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Streets of London

KurzgeschichteAbenteuer, Familie / P18
07.06.2020
14.06.2020
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07.06.2020 2.396
 
Es war an einem Freitagabend und ich zog eben meine Pyjamahose an, als es an der Türe klingelte.
Halb zehn. Zugegeben, ich war früh dran, mit zu Bett gehen, aber die Woche war anstrengend gewesen und obwohl ich den damaligen Nachmittag frei hatte, war ich müde und etwas ungehalten über die Störung.
Wahrscheinlich hatte jemand von den Nachbarn den Schlüssel vergessen, ich bewahrte einige der Zweitschlüssel auf, da ich öfters zu Hause war, als andere Leute im Haus.
Wieder klingelte es, diesmal eher ungehalten.
Ich zog die Hose hoch, warf ein Jäckchen über und tappte zur Türe. Ich machte Licht im Flur und sah erst durch den Türspion. Niemand im Hausflur. Ich meldete mich über die Gegensprechanlage.
"Hier ist Rory, jetzt mach schon auf!" klang mir die Stimme meines Cousins entgegen.
Ich drückte den Summer und eilte wieder ins Schlafzimmer um mich wieder anzuziehen. ES klopfte an der Wohnungstüre.
"Ist offen!"
Er trat in den Flur, fast im selben Moment kam ich aus meinem Zimmer. Das erste was mir auffiel war, dass Rory offensichtlich getrunken hatte, er roch noch Alkohol und sah ganz zerzaust drein.
"Mein Gott, ich wurde fast verrückt, bis du endlich aufgemacht hast!" viel er mir gleich ins Wort, ehe ich etwas sagen konnte.
"Normalerweise kündigt sich mein Besuch vorher an, aber ich nehme an, dies ist keiner. Was ist passiert?"
Während ich fragte, nästelte ich am meinem Jeansknopf rum, oben trug ich noch mein Pyjama Oberteil unter dem Jäckchen.
"Wolltest du schon schlafen gehen?" Rory sah mich jetzt richtig an.
"Eigentlich schon. Aber das macht nichts. Also was...?"
"May hat mich verlassen," sagte er tonlos, ehe er zusammenbrach.

Ich hatte Rory im Flur liegen lassen, unter Tränen ein Handtuch geholt und es nass gemacht. Ich legte es ihm auf die Stirn und rüttelte etwas an seiner Schulter.
"Rory, aufwachen!"
Er gab keinen Ton von sich. Verdammt! Wie ging noch mal die Bewusstlosenlage? Bein über das anderer, einter Arm ausgestreckt und der Kopf, möglichst frei?
Ich muss zugeben, dass ich in Notlagen noch nie besonders zu gebrauchen war, ich war viel zu nervös, vergass alles wichtige und war immer in  Tränen aufgelöst. Lieber den Notarzt rufen!
Ehe ich noch beim Telefon war, schlug Rory die Augen auf und sah sich verwirrt um. Ich kniete mich sofort neben ihn.
"Hallo. Bin ich weg gewesen?"
"Sicher fünf Minuten. Geht es dir gut? Ich kann einen Arzt rufen. Ehrlich gesagt, wollte ich es gerade tun."
"Nein. nein! Keinen Aufstand. Ich bin okay."
Ich half ihm hoch, er ist einen Kopf grösser als ich und obwohl sehr schlank, geriet ich doch ins schwitzen, ehe ich ihn auf dem Sofa abgesetzt hatte.
Dann rannte ich in die Küche, und holte Wasser. Rory hatte sich das Handtuch in den Nacken gelegt und starrte zur Decke. Stumm reichte ich ihm das Glas.
"Hast du nichts Stärkeres?"
"Ich denke, du hattest genug. Aber Kaffee kann ich anbieten."
"Ja, bitte."
"Und dann erzähl mir mal. was genau passiert ist."

Während ich Kaffee kochte (ich hatte bloss eine Filtermaschiene für seltenen Besuch), hing Rory unentwegt an seinem Smartphone.
"Nimm schon ab!" hörte ich ihn murmeln, aber May schien kein Gehör zu haben. Jedenfalls nahm ich an, dass er versuchte, May zu erreichen. Ich fragte mich, was zwischen den beiden vorgefallen war.
Rory, war wie gesagt, mein Cousin, sein und mein Vater sind Brüder. Im Gegensatz zu mir ist Rory sehr erfolgreich, als Anwalt vertritt er allen möglichen Leute, während ich im Kings College Hospital in der Wäscherei und Reinigung arbeitete. Aber es macht mir Spass. Aber das gehört nicht hier her. Und obwohl ich ein halbes Jahr älter war als Rory, kam niemand auf die Idee, ich sei die "Grosse" Cousine, zumal ich eher klein bin und mich keineswegs hervor tue. Rory dagegen ist ein Sonnenschein, jeder mag ihn, er weiss immer etwas kluges zu sagen. Na ja, seien wir ehrlich, er schwatzt die Leute manchmal über den Haufen, bei Familienfeiern warte ich oft, bis er mal Atem schöpfen muss, aber ehe eine Bemerkung machen kann, hat entweder meine Tante oder meine Mutter das Wort an sich gerissen. Es ist nicht so, dass ich nichts zu sagen habe, oder hätte, aber ich finde oft, es geht die anderen nichts an, wenn ich das Wochenende damit verbringe, mir ein Haufen Videos auf YouTube anzusehen, mal wieder zu viel Geld für eine DVD ausgegeben habe, oder verträumte Geschichten schreibe. Oder Tagebuch.
Aber ich merke, ich komme vom Kurs ab.
Jedenfalls schien Rory nicht der Typ Mensch zu sein, der von jemandem Hilfe erwartete oder einfach in fremden Fluren in Ohnmacht viel. Er wusste doch immer was tun und wie.

Endlich zurück im Wohnzimmer besah sich Rory meinen Fensterschmuck, er bestand aus einer Schnur mit farbigen Glasperlen, zwei Schutzengeln und an einem Halter einen "Cosmic Ball" aus Regenbogenpapier und wie das Licht fällt, bekommt er ganz unterschiedliche Farben.
"Interessant."
"Du sollt doch sitzen bleiben und jetzt nicht herumhampeln! Hier ist dein Kaffee," ärgerlich drückte ich Rory wieder auf Sofa und ihm einen Tasse in die Hand. Er schlürfte etwas geräuschvoll die ersten Züge.
"Was ist ist mit May?" fragte ich, um das ganze vorwärts zu treiben.
"Sie hat mich verlassen. Es ist aus."
Zugegeben, ich kannte May nicht besonders gut,  nur ein oder zwei mal hatte ich sie auf Familienfeiern getroffen und dann war ich bei der Hochzeit gewesen. Dies war noch gar nicht solange her.
Stumm setzte ich mich neben Rory, legte ihm einen Arm die Schultern. Er zitterte ein wenig, blieb aber sonst ruhig.
"Hast du sie richtig verstanden?"
"Natürlich! Wir... sie..." er seufzte. "Wir hatten Streit. Wegen... Ich fange besser von vorne an. Heute Abend waren wir bei meinen Eltern, um... May ist schwanger," platze er dann heraus.
Ehe ich gratulieren konnte, fuhr Rory fort: "Meine Mutter schien nicht erfreut, du hast vielleicht mitbekommen, dass sie nie der Ansicht war, May sei als Frau gut genug für mich."
"Immerhin ist sie Apothekerin, das ist doch schon was. Wäre ich nicht die Nichte, würde sie  mich wahrscheinlich gar nicht ansehen."
Ich runzelte die Stirn. Meine Tante war von strengen Grundsätzen, heute würde man sie altmodisch nennen. Rory war ihr einziger Sohn und wie früher, wollte sie ihn "gut" verheiratet wissen. Am besten natürlich mit einer Frau die ebenfalls Anwältin oder Politikerin war.
"Als ich dann sagte, wir erwarten ein Kind, da war erst Stille. Vater sagte auch nichts. Wir assen zu Ende. Später nahm mich mein Vater beiseite und gratulierte mir. Als ich May suchte, hörte ich Stimmen aus der Küche.
"... du bist doch absichtlich schwanger geworden! Aber glaube nicht, dass du Rory da durch halten kannst!" hörte ich meine Mutter sagen. Es war voller Bosheit. Ehe ich eingreifen konnte, rannte May an mir vorbei, ich machte meine Mutter zur Schnecke, und rannte ihr nach.
"Das muss ich mir nicht länger anhören!" schimpfte May. Sie war ganz verweint und erbrach sich einmal auf dem Nachhause weg. Wir gingen zu Fuss und es dauerte lange, ehe wir daheim waren.
Ich schlug vor, May mit nach Bibury zu nehmen, in unser Ferienhaus. Aber das brachte das Fass zum Überlaufen.
"Glaubst du, ich gehe in das Haus deiner Eltern?!" kreischte sie los.
"Es wird einmal uns gehören."
"Ich will aber etwas eigenes, das nur uns gehört. Jetzt schon! Bist du so dumm, dass du nicht weisst, wie sich eine Frau fühlt, die immer alles hinnehmen muss, was ihre Schwiegermutter sagt und dann noch in ihrem Haus übernachten soll?! Ich hasse sie!"
"Jetzt beruhige dich! Es war ja nur ein Vorschlag, damit du dich erholen kannst. Wir könnten auch irgendwo ans Meer fahren, ich kann leicht frei nehmen, es sind ja bald Gerichtsferien."
"Du schleppst bloss wieder Akten mit oder telefonierst Stundenlang mit deinem Assistenten, oder einem Kollegen."
Ich beschloss, sie nicht länger zu reizen und schwieg deshalb. Ich hätte ja dasselbe über ihre Arbeit sagen können. Wenn sie Überstunden machte oder sich mit einer Freundin zum bummeln traf.
"Ja, jetzt bist du stumm wie ein Fisch! Es passt dir wohl nicht, dass ich deine Mutter angegriffen habe."
"Lassen wir meine Mutter mal beiseite. Im Augenblick greifst du mich an, obwohl ich nicht weiss, wieso. Ich freue mich doch auch auf das Kind."
"Wer sagt, dass ich mich freue?"
Entsetzt sah ich sie an.
"Du hättest warten können, bis wir zu deinen Eltern gehen, ich hatte dich gewarnt."
"Wann sollten sie es den wissen! Wenn es da ist?"
"Ja! Deine Mutter wird mir sowieso nur drein reden, wie ich mich während der Schwangerschaft verhalten soll!"
"Ich habe etwa anderes gehört..."
"Glaubst du es auch?"
"Was?"
"Dass ich absichtlich schwanger geworden bin?"
"Unsinn," ich schüttelte den Kopf," wir wollten beide ein Kind, Es ist doch schön, dass es gleich geklappt hat."
"Deine Mutter denkt, es schreckt dich ab, der Gedanke an ein Kind, oder du hast schon genug von mir und willst mich los sein."
"Das sind ihre Wünsche."
"Aber du hast mich nicht verteidigt!"
"Doch! Als du raus gestürmt bist, habe ich ihr die Meinung gesagt."
"Immer gehst du wie ein braver Junge zu ihr, wenn etwas Wichtiges in deinem Leben passiert! Wie damals, als du mich ihr als künftige Schwiegertochter vorgestellt hast. Du bist ein richtiges Muttersöhnchen!"
Rory unterbrach seinen Bericht, trank einen Schluck Kaffee. Eine Hand hatte er fest um mein Handgelenk gelegt.
"Ich muss einen Fimriss gehabt haben. Das nächste war, dass ich mich erinnere, das die Blumenvase am Boden lag und der Tisch umgestürzt war. ich muss wohl danach getreten haben. Jedenfalls hörte ich im Schlafzimmer Schranktüren auf und zu gehen. ich stürzte hin.
May hatte einen Koffer heruntergezerrt und schmiss alles möglich hinein.
"Was soll denn das?"
"Ich bleibe keine  Minute länger hier! Du bist gewalttätig! Ich gehe zu meiner Mutter und komme nie wieder! Du wirst dein Kind nie zu sehen bekommen! Sag deiner Mutter, sie darf sich freuen!"
Ehe ich richtig reagieren konnte, war sie an mir vorbei und zur Wohnung hinaus. Ich ging zur Wohnzimmer Bar. Dann weiss ich nichts mehr, bis ich beschloss, dich um Hilfe zu bitten."

Ich hatte geschwiegen. Das war alles ziemlich furchtbar und im Stillen dankte ich Gott, dass ich bis jetzt keinen Mann hatte oder eine Schwiegermutter wie meine Tante. Ich hatte May immer für viel selbstbewusster gehalten als mich, jemanden, der leicht mit den Menschen fertig wurde, aber offenbar...
"Ich kann das Verhalten meiner Tante nicht gut heissen," sagte ich endlich. "Ich will nicht in die selbe Kerbe hauen wie May, aber... ich frage mich, warum Tante immer so auf "Etikette" wert legt! Die Zeiten sind längst vorbei und heute wählen Söhne und Töchter nun mal ihre Partner selber... "ich brach ab.
"Ich muss etwas wissen, auch wenn es mich im Grunde nichts angeht."
"Frag nur," stöhnte Rory gequält.
"Habt ihr vorher schon Auseinandersetzungen gehabt, oder war das mit dem "extra schwanger" einen typische Boshaftigkeit seitens meiner Tante?"
"Oh, ich kenne meine Tante!" wehrte ich Rorys Einwurf ab.
"Es gab nur keine Kabbeleien, wie halt so üblich. Du kannst das nicht verstehen, du bist aj nicht verheiratet."
"Das habe ich erwartet."
"Entschuldige. Du kannst nichts dafür."
"Ich weiss auch, dass man sich im Alltag mal "zankt". Aber es ist ein Unterschied ob es wirklich nur harmlos ist oder ob dauernd Geschirr herumfliegt."
"Es war alles harmlos. Und sehr harmonisch. Wir waren glücklich..."
"Aber vielleicht hättest du sie wirklich später zu deinen Eltern etwas sagen sollen."
Sein Smartphone klingelte.
"Es ist Mutter."
Stumm warteten wir, bis das brummen vorüber war, aber es fing gleich wieder an.
"Ja!" Rory klang angreiferisch, als er abnahm.
"Hier ist Vater," hörte ich aus dem Höhrer, ich wollte aufstehen, aber Rory winkte mir, zu bleiben.
"... nein, May ist fort.... Zu ihrer Mutter.... nein, ich war noch nicht bei ihr... irgendwo... ach, ich bin irgendwo in der Stadt.... sag Mutter, wenn May sich etwas antut, rede ich kein Wort mehr mit ihr... nein, ich will keine Polizei, was soll die tun.... ja, ich melde mich."
Er sah mich an.
"Du solltest schleunigst nach May sehen! Während wir hier geredet haben...  denkst du, sie will sich etwas antun?"
"Sie war total durch den Wind."
"Dann geh zu ihrer Mutter! Und wenn sie nicht dort ist, such sie! Das hättest du gleich tun sollen, anstatt dich zu besaufen!"
"Besten Dank. Ich denke, ich  fahre mal nach Holborn, zu Marianna."
Marianna war Mays Mutter, ich kannte sie leider nicht. Noch nicht.
"Kannst du mitkommen?" fragte Rory da, " als moralische Unterstützung."
Normalerweise kann ich schlecht nein sagen, wenn mich jemand, egal wer, um einen Gefallen bittet. Aber das hier ging mich wirklich nichts an! Aber Rory sah so mitgenommen aus, er würde noch einen Unfall bauen, oder sonst was dummes anstellen.
"Ich komme."
Ich zog mir was warmes an, denn es war bald halb elf und fing an zu regnen.
"Mir bleibst nichts erspart," murmelte ich vor mich hin, während  ich eine Handtasche mit dem nötigen packte.
Rory stand schon im Flur, ich löschte überall die Lichter.
"Ich hoffe, du bist nicht mit dem Auto hier? Sonst nehmen wir jetzt ein Taxi."
"Nein, ich kam mit der verdammten U-Bahn! Ein schreckliches Ding... egal, komm jetzt."
Ich schloss die Wohnung ab und sah ihn an.
Warum hast du deinem Vater nichts gesagt, dass du bei mir bist?"
Rory sah mich an.
"Die beiden brauchen nicht alles zu wissen. Es ist schon genug Porzellan kaputt."
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