wie man sich Leibwächter in der Regel vorstellte.

 „Das ist sie?“ fragte der eine etwas verwundert.

Henderson nickte. „Ja, das ist sie.“

Catherine versuchte, hinter den dunklen Scheiben der Limousine etwas zu erkennen. Sie wusste, dass dort jemand saß und sie beobachtete.

 „Wo ist das Geld?“ fragte Henderson gerade.

Jetzt musste Catherine spontan auflachen. „Sie lassen sich also doch dafür bezahlen. Ich dachte, Sie wollten Ihren Vater rächen.“

Henderson knirschte wütend mit den Zähnen.

 „Das Geld bekommen Sie erst, wenn das Paket abgeliefert wurde“, sagte einer der Kerle.

 „Das war nicht so abgemacht“, erwiderte Henderson und richtete seine Waffe auf die Männer. Auch Hendersons Fahrer hatte eine Pistole gezogen und zielte auf die Bodyguards, die sich davon allerdings nicht beeindrucken ließen.

Schweigen breitete sich aus, wie eisige Kälte im Winter. Instinktiv wich Catherine ein Stück weit zurück.

„Was wollen Sie jetzt tun?“ fragte einer der Kerle. „Ich glaube kaum, dass Sie sich mit dem Ballast weiter abschleppen wollen.“ Damit deutete er mit einem Kopfnicken auf Catherine. „Das Geld ist in einem Schließfach deponiert.“ Mit diesen Worten zog er einen Schlüssel aus der Tasche seines Jacketts. „Entweder nehmen Sie ihn oder nicht.“

Wieder knirschte Samuel Henderson mit den Zähnen. Der Bodyguard warf ihm den Schlüssel zu und geistesgegenwärtig fing der Schwarze ihn auf.

 „Los, verstau das Paket“, befahl der eine Kerl seinem Partner.

Der setzte sich in Bewegung in Richtung Catherine, die instinktiv noch weiter zurückweichen wollte.

 „Halt! Stehen bleiben!“ rief eine Stimme laut aus dem Hintergrund durch die kahle Tiefgarage. „Lassen Sie die Waffen fallen. Sie sind umstellt.“

 „Verdammt! Das ist eine Falle“, fluchte der Bodyguard und zog seine Pistole.

Sein Partner schubste Catherine mit Wucht in Richtung der Limousine. Sie prallte dagegen und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten.

 „Sie haben uns verpfiffen.“ Der Bodyguard feuerte auf Samuel Henderson und seinen Fahrer, die jedoch bereits hinter ihrem eigenen Wagen Deckung genommen hatten und zurück schossen.

In diesem Moment erklang ein markerschütterndes Gebrüll, das durch die ganze Tiefgarage hallte. Die Schießerei hörte abrupt auf. Paralysiert von diesem ungewöhnlichen, animalischen Laut sahen sich die Gegner fragend an.

 „Lassen Sie die Waffen fallen“, erklang die Stimme aus dem dunklen Hintergrund jetzt näher.

In den fahlen Schein der Schweinwerfer trat Jacob Chandler mit gezückter Waffe. Victoria Thompson folgte ihm in kurzem Abstand und richtete eine Maschinenpistole auf die Gegner.

 „Jake“, flüsterte Catherine tonlos.

Im nächsten Moment öffnete sich die Seitentür der Limousine und Catherine wurde gewaltsam von innen in das Fahrzeug gezerrt.

 „Mom!“ schrie Jake.

Diesen Augenblick nutzte Henderson und schoss wütend auf Jacob und Vicky. Er hatte gedacht, die beiden auf dem Friedhof abgeschüttelt zu haben. Jake und Vicky duckten sich hinter zwei Pfeilern. Einer der Bodyguards sprang auf der Fahrerseite in die Limousine und startete den Wagen. Der andere schoss in Hendersons Richtung und traf dessen Fahrer. Plötzlich tauchte aus dem Schatten neben Henderson eine große Gestalt auf. Erneut erklang dieses animalische Brüllen eines Löwen. Samuel Henderson wandte sich um und erschrak bis ins Mark. Vor ihm stand ein Löwe in Menschengestalt, der wütend die Zähne fletschte und seine Pranke hob. Mit seiner silbergrauen Mähne wirkte er wie ein Fabelwesen, das einem Märchenbuch entsprungen war. Dann nahm Henderson nichts mehr wahr, denn die Klauen dieses Wesens hatten sich brutal um seine Kehle gelegt.

Im Hintergrund feuerte der zweite Bodyguard auf Jake und Vicky, die daraufhin eine Salve aus ihrer Maschinenpistole abfeuerte. Da die Limousine keine Deckung mehr bot, brach der Mann tödlich getroffen zusammen. Inzwischen hatte die Limousine auf dem Parkdeck mit quietschenden Reifen gewendet und fuhr auf die Ausfahrt zu, die jedoch von Vicky und Jake blockiert wurde.

Vicky feuerte erneut aus der Maschinenpistole, doch die Panzerung des Wagens hielt stand. „Verflixt, der Wagen ist gepanzert“, rief sie und sah das Fahrzeug auf sich zu rasen.

 „Ziel auf die Reifen“, schrie Jake.

Vicky feuerte ohne Rücksicht darauf, dass sie jeden Moment davon erfasst werden würde. Mit einem Satz war Jake bei ihr und riss sie zur Seite und in Sicherheit. Die Limousine raste haarscharf an ihnen vorbei, doch von der Seite sprang eine riesige Gestalt auf das Fahrzeug und schlug mit der Faust mit voller Wucht auf die Windschutzscheibe, so dass diese zwar riss, aber nicht zerbracht. Schon im nächsten Moment verlor Vincent das Gleichgewicht und wurde durch die Geschwindigkeit über den Wagen und zu Boden geschleudert, wo er von den Hinterrädern überrollt wurde. Die Limousine raste aus der Tiefgarage hinaus und davon. Totenstille breitete sich aus.


New York; Limousine auf den Straßen Manhattans; Catherine, Cedric Hanlon, Bodyguard

 “Setzen Sie sich”, sagte die Stimme barsch zu ihr.

Catherine richtete sich mühsam auf den Polstern der Limousine auf. Ihr Handgelenk schmerzte und sie keuchte auf, als sie versuchte, sich abzustützen. Vielleicht war es gebrochen, als sie brutal in den Wagen gezogen worden war. Sie lehnte sich zurück und schaute in die Richtung ihr gegenüber, aus der die Stimme gekommen war. Die dunkel getönten Scheiben des Fahrzeugs sperrten die Außenwelt aus. Dabei fuhren sie tagsüber durch New Yorks Straßen. Doch sie wusste, dass es sinnlos war, irgendjemanden von draußen auf sich aufmerksam machen zu wollen.

 „Wo bringen Sie mich hin?“ fragte sie.

Der Mann im Schatten vor ihr beugte sich vor und musterte sie, so dass sie sein Gesicht zum ersten Mal sah. Ein gut geschnittenes Äußeres mit schwarzen Haaren und tiefblauen Augen, aus denen Eiseskälte strahlte. Catherine schätzte ihn auf Mitte bis Ende dreißig. Er war in einen dunkelgrauen Anzug mit Krawatte gekleidet. Catherine ahnte, wer sie da in seine Gewalt gebracht hatte. Gleichzeitig gingen ihr andere sorgenvolle Gedanken durch den Kopf. Vincent war dort unten in der Tiefgarage gewesen und Jacob. Beide hatten versucht, sie zu befreien. Sie betete, dass es ihnen gut ging. Wenn es ihnen gut ging und sie noch lebten, bestand Hoffnung. Beide konnten durch ihre außergewöhnliche Wahrnehmung spüren, wo sie sich gerade befand. An diese Hoffnung musste sie sich klammern und den beiden Zeit verschaffen.

 „Also?“ fragte sie noch einmal.

Der Mann sah sie schweigend an.

 „Wollen Sie nicht mit mir reden?“ fragte sie weiter und ignorierte die pochenden Schmerzen in ihrem Handgelenk.

 „Sie reden zu viel“, knurrte der Mann endlich. „Sie brauchen nicht zu wissen, wohin wir fahren. Nur so viel: Dies wird endgültig ihre letzte Reise sein.“

 „Das sagt man mir nicht zum ersten Mal“, antwortete Catherine. „Und? Sehen Sie mich an. Ich lebe immer noch.“

Der Mann zischte wütend. „Ja. Wie eine Katze mit neun Leben.“

Fieberhaft dachte Catherine nach. „Warum tun Sie das? Ich habe Ihnen nichts getan. Sie sind zu jung, um von den damaligen Ereignissen betroffen gewesen zu sein.“

 „Ich war von den Ereignissen damals betroffen“, fuhr der Mann sie wütend an. „Und jetzt halten Sie den Mund.“ Er lehnte sich in die Polster der Rückbank zurück und versank in brütendes Schweigen.

Catherine beobachtete ihn und überlegte.

Doch ein heftiges Schlingern der Limousine riss sie aus ihren Grübeleien. Zunächst schien es, als hätte der Wagen einem Hindernis ausweichen müssen, doch ein immer heftiger werdendes Holpern deutete ernstere Probleme an.

Der Mann drückte auf einen Knopf in einer Konsole neben sich. „Mick, was ist los.“

 „Sir wir haben Probleme. Anscheinend haben die vorderen Reifen Luft verloren und sind platt. Ich weiß nicht, wie lange wir noch weiterfahren können, ohne Verdacht zu erregen.“

 „Verdammt!“ rief der Mann auf der Rückbank und schlug mit voller Wucht auf die Mittelkonsole neben sich.


New York; Büro des Staatsanwaltes; Joe Maxwell, Gerry Fisher

Die Polizei war schnell am Friedhof gewesen. Trotzdem war es für eine Verfolgung viel zu spät. Das wusste auch Joe Maxwell. Er hing am Telefon und alarmierte weiter Einsatzkräfte.

Der Schwerverletzte, den Jenny Aronson als Catherines Leibwächter identifizierte, wurde mit einem Notarztwagen ins nächstgelegene Krankenhaus transportiert.

Gerry Fisher wirkte hilflos und machte keine Anstalten, das FBI einzuschalten.

 „Denken Sie wirklich, die Polizei kann das Fahrzeug mit der dürftigen Beschreibung finden?“ fragte er an Joe Maxwell gerichtet.

 „Es ist alles, was wir haben“, knurrte dieser.

 „Wissen Sie denn, wohin Jacob Chandler mit seiner Partnerin verschwunden ist?“ fragte Gerry Fisher weiter.

 „Woher soll ich das wissen?“ fuhr Joe Maxwell ihn an. „Kommen Sie. Von meinem Büro aus, kann ich die Einsatzkräfte besser koordinieren.“ Damit winkte er den Mann mit sich zu seinem Fahrzeug.

Sie fuhren zusammen zu den Büros der New Yorker Staatsanwaltschaft, wo Joe Anweisungen an seine Assistentin gab.

 „Anna. Catherine Chandler wurde heute entführt. Ich habe die Polizei schon informiert. Telefonieren Sie alle Polizeidienststellen ab und machen Sie sie auf den Ernst der Lage aufmerksam.“

Die Assistentin nickte hektisch und eilte zurück zu ihrem Schreibtisch.

Joe stürmte in sein Büro. Gerry Fisher folgte ihm und schloss die Tür hinter sich.

Joe Maxwell drehte sich zu dem FBI-Agenten um. „Eigentlich müssten Sie doch viel besser wissen, wohin Chandler gefahren ist. Schließlich sind Sie sein Boss.“

Hilflos zuckte Gerry Fisher mit den Achseln. „Er hat die letzten Tage nicht mit mir gesprochen oder mich über irgendetwas informiert. Glauben Sie mir, ich bin genauso wütend wie Sie. Das hat er allein zu verantworten.“

 „So?“ fragte der New Yorker Staatsanwalt skeptisch. „Wissen Sie eigentlich, dass Jacob Chandler Sie verdächtigt, mit der Mafia unter einer Decke zu stecken?“

 „Das ist absurd. Ich weiß nicht, wie er auf so eine Idee kommt“, meinte Gerry Fisher und stellte sich mit dem Rücken zur Tür. „Diese ganze Sache mit seiner Mutter scheint ihm zu Kopf gestiegen zu sein. Man hätte ihm nie erlauben dürfen, als Personenschützer zu fungieren. Da sind zu viele persönliche Gefühle im Spiel.“

Joe Maxwell schaute den Mann vor sich nachdenklich an. „Vielleicht ist er aber auch einfach nur gut in seinem Job. Vielleicht zu gut für Sie. Warum haben Sie bislang noch niemanden vom FBI über die Entführung informiert?“

In diesem Moment zückte Gerry Fisher seine Waffe und richtete sie auf den New Yorker Staatsanwalt. „Oder Sie sind der Verräter. So wie damals vor dreißig Jahren, als der Staatsanwalt Catherine Chandler verriet“, meinte Gerry Fisher böse.


New York; in einer Tiefgarage; Jake (Jacob) Chandler, Victoria Thompson, Vincent

Jake und Vicky lagen zusammen dicht an die Wand der Tiefgarage gepresst. Jake schützte sie mit seinem Körper und hielt sie umfangen. Doch die Gefahr war vorbei. Entfernt hörten sie, wie die Limousine mit quietschenden Reifen aus der Ausfahrt in die Straße einbog. Schnell rappelten sie sich auf.

 „Ist alles in Ordnung?“ fragte Jake.

Vicky nickte. „Ja.“

Sie sahen sich um. Im Scheinwerferlicht des BMWs lagen zwei leblose Körper. Jake beachtete sie jedoch nicht und ging ein Stück weit die Auffahrt hoch.

Vicky ging in Richtung des Wagens. Vorsichtshalber hielt sie ihre Pistole in der Hand. Der eine Mann war von Kugeln durchlöchert worden und musste auf der Stelle tot gewesen sein. Der andere, den sie unter dem Namen Samuel Henderson kennengelernt hatte, lag halb auf der Seite. Sie drehte den leblosen Körper um und erschrak.

 „Oh Gott“, flüsterte sie leise bei dem Anblick, der sich ihr bot. Henderson war furchtbar zugerichtet, als hätte ihn ein wildes Tier angefallen. Blankes Entsetzen zeichnete sich in seinen starren, toten Augen ab. Vicky wurde abgelenkt, als Jake laut aufschrie.

 „Pa, oh mein Gott. Pa.“ Er kniete neben einer großen Gestalt, die in der Dunkelheit der Auffahrt zur Straße lag.

Schnell lief Vicky zu ihm.

Jake beugte sich über seinen Vater und fühlte am Hals nach dem Puls. „Er lebt.“

Vicky sah schockiert auf die leblose Gestalt. „Was um Gottes willen ist das“, flüsterte sie.

Vor ihr lag ein Wesen halb Mensch und halb Löwe. Jedenfalls kam seine Erscheinung diesem Tier am nächsten.

Verzweifelt blickte Jake zu ihr auf. „Das ist mein Vater.“

Es dauerte eine Weile, bis die Worte zu Vicky durchdrangen, und sie verstand, was er da sagte. „Dein Vater? Aber…“

Hilflos tastete Jake seinen Vater ab. Vincent war bewusstlos. Noch immer schockiert von dem, was sie da sah, blickte Vicky auf das für sie fremde Wesen hinunter. Das Bein war seltsam verdreht vom Rest des Körpers und musste gebrochen sein.

Sie räusperte sich. „Sein Bein“, sagte sie mit rauer Stimme. „Jake. Sein Bein ist vermutlich gebrochen.“ Langsam sank sie auf die Knie zu ihm hinunter. Jake tastete das Bein ab und versuchte es gerade zu richten. Ein Stöhnen entrang sich Vincent, und er öffnete langsam die Augen.

 „Pa“, rief Jake wieder. „Kannst du mich hören?“ Er beugte sich dicht über seinen Vater.

Vicky beobachtete, wie der Mann, denn das war er wohl, verwirrt umher blickte. Sie sah in die blauesten Augen, die sie jemals erblickt hatte.

 „Pa, ganz vorsichtig“, versuchte Jake seinen Vater zu beruhigen.

 „Catherine?“ Vincent sah seinen Sohn fragend an.

Der verzog schmerzhaft das Gesicht. „Sie haben sie und sind mit ihr davon gefahren.“

Vincent wollte sich sofort aufrichten, stellte aber mit einem Aufschrei fest, dass es ihm nicht möglich war.

 „Dein Bein ist vermutlich gebrochen“, informierte Jacob ihn. „Du musst ruhig liegen bleiben.“

Vincent richtete seinen Oberkörper auf. „Ich muss zu Catherine.“ Er packte Jake heftig am Arm. „Ich spüre, dass sie in Gefahr ist.“ Verzweifelt sah er seinen Sohn an.

 „Pa, ich weiß. Ich spüre es auch, aber du kannst mit deinem Bein nicht laufen.“ Hilflos sah Jake seinen Vater an. Er fühlte sich hin und her gerissen.

Mit festem Griff packte Vincent seinen Sohn an den Schultern. „Dann musst du hinter ihr her und sie befreien. Bitte. Ich darf sie nicht noch einmal verlieren.“

Einen endlosen Moment lang sahen sich Vater und Sohn an.

Dann nickte Jake entschlossen und wandte den Blick zu Vicky, die die Szene verwirrt und verständnislos verfolgt hatte. „Jetzt brauche ich wirklich deine Hilfe.“

 „Aber wie…“

 „Pa, wenn wir dir helfen, dich aufzurichten, meinst du, du schaffst es bis zum Eingang zu den Tunneln?“ fragte Jake.

Vincent nickte und biss die Zähne zusammen. Noch immer verwirrt half Vicky, den Mann aufzustützen.

 „Jake, du musst deine Mutter retten“, mahnte Vincent, der das Gefühl hatte, dass ihnen die Zeit davon lief.

 „Ich helfe dir bis zu den Tunneln“, antwortete sein Sohn und fasste ihn um die Schultern.

Vicky nahm die andere Seite und zusammen schleppten sie sich die Auffahrt hinauf. Vincent atmete schwer vor Schmerz. Draußen ging es um zwei Ecken hinter das Gebäude. Jake konnte nur hoffen, dass niemand sie sah. An einem Verschlag mussten sie eine Treppe hinunter und kamen in einen verlassenen Keller von dem ein Durchbruch in der Wand in die Tunnel führte. Fragend schaute Vicky auf das Loch in der Mauer. Jake nahm eine Stange vom Boden und begann auf das Rohr zu klopfen, das von dem Keller durch die Wand und weiterführte. Vincent lehnte benommen vor Schmerz an der Wand.

Nachdem Jake ein paar Mal die gleichen Schläge wiederholt hatte, wandte er sich zu Vicky.

„Ich habe einen Notruf abgesetzt. Bitte führe meinen Vater weiter in die Tunnel hinein. Schaffst du das?“

Vicky nickte langsam. „Natürlich, aber…“

 „Ich weiß, du hast viele Fragen, aber ich muss los und meine Mutter befreien.“

 „Aber woher willst du wissen, wo sie ist?“ fragte Vicky verwirrt.

Doch Jake ging nicht darauf ein. „Bitte habe keine Angst vor seinem Aussehen. Er ist mein Vater, und ich liebe ihn.“

Eindringlich sah Jake die Frau vor sich an und drückte ihre Hand.

Sie zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann erwiderte sie den Druck seiner Hand. „Du kannst dich auf mich verlassen.“

 „Durch die Tunnel werden euch Menschen zu Hilfe kommen. Du kannst ihnen vertrauen.“

Dann war er verschwunden, und Vicky sah ihm noch für einen Augenblick erstaunt nach. Ein Stöhnen neben ihr brachte sie zurück zu dem Mann, der an der Wand lehnte. Jacob hatte gesagt, er wäre sein Vater. Sie konnte keine Ähnlichkeit zwischen Jake und diesem animalischen Wesen feststellen, der halb Mensch groß und aufrecht neben ihr stand und halb Tier eine starke Körperbehaarung und die Züge einer Raubkatze aufwies. Er blickte sie aus schmerzgepeinigten Augen an. Es waren die Augen, die sie an Jake erinnerten. Sie schimmerten so klar wie ein tiefer Bergsee.

 „Kommen Sie. Sie können sich ruhig auf mich stützen. Ich bin kräftiger, als wie ich auf den ersten Blick aussehe“, sagte sie. „Ich halte das aus." Sie fasste ihn beherzt um die Schulter.

Vincent stöhnte schmerzhaft auf. Er wollte der Frau nicht zur Last fallen, sah aber keine andere Möglichkeit, als ihr Angebot anzunehmen. Sein Bein tat höllisch weh. Er konnte es nicht belasten. Aber all das war bedeutungslos angesichts der Angst, die er um Catherine ausstand. Er durfte sie nicht noch einmal verlieren. Schritt für Schritt humpelte er mühsam mit dieser fremden Frau tiefer in die Tunnel hinein.

 „Kennen Sie sich hier aus?“ fragte sie ihn behutsam.

 „Ja“, keuchte er. „Ich bin hier zu Hause.“

 „Sie… leben hier?“ fragte Vicky ungläubig.

 „Ja“, antwortete Vincent mit schwerer Stimme. „Wo soll ich auch sonst leben. Sehen Sie mich an.“

 „Wie heißen Sie?“ fragte Vicky weiter, denn sie hoffte, dass ihre Fragen ihn von den Schmerzen in seinem Bein ablenken würden.

 „Vincent“, antwortete er. „Und Sie?“

 „Vicky. Ähm, Victoria Thompson. Ich habe zusammen mit Jake auf…“

 „Ja, ich weiß. Catherine hat mir von Ihnen erzählt.“

 „Ja?“ fragte Vicky, während sie immer weiter in die trübe Dunkelheit humpelten.

Langsam spürte sie sein Gewicht auf ihren Schultern. Jake hatte gesagt, es würden Leute zu Hilfe kommen. Aber wie konnte er das wissen. Dann entsann sie sich.

 „Die Rohre“, begann sie laut zu sprechen. „Jake hat auf die Rohre geklopft.“

 „Wir tauschen darüber Nachrichten aus“, brachte Vincent keuchend hervor.

 „Wir?“ fragte sie.

 „Unsere Gemeinschaft, die hier unten lebt.“

 „Sie meinen, es leben noch mehr Menschen hier unten?“

Vincent atmete schwer. „Jacob ist hier unten aufgewachsen.“

Langsam und mühsam bewegten sie sich weiter in die Dunkelheit. Ja, es war dunkel, stellte Vicky fest. Doch es war nicht diese tiefschwarze Finsternis, die es in Höhlen ohne Beleuchtung gibt. Irgendwoher kam ein Schimmer von Helligkeit.

 „Woher kommt dieses merkwürdige Licht?“ fragte Vicky.

 „Von den unteren bewohnten Ebenen“, keuchte Vincent. „Es dringt durch offene Ritzen, so dass es nie völlig dunkel ist. Trotzdem nehmen wir normalerweise eine Lampe oder Fackel mit, wenn wir uns durch die Tunnel bewegen.“

 „Aber Sie nicht“, stellte Vicky fest.

 „Nein. Meine Augen kommen gut mit der Dunkelheit zurecht.“ Vincent stoppte und lehnte sich an die Tunnelwand.

Besorgt sah Vicky ihn an. „Sie brauchen einen Arzt.“

 „Ja“, antwortete Vincent und lächelte traurig. „Mein Vater war Arzt. Der Mann, der mich großgezogen hat. Aber jetzt haben wir Alexander. Er hat Medizin studiert und wird sich um mich kümmern.“

Er richtete sich auf und stützte sich wieder bereitwillig auf ihre Schulter. Sie gingen ein paar Schritte weiter und um eine Biegung. Da konnten sie den hellen Schein von Lampen erkennen und Menschen, die ihnen entgegen kamen.


New York; Limousine auf den Straßen New Yorks; Catherine Chandler, Cedric Hanlon, Bodyguard

Langsam kam die Limousine zum Stehen. Catherine beobachtete ihr Gegenüber. Er blickte nervös nach draußen. Sie hatten an einem Straßenrand angehalten. Um sie herum floss der Verkehr. Catherine registrierte, dass sie am Rand einer belebten Straße irgendwo in Manhattan standen.

Der Mann vor ihr zog eine Pistole aus der Tasche. „Sie rühren sich nicht von der Stelle. Verstanden. Oder Sie sind tot.“

Catherine verzichtete, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er das doch sowieso beabsichtigte. Sie beobachtete, wie er auf den Knopf der Sprechanlage drückte.

 „Wo sind wir?“ fragte er den Mann vor sich auf dem Fahrersitz.

 „Upper East Side. Aber wir schaffen es nicht mehr bis in das Gebäude hinein.“

 „Können Sie nicht einfach den Reifen wechseln?“

 „Es sind beide vorne platt“, entgegnete der Fahrer. „Und ich habe nur ein Ersatzrad.“

Der Mann wartete auf weitere Anweisungen. Es dauerte lange.

 „Dann müssen wir zu Fuß weiter“, entschied der Dunkelhaarige.

 „Sir, Mr. Hanlon, das würde womöglich die Aufmerksamkeit von Passanten auf uns ziehen.“

 „Das ist nicht zu ändern“, antwortete Cedric Hanlon barsch. „Steigen Sie ganz normal aus und öffnen Sie meine Seitentür.“ Er wandte seine Aufmerksamkeit Catherine zu. „Und Sie werden jetzt genau das tun, was ich Ihnen sage. Sie verhalten sich ruhig und gehen mit uns die Straße entlang, so als gehörten wir zusammen und wollten nur einen Bummel machen.“

Catherine sah ihn aus großen Augen an. „Sie sind der Sohn von Patrick Hanlon. Der Mann, der seinerzeit in die Luft gebombt wurde, weil er ein Buch mit Notizen an Joe Maxwell weiter gegeben hatte.“

Böse sah sie der Jüngere an. „Ja. Sie sehen also, ich war von den damaligen Ereignissen betroffen. Nach dem Tod meines Vaters, hat die ‚Familie‘ mich aufgenommen. Mich und meine Mutter.“

 „Aber ihr Vater hätte das nie gewollt. Er wollte das Richtige tun und der kriminellen Organisation ein Ende setzen.“ Catherine versuchte, die Zusammenhänge von dem, was damals geschehen war, mit den jetzigen Ereignissen zusammen zu setzen.

 „Mein Vater war schwach“, erwiderte Cedric Hanlon lapidar. „Doch ich bin anders. Stärker. Und mit Ihrem Tod werde ich der ‚Familie‘ Genugtuung verschaffen.“

 „Und vermutlich im Rang und in der Achtung weiter aufsteigen“, ergänzte Catherine. „Warum warten Sie dann und tun nicht gleich, was Sie tun wollen.“ Herausfordernd sah sie ihn an.

In diesem Moment öffnete sich die Tür neben Hanlon.


New York; im Auto von Jake; Jacob Chandler

Jake versuchte, sich zu konzentrieren. Es fiel ihm nicht leicht. Er fühlte Angst und Nervosität  und eilte zu seinem Wagen zurück. Er setzte sich hinter das Lenkrad und konzentrierte sich auf seine Mutter. Er sah sie vor sich und fühlte dieses Pochen in sich. Abrupt startete er den Wagen. Sie waren nicht weit gekommen.


New York; Büro von Joe Maxwell; Joe Maxwell, Gerry Fisher, Anna Stanton, Jenny Aronson

 “Sind Sie jetzt völlig durchgedreht”, schrie Joe Maxwell den FBI-Mann an. „Sie phantasieren ja.“

 „So? Meinen Sie?“ fragte Gerry Fisher. „Ich will Ihnen sagen, was Sie tun. Sie werden jetzt Ihr Großaufgebot an Polizei zurückpfeifen.“

Joe Maxwell schaute den Mann wachsam an. War er verrückt geworden oder war es gar schlimmer. Er blickte auf die Waffe.

Gerry Fisher wurde ungeduldig. „Na los. Machen Sie schon!“

Langsam schüttelte Joe den Kopf. „Sie werden damit niemals durchkommen.“

 „So? Meinen Sie? Die Männer, die hinter mir stehen haben mehr Macht, als Sie sich auch nur im Traum vorstellen können. Sie haben ja keine Ahnung davon.“ Gerry Fisher redete sich in Rage.

 „Doch das habe ich. Also hatte Jacob Chandler recht, als er Sie verdächtigte, mit dem organisierten Verbrechen unter einer Decke zu stecken.“ Maxwell erkannte die Tatsachen glasklar.

 „Was wissen Sie schon?“ fragte der FBI-Agent zurück. „Sie sind nur ein popeliger New Yorker Staatsanwalt. Und bald sind Sie das gewesen. Ihre Zeit ist abgelaufen. Sie werden jetzt Ihre Leute zurückpfeifen, und dann machen wir beide einen netten kleinen Ausflug.“

Langsam schüttelte Joe den Kopf. „Das werde ich nicht tun.“

Gerry Fisher fuchtelte nervös mit seiner Pistole herum. „Soll ich Sie gleich hier abknallen.“

 „Erschießen Sie mich doch“, provozierte Joe den Mann. „Sie kommen nie und nimmer hier lebend raus.“

Hektisch sah sich Fisher um.

 „Sagen Sie mir nur eines“, fuhr Joe fort. „Warum? Warum lassen Sie sich mit solchen Leuten ein.“

 „Sie wissen ja nicht, wie das ist“, erklärte Gerry Fisher überraschend. „Man tut alles für sein Land. Man opfert sein ganzes Leben und seine Zeit und dann bleibt nichts mehr davon über.“

Joe sah den Mann nachdenklich an. „Haben Sie das Gefühl, dass Sie nicht genügend zurückbekommen haben?“

Gerry Fisher schwankte und begann zu schwitzen. „Meine Frau ist an Krebs erkrankt. Ich hatte nicht genügend Geld, um die Krankenhausrechnungen zu bezahlen. In so einer Situation steht man ganz alleine da.“

 „Das tut mir leid“, erwiderte Joe.  „Aber das ist kein Grund, sich an die Mafia zu verkaufen.“

 „Nicht?“ fragte Fisher zurück. „Meine Frau lebt jedenfalls noch.“

 „Aber Sie werden nichts mehr davon haben, wenn Sie so weiter machen.“ Eindringlich sah Joe den FBI-Agenten an. „Hören Sie Fisher, lassen Sie uns vernünftig miteinander reden, dann kann ich Ihnen helfen, damit Sie noch einigermaßen glimpflich bei der Sache davon kommen.“

Jetzt wurde Gerry Fisher wütend. „Einen Scheiß können Sie. Sie nehmen jetzt Ihr verdammtes Telefon in die Hand und rufen Ihre Leute zurück.“ Gereizt ging er auf Joe zu und zielte mit seiner Waffe auf den New Yorker Staatsanwalt. „Na los.“

Im nächsten Moment traf ihn ein heftiger Schlag am Hinterkopf. Bewusstlos sank Gerry Fisher zu Boden. Die Waffe glitt ihm aus der Hand.

Erstaunt sah Joe Maxwell auf den Mann vor sich am Boden und dann hoch. „Jenny“, rief er erleichtert.

Zu allem entschlossen stand Jenny Aronson vor dem bewusstlosen Mann. Sie war unbemerkt durch die Tür gekommen und hielt einen Schuh mit hohem Absatz in der Hand, mit dem Sie Gerry Fisher nieder geschlagen hatte. „Dieses niederträchtige Arschloch.“

 „Jenny“, wiederholte Joe und fasste sie an den Schultern. „Wo kommst du denn her?“

 „Na vom Friedhof, nachdem du so schnell verschwunden warst. Ich wollte wissen, ob ich noch irgendetwas tun kann, um Catherine zu finden. Da habe ich deinen Streit mit diesem… diesem Ungeheuer mitbekommen.“ Wütend sah sie ihn an.

 „Gott, ich bin wirklich froh, dass du da bist“, meinte Joe und umarmte sie spontan.

Eilig rief er einige Polizisten aus dem Gebäude der New Yorker Staatsanwaltschaft, die Gerry Fisher in Gewahrsam nahmen, der langsam wieder zu Bewusstsein kam. Joe beachtete ihn nicht weiter. Darum würde er sich später kümmern. Er suchte seine Assistentin, die nicht an ihrem Schreibtisch war. Er fand sie am anderen Ende des Großraumbüros bei einem Kollegen, der hektisch auf sie einredete und gleichzeitig ein Telefon in der Hand hielt. Anna Stanton nickte dem Mann mehrmals zu, dann wandte sie sich um und sah schockiert, wie Gerry Fisher gerade abgeführt wurde.

Eilig lief sie zu ihrem Boss. „Mr. Maxwell, um Gottes Willen, was ist denn passiert?“

 „Das erkläre ich Ihnen später, Anna. Haben Sie irgendetwas Neues von Catherine Chandler gehört?“

 „Ja“, antwortete sie sofort. „Gerade ist ein Notruf hereingekommen. In einem Einkaufszentrum in der Upper East Side wurden zwei bewaffnete Männer beobachtet, die offensichtlich eine ältere Frau verfolgten. Die beiden Männer sind unbekannt, aber die Beschreibung der Frau passt auf Catherine Chandler.“

 „Verdammt“, fluchte Joe laut. Er zog Jenny Aronson am Arm. „Komm mit.“


New York; Einkaufszentrum in Manhattan; Catherine Chandler, Cedric Hanlon, sein Bodyguard

Catherine lief. Mehrmals sah sie sich hektisch nach ihren beiden Verfolgern um. Sie suchte den Schutz in der Menschenmenge. Es war leicht gewesen, Cedric Hanlon und seinem Handlanger zu entkommen. Fast zu leicht, aber sofort schob sie diesen Gedanken beiseite. Es war die einzige Chance, die sie bekommen würde. Das wusste sie instinktiv.

Als sie zusammen aus der Limousine ausgestiegen waren, hatte Hanlon seine Waffe vorher weggesteckt. Er wollte natürlich nicht, dass sie auffielen auf dem belebten Bürgersteig. Das war die Gelegenheit für sie gewesen. Zunächst hatte sie so getan, als würde sie das Spiel mitmachen und war rechts und links von den beiden Männern flankiert mit ihnen mitgegangen. Dann kamen sie an dem Eingang zu einem Einkaufszentrum vorbei. Blitzschnell hatte sie sich aus der Mitte der beiden gelöst und war durch die elektronische Tür in das Innere des Zentrums verschwunden. Sie hatte die beiden überrascht. Das wusste sie. Doch sie würden sie nicht einfach kampflos laufen lassen, jetzt da sie genau wusste, wer hinter der Sache steckte.

Das Einkaufszentrum zog sich über mehrere Etagen hin. Catherine verschwand in einem Kaufhaus und fuhr, nein sie lief eilig eine Rolltreppe hoch. Sie sah sich um. Da waren die beiden Männer. Sie hatten sich von ihrem Zickzackkurs nicht irritieren lassen und sie weiter fortwährend im Blick behalten. Eilig hastete Catherine zwischen den Menschen den Gang der Einkaufspassage entlang an diversen kleinen Läden vorbei und vorbei an den neugierigen Blicken der Leute. Plötzlich erklangen Schreie hinter ihr.

 „Die Männer sind bewaffnet“, schrie jemand laut.

Als Catherine sich erneut umsah, erkannte sie, dass ihre Verfolger tatsächlich ihre Waffen gezückt hatten und auf sie zielten. Sie duckte sich instinktiv und hastete weiter. Ein Schuss zischte durch die Luft und haarscharf an ihr vorbei. Die Menschen rings um sie herum begannen zu schreien und panisch zu flüchten. Vielleicht war das ihre Chance. Sie kämpfte sich durch die wild rufenden Menschen. Da war eine Tür zum Treppenhaus. Sie riss sie auf und hastete eilig die Stufen hinunter. Andere Menschen folgten ihrem Beispiel auf der Flucht vor den beiden Männern. Einerseits war es für sie ein Schutz, andererseits wollte sie nicht, dass irgendein Unschuldiger durch sie zu Schaden kam. Deshalb öffnete sie im Erdgeschoss die Tür und wies die nachfolgenden Menschen an.

 „Hier geht es raus. Schnell.“

Die Menschen flüchteten auf dem Weg aus dem Einkaufszentrum hinaus und auf die Straße.

Catherine nahm den Weg über die Treppe weiter nach unten ins Kellergeschoss. Dort fand sie eine Tür, die zu einem Wartungsraum führte. Von dem Raum ging eine weitere Tür ab. Sie hoffte, dass ihre Verfolger ihre Spur verloren hatten und dem Menschenstrom hinaus gefolgt waren. Sie betrat eine Halle, die offensichtlich als Lager für Ware diente. Paletten mit Kartons stapelten sich. Sie verlangsamte ihren Schritt und sah sich vorsichtig um. Es musste einen weiteren Zugang geben. Die Paletten konnten nicht durch die schmale Tür geschafft worden sein, durch die sie hineingekommen war. Da. An der gegenüberliegenden Seite befand sich eine Rampe, die offensichtlich zur Straße hoch führte. Der Zugang zur Straße wurde durch ein stabiles Tor verschlossen. Catherine zögerte. Sie scheute sich davor, das Tor zu öffnen, denn sie befürchtete, dass dies nur die Aufmerksamkeit wieder auf sie lenken würde. Vielleicht gab es noch einen anderen Weg von hier hinaus, der weniger auffällig war. Als sie sich umwandte, erschrak sie bis ins Mark. Vor ihr stand Cedric Hanlon mit seiner Pistole in der Hand.

 „Netter Versuch, aber zwecklos“, knurrte er böse. „Seit wann sind Sie so rücksichtslos und bringen unschuldige Menschen in Gefahr.“

Er packte Catherine grob am Arm, so dass sie vor Schmerz lauf aufschrie. Sie hatte bei ihrer Flucht ihr malträtiertes Handgelenk vollkommen vergessen.

 „Wir verlassen jetzt dieses Etablissement durch den Hinterausgang, und Sie geben keinen Mucks mehr von sich. Haben Sie mich verstanden“, schrie Hanlon jetzt, als wäre er kurz davor, die Nerven zu verlieren.

Hinter ihm tauchte sein Bodyguard auf. „Mr. Hanlon“, sprach dieser nervös. „Wir können hier nicht so einfach raus. Durch die Massenpanik sind Sicherheitskräfte angerückt. Vorne stehen schon Polizeiwagen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch hinten alles umstellt haben.“

Cedric Hanlon spürte, dass er in der Falle saß. Catherine roch seinen unangenehmen Schweiß. Er hatte Angst. Sie konnte an seinem Gesicht sehen, wie es in ihm arbeitete. Im nächsten Moment hob er die Hand und schlug ihr ins Gesicht. Dann stieß er sie brutal zu Boden, so dass sie auf allen vieren vor ihm lag.

 „Na schön, du Miststück. Dann eben hier.“ Mit diesen Worten hob er den Arm und zielte auf Catherines Kopf.

Dann zerriss ein Schuss die Stille.


New York; auf den Straßen und vor dem Einkaufszentrum; Joe Maxwell, Jenny Aronson, Polizisten, Zeugen

Joe Maxwell tippte wild auf seinem Handy herum, als er mit Jenny im Schlepptau durch das Parkhaus zu seinem Wagen lief.

 „Ja, hallo“, rief er hektisch in den Hörer. „Joe Maxwell am Apparat. Ich bin auf dem Weg zu dem Einkaufszentrum. Gibt es schon etwas Neues?“ Währenddessen öffnete er mit der Fernbedienung den Wagen und bedeutete Jenny, dass sie einsteigen sollte. „Schicken Sie jeden Mann hin, den Sie haben. Es geht um Leben und Tod.“

Er raste hinaus auf die Straßen Manhattans.

 „Ist es wirklich sicher, dass es sich um Catherine handelt?“ fragte Jenny angstvoll.

 „Wenn jemand so einen Tumult auslösen kann, dann Catherine“, meinte Joe bestimmt. „Sie wird sich nicht kampflos geschlagen geben.“

Joe fuhr zügig durch den New Yorker Stadtverkehr. Zwei Blocks vor ihrem Ziel war die Straße von Streifenwagen abgesperrt worden. Joe stellte seinen Wagen einfach zu dem Streifenwagen, und als der Polizist ihn wegschicken wollte, hielt er ihm seinen Ausweis als New Yorker Staatsanwalt vor die Nase. Um die Reaktion kümmerte Joe sich nicht weiter. Er eilte zusammen mit Jenny weiter. Es war nicht schwer auszumachen, wo sie hin mussten. Vor dem Einkaufszentrum befanden sich mehrere Rettungswagen. Und überall auf der Straße befanden sich Menschen, die offensichtlich aus dem Gebäude geflüchtet waren. Und noch immer strömten Menschen aus der Eingangstür heraus.

Joe wandte sich an einen der Polizisten, der an einem Zivilstreifenwagen stand. Er hielt ihm seinen Ausweis hin. „Weiß man schon Näheres über die bewaffneten Männer. Einer von ihnen muss ein Schwarzer sein.“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Laut den Aussagen der Zeugen handelt es sich um zwei Weiße. Einige von unseren Männern sind rein und durchkämmen jetzt Quadratmeter für Quadratmeter den Laden oder bergen Verletzte, die durch die Massenpanik niedergetrampelt wurden. Das Gebäude hat mehrere Stockwerke. Die Kerle können überall sein. Vielleicht sind sie auch im Schutz der flüchtenden Menschen geflohen.“

 „Zwei Weiße?“ fragte Joe ungläubig. „Woher haben Sie denn die Beschreibung bekommen, dass die Kerle hinter einer älteren Frau her waren? Ich würde gerne mit den Augenzeugen sprechen.“

Der Polizist nickte bereitwillig und deutete auf einen großen Van, der als Einsatzwagen diente. „Die sind da hinten.“

 „Vielen Dank“, murmelte Joe und lief weiter.

Man hatte den Zeugen Decken um die Schultern gelegt. Der Schrecken über die Ereignisse stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

 „Sie haben die Frau und die beiden bewaffneten Männer gesehen?“ fragte Joe direkt.

Ein älterer Mann antwortete. „Ja. Die Frau schien vor irgendetwas davon zu laufen. Ich habe mich noch gewundert, dass sie es so eilig hatte und plötzlich…“

 „Ja?“ fragte Joe nach. „Was ist dann passiert.“

 „Ich weiß nicht recht woher, aber plötzlich…“

Eine ältere Frau mischte sich ein, offensichtlich seine Ehefrau. „Plötzlich hörten wir Schüsse und Leute fingen an zu schreien.“

 „Würden Sie die Frau auf einem Foto wiedererkennen?“ fragte Joe die beiden.

 „Ich weiß nicht“, meinte der Mann. „Es ging alles so schnell.“

 „Einen Moment“, schaltete sich Jenny Aronson ein. „Ich habe die letzten Zeitungsberichte über Catherine auf meinem Smartphone gespeichert.“

Wenig später hatten Joe und Jenny die Gewissheit, dass Catherine irgendwo in dem Gebäude sein musste. Joe fragte sich zu dem Einsatzleiter durch.

 „Haben Sie Funkkontakt zu Ihren Männern drinnen?“ fragte er ihn.

 „Ja, warum?“ fragte dieser zurück.

 „Die beiden bewaffneten Männer verfolgen eine Frau, die heute Vormittag entführt wurde. Es handelt sich um Catherine Chandler. Wir müssen sie lebend finden“, beschwor Joe den Einsatzleiter.

Der nickte nur. „Meine Männer tun alles, was möglich ist, aber im Moment ist die Lage noch sehr unübersichtlich. Ich kann Ihnen nichts versprechen.“

Joe fühlte Resignation in sich aufsteigen. Er war zur Untätigkeit verdammt.


New York; in den Tunneln; Vincent, Vicky, Jamie, Alexander, Luke, Mouse

Es waren mehrere Männer gekommen und eine Frau. Einer der Männer untersuchte vorsichtig Vincents Bein.

 „Wir brauchen eine Trage“, sagte er, woraufhin ein anderer sofort loslief.

 „Was ist passiert?“ fragte die Frau Vincent.

Schwer atmend sah Vincent sie an. „Catherine ist entführt worden. Von Männern, die sie töten wollen.“

 „Oh Gott“, flüsterte sie. „Dann müssen wir etwas tun.“

 „Jacob ist ihr nach. Aber er ist allein. Jamie, du musst Mouse Bescheid geben und…“

 „Wir müssen dich erstmal hier wegbringen und dich medizinisch versorgen“, unterbrach ihn der Mann, der ihn untersucht hatte.

 „Alexander, ich…“

 „Was ist mit Geoffrey. Ich dachte, er wäre in der Nähe gewesen, um Jacob zu unterstützen?“ fragte Jamie jetzt.

 „Ich weiß nicht, was mit ihm ist“, antwortete Vincent.

 „Meinen Sie den Mann, der Catherine heute Morgen begleitet hat“, mischte sich jetzt Victoria Thompson ein. Sie hatte bislang die Leute stillschweigend beobachtet. „Er wurde am Friedhof schwer verletzt und ist vermutlich in ein Krankenhaus eingeliefert worden.“

Nun nahmen die ihr fremden Leute sie das erste Mal zur Kenntnis.

 „Wer sind Sie?“ fragte Jamie.

 „Sie ist Jacobs Partnerin. Sie beschützt Catherine“, antwortete Vincent keuchend vor Schmerz.

 „Mein Name ist Victoria Thompson und ich arbeitete genauso wie Jake beim FBI“, stellte Vicky sich selbst vor.

 „Ich bin Jamie.“ Jamie reichte ihr die Hand. Sie deutete auf die anderen. „Das sind Alexander und Luke. Gideon ist los, um eine Trage zu holen.“

Schon kam der Mann mit der Trage eilig durch die Tunnel gelaufen. Im Schlepptau tauchte Mouse auf und hörte sich den Bericht über die Ereignisse an, während sie gemeinsam Vincent auf die Trage hievten und hochhoben. Vicky folgte den Leuten fasziniert tiefer in die Tunnel hinein. Sie trugen einfache geflickte Gewänder, schienen aber sonst völlig normal zu sein. Nebenbei staunte sie über das Labyrinth aus Gängen und Tunneln und wunderte sich, dass diese Fremden genau zu wissen schienen, wo sie sich befanden.

 „Wir müssen herausfinden, in welches Krankenhaus Geoffrey eingeliefert wurde und wie es ihm geht“, hörte sie jetzt die Frau namens Jamie zu den Männern sagen.

Von der Trage hörte Vicky die Stimme des seltsamen Löwenmannes. „Catherine. Jacob ist ganz allein.“ Er griff nach Mouse‘ Arm. „Mouse, Jamie. Ich darf sie nicht noch einmal verlieren. Bitte.“

Verzweifelt antwortete Jamie. „Aber wir wissen doch nicht, wo sie ist. Wenn Jacob durch die Verbindung zu ihr fühlen kann, wo sie ist, kann er bestimmt…“

Vincent unterbrach sie. „Ich kann es auch wieder fühlen, Jamie. Deswegen bin ich zu ihr geeilt, um sie zu retten. Ich weiß genau, wo sie ist.“

Sie erreichten die große Kammer, mit einer Liege darin, die offensichtlich als Bett diente.

 „Legt ihn darauf“, wies Alexander die anderen an und hatte auf einmal eine Arzttasche in der Hand. „Vincent, ich muss jetzt dein Bein richten.“

 „Moment, du kannst spüren, wo Catherine gerade ist?“ fragte Jamie.

Auch Victoria Thompson wurde hellhörig, als ihr klar wurde, was das bedeutete.

 „Wenn Sie mir sagen können, wo sie sich befindet, dann kann ich Jake zu Hilfe kommen“, wandte sie sich direkt an Vincent.

Statt sofort eine Antwort zu bekommen, sah sie sich wieder den neugierigen und teils misstrauischen Blicken der Leute gegenüber.

 „Können wir ihr trauen?“ fragte Jamie an Vincent gerichtet.

 „Catherine und Jake vertrauen ihr“, meinte er.

 „Bitte. Ich will helfen.“ Vicky sprach eindringlich in die Runde. „Mir liegt sehr viel an Catherine, und ich will nicht, dass ihr irgendetwas passiert. Wenn Sie mir also sagen können, wo…“

Vincent gab sich einen Ruck und nannte den Block. „Es gibt dort einen Zugang direkt zu den Tunneln“, sagte er noch.

 „Das weiß Jacob auch“, meinte Mouse. „Wenn er schlau ist, wird er den unterirdischen Weg genommen haben.“

 „Sie meinen, man kann von hier aus direkt dorthin gelangen?“ fragte Vicky. „Kann mich irgendjemand führen?“ Fragend schaute sie in die Runde.

 „Ich bringe Sie“, meinte Luke.

 „Ich komme mit“, meinte Jamie sofort, doch Mouse hielt sie am Arm zurück.

 „Nein. Lass das die Profis machen, Schatz.“

 „Wir sollten uns beeilen“, meinte Vicky und wandte sich an Vincent. „Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bringe Ihnen Catherine und ihren Sohn lebend zurück. Das verspreche ich Ihnen.“ Eilig verließ sie mit dem Mann namens Luke den Raum.

Sie hörte noch, wie der Arzt sagte. „Das wird jetzt wehtun. Haltet ihn fest.“ Danach erklangen ein tierähnliches Knurren und Gebrüll, aber Vicky kümmerte sich nicht weiter darum. Ihre vielen Fragen mussten warten.


New York; Einkaufszentrum in Manhattan; Catherine Chandler, Jacob Chandler, Cedric Hanlon, sein Bodyguard

Nach dem Schuss schien die Szene wie erstarrt zu sein. Ungläubig schaute Catherine zu Cedric Hanlon hoch, der sich die verletzte Hand hielt. Seine Waffe war ihm aus der Hand geglitten. Er wollte sich schon danach bücken, als eine Stimme aus dem Hintergrund ihn davon abhielt.

 „Lassen Sie das.“ Jacob.

Erleichtert keuchte Catherine auf und richtete sich langsam auf.

 „Mom, geht es dir gut“, fragte er ruhig.

 „Ja“, antwortete sie, „aber pass auf, der andere Kerl hat…“ Sie konnte die Warnung nicht zu Ende sprechen.

Ohne dass Jacob es im Hintergrund, wo er stand, bemerkt hatte, zog der Bodyguard seinen Revolver aus der Innentasche seines Jacketts. Er drehte sich blitzschnell um und schoss.

 „Jacob“, schrie Catherine. Sie wollte zu ihrem Sohn eilen, doch Cedric Hanlon stellte sich ihr höhnisch grinsend in den Weg. Er schlug zu, so dass Catherine taumelte. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass ihr Sohn sich an die Schulter fasste. Er schoss auf den anderen Kerl, der seinerseits zurück feuerte. Trotz seiner Verletzung überbrückte Jacob die kurze Distanz zu dem Mann und warf sich auf ihn, bevor er weitere Schüsse abgeben konnte.

Cedric Hanlon beugte sich derweil hinunter zu seiner eigenen Waffe, die er fallen gelassen hatte. Doch Catherine schubste ihn mit all der Kraft, die sie noch aufbringen konnte, zur Seite. Er fluchte. Catherine schaffte es gerade noch rechtzeitig, mit einem Fußtritt die Waffe unerreichbar unter einer der Paletten zu befördern. Dann stürzte sich Hanlon wütend auf sie. Er schien zum Äußersten getrieben. Catherines physische Kräfte waren am Ende. Mit ihrem verletzten Handgelenk und erschöpft von der Flucht hatte sie ihrem Gegner nichts mehr entgegen zu setzen. Seine Hände schlossen sich um ihren Hals und drückten zu. Schwach am Rande ihres Bewusstseins nahm sie ein gewaltiges Brüllen wahr. Vincent, dachte sie. Vincent musste gekommen sein, um sie zu retten. Durch die Atemnot verschwamm die Fratze von Cedric Hanlon vor ihren Augen. Nur das Brüllen im Hintergrund blieb. Es wurde lauter und deutlicher. Im nächsten Moment löste sich die Umklammerung um Catherines Hals. Sie blieb liegen und wähnte sich schon tot. Doch dann versuchte sie Luft zu holen, und der Sauerstoff strömte durch ihren malträtierten Hals und in ihre Lungen. Mehrmals atmete sie tief durch und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Im Hintergrund hörte sie Kampfgeräusche und das Brüllen von…

Sie richtete sich auf, doch von Vincent war keine Spur zu sehen. Stattdessen rang Jacob mit Cedric Hanlon. Der Bodyguard lag bereits blutüberströmt und leblos am Boden. Mit Erschrecken und Faszination gleichermaßen beobachtete Catherine, wie ihr Sohn seinen Gegner mit ungeheurer Wucht mehrmals an die Wand schleuderte. Er schien von fremden, gewaltigen Mächten beherrscht. Hanlon war kaum noch bei Bewusstsein. Nur kurz hielt Jacob inne, drückte den Mann an die Wand und aus seiner Kehle erklang das urtümliche Brüllen eines Löwen, das Catherine sonst nur von seinem Vater gehört hatte. Im nächsten Moment hob Jacob seine Hand. Doch das war keine Hand mehr. Aus seinen Fingerspitzen waren Krallen ausgefahren, die er ohne jede Beherrschung in seinen Gegner versenkte. Fassungslos sah Catherine zu, wie ihr Sohn den Mann in schierer Raserei umbrachte. Als Hanlon nur noch schlaff in seinen Fängen hing, ließ Jacob von ihm ab. Blutüberströmt und tot glitt Cedric Hanlon zu Boden. Jacob sah auf ihn hinab. Er schien nur langsam in die Realität zurück zu finden.

 „Jacob“, flüsterte Catherine mit krächzender Stimme. „Jake, um Gottes Willen.“

Er nahm sie nicht wahr. Stattdessen blickte er entsetzt auf seine Hände und auf Cedric Hanlon. Er taumelte ein paar Schritte zurück, bis er an einen Karton stieß und darauf zusammensank.

Mühsam versuchte Catherine, auf die Beine zu kommen. Es dauerte einen Moment. Ihr schwindelte. Langsam schleppte sie sich zu ihrem Sohn und sank vor ihm auf die Knie.

 „Jacob“, flüsterte sie leise.

Er hob den Kopf und sah sie mit einem leeren Blick an, der ihr durch Mark und Bein ging.

 „Jetzt weißt du es“, sagte er kaum wahrnehmbar. „Ich bin wie er. Ich bin wie Pa.“

Catherine schloss kurz die Augen. Dann schloss sie ihn in ihre Arme und hielt ihn wie ein Kind an sich gepresst.


New York; in den Tunneln; Victoria Thompson, Luke

Victoria hastete mit dem Mann namens Luke durch die Tunnel. Ohne jemanden, der sich auskannte, wäre sie hoffnungslos verloren gewesen in diesem Labyrinth aus Gängen und Kammern.

 „Ist es noch weit?“ fragte sie den Mann vor sich.

 „Nein. Es kommt Ihnen vielleicht so vor, als wäre es ein langer Weg durch die vielen Windungen und Gänge“, meinte Luke. „Wir müssen noch zwei Ebenen nach oben.“

Vicky hatte gar nicht bemerkt, dass sie so tief unter der Erde waren. Gedanken schossen durch ihren Kopf über das, was sie heute gesehen und erfahren hatte. Für einen Moment fragte sie sich, ob sie sich in einem Traum befand, und doch waren die Geschehnisse des Tages Realität. Genauso wie diese Tunnel, durch die sie lief, und die Menschen, die offensichtlich hier unten lebten und der seltsame Löwenmann, der Jakes Vater sein sollte.

Sie kamen zu einer Treppe, die sich spiralförmig nach oben windete. Zum Glück war sie gut durchtrainiert, so dass ihr die Stufen hinauf keine Probleme bereiteten. Sie gelangten in einen runden Betontunnel, so wie es sie für Abflussrohre gab oder bei der Untergrundbahn. Sie mussten sich jetzt also deutlich weiter oben befinden. Doch sie schienen in einer Sackgasse gelandet zu sein, denn vor ihnen befand sich ein verschlossenes Gitter mit einer Wand dahinter. Zielsicher betätigte Luke einen Mechanismus, der sich versteckt in der dunklen Ecke der Wand befand und hinter dem Gitter öffnete sich automatisch eine Tür.

 „Kommen Sie“, sagte Luke und öffnete das Gitter.

Erstaunt folgte Vicky dem Mann. Jetzt waren sie von gemauerten Wänden umgeben.

 „Wo sind wir?“ fragte sie.

 „Wir befinden uns unter dem Einkaufszentrum. Es ist die Stelle, die Vincent genannt hat“, erläuterte Luke und ging weiter bis zu einer Leiter, die in eine Wand eingelassen war und nach oben führte. „Da geht es hoch zum Untergeschoss.“

Vicky sah hoch, konnte aber nur schwach eine Tür in der Wand erkennen. Sie wusste nicht, wo sie dort rauskommen würde, doch sie musste versuchen, Jake und Catherine zu Hilfe zu kommen. Es war nicht einfach ein Job für sie, aber diesen Gedanken schob sie sofort wieder bei Seite. Sie musste sich konzentrieren und auf alles gefasst sein, dass sie womöglich oben erwartete.

 „Bleiben Sie hier unten und passen Sie auf“, wies sie den Mann an.

 „Wäre es nicht besser, wenn ich mitkäme“, meinte Luke.

 „Besser nicht. Sie haben keine Waffe“, meinte Vicky. „Einer Ihrer Leute wurde heute schon verletzt. Ich bin trainiert für solche Situationen. Glauben Sie mir.“

Luke nickte. „Gut. In Ordnung. Ich warte dann hier.“

Vicky zückte ihre Waffe und begann, die Leiter nach oben zu klettern.


New York; auf den Straßen und vor dem Einkaufszentrum; Joe Maxwell, Jenny Aronson, Polizist

Nervös lief Joe Maxwell draußen vor dem Einkaufscenter zwischen den Einsatzfahrzeugen hin und her. Jenny sah ihm hilflos zu.

 „Vielleicht sollten wir hier nicht so im Weg herumstehen“, meinte sie. „Die Polizisten tun sicher alles, um sie lebend da heraus zu holen.“

Joe schüttelte unwirsch den Kopf. „Ich weiß nicht. Irgendetwas stimmt an der ganzen Geschichte nicht. Der Mann, der sie entführt hat, war ein Schwarzer.“

Jemand von der Einsatzleitung kam auf ihn zu. „Joe Maxwell?“

 „Ja, der bin ich. Gibt es irgendetwas Neues?“

Der Mann nickte. „Ja. Wir haben den Wagen gefunden, mit dem Mrs. Chandler heute vom Friedhof entführt wurde. Er stand in einer Tiefgarage in der Nähe. Daneben lagen zwei tote Männer, wovon einer Samuel Henderson heißt und für die amerikanische Botschaft in Deutschland gearbeitet hat.“

 „Haben Sie irgendeinen Hinweis auf…“ Joe konnte nicht weitersprechen.

 „Nein, Sir. Nichts. Kein Hinweis auf den Verbleib von Mrs. Chandler.“

 „Verdammt!“ fluchte Joe laut.

 „Dann ist sie wirklich dort drinnen“, schlussfolgerte Jenny Aronson, die mitgehört hatte.

Beide schauten hinüber zu dem umstellten Einkaufszentrum.


New York; Untergeschoss des Einkaufszentrums und die Tunnel; Catherine Chandler, Jacob Chandler, Victoria Thompson, Luke

Catherine konnte nicht sagen, wie lange sie ihren Sohn umarmt hielt. Geräusche über ihnen ließ sie den Kopf heben. Sie hörte Schritte. Vermutlich Polizisten, die das Einkaufscenter durchsuchten.

 „Jacob“, sagte sie leise. Sie blickte sich um und sah die beiden Leichen der Männer. „Wir müssen hier weg.“

Als er nicht sofort reagierte, fasste sie seine beiden Hände und zog ihn hoch. „Es kommen Leute. Wahrscheinlich Polizei. Wir können hier nicht bleiben.“

Jake sah sich um, als erwache er aus einem tiefen Traum. „Meine Waffe“, murmelte er und sah sich suchend um. Sie lag am Boden und er steckte sie ein. Als sie Stimmen von oben hörten, hielten beide kurz inne.

 „Wie kommen wir hier raus?“ fragte Catherine.

Wortlos ergriff Jacob ihre Hand und zog sie mit sich. Sie gingen durch die Tür, die zurück in den Heizungskeller führte. Abrupt blieben beide vor Schreck stehen.

 „Cathy, Jake“, rief Victoria Thompson überrascht. „Was um alles in der Welt…“

 „Vicky.“ Catherine war die Erleichterung anzuhören. „Wie kommst du hierher?“

 „Durch die Tunnel“, antwortete Vicky automatisch.

Auf der Treppe hinab in das Untergeschoss näherten sich Schritte.

 „Wir müssen hier weg“, rief Jacob. Er wandte sich zu der versteckt liegenden Klappe in der Wand und öffnete sie. „Los Mom. Hier hinunter.“

Catherine biss die Zähne zusammen und zwängte sich durch die Klappe auf die Leiter.

 „Jetzt du“, sagte Jake zu Vicky.

Verwirrt folgte sie seiner Anweisung. Jake folgte als Letzter und schloss sorgfältig die Klappe, so dass niemand auf den geheimen Zugang aufmerksam wurde. Als er unten ankam, warteten Catherine und Vicky zusammen mit Luke. Jake nickte dem Mann nur kurz zu.

 „Lasst uns schnell hier verschwinden“, sagte er rau.

 „Hätten wir nicht besser auf die Polizei oben warten sollen?“ fragte Vicky verwirrt.

 „Nein“, antworteten Jacob und Catherine gleichzeitig.

Schweigend gingen sie durch die Tunnel. Catherine hielt sich ihr Handgelenk.

 „Du bist verletzt“, meinte Vicky. „Du brauchst einen Arzt.“

 „Nein, es geht schon“, wehrte Catherine ab.

 „Was ist mit Pa?“ fragte Jake in diesem Moment, als wären ihm jetzt erst wieder die voran gegangenen Ereignisse eingefallen.

 „Was ist mit Vincent?“ fragte jetzt auch Catherine erschrocken.

 „Er wurde verletzt in der Tiefgarage“, erzählte Jacob.

 „Wir haben ihn in seine Kammer geschafft und Alexander kümmert sich um ihn“, erläuterte Luke.

 „Sein Bein ist gebrochen“, verdeutlichte es Vicky.

Unwillkürlich beschleunigte Catherine ihren Schritt. „Ich muss zu ihm. Er braucht mich.“

 „Mom!“ rief Jacob ihr nach, doch sie hörte nicht auf ihn.

 „Cathy, du bist selbst verletzt. Eigentlich müssten wir dich in ein Krankenhaus bringen und Bescheid geben, dass dir nichts passiert ist, damit die Polizei nicht weiter nach dir sucht.“ Victoria eilte ihr nach.

 „Wir sind gleich da“, meinte Luke beruhigend. „Catherine ist hier sicher. Sicherer als oben. Glauben Sie mir.“

Jacob achtete nicht auf die beiden und beschleunigte seine Schritte, bis er seine Mutter eingeholt hatte. Er fasste sie am Arm und hielt sie fest.

 „Mom!“ Verzweifelt sah er sie an. „Pa weiß nichts.“

Er sagte nicht mehr, doch sie verstand ihn auch so. Kurz strich Catherine ihrem Sohn über die Wange. Es war eine zärtliche Geste, die ihn beruhigen sollte begleitet von einem Lächeln voller Mitgefühl. Sie sagte nichts weiter und setzte dann ihren Weg fort. Einige der Bewohner hatten sich vor Vincents Kammer versammelt, als die kleine Gruppe dort eintraf.

 „Catherine“, rief Jamie. „Gott sei Dank, du lebst.“

Spontan umarmten sich die Frauen.

 „Vincent?“ fragte Catherine nur.

 „Es geht ihm gut“, beruhigte Jamie sie. „Alexander hat sein Bein geschient. Ansonsten scheint er glimpflich davon gekommen zu sein.“

Catherine nickte dankbar und trat dann durch den schmalen Gang in Vincents Kammer. Jacob zögerte hinter ihr, als überlege er, ob er ihr folgen sollte oder nicht. Dann ging er bis zum Eingang, um sich zu vergewissern, dass es seinem Vater gut ging. Catherine saß bei ihm auf der Liege.

 „Catherine“, seufzte Vincent matt. Er lag mit dem Oberkörper aufrecht durch Kissen gestützt.

Sie fasste ihn bei den Händen. „Es geht mir gut.“ Sie lächelte ihn unter Tränen an, beugte sich vor und lehnte ihre Stirn an seine.

Vincent umschlang sie mit den Armen und hielt sie fest. Jacob beobachtete die beiden vom Eingang aus. Vicky hatte sich neben ihn gestellt. Neugierig wechselte sie den Blick von dem Paar auf der Liege zu dem Mann neben sich. Fasziniert beobachtete sie, wie Jake zu seinen Eltern hinüber sah und plötzlich anfing zu lächeln. Er lächelte. Ein Lächeln voller Erleichterung und Freude. Vertraut und sehr intim. Verschämt und seltsam berührt davon, dass sie ihn so sah, wollte sie sich bereits abwenden, als das Gespräch sie innehalten ließ.

 „Wie ist es euch gelungen zu entkommen?“ fragte Vincent leise.

Catherine hob den Kopf und setzte sich wieder auf. Sie musste sich räuspern. „Jake“, erwiderte sie nur. „Jake hat mich befreit.“ Mehr sagte sie nicht.

Dann wandte sie sich zu ihrem Sohn um, dessen Atem vor ihrer Antwort ins Stocken geraten war. Sie hob den Arm und winkte ihn mit einer Geste ihrer Hand zu Vincent und sich. Langsam ging Jake zu seinen Eltern und setzte sich zu ihnen.

 „Es ist alles gut Pa“, sagte er dann. „Mom ist jetzt in Sicherheit.“

Catherine lächelte ihn schmerzerfüllt an. Dann zog sie ihn zu sich und Vincent und hielt beide eng umschlungen.

Tief bewegt von dem, was sie sah, wandte sich Vicky vom Eingang ab.


New York; auf den Straßen und vor dem Einkaufszentrum; Joe Maxwell, Jenny Aronson, Einsatzleiter, Polizisten

 „Wir können rein“, sagte der Einsatzleiter zu Joe Maxwell.

 „Haben Sie Catherine Chandler gefunden?“ fragte Joe, als sie schon auf dem Weg hinein in das Gebäude waren.

 „Nein, aber zwei Tote“, antwortete der Einsatzleiter.

Sie ließen sich von einem Polizisten führen, der schwer bewaffnet mit seiner Einheit das Gebäude durchkämmt hatte. Sie folgten ihm hinab ins Untergeschoss an einem Heizungskeller vorbei und in einen großen Lagerraum. Die zwei toten Männer sahen furchtbar aus.

 „Kommen die Ihnen bekannt vor?“ fragte der Einsatzleiter den New Yorker Staatsanwalt.

Der schüttelte den Kopf. „Nein.“

 „Na ja. Ist auch bestimmt nicht einfach, so wie die zugerichtet wurden“, meinte einer der Polizisten, die dabei standen.

Leute von der Spurensicherung tauchten auf. Fassungslos sah Joe ihnen zu, wie sie anfingen, die Kleidung der Männer zu durchsuchen. Bei einem der Toten befand sich ein Ausweis.

 „Cedric Hanlon“, las der Einsatzleiter laut vor. „Den Namen kenne ich aus Kreisen des organisierten Verbrechens.“

 „Hanlon?“ fragte Joe nach.

 „Ja, kennen Sie ihn?“ fragte der Polizist.

Düster nickte Joe. „Ich kannte seinen Vater. Leider ist der Junge nach dessen Tod auf die schiefe Bahn geraten.“

 „Tja, soweit ich weiß, war er auf dem besten Weg eine große Nummer in bestimmten kriminellen Kreisen zu werden“, sagte der Einsatzleiter.

 „Haben Sie sonst irgendwelche Anhaltspunkte gefunden, die auf den Verbleib von Catherine Chandler hindeuten?“ fragte Joe.

 „Bislang nicht, aber es kann dauern, bis wir alles durchsucht haben“, meinte der Einsatzleiter.

 „Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie irgendetwas finden“, sagte Joe.

Mit einem letzten Blick auf den Tatort verschwand er hinaus. Draußen vor dem Gebäude wartete Jenny Aronson.

 „Catherine?“ fragte sie.

Joe schüttelte bedauernd den Kopf. „Sie ist spurlos verschwunden, aber es ist noch nicht alles durchsucht worden. Zwei Männer sind tot, die sie offensichtlich verfolgt hatten.“

Jenny holte zitternd Luft. „Vielleicht ist es besser so“, meinte sie dann.

Stirnrunzelnd sah Joe sie an. „Wie meinst du das?“

 „Vielleicht ist es besser, wenn sie verschwunden bleibt.“ Jenny brachte ein schwaches Lächeln zustande. „Es ist ja nicht so, dass es das erste Mal wäre.“

Konsterniert sah Joe von Jenny und zurück zu dem Gebäude. Er wollte wissen, was passiert war, und er wollte seine Freundin in Sicherheit wissen. Er blickte wieder zu Jenny.

 „Komm“, sagte sie, „bring mich nach Hause. Es war ein langer Tag.“
 
 
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