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That's why you have mothers

von novacreek
OneshotFamilie / P12
06.06.2020
06.06.2020
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That's why you have mothers

Wieso hatte sie erwartet, dass heute anders sein würde als sonst? Liam zog wieder sein Kissen über den Kopf und weigerte sich aufzustehen. Manchmal zweifelte sie echt, dass er es eines Tages schaffen würde alleine zu wohnen. Wie immer stand er erst widerwillig auf, als sie wieder drohte seinen Laptop einzuziehen.

Ohne Kaffee waren sie nicht zu ertragen, ein bisschen Ähnlichkeit hatten sie schon. Er saß müde am Küchentisch und sah eher so aus, als würde er gleich auf den Tisch fallen. Die Augen halb zusammen gekniffen, morgens war sein Gehirn komplett ausgeschaltet. Wobei es tagsüber auch nur auf Sparflamme lief.

„Du weißt, dass wir um halb zehn da sein müssen?“ erinnerte sie ihn und verfluchte sich, weil sie nicht viel wacher klang, als er aussah. Als Antwort bekam sie nur ein Gebrumme, was so gut wie alles heißen konnte. Beide wussten jetzt schon, dass sie zu spät kommen würden.

Schließlich brauchte er länger im Bad als sie und ihre Mutter hatte sie immer als langsam bezeichnet. Wenn es jede Generation langsamer vorran ging, sah es echt schlecht für ihre Familie aus. Wobei wer wusste, ob es eine weitere Generation geben würde. Bisher bestand jede Generation nur aus Einzelkinder und zumindest im Moment war Liam der Ansicht, dass es moralisch nicht vertretbar war, andere Menschen in diese grausame Welt zu setzen.

Im Moment sah Liams Welt ziemlich schwarz aus. Jeder Mensch war egoistisch und fast jeder wollte dich nur ausbeuten. Fast schon als würde man eine Zeitreise machen, als sie vierzehn gewesen war, hatte sie auch so gedacht. Nur hoffte sie, dass er schneller als sie, aus diesem Gedankenkarussell wieder raus fand.

Als er endlich aus dem Bad kam, konnte sie nur den Kopf schütteln. „Du kannst zu so einen Anlass nicht deine Beaniemütze tragen.“ Das war so typisch ihr Sohn, Regeln scherten ihn nicht wirklich. Eines Tages würde das noch ein böses Erwachen geben. Wenn es nach ihrer Mutter ging, war sie daran schuld, schließlich hatte sie ihm niemals Verbote gemacht. Aber dafür, dass sie ganz allein gewesen war, war Liam ganz ordentlich geworden.

Ordentlich war nicht das richtige Wort. Er war ein Chaot, wie jeder Teenager und behauptete immer noch, dass seine Unordnung System hatte. Trotzdem musste sie ihm ständig helfen, wichtige verlorene Sachen wieder zu finden. Noch dazu befolgte er nicht alle Regeln. Regeln, die seiner Meinung nach keinen Sinn ergaben, ignorierte er gekonnt. Aber er war höflich und immer hilfsbereit. Komplett versagt hatte sie nicht. Die meisten empfanden ihn wohl als anders, aber das musste nichts Negatives sein.

„Wieso nicht?“ fragte er zurück und sie seufzte. „Wir werden das Haus Gottes betreten und da trägt man keine Mützen.“ Eine der wenigen Regeln, an die sie sich noch aus ihrer Kindheit erinnerte. Ihr Vater war schon sauer geworden, wenn sie nur ihre Kapuze aufbehalten hatte. „Seit wann sind wir gläubig Mum?“ antwortete er nur und sie bereute es, so oft ihn mit diskutieren gelassen zu haben. Inzwischen gewann er sehr viele Debatten. „Außerdem unterstützt du mich doch sonst auch immer, Mum. Ich brauch die Mütze.“

War es noch normal, dass Teenager so viel Kontrolle über ihre Eltern hatten, ohne einen Schmollmund aufzusetzen? Jetzt hatte sie selbst eine Beaniemütze auf, während sie sie zur Kirche fuhr. Liam hatte nun mal Recht, er brauchte seine schwarze Mütze.

Denn die Mütze war eine Art Schutzschild, eine Art Mutmacher, die er immer auf hatte. Ihr Sohn konnte ganz schon rebellisch sein, aber gleichzeitig war er auch immer noch so schüchtern und ängstlich. Einiges hatte sich in den letzten Jahren geändert, statt seiner großen Nerdbrille trug er jetzt Kontaktlinsen, die bunten T-Shirts waren schwarzen Lederjacken gewichen und seine Haare waren zurzeit sogar irgendwas, was einer Frisur ähnelte. Nur war seine Unsicherheiten und Ängste nie gewichen. Eigentlich hatte er sich selber nur eine Fassade aufgebaut, um selbstsicherer zu wirken. Etwas was ihr nicht ganz gefiel.

Menschen mussten sich entwickeln, aber sich zu verstellen war nie die Lösung. Das hatte sie schmerzhaft feststellen müssen. Dennoch war es wie ein Zwangsverhalten, dass man nicht abstellen konnte. Sie tat immer noch so, wenn sie alte Schulfreundinnen traf, als würde es ihr nichts ausmachen, wie es verlaufen war. Genauso wie Liam seine Astronomiebücher und Bilder bei Freundebesuchen in die unterste Schublade seines Schreibtisches verbannte und mit Dingen ersetzte, die er sonst nie anfasste und sie nicht kannte, da dass einfach nicht ihre Generation war. Es tat weh zu sehen, dass er dieselben Fehler machte wie sie, sie ihn aber nicht davon abhalten konnte. Teenager taten viel, aber auf ihre Mutter zu hören gehörte nicht dazu.

Erst als sie ausstiegen, fiel ihr auf, dass er sie schon wieder übers Ohr gehauen hatte. „Wo ist deine Krawatte?“ Überrascht und scheinbar unschuldig starrte er seinen Anzug an. „Die muss ich vor Nervösität glatt vergessen haben.“ Ihre Eltern würden sich garantiert im Grab umdrehen, wenn sie von oben zu sahen, wie ihre Nachfahren so die Kirche betraten. Die meisten Menschen hätte er damit täuschen können, aber sie kannte ihn besser. Wenn man die ganze Zeit nur zu zweit war, lernte man sehr schnell, in dem Anderen zu lesen. Manche Dinge ließ man aber aus Liebe durchgehen.

„Welchen Grund hättest du, nervös zu sein?“ fragte sie lansgam nach. „Wir setzen uns in die Bank, der Pfarrer erzählt vorne irgendwas, während ich versuche nicht einzuschlafen, du liest die Fürbitten vor, wirst gesegnet, wartest den Rest des Gottesdienstes ab und kannst wieder nach Hause gehen.“ „Was wenn mich alle anstarren? Pastor Schmidt hat schon in den ersten Monaten meinen Namen verwechselt.“ kam er dann mit der Wahrheit raus.

Natürlich würde jeder sie anstarren, sie trugen beide Beaniemützen, waren allein, hatten keine Kreuze und ihr Sohn hatte seine Krawatte 'ausversehen' vergessen. Nur würde diese Wahrheit ihm jetzt nicht helfen. „Lächeln und Winken. Stur Lächeln und Winken.“ riet sie ihm und an seinem Grinsen erkannte sie, dass er das Zitat erkannt hatte. „Danke Mum.“ sagte er, streckte ihr seine lackierten Nägel entgegen und sie wusste, dass dieses Danke nicht nur fürs Aufmuntern galt.

Wie sie es schon vorraus gesehen hatte, kamen sie zu spät. Zum Glück war es so voll und unruhig in der Kirche, dass der Pastor nicht gemerkt hatte, dass sie überhaupt noch nicht da waren. „Hey....“ begann der Pfarrer und konnte nicht gut überspielen, dass er tatsächlich Probleme mit seinem Namen hatte. „Liam.“ half sie ihm auf die Sprünge, allerdings mit einem vorwurfsvollem Ton. „Liam, wir beginnen gleich mit den Fotografenbildern. Willst du anfangen, immerhin...“ So wie der Pfarrer aussah, wusste er, dass er daraus nicht mehr raus kommen würde. „Immerhin seid ihr die Wenigsten.“ beendete er seinen Satz, mit entschuldigendem Ton. „Klar.“ antwortete Liam einfach.

Hatte sie ausversehen den falschen Jungen ins Auto gesteckt und zur Kirche geschleift? Liam hasste Fotos. Was sie ziemlich aufregte, da sie so kaum Erinnerungen festhalten konnte. Zwar war bei ihrem Altersunterschied von fünfzehn Jahren es wahrscheinlich, dass sie die wichtigsten Dinge noch mitkriegen würde, aber eines Tages könnte sie genau wie ihr Vater vergesslich werden und dann war all das weg.

„Du hasst Fotos.“ kommentierte sie seine lächelnde Miene. „Mum, dass ist ein besonderer Anlass. Ab und zu Mal muss ich auch über meinen Schatten springen.“ antwortete er nur und lächelte noch mehr in die Kamera. In dem Moment sah er seinem Vater so ähnlich, dass ihr Lächeln für ein paar Sekunden versagte. In genau den Sekunden, in denen der Fotograf das Foto schoss. War ja klar gewesen, nicht mal das, bekam sie hin. Der Fotograf sah sich das Bild an und fragte dann, ob sie es wiederholen wollten. Beim zweiten Versuch war es besser.

„Lu, würde es dir was ausmachen, wenn ein Teil unserer Verwandschaft in deiner Bank sitzt? Unsere reservierte Bank ist einfach zu klein.“ fragte eine der anderen Mütter sie, deren Kind ihr mal Steine aufs Auto geschmissen hatte. Ansonsten hatte sie keine Ahnung, wer das war. Aber da sie sie mit einem Spitznamen ansprach, mussten sie sich wohl kennen. „Nein, natürlich nicht. Ich bin nicht breit.“ Daraufhin setzten sich noch mehr Leute, die sie nicht kannte neben sie.

„Also, wer davon ist ihr Kind?“ fragte der Mann neben ihr, der wenigstens so höflich hätte sein können und sich für diesen Anlass duschen können. Wobei, dieser stinkende Geruch kam von der komischen Zigarettensorte, die im Moment jeder rauchte. Da half auch das beste Bad nicht. „Mein Sohn ist der mit der Beaniemütze.“ erklärte sie und zeigte auf Liam, der in der ersten Reihe saß und sich die Fürbitten wieder durch las. Alle anderen Kids waren am Quatschen oder sonstigen Schwachsinn am machen, aber er saß wie immer ruhig da. Das war einer der Momente, in denen ihr wieder auffiel, wie anders er war.

„Hätte ich erraten können. Wo ist seine Krawatte?“ Natürlich kam diese Frage. „Wir waren heute morgen so nervös, dass wir vergessen haben, sie umzubinden.“ antwortete sie gelassen und er lachte. „Seid ihr so eine gläubige Familie, dass die Konfirmation ihm so nah geht?“
„Nein. Keiner von uns beiden glaubt.“ Mit dieser Aussage hatte sie ihn komplett verwirrt. „Das soll jetzt nicht verurteilend klingen, aber warum macht er das dann? Mira hat erzählt, dass ihr sonst keine Verwandten habt, also wird das Geld wohl nicht der Grund sein.“ Das war für sie genauso ein Rätsel, wie für den Raucher. „Er hat sich das gewünscht.“

Zumindest ihre Erklärung, wie der Gottesdienst funktionieren würde, stimmte. Lediglich bei dem Einmarsch der Konfirmanden passte sie auf, so majestätisch würde sie ihren Sohn wohl nie wieder laufen sehen und als er die Fürbitten vor las. „Ihr Sohn hat eine sehr ruhige Stimme.“ kommentierte ihr Nachbar, ja zumindest beim Vorlesen, wenn er nicht in die Menge, sondern auf einen Zettel starren konnte, wirkte er sehr selbstbewusst.

Während der Predigt gelang es ihr nicht wach zu bleiben, Konfirmationspredigten schienen lang zu sein. Fast schon, als würde der Pastor davon ausgehen, dass er all diese Kinder nie wieder sehen würde und ihnen deshalb all seine Weisheit geben musste. Na gut, Liam würde er wirklich nie wieder sehen. Dafür hätte er sich den Namen merken müssen.

Allerdings war es lustig zu sehen, dass Liam in der ersten Reihe auch sehr aufmerksam aussah. So aufmerksam, dass er verpasste, wann seine Gruppe mit der Segnung dran war und er dem Rest hinterher laufen musste. Das musste auf der Aufzeichnung des Gottesdienstes bestimmt lustig aussehen.

Nach dem Gottesdienst sammelten sich Gruppen vor der Kirche, jeder gratulierte jedem und sie musste sich erst orientieren und dann ihren Sohn suchen. Die Konfirmanden hatten die Kirche als Erste verlassen und Liam hatte leider ihre Größe geerbt, was es sehr schwer machte, ihn in Mengen zu finden. Als sie ihn endlich entdeckte, schlug sie sich gedanklich die Hand vorm Kopf. Genau genommen hätte sie sich denken sollen, dass er bei Phillips Familie stand.

Phillip war der einzige freundliche in der Konfigruppe und seine Eltern hatten Liam öfters mal spät abends nach dem Unterricht nach Hause gefahren, wenn sie Spätschicht hatte. „Ich muss dir einen Chip einpflanzen, man verliert dich so schnell aus den Augen.“ murrte sie, während sie sich zu ihnen stellte. „Oder du solltest wie ich endlich mal was gegen deine schlechten Augen machen.“ entgegnete er, was so typisch war. „Da ist deine Verwandtschaft ja.“ stellte Phillips Vater fest und sah sie dann überrascht an.

Für ihn war es wohl seltsam, das nur sie da war. „Ist das deine Mutter?“ fragte Phillip als Erster nach und Liam nickte. „Sie ist jünger, als ich gedacht habe.“ murmelte Phillip, allerdings nicht leise genug. Man sah ihr nun mal an, dass sie nicht mal die Dreißig erreicht hatte. „Phillip, wie wäre es, wenn du schon Mal unsere Klatschtanten einsammelst und ihnen sagst, dass wir gleich zum Restaurant fahren?“ sprang seine Mutter ein. Phillip verdrehte die Augen und sah dann Liam an, „Wenn du heute noch nicht genug Folter hast, stell ich dich meinen Großtanten vor. Die werden Augen machen.“ Liam lächelte schüchtern zurück, schloss sich ihm aber an.

„Sein Vater ist nicht gekommen?“ fragte Phillips Mutter dann nach. „Er hat die Einladung gewissentlich ignoriert.“ Was bescheuert war, sie kontaktierte ihn sehr selten und wenn schien er nicht mal den Anstand zu haben, abzusagen. „Das muss Liam sehr enttäuscht haben.“ sprach die Mutter das Offensichtliche aus. „Ich hab ihm nichts erzählt, damit er sich keine unnötigen Hoffnungen macht.“

Phillip hatte tatsächlich viele Tanten, die alle sehr erstaunt von Liam waren. Aber zum Glück ausnahmsweise mal nicht negativ erstaunt. Die Aufmerksamkeit schien ihm gut zu tun, weshalb sie ihn einfach so lange, bis Phillips Familie ging, reden ließ.

„Ist der Tag so, wie du ihn dir vorgestellt hast?“ fragte sie, während sie in einer Dönerbude waren. Ja, sie waren seltsam. In der Kirche waren sie aus der Masse rausgestochen und hier in den schicken Klamotten, die bald nicht mehr schick sein würden, Liam hatte sich schon scharfe Soße auf die Hose geschmiert, stachen sie auch heraus. „Er ist noch besser.“ antwortete Liam lächelnd.

Es war nicht so, wie die typischen Konfirmationen. Er bekam kein Geld, dafür war es diesen Monat zu knapp, keine Verwandten waren da und sie gingen auch nicht in ein schickes Restaurant. „Willst du mir jetzt erzählen, warum du dich unbedingt konfirmieren lassen wolltest?“ fragte sie doch, denn die Neugierde brachte sie doch um. Kurz musterte er sie, „Nicht böse sein.“

Der Satz verwirrte sie, warum sollte sie böse werden, weil ihr Sohn doch den Glauben gefunden hatte? „Ihr habt euch während des Konfirmationsunterrichtes kennen gelernt. Ich dachte, so was würde Erinnerungen wecken und ich könnte irgendwie ihm näher sein.“ Sie hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit. „Es tut mir leid, dass er nicht gekommen ist.“ sagte sie langsam, aber er schüttelte den Kopf.

„Es war schon ziemlich selbstsüchtig von mir, dich dass nochmal durchmachen zu lassen. Wenn er wirklich gekommen wäre, wäre es wahrscheinlich ein Disaster geworden. Aber Mum, jetzt hat die Kirche nicht mehr nur schlechte Erinnerungen oder?“ Das stimmte, jetzt war da auch ihr kleines Kind, dass nicht mehr klein war, auch wenn sie das nicht wahrhaben wollte.

„Es war also die richtige Entscheidung, den Brief an ihn verschwinden zu lassen.“ Erstaunt sah sie ihn an, „Du hast was?“ Wenn das vorhin eine Überraschung war, dann wusste sie nicht, was das jetzt war. „Wer weiß, vielleicht wäre er wirklich gekommen.“ So was konnte nur Liam einfallen.

„Ich hab mir immer einen Vater gewünscht, aber wenn er die Situation damals nicht akzeptieren konnte, wer sagt, dass er mich jetzt akzeptieren könnte?“ fragte er, was in seiner Logik auch irgendwie Sinn machte. „Liam, Menschen, die dich nicht so akzeptieren, wie du bist, sind einfach die Falschen im Leben.“

„Danke, dass du das alles mit mir durch machst, Mum.“ bedankte er sich und sie lächelte, „Wofür sind Mütter denn sonst da?“ Dann rümpfte sie die Nase. „In die Kirche gehen wir trotzdem nicht nochmal, wenn er deinen Namen verwechselt. Warum hast du mir das nicht früher erzählt?“ Als Antwort biss er nur in seinen Döner, bevor er mit vollem Mund antwortete: „Weil ich weiß, dass du alle Leute umbringst, die mich Lana nennen.“
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