Familie verjährt nie

von Ferina
GeschichteDrama, Familie / P16
Bora Aksu Can Yildes Fabian Köster Katja Wolf Linus Haje Michael Smolik
07.06.2020
05.07.2020
13
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30.06.2020 1.900
 
Kapitel 10

Paul erwachte mit hämmernden Kopfschmerzen. Das war eben das Resultat, wenn man total verweint schlafen ging. Aber er konnte auch nicht anders, das kam eben immer einfach über ihn. Und er hatte auch keine Lust, es zu verstecken oder zu unterdrücken. Es war doch sowieso jedes Jahr dasselbe. Nur mit dem Unterschied, dass in diesem Jahr seine Mutter nicht Anteil nehmen konnte, wegen ihrer schweren Lungenentzündung. Und als direkt nach dem Aufstehen sein Handy klingelte, ahnte er schlimmes. Das Krankenhaus rief an. „Herr Richter?“ erklang die Stimme am anderen Ende des Hörers. Sie klang gehetzt und auch belegt, dass erkannte Paul sofort. „Ja, am Telefon.“ Tiefes Durchatmen war a anderen Ende zu hören. „Können Sie bitte so schnell wie möglich zur Klinik kommen?“ – „Wieso? Ist etwas passiert?“ – „Wir erklären Ihnen alles hier. Aber bitte kommen Sie.“ Wie vor den Kopf gestoßen saß Paul auf der Kante seines Bettes. „Ja, Moment. Ich… ich komme.“ Er beendete das Gespräch und beeilte sich, mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, zum Krankenhaus zu kommen. Tobias empfing ihn direkt am Eingang zur Intensivstation, und er sah dessen Blick an, dass etwas nicht stimmte. „Was ist los?“ kam er deshalb direkt zur Sache. Tobias griff nach seinem Arm, um ihn ein Stück in Richtung der Schwesternkanzel zu führen. „Paul hör zu. Es gab Komplikationen in der Nacht.“ – „Was für Komplikationen?“ Ihm wurde schlecht, als der Pfleger ihn mit diesem Blick ansah. „Sie hat nicht mehr viel Zeit. Sie wird den Tag nicht mehr überstehen.“ – „Wie bitte?“ rief er fassungslos aus und fuhr sich fahrig durch die Haare. „Paul, geh zu ihr, nutz die Zeit. Sie ist im Moment wach, aber unter starken Schmerzmitteln.“ Der Polizist nickte schwach. Tobias führt ihn zu dem ihm so bekannten Zimmer und ließ ihn eintretet, bevor er die Tür traurig schloss und den Arzt suchte. Elisa sah dem ganzen zu und schluckte. Wenn es hier immer so zu ging, würde sie nicht auf dieser Station bleiben. Egal, wie gern sie Tobias hatte, aber das war nichts für ihre Nerven.
Paul hatte sich ans Bett gesetzt und hielt die Hand seiner Mutter fest umklammert. Als würde er sie so davor bewahren können, zu sterben. „Du kannst mir das doch nicht antun“ schluchzte er. „Nicht jetzt! Bitte. Nicht heute. Ich will nicht an einem Tag drei geliebte Menschen betrauern müssen…“ Eigentlich hatte Paul auch gedacht, dass er so viele Tränen gar nicht mehr hatte. Aber sie liefen unablässig über sein Gesicht, als er zwei Stunden später vor dem Bett saß, in dem mittlerweile die Maschinen abgestellt wurden. Vor einer halben Stunde hatten sie Alarm geschlagen, nachdem sich ihre Atmung rapide verschlechtert hatte. Und der Arzt hatte mit der jungen Schwester zusammen nur noch die Maschinen abgeklemmt und die beiden noch einige Momente in Ruhe gelassen. Inzwischen war es weit nach Mittag, und Paul hatte das Gefühl, dass die Welt stehen geblieben war. Vor über zwanzig Jahren musste er seine Mutter trösten, weil sein Vater und sein kleiner Bruder ums Leben kamen. Und auf den Tag genau starb nun seine Mutter. Und er? Er war jetzt ganz allein. Die Tür öffnete sich, und die junge Schwester trat wieder ein. Paul sah auf und in ihr trauriges Gesicht. Sie versuchte sich an einem Lächeln, während er sich die nassen Augen versuchte, wieder zu trocknen. „Das Leben ist nicht fair“ meinte er nur. Die junge Frau nickte. Ihre kurzen, schwarzen Haare wippten dabei auf und ab. „Ich komm schon“ meinte er dann. Ihm war klar, dass sie auch irgendwann Abschied nehmen mussten. Schließlich würden jetzt noch andere Dinge folgen. Ein Termin mit dem Bestattungsinstitut, und solche Dinge. Langsam folgte er der jungen Frau aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Das schaffte er nicht. Unmöglich. Ohne ein Wort verließ er die Station und ging. Zu fahren war zwar keine gute Idee, aber er musste jetzt einfach weg hier. Bevor er seinen Wagen startete, nahm er sein Handy heraus und schrieb eine Nachricht.

Elisa wischte sich erneut über das Gesicht und beinahe beschämt über die Augen. „Hey Liz, alles okay?“ erklang Tobis Stimme neben ihr. Nein, das war nicht Tobi. Tommy stand neben ihr und hatte einen Arm um sie gelegt. „Ich weiß nicht. Ich meine, ich bin es ja gewohnt das solche Dinge passieren können. Aber das war…“ – „Sehr emotional?“ kam nun tatsächlich Tobis Stimme zu ihr. Elisa nickte. „Liz, das ist normal, das du so reagierst. Ich hätte mich eher gewundert, wenn es dich kalt gelassen hätte.“ – „Da hat er recht, Eli.“ Die Schwester nickte nur leicht und ließ sich in eine Umarmung ziehen. „Ich weiß. Aber es ist so unfair. Ich meine, Fabi und ich, wir haben uns eher mit unseren Eltern gestritten. Und er? Eine dumme Krankheit reißt sie auseinander. Ich glaub ich werd nachher mal mit Fabi telefonieren. Und später mit Mama.“ Die Zwillinge sahen sich an. Tommy hatte sich zu ihr gesetzt und sie umarmt, während Tobias auf ihrer anderen Seite stand und eine Hand auf ihrem Rücken liegen hatte. „Das ist richtig. Mach das. Und wenn wir irgendwas tun können, sag es uns.“ Die Schwarzhaarige nickte und grinste leicht. „Mach ich. Danke.“

Das Klingeln riss den Schwarzhaarigen aus den Gedanken. Im ersten Moment verwirrt, wer etwas von ihm wollte, erhob er sich. Dann fiel ihm ein, dass er ja wirklich Besuch erwartete. Und nur einige Momente später stand die Blonde vor ihm. „Paul…“ Der ließ sie nur schweigend eintreten, die Lippen aufeinander gepresst und versuchte, die wieder neu aufkommenden Tränen zu unterdrücken. Hannah sah ihren Kollegen an und in ihr zog sich schmerzhaft etwas zusammen. Ohne viel nachzudenken nahm sie den Schwarzhaarigen und zog ihn in eine feste Umarmung. Es dauerte etwas, bis Paul zaghaft seine Arme um sie legte, den Kopf auf ihrer Schulter abgelegt und schließlich brach der Damm, den er gerade aufrecht zu halten versuchte. Hannah merkte, wie sich Pauls Griff verstärkte und er sich regelrecht haltsuchend festkrallte. Es tat weh, das so zu sehen. Leises Schluchzen drang an ihre Ohren und der Körper des jungen Polizisten bebte förmlich. All das ließ auch ihr kein trockenes Auge. Eigentlich war die Zeit für Hannah noch gar nicht so weit. Aber nach Pauls Hilferuf in dieser Nachricht hatte Klaus sie sofort freigestellt und hergeschickt. Jule hatte sich ein wenig gefangen, so dass sie sich nach der Vernehmung der Familie des vermissten Feuerwehrmannes selbst noch einmal mit Klaus unterhalten hatte. Sie war zwar durch den Wind, aber in der Lage, ihren Job weiter zu machen. Und das mit mehr Energie, als Hannah erst dachte. Und so wie sie ihre Freundin und Kollegin kannte, wünschte sie den Verantwortlichen, dass Jule sie nicht in die Finger bekommen würde. Die Frau war ein Raubtier, das beschützte, was es liebte. Egal mit welchen Mitteln. Das würde auch noch Redebedarf mit Jule und dem Feuerwehreinsatzleiter geben, der offensichtlich der Vater des Vermissten war. Denn der hatte nach der Vernehmung selbst noch kurz ein Wort mit ihr gewechselt. Und war trotz der Umstände mit einem leichten Lächeln auf den Lippen schließlich gegangen. Kurz darauf kam Pauls Nachricht. Und dieser beruhigte sich nur langsam wieder. Das Beben nahm ab und auch der eiserne Griff lockerte sich etwas, bis er sich ganz löste und Paul seinen Kopf ein wenig anhob. Mit einem Arm wischte er sich über das Gesicht und schniefte. „Tschuldige.“ Hannah sah ihn verständnislos an. „Wofür?“ Paul sah sie kurz an, dann zu Boden und kratzte sich am Kopf. „Für das gerade.“ – „Paul, da gibst nix zu entschuldigen. Ich denke, das ist völlig gerechtfertigt.“ Paul nickte nur leicht, während er Hannah ins Wohnzimmer führte, wo sie gestern schon zusammen saßen. Hier hatte sich nicht viel geändert. Die Bilder lagen immer noch hier. Die Blonde setzte sich und wartete, dass ihr Kollege es ihr gleichtat, bevor sie wieder einen Arm um ihn legte. Paul ließ das mit sich machen und lehnte sich an de Blonde. Er brauchte das irgendwie. Normalerweise gaben seine Mutter und er sich gegenseitig halt um diese Zeit. Aber jetzt? Ein neues Schluchzen entkam ihm, ohne dass er es aufhalten konnte. Hannah zog ihn einfach wieder in die Arme, und zwischen der ganzen Leere und Trauer genoss der Schwarzhaarige dieses Gefühl von Geborgenheit, das Hannah ausstrahlte.

Eine Weile später stand Hannah vor dem Friedhof und wartete. Die Strecke bis Dortmund war zwar ein Stück, aber nicht unmöglich. Und hier lagen schließlich die beiden Menschen, die ihr Kollege schon so früh verloren hatte. Die Blonde wollte nicht zulassen, dass ihr Freund und Kollege allein fuhr. Das packte er nicht. Nicht in dem Zustand. So konnte sie ihm auf der Fahrt auch noch etwas beistehen, auch wenn er seltsam ruhig wirkte. Paul hatte die Blumen aus dem Kofferraum geholt, atmete tief durch und Hannah drückte ihn noch einmal kurz, bevor er sich in Bewegung setzte und durch das große Friedhofstor ging. Sie selbst setzte sich wieder ins Auto. Heute war ein kühler Tag, und dieses ganze traurige Zeug ließ ihr noch schneller kalt werden. Im Auto dachte sie kurz zurück und lächelte. Paul hatte ihr gestern einen Kuss auf die Wange gegeben. Bei dem Gedanken kribbelte diese Stelle wieder, und sie berührte sie sachte mit den Fingern. Und heute war er selbst so zerbrechlich, dass sie das Gefühl hatte, diesen Schmerz selbst auch fühlen zu können. Der kleine Trost, den sie Paul dann geben konnte, indem sie einfach da war, war natürlich bei weitem nicht genug. Aber dem jungen Mann schien es zumindest ein wenig zu helfen. Kurz bevor sie aufgebrochen sind, um hier her zu fahren, hatte Paul sie noch einmal fest an sich gedrückt und sich bedankt. Und ihr gestanden, dass sie ihm sehr geholfen hatte. Irgendwie passierte es dann, dass der kleine Dankeskuss auf die Wange aber nicht diese traf, sondern ihren Mund. Aber richtig darauf reagieren konnte Hannah nicht mehr, denn Paul war dann schon an ihr vorbei aus der Wohnung und zum Auto gegangen. Und generell gab es jetzt auch wichtigeres, als das zu besprechen, oder? Das konnte warten, genau wie sie. Mit einem Blick auf die Uhr stellte Hannah dann fest, dass sie hier schon seit einer Stunde stand und wartete. Vielleicht brauchte er so lange? Als jemand auf das Tor zu kam, stieg sie aus, in dem Denken, dass das Paul war. Aber es war eine fremde Person, die ihr aufgeregt etwas entgegen rief. „Ich kann Sie nicht verstehen!“ antwortete die Blonde, schloss das Auto ab und kam ihm entgegen. „Die Polizei!“ – „Was ist damit?“ – „Rufen Sie bitte die Polizei, ich habe kein Telefon bei mir. Da hinten muss etwas passiert sein!“ – „Wo hinten? Und wie kommen Sie darauf?“ hakte Hannah nach. Ein ungutes Gefühl machte sich in Ihr breit. Der Friedhofsgärtner, wie er ihr erklärte, führte sie zu einem Familiengrab. Ein hübscher Grabstein, mit einem Engel eingraviert, der einem Erwachsenen und einem Kind den Weg aus der Dunkelheit wies. Und zwei Namen. Felix Richter, gestorben mit gerade mal einem Jahr. Und Joannes Richter, offensichtlich der Vater. Und Hannah wich die Farbe aus dem Gesicht. Das musste Pauls Familie sein! „Sehen Sie? Dieser Zettel lag hier herum. Aber ich habe den jungen Mann vorhin hier noch stehen sehen.“ Hannah handelte aus Reflex Nachdem sie sich bedankte und ihn bat, der Polizei dann noch Informationen zu geben. Fotografierte sie den Zettel auf dem Grab, bevor sie ihn mit einem Taschentuch nahm und auseinander faltete. Dann wurden ihre Augen groß. „Nein, das glaub ich jetzt nicht!“
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